Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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III

Giulio war der letzte Papst im alten Sinne des guelfischen streitbaren Papsttums. Nach seinen Tagen verschwindet überhaupt das Heldenmäßige aus der europäischen Geschichte. Wo die Herrscher von nun an selbst in den Krieg ziehen und die Schlachten leiten, spielt ihre persönliche Laune doch keine Rolle mehr, das Schwert in den Händen adliger, schwer bewaffneter Reiter unterliegt der entscheidenden Macht der Artillerie, die Männer geben sich nicht mehr ganz und gar den Ereignissen hin, und die Furcht, im Kriege besiegt zu werden, war die größte nicht mehr für das Oberhaupt eines Staates. Es herrschte in den folgenden Zeiten eine Furcht, die größer war als jede andere: die vor der Gewalt des Geistes in den Köpfen der eigenen Untertanen. Durch dies Gefühl werden alle Fürsten, auch wenn sie gegeneinander im Kriege liegen, zu stillen Verbündeten gemacht: mit dieser gemeinsamen Unterdrückung des Geistes plagten sich die Könige damals noch nicht, und die Verhältnisse waren reiner und natürlicher.

Giulio wußte, daß es auf seine päpstliche Krone abgesehen sei. Doch das kümmerte ihn wenig. Die Gefahr war sein liebstes Element geworden. Sein hohes Alter entledigte ihn der Sorgen für eine lange Zukunft. Es lag in der Luft zu jenen Zeiten, die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen. Leute von ruhiger Mäßigung stehen als besondere Erscheinungen da; Kraft, wenn auch mit Hinterlist und Grausamkeit gepaart, flößt Respekt ein, Habsucht wird niemanden verdacht, Milde und Versöhnlichkeit aber verspottet. Machiavelli, der in jenen Tagen seiner praktischen Tätigkeit die Erfahrungen sammelt, deren Resultat das Bild eines Fürsten ist, wie er sein müßte wenn er sich in einem Staate wie Florenz behaupten wollte, gibt als obersten Grundzug fürstlichen Charakters die Fähigkeit an, die Dinge vorauszusehen und ihnen durch rücksichtsloses Handeln zuvorzukommen. Diese Politik des Drauflosgehens wurde befolgt bis in die kleinsten Verhältnisse herab. Die Degen saßen lose in der Scheide; niemand hoffte durch Nachgiebigkeit zu seinem Rechte zu kommen.

Im Jahre 1508 war der Papst dem Bündnisse von Cambrai beigetreten, dessen Inhalt die Vereinigung Maximilians und des Königs von Frankreich zur Vernichtung der venezianischen Macht war. Im nächsten Jahre schon stand er, verbündet mit Venedig und Spanien, Frankreich und Maximilian gegenüber. Der Herzog von Urbino ging mit den päpstlichen Truppen gegen Ferrara vor, das unter französischer Protektion stand. Die venezianische und spanische Flotte sollte Genua angreifen und revoltieren, endlich, die von Ludwig vernachlässigten Schweizer würden sechstausend Mann stark in die Lombardei einbrechen, hoffte man. Alles mißglückte. Gegen Ferrara wurde nichts getan, die Schweizer, von Ludwig und Maximilian bewogen, machten kehrt; der Angriff auf Genua mißlang. Dennoch drang Giulio, der sich bald auch von Spanien so gut wie verlassen sah, auf Fortsetzung des Krieges. Im September 1510 ist er selbst wieder in Bologna und greift, unterstützt von der venezianischen Land- und Seemacht, Ferrara an; die Franzosen und ihre Verbündeten werden mit dem Kirchenbann belegt.

Die französische Geistlichkeit lehnte sich auf dagegen: unter den Kardinälen trat eine Spaltung ein. Eine Anzahl von ihnen wußte vom Papste Urlaub auf unbestimmte Zeit zu erwirken und kehrte nicht zu ihm zurück. Der Kardinal von Pavia, Giulios Schatzmeister und innigster Vertrauter – der einst eine hohe Summe ausgeschlagen, mit der ihn Cesare Borgia bestechen wollte, Giulio Gift zu geben – geriet jetzt in den Verdacht der Verräterei. Der Herzog von Urbino warf ihm seine Umtriebe mit den Franzosen ins Gesicht vor und führte ihn mit Gewalt von der Armee fort nach Bologna; dort jedoch wußte der Kardinal sich vor dem Papste zu reinigen.

Die Päpstlichen standen in Modena, nordöstlich von Bologna an der großen Straße nach Parma hin; Chaumont, der Vizekönig der Lombardei, der Freund Leonardo da Vincis, rückte ihnen von Parma her entgegen. Der Herzog von Urbino wollte sich nicht schlagen, ohne die spanischen und venezianischen Hilfstruppen abgewartet zu haben; in Chaumonts Interesse lag es, vorher ein Zusammentreffen herbeizuführen. Er kam näher und näher, die Päpstlichen rührten sich nicht, als er auf Betreiben der Bentivogli, die sich bei ihm befanden, den Entschluß faßte, den Herzog von Urbino ruhig sitzen zu lassen und mit Umgehung Modenas auf Bologna loszumarschieren, wo sich der Papst mit den Prälaten befand und im Kastell nur eine geringe Besatzung lag, während die Freunde der Bentivogli in der Stadt wohlgerüstet die Ankunft der alten Herren erwarteten.

Die Hauptstraße wurde demnach von den Franzosen verlassen, die kleineren Örter mit päpstlichen Besatzungen überrumpelt: plötzlich stand die Armee vor Bologna, wo der Papst, krank, inmitten der erschreckten Kardinäle der einzige Mann war, der seine Energie behielt. Er hoffte stündlich auf die Ankunft der Venezianer; was an Truppen in der Umgegend aufzutreiben war, zog er an sich und forderte die versammelten Behörden der Stadt auf, mit ihm gegen die heranrückenden Tyrannen ihre Mauern zu verteidigen.

Aber das bolognesische Volk wollte die Waffen nicht ergreifen; die Gesandten des Kaisers, des Königs von Spanien, Venedigs und Englands redeten zu, mit den Franzosen einen Vergleich einzugehen, die Kardinäle flehten ihn an; endlich verstand er sich dazu, mit Chaumont in Unterhandlungen zu treten. Lorenzo Pucci, seinem Datario, übergab er die päpstliche Krone, die von Edelsteinen starrte, um sie nach Florenz zu retten und dort in einem Kloster aufzubewahren; er sandte zu Chaumont; er konnte sich nicht entschließen, dessen Bedingungen anzunehmen; da, im letzten Momente, kommen die Venezianer heran, das Volk von Bologna regt sich zu seinen Gunsten, die Hilfstruppen der Spanier treffen ein, Mut und Kraft kehren in Giulios Herz zurück, und eine hochmütige Antwort erfolgt auf Chaumonts Vorschläge. Diesem fangen an die Lebensmittel knapp zu werden, und unter dem Vorwande, daß er den Papst um so freier über die Proposition des Königs entscheiden lassen wolle, zieht er sich mit der Armee von Bologna zurück.

Was Ludwig vom Papste verlangte, war so ziemlich ein Sündenbekenntnis und Zurückgabe alles Genommenen. Giulio dachte aber nicht mehr an dergleichen. Laut beschuldigte er den König von Frankreich des Wortbruchs und der Verräterei und schritt zur Weiterführung des Krieges. Die Päpstlichen rückten wieder vor. Mit Entzücken lauschte der Papst am Fenster seines Zimmers in Bologna dem fernen Donner der Kanonen, mit denen seine Leute Sassuolo beschossen und die Franzosen daraus vertrieben. Ferrara sollte nun erobert werden, aber es wurde davon abgestanden, um erst Mirandula zu nehmen. Dies geschah im Dezember 1510. Und während man so gegen den Herzog von Ferrara in seinem eigenen Lande mit den Waffen stritt, kamen nach anderen Seiten hin andere Mittel zur Anwendung. Florenz hatte auf Anstiften der beiden gründlich französisch gesinnten Soderini, des Gonfaloniers und des Kardinals, den Franzosen Truppen geliefert. Der Kardinal dei Medici brachte aus der Ferne ein Komplott in der Stadt zustande, den Gonfalonier zu vergiften. Der Papst wußte darum, aber der Anschlag gelang nicht.

Mirandula leistete Widerstand. Im Januar 1511 ging der Papst selber ins Lager. Er wohnte in der Hütte eines Bauern, die im Bereiche der feindlichen Kugeln lag. Den ganzen Tag war er zu Pferde; mitten im stürmischen Wetter erschien er bald hier, bald dort und hielt die Leute hinter den Kanonen in Atem. Schnee und Kälte wurden immer gewaltiger, die Soldaten hätten sie nicht ertragen, der unverwüstliche Greis aber feuerte sie an und versprach ihnen die Stadt zur Plünderung. Eine Stückkugel schlug in eine kleine Kirche ein, in der er sich dicht bei seinen Batterien einquartiert hatte, und tötete nicht weit von ihm zwei seiner Leute. Er suchte nun ein anderes Unterkommen, kehrte aber schon am folgenden Tage zurück, während die in der Festung, die ihn erkannten, eine große Kanone auf die Stelle richteten und ihn abermals zwangen, mit der Stellung zu wechseln. Aber Giulio gab nicht nach. Je mehr die Hindernisse wuchsen, um so fester war sein Wille und um so unerschütterlicher seine Zuversicht.


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