Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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III

Tizian verließ Rom und kam nie wieder. Wäre er nur ein Jahr später gekommen, so hätte er weder Perin del Vaga noch Sebastian del Piombo mehr gefunden, die 1547 starben, wie auch Giulio Romano in Mantua. Sebastian soll wegen des Jüngsten Gerichts mit Michelangelo völlig auseinandergekommen sein. Obgleich dieser Zwist schon in die Zeiten fiel, die Vasari miterlebte, so bezweifle ich ihn doch aus Gründen, die Vasari selbst liefert. Vasari erzählt vielmehr, wie Guglielmo della Porta, ein mailändischer Bildhauer, von Sebastian damals Michelangelo empfohlen ward und wie dieser sich seiner annahm, und bringt überhaupt nichts vor, was die Entfremdung der beiden alten Freunde tatsächlich bewiese. Sebastian war bequem geworden und malte nicht mehr viel, er und Michelangelo gingen vielleicht in Rom nebeneinander her und begegneten sich selten. Indessen, dem der die Dinge damals nicht selbst gesehen hat, steht heute kein Urteil zu über solche Verhältnisse, und so muß dahin gestellt bleiben, wie groß die Lücke war, die der Tod Sebastians in Michelangelos Dasein zurückließ. Es schien, als sollte das Jahr 47 denen verderblich werden, deren Leben für ihn von Wert war. Auch sein Bruder Giovansimone starb darin. Er stand Michelangelo fern, die Art aber, wie in dessen Briefe an Leonardo über ihn gesprochen wird, zeigt doch, daß der Verlust tief empfunden wurde.

Das Traurigste aber, das Michelangelo nächst dem Tode Vittorias in jenem Jahre betraf, war die Vernichtung seiner allerletzten Hoffnungen auf die wiederkehrende Unabhängigkeit des Vaterlandes.

Zu fest saß der Glaube an die vom Himmel gewollte florentinische Freiheit in seinem Herzen, als daß ihn selbst die Wahl Cosimos nach Alessandros Ermordung und die loyale Stille des Volkes bei diesem Fall zu erschüttern vermocht hätte. Er rechnete auf den König von Frankreich. Solange Franz der Erste lebte, konnte der Tag immer noch erscheinen, an dem der Tyrann vertrieben wurde und die Verbannten zurückkehrten. Im Jahre 44, als Michelangelo in Strozzis Haus lag, denn Luigi del Riccio war deren Agent in Rom, ließ er dem Ruberto Strozzi nach Paris bestellen, er möge dem Könige sagen, daß wenn er käme und die Stadt befreite, er ihm auf der Piazza in Florenz auf eigene Kosten eine Reiterstatue errichten wolle.

Im Jahr 46 schien es, als könnte dergleichen noch einmal möglich werden. Franz der Erste und der Papst waren zum Kriege gegen den Herzog entschlossen, und in Rom sammelte sich, was gegen Toskana losbrechen sollte. Da plötzlich starb der König, und auch diese Träume hatten ein Ende für Michelangelo. Denn von jetzt an wohl schüttelte er die Gedanken ab an das, was nicht mehr möglich schien. Cosimo saß wohlbehalten in seiner Residenz und hielt die getreuen Untertanen durch eine Polizei, deren Schlauheit, Wachsamkeit und Rücksichtslosigkeit selbst die venezianischen Gesandten in Erstaunen setzte, so sicher im Zügel, daß, einige unglückliche Verschwörungen ausgenommen, das Volk niemals wieder zu mucken wagte. Und auch wenn der Herzog selbst weniger Talent besessen hätte, den Bewohnern von Florenz begreiflich zu machen, wie viel vorteilhafter es sei, statt den alten Freiheitsgedanken nachzuhängen, sich lieber durch Ergebenheit und Untertanentreue auszuzeichnen, der Kaiser würde ihn gehalten haben, der jetzt nach dem Tode seines unverwüstlichen Gegners sich glücklicher als bisher gegen die Lutheraner in Deutschland gewandt und auch hier eine Anzahl rebellischer Fürsten in gute Untertanen verwandelt hatte. Zudem, die rührigsten Männer unter den Italienern waren tot. Baccio Valori, der Cosimos Erhebung mit bewirkt und sich dann wieder den Strozzis angeschlossen hatte, war auf der Piazza enthauptet worden, Guicciardini vergiftet, und Filippo Strozzi, der Freund des Kaisers, des Königs und des Papstes, der reichste, liebenswürdigste, liederlichste, gebildetste Edelmann Italiens, für den selbst Vittoria Colonna bittende Briefe schrieb, wurde in derselben Zitadelle, deren Bau er durchgesetzt hatte, erdrosselt unter dem Namen Selbstmord.

Nur seine Söhne blieben noch übrig. Am Hofe ihrer Cousine Caterina in Frankreich in bedeutenden Stellungen, gaben sie auch nach dem Tode des Königs ihre Hoffnungen nicht auf. Aber die Strozzi waren mehr egoistische Prätendenten, als daß es ihnen um die Freiheit zu tun gewesen wäre, wie schon bei Ippolito der Fall war. Hätten sie mit französischen Truppen Cosimo um sein Land gebracht, sie würden es doch nur mit denselben Mitteln für sich selber in Gehorsam zu halten versucht haben. Sie hätten Cosimos Spione in Sold nehmen und sich, wie er, mit den Jesuiten verbinden müssen, die in alle Familien eindringend dem Staate außerordentliche Dienste leisteten.

Cosimo fühlte sich so sicher in seiner Herrschaft, daß er sogar Michelangelos Gesinnungen ignorieren durfte und ihn unter glänzenden Bedingungen zur Rückkehr zu bewegen suchte. Alessandro hatte, als er die alte Verfassung umstieß, anstelle der obersten Bürgerversammlung eine Art erste Kammer von achtundvierzig ernannten Mitgliedern eingesetzt, an die sich eine zweite von zweihundert anschloß, aus deren Mitte jene Achtundvierzig gewählt wurden. Diese waren es, von denen Cosimo bestätigt worden war und die er wiederum bestehen ließ. Zu den Achtundvierzig zu gehören, war von nun an das Höchste, das ein Florentiner erreichen konnte. Cosimo ließ Michelangelo die Ehre anbieten. Briefe sowohl als mündliche Botschaften wurden in bezug darauf an ihn abgesandt. Benvenuto Cellini kam im Auftrage des Herzogs zu ihm ins Atelier und rühmte das Florentiner Leben und die Milde und den Kunstsinn Cosimos. Michelangelo entschuldigte sich. Halb mit Gründen die Unmöglichkeit seines Fortganges von Rom dartuend, halb mit Ironie des Herzogs Anerbietungen von sich abwendend, wich er der gnädigen Gesinnung aus, der er sie verdankte. Es wäre ein unerträglicher Wechsel gewesen: da, wo er früher ein Teil der regierenden Gewalt war, jetzt als bezahlter Diener Cosimos neben Bandinelli Befehle zu empfangen, ja bei der elenden Gefügigkeit dieses Menschen vielleicht zurückstehen zu müssen, während er in Rom dem Papste gegenüber ein unabhängiger Mann war.


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