Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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II

An demselben Tage war auch der Herzog von Bourbon mit den Landsknechten, so wurde seine Armee trotz der spanischen Truppen, die sie zählte, genannt, in der Nähe von Florenz angelangt. Singend zogen sie zum glorioso sacco di Firenze, zur ruhmvollen Eroberung von Florenz! Beide Heere standen einander so nah, daß eine Schlacht hätte geliefert werden können, doch kein Zusammenstoß erfolgte. Mit einer plötzlichen Wendung läßt Bourbon die Stadt zur Seite liegen und zieht in Eilmärschen auf Rom los, wohin Urbino ihm langsam nachfolgt. Mit solcher Schnelligkeit gehen die Deutschen vorwärts, daß sie über die Flüsse Ketten aus einander fassenden Männern bilden und sich hinüber ziehen. Am 5. Mai treffen sie vor den Mauern Roms ein, und Bourbon begehrt freien Durchzug nach Neapel.

Man hatte so wenig an Gefahr gedacht in Rom, daß der Papst, im Vertrauen auf die letzte Übereinkunft, sogar seine Truppen entlassen hatte. Es fehlte jede Vorbereitung. In Eile werden die Bürger auf dem Kapitol versammelt und Waffen verteilt. Schon am 6. um Tagesanbruch stürmen die Deutschen. Bourbon fällt beim ersten Angriff, am Abend aber ist die vatikanische Vorstadt vom Feinde genommen. Clemens, der von den Dingen doch am besten unterrichtet war, ahnte einen solchen Ausgang nicht. Kaum daß er sich aus dem Vatikan in die Engelsburg rettet, zu der die flüchtende Bevölkerung wie die schiffbrüchige Besatzung einer ganzen Flotte auf ein einziges Boot zueilt, das sie nicht aufnehmen kann. Mitten in den drängenden Strom der Menschen hinein wird das Fallgatter des Tores herabgelassen; verloren wer draußen blieb. Benvenuto Cellini war damals in Rom und unter den Verteidigern der Mauern. Er rühmt sich, seine Kugel sei es gewesen, die Bourbon umgebracht. Er schlüpfte glücklich noch mit in die Zitadelle ein, ehe sie gesperrt ward, und trat als Bombardier in die Dienste des Papstes.

Selbst in diesem äußersten Momente noch hätte Clemens das eigentliche Rom retten können, das jenseits des Flusses gelegen noch nicht vom Feinde betreten war. Man bietet ihm an, es gegen eine Loskaufsumme verschonen zu wollen, er aber, der sie zu hoch findet und die Armee Urbinos, von welcher noch nichts zu sehen war, stündlich als Retter in der Not erwartet, will nichts davon hören. Und so fällt die ungeschützte Stadt den Kaiserlichen in die Hände. Fast ohne Widerstand dringen sie in Trastevere, den westlich von der Tiber gelegenen schmalen Stadtteil, und dann über die Brücken, die niemand abzubrechen da war, in das Herz Roms ein.

Es war tief in der Nacht. Benvenuto Cellini saß oben auf dem Turm der Engelsburg zu Füßen des kolossalen Engels dort, sah die Feuersbrünste aufflammen rings in der Finsternis und hörte das jammervolle Geschrei in der Runde. Denn spät erst begannen die Soldaten sich zu entfesseln. Sie waren ruhig eingezogen. Die Deutschen standen in Bataillonen. Aber als sie die Spanier sich auflösen und plündern sehen, erwacht auch bei ihnen die Begierde, und nun bricht ein Wetteifer aus, welche Nation es der andern an Grausamkeit zuvortäte. Die Spanier, so behaupten unparteiische Italiener, trugen den Sieg davon.

Keine Belagerung, kein Bombardement, keine Flucht in größerem Umfange war vorausgegangen, sondern als hätte sich die Erde aufgetan und eine Legion Teufel ausgespien, so plötzlich kamen diese Scharen. Alles in einem Momente ihnen preisgegeben. Man muß sich vorzustellen suchen, was diese deutschen Landsknechte für Menschen waren. Ein Mittelding zwischen der Blüte und dem Auswurf des Volkes. Zusammengetrommelt durch die Hoffnung auf Beute, gleichgültig, welches Ende ihnen beschieden sei, durch Hunger und vorenthaltenen Sold wild gemacht, herrenlos durch den Tod ihres Befehlshabers: und ihrer Willkür preisgegeben die üppigste Stadt der Welt, strotzend von Gold und Reichtum, und zugleich seit Jahrhunderten in Deutschland als das höllische Nest der Päpste verschrien, die dort als leibhaftige Satane mitten in ihrer babylonischen Herrschaft säßen. Die Meinung, daß der Papst von Rom, und Clemens der Siebente insbesondere, der Teufel sei, herrschte nicht in Deutschland allein, auch in Italien und Rom nannte ihn das Volk so. Mitten in Pest und Hungersnot hatte er die Steuern verdoppelt und den Preis des Brotes erhöht. Was bei den Römern aber ein aus dem Unmute hervorgebrochenes Schimpfwort war, das galt bei den Deutschen als Glaubensartikel. Mit dem leibhaftigen Antichrist glaubten sie zu tun zu haben, dessen Vernichtung eine Wohltat für die Christenheit sei. Man muß sich erinnern, wenn man dies Wüten der Landsknechte verstehen will, denen wie alle Deutschen damals die lutherischen Ideen im Blute lagen, wie über Rom im Norden gepredigt und geschrieben worden war. Als ein ungeheurer Sündenpfuhl wurde die Stadt den Leuten dargestellt; Schurken die Männer, vom gemeinsten herauf bis zu den Kardinälen, Kurtisanen die Frauen, Betrug, Diebstahl und Mord das Handwerk aller, und die Beraubung und Betörung der Menschheit seit Jahrhunderten von dort ausgehend, die allgemeine Krankheit, an der die Welt darniederlag. Dahin war seit Jahrhunderten Deutschlands Gold geflossen, dort waren die Kaiser gedemütigt oder vergiftet worden, von Rom aus nahm alles Unheil seinen Ausgang. Und so, indem man sich an Raub und Mord ersättigte, geschah ein gutes Werk zum Besten der Christenheit und zur Rache Deutschlands. Niemals aber, das weiß man, zeigt sich die Natur des Menschen bestialischer, als wenn sie zur Ehre der höchsten Ideen ins Wüten gerät.

Vor der Engelsburg, die mit Mauern und Gräben sorgfältig befestigt, allein Widerstand leistete, ließen die deutschen Soldaten Martin Luther als Papst hochleben. Luthers Name war damals Feldgeschrei gegen Papst und Pfaffenwirtschaft. Das rohe Volk ahnte nicht, was Luther wollte, indem er das Papsttum angriff. Vor der Peterskirche führten sie mit den heiligen Gewändern und Gerätschaften eine Nachahmung der Papstwahl auf. Einen Priester zwangen sie einem sterbenden Maulesel die letzte Ölung zu geben. Einer vermaß sich, nicht eher ruhen zu wollen, als bis er ein Stück vom Fleische des Papstes verzehrt habe. Freilich erzählen das zumeist Italiener, aber die deutschen Berichte selbst verleugnen die ungeheure Roheit nicht, die sich Luft machte.

Zehn Millionen an edlen Metallen wurden fortgeschleppt. Wie viel Blut klebte an diesem Gelde, und was wurde den Menschen angetan, denen es genommen ward! Es sei weniger gemordet als geraubt worden, steht in einem der Berichte, aber was will das sagen? Wahr freilich, daß die Deutschen oft mit den Spaniern in Händel gerieten, weil ihnen die Scheußlichkeiten zu arg waren, die sie von diesen verüben sahen. Sonst war aber die Schonung des Menschenlebens weniger ein Akt der Milde als der Habsucht. Kriegsgefangene wurden damals als Sklaven betrachtet, man schleppte sie als bewegliches Eigentum mit sich fort oder erpreßte ein Lösegeld. Als im Jahr 1494 die Franzosen nach Florenz kamen, entstanden die Reibungen zwischen Bürgern und Soldaten dadurch, daß die Florentiner den Anblick ihrer gefangenen Landsleute, die wie Vieh an Stricken durch die Straßen getrieben wurden, nicht ertragen wollten und sie mit Gewalt befreiten. Das schien den Franzosen ein Raub am rechtmäßig Erworbenen.

In Rom kam dies System zu großartiger Ausbeutung. Die Besitzer der Paläste mußten sich durch Summen loskaufen, die spanischen Kardinäle so gut wie die italienischen, es ward kein Unterschied gemacht. Aber es blieb so wenigstens ein Entrinnen möglich. Und auch hier trat wieder ein, daß die Landsknechte die Gefangenen, die ihr Leben einmal erkauft hatten, denen gegenüber in Schutz nahmen, die sie zwingen wollten, das Geschäft noch einmal abzuschließen.

Und wie die Menschen wurden die Dinge behandelt. Auf den eingelegten Marmorfußböden des Vatikan, wo der Prinz von Oranien, dem nach Bourbons Tode die Führung der Soldaten zufiel, Wohnung genommen, zündeten die Soldaten Feuer an. Die herrlichen bunten Glasfenster, die Wilhelm von Marseille gearbeitet, zerbrachen sie des Bleies wegen. Die Teppiche Raffaels wurden für gute Beute erklärt, den Wandgemälden die Augen ausgestochen und den Pferden, die in der Sixtinischen Kapelle ihren Stand hatten, kostbare Pergamente als Streu untergeworfen. Die Statuen in den Straßen wurden gestürzt, die Muttergottesbilder in den Kirchen in Stücke geschlagen. Sechs Monate blieb die Stadt so in der Gewalt der Soldaten, von denen alle Disziplin gewichen war. Pest und Hungersnot traten ein. Ober 90 000 Einwohner hatte Rom unter Leo dem Zehnten: als Clemens der Siebente ein Jahr nach der Eroberung zurückkehrte, war kaum ein Drittel noch vorhanden: armes ausgehungertes Volk, das geblieben war, weil es nicht wußte, wohin es sich wenden sollte.

All das hatte er auf dem Gewissen, der jetzt monatelang dieses Elend von der Engelsburg herab zu sehen verdammt war, in der ihn die Spanier gänzlich eingeschlossen hielten und wo Pest und Mangel an Nahrungsmitteln ebensogut eintraten wie unten in Rom. Endlich, nachdem er Tag auf Tag gewartet, sieht er die Armee Urbinos von weitem herannahen, ihre Wachtfeuer sind zu erkennen, jeden Moment erwartet er, der Herzog werde die Stadt überfallen und befreien. Der aber rührt sich nicht. Man meint, er habe jetzt den Raub rächen wollen, den die Medici unter Leo dem Zehnten gegen ihn ausgeführt. Denn noch immer wurde Lorenzos Tochter offiziell die Herzogin von Urbino genannt, und eben jetzt erst war es ihm in Florenz gelungen, die Herausgabe der Festungen, die ihm immer noch vorenthalten worden waren, durchzusetzen. Der Herzog behauptete, strategische Rücksichten hätten ihm damals einen Angriff nicht gestattet. Nachdem er eine Zeitlang im Anblicke der Stadt Rast gehalten, in der die Kaiserlichen ihre Laufgräben um die Engelsburg zu regelrechter Belagerung eröffneten, zieht er sich wieder nach Norden zurück und überläßt den Papst seinem Schicksale.


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