Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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IV

Was ihn bewegte, bei den Anträgen aus Florenz nicht die Schroffheit zu zeigen, mit der er sie unter anderen Umständen vielleicht erwidert hätte, war die Sorge für die Kinder seines Bruders Buonarroto, denen er in seiner Vaterstadt beim Herzoge nicht schaden durfte.

Der Briefwechsel mit seinem Neffen Leonardo, der in London und Florenz liegt, beginnt mit dem Jahre 40. Diese Papiere, in einer langen Reihe vorhanden, berühren jedoch kaum anderes als häusliche Angelegenheiten. Nie ist von Kunst oder von geistigen Dingen darin die Rede. Nur das erhellt daraus, daß Michelangelo fortfuhr, die Familie zu erhalten und zu regieren, und über seine Gesundheit geben sie Auskunft. Leonardos Schwester war Nonne. Alternd und kränklich klagt sie Michelangelo ihre Leiden, und er tröstet sie mit seiner eigenen Hinfälligkeit. Beim Tode Giovansimones schreibt er, wie sehr er gewünscht, den Bruder noch einmal zu sehen vor seinem Ende. Als Leonardo, der den Tod nur kurz angezeigt hatte und, wahrscheinlich weil auch er in schlechtem Verhältnis zu dem Verstorbenen stand, dann keine näheren Berichte nachfolgen ließ, schreibt ihm Michelangelo: »Erinnere dich, daß Giovansimone mein Bruder war! Er mag gewesen sein, wie er will, ich trauere um ihn und will, daß etwas für seine Seele getan werde, wie etwas für die deines Vaters geschehen ist. Hüte dich, nicht undankbar zu sein für das, was für dich selber getan worden ist, der du nichts auf der Welt besaßest. Ich wundere mich, daß Gismondo mir nicht geschrieben hat, denn ihn geht der Todesfall doch so gut an, wie er mich betrifft.«

Als dann Leonardos Briefe nachträglich anlangten und er sich entschuldigt, daß sie schon unterwegs gewesen seien, antwortete Michelangelo dennoch nicht zufriedengestellt. »Trotz allem«, schreibt er, »hättest du mich früh genug benachrichtigen müssen, damit ich den Tod nicht aus dem Munde Dritter eher als durch deine Briefe erfuhr.« Gismondo sei, da kein Testament existiere, der Erbe. Trotzdem möge Leonardo Sorge dafür tragen, daß etwas für Giovansimones Seele geschähe und kein Geld sparen. Seinem Bruder Gismondo, zu dessen Gunsten Michelangelo für sein Teil resigniert zu haben scheint, traute er also wohl nicht zu, daß er diese Pflichten über sich nähme.

Er hatte Sinn für alles, was innerhalb der Familie geschah. Eine alte Magd geht mit Tode ab: er spricht mit der größten Liebe von ihr und bedauert, sie überlebt zu haben, weil er ihr in seinem Testament etwas zugedacht hätte. Mit der nachgelassenen Witwe seines Dieners steht er in ausführlicher Korrespondenz und behandelt die empfindliche Frau mit rührender Güte, indem er auf ihr Klagen eingeht und die Zukunft ihrer Kinder im Auge hat.

»Ich merkte wohl, daß du etwas gegen mich hattest«, schreibt er ihr (ihr Name war Cornelia), »aber ich fand die Ursache nicht. Aus deinem letzten Briefe glaube ich nun das Warum herausgelesen zu haben. Als du mir die Käse schicktest, schriebst du dabei, du hättest mir noch andere Gegenstände schicken wollen, aber die Taschentücher seien noch nicht fertig gewesen, und ich, damit du nicht durch mich in Unkosten kämest, antwortete dir, du möchtest mir nur nichts weiter schicken, sondern dir lieber von mir etwas ausbitten, damit würdest du mir die größte Freude machen, denn du konntest ja wissen, oder vielmehr du hattest die Beweise davon in Händen, wie sehr ich den seligen Urbino, auch wenn er tot ist, noch immer liebe, und wie alles, was mit ihm zusammenhängt, mir am Herzen liegt.

Du willst hierherkommen oder mir den kleinen Michelangelo schicken: was dies beides anbelangt, so muß ich dir schreiben, wie es bei mir im Hause aussieht. Michelangelo hierher zu bringen, kann ich dir nicht wohl raten, da ich weder Frauen im Hause noch überhaupt einen Haushalt habe, und das Kind ist noch in zu zartem Alter, und es könnte daraus Ärger und Unglück entstehen, dann aber kommt das noch hinzu, daß der Herzog von Florenz seit einem Monat etwas, Seine Gnaden, mich mit Gewalt wieder nach Florenz haben will, wo er mir die allergrößten Anerbietungen macht. Ich habe ihn nun um eine kleine Frist gebeten, damit ich hier alles in Ordnung bringen kann und den Bau von Sankt Peter in gutem Zustande zurücklasse, so daß ich wohl noch den Sommer über hier bleiben werde, um alle meine Angelegenheiten zu beendigen, wie denn auch die eurigen in betreff der im Leihhause stehenden Gelder. Im Herbste ziehe ich dann für immer nach Florenz, da ich alt bin und keine Zeit habe, nach Rom zurückzukehren. Ich komme dann bei euch durch, und wenn ihr mir den Michelangelo mitgebt, so will ich ihn in Florenz mit größerer Liebe halten als den Sohn meines Neffen Leonardo und ihn lernen lassen, was ihn, wie ich weiß, sein Vater lernen lassen wollte. Gestern den 27. März empfing ich euren letzten Brief.

Michelangelo. In Rom.«
 

Dieser Brief gehört der Zeit nach in spätere Jahre, in die Zeit, wo Michelangelo für einen Augenblick wirklich daran gedacht zu haben scheint, nach Florenz zurückzukehren.

Für Leonardo sorgt er, als wäre er sein eigener Sohn, verlangt dagegen auch die nötige Rücksicht und wird hart, wenn er sich vernachlässigt glaubt.

»Leonardo«, schreibt er im Frühjahr 47, »deinen letzten Brief habe ich nicht lesen können und ins Feuer geworfen, kann also auch nicht beantworten, was darin steht. Mehr als einmal habe ich dir geschrieben: allemal wenn ein Brief von dir ankommt, ist es um das Fieber davon zu haben, ehe man ihn zu entziffern weiß. Deshalb von jetzt an: wenn du mir etwas mitzuteilen hast, so nimm jemand an, der schreiben kann, denn ich habe andere Dinge im Kopfe, als um über deine Briefe in Verzweiflung zu geraten.«

Michelangelo hatte ein Recht so zu klagen, denn Leonardos Handschrift war, wie einige Notizen auf den Briefen zeigen, sehr schlecht, während Michelangelos ruhige reine Hand sich in jedem Buchstaben gleich bleibt.

»Messer Giovanfrancesco«, lautet der Brief weiter, »schreibt mir, du wolltest auf einige Tage nach Rom kommen: Ich bin erstaunt darüber, wie du, nachdem du in das Kompagniegeschäft eingetreten bist, von dem du mir schreibst, von Florenz abkommen kannst. Nimm dich in acht, das Geld nicht fortzuwerfen das ich geschickt habe, auch Gismondo soll daran denken, denn wer es nicht verdient hat, der kennt den Wert des Geldes nicht; es ist eine alte Erfahrung, daß wer im Reichtum aufwächst, als Verschwender oft ein schlechtes Ende nimmt. Deshalb halte die Augen offen und vergiß nicht, unter welchen Mühen und Entbehrungen ich alter Mann mein Leben hinbringe.

Dieser Tage kam ein florentinischer Bürger zu mir und sprach von einem Mädchen, von den Ginoris; es sei dir darüber geredet worden, und sie gefiele dir. Ich glaube nicht, daß es wahr ist, kann dir aber auch in der Sache keinen Rat geben, da ich die Umstände nicht kenne, aber das schon mißfiele mir, daß du eine zur Frau nähmest, die dir ihr Vater, wenn er sie besser aussteuern könnte, nicht geben würde. Mein Wunsch wäre, daß wer dich zum Schwiegersohne haben möchte, an dich dächte und nicht an das, was du besitzest. Mir scheint, du solltest dich um eine große Mitgift nicht kümmern, sondern auf gesunde Seele, gesunden Körper, edles Blut und edle Erziehung sehen, und was für Leute in der Familie sind. Darauf allein kommt es an, weiter habe ich dir nichts zu sagen. Meine Empfehlungen an Messer Giovanfrancesco.« Wenn Michelangelo auf edlem Blute bestand, so tat er das nicht etwa, um Leonardo durch diese Heirat in eine vornehmere Familie zu bringen, sondern, wie auch Condivi besonders sagt, weil er nach Art der Alten edle Herkunft für eine bedeutende Garantie edler Gesinnung hielt. Ein Glaube, der zu allen Zeiten bestanden hat und bestehen wird.

Aus der Partie wurde nichts. Jahrelang ziehen sich Leonardos Heiratspläne, wie einst die seines Vaters Buonarroto, durch die Korrespondenz. Michelangelo kommt immer auf seine oben ausgedrückten Prinzipien zurück: gute Familie und keine Rücksicht auf Reichtum. Schon daraus ergibt sich, wie vorteilhaft er seinen Neffen gestellt hat. Lesen wir Michelangelos Briefe aus diesen Jahren und den folgenden, so erscheint er als ein ruhiger fester Mann, der praktisch und scharfsichtig die Dinge ohne Sentimentalität nimmt und ohne Umschweife seine Meinung sagt. Aber wir müssen an seine Gedichte denken, um auch die andere Seite seines Charakters vor uns zu haben: wie immer zunehmende Trauer ihn erfüllte; wie er ganz einsam war in den Regionen, in denen für ihn das wahre Leben erst begann, und wie Vittorias Bildnis ihm vorschwebte, wohin er die Gedanken wandte. Die langen Tage, bald auch die Nächte war es so, die er, als seine Kränklichkeit zunahm, einsam durchwachte und in denen er für seine Sehnsucht und das Gefühl der Verlassenheit die Verse fand, die ihn allein trösteten und die er nicht um sie zu zeigen niederschrieb und mit Sorgfalt immer aufs neue umarbeitete, sondern die nach seinem Tode erst im Nachlasse gefunden wurden.


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