Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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VII

Doch dies gilt von Michelangelos ganzer Kunst. Dem, der Dante kennt, müssen seine Arbeiten wie die zweite Offenbarung desselben Genius erscheinen. Dante schuf, indem er die Gestalten des heidnischen Altertums zu seinem christlichen Göttermythus umschmiedete, eine neue Welt für die romanischen Völker. Das vorher mystisch Verschwimmende begabte er mit festerem Leibe, Himmel und Erde baute er neu auf. Aber immer nur noch für die Phantasie, bis Michelangelo kam und den fließenden Strom der Verse zu Gestalten gefrieren ließ. Jetzt erst besaßen sie volle Sichtbarkeit. Raffael trat hier doch nur in Michelangelos Fußstapfen, und alle die folgenden Meister unterwarfen sich ihm. Von nun an gab es feste Bilder für Gottvater, Christus, Maria und die unendlichen Heiligen, von denen wir heute noch den Himmel der romanischen Völker erfüllt sehen. Die Menge, die in den Kirchen gläubigen Sinnes zu diesen Gestalten emporblickt, ahnt nicht, daß diese vor wenigen Jahrhunderten erst durch die Willkür weniger Künstler so geschaffen wurden und daß die Statuen der antiken Heiden ebensosehr als die Natur zu dieser Schöpfung beigetragen haben. Gerade durch das Jüngste Gericht ward dieser neuen Generation himmlischer Gestalten der letzte Stempel aufgedrückt. Das Ungeheure kam in die Leiber hinein, das gewaltig Muskulöse, das in der Folge dann unzählige Mal nachgeahmt ward. Es ist erstaunlich, wie Michelangelo trotz dieser Schwerfälligkeit des Körperlichen, das sich oft ins unbehilfliche Volle zu verlieren scheint, dennoch so viel erreichte. Denn keine Spur des zart Ätherischen findet sich hier, das unserem Gefühl nach der Hülle eines abgeschiedenen Geistes nicht fehlen dürfte, wenn durchaus denn einmal eine solche Hülle dargestellt werden soll.

Dem deutschen Geiste widerstrebt es, das in fester, bildlicher Gestaltung zu erblicken, was sich in Gedanken nicht einmal erreichen läßt. Nur Ahnungen, die wie der Himmel über uns je nach dem Stand der Sonne ewig ihre Farbe wechseln, sind hier das Erreichbare. Schon das verhindert uns, in linienumzogenen, farbigen Bildern zu denken, was über die Grenzen des Menschenlebens fortlebt, daß wir zu genau die sich ändernde Auffassung der verschiedenen Epochen kennen und die Überzeugung sich uns aufdrängt, wie alles Bildliche nur das Produkt einer bestimmten Zeit sei, deren Anschauungen, auch wenn sie Hunderte von Jahren dauern sollten, einmal dennoch ihre glaubenerweckende Kraft verlieren. Wie war Christus gestaltet? Uns schwebt wohl ein Bildnis vor. Milde und sanft im Ausdruck, länglich gezogenes Antlitz, hohe Brauen, geteilter Bart, majestätischer Gang, Schönheit und ruhige Würde in jeder Bewegung. Woher aber stammt das Bild? Es gab Zeiten, die zu den ältesten der Kirche gehören, wo die Meinung vorherrschte, daß er unscheinbar und elend von Aussehen gewesen. Im Gegensatze zu der Schönheit der heidnischen Götterbilder scheinen die ersten Christen ihn so gedacht zu haben. Dadurch sei Gottes Größe erst ganz offenbar geworden, behaupteten die Griechen, daß er sich im elendesten Sterblichen verkörpert sichtbar gemacht habe, während die Lateiner darauf bestanden, die äußere Schönheit müsse der Seele entsprechend gewesen sein. Langsam erst gewann diese Meinung die Oberhand. Nun tauchten die Bildnisse auf mit dem byzantinischen Typus. Zu den Zeiten aber, in denen sich die moderne Malerei entwickelte, wählte man wieder nach Belieben individuelle Züge. Oft mit byzantinischem Anklang, oft ohne eine Spur von Veredlung. Erst unter Michelangelo und Raffael entstand unsere heutige Vorstellung. Aber noch war es, wie viele Gemälde zeigen, kein Typus dennoch, an dem festgehalten werden mußte. Und so, während Michelangelo den toten Christus auf den Knien der Maria, sein erstes großes Werk, mehr im Einklange mit der byzantinischen Anschauung meißelte, hat er beim Christus in der Minerva schon antike Elemente in die Züge gebracht; unbeschreiblich befremdend aber ist der Anblick, den sein Christus des Jüngsten Gerichts bietet. Ein unbekleideter, breitschultriger Heros, mit erhobenen Armen, die einen Herkules niederschlagen würden, Fluch und Segen verteilend, das Haar in allen Winden flatternd wie kurze Flammen, die der Wind zurückbläst, und das zornige Antlitz mit schrecklichen Augen hinab auf die Verdammten blitzend, als wolle er die Vernichtung noch beeilen, in die sie sein Wort hinunterstößt. Seltsam erinnert die Form des Kopfes an den Apoll von Belvedere und die siegatmende Hoheit in dessen Zügen, zugleich aber die ganze Erscheinung an die Worte Dantes, wo er Christus den Höchsten Jupiter, sommo Giove, nennt. Das ist er hier; nicht der leidende Menschensohn, sanft wie der Mond, schweigend eher als redend, und in den traurigen Augen die Ahnung seines Schicksals. Doch, wenn ein Jüngstes Gericht gemalt werden sollte mit ewiger Verdammnis, und Christus als der Richter, der sie ausspricht, wie konnte er anders erscheinen als in solcher Furchtbarkeit?

Und um ihn her hängt der ungeheuere doppelte Kreis mit den Blicken an ihm. Jeder erwartet von ihm das entscheidende Wort. Die am nächsten um ihn Gescharten sind die Ruhigsten, je entfernter, um so leidenschaftlicher die Bewegung. Die Köpfe strecken sie vor, um ihr Urteil besser zu erlauschen, den Entfernteren winken sie zu, um sie näher zu ziehen oder um ihnen anzudeuten, was geschähe: ein strömendes Gedränge von allen Seiten auf Christus zu, an dessen aufgehobener Rechten Heil und Unheil haftet. Der Moment ist dargestellt, wo die Entscheidung für alle eben erfolgen soll.

Das ist das Jüngste Gericht Michelangelos. Während in uns ein Gefühl lebt, daß an jenem Tage, wenn er jemals eintritt, die Liebe Gottes alle Sünden auflösen wird als irdischen Irrtum, sieht der Romane nur Zorn und Rache als die Ausstrahlung des höchsten Wesens, wo es zum letzten Male der Menschheit gegenübertritt. Denn die eine sündige Hälfte soll für immer von nun an verdammt sein. Ein Nachklang des antiken, auch im alten Testamente oft genug wiederkehrenden Gedankens, daß das Göttliche mehr eine zürnende, furchtbare Gewalt sei, die man besänftigen müsse, statt die Quelle des Guten allein, die alles Übel als eine Verblendung der Menschen endlich aufhebt.

Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, über solche Dinge zu reden. Unser Gefühl darüber wohnt in einer Tiefe, die mit klarem Lichte zu erfüllen nicht gelingen kann. Noch wagen wir freilich nicht, die körperlichen Bilder, die uns als heilige Vermächtnisse überliefert sind, ganz für Schatten zu erklären; aber wie der Gang der geistigen Entwicklung sich mir darstellt: immer blässer müssen diese Vorstellungen werden, und anderes muß an ihre Stelle treten, das als Symbol der ewigen Dinge gilt. Denn ohne Symbole, seien es sichtbare Bilder oder Gedanken, beruhigen wir uns nicht, mag uns auch noch so deutlich werden, daß alles Symbolische nur ein Gleichnis sei: leer für den, der den Inhalt nicht selbst aus der eigenen Seele in sie hineinlegt. So aber wie das Jüngste Gericht an der Wand der Sixtinischen Kapelle steht, ist es für uns kein Gleichnis mehr, sondern ein Denkmal des phantastischen Seelenlebens einer vergangenen Zeit und eines fremden Volkes, deren Gedanken nicht mehr die unsern sind.


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