Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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VI

Die bildliche Darstellung des Jüngsten Gerichts ist so alt als die italienische Kunst. Aus allen Zeiten begegnen wir in Skulptur und Malerei den aus ihren Gräbern steigenden Toten, der in den Abgrund getriebenen Herde der Verurteilten, den zum Tanze mit den himmlischen Scharen sich erhebenden Seligen, und, in der Mitte darüber, dem von Heiligen umgebenen richtenden Christus. Auch die Anordnung war eine althergebrachte. Links die Guten, rechts die Bösen, in der Mitte zwischen ihnen zu Christi Füßen die Engel des Gerichts, und in der Höhe die Marterwerkzeuge, wie Trophäen in der Luft getragen. Der italienische Gottesdienst der vergangenen Jahrhunderte, der alles zur Verstärkung seines Einflusses heranzog, bedurfte der Darstellung des letzten schrecklichen Tages als eines Hauptmittels zur Stimmung der Gemüter. Der dunkle, unendlich weit in der Zukunft liegende Moment, von dem die Seligen selbst nicht wissen, wann er hereinbrechen wird, war für die Phantasie der Künstler fruchtbarer Boden. Alle diese Darstellungen aber erscheinen handwerksmäßig und roh im Vergleich zu dem, was Michelangelo gab. Darin bewährte er sich auch hier als echter Künstler, daß er nicht das Gericht selbst, sondern nur den Weg zu ihm zeigte. Nicht in der furchtbaren Tat liegt das Tragische, sondern in ihrem unausweichlichen Herannahen, nicht im Genuß das Glück, sondern im Erlangen des Genusses. Deshalb sehen wir nicht die Wonne der Seligen, sondern die zitternde Erwartung, daß sie bald erreicht sein werde, und auf der anderen Seite nicht das Leiden der Verdammten, sondern die schauderhaften letzten Augenblicke vor dem Herabsinken in die ewigen Qualen. Jede Gestalt trägt den Inhalt ihres Schicksals in sich. Was wir außerdem erleben, überwältigende Freude, vernichtenden Schmerz, niemals herrscht ein einziges unvermischtes Gefühl in uns, immer schwächen Erinnerung und Erwartung die Macht des Momentes, wenn er auch noch so gewaltig von uns Besitz nimmt. Hier aber, wie die Kleider von den Körpern und die Erde unter ihren Füßen geschwunden ist, beschränkt nichts mehr den Menschen, und durchdrungen von dem einen Gedanken, wie eine Glocke durchzittert wird völlig von dem einen Tone, den der Schlag einer starken Hand in ihr hervorruft, erfüllt ihn, was er empfindet. Und die Stufenleiter dieser Gefühle vom ersten leisen Wiedererkennen des Lichtes, durch Glück und Unglück weiter bis zu der vernichtenden Erkenntnis ewigen Verdammtseins, finden wir auf dem Gemälde dargestellt.

Die Wandfläche ist anderthalbmal so hoch als sie breit ist. Daher die Notwendigkeit eines höheren und eines tieferen Mittelpunktes. Der richtende Gott beherrscht die obere Hälfte, die Schar der zum Gerichte blasenden Engel die untere. Beide Zentren aber sind so wohl vereinigt, daß auch nicht eine Figur gefunden werden könnte, die vom Zuge des Ganzen nicht festgehalten als überflüssig oder nur entbehrlich erschiene. Die Einheit des Gemäldes und zugleich die Abgeschlossenheit der einzelnen Gruppen ist bewunderungswürdig. Diese Engel stoßen in die Posaunen, als müßte die ganze Welt zu dröhnen anfangen und, wie es bei Matthäus heißt, alle Völker der Erde aufschreien. Ununterbrochen während dieses Getöns steigen die wiedererweckten Menschen auf, um gerichtet zu werden. Nach allen Richtungen hin strecken sich die Posaunen aus, nur nach der Rechten nicht, wo dicht neben ihnen herab die Verdammten niedergerissen werden. Von den beiden Engeln, die dort hinausblasen sollten, hat der eine die Posaune über die Schultern gelegt und blickt mit erschreckter Neugier dem Sturze der Unseligen nach, während der andere, mit der Posaune an den Lippen, fragend den Kopf abwendet, als hätte er den Befehl eben empfangen, den Atem zurückzuhalten. Zwei andere Gestalten dieser Gruppe, die von Wolken umdrängt wie eine einzige hängende Wolke selbst erscheint, halten aufgeschlagene Bücher, das der Verdammnis auf der einen, das des Lebens aber nach der anderen Seite gewendet, wo unter ihnen in der Tiefe aus felsigem Boden die erwachten Toten sich losarbeiten. Gerippe, Körper, noch umhüllt von den Leichentüchern, nackte Gestalten, die sich aufrichten, einige noch halb im Boden, aus dessen Löchern sie kriechen, andere schon so weit, daß sie kniend und sich mit den Armen aufstützend zu stehen versuchen, bis sie zu schweben beginnen; und nun, je höher um so leichter die Bewegung, bis zu den obersten, die völlig befreit von dem Jahrtausende währenden Schlafe, dem großen Kreise zufliegen, der sich, weit umfangend, um den ersten, die Gestalt Christi umgebenden ansetzt.

Im Gegensatz dieser Aufsteigenden und der Stürzenden auf der anderen Seite des Gemäldes hat Michelangelo seine größte Kunst gezeigt. Als sähen wir, wenn am Himmel so recht festgeballte Wolken stehen, riesenhafte Gestalten plötzlich an ihnen emporklimmen oder von ihren Vorsprüngen sich abstoßend ins Blaue hinein der Sonne entgegenschweben, das erblicken wir hier; und gegenüber auf der anderen Seite, als hängten sich an die dort zu demselben Lichte Hinaufdringenden eisenschwere, teuflische Mächte und zögen sie zurück in den Abgrund. Man sieht es nicht, aber eine unendliche Tiefe scheint sich aufzutun, über der sie verzweifelt ihre letzten Kräfte anstrengen. Weltberühmt ist diese Schlacht der Verdammten und der Teufel. Dinge sind hier dargestellt, die sich nicht beschreiben lassen. Und ebenso schaurig darunter, wie Charon seinen vollen Nachen ausschüttet. Als leerte er einen Sack mit Mäusen, so läßt er die bedrängte Schar der Unglücklichen hinabspringen in die aufschlagenden Flammen und den Qualm. Er steht an der Spitze des Fahrzeuges. Mit dem Fuße an den vorderen Rand tretend, bringt er es zum Kippen und schlägt mit erhobenem Ruder noch in das Gewimmel, das sich festzuklammern sucht und vor dem Sprunge in die Tiefe zurückbebt. Dante beschreibt, wie Charon sie zur Fahrt in den Kahn hineintreibt, hier ist die Fortsetzung des Gesanges gegeben, die Ankunft. Noch größeres Erbarmen als die in der Luft darüber mit den Teufeln sich Balgenden flößen diese hier ein. Denn oben ist die Entscheidung doch noch hinausgerückt, eine Möglichkeit des Loswindens bleibt: hier aber ist alles verloren. Und die Seelenangst, mit der die Elenden es empfinden, ist dargestellt von Michelangelo, als hätte Dante neben ihm gestanden und seinen Geist ihm eingehaucht.


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