Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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XI

Anfang März zieht sich der Kaiser, dem am 24. Februar die Krone aufs Haupt gesetzt worden war, nordwärts, während Clemens nach Rom zurückkehrt. Der Papst so völlig ausgebeutelt, daß er nicht imstande ist, den Sold für die Armee aufzutreiben. Die Zahl der in der Stadt eintreffenden Überläufer wächst infolge dessen, aber das Fleisch ist beinahe verschwunden, und Krankheiten nehmen überhand. Im April sind die 10 000 Mann Malatestas auf die Hälfte zusammengeschmolzen, während im ganzen vom 15. März bis zum 15. April 5800 Personen zugrunde gehen. Kämpfen wollen die Bürger und bestürmen Malatesta, sie hinauszuführen. Die Kaiserlichen aber weichen jedem Zusammentreffen aus. Wenn die Florentiner bis dicht an ihre Schanzen kommen und sie herausfordern, rufen sie höhnisch herunter, es fiele ihnen nicht ein, sich mit ihnen zu schlagen. »Hunger sollt ihr leiden«, riefen sie, »bis ihr euch wie Hunde am Strick führen laßt!«

Michelangelo war um diese Zeit Tag und Nacht auf San Miniato in Tätigkeit. Er erlebte, daß Mario Orsino, der ihm zuerst ausgesprochen, daß Malatesta ein Verräter sei, dort von einer feindlichen Kugel getötet ward. Die ganze Stadt erlebte es mit ihm. In solchen Zeiten, wo der Mensch das höchste Gut verteidigt, fließen alle einzelnen Schicksale zusammen in das große allgemeine Gefühl, das jeder teilt, wie auf einem brennenden Schiffe alle derselbe Pulsschlag zu verbinden scheint. Keiner empfindet da, was nicht dem anderen im gleichen Moment das Herz erschütterte. Alle die Übergänge von der trübsten Besorgnis zur Hoffnung und von der rückwärts wieder in das alte Elend; Momente, über die die Briefe Capellos nach Venedig Tag für Tag Rechenschaft geben, muß Michelangelo durchgemacht haben wie die anderen Bürger, und die allgemeine Geschichte enthält die seine, auch ohne daß er besonders genannt zu werden brauchte.

Alt geworden, aber bei ununterbrochener Beschäftigung mit der Kunst, war es ihm unmöglich, sich der gewohnten Tätigkeit ganz zu enthalten. Es gab Tage an denen die Gefahr für San Miniato weniger dringend erschien, diese verbrachte er in der Stille bei seinen Marmorfiguren. Während er draußen gegen die Medici kämpfte, arbeitete er hier an den Grabmälern weiter, heimlich, weil es ihn in Verdacht der Anhängerschaft hätte bringen können, wenn er kein Geheimnis daraus gemacht. Aber auch die Fortsetzung dieser Arbeit darf vielleicht als ein Beweis angesehen werden, daß er in der Tiefe seines Herzens weniger hoffnungsvoll von der Zukunft dachte, als er auf der öffentlichen Straße zeigen durfte, und sich den Illusionen nicht hingab, mit denen die Herren im Palaste so gern Tag für Tag ihre Sorgen hinwegverhandelten.

Vielleicht ist damals ein Sonett entstanden, welches auf Florenz und die Freiheit bezogen werden kann und das ich in diesem Sinne übersetzt habe:

Noch immer hoff 'ich auf ein plötzlich Glück,
Und doch, wenn ich's bedenke, muß ich sagen:
Hör' ich denn nicht das nahende Geschick
So deutlich schon mit seinen Flügeln schlagen!

Zu Asche glüht der Freiheit Sonne! Tod
Ist ihre Frucht. Und wenn des Siegers Hände
Selbst Hilfe bringen wollten, wär' mein Ende
Doch eine Nacht jetzt ohne Morgenrot.

Ich seh's und fühl' es, aber etwas lockt
Mein Herz dahin wo die Vernichtung lauert;
Es lockt und folgen muß ich seiner Mahnung!

Tod hier und dort! Was soll ich tun? Es stockt,
Unschlüssig doch mein Wille! Und das dauert
So Tag für Tag wie ewge Todesahnung.

Geschrieben ist das auf ein Blatt, auf dem sonst noch Folgendes steht: »Ich Michelangelo Buonarroti fand im Hause, als ich von Venedig zurückkam, ungefähr fünf Fuhren Stroh, habe hernach noch drei dazu gekauft, habe drei Pferde gehalten etwa einen Monat lang, jetzt habe ich nur ein einziges. Den 6. Januar 1530.« Und darüber von anderer Hand: »Gonfalone Chiave, Quartier Santa Croce«, Michelangelos Wohnungsangabe. Das ganze wahrscheinlich eine Anzeige, die der wachsenden Not wegen von den Bürgern gefordert wurde. Dem Anscheine nach sind die Verse nur ein Liebesgedicht. Aber das Symbolische lag damals, wo in bösen Zeiten jedes direkte Wort in Gefahr bringen konnte, den Menschen so nahe, daß es in ganz natürlicher Weise überall angewandt wurde. Florenz, das politische Florenz mit dem was es beherbergte, einfach als Frau anzureden und seiner politischen Leidenschaft das Gepräge eines Liebesstreites zu verleihen, war eine verständliche Symbolik.

Noch ein andres Gedicht sei angeführt, ein Madrigal, wie Michelangelo Florenz, als geliebte Frau die verbannten Florentiner trösten läßt. Diese reden sie an:

O du, an Schönheit Engeln nur vergleichbar!
Kind und Geliebte denen, die dich schufen
Und nun in Sehnsucht sich um dich verzehren:
Schläft die Gerechtigkeit im Himmel denn,
Daß Einer für sich nehmen darf, was Allen
In gleichem Maß gehört? Laß deine Blicke
Wie ehedem uns leuchten, denn was nützt
Das Leben ohne dieser Sonne Wohltat?

Florenz antwortet:

O ihr, bleibt eurer heilgen Sehnsucht treu,
Denn der, der euch beraubt: voll Furcht wagt er
Des großen Frevels Frucht nicht zu genießen.
Euch bleibt die Liebe doch! Euch, arm und elend,
Bleibt Hoffnung, während er im Überfluß,
Die rasende Begierde unerfüllt,
Mit leeren Händen doppelt elend dasteht!

Wundervoll ist der Vers:

Col gran timor non gode il gran peccato.

Es kann Alessandro oder Cosimo damit gemeint sein. Die Überschrift hat Luigi del Riccio selbst dazugesetzt: »Von Messer Michelangelo Buonarroti; die Frau bedeutet Florenz.«

Zu jener Zeit malte Michelangelo auch endlich einmal wieder, nachdem er beinahe zwanzig Jahre keinen Pinsel angerührt, denn seit der Beendigung der Sixtina scheint er das Malen völlig aufgegeben zu haben. Zwar mahnt ihn im Jahre 1523 der Kardinal von San Marco in einem freundlichen Briefe an die Erfüllung des Versprechens, ihm ein Gemälde für sein Studienzimmer malen zu wollen, allein es muß wohl nicht dazu gekommen sein, oder das Werk, von dem weder Condivi noch Vasari wissen, ist spurlos verschwunden. Jetzt begann er die für den Herzog von Ferrara bestimmte Arbeit, Leda mit dem Schwan, in Temperafarben, nachdem er zuerst einen Karton gezeichnet. Dieser soll in England befindlich sein, doch habe ich ihn dort nicht gesehen. Auch das Original, von dem einige behaupten, daß es Ludwig der Dreizehnte habe verbrennen lassen, soll in traurigem Zustande dahin gerettet worden sein. Wir haben alte Stiche und Kopien, von denen einige schon in der frühesten Zeit angefertigt worden sind. Leicht zugänglich ist die auf dem Museum in Dresden, groß, kräftig und wohlerhalten, vielleicht von der Hand eines niederländischen Malers, und ganz geeignet eine Vorstellung von der Zeichnung und der Malerei zu geben.

Ich will das Bild hier nicht beschreiben. Wie es Dinge gibt, die nur gesprochen werden können, ohne eine Darstellung im Bilde zu ertragen, so gibt es Gemälde, die keine Beschreibung dulden, weil das, was wir auf ihnen sehen, sich zu verwandeln scheint, indem es genannt wird. Nur das sei gesagt: während die anderen Künstler, wenn sie Leda mit dem Schwane malten, nichts zu geben vermochten als den reizenden Körper einer Frau, zu der ein Schwan sich spielend herandrängt, so daß, wenn das antike Märchen verloren wäre, sich dessen tieferer Inhalt aus ihren Kompositionen kaum erraten ließe, läßt Michelangelo die Gestalt der Leda und das Ereignis dem sie unterliegt, so groß, so historisch im höchsten Sinne erscheinen, daß man erstaunt über seine Fähigkeit, sowohl die Dinge aufzufassen als sie wiederzugeben. Keine seiner Frauen hat etwas so durchaus Kolossales als diese Leda. Wie eine gestreckte Riesin liegt sie da, und das träumerisch starr auf die Brust gesenkte Auge scheint in einem ahnungsvollen Blicke all das ungeheure Unheil im Geist zu erblicken, das ihre Schwanenbrut über Troja und Griechenland gebracht hat. Schön genug ist sie, um die Mutter der Helena zu sein und der ungleichen Zwillingsbrüder Kastor und Polydeukes, die alle drei die Kinder dieses Augenblickes sind. Niemand denkt an deren Heldenleiber, der Correggios und der anderen Maler Darstellungen dieser Szene vor Augen hat, bei denen die Herabkunft Jupiters in Gestalt eines Schwanes das Überwältigende verliert und in graziös genrehafter Weise ausgebeutet wird. Wie ein schneeweißes Wolkengebirge, das auf eine Kette von irdischen Bergen sich herabdrängt, kommt Michelangelos Schwan hernieder. Das fühlt man: so lange er an dem Bilde gemalt hat, war sein Geist weitab von Florenz, versenkt in die Gedanken der alten Griechen und befreit von der Last der Ereignisse, die sonst mit gleichmäßig düsterem Druck allüberall sich aufdrängend ihn belasteten.

Manchmal überflog dennoch ein Lichtglanz echter Hoffnung die Stadt. Zu Ostern schien ein Umschwung ihres Schicksals einzutreten. Wie Glück und Unheil sich an bestimmte Gestalten zu ketten pflegen, mit deren Auftreten sie sich einstellen, so schien der verderbenbringenden Anwesenheit Malatestas gegenüber jetzt außerhalb der Mauern ein anderer Mann als der Träger des Heils und der Rettung für Florenz erschienen zu sein, Francesco Ferrucci. Neben Michelangelo der idealste Charakter, der in jenen Kämpfen sich hervortat, und weil er jung und stark war und so elend umkam, beinahe glänzender noch als dieser. Ein Mann, dessen Name heute noch jedes Kind in Florenz kennt und dessen Marmorstatue dort neben Dantes, Michelangelos und anderer großer Bürger Standbildern aufgestellt worden ist.

Ferrucci stammte aus einer Familie, deren kriegerische Tüchtigkeit seit Generationen anerkannt war. Im Jahre 28 kehrte er als der einzige von den höheren Offizieren nach Florenz zurück, die mit der französischen Armee unter Lautrec nach Neapel gezogen waren. Die anderen alle und zwei Drittel der florentinischen Truppen blieben dort als Opfer der Pest. Die Übriggebliebenen wußte Ferrucci so geschickt nach Toskana zu führen und sich durch strenge Mannszucht solches Ansehen zu gewinnen, daß er, von der Regierung von Posten zu Posten befördert, endlich im Jahre 29 das Oberkommando in Empoli erhielt, einem zwischen Florenz und Livorno gelegenen höchst wichtigen Platze, über den die Zufuhr an Schießpulver und Fleisch in die Stadt gelangte. Von hier aus beschloß er jetzt auf eigene Faust andere Pläne zu verfolgen als Malatesta und die Herren von der Regierung selber jemals im Sinne hatten, und deren Anfang war, daß er Volterra, das sich eben jetzt gegen die Florentiner empört und dem Papste ergeben hatte, wieder eroberte.

Er verlangte Verstärkung aus Florenz. 500 Mann zu Fuß gehen mitten zwischen den feindlichen Lagern durch zu ihm ab und erreichen unter andauerndem Kampfe mit 500 kaiserlichen Reitern ihr Ziel so gut, daß, während sie selbst nur vier Mann und einen ihrer Hauptleute einbüßen, der Feind mit einem Verluste von 80 Reitern und drei Hauptleuten die Verfolgung aufgeben muß. Ja, hätten sie die 200 berittenen Florentiner, berichtet Capello, welche zu gleicher Zeit die Stadt verließen, um auf anderen Wegen in Empoli einzutreffen, bei sich gehabt, so wäre die gesamte feindliche Kavallerie zugrunde gegangen.

Am 24. März war das geschehen, am 29. bereits hatte man in Florenz die Nachricht von der Einnahme von Volterra. 400 Spanier waren dort zusammengehauen worden und die von den Genuesen dem Papste gesandte schwere Artillerie erbeutet. Zu gleicher Zeit treffen Briefe aus Frankreich ein, der König werde binnen wenigen Tagen seine Söhne zurückerhalten und dann auf der Stelle den Florentinern zu Hilfe kommen. Und nicht genug damit: im Lager draußen gärt es schon lange, die von Rom einlaufenden Gelder reichen nicht aus, zwischen den verschiedenen Nationalitäten kommt es zu Reibungen, jeder Teil glaubt sich hintangesetzt, und als am 1. Mai auch hier die Einnahme von Volterra ruchbar wird, und obendrein, ganz Toskana ringsum werde in kurzer Zeit zugunsten der Florentiner sich erheben, rebellieren die Spanier, nehmen die gesamten Geschütze als Unterpfand für nicht empfangenen Sold in Beschlag und wollen abziehen. Mit Mühe beruhigt sie der Prinz durch eine Abschlagzahlung. Am folgenden Tage weiß man in der Stadt, die berittenen Edelleute hätten das Lager verlassen, um nach Neapel zu gehen, wo die Türken mit ihrem lang erhofften Angriffe endlich Ernst gemacht. Man hegt die feste Überzeugung, in 14 Tagen werde die übrige Armee dahin nachfolgen und Florenz den Jammer los sein.

Dabei aber steigt die Sterblichkeit von Tag zu Tage. Aus den geringsten Materialien schon wird Brot gebacken, weil kein Weizen mehr vorhanden ist. Öl und Wein fehlen gänzlich; Pferde, Esel und Katzen werden geschlachtet. Die guten Nachrichten aber helfen über jede Entbehrung hinaus. Verstärkungen an Ferrucci gehen ab, 6000 Mann beschließt man für ihn anzuwerben, und die Kaiserlichen selbst liefern die beste Mannschaft dazu. Die Kampflust nimmt in einem Grade überhand, daß, so sehr Malatesta widerspricht, zum 5. Mai ein Ausfall in großem Maßstabe stattfinden soll. Der Feind war natürlich vorher davon unterrichtet. 3000 Mann stürmen die feindlichen Laufgräben am südlichen Ufer, so heftig wird gekämpft, daß die Truppen von jenseits zu Hilfe gerufen werden müssen, während sich auf seiten der Florentiner Malatesta selbst ins Gewühl stürzen will und nur mit Mühe von den Seinigen, weil er alt und kränklich war, zurückgehalten wird. Gegen Abend gibt er das Zeichen zum Rückzug. Einer seiner besten Offiziere, der statt seiner das Kommando führte, war tödlich verwundet. Im übrigen verlor der Feind mehr Leute als die Florentiner. Hätte man alle Kräfte darangesetzt, wurde hinterher geurteilt, so wäre das Lager erobert und der Feind vernichtet worden.

Die von Ferrucci einlaufenden Nachrichten indessen gaben Trost für das, was bei diesem Kampfe nicht erreicht worden war. Jetzt erst lernte man in seinem ganzen Umfange schätzen, wieviel durch die Einnahme von Volterra von ihm gewonnen und, in bezug auf den Feind, vereitelt worden war. In Volterra hatte sich eine aus Pallesken gebildete Armee vereinigen sollen, die mit den dort unter Maramaldo liegenden Spaniern zusammen gegen Pisa, Pistoia und Arezzo, wo die Zitadelle noch immer florentinisch war, operieren sollte, während Florenz unterdessen eng umzingelt bliebe. Mit Volterra war das Zentrum dieser beabsichtigten Unternehmung fortgenommen. Statt die andern Plätze anzugreifen, mußte der Feind die hauptsächlichsten jetzt erst wieder zu gewinnen suchen, die Ferrucci nun so rasch er konnte zu Widerstand rüstete. Wein, Öl und Getreide war in Überfluß gefunden worden, Geld wußte er zu schaffen, und an Mannschaft fehlte es nicht. Alles deutete den glänzendsten Erfolg an.

Florenz dagegen war vom 12. Mai ab vollständig eingeschlossen. Mit den 200 Hammeln, welche an diesem Tage noch eingetrieben wurden, gelangte das letzte Fleisch in die Stadt. Trotzdem wird am 15. der Jahrestag der wiedergewonnenen Freiheit mit prachtvoller Feierlichkeit begangen. Im Dom hält nach der Messe Baccio Cavalcanti, einer der eifrigsten Bürger, eine schwungvolle Rede, deren Schluß Freiheit oder Tod war. Am folgenden Tage leisten auf dem Platze vor der Kirche San Giovanni unter dem Vorsitz der Behörden alle Bürger, Mann für Mann, den Schwur, treu der Regierung siegen oder sterben zu wollen. Dazu neue Steuern. Was an deponierten Kapitalien vorhanden ist, Stiftungen, geistliche Güter, Gelder der Hospitäler und Zünfte, wird mit Beschlag belegt.

Aber mitten hinein jetzt in diese Begeisterung der Umschlag des Glückes.

Ferrucci hatte, als er nach Volterra zog, einen als tapfern Mann bekannten Florentiner Bürger als Kommissar in Empoli zurückgelassen. Ebenso zuverlässig schienen diejenigen, welche er ihm beigeordnet. Dennoch gelingt es den im kaiserlichen Lager befindlichen Florentinern, sie zum Verrat zu bewegen. Am 28. Mai wird Empoli von den Spaniern eingenommen und geplündert, und zwei Tage darauf schon müssen die Bürger von Florenz die edlen Frauen und Jungfrauen, von denen Ferrucci gesagt, sie allein würden Empoli verteidigen können, drüben auf den Wällen des Lagers erblicken, wo sie ihnen zum Hohn ausgestellt werden. Zu derselben Zeit fällt durch Verrat die Zitadelle von Arezzo. Aus Frankreich hört man, dem Könige würden die Söhne nicht eher zurückgegeben werden, als bis Florenz erobert sei. Und während zu alledem die Not um Essen und Trinken täglich steigt, werden den Kaiserlichen die in Empoli erbeuteten 12 000 Scheffel Korn und 3000 Anker Wein zugeführt. Erbärmliches Brot und Wasser als Getränk dient den Bürgern zur Nahrung. Kein Gedanke mehr an Einfuhr. Die Straßen voll Leichen. Statt des Einfalls der Türken in Neapel, die Rückkehr der kaiserlichen Reiterei ins Lager. Und im Hause Malatestas plötzlich das Auftauchen eines Vertrauten des Papstes mit Vermittlungsvorschlägen. Darauf aber zur Antwort: an die Regierung der Stadt möge sich Clemens wenden; weder durch eigene Gesandte noch durch Malatesta trage man Lust zu unterhandeln. Alle Hoffnung beruhte auf Ferrucci, der in Volterra Maramaldo gegenüberstand.

Zu diesem stießen nun die Spanier, welche Empoli genommen hatten, und eine Abteilung aus dem Lager unter dem Marchese del Guasto. Am 12. Juni langen diese Verstärkungen an. Ermüdet vom Marsche lagern sie sich vor Volterra, ohne für die gehörigen Verschanzungen Sorge zu tragen. Auf der Stelle greift Ferrucci an, vor der Übermacht aber muß er sich wieder zurückziehen. Am folgenden Tage errichtet del Guasto die Batterien, am dritten stürmt er. Ferrucci aber, obgleich zweimal verwundet, läßt sich in einer Sänfte hinaustragen, und die Spanier werden zurückgeschlagen. Am nächsten Tage empfängt del Guasto vier neue Kanonen und eröffnet nun aus 14 Geschützen das Feuer. Wiederum stürmen die Spanier, wiederum der im Fieber liegende Ferrucci mitten im Gewühl. Nicht nur mit Waffen verteidigt sich die Stadt, siedendes Öl und Körbe voll Steine werden den Stürmenden entgegengeschleudert, und so verheerende Wirkung hat diese Abwehr, daß die Belagernden am nächsten Tage mit einem Verlust von 600 Mann abziehen.

Damit aber ist Oranien nicht einverstanden; er sendet del Guasto 2000 Mann Infanterie und entsprechende Reiterei mit dem Befehl entgegen, die Stadt unter jeder Bedingung zu nehmen. Die Florentiner, ermutigt durch den Erfolg Ferruccis und durch die Schwäche der Armee vor der Stadt, wagen einen Ausfall, erklettern die Wälle des Lagers, hauen 500 Landsknechte zusammen und ziehen sich mit einem Verluste von kaum fünfzig Mann wieder zurück. Zu derselben Zeit wirft Ferrucci den Marchese del Guasto zum drittenmale von den Mauern Volterras, und abermals wird hier die Belagerung aufgehoben. Der Verlust der Spanier ist groß. Der Papst, der alle seine Kostbarkeiten verkauft und versetzt hat, kann kein Geld mehr schaffen, während die Bürger immer noch goldene und silberne Gefäße finden, die in die Münze wandern. Auf beiden Seiten wurde mit den letzten Kräften gearbeitet.

Der Juli brach an. Man muß Florenz kennen, wie es in der heißen Jahreszeit rings von Bergen umgeben daliegt, tief, wie im Grunde eines Kessels, und ohne einen kühlenden Luftzug die Glut der wolkenlosen Tage aufsaugend. Der im Winter reißende Arno wird dann flach und hat mitten in seinem Bette sandige Inseln. Wie im schleichenden Fieber atmeten die Menschen und lechzten nach Stärkung. Jeder Bissen war kostbar. Zuerst werden die Frauen, die von ihrem schlechten Rufe leben, aus den Toren gestoßen. Dann die Landbewohner, die in die Mauern geflüchtet waren. Die Dächer werden abgedeckt, weil Brennmaterial mangelt. Verzweifelte Entschlüsse fangen an aufzudämmern. Lorenzo Soderini, überführt mit dem Lager in Verbindung zu stehen, einer der vornehmsten Männer, wird gehangen, und das Volk gerät dennoch fast in Aufruhr, weil es ihn lieber lebendig zerreißen wollte. Aus aller Krankheit wird jetzt die Pest. Schon ist es so weit gekommen, daß man als einzigen Erfolg das ins Auge faßt, nicht von Malatesta lebendig dem Feinde in die Gewalt gespielt zu werden. Ferrucci wird zum Oberbefehlshaber sämtlicher Truppen ernannt und ihm anbefohlen, auf Florenz loszumarschieren. Beim geringsten Zeichen seiner Nähe wollen dann die Bürger aus den Toren brechen. Die Kaiserlichen werden von zwei Seiten angegriffen. Bis zum letzten Blutstropfen wird gekämpft. Unterliegt man, so töten die zur Bewachung der Mauern Zurückgebliebenen die Frauen und Kinder, stecken die Stadt in Brand und stürzen sich dem Feinde entgegen, damit, so lautet das Ende des Beschlusses, nichts übrig bleibe von Florenz als die Erinnerung an die Seelengröße derer, die als unsterbliches Beispiel allen denen vorleuchten werden, die für die Freiheit geboren sind und sie bewahren wollen.


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