Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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II

Das Emporkommen der Medici in Florenz und in Rom brachte Michelangelo die doppelte Aufgabe, nicht nur als römischer Künstler mit Papst Leo, sondern auch als Florentiner Bürger sich mit den neuen Gebietern von Florenz gut zu stellen.

Denn als Künstler blieb ihm in Florenz nichts mehr zu tun. Von den alten unerledigten Aufträgen hatte er sich frei gemacht. Die zwölf Apostel für Santa Maria del Fiore waren schon 15I2 unter eine Anzahl jüngerer Bildhauer verteilt worden, die sie im Laufe der nächsten zehn Jahre zustande brachten. Von der kolossalen Statue für den Platz am Regierungspalaste war keine Rede mehr. Ebensowenig von der Malerei im Saale des Consiglio grande. Soderini war ja fort, das Consiglio aufgehoben und der Saal, seiner früheren Würde entkleidet, absichtlich zum Aufenthalte von Soldaten erniedrigt, deren an die Wände anstoßende Piken vielleicht die Schuld trugen, daß Leonardos bereits vollendetes Werk zu verschwinden begann.

Über beide berühmte Kartons muß hier noch ein Wort gesagt werden.

Fest steht, daß sie zerstört und verschwunden sind, nachdem sie eine kurze Reihe von Jahren als Musterdenkmal gleichsam dessen, was die florentinische Kunst zu schaffen vermochte, Leonardos Werk im Saale der Päpste, Michelangelos Karton im großen Saale des Regierungspalastes aufgestellt gewesen waren. Eine ganze Reihe heranwachsender Künstler zeichnete vor ihnen und empfing aus ihren Linien die ersten Eindrücke. Einer von diesen jungen Leuten wird von Vasari des Verbrechens angeklagt, Michelangelos Karton böswillig zerschnitten zu haben. Und zwar soll die Tat im Jahre 1512 begangen worden sein, in jenen Tagen der Unruhen, als niemand für die Werke der Kunst Zeit und Gedanken übrig hatte.

Bandinelli ist sein Name. Wir kennen ihn aus Cellinis Lebensbeschreibung, der auf genügende Weise dafür gesorgt hat, den unausstehlichen Charakter dieses Bildhauers zu verewigen. Vasari urteilt nicht besser über ihn. Beides aber könnten die Erzählungen neidischer Kunstgenossen sein. Doch es ist eine lange Folge von Bandinellis eignen Briefen erhalten, hinreichend, den neidischen, falschen, verleumderischen Geist und die alberne Eitelkeit des Mannes offenbar zu machen. Dazu treten seine geschmacklosen Werke noch. Nur eins muß man ihm lassen: unermüdliche Arbeitsamkeit; und von einem Verbrechen dürfen wir ihn freisprechen, mögen auch die anderen Niederträchtigkeiten wahr sein: er kann den Karton des Michelangelo im Jahre 1512 nicht zerschnitten haben.

Vasari erzählt allerdings ganz genau, wie Bandinelli sich den Schlüssel verschafft, wie er als ein Anhänger der Leonardoschen Partei Michelangelo gehaßt und beneidet habe, und was die Stadt dazu gesagt, nachdem die Tat begangen war. Aber es ist gelogen. Vasari zeigt sich erbärmlich bei dieser Gelegenheit. In der ersten Ausgabe seines Buches findet sich Bandinellis Leben nicht. In dem Michelangelos wird da nur gesagt, der Karton sei im Jahre 1517, als der Herzog Giuliano im Sterben gelegen und niemand Zeit gehabt hätte, sich darum zu kümmern, zerschnitten worden; die einzelnen Stücke seien verlorengegangen. Als die zweite Ausgabe des Bandes erschien, war Bandinelli inzwischen gestorben, und seine Biographie wurde den andern beigefügt. Hier nun erscheint in Bandinellis Leben die Anklage, daß er 1512, als in Florenz alles drüber und drunter ging, in den Saal des Palastes geschlichen sei und den Karton zerschnitten habe, während zugleich im Leben Michelangelos die alte Angabe von dem, was 1517 vorgefallen sei, von Vasari gedankenlos wiederholt wird.

Also in demselben Buche schon ein Widerspruch. So stark aber war der Eindruck von Bandinellis unerträglichem Wesen, daß man die Anklage als begründet angenommen und was für ihn zu sagen war, außer acht gelassen hat. Zwei Umstände sprechen ihn frei. Erstens Condivis Schweigen. Condivi sagt, der Karton sei verloren gegangen, man wisse nicht wie. Hätte Bandinelli die Tat begangen, Condivi (Michelangelo selbst also) würde sie wenigstens angedeutet haben. Zweitens aber gibt uns Benvenuto Cellini selbst das Mittel an die Hand, noch schärferen Gegenbeweis zu führen.

Cellini erzählt, wie er sich erst im Jahre 1513 ernstlich entschieden habe, bei der Goldschmiedekunst zu bleiben; wie er darauf in Siena, Bologna und Pisa gearbeitet und endlich, nach Florenz zurückgekehrt, vor dem Karton des Michelangelo und dem Leonardos gezeichnet habe. Dies muß also notwendigerweise noch 1513 gewesen sein. Hätte Bandinelli aber statt 1512, 1517 die Tat begangen, so wäre auch Cellini nicht der Mann gewesen, sie unerwähnt zu lassen, denn er haßte Bandinelli wie Gift und verehrte Michelangelos Karton als das Höchste, was jemals von diesem geschaffen worden sei.

Diese böse Erinnerung also brachte die Rückkehr der alten herrschenden Familie für Michelangelo nicht mit sich. Überhaupt scheint er das abermalige Emporkommen der Medici zu jener Zeit nicht mit ungünstigen Augen betrachtet zu haben.

»Teuerster Vater«, hatte er nach dem Wiedereintritte der ehemaligen Herren in die Stadt an den alten Lodovico geschrieben, »in Eurem letzten Briefe steht, ich möchte kein Geld bei mir im Hause halten und keins bei mir tragen, und dann, es sei bei Euch darüber gesprochen worden, daß ich mich in ungünstiger Weise über die Medici geäußert hätte. Was das Geld anbelangt, so liegt, so viel ich davon habe, in der Bank bei den Balduccis, und ich führe bei mir zu Hause oder in der Tasche nur, was ich zu den täglichen Ausgaben bedarf. Was die Medici anlangt, so habe ich niemals gegen sie gesprochen, es sei denn, wie alle Welt über sie geurteilt hat. So zum Beispiel über das, was in Prato geschehen ist. Darüber aber würden die harten Steine geredet haben, wenn sie Stimme hätten. Und in der Art ist viel über sie gesagt worden, was ich gehört und wiederholt habe: ob es wahr sei, daß sie so auftreten und so übel wirtschaften; doch will ich nicht sagen, daß ich es geglaubt hätte, und Gott gebe, daß es gelogen sei. Vor vier Wochen aber hat jemand, der sich meinen besten Freund nannte, sehr stark bei mir gegen sie losgezogen, ich verbat mir das jedoch und sagte ihm, es sei nicht recht so zu reden, und er möge stillschweigen. Es wäre doch gut, wenn Buonarroto unter der Hand herausbrächte, von wem man die Angabe haben will, daß ich gegen die Medici gesprochen, ich könnte dann nachforschen, ob es von einem von denen kommt, die sich so freundschaftlich an mich heranmachten, und kann mich in Zukunft vorsehen. Ich bin gegenwärtig ohne Arbeit und warte ab, daß mir der Papst einen Auftrag gebe.«

So hatte Michelangelos Meinung Ende 1512 oder Anfang 1513 gelautet, als Papst Giulio noch lebte. In dem Maße aber, als die Medici sich mehr und mehr in ihrer alten Heimat festsetzten, kehrte größeres Vertrauen zu ihnen zurück, und Michelangelo, der in ihrem Hause aufgewachsen war und sie alle persönlich kannte, hatte keinen Grund. sich auf Seiten ihrer Gegner zu stellen.

In der Tat benahmen sich die Medici unter der Leitung des Kardinals so gut, daß selbst ihre Feinde ihnen die Anerkennung nicht versagen konnten, es werde von ihnen in altgewohnter, vollendeter Staatsweisheit die richtige Mitte innegehalten.

Sie verfuhren als ausgelernte Kenner des florentinischen Naturells. Die Stellung, die ihnen bei ihrem ersten Auftreten gegeben worden war, erschien bald nur als das Resultat der drängenden Aufforderungen Cordonas, denen sich nicht ausweichen ließ; der Staatsstreich und die Berufung des Parlamentes als Gewaltmaßregeln, zu denen sie die Uneinigkeit des Consiglio grande geradezu gezwungen hatte; das Nachfolgende war das Werk der freien Bürgerschaft gewesen. Die spanischen Truppen führten freilich fünfhundert Gefangene, Männer und Weiber, mit sich fort und brandschatzten das Land, eine greuliche Bande diese Armee, mit Türken und allem möglichen Gesindel darunter, an barem Gelde hatten sie von Florenz allein 150 000 Dukaten bezogen, das abgerechnet, was Lucca und Siena zahlten, um sich loszukaufen, aber die Medici waren es, die ihren Abzug vermittelten, während die Soderini ja daran schuld gewesen, daß sie ins Land kamen! Denn der Kardinal Giovanni hatte nur als Legat den Befehlen des Papstes gehorcht, Giulio dei Medici nichts getan, als den Pallesken in Florenz guten Rat gegeben, Giuliano diente beim Heere, und Lorenzo, Pieros Sohn, für den die Stadt eigentlich erobert wurde, hatte sich gar nicht bei den Ereignissen beteiligt. Dieser stellte sich dann erst ein, als alles abgemacht war, und betrat die Stadt als ein Jüngling, der von nichts gewußt und zu nichts verholfen hatte.

Begnadigungen der verurteilten Bürger waren die erste Handlung der Medici. Anhänger der Soderini, die in äußerster Furcht schwebten, wurden persönlich aufgesucht, mit Versicherungen der Hochachtung beruhigt oder gar in Schutz genommen; die Verbannung der Soderini in der mildesten Form ausgesprochen. Der Gonfalonier sollte auf fünf Jahre Ragusa nicht verlassen dürfen, die anderen kamen mit zwei Jahren durch. Es handelte sich ja nur um die Sicherheit des Staates; die Medici dachten nicht daran, Rache zu nehmen.

Zu gleicher Zeit die Entfaltung äußerlichen Glanzes. Giuliano und Lorenzo errichteten zwei Verbindungen junger reicher Leute zum Zwecke öffentlicher Vergnügungen. Die Gesellschaft Giulianos hieß die compagnia del diamante, weil der Diamant das Zeichen Lorenzos, seines seligen Vaters, gewesen war, während die compagnia del broncone, Lorenzos Schar, das Symbol des verstorbenen Piero, einen Zweig, führte. Diese beiden verherrlichten den Karneval des Jahres 13. Während Papst Giulio zu Rom im Sterben lag, bezeichneten prachtvolle Feste das erneute Aufblühen der Medici in Florenz. Das sind die romantischen Zeiten, von denen Vasari so gern spricht, der damals geboren wurde und in seinen Kinderjahren sich erzählen ließ, welch eine pompöse Rolle die Florentiner Künstlerschaft dabei spielte.

Hinter dieser Delikatesse und Zurückhaltung aber lauerte die äußerste Vorsicht, und wo diese besorgt zu werden begann, griff unter dem Sammetmantel hervor eine Tatze mit scharfen Krallen, die keine Rücksicht kannte. Die Partei der Pallesken begann sich zu sondern, nachdem die Medici endlich wieder oben saßen. Unter den Soderinis war es gleichsam Mode geworden, Palleske zu sein, mehr aus Opposition gegen den halb demokratischen Gonfalonier als aus Anhänglichkeit an die verflossene Herrschaft der seit beinahe zwanzig Jahren vertriebenen Familie. Nun war sie wieder da und Soderini fort, die eine Gewalt ersetzt durch die andere: die alten Arrabiaten, die weder die Demokratie noch die Medici, sondern sich selbst oligarchisch an der Spitze der Dinge sehen wollten, fingen an in der Stille zu wühlen. Die Capponi, Albizzi und die alten Erbfeinde, die nach Vertreibung Pieros rehabilitierten Pazzi, waren die Häupter der Opposition. Gleich anfangs hatten sie die Berufung des Parlaments zu hindern gesucht, jetzt verdichtete sich die allgemeine Unzufriedenheit zu einer Verschwörung.

Diese wird entdeckt. Und nun Kerker, Tortur, Hinrichtungen, Verbannungen. Die Medici zeigen sich hier so unerbittlich, daß einer von den Valoris, einer Familie, von der der Umschwung zu ihren Gunsten hauptsächlich ausgegangen war, nur deshalb erst zum Tode, dann zu ewigem Gefängnis verurteilt wird, weil er die Anträge der Verschworenen abgelehnt hatte, ohne sie zu denunzieren. Unter den gefänglich Eingezogenen befand sich auch Machiavelli, der, durch Soderinis Abgang aus seiner amtlichen Tätigkeit herausgerissen, zu den Unzufriedenen gehörte. Glücklicherweise wurde der Kardinal Medici bald zum Papste gewählt: Leo der Zehnte. Nun fühlte man sich sicherer und behandelte die Gefangenen milder, bis endlich die Amnestie erfolgte.

Die Verschwörung fällt in Papst Giulios letzte Tage, die Wahl Medicis auf den 11. März. Einstimmig wurde er gewählt, und wer es am meisten betrieben hatte, war der Kardinal Soderini, mit dem man sich versöhnte. Gleich nach des neuen Papstes Thronbesteigung wurde auch der Gonfalonier aus Ragusa nach Rom berufen und freundschaftlich empfangen. Ein Jubel herrschte in Rom, wie er seit den Tagen der alten Kaiser nicht erlebt war, und in Florenz nicht minder, wo durch die Ehre, die der Stadt mit dieser Wahl widerfuhr, alles ausgelöscht schien, was man gegen die Medici auf dem Herzen hatte. Leider lesen wir, daß die habsüchtige Kaufmannsnatur des Volkes den größten Anteil an dieser Zufriedenheit trug, denn jedermann hoffte durch den Papst emporzukommen und Geld zu verdienen. Eine Art Raserei von Servilismus beherrschte plötzlich die Gemüter; überall wurden die alten Wappen der Stadt, die roten Kreuze, welche die Freiheit bedeuteten, herabgerissen und die mediceischen Kugeln an deren Stelle gesetzt; in Rom drängte sich halb Florenz in den Vatikan und küßte dem Papste die heiligen Füße. Leo äußerte ziemlich verachtungsvoll, nur zwei Leuten sei er begegnet, die es gut mit der Stadt gemeint und ihm die Wahrung ihrer Freiheit ans Herz gelegt hätten: der eine, ein als öffentlicher Narr bekannter armer Teufel, und der andere, Soderini, der Gonfalonier, der, in Rom bis an sein Ende lebend, diesen Titel fortführte.

Die Freiheit schien aber auch in der Tat ein unmöglicher Besitz für die Florentiner geworden zu sein. Denn sogleich wurden nun von den Medicis die alten Pläne, die schon die Borgias hegten, wieder vorgenommen. Ihren Gedanken nach zerfiel Italien jetzt in zwei Königreiche: Neapel, das Giuliano haben sollte, und die andere, nördliche Hälfte der Halbinsel, mit der Hauptstadt Florenz, als die Beute Lorenzos. Ganz ebenso hatte Alexander der Sechste einst das Land unter seine Söhne zu teilen gehofft, jetzt lenkte Leo mit der Kraft eines Mannes, der von Jugend auf für seine große Rolle eingeübt worden war, ein in die Spuren dieser Vorgänger.

Der neue Herr glich dem verstorbenen wenig. Leo der Zehnte war ein Mann von Geschmack und Bildung, liebte geistreiche Leute und fand sein Behagen in verschwenderischem Geldausgeben, aber er wäre in Sachen der Kunst nicht imstande gewesen, die großen Meister zu wählen wie Giulio, hätte nicht wie dieser gesagt, dies kann Michelangelo allein, dies Raffael leisten. Musik war seine Leidenschaft, allerlei Narrheiten und Witze sein unentbehrlicher Zeitvertreib. Schlau und rücksichtslos in politischen Dingen, erreichte er viel, aber seine Erfolge scheinen ärmlich den Taten Giulios gegenüber. Fett, mit gewaltigem Oberkörper und schwammig riesenhaft geschnittenen Gesichtszügen, stand er auf schwächlicheren Beinen, seine blöden, kurzsichtigen Augen drangen froschartig vor, die dicken Lippen packten wie zwei Fäuste ineinander: wie anders die tiefliegenden, durchdringenden Blicke Giulios und dessen energischer Mund mit den eingebohrten, dreieckigen Winkeln. Leo des Zehnten Bild von Raffael ist geschmeichelt; auf Münzen und Medaillen erscheint er weniger geistig in seiner ganzen wanstartigen Fülle. Wenn man dieses gedunsene, große Gesicht sieht und sich denkt, wie der Papst mit einer Brille auf der Nase mitten unter schmeichelnden Musikern die erste Stimme singt, wie er, ewig in Transpiration und mit den von Ringen blitzenden Händen, auf deren Schönheit er eitel war, herumkokettierend, über die Späße seiner Tischgesellschaft lacht, wie er einem wackeren, weitgereisten deutschen Edelmanne Audienz gibt, der ihm, nach abgetanem Fußkusse sich aufrichtend unter die Nase stößt, so wird er fast lächerlich; ekelhaft sogar, wenn wir von seinen Krankheiten lesen; – Raffaels bloßes Dasein aber macht alles wieder gut, er erhebt den Papst und ganz Rom in eine ideale Sphäre.

Wie der Geist Shakespeares die Zeit der Königin Elisabeth mit einem Firnis überglänzt, der das unscheinbarste frisch und neugiererregend macht, so verleiht die Gegenwart Raffaels dem Hofe Leo des Zehnten den Anstrich jugendlicher Anmut. Es ist als hätte sich das sonst trübe hinfließende Gewässer des Lebens in lauter sonnenblitzende Springbrunnen verwandelt. Raffaels Porträt des Papstes, und wenn wir es noch so sehr für geschmeichelt halten, gewinnt den Schein der wahrsten Wirklichkeit, und der gesamte Charakter des Mannes, alles in allem, etwas Freies, Unabhängiges, ja Großartiges. Denn Papa Lione war von fürstlicher, unwiderstehlich einschmeichelnder Herablassung gegen Niedere, ein vollendeter Diplomat aber Fürsten gegenüber. Nichts von Feigheit liegt in seinem Wesen. In schwierigen Lagen war er kaltblütig aufgetreten. Als er im Kardinalskollegium die Zettel vorzulegen hatte, und es sich zeigte, daß er selber der gewählte Papst sei, las er ruhig weiter, ohne daß seiner Stimme die mindeste innere Bewegung anzumerken gewesen wäre. Er erkannte die Charaktere der Menschen, er lenkte und benutzte sie, und seine prachtvolle Art, Rom als den Mittelpunkt der zivilisierten Welt darzustellen, hat sich so erfolgreich erwiesen, daß er, der für die bildenden Künste nur wenig getan hat, dennoch Giulios Ruhm beinahe ganz auf sich zu übertragen und in der Geschichte als der Mann aufzutreten verstand, ohne dessen Namen von der Blüte der modernen Kunst nicht gesprochen werden kann.

Nennen wir Glück ein erhebendes Gefühl der Gegenwart mit der Aussicht auf eine Zukunft, deren sich mehrende Vorteile ein ins Unendliche fortschreitendes Wachstum erwünschter Zustände darbieten, so daß die Erinnerung an die Vergänglichkeit des Irdischen und an die zerstörerische Ironie des Schicksals leicht von der Seele gescheucht wird, als ließe die gewaltige Regel dennoch Ausnahmen zu, dann war die Familie Medici vollkommen glücklich in jenen Tagen, als Leo der Zehnte im November 1515 in Florenz einzog. Giuliano, den Gonfalonier der Kirche, hatte er mit einer französischen Prinzessin vermählt. Lorenzo ist Generalkapitän der florentinischen Republik (gegen die Gesetze, denn kein Eingeborner durfte diese Würde erhalten; das aber kümmerte ihn wenig), er kommandierte die Stadt so unumschränkt, als wenn er ihr Herzog wäre. Giulio dei Medici ist Erzbischof von Florenz, Kardinal und Legat in Bologna. In Frankreich ist Ludwig der Zwölfte gestorben. Seine Rüstungen zur Wiedereroberung der Lombardei sind dem Herzoge von Angoulème zugute gekommen, der als Franz der Erste im Beginn des Jahres 1515 den Thron besteigt, mit einem Heere in Italien erscheint, in der Schlacht von Marignan das Beispiel glänzender siegreicher Tapferkeit gibt und, nachdem er Frankreich abermals zum Herren der italienischen Politik gemacht hat, den Papst und die Medici, die anfangs gegen ihn mit dem Kaiser zu Felde gezogen sind, zu seinen Freunden umschafft. Jetzt, im Herbste 1515, will Franz mit dem Papste in Bologna zusammentreffen, und auf der Reise dahin betritt Leo zum ersten Male nach seiner Erhöhung die Vaterstadt wieder, deren Bürger im Entzücken über seine Ankunft die Mauer einreißen, um ein neues Tor zu schaffen: Leos Einzug in Florenz schien die Besiegelung der in Dienstbarkeit verwandelten Freiheitsliebe.

Damals war es, daß Machiavelli sein zwei Jahre früher begonnenes Buch über den Fürsten, il Principe, dem jungen Lorenzo zueignete, ein Akt, der in jenen Zeiten weniger als heute eine bloße Höflichkeit bedeutete. In diesem Fürsten, dessen Begabung der venezianische Gesandte mit der Cesare Borgias vergleicht, erblickte Machiavelli den zukünftigen Herrn und Retter Italiens. Das Buch, so objektiv und allgemein es gehalten scheint, ist im Grunde doch nur für Florenz und Lorenzo berechnet – und für Machiavelli selber. Denn er wollte sich als brauchbaren Mann darstellen und auf alle Fälle wieder in aktive Dienste treten. Das aber gelang ihm doch nicht. Die Medici urteilten vielleicht, daß ein Geist, der so genau die Mittel und Wege und Leidenschaften der Fürsten kannte, ein zu bedenklicher Beobachter in ihrer nächsten Nähe sei.

Den 11. November war Leo, wie Michelangelo seinem Bruder Buonarroto schreibt, von Rom nach Florenz abgereist. Buonarroto dann wiederum schildert ihm in einem langen Briefe die Pracht des Einzuges, der übrigens in einem besonderen Buche offiziell der Welt mitgeteilt wurde.

Zwölf Triumphbögen erwarten den Papst in den Straßen von Florenz, Tempel, Säulen, Statuen, Fahnen, Blumen, Teppiche, die Stadt erschien wie ein einziger geschmückter Palast und die Bürgerschaft, in ausgesucht prachtvoller Kleidung, wie eine Schar glückseliger Kinder, die ihrem Vater entgegenjubeln.

Damals war auch Granaccio wieder bei der Hand und errichtete einen der Triumphbögen, grau und grau die Malereien und freie Statuen darauf, er und Aristotile di Sangallo hatten diese Arbeit vollbracht, die Staunen erregte; Giuliallo und Antonio di Sangallo vor dem Palaste der Regierung einen Tempel aufgebaut; Rosso, Montelupo, Puntormo, lauter Namen einer Generation, sich beteiligt. Das Prachtvollste aber war eine aus Holz aufgebaute, marmorartig gemalte Fassade vor Santa Maria del Fiore, von Sansovino nach den Zeichnungen des alten Lorenzo dei Medici errichtet, der sich wohl auf die Architektur verstand. An diesen Herrlichkeiten vorüber wälzt sich der schimmernde Zug des Papstes, in dessen Gefolge sich Raffael befindet. Diese Reise auch bot dein Papste Gelegenheit, zum erstenmale Michelangelos Dienste in Anspruch zu nehmen.


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