Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

 << zurück weiter >> 

VI

Michelangelo konnte sich mit einigem Rechte über die Medici beklagen: sehen wir die Gründe aber, aus denen der Bau der Fassade in jener Zeit ins Stocken geriet, so bleibt doch nur das allgemeine Schicksal als der Schuldige übrig. Zu der Zeit, wo der Bau beschlossen ward, stand die Familie auf dem Gipfel ihrer Macht. Von 1516 an aber war der Umschlag eingetreten. Gegen die Intrigen der Menschen waren sie stark genug gewesen: gegen den Tod vermochten sie so wenig als andere Sterbliche, und dieser vernichtete jetzt den stolzen Aufbau, den, der Zukunft vorgreifend, die Familie in Gedanken für sich errichtet hatte.

1516 starb Giuliano. Lange schon hatte er sich krank und melancholisch hingeschleppt. Ein Sonett von ihm ist erhalten, in dem er den Selbstmord verteidigt. Die herrschende Epidemie jener Zeiten fraß ihn langsam auf. Er war un uomo dabbene, urteilte man, und indem die Italiener von damals ihm ein solches Zeugnis der Ehrenhaftigkeit ausstellen, zeigen sie, daß doch das allgemeine Gefühl des Guten und Sittlichen immer gewürdigt und anerkannt wurde. Zu dem projektierten Königreiche Lorenzos war das Herzogtum Urbino durchaus unentbehrlich. Giuliano aber wußte, so lange er lebte, trotz der politischen Notwendigkeit zu verhindern, daß den Roveres etwas zuleide geschähe. In den bösen Zeiten des Exils hatte er in Urbino Aufnahme gefunden, und auch Leo, obgleich er den verstorbenen Giulio (ganz wie dieser Alexander Borgia) einen verfluchten Juden genannt, fühlte sich dessen Familie verpflichtet. Giulianos letzte Worte, die er mit seinem päpstlichen Bruder wechselte, waren eine Bitte zugunsten der Roveres. Leo erwiderte, er möge vor allem nur daran denken, bald wieder gesund zu werden. Kaum aber war Giuliano tot, als die Galgenfrist des Herzogs von Urbino abgelaufen war. Leo erklärte, der alte Mord am Kardinal von Pavia, um dessentwillen Giulio seinen Neffen in den Bann getan, in der Folge aber auch wieder absolviert hatte, sei noch ungesühnt, tat den Herzog aufs neue in den Bann, enthob ihn seiner Würde und machte Lorenzo dei Medici zum Herzog von Urbino.

Wir können, was nun folgte, als Unglück auffassen, genauer betrachtet wartete doch nur die natürliche Rache des Schicksals. Denn Leo hatte nicht nur Unrecht getan, sondern auch gegen seine innerste Natur gehandelt. Er war eigentlich bequem, liebte die Ruhe, wollte seinen Neigungen leben, im Vatikan sich das Geschwätz der Stadt zutragen lassen und mithineinreden, ein bißchen Kunst beschützen, ein bißchen auf die Jagd gehen, ein bißchen die Sitten der Geistlichen verbessern (wenn ein Geistlicher öffentlich auf den lieben Gott geflucht oder schimpfliche oder sogar obszöne Dinge auf den Herrn Christus oder die Jungfrau Maria gesagt hat, soll er, wenn er ein öffentliches Einkommen hat, das erste Mal drei Monate davon einbüßen, ein Herr von Adel dagegen hat nur fünfundzwanzig Dukaten zum Besten der Peterskirche zu erlegen; dies eine Probe von den neuen, verschärften Strafgesetzen) – kurz, der Papst war milde und liebenswürdig, und die Worte, die er nach seiner Erhebung zu Giuliano sagte: »Genießen wir nun die Herrschaft, die uns Gott gegeben hat«, waren gewiß aus tiefster Seele gesprochen.

Lorenzo aber und dessen Mutter Alfonsina bildeten das treibende Element. Sie stachelten Leo, der lieber mit der Zeit gelegentlich gehandelt hätte, zu rascherer Politik. Stolz, auffahrend, kriegerisch und von Ehrgeiz verzehrt, noch um die Hälfte mehr ein Orsini, als sein Vater Piero gewesen war, verachtete Lorenzo die stille Methode seiner Oheime. Er setzte den Krieg gegen Urbino durch und focht ihn aus in den Jahren 1517 und 18. Der Herzog von Urbino wird vertrieben, in Rom aber zettelt dessen Partei ein Komplott gegen das Leben des Papstes an (wieder war jener San Giorgio dabei beteiligt), die Verschwörung wird entdeckt, und die schuldigen Kardinäle, statt zu fliehen, werfen sich mit reumütig tränenvollem Bekenntnis dem Papste zu Füßen, der ihnen verzeiht. Nichts zeigt so sehr den Charakter Leos. Daß man ihm in einem solchen Falle zutraute, er werde verzeihen, und daß die Rechnung eine richtige war, beweist, wie sehr man die geheime Schwäche seines Wesens kannte. Giulio der Zweite hätte sie alle miteinander daran glauben lassen.

Endlich hat Lorenzo nun das Herzogtum in seiner Gewalt. Eine französische Prinzessin ist seine Gemahlin. Im Jahre 1518 feiert er die Hochzeit, das folgende aber wird sein Todesjahr. Und zu derselben Zeit sterben seine Mutter Alfonsina und Magdalena Cybo, Leos Schwester, nachdem Contessina Ridolfi schon früher vorangegangen war. Das war das Ende aller Pläne. Der Papst saß nun allein im Vatikan, in dessen Gärten der kleine Hippolyt, Giulianos nachgelassener unehelicher Sohn, spielte, sein einziges Kind überhaupt; in Florenz übernahm der Kardinal Medici die Regierung.

Wofür sollten die beiden sich jetzt noch bemühen? Aber auch hier die Heilung der Krankheit in dem Übel selbst wieder, das sie verursacht: Leos alte, unbesorgte Natur ließ sich nicht irre machen. Nach wie vor gab er sich den Dingen hin, die ihm die Zeit vertrieben, und statt über dem Unheil zu brüten, das ihn so arg betroffen hatte, jagte er, sang er, schwatzte er und verfolgte die allgemeine Politik der Päpste weiter: keine fremde Macht in Italien aufkommen zu lassen und sich der europäischen Fürsten, eines gegen den anderen zu bedienen. Nur Geld ausgeben konnte er nicht mehr wie früher. Alles war verschwendet. Der ganze ungeheure Schatz, den Giulio der Zweite aufgesammelt und Leo hinterlassen hatte, war daraufgegangen. Der Krieg Lorenzos gegen Urbino hatte zuviel gekostet. Alle Tage mußte ein frischer Korb mit Goldstücken dem Papste zur Hand stehen, der abends geleert war: 8000 Dukaten wurden dafür allein jeden Monat erfordert. Die Juwelen der Krone waren bei Chigi versetzt. Kardinalstellen wurden verkauft. Es waren wirklich die Mittel nicht mehr vorhanden, den Bau der Fassade von San Lorenzo fortzuführen. Man hätte gern weitergebaut, wenn es möglich gewesen wäre.

Von den neuen Arbeiten, mit denen Michelangelo zum Ersatz bedacht werden sollte, verlautete nichts einstweilen. So mißmutig war er, daß er eine Zeitlang gar nichts anrühren mochte und, was er etwa begann, unfertig wieder stehen ließ. Einige seiner unvollendeten Skulpturen, deren eine ziemliche Anzahl vorhanden sind, gehören vielleicht in diese Zeit. Zuletzt wandte er sich wieder zum Grabdenkmale Giulios, dessen Blöcke teilweise nun in Florenz lagen. Mit dem Kardinal Medici stand Michelangelo gut. Der Kardinal war ein ernster Mann, der statt des prachtvollen Hofes, in dessen Mitte Lorenzo mit seiner Gemahlin regiert hatte, einsam und still im Palaste Medici saß und die Gesellschaft geistreicher liberaler Männer suchte, deren Einfluß auf die Regierung nicht verborgen blieb.

Von diesem Umschwung im geistigen Leben der Stadt gibt ein Dokument Kunde, das, datiert aus dem Herbste 1519, Michelangelo als einen der Männer erscheinen läßt, die die geistige Aristokratie der Stadt bildeten. Es existierte noch immer die Stiftung des alten Lorenzo, die platonische Akademie in Florenz, in der philosophiert und gedichtet ward und die an öffentlichen Tagen die Blüte ihrer Bestrebungen dem ganzen Volke darzulegen pflegte. Heruntergekommen aber, fristete sie nur noch ein kümmerliches Dasein. Der Kardinal Medici brachte neues Leben in diese Dinge; im Oktober 1519 geht eine Bittschrift nach Rom ab, worin an die Gnade des Papstes appelliert wird, einmal um die Gewährung von Geldmitteln, dann aber um die Erlaubnis, Dantes Asche nach Florenz zurückbringen zu dürfen. Diese Bitte entsprang keiner romantischen Laune, etwa daß den Florentinern mehr an dem Namen des großen Dichters als an ihm selbst gelegen hätte: Dantes Gedicht war für Florenz etwa, was Homers Gesänge für Griechenland. Seit den öffentlichen Vorlesungen, welche Boccaz über ihn gehalten, finden wir immer wieder das Verlangen auftauchen, Dante müsse öffentlich erklärt werden. Zu Ende des 14. Jahrhunderts sorgte der Staat selbst dafür und setzte dem für dieses Amt zu erwählenden Gelehrten 100 Goldgulden jährlich aus, eine bedeutende Summe. Zu Anfang des 15. sehen wir diese Bestimmung erneuert. 1495 war Dantes Urenkel von den Folgen, welche die Verbannung seines Vorfahren etwa für ihn haben könnte, entbunden worden. Jetzt endlich verlangte man die Asche zurück.

Michelangelo liebte Dante vor allen anderen Dichtern. Er wußte ganze Gesänge von ihm auswendig. Seine eignen Gedichte bewegen sich in Dantes Formen und Anschauungen. Er soll ein Buch mit Umrissen zu Dante gezeichnet haben, das bei einem Schiffbruche verloren ging. Wir finden Michelangelos Namen mit unter der Petition. »Ich Michelangelo, der Bildhauer«, schreibt er, »ersuche gleichfalls Eure Heiligkeit und erbiete mich, dem göttlichen Dichter ein seiner würdiges Denkmal an einem ehrenvollen Orte in der Stadt aufzurichten.« Während die anderen nur um die Asche des Dichters und um Geld bitten, faßt Michelangelo die Sache anders und will ein Denkmal für ihn liefern. Er konnte das wohl, denn er war ein wohlhabender Mann, der sparsam lebte, für große Zwecke aber nie sein Geld zurückhielt.

Wir sehen aus den Unterschriften dieser Supplik zugleich, in welcher Gesellschaft er sich damals bewegte. Die bedeutendsten Namen der Stadt finden wir da vereinigt, den literarisch gebildeten Adel von Florenz, alle lateinisch gefaßt (statt Palla Rucellai lesen wir Pallas Oricellarius), nur Michelangelo schreibt dazwischen: io Michelagniolo schultore und so weiter. Italienisch, weil er Latein nicht verstand und weil er stolz auf die Sprache Dantes sie nicht zurückgesetzt wissen wollte. Öffentliche Dinge, sagte er, müßten in der Sprache aufgezeichnet werden, in der sie mündlich verhandelt würden. Er ist der einzige Künstler, der unter der Bittschrift steht. Es scheint, daß er sich aus den eigentlichen Künstlerkreisen ganz entfernt hielt. Aber, wie ein großer Gelehrter, der sich einsam in seiner Stube hält, dennoch die Seele einer ganzen Universität sein kann, so bildete er den Mittelpunkt der Florentiner Kunstbestrebungen.

Überhaupt, so zurückgezogen Michelangelo lebte, sein Auge wachte über allem, was geschah. Er trat nur selten öffentlich auf, bei solchen Gelegenheiten nur, wo er Einwirkung für unentbehrlich hielt, dann aber auch geschah es mit aller Energie. Sein alter Freund Baccio d'Agnolo, oberster Architekt an Santa Maria del Fiore, hatte für die noch unvollendete Kuppel des Domes den Entwurf einer außen, an der Stelle wo die Wölbung beginnt, rings umlaufenden Galerie gemacht, nach welchem bereits ein ziemliches Stück Arbeit zustande gebracht worden war. Brunelleschis Zeichnung dafür war verloren gegangen. Da läßt Michelangelo seine Augen einmal wieder über Florenz hingehen und entdeckt was geschieht. Er bemerkt, wie man der kühnen Art Brunelleschis entgegen und im Widerspruch gegen den ganzen Bau einen schmalen Gang um die Kuppel zieht, er sieht, wie man die mächtigen Tragsteine abmeißelt, welche Brunelleschi für das zukünftige Werk hatte ausragen lassen. Jetzt half keine Freundschaft mehr. Was der Heuschreckenkäfig da oben solle? Etwas Gewaltiges, Großartiges gehöre dahin. Er wolle zeigen, wie es zu machen sei.

Eine Kommission aus sachverständigen Künstlern und Bürgern verhandelt darauf die Angelegenheit in Gegenwart des Kardinals. Michelangelo legt seine Zeichnung vor, welche mit der Baccios verglichen wird. Solche Kommissionen, selbst wenn die klügsten Leute dabei sind, bringen nie Entscheidendes zustande: man begriff, daß Baccio etwas, wenn auch gut Angelegtes, doch zu Kleines, Unbedeutendes geliefert habe, konnte sich aber auch nicht zu Michelangelos Vorschlägen entschließen. Und so steht heute noch die Kuppel des Domes da, halb umgeben von Baccios Galerie, halb von den ausspringenden Tragsteinen Brunelleschis umringt. Das ist die wahre Geschichte des ungerechten Vorwurfs, den Passavant in seinem Leben Raffaels gegen Michelangelo erhebt: er habe die Vollendung der Kuppel des Doms von Florenz verhindert! Wie sehr Michelangelo die Werke Baccio d'Agnolos zu schätzen und zu schützen wußte, zeigt in späterer Zeit seine Sorge um den Turm der Kirche von San Miniato, der gerade jetzt zu bauen begonnen ward. Michelangelo hatte stets die Sache und niemals die Person im Auge. Daher so oft die schneidende Härte, mit der er auftrat, von der aber in den meisten Fällen die Betroffenen selber nicht beleidigt wurden. Sie verstanden ihn.

Noch eine unbedeutendere Arbeit für den Kardinal sei erwähnt, als in diese Zeit fallend. Im Erdgeschosse des Palastes Medici, den Michelozzo einst für den alten Cosmo errichtet hatte (heute unter dem Namen Palazzo Riccardi bekannt, da er in späteren Zeiten, als die Medici größere Paläste zu ihrer Residenz benutzten, verkauft worden war), befand sich eine Loggia, ein nach der Straße zu offener Raum, in welchem die Bürger der Stadt zu gelegentlichen Besprechungen zusammenzukommen pflegten. Der Kardinal ließ sie in ein geschlossenes Zimmer verwandeln. Die offenen Bogen wurden vermauert und Fenster eingesetzt. Michelangelo machte die Zeichnung dazu. Berühmt war das nach seiner Angabe vom Goldschmied Piloto anfertigte bronzene Gitterwerk der Fenster. Das Innere des Zimmers malte Giovanni da Udine aus, einer von den Gehilfen Raffaels, der ihm im Vatikan zur Hand gegangen war, besonderen Ruhm aber durch die Girlanden an der Decke der Farnesina erwarb, jene Blumenarchitektur, zwischen der Raffael die Geschichte der Psyche malte.


 << zurück weiter >>