Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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II

Die Sache mit dem Herzog von Urbino aber, obschon es zum Vergleich gekommen war, ruhte unterdessen nicht. Das Geschwätz gegen Michelangelo dauerte fort und brachte ihm endlich eine Kränkung ein, die gerade von der Seite, von der sie kam, und durch die Art, wie der Streich geführt wurde, ihn empfindlich berühren mußte.

Es lebte und schrieb damals ein Mann in Italien, der zu den merkwürdigsten Erscheinungen seiner Nation gehört: Aretin; sein Name wurde schon genannt. Um ihn mit wenigen Worten zu charakterisieren, könnte es genügend erscheinen, ihn für einen der geistreichsten und zugleich verächtlichsten Menschen zu erklären. Allein so sehr dies zutrifft, so wenig Inhalt würden diese Bezeichnungen haben ohne die Darlegung der Umstände, unter denen der Mann wirkte. Aretin steht als eine Persönlichkeit da, die jedem Ekel einflößen muß, der nur die schwächsten Anforderungen moralischen Art an den Menschen macht. Auch urteilte man seinerzeit so über Aretin in Italien. Zugleich aber wurde geduldet, daß seine Schriften einen Einfluß auf die öffentliche Meinung ausübten, wie ihn in jetziger Zeit kein Journal in Frankreich, England oder Amerika besitzt, denn auch das mächtigste Blatt steht ohne Widerspruch nicht da und hat die öffentliche Meinung nicht als alleiniger Inhaber in der Hand: Aretins Blätter aber wirkten ohne alle Konkurrenz, wenn er sie von Venedig aus, wo er wie eine giftige Kröte in unnahbar freien Sümpfen saß, in die Welt sandte.

Er ist der Stammvater der modernen Literaten. Er schrieb über alles und für jedermann. Prosa und Verse, Weltliches und Geistliches, Erbauendes und Verführerisches. Im Auftrage einer Frau wie Vittoria Colonna, an die er zuweilen sogar Briefe richten durfte, verfaßte er ein frommes Buch; für Mark Anton, den Kupferstecher, dichtete er den Text zu einer Reihe von Darstellungen so anstößiger Art, daß sie den Künstler selbst, trotz aller Protektion hoher Kardinäle, ins Gefängnis brachten. Aretin aber setzte bei Clemens dem Siebenten die Freilassung durch! So schlagend war sein Witz und so schneidend seine Schärfe, daß, den Kaiser miteingezählt, fast alle Fürsten und größeren Edelleute Italiens abhängig von ihm wurden. Viele suchten ihn durch Geschenke bei gutem Willen zu erhalten. Keiner konnte gegen ihn aufkommen, ungestraft schickte er seine Pfeile nach allen Seiten aus und traf den Nagel auf den Kopf, wo er treffen wollte. Tizian, als er 1548 in Rom war, schrieb an ihn nach Hause: »Allewelt fragt mich hier nach euch; eure Meinung wollen sie alle wissen; ihr gebt den Ton an.« Aretin selbst nannte sich die »Geißel der Fürsten« und war stolz auf diesen Beinamen. Wenn die hohen Herren nicht zahlten, drohte er. Wenn auch dann die Gelder ausblieben, schlug er zu. Wehe dem, über den es dann herging. Gewöhnlich besänftigte man ihn beizeiten. Von manchem Fürsten empfing er regelmäßige Pensionen.

Natürlich, daß auch die Künstler Aretins Oberherrschaft anheimfielen. Er empfahl die, welche seine Freunde waren. Aber er erforderte Erkenntlichkeit. Tizian fand einen unermüdlichen Lobsprecher an ihm. Aretin war der Freund seines Hauses; manches über Tizians Wirksamkeit wissen wir nur aus seinen Briefen. Sansovino, der damals ein wenig den Michelangelo in Venedig spielte und große Aufträge hatte, war sein Freund und genoß in schwierigen Fällen seines Beistandes. Vasari war sein Freund. Von überall her trugen ihm diese Verhältnisse Bilder, Skizzen oder Zeichnungen ein, die er dann wieder den Fürsten, welche seine Kunden waren, anbot, wie sich von selbst versteht, nicht ohne Gegengeschenke zu erhalten. Ein Brief von vollendeter Grobheit findet sich in seiner Korrespondenz, den er an Bandinelli geschrieben hat, als dieser seinen Tribut einzuliefern versäumte. Zuerst erinnert er ihn an die in Zeiten geleisteten guten Dienste, als sie noch zum mediceischen Hofe gehörten; dann wirft er ihm seine Undankbarkeit vor, und zum Schluß verhöhnt er seine unverschämte Anmaßung, Michelangelo überbiete zu wollen. Mit jedem Worte muß das Schreiben den eitlen Mann getroffen und beleidigt haben. Solche Briefe pflegte Aretin dann nicht allein demjenigen mitzuteilen, an den sie gerichtet waren, sondern in Abschriften über Italien zu verbreiten. Dies war seine Methode. Und er schrieb so pikant, daß begierig danach gegriffen wurde. Nicht was man geistreich im edleren Sinne nennt, sind seine Sätze, aber er verstand es, die Dinge auf den Kopf zu stellen, die Sprache zu seltsamen Verzuckungen zu bringen, und mitten aus seinen verdrehten Sätzen herausfallend plötzlich in den gewöhnlichsten Worten doppelte Kraft zu entfalten. Er war ein Künstler in seinem Fache. So wertlos und matt uns heute das meiste erscheint, was er geschrieben hat, so scharf einschneidend wirkte es in der Zeit, für die es berechnet war.

Aretin also, dem es zum Bedürfnis wurde, mit allem in Verbindung zu stehen, was an hervorragenden Männern in der Welt existierte, machte sich endlich auch an Michelangelo. Es scheint nicht, daß er aus den früheren römischen Zeiten mit ihm bekannt war. Raffael freilich, rühmt er sich selber, hatte nicht verschmäht auf seinen Rat zu hören: am Hofe Leo des Zehnten war er mit ihm zusammengetroffen, und Sebastian del Piombo gehörte zu seinen genauesten Freunden. 1527 mußte ihn dieser im Namen des Papstes ersuchen, dem Kaiser doch den traurigen Zustand Roms zu Gemüte zu führen, und es wurden Aretin damals schon die Anfänge der Versprechungen gemacht, auf die hin er später Kardinal zu werden hoffte. Michelangelo dagegen finde ich nicht eher von ihm erwähnt als im Jahre 35. Vasari, wahrscheinlich um Abwechselung in die Zeichen der Hochachtung zu bringen, mit denen auch der Herzog Alessandro den mächtigen Schriftsteller sich geneigt erhielt, sandte ihm damals zwei Zeichnungen und einen modellierten Kopf von Michelangelos Arbeit, und Aretin dankt dafür in Ausdrücken, als wären die größten Kunstwerke der Welt in Venedig angelangt. Was das für ein Kopf war, und was aus den beiden Blättern, das eine eine heilige Caterina, die Michelangelo noch als Knabe gezeichnet hätte, das andere ein Ohr, geworden ist, habe ich nicht ergründen können. Aretin schreibt darüber, als sei die ganze Stadt in staunende Bewunderung ausgebrochen.

Mag dies nun Übertreibung sein, so zeigt es doch, wie hoch Michelangelo in Venedig gestellt wurde. Aretin wußte, worauf es ankam. Er denkt nicht daran, Tizian oder Sansovino mit Michelangelo nur zu vergleichen. Er verstand den Unterschied zwischen Farbe und Zeichnung. »Schöne Farben ohne Zeichnung«, heißt es in einem seiner Briefe vom Jahre 37, »mit denen allerlei buntes Zeug ohne richtige Umrisse zustande gebracht wird, welche Ehre erwerben die? Der wahre Ruhm der Farbe liegt in den Pinselstrichen, wie sie Michelangelo zu führen weiß, der Natur und Kunst so völlig inne hat, daß sie selbst nicht wissen, ob sie von ihm oder er von ihnen zu lernen habe. Ein guter Maler muß mehr verstehen als einen Sammetpelz oder eine Gürtelschnalle gut zu malen.« Man sieht, wie damals schon der Kampf in Blüte stand, der seitdem ununterbrochen zwischen den Künstlern fortgeführt worden ist. Aretin wußte, auf welche Seite er sich zu stellen hatte, und in demselben Jahre, in dem er so über Michelangelo urteilte und seine unbedingte Anhängerschaft an ihn der Welt zu erkennen gab (denn das versteht sich von selbst, daß ein solcher Brief die gehörige Verbreitung fand), wendet er sich endlich an den großen Meister selbst.

Zuerst seine unendliche Verehrung für ihn. Die Auseinandersetzung darauf, welches sein Hauptverdienst sei: die Fähigkeit, durch den Umriß allein so Ungeheures auszudrücken. Dann erst, nachdem dies als Einleitung in breiten Worten dargelegt worden ist, die Hauptsache mit folgender Wendung »und somit, ich, der ich durch Lob und Tadel soviel vermag, daß fast alles was an Anerkennung sowohl als an Geringschätzung anderen zuteil geworden ist, durch meine Hand verliehen wurde, ich, dennoch sehr wenig und sozusagen nichts, begrüße euch. Wagen würde ich es nicht, hätte nicht durch die Achtung, die sein Klang einem jeden Fürsten einflößt, mein Name nicht schon soviel von seiner Unwürdigkeit verloren. Und doch, euch gegenüber bleibt mir nichts als die Ehrfurcht! Könige gibt es genug in der Welt, aber nur einen Michelangelo! Welch ein Wunder, daß die Natur, die nichts so erhaben schaffen kann, daß ihr es nicht erreichtet, ihren eigenen Werken den Stempel hoher Majestät nicht aufzuprägen vermag, den die ungeheure Macht eures Griffels in sich trägt! Phidias, Apelles und Vitruvius stehen im Schatten neben euch« – und so fährt er fort durch lange Sätze hindurch, bis endlich die Rede aufs Jüngste Gericht kommt und mit einem Überflusse allegorisch poetischer Vorstellungen, die halb Bilder, halb Gedanken sind, dargelegt wird, wie er selbst sich dies große Ereignis als Gemälde denke. Zum Schluß die Versicherung, daß er zwar einen Schwur getan, nie wieder nach Rom zu kommen, Michelangelos Werk aber werde ihn sich selbst treulos machen. Übrigens möge dieser sich von seiner brennenden Sehnsucht überzeugt halten, der Welt sein Lob zu verkünden. – Im ganzen und einzelnen gehört dies Schreiben zu den unverschämtesten Schriftstücken, die mir jemals vorgekommen sind. Wie groß die Macht Aretins aber gewesen sein muß, geht aus der Art hervor, wie es beantwortet wurde.

Nichts war Michelangelo unerträglicher als Anmaßung. Wo er sie fand, regte sie ihn zu rücksichtslosem Widerspruche an. Er sagte den Leuten ins Gesicht, sie verständen nichts von den Dingen. Hätte er in Aretin einen weniger Mächtigen vor sich gehabt, der ihm vorschreiben wollte, wie das Jüngste Gericht zu malen sei, er würde entweder voll Verachtung geschwiegen oder ihn mit wenigen Worten so zurückgewiesen haben, daß er niemals wieder guten Rat von dieser Seite zu besorgen gehabt hätte. Aretin aber war mächtig in der Tat. Und so bedient sich Michelangelo in seiner Antwort des Mittels, das ihm ebenso geläufig war: der feinen Persiflage, die von seinen Gegnern nicht weniger gefürchtet zu werden pflegte als seine unumwundene Offenheit.

»Hochverehrtester Herr und Bruder«, schreibt er, »euer Brief hat mich zu gleicher Zeit mit Betrübnis und mit Freude erfüllt. Erfreut hat er mich, weil er von euch kommt, der ihr einzig in eurer Art seid, betrübt, weil bereits ein so großer Teil meines Gemäldes fertig ist, daß ich eure Gedanken nicht mehr dabei benutzen kann. Denn hättet ihr das Jüngste Gericht in Person mitangesehen, ihr würdet es nicht besser haben beschreiben können, als in eurem Briefe geschehen ist.

Was euer Anerbieten betrifft, über mich zu schreiben, so macht es mir nicht nur Vergnügen, sondern, da Kaiser und Könige es für die höchste Gnade erachten, wenn eure Feder sie nennt, bitte ich darum. Sollte euch in bezug darauf irgend etwas, was in meinem Besitze ist, erwünscht und angenehm sein, so offeriere ich es mit der größten Bereitwilligkeit. Und zum Schluß, was euren Vorsatz anlangt, nicht wieder nach Rom kommen zu wollen, so werdet demselben ja nicht deshalb etwa untreu, weil ihr meine Malerei sehen wolltet. Das wäre wirklich zuviel. Ich empfehle mich euch.«

Diesen Brief muß Michelangelo länger als ein Vierteljahr nach dem Empfang von Aretins Zuschrift haben abgeben lassen, denn erst am 20. Januar 38 antwortete dieser darauf. Statt zu begreifen, wie ihm gleichsam die Rechnung abverlangt worden war für die Reklame, zu der er sich erboten hatte, nimmt er Michelangelo beim Wort und bittet um ein Stück Handzeichnung, »wie er es ins Feuer zu werfen pflege«, seine gewöhnliche Art Künstler anzuzapfen. Darauf keine Antwort, und Michelangelo hat auf fünf Jahre Ruhe vor dem Manne, der Ruhm und Schande austeilt. Erst 1544 kommt Aretin wieder. Er meldet, der Kaiser habe ihn zu seiner Rechten reiten lassen, stupendi onori habe er ihm erwiesen. Cellini habe ihm geschrieben, daß Michelangelo seine Grüße wohl aufgenommen. Dies sei ihm mehr wert als alles. Er verehre ihn. Er habe geweint, als er sein Jüngstes Gericht gesehen, und danke Gott, zu seiner Zeit geboren zu sein. Tizian verehre Michelangelo und halte glühende Reden zum Lob seiner übermenschlichen Kunst. Tizian habe Michelangelo mit der gebührenden Ehrfurcht selbst geschrieben, der er ihrer beider Ideal sei.

Keine Antwort darauf. Zwei Monate später ersucht Aretin einen seiner römischen Freunde, an die versprochene Handzeichnung zu erinnern. Die Bitte kam zur ungünstigsten Zeit. Michelangelo lag damals fieberkrank im Hause Riccios.

Wieder läßt Aretin ein Jahr vergehen. Benvenuto Cellini ist diesmal der Kanal, durch den er die wiederholte Bitte um Erfüllung des alten Versprechens an Michelangelo gelangen läßt. Endlich erfolgt nun eine Sendung. Aber was? Es wird nicht ausdrücklich gesagt, was Aretin empfing, indessen die Zeichnung muß der Art gewesen sein, daß er berechtigt war, am Schlusse seines von süßen Schmeicheleien triefenden Dankschreibens zu verstehen zu geben, wie er Michelangelos Versprechen durch ein solches Geschenk nicht als erfüllt betrachten könne. Darauf wieder keine Antwort. Jetzt endlich reißt dem Venezianer die Geduld. Wahrscheinlich hatte er einige alte Lappen von Zeichnungen empfangen, die mehr ein Spott als ein Geschenk waren. Er schreibt an Cellini einen drohenden Brief. Buonarroti solle sich schämen; er verlange Antwort, ob er etwas erhalten werde oder nicht; er bestehe auf eine Erklärung, oder seine Liebe werde sich in Haß verwandeln.

Dies im April 1545. Wieder erfolgt nichts. Im Herbste des Jahres aber kam Tizian nach Rom, und durch diesen, scheint es, wurde die Sache zum Bruche gebracht. Tizian erschien auf die Einladung Paul des Dritten, um dessen Porträt zu malen. Wohnung und Atelier wurden ihm im Vatikan angewiesen. Von Aretin brachte er verschiedene Empfehlungsbriefe mit, und sie schreiben einander während der Zeit der Trennung.

Im ersten Brief Aretins ist nur von Kunst die Rede. Sehnsüchtig erwartete er ihn zurück, um über die Antiken von ihm zu hören: worin Buonarroti sie übertreffe, worin sie ihn, und ob Raffael Michelangelo in der Malerei erreiche oder überbiete. Welchen Genuß, über den Bau der Peterskirche mit ihm zu reden, den Aretin, noch von seinen eigenen römischen Zeiten her, »den Bau des Bramante« nennt. Dann wird nach Perin del Vaga gefragt und nach Sebastian del Piombo, ersterer damals der bedeutendste Meister in Rom, da Sebastian, seitdem er eine fette Stelle erhalten hatte, nichts mehr tat. Del Vaga malte nach Michelangelos Zeichnungen in der Sixtina die Ornamente, die unter dem Jüngsten Gericht die Wand bis zum Boden ausfüllen, und in der Paolina die Decke. Hier jedoch war Michelangelo damals selbst noch in voller Tätigkeit. Am Schluß des Briefes die Mahnung, sich nicht zu tief in die Betrachtung des Jüngsten Gerichts zu verlieren, damit er und Sansovilio nicht den ganzen Winter vergebens auf ihn zu warten hätten.

Tizian und Michelangelo begegneten sich. Michelangelo lernte den Venezianer nicht in seinen günstigsten Werken kennen. Das Bild des Papstes konnte bei der schreckhaften Häßlichkeit Farneses, dessen kleines aus uralten Zügen zusammengezwicktes Greisenantlitz wie das eines bösen Geistes aussieht, nichts zeigen als Tizians Geschicklichkeit; was er übrigens in Rom damals gemalt hat, gehört, wie Vasari erwähnt, nicht zu seinen besten Arbeiten. Ich selbst erinnere mich nicht, eins dieser Gemälde gesehen zu haben. Michelangelo sprach offen aus, Tizian würde es weit gebracht haben, wenn er zeichnen gelernt und bessere Modelle im Atelier gehabt hätte. In Venedig sei Mangel daran. Seine Farben aber gefielen ihm ausnehmend, und die Auffassung sei so lebendig und wahrhaft, daß wenn Tizian zu zeichnen verstände, wie er zu malen wisse, er Unübertreffliches leisten würde. So äußerte sich Michelangelo gegen Vasari, der damals in Rom war und den Fremdenführer bei Tizian abgab und diese Aussprüche mit der Bemerkung mitteilt, daß alle römischen Künstler derselben Meinung gewesen.

Aber nicht bloß kühl verhielt man sich Tizian gegenüber in Rom, sondern die Künstler haßten ihn sogar. Man fürchtete, er werde bleiben. Perin del Vaga meinte, er spekuliere auf die Arbeiten, welche im Vatikan, wo immer neu gebaut und gemalt wurde, damals bevorstanden und auf die er selbst sich Rechnung machte. Del Vaga war so wütend auf ihn, daß er ihm geflissentlich aus dem Wege ging. Und da del Vaga ein Schützling Michelangelos war und dieser als Architekt des Vatikans mit einzureden hatte, wo es sich um Aufträge handelte, so ist nicht unmöglich, daß er sich auch hier seines Schülers kräftig angenommen habe. Was zwischen Michelangelo und Tizian vorgegangen ist, wissen wir nicht, aber in den folgenden Briefen Aretins nach Rom wird Michelangelo in auffallender Weise mit keiner Silbe wieder gedacht. Vielleicht hatte auch Tizian in seinem Auftrage die versprochene Zeichnung erwähnt und jetzt eine Antwort darauf erhalten, durch die Aretin deutlicher, als seine Eitelkeit ihm bisher zu merken erlaubte, von Michelangelos Meinung über ihn unterrichtet wurde. In einer derartigen Szene scheint mir, die Tizian dann Aretin mitteilte, findet sich die natürliche Erklärung dessen, was jetzt plötzlich von diesem ausging, denn er beschloß für die Zurückweisung seiner langjährigen Bitten, Michelangelo gegenüber Ernst zu machen.

Aretin hatte bis dahin von Michelangelos Jüngstem Gerichte nur gehört. Mit eignen Augen nur einige Gruppen gesehen, die ein junger Künstler als Zeichnungen mitgebracht. Da kommt der Kupferstecher Enea Vico nach Venedig und hat die Vorarbeiten zu dem großen Stich bei sich, derselbe wahrscheinlich, der uns heute noch die beste Ansicht des Gemäldes, frei von den späteren Zutaten, bietet. Anknüpfend an dieses Werk läßt Aretin jetzt, im November 1545, folgenden Brief an Michelangelo abgehen.

»Mein Herr. Nachdem ich nun die ganze Komposition eures Jüngsten Gerichtes gesehen habe, erkenne ich darin, was die Schönheit der Komposition anlangt, die berühmte Grazie Raffaels wieder; als ein Christ aber, der die heilige Taufe empfing, schäme ich mich der zügellosen Freiheit, mit der euer Geist die Darstellung dessen gewagt hat, was das Endziel all unserer gläubigen Gefühle bildet.

Dieser Michelangelo also, so gewaltig durch seinen Ruhm, dieser Michelangelo, den wir alle bewundern, hat den Leuten zeigen wollen, daß ihm in ebenso hohem Grade Frömmigkeit und Religion abgehen, als ihm in seiner Kunst die Vollendung eigen ist. Ist es möglich, daß ihr, der ihr euch eurer Göttlichkeit wegen zum Verkehr mit gewöhnlichen Menschen gar nicht herablaßt, dergleichen in den höchsten Tempel Gottes hineingebracht habt? Und dem ersten Altare Christi, in der ersten Kapelle der Welt, wo die großen Kardinäle der Kirche, die ehrwürdigen Priester, wo der Statthalter Christi in heiligen Zeremonien und in göttlichen Worten seinen Leib, sein Blut und sein Fleisch erkennen und anbetend betrachten?

Wäre es nicht fast ein Verbrechen, den Vergleich herbeizuziehen, so würde ich mich dessen hier rühmen, was mir in meiner Nanna gelungen ist, wo ich, statt wie ihr auf unerträgliche Weise die Dinge bloß zu legen, mit vernünftiger Vorsicht den unzüchtigsten, üppigsten Stoff in zarten und gesitteten Worten behandelt habe. Und ihr, bei einem so erhabenen Vorwurf, laßt die Engel ohne ihre himmlische Pracht und die Heiligen ohne die Spur irdischer Verschämtheit erscheinen? Haben doch die Heiden selber die Diana in Gewänder verhüllt und wenn sie eine nackte Venus meißelten, sie durch Stellung und Handbewegung fast als bekleidet erscheinen lassen. Und ihr, der ihr ein Christ seid, ordnet den Glauben so sehr der Kunst unter, daß ihr bei den Märtyrern und heiligen Jungfrauen die Verletzung der Schamhaftigkeit zu einem Schauspiel arrangiert habt, das man in übelberüchtigten Häusern selber nur mit halb abgewandten Blicken zu betrachten wagte! In ein üppiges Badezimmer, nicht in den Chor der höchsten Kapelle, durfte dergleichen gemalt werden. Wahrhaftig, besser wäre es gewesen, ihr gehörtet zu den Ungläubigen, als in dieser Weise zu den Gläubigen gehörig, den Glauben der anderen anzutasten. Aber so weit wird der Himmel nicht gehen, daß er die außerordentliche Kühnheit eures Wunderwerks unbestraft ließe. Es wird, um so wunderbarer es dasteht, um so sicherer das Grab eures Ruhmes sein.«

Nachdem er so in erhabener Weise eine Zeitlang fortgepredigt, kommt Aretin auf sich selbst. Nicht etwa, daß er aus Ärger über die Dinge, um die er vergebens gebeten, jetzt in diesem Tone schreibe. »Gut wäre es allerdings gewesen, wenn ihr mit aller Sorgfalt euer Versprechen erfüllt hättet, wäre es auch nur, um den bösen Zungen Schweigen zu gebieten, die da behaupten, nur ein Gherardo oder Tommaso wüßten Gefälligkeiten aus euch herauszulocken! Aber freilich, wenn die Haufen Gold, die euch Papst Giulio hinterlassen hat, damit seine irdischen Überreste in einem von euch gearbeiteten Sarkophage ruhten, wenn so viel Geld euch nicht zum Innehalten eurer Verpflichtungen vermögen konnte, worauf konnte da ein Mann wie ich sich Rechnung machen? Doch nicht euer Geiz und eure Undankbarkeit, o großer Maler, sind daran schuld, daß Giulios Gebeine in einem einfachen Sarge schlafen, sondern Giulios Verdienste selber: Gott wollte, daß ein solcher Papst nur durch sich sei, was er ist, und nicht durch ein großmächtiges Bauwerk erst, das ihr aufführtet, etwas zu werden scheine. Trotzdem aber habt ihr nicht getan, was ihr solltet, und das nennt man stehlen.

Unsere Seelen sind nicht der Kunstwerke, sondern der Frömmigkeit wegen da. Möge Gott Papst Paul erleuchten, wie er Gregor seligen Andenkens einst erleuchtete, der Rom lieber um die Statuen heidnischer Götzenbilder ärmer sehen wollte, ehe seinen Bewohnern die Ehrfurcht vor den demütigen Bildern der Heiligen verlorenginge.

Hättet ihr euch bei der Komposition eures Gemäldes an das halten wollen, was in meinem Briefe, den die ganze Welt kennt, an wissenschaftlicher Unterweisung über Himmel, Hölle und Paradies enthalten war, dann, ich wage es zu sagen, würde die Natur sich jetzt nicht schämen müssen, so großes Talent in euch gelegt zu haben, daß ihr selber wie ein Götzenbild des Künstlertums dasteht. Im Gegenteil, es würde die Vorsehung euer Werk beschützen, so lange die Welt steht.

Servitore Aretino.«
 

Mit welchem Geschick hat Aretin in diesem Schreiben die Dinge zu verbinden gewußt! Immer wird Michelangelos ungeheurer Geist anerkannt, aber seinem alten Freunde und Wohltäter Papst Giulio gegenüber ist er ein Undankbarer und ein Dieb. Und das jetzt, wo die Grabmalgeschichte durch die Roveres zum Skandal gemacht worden war! Ein ungemeiner Künstler ist er, aber ein Feind des Christentums! Das wiederum jetzt, wo die Inquisition immer weiter ihre Fühlhörner ausstreckte, und eine geringe Anschuldigung das Verderben eines Menschen herbeiführen konnte. Ich habe den Brief nur im Auszuge mitgeteilt, da sich die ganze Tiefe der Infamie, mit der er geschrieben ist, doch nicht wiedergeben ließ. Es sind mir eine Anzahl schlechter Angriffe auf große Männer und große Unternehmungen bekannt, keiner jedoch ist mit solcher Kunst und soviel Berechnung der öffentlichen Meinung geführt worden. Aretin hatte nicht unrecht, wenn er vorher drohte; er konnte sich rächen und hat sich gerächt. Denn daß ihm dies hier in der Tat gelungen ist, geht schon aus Condivis Worten hervor, der sich bitter darüber beklagt, wie die falsche Meinung, Michelangelo habe in der Grabmalsache betrügerisch gehandelt, in den Gemütern fest eingewurzelt sei. Aretin half den Stachel spitzen und härten, der dem einsamen alten Manne in der Seele haftete.

Und nun auch dies ganz in Aretins Charakter: er läßt Michelangelo den Brief abschriftlich zukommen, setzt eigenhändig dann aber als Postskriptum darunter: »Jetzt, da meine Wut gegen die Grausamkeit, mit der ihr meine ehrerbietige Unterwerfung erwidert habt, ein wenig verraucht ist, und da ich euch, wie mir scheint, den Beweis geliefert habe, daß wenn ihr divino (di vino, von Wein) seid, ich nicht von Wasser (dell' aqua) bin, zerreißt dies Schreiben, wie ich getan, und kommt zur Erkenntnis, daß ich allerdings danach sei, um von Königen und Kaisern Antwort auf meine Briefe zu erhalten.«

Wie sehr das ganze aber in der Tat nichts als ein literarisches Kunststück war, geht schon daraus hervor, daß Aretin in einem wenige Monate später an Enea Vico gerichteten Briefe dessen Verdienst, das Jüngste Gericht durch einen Kupferstich aller Welt zugänglich zu machen, herausstreicht. »Daß von diesem Gemälde«, schreibt er, »keine Kopien existieren, tut der Religion Abbruch, zu deren Verherrlichung es gemalt wurde. Da es den von Gott eingesetzten Jüngsten Tag darstellt, so ist es ein gutes Werk, die Welt dieses Schauspiels des Triumphes und des Schreckens teilhaftig zu machen. Der Sohn Gottes und der Herzog von Florenz werden euch ewigen und zeitlichen Lohn dafür gewähren. Vorwärts deshalb in eurer lobenswürdigen Unternehmung! Der Skandal, den die künstlerischen Freiheiten Michelangelos unter den Lutheranern erregen werden, nimmt eurem Verdienste nichts von seiner Ehre. Ihr seid nur der, der das Werk allen zugänglich macht.«

Hier also das völlige Gegenteil von dem, was er Michelangelo vorgeworfen. Aber was geschehen war, war geschehen, und so groß Michelangelo dastand, die Rache Aretins hat ihm einen Makel anzuhängen gewußt, der bis in seine letzten Tage an ihm haften blieb.


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