Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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III

Am 12. Mai langte die Nachricht von den römischen Ereignissen in Florenz an.

Gleich nach dem Abzuge Urbinos hatte sich dort die Bürgerschaft zu erneuter Bewegung erhoben. Die Männer, von denen die Vorfälle des 26. April ausgegangen waren, hielten heimliche Beratungen, und Cortona begann sich trotz seiner 3000 Soldaten unheimlich zu fühlen. Er mußte einwilligen, daß die Versammlung der Bürger, welche der Form nach immer die Regierung der Stadt gebildet hatte, sich zu einer wirklichen Regierung umgestaltete und über Dinge von Gewicht debattierte, ohne sich dabei um seine Meinung zu kümmern. Außer Cortona waren noch zwei andere von Clemens geschickte Kardinäle in Florenz, aber auch diese wußten nicht, ob man nachgeben oder energisch eingreifen solle. So kam es, daß, als die schlimmen Nachrichten aus Rom eintrafen, der Widerstand der Medici in Florenz bereits als gebrochen zu betrachten war, und daß sie, statt durch einen plötzlichen Stoß des Volkes vertrieben zu werden, unter günstigen Bedingungen in Frieden abziehen konnten. Weder gegen ihre Person noch gegen einen ihrer Diener oder Anhänger sollte etwas geschehen. Ippolito behielt die ihm außerordentlicherweise zuerkannte Fähigkeit, alle Ämter zu bekleiden. Ihre Güter blieben steuerfrei. Ebenso würde Cortonas Dienerschaft vor jedem Akte nachträglicher Feindschaft gesichert sein. So verlassen sie gleichsam nur auf unbestimmte Zeit die Stadt, weil ihr eigenes Wohl dies für den Moment nötig machte.

Kaum aber sind sie fort, als das Volk zum Bewußtsein kommt, was geschehen sei. Florenz war ja nur der zurückbleibenden Partei der Medici in Verwahrung gegeben. Das Gerücht verbreitet sich, der Papst sei aus der Engelsburg entkommen und auf dem Marsche gegen Florenz. Waffen verlangt man. Der Palast der Medici soll gestürmt werden. Das Consiglio grande soll sich versammeln. Eine Verwirrung entsteht, aus der kein Ausweg gewesen wäre, hätte sich Niccolo Capponi nicht als der Mann gezeigt, in dem das allgemeine Vertrauen zusammentraf Am 17. Mai 1527 waren die Medici abgezogen, am 20. beschließt die Regierung unter Capponis Leitung die Eröffnung des Consiglio grande am nächsten Tage. Es schien kaum möglich, den großen Saal im Regierungspalaste dafür herzustellen. Er war den Soldaten zum Aufenthalt gegeben und, was mit gutem Vorbedacht so eingerichtet worden war, in eine Reihe kleinerer Gemächer geteilt. Allewelt jedoch legt Hand an, diese Hindernisse fortzuräumen, die vornehmsten Männer wetteifern mit den geringsten, man bricht die Zwischenwände ab, trägt die Steine fort und stellt in der einen Nacht den Raum wieder her, wie er zu den Zeiten Savonarolas gewesen. Dann kommt die Geistlichkeit, besprengt ihn mit Weihwasser und gibt ihm durch Abhaltung einer Messe die alte Würde wieder. 2500 Bürger versammeln sich. Capponi wird auf ein Jahr zum Gonfalonier erwählt.

So sah Michelangelo die Freiheit in seine Vaterstadt zurückkehren. Sein Name wird nicht genannt, aber er war in Florenz und nahm teil an den Dingen. Nur eine unbedeutende Erwähnung jener Tage der Verwirrung befindet sich in seinen aufbewahrten Rechnungsbüchern. »Vor einigen Tagen«, heißt es darin, »kam Piero Gondi zu mir und bat um die Schlüssel zur neuen Sakristei von San Lorenzo, er wünsche verschiedene ihm gehörige Sachen darin zu verbergen, der gefährlichen Lage wegen, in der wir uns befinden, und heute, den 29. April, ließ er abends zum Anfang einige Packen hinbringen. Er sagte, es sei Leinenzeug und gehöre seiner Schwester, und ich, um nicht weiter zu sehen, was es wäre und wo er es versteckte, habe ihm heute die Schlüssel zur Sakristei überlassen.« Piero Gondi wird als einer von denen genannt, die bei dem Aufstande am 26. April das ihrige taten, im übrigen keine bedeutende Persönlichkeit. Man sieht, wie wenig durch das gegenseitige Verzeihen damals die Lage gesichert erschien.

An den Bauten von San Lorenzo hatte schon vor Eintritt der letzten Ereignisse der Pest wegen weniger gearbeitet werden können, jetzt natürlich kein Gedanke mehr daran. Ungewiß ist, ob Michelangelo am 26. damals mit im Palaste war, kein Zweifel aber, daß er jetzt im Consiglio grande saß. Auch möchte ich nicht behaupten, daß er bei der Wahl gegen Capponi stimmte, da seine Abneigung gegen diesen wohl erst eine Folge der späteren Politik des Gonfaloniers war.

Niccolo Capponi wird von denen, die über ihn berichten, mit einer gewissen Rücksicht behandelt. Er wollte die Sache zum Besten führen, das leugnet niemand, aber auch das kann nicht geleugnet werden, daß er anders wollte, als er tat. Im Kreise seiner Vertrauten war er der nüchterne Mann, der das Ende aller Volksaufregung kannte, der die Hilfsmittel der Medici abzuschätzen wußte und dem es genug gewonnen schien, wenn die Stadt sich leidlich mit ihren alten Herren stellte: dem Volke gegenüber trat er auf als der Mann des Vertrauens und der begeisterten Hoffnung auf das Erscheinen der echten Freiheit und ruhmvollsten Zukunft. Sehr bald kam er so weit, daß er sich glücklich schätzen mußte, wenn es ihm beim Volke, von dem er Schritt vor Schritt vorwärts getrieben ward, den Schein zu bewahren gelang, er sei selbständig vorangegangen, und zu gleicher Zeit den Papst in der Überzeugung zu erhalten, er habe nicht anders gekonnt.

Schon der erste Schritt war etwas, wozu er sich treiben ließ: es hatte gar nicht in seiner Absicht gelegen, das Consiglio grande zu berufen. Er mußte es tun, weil Piagnonen und Arrabiaten so wollten, die beiden Parteien, die, wie unter Savonarola, wieder auftauchten. Und zwischen ihnen stehen, wie damals, wieder die Pallesken, und ganz das alte Spiel von ehedem auch diesmal. Arrabiaten und Piagnonen wollen die Medici um keinen Preis, hassen sich aber untereinander. Dadurch kam in die Hände der Pallesken der Ausschlag.

Im Consiglio grande stützt sich Capponi auf die Piagnonen und weiß in Vergessenheit zu bringen, daß er bis dahin ein Palleske gewesen. Im geheimen berät er mit seinen alten Genossen, deren scharfe Kritik über die Unhaltbarkeit der neuen Zustände er nur zu wohl begriff. Die Arrabiaten aber, die jeden seiner Schritte bewachten, suchten die Dinge so zu lenken, daß sie die Zustimmung der Piagnonen zu Entschlüssen zuwege bringen, die gegen das innere Gefühl Capponis streitend, dennoch von ihm ausgeführt werden müssen. Doch geschah 1527 nichts Entscheidendes, wodurch dem Gonfalonier die Alternative gestellt worden wäre, seinen Willen dem der Majorität entgegenzustellen oder sein Amt niederzulegen. Die äußeren Verhältnisse ließen die Dinge eine lange Zeit so hingehen. Die Pest herrschte den Sommer über so wütend, daß wer irgend konnte die Stadt verließ und aufs Land ging. Der Papst saß währenddem in der Engelsburg. Erst im November des Jahres erschien eine französische Armee in Toskana, um Hilfe zu bringen. Florenz, das dem italienischen Bunde beigetreten war, ließ sein Kontingent zu ihr stoßen, Capponi, der sich dem Kaiser gegenüber frei halten wollte, war der Ansicht, man solle sich für den Anteil der Stadt mit Geld abfinden, die Arrabiaten aber setzten durch, daß er marschieren ließ.

Im Dezember endlich kam Clemens wieder zu seiner Freiheit, nicht durch die Franzosen, sondern in Folge einer Übereinkunft mit Spanien, und die Engelsburg verlassend ging er wie auf der Flucht nach Orvieto, einer kleinen und festen Stadt auf päpstlichem Gebiete nördlich von Rom und in der Nähe von Toskana. Von hier aus, wo er die versprengten Anhänger zu einer Art Hofstaat um sich vereinigt, werden jetzt wieder die Netze auf Florenz ausgeworfen und mit Capponi Unterhandlungen angeknüpft.

In gewisser Beziehung konnte dem Papste sogar lieb sein, daß seine Familie in dieser Zeit aus Florenz vertrieben war und für die Politik der Stadt nicht einzustehen brauchte. Mit beiden geliebten Söhnen, dem von Frankreich sowohl als dem von Spanien, stand er in zärtlichem Verkehre, hütete sich aber, weder dem einen noch dem anderen näherzutreten. Erst mußte er abwarten, wer in Italien die Oberhand gewönne, um mit dem Sieger gemeinschaftliche Sache zu machen. Und so begnügte er sich seiner Vaterstadt gegenüber, jedes böse Gefühl zu verstecken und den besten Willen zu zeigen. Keinen anderen Wunsch hegte seine Seele, als daß den Mitgliedern der Familie Medici gestattet sei, als einfache Bürger in Florenz zu leben und zu sterben. Und dazu die Bitte, man möge ihm doch seine kleine Nichte zusenden, die sich unter der Obhut ihrer Tante Clarice Strozzi, einer Tochter des alten Lorenzo, in ein Kloster zurückgezogen hatte und, als die Dame gestorben war, allein darin zurückgehalten wurde.

Capponi unterdessen, um den Arrabiaten jeden Grund des Mißtrauens, das sie unter den Piagnonen gegen ihn zu erregen suchten, vorwegzunehmen, schloß sich fester noch als im Anfang an die Piagnonen an. Es ist seltsam zu hören, wie die Anhänger des nun dreißig Jahre toten Savonarola sich als eine bald im geheimen hinschleichende, bald von der Regierung geduldete Sekte erhalten hatten, und wie ihr Glaube zu einem Systeme geworden war, das man einen national florentinischen Staatspietismus nennen könnte. Savonarola war zu einem richtigen Heiligen umgearbeitet worden. Seine Überbleibsel: Knochen, Asche und dergleichen, taten Wunder, seine Prophezeiungen vom grauenhaften Untergange Roms und der Wiedergeburt der florentinischen Republik empfingen durch die letzten Ereignisse bis in Einzelheiten ihre Bestätigung und galten als Glaubensartikel.

Auf seltsame Weise sehen wir Michelangelo in dieses Wesen verwickelt. In einem alten Florentiner Manuskripte, das in jene Zeit gehört, findet sich, wie er im Jahre 1513 in Rom einen Meteor gesehen und rasch entschlossen abgezeichnet habe: einen dreifach geschwänzten Stern, dessen einer Strahl auf Rom, der zweite auf Florenz, der dritte nach Osten gedeutet hätte. Jeder könne bei Michelangelo selbst das Blatt sehen, und was es bedeute, sei klar: furchtbare Schicksale, welche Rom und Florenz und der katholischen Kirche bevorständen, und zwar vom türkischen Kaiser oder irgendeinem der christlichen großen Herren. In Rom und Florenz würden die Barbaren ärger hausen als im Prato im Jahre 12. Dergleichen Sagen hielten sich im Volke, und um durch Reue und Buße sich für die furchtbaren Dinge vorzubereiten, wurden Savonarolas Lehren mit glühendem Eifer in das praktische Leben wieder eingeführt. Die Hinneigung zu äußerlich dumpfem Religionsgetreibe, das sich oft in Fabrikstädten zeigt, war diesem Wesen günstig. Aufs neue sollten der Aufrechterhaltung geistlicher Sittenstrenge bürgerliche Gesetze zu Hilfe kommen. Daher alsbald Beschlüsse des Consiglio grande gegen den Schmuck der Frauen, gegen die Juden und ihren Wucher, gegen die Spieler, Flucher und Wirtshaussitzer und gegen Unzucht. Prozessionen werden abgehalten. Einmal, mitten in einer Sitzung des Consiglio, fällt die ganze Versammlung auf die Knie nieder mit dem Rufe misericordia! Und damit dieser Begeisterung ja kein lutherischer antirömischer Beigeschmack zugemischt werde, wird verboten, über religiöse Dinge öffentlich zu streiten, und einer von den Verschworenen von 1521, welcher nach langen Reisen jetzt zurückgekehrt war und aus Deutschland Ideen über das Unnütze der vielen Mönche und Priester mitgebracht hatte, wird verbannt. Mit Mühe retten ihn seine Freunde vor den Brüdern von San Marco, welche verlangten, daß er gefoltert werde. So völlig hatte Capponi die Piagnonen in seiner Gewalt, daß er am letzten Mai 1528 die Majorität erhielt, um am 1. Juli für das zweite Jahr als Gonfalonier anzutreten. Er hatte nichts unversucht gelassen, die Anhänger Savonarolas für sich einzunehmen, und war trotzdem zu Anfang des Jahres ins Wanken geraten; was ihm die Popularität aber mit einem Schlage wiedergewann, war sein im Februar eingebrachter Vorschlag, Jesus Christus zum König von Florenz auszurufen. Einstimmiger Applaus des Consiglio ward diesem Antrage zuteil. Eine Inschrift über dem Saale bestätigte die Annahme des neuen Herrschers. So werden die alten romantischen Ideen der in ihren Anschauungen beschränkten Sekte zum Gelingen eines Wahlmanövers benutzt. Die Pallesken durchschauten Capponi, aber unterstützten ihn, die Arrabiaten durchschauten ihn ebensosehr, aber waren machtlos. Und so, unter Drängen von der einen und Aufhalten von der andern Seite, hielten sich die Dinge 1527 über, und keine Partei hatte Grund ihre Sache für die unterliegende zu halten.


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