Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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IV

Auch aus dem Jahre 27 und 28 sind die Nachrichten über Michelangelo nur sparsam. Wir haben keine Andeutung, ob er in das Treiben der Parteien verwickelt gewesen oder woran er gearbeitet. Wohl am Grabdenkmal Giulios, und, wie von allen diesen Jahren der Freiheit erzählt wird, heimlich an den Statuen für die Gräber der Medici. Briefe sind kaum vorhanden, und die Rechnungsbücher berichten nur über häusliche Ausgaben. Aber dieses scheinbare Aufhören seiner Existenz als Künstler war die natürliche Folge seiner Hingabe an die Ereignisse, und deshalb muß von dem jetzt die Rede sein, was um ihn her in Florenz vorging und sicherlich von ihm empfunden ward.

Seinem Charakter nach hielt er sich vom Staatsleben so lange fern, bis man seiner praktischen Tätigkeit dringend bedurfte. Ein öffentliches Amt hatte er überhaupt noch nicht bekleidet. Im Jahre 1521 sollte er, wie oben erwähnt worden ist, Mitglied der Regierung werden, glaubte die Stelle aber ausschlagen zu müssen, weil er sie gesetzlichen Bestimmungen nach nicht annehmen dürfe. Der darüber erhaltene Brief an seinen Bruder zeigt, wie gewissenhaft er dabei verfuhr. Alles Sichregen um Kleinigkeiten war seiner Natur zuwider. Deshalb mag er auch jetzt im Consiglio keine Rolle gespielt haben. Da, wie immer, zwischen den drei großen Parteien Zwischennuancen bestanden, deren Mitglieder mehr ihrer jedesmaligen Überzeugung als der gegebenen Parole nach stimmten, so ist am wahrscheinlichsten, daß er zu diesen einzelnen gehörte. Recht lebendig taucht Michelangelo 1528 auf in der Lebensbeschreibung des Benvenuto Cellini, der im Sommer dieses Jahres, damals immer noch als ein junger Goldschmied, der erst wenig Ruhm erworben hatte, in Florenz mit ihm zusammentraf

Mit dem Papste im Dezember 1527 aus der Engelsburg erlöst, war Cellini nach Mantua gegangen, wo Giulio Romano, mit dem Bau des berühmten Palazzo del T beschäftigt, ihn freundlich aufnahm. Von da nach Florenz zurückkehrend, läßt er sich dort auf einige Zeit als Goldschmied nieder, und Michelangelo, der sich für ihn und seine Art zu arbeiten interessiert, weist ihm einen jungen Florentiner als Kunden zu.

»Meine Absicht war, wieder nach Rom zu gehen«, erzählt Cellini, »auf Bitten meines Bruders und meiner Schwester aber blieb ich in Florenz. Auch Piero Landi, ein alter Freund, der mir in früheren Nöten so treulich beigestanden, redete zu, in Florenz zu bleiben. Die Medici waren dort vertrieben worden, und Piero meinte, ich solle mir eine Weile mit ansehen, was daraus würde. Und so begann ich auf dem Neuen Markte zu arbeiten und faßte eine Menge Edelsteine, wobei ich viel Geld verdiente.«

»In dieser Zeit kam ein Sanese namens Maretti, der lange in der Türkei gelebt und von lebhaftem Geiste war, nach Florenz und bestellte bei mir eine goldene Medaille, am Hute zu tragen. Ich sollte einen Herkules darauf bilden, der einem Löwen den Rachen aufreißt. Während ich damit beschäftigt war, kam dann und wann Michelangelo Buonarroti, um die Arbeit anzusehen. Und da ich mich sehr dabei abgequält und den Herkules sowohl als die Wut des Tieres ganz anders als alles, was bis zu dem Tage bei Darstellung dieser Szene geschaffen worden war, aufgefaßt hatte, auch weil diese Art Arbeit dem göttlichen Michelangelo etwas Neues war, lobte er mein Werk und erregte in mir solche Lust, etwas Vorzügliches zu leisten, daß in der Tat etwas sehr Gelungenes zustande kam.«

»Das Fassen edler Steine genügte mir jetzt nicht mehr. Ich verdiente reichlich dabei, aber mein Sinn stand darauf, etwas zu liefern, was größere Kunst in Anspruch nehme, und so traf es sich, daß ein gewisser Federigo Ginori, ein junger Mann von edler Gesinnung (der lange in Neapel lebte und so schön von Gestalt und liebenswürdig von Benehmen war, daß eine Prinzessin sich dort in ihn verliebte), eine Medaille machen lassen wollte mit einem Atlas, der die Weltkugel auf dem Rücken trägt, und daß er den großen Michelangelo bat, ihm die Sache ein wenig aufzuzeichnen. Dieser sagte ihm, wendet euch an einen Goldschmied mit Namen Benvenuto, der wird euch gut bedienen und der braucht keine Zeichnung von mir. Aber damit ihr nicht denkt, daß ich euch nicht selbst den kleinen Gefallen gern erwiesen so will ich eine Skizze dazu machen. Sprecht inzwischen mit Benvenuto, damit der gleichfalls ein bißchen aufmodelliert, wie er es zu machen gedächte. Was hernach am besten ausgefallen ist, soll zur Ausführung kommen.«

»Federigo Ginori kam zu mir und sagte, was sein Wunsch war, wie sehr der wunderbare Michelangelo mich gelobt und wie ich die Sache ein wenig in Wachs modellieren solle, während der bewunderungswürdige Mann selber eine Skizze zu zeichnen versprochen hätte. Diese Worte des großen Mannes spornten mich so sehr an, daß ich auf der Stelle mit der größten Sorgfalt ein Modell zu machen begann. Als ich damit fertig war, kam ein mit Michelangelo sehr befreundeter Maler mit Namen Giuliano Bugiardini und brachte mir die Zeichnung des Atlas. Ich zeigte Bugiardini sogleich mein kleines Wachsmodell, das sehr verschieden von Michelangelos Zeichnung war, und sowohl Federigo als Bugiardini kamen zum Schluß, daß nach meinem Modell gearbeitet werden müsse. Und so begann ich, und der vortreffliche Michelangelo sah und lobte meine Arbeit als ein unschätzbares Stück. Es war, wie gesagt, eine in Silber getriebene Figur, die Himmelskugel auf dem Rücken aus einer Kristallkugel bestehend und der Grund aus Lapislazuli.«

Später erzählt Cellini, wie der schöne Ginori an der Auszehrung stirbt, die Medaille in die Hände eines Florentiners kommt, bei dem sie der König von Frankreich sieht, und wie dieser dadurch zuerst auf ihn aufmerksam wird. Sein Verhältnis zu Franz dem Ersten aber ist das Wichtigste seines Lebens. Und so ließe sich sagen, wenn man dergleichen aneinanderhängenden Zufälligkeiten den Wert einer schicksalartigen Kette beilegen will, die Begegnung mit Michelangelo sei auf Cellinis ganze Zukunft von entscheidendem Einfluß gewesen.

Wie frisch tritt uns das Florentiner Leben jener Zeit aus seiner Erzählung entgegen, durch die Michelangelo für einen Moment aus der Dunkelheit ins helle Licht gezaubert wird. Das Grabmonument mag doch wohl seine Hauptarbeit gewesen sein. Mit dem Herzog von Urbino, als dieser im April 27 in Florenz war, muß er darüber verhandelt haben. Diese Annahme erscheint zu natürlich, obgleich sich nirgends dergleichen erwähnt findet.

Noch etwas aber fällt in dieses Jahr. Die neue Regierung bestrebte sich, das Unrecht wieder gut zu machen, welches Michelangelo durch die Übertragung des Marmorblockes an Bandinelli zugefügt war. Dieser hatte mit den Medici die Stadt verlassen. Der zehntehalb Ellen hohe Block stand in seiner Werkstätte. Durch einen Beschluß vom 22. August spricht ihn das Consiglio grande Michelangelo zu und beauftragt ihn in den schmeichelhaftesten Ausdrücken mit der Arbeit. Am 1. November könne er, falls es ihm genehm sei, beginnen und so lange damit beschäftigt bleiben, bis die Figur vollendet sei, eine Formel, die dadurch wahrscheinlich nicht ohne innere Bedeutung war, daß er, so lange die Arbeit dauerte, eine Pension bezog.

Ich weiß nicht, ob Michelangelo den Marmor selbst berührt hat. Die Skizze zu dem, was er machen wollte, scheint in dem kleinen Modell erhalten, welches sich im Kensington-Museum in London befindet und das ich nicht selbst gesehen habe, doch führe ich aus einem Briefe meines Freundes Joseph Joachim (1860) an, was dieser mir darüber mitteilt. »Der Herkules und Cacus sind mächtig. Das Ganze ist nur im kleinen und groben skizziert. Am ersteren fehlen Kopf und Arm. Der Körper scheint mir in bewußter Kraft dazustehen, tatvoll konzentriert, und an der Bewegung der Schultern, an der Wendung des Rückgrats sieht man, daß er wohl die Keule zu schwingen vermag, um Cacus den Todesstreich zu versetzen, der, von dem rechten Knie des Halbgottes niedergehalten, daliegt und vergebens mit dem linken in der Luft herumfahrenden Beine das linke Knie des Herkules zu umstricken versucht, während der rechte Arm in unwillkürlicher Bewegung den Todesstreich vom Haupte abwehren möchte. Die ganze Gestalt ist wie ein Knäuel, ein sprechender Gegensatz zu dem kraftvoll siegessicheren Helden, der ihn zu Boden geschlagen hat.« Ich weiß nicht, ob dies dasselbe Modell ist, welches Michelangelo in späteren Jahren dem Leone Leoni zum Dank für dessen Medaille mit seinem Bildnisse schenkte und das einen Herkules darstellte, welcher dem Antäus die Knochen zerbricht; eine Angabe mit der die Notiz in Cambis Chronik stimmt, daß Michelangelo dies zum Gegenstand seines Werkes gewählt habe.

Wie dem nun sei, die Gruppe sollte, wie der David, symbolisch den Sieg der florentinischen Republik über ihre Feinde bedeuten, in demselben Sinne, in dem bei Donatello einst die Judith bestellt worden war und in welchem später Benvenuto Cellini den die Meduse besiegenden Perseus arbeitete.


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