Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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IV

Von drei Seiten her strömten in der Mitte der dreißiger Jahre die freien Ideen gegen Rom an.

Von Venedig her, wo am freisten zu denken erlaubt war und wo der nächste Verkehr mit Deutschland herrschte. Hier saß der aus Florenz vertriebene Bruccioli und übersetzte die Bibel. Von hier aus wandte man sich an Luther und erhielt Antwort.

Von Genf aus, wo sich unter der Regierung Calvins eine geistliche Herrschaft gebildet hatte, wie Savonarola sie vergebens für Florenz zu erbauen strebte, und das als unangreifbare theologische Festung zwischen Frankreich, Deutschland und Italien gelegen war. Hierhin richteten sich die Blicke aus Savoyen, wo Margaretha, Franz des Ersten Schwester, Calvins Freundin, saß, und aus Ferrara, wo die Gemahlin des jungen Herzogs Ercole, Renata, gleichfalls eine französische Prinzeß und noch mehr als Margaretha mit Calvin verbunden, sich beinahe öffentlich zur neuen Lehre bekannte. Von Ferrara gingen Fäden nach fast allen bedeutenderen Städten des nördlichen Italiens.

Der dritte Angriff aber kam von Neapel, und von hier aus, um den weltlichen Ausdruck zu gebrauchen, ward Bresche geschossen.

Während man im Norden die Sache offener betrieb, und die ketzerischen Schriften frei über die Alpen ins Land strömten, bildete sich in Neapel, unabhängig von solch äußerlichem Anstoße, innerhalb der höchsten Aristokratie eine schwärmerische Begeisterung für die reine Lehre, die, zuerst gar nicht als das erscheinend was sie war, sich leicht den Gegenanstrengungen derer entzog, die sie zu bekämpfen strebten. Im Norden konnte die Bewegung kontrolliert und bald durch Verbote im Zaum gehalten werden, in Neapel ging das nicht an, weil durchaus nicht eingestanden wurde, daß man ketzerischen Ideen huldige.

Fra Occhino, ein Kapuzinermönch aus Venedig, war die Seele der neapolitanischen Bewegung. Gelehrt, hochangesehen und von einem Feuer beseelt, wenn er sprach, daß er, wie die Memoiren eines damals lebenden Neapolitaners sagen, die Steine selber zu Tränen hätte rühren können. In den Fasten 1536, als Karl der Fünfte in Neapel verweilte, predigte Occhino dort. Zu derselben Zeit, wo der Kaiser ein Edikt ergehen ließ, durch das nicht nur alle Ketzer, sondern auch die, welche nur mit Ketzern in Berührung kämen, um Leben und Besitz bedroht wurden, besuchte er die Predigten Occhinos und erkannte die Macht seiner glühenden Beredsamkeit. Und so geschickt wußte Occhino zu verheimlichen, welches seine innersten Gedanken waren, daß der Papst selber ihn zu seinem Beichtvater ernannte und nach Rom berief.

Hier trat er jetzt an die Spitze der Partei, die für eine friedliche Einigung mit den Lutheranern tätig war, und die, obgleich die Bemühungen, die Deutschen zur Beschickung eines Konzils in Italien unter den Auspizien der römischen Kirche zu bewegen, fruchtlos blieben, dennoch den Einfluß derjenigen, welche für die Anwendung befehlender Gewalt gegen die Lutheraner stimmten, nicht aufkommen ließ.

Denn daß mit den Lutheranern eigentlich gar nicht zu unterhandeln sei, wurde manchem endlich klar. Die Deutschen wollten ein Konzil, das alles von Grund aus neuzugestalten souveräne Macht erhielte. Je höflicher, rücksichtsvoller man von Rom aus kam, um so gröber antwortete Luther. Paul der Dritte hatte einen Mann zur Unterhandlung mit ihm ausgewählt, der durch seinen späteren Übertritt zur deutschen Sache von der größten Bedeutung ist für jene Ereignisse, Vergerio, ein hoher Geistlicher, der schon unter Clemens dem Siebenten in einer ähnlichen Sendung nach Deutschland gegangen war. Dieser erklärte, als er nach verfehlten Zwecken in Rom wieder eintraf, Krieg sei das einzige Mittel, etwas durchzusetzen.

Trotzdem blieb man im Vatikan dem Gedanken an eine friedliche Lösung der Dinge getreu und verhielt sich duldend den Fortschritten der Reformierten im eigenen Lande gegenüber. Diese Mäßigung aber und das geflissentlich zur Schau getragene Bestreben Paul des Dritten, freisinnige, unbefangene Männer in den Vatikan zu ziehen, hatte nicht bloß die Ursachen, von denen die Rede war.

Durch das Auftreten Luthers war in Italien neben der Partei derer, die in liberalem Sinne reformieren wollten, eine andere erweckt worden, der die Erneuerung der Kirche nicht weniger am Herzen lag, die aber nicht in einem Umbau ihrer Grundlagen, sondern in einer Rückkehr zur alten Strenge, in der Aufrechterhaltung ihrer Vorrechte und in dem Wiedergewinn ihrer allgebietenden Stellung gegenüber dem weltlichen Regiment das Mittel sahen, Rom zu dem wieder zu machen, was es sein sollte. Eines neuen Geistes bedürfe es, das aber sei der alte, verlorene. Nicht zu unterhandeln mit den Ketzern habe man, sondern rücksichtslos die eigenen Schäden zu bessern. Fühlen müsse man, was man sei, und danach leben und handeln. Zu erneuern habe sich die Kirche: unter allen Umständen aber hätten die Völker zu schweigen und zu gehorchen! Männer fanden sich zusammen, schon unter Leo dem Zehnten, welche darin die einzige Rettung der Kirche sahen, daß gefastet, gebetet und mit sich selbst auf der Stelle der Anfang zu besserem Leben gemacht wurde. Der Himmel werde diese Keime groß werden lassen und so zuletzt die gewesene Herrlichkeit wiederherstellen. Man begann sich als Gemeinde zu konstituieren. Gebet, Betrachtungen und gegenseitige Bestärkung in entsagendem, heiligem Lebenswandel waren die Zwecke. Die Verbindung nannte sich »das Oratorium der göttlichen Liebe«. Nicht bloß Geistliche, sondern Männer aus allen Lebensstellungen wurden Teilnehmer: tatsächlich wollten sie einen Gegensatz bilden gegen die wüste Wirtschaft, zu der das römische Leben herabgesunken war.

In den zwanziger Jahren ging aus dieser Vereinigung der Orden der Theatiner hervor, so genannt nach Pietro Caraffa, dem Bischof von Theate, der an seiner Spitze stand und durch exemplarisches Leben den andern vorleuchtete. Entbehrungen und völliges Versenken in geistliche Gedanken, die eigentlich die Grundlage aller Orden bilden sollen, damals aber in Reichtum, Üppigkeit und weltliche Beschäftigungen oft der verwerflichsten Art umgeschlagen waren, wurden von den Theatinern in Wahrheit innegehalten und ein Geist des Eifers und der rücksichtslosen Härte von ihnen genährt, der sie zum angreifenden Teile allen denen gegenüber werden ließ, welche, ihrer Ansicht nach, der katholischen Lehre Abbruch taten.

Der Orden wurde darauf nach Venedig verlegt und von da nach Neapel gerade zu der Zeit, als Occhino dort predigte. Die Theatiner machten alsbald das Ketzerische seiner Lehre ausfindig und klagten ihn an. Occhino aber wußte sich zu verteidigen und bestand vor ihren Beschuldigungen. Caraffa, ihr Gründer jedoch, war eine zu mächtige Person, als daß der Papst seiner hätte entraten können. Dreimal ließ sich Caraffa auffordern, ehe er den Ruf nach Rom annahm. Endlich erschien er und wurde zum Mitgliede der Kommission ernannt, welche die Schäden der Kirche zu beraten und darzulegen hatte. Caraffas Berufung mußte als eine Sache der Billigkeit erscheinen, damit alle Richtungen in Rom vertreten wären, sein bloßes Dasein aber genügte, um die Gegnerschaft seiner Partei und der Occhinos flagrant zu machen, und bald kam es nur darauf an abzuwarten, wie lange sich die Liberalen am Ruder halten würden.

Es scheint, als habe den Papst von Anfang an eine ungewisse Angst davor erfüllt, sich einst auf Caraffas Partei stützen zu müssen, und sei deshalb sein Wunsch, sich mit den Lutheranern in Güte zu vertragen, auch aus dem Gefühl entstanden, er werde, wenn Zwang und Härte einmal zur Anwendung kommen müßten, sich selbst denen zu unterwerfen haben, die dann ans Ruder kämen.

In der Kommission erklärte sich Caraffa für sofortige Reform im äußeren Leben der Geistlichen. Es sei die größte Sünde gegen Gott, auch nur einen Augenblick hier zu zögern. Damit konnte dem Papste natürlich nicht gedient sein. Es wäre ein schönes Schauspiel gewesen, wenn der junge Kardinal Farnese, der mit den Gütern des gemordeten Ippolito ganz dessen äußere Stellung eingenommen hatte, plötzlich als würdiger, enthaltsamer Priester hätte auftreten müssen. Paul verschob die vorgeschlagenen lobenswürdigen Maßregeln auf bessere Zeiten. Noch war die Hoffnung vorhanden, mit den Deutschen einen gütlichen Vergleich zu treffen.

Immer schlechter gestalten sich, seitdem der in Rom so pomphaft angekündigte Feldzug gegen Franz den Ersten einen unglücklichen Verlauf genommen, die Aussichten des Kaisers. Er durfte nicht mehr daran denken, die Lutheraner dem Papste mit gebundenen Händen wieder zuzutreiben. Die politische Lage der lutherischen Fürsten war die vortrefflichste. Frankreich und das nun auch von Rom abfallende England waren ihre Alliierten. Kaiser und Papst überboten sich in Nachgiebigkeit. Jeder hoffte auf diesem Wege die Lage der Dinge zu seinem Vorteile auszubeuten.

Im Jahre 39 zeigte sich recht klar, wie beide den Deutschen gegenüber standen. Paul hatte das Konzil angesagt, in Vicenza sollte es zusammentreten, Karl dagegen sich mit den deutschen Fürsten dahin verglichen, daß Reformierte und Katholiken in Nürnberg ein Religionsgespräch abhalten und die schwebende Frage dort zum Abschluß bringen wollten, ohne daß sich der Papst dabei beteiligte. Das war ein kaiserliches Konzil gegenüber einem päpstlichen. Auf der Stelle ward von Rom aus ein hoher Geistlicher nach Madrid geschickt, um Beschwerde zu führen. Die Unruhen in den Niederlanden gaben dem Kaiser Vorwand, die Sache für diesmal hinauszuschieben, im folgenden Jahre jedoch nahm er den Plan wieder auf Sein Bruder Ferdinand, römischer König und Spezialregent für Deutschland, traf in den Niederlanden mit ihm zusammen, und es wurde zwischen ihnen ausgemacht, auf welche Weise man mit den Lutheranern fertig würde. Der Kardinal Farnese, der sich am kaiserlichen Hoflager befand, wandte alles an, derartige Entschlüsse zu hintertreiben, allein vergeblich. Hinter seinem Rücken wird der Reichstag verabredet, auf dem die Dinge entschieden werden sollten. Farnese verläßt auf der Stelle den Hof, und zurückreisend über Paris, erwirkt er dort ein Edikt gegen die Ketzer, das mit ostensibler Strenge durchgeführt ward.

Das war ein Schritt weiter im Sinne Caraffas. Immer aber noch gab in Rom die mildere Ansicht den Ton an.

Der Papst ließ sich bereit finden, auf den im März 41 nach Regensburg angesetzten Reichstag einen Legaten zu senden. Die Lutheraner hatten erklärt, daß sie damit einverstanden seien. Bis zum letzten Augenblicke, ehe der Papst diesen Schritt tat, hatte man den Kaiser zu bewegen gesucht, die religiöse Frage vor das Konzil von Vicenza als den einzig berechtigten Richterstuhl zu verweisen. Es wurde verweigert, und der Papst gab nach. Contarini, der mildeste unter den liberalen Kardinälen, der langjährige Freund des Kaisers, der seine Sendung selbst persönlich gewünscht hatte, ging nach Regensburg, und die Verhandlungen nahmen ihren Anfang.

Während Contarinis Abwesenheit aber geschah in Rom das Entscheidende.

Der junge Kardinal Farnese stand an der Spitze derer, die auf gewaltsames Durchgreifen drangen. Freilich nicht aus den Gründen Caraffas. Die Farneses wollten ein Bündnis mit Frankreich und Krieg wegen der Lombardei. Gelang es aber, Deutschland und den Kaiser zu versöhnen, so erlangte dieser einen Machtzuwachs, der nicht allein ihm direkt zugute gekommen wäre, sondern auch Frankreichs Wühlereien in Norddeutschland, woher es seine besten Soldaten bezog, ein Ziel gesetzt hätte. Auf die liberalen Kardinäle fiel plötzlich ein Schimmer, als könnten sie mit dem Kaiser unter einer Decke spielen. Konzil, Absetzung des Papstes, Erhebung Contarinis oder eines seiner Freunde erschien als Möglichkeit. Alle die freigesinnten Italiener, deren Zahl täglich zunahm, wären die Bundesgenossen der neuen Macht geworden. Contarini war im Begriff, sich mit den Lutheranern zu verständigen, indem allen Nebensachen beiseite gelegt und nur die eine wichtigste Frage über die Rechtfertigung durch den Glauben behandelt wurde, bei der Melanchthon sich geneigt zeigte, eine vermittelnde Formel anzunehmen, welcher Contarini die Zustimmung des Papstes verhieß: – plötzlich kommen Befehle aus Rom, die ihn zurückrufen.

Unter dem Vorwurfe, seine Instruktion überschritten zu haben, und mit dem Verdachte belastet, auf die Pläne des Kaisers gegen den Papst eingegangen zu sein, obwohl man in Rom gut genug wußte, daß eins wie das andere grundlos sei, wird er als Legat nach Bologna geschickt, der Kardinal Polo geht in gleicher Eigenschaft nach Viterbo, und Caraffa, der den Ruhm davonträgt, dem Papst die Augen geöffnet zu haben, ist derjenige, der zurückbleibt.

Als Besiegelung der neuen Ideen im Sommer des folgenden Jahres dann die Errichtung der Inquisition in Rom durch Caraffa und Loyola, der sich eingefunden.

Ein Schrecken ging durch Italien. Wer irgend konnte, entfloh. Das waren die Zeiten, in denen Michelangelos Jüngstes Gericht zur Vollendung kam. Am ersten Weihnachtstage 41 wurde die Sixtinische Kapelle wieder geöffnet. Noch durfte der Papst, als der Zeremonienmeister Biagio da Cesena sich wütend in der Gestalt des Höllenrichters Minos porträtiert sah, den Scherz wagen, er könne nichts tun, da aus der ewigen Verdammnis ja die Päpste selbst niemand zu erlösen vermochten. Bald aber wurde von den Kanzeln auf das Gemälde geschimpft.

Vom Sturze der Engel, der auf die gegenüber liegende Wand kommen sollte, schweigt jetzt alles. Michelangelo hatte bereits Entwürfe dazu gemacht, von denen jedoch nichts mehr vorhanden ist. Ein sizilianischer Maler, der als Farbenreiber in Michelangelos Diensten stand, soll danach in der Kirche der Trinità in Rom gemalt haben. Vasari beschreibt das Gemälde, doch habe ich es dort nicht gesehen und es auch sonst nirgends erwähnt gefunden.


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