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Die Triesch

I.

Wenn die Eysoldt Bildung hat, rumort in der Triesch – an gewissen Stellen – Geistigkeit; und funkelndes Überlegensein durch das Gefühl. (Die stärkste Geistigkeit bei uns ist fraglos die Bertens.) Bei der Triesch äußern sich geistige Regungen … als Erregungen.

Sie wird in diesem Buch, wo es von der Sorma spricht, gekennzeichnet. Manchen erweiternden Zug hat sie zwischendurch gebracht. Als Brands Frau bleibt sie, mit allen Widerständen äußerer Erscheinung, denkwürdig. Als junge Mutter vor allem.

»Agnes, mein reizender Schmetterling« –? Nichts davon. Aber ein Schrei, wie kein Menschenschmetterling ihn haben könnte. Wenn sie klagschreit, ist sie unüberwindbar. Da liegt eine Urkraft; die Allkraft dieser dunklen Person. Kreaturig – möcht' man sprechen.

II.

Sie kann auch zeichnen. Wenn sie als trauernde Gattin dem nachmals dritten Richard begegnet. Hier ist sie ganz groß, als ein Stück Witwe von Ephesus; am Sarge des Gemahls hingenommen; sie gibt ihr … eine frauenhaft schöne Dummheit; ein Nichtahnen (wie die Böcklinsche Susanne was davon im Blick hat), – so daß man es wirklich glauben kann.

Zwischendurch, bei dem preisgekrönten Isolden-Dichter Ernst Hardt, wirkt sie absonderlich. In der Tracht wie aus der manessischen Handschrift – in den Bewegungen aus der manassischen. Die Triesch ist eine zu hochstehende Künstlerin für Isolde Schwachhaupt. Aber sie bringt mittendrin geistig Wunderbares. Überlegenes.

III.

Bei Henrik Ibsen scheint sie heut etwas härter als zuvor, wenn sie General Gablers Tochter nachschafft. Sie tätschelt (wie Kainz als Richard der Dritte) Handflächen der Gegnerin. Der ganz verstockte Zug aber, den ich an dieser Hedda mir vorstelle, das sparsam seltsame Gefühlsausbrechen, das innere Lügen, das zähe, starre Zerquetschen der Empfindung, als hätte sie nur Sehnen unter blondem Haar: das ersetzt nun die Triesch durch eine Vision des immerhin leidenden Weibes. Mit Recht oder Unrecht: voll starker Gefühlskraft.

IV.

Sie ist bei Schnitzler, im »Weiten Land«, mitten unter angefressen-glücklichen und morsch-glücklosen Wienern die beleidigte oder nicht beleidigte, die liebende Frau; geschaffen zum Treusein; erbebend in dem ganzen Getrieb. Sie schafft hier letzte Regungen durch Gesichtsausdrücke; durch halb unterbrochene Handführungen. Etwas Großes … Und in den Anatoldramen kommt sie gelegentlich als letzter Nachtgast am Morgen vor der Hochzeit; – wie tief ulkig in dieser aufdringlichen Art, im falschen Lieblichsein, im Schmierenton … als spräche sie mit jedem Glied: »So ist das Kleben!«

V.

Sie steht im Totentanz von Strindberg so über der Eysoldt – wie ein Wesen über einem Ornament. Sie wird leibhaftiger. Ist ja durch die lebenswirkliche Schule gegangen. (Doch wenn das größere Maß des Mitleids dem Manne zufallen soll, scheint sie bestrebt, es für sich zu ergattern. Nur am Schlusse mit Recht.)

Hier steckt bei der Triesch ein wesentliches Merkmal; es zeigt sich, wenn sie bei Schnitzler, im »Zwischenspiel«, als Gemahlin, weil sie einen Jungen hat, erst auf den Punkt getrieben werden muß, wo das selbstsüchtige Weib sich regt. Sie hat mehr Leidendes als Verlangendes. Es ist auch wertvoller für diese Cäcilie.

Das Dunkle bleibt das Wertvollste der Triesch. Lange lebt im Gedächtnis, wie sie, in einem Bahrschen Stück, als scheidende Gattin, Veilchen mit Namen, am Schluß zur Tür hinausgeht. Eine Trauer mit geschlossenen Lippen; eine Trauer, der etwas verloren gegangen war … schweigend verloren. Und am stärksten bleibt ja diese Frau doch, wenn sie losbricht; im ganz großen Schmerz ist sie gewiß die Größte.

Die Trauer jedoch eines Zwischenspiels, will sagen: einer Zwischengattung, die nicht mehr Tragik ist und noch nicht Gleichgiltigkeit: die gibt ihr kaum den Anlaß, ihre wahre Macht zu wecken …

VI.

Einmal ist sie Hauptmanns Elga. Zuvörderst als Bild unmöglich, mit der Reitgerte … Nachher bezaubernd, von größter Feinheit; nicht zuletzt in heißer Energie. Eine, die den Rhythmus fühlt. Aber sie fühlt ihn nur: sie besitzt ihn nicht.

Ihre Natur geht nach der Seite des Dunklen; da ist sie am größten. Ich sah einen köstlich gespielten Leichtsinn – und wußte: sie ist kein Falter. Und wußte: sie schlägt das Leben nicht in den Wind.

Und wußte: sie bleibt geschaffen für den Schmerz.


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