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Josef Kainz

Seppel

I.

Sterne, Maiensträuche duften und flimmern; Mondquellen rauschen; und ein Märchenvogel schalmeit.

Mancher Seppel in Österreich heißt Lainz oder Greinz. Dieser hieß Kainz. Oft unter Briefen ins Vaterhaus steht »Seppel«.

Verschwebte Kränze; zerstobene Magie; verschollene Funken; eine sagenhafte, dauernde Totendämmerung. Jemand zog in die Ferne, nun sitzt er am Firmament; in etlichen hunderttausend Deutschen haftet noch ein Stimmklang, ein Auge – und ein Abschied.

II.

Jugendbriefe dieses Josef Kainz hat man, einen Band, gesammelt; so feuervoll wirken sie; so wildschön; so jung; so österreichisch; so flink und emporleuchtend; wie zwischen grün-altem Baumgezweig Strahlenkugeln nachtselig schwirren, sinken, – schwinden.

Aber wo sie schwinden, das liegt im Ungesehenen. Hier ist noch Jugend, Anfang, Aufwärts. Glanz und Gloria. Herrlichkeit und Zukunft. (»Herzliebste Eltern«. »Euer Joseph.« »Didier.« »Seppel.«)

III.

Die Briefe sind von Dr. A. Eloesser abgeschrieben und aneinandergestellt. Zwar wurden hier zwei wenig gleichbürtige Geblüte zusammengespannt; aber der umgekehrte Gedanke – Eloesser wäre, gottbewahre, dahingeschieden, und Kainz hätte des Verstorbenen Briefe herausgegeben – wäre noch düsterer vorstellbar. Zu nicht geringer Genugtuung tritt in dieser Einleitung der Verfasser, nachdem er einiges Falsche gesagt, angenehm zurück.

Das Nachwort enthält Randnoten, die er »persönlichen Gesprächen mit dem Künstler« (er meint, daß der Künstler darin persönlich war) verdankt. Auch verdankt er sie »Kainz' Rollenbuch« (das ist für dieses Ausdruckstalent ein Dativ).

IV.

»Kinder!«, redet Kainz die Eltern an. Wie ein lautes Gewächs. Eine Pflanz'. Nöte, Glück, Schmierenberichte, Kleidersorgen. Was er alles gefressen hat. Bald wieder Sorgen um Photographien. »Kreuzdonnerwetter. Ich habe mich auf der Welt noch nie über etwas gekränkt, dazu bin ich nicht geschaffen.« Von hier ist es weit bis zu seinem Darmkrebs. Zwischendurch vergilbte Rezensionen. Geldborgen.

Neben einem Schattenbild auf dem Titel, hübsch, von einer Österreicherin, gibt es ein Dreiviertel-Dutzend köstlicher Konterfeie – dieses Besonnten, Hurtigen, Durchglühten, Himmelsberedten.

Ewige Rischheit. Ein schwatzvertrautes Erzählen an die Eltern. »Am meisten soff die Hasselbeck.« Und so. Im Leben war diese Derbheit noch entwickelter; schade, daß man alles nicht mitteilen darf, etwa seine drastisch-ulkigen Äußerungen über zudringliche, in Berlin seßhafte Bekannte; derart, daß er als den Aufenthalt dieser Anhänglichen den erkrankten Körperteil sterbend angab. Darin steckt ein langdauernder Humor …

In der Kunst kletterte seine Derbheit auf einen salzighellenischen Gipfel, wenn er, im vertrauten Kreis, etwa vor der Morgendämmerung, zwischen vier und fünf, hinging und Heinrich Heines Disputation dergestalt sagte: daß der dicke Mönch etwas Rabbimäßiges, in katholischen Tonfall Übersetztes bekam – und (seinerseits) der Rabbi was Schweinernes und Geselchtes in aller spaltenden Talmudik, so ein fettes Speckmauscheln und Schmalzgurgeln, … bis aus der goldhaltigen Kehle die geringelten Schwänzchen junger, weißrosiger Mastsäue sichtbar huschflitzten. Mehr sag' ich nicht.

V.

Wo sind die Zeiten? Wo die Stunden von Werdenden, noch nicht in den Briefen vermerkt, da von uns jeder, silvesternächtlich, einen Kranz aufs Haupt gestülpt, lärmte, Kainz an den Flügel trat, den Stegreifklängen meiner Hände nachzugehn, und seine Stimme nievergeßbar zu der Musik anhub: »Es stand in alten Zeiten – ein Schloß so hoch und hehr.«

Damals war er schon gelandet. Aber noch der Meister nicht wie vor dem Sterben.

VI.

Ein Dasein hindurch hat er versucht, getrachtet, ergänzt. Fast spaßhaft-arglos ist es, wenn er in diesen Jugendblättern schreibt: »Ich habe den goldenen Mittelweg zwischen tobender wahrer Leidenschaft und großer Ruhe noch nicht so recht gefunden; aber durch eifriges Studium« (wie ehrlich!) – »aber durch eifriges Studium komme ich ihm, wie ich fühle, täglich näher.« Man denkt an die Naivheit Mozarts, der offen etwa schreibt, er habe, vor dem Vollenden des Don Juan, es an nichts fehlen lassen, sondern die Partituren aller Komponisten der Zeit nochmals durchgesehn …

Kainz schwärmt einmal von diesem Landsmann, von »unsrem« Genius Mozart.

Ja, der ist sein Landsmann im Genius.

VII.

Einer zog in die Ferne; nun sitzt er am Firmament; und hier war er jung.

Feuervoll und krudelschön. Über das Widerliche, was an Garderobier, Mimentratsch, Bretterwichtigkeit, Haarkräuselei von fern erinnert, hilft sein Stürmen hinreißend weg, sein Blühen, seine Volkskraft, seine Südhaftigkeit, sein Emporleuchten, sein melodeiendes Blut, sein junges Geisterglück.

Glanz und Erwartung; Seligkeit und Gloria; Augenschimmern und Zukunft.

»Herzliebste Eltern« … »Euer Seppel«.

1912. 20. Juni.

Der Tote

I.

Wer warst du, Seele, wundersame?
Wer warst du, die ins Finstre schied?
Ein Zaubervogel? Eine Flamme?
Warst du ein Wein? Warst du ein Lied?

Wer ging durch unsre Frühlingsfelder;
Und fern aus Träumen, unsichtbar,
Hesperische Zitronenwälder
Umschatteten sein Lippenpaar?

Warum die Rast des noch nicht Müden?
Wer warst du? Keiner kam dir gleich.
Du Glück und Glut aus deutschem Süden.
Diónysos aus Österreich.

Du hextest funkelnd aus den Saiten
Tief tausendfältiges Getön
Und Blitze, Peitschen, Seligkeiten
In goldner Wildnis – menschenschön.

II.

Sacht bettet man den Frühverscheuchten
Im Dämmerglast des Kerzenscheins.
Wir grüßen dich. Du warst ein Leuchten.
Es kommt nicht wieder – Josef Kainz.

1910. 22. September.

Marc Anton

I.

Marcus Antonius …: Josef Kainz. Den vorletzten Eindruck empfing ich in Wien; als er den Tantris von Herrn E. Hardt machte. Sobald er auftrat, sich vor ein paar Stufen warf: sobald war etwas Fremdes, Fortreißendes, Großes, etwas ganz Unterscheidliches da. Mit einem Gestus; – (ich dachte: so war es vor zwanzig Jahren, wie er als Knappe Franz nur hintrat, ein Student riß den Zettel hervor: wer ist das …?)

Er las am folgenden Abend Heinrich Heine. Er las etwa die Worte: »Da lachten die Geister …« – mit einem Klang, worin der Acheron, tausend Peitschen und tausend verlorene Seligkeiten (nebst etlichem Juchz- und Hupf-Geräusch) durchmischt erklangen.

Er sprach die Grenadiere. Fast wie einen Bericht, so gut wie tonlos, rasch, man stutzt, es ist beinah zu Ende, alles glatt hintereinanderweg, und noch kein starker Akzent, das Gedicht ist gleich fertig, wann kommt es, nun ist bloß noch eine Zeile … da sagt er (jetzt fängt er an) das Wort: »Den Kaiser, den Kaiser zu schützen«, – und man erzittert; man muß sich Luft machen; dieser Magus hat an den Sitz der Seele selber gegriffen. Ja, er hat die wilde Kraft: in ein einziges Wort, in einen einzigen Klang Unsagbares zusammenzudrängen.

Das ist ein seltener Musiker. Ein Musiker.

II.

Als Marc Anton gab er keinen Jambenbold. Was ich sah, war … ein Mittelmeermensch. Manchmal fast ein Afrikaner. Mit allem Hurtig-Sehnigen des Anton. Mit seiner lautlos-starken Flinkheit. Und mit der Magie dieser Lippen. Bisweilen grimassig. Doch ein Sprechsänger; ein Artikulator; ein hinreißendes Blut; von einer … behenden Dämonie – möcht' man sprechen. Wer hat die Gloria und den Glanz wie dieser Josef? Soweit die deutsche Zunge klingt, niemand.

Ein stilisierender Charakteristiker. Ein großer Musicus …

1909. 19. Januar.

Richard II.

I.

Das Los eines leichten Menschen: den Unglück zu einem der gewichtigsten Menschen macht. Das ist der Kern dieses Stücks (welches heißen könnte: De profundis).

Das Steigen der Sinkenden. Das neue und … gewissermaßen einmalige, jähe, fremde, kurze Wachstum der Hingesichelten. Das ist der Kern dieses Wunderwerks.

II.

Shakespeare gibt einen Grund für das Sinken: der Sinkende lud Schuld auf sich. Aber das ist Vorwand! Täuschung! Zugeständnis an die Mitbürger … Shakespeare weiß: des Sinkens letzter Grund ist nicht sittliche Verfehlung. Sondern das Fehlen der Macht. Ecco.

Shakespeare ist hier so doppelt, daß er … zwar ein staatserhaltendes Stück für England abfaßt; daß er jedoch zugleich, als ein verborgener Ketzer, ganz die Kehrseite schaut – und (hier liegt der Punkt) sie für berechtigt hält.

Ein unerhörtes Werk mit doppeltem Boden.

Wie Shylock innerlichst über die Kaufleutchen Venedigs: so steigt Richard, pflichtvergessen, unköniglich, bestraft und verurteilt, zu dreifach höherer Menschengewalt als die rechthandelnden Sieger. Ein durchgehender Doppelboden.

Denn dieser König schaut nicht nur die Tiefe seines Falls und die Gründe seines Falls, nämlich Schuld: sondern er schaut zugleich die Erbärmlichkeit der Schuldlosen. Das ist es.

Sogar der Gottesgnadenglaube des Entthronten fehlt nicht in diesem (für die Thronenden gemachten) Teufelsstück.

Shakespeare scheint zu moralisieren: für die Ordnung der guten Machthaber. Doch während er den Zeigefinger der einen Hand mahnsam, erziehlich emporhält: währenddessen beklopft und zerwühlt seine andre das Erdreich, worauf die Gerechten stehn.

III.

Etwas Unerhörtes in einer verschollenen Epoche.

Nicht ein Zweifler hat das geschrieben: sondern schon ein Erkenner. Ein Kerl, der (halb klagend, halb wie ein Monnaliserich lächelnd) gemerkt hat: »Macht ist alles; und bei allem Delirieren von Schuld und von Rechtlichkeit kommt es schließlich auf das Machthaben oder das Nichtmachthaben hinaus« …

Dieser William, ein Verlorener in seiner Umwelt, ein Gefangener der Zeit, gibt vom Beginn bis zum Ausgang ein schillerndes Werk: den Stützen der Gesellschaft zu Liebe verfaßt; zugleich von einem ganz außerhalb dieser Gesellschaft Hausenden. Es sind zwei Werke … Man ringt nach Luft: denn er schreibt mit aller Kenntnis von der Leere der historischen Sittlichkeit; ja von der Tragikomik jeder Menschensatzung.

Und am Ende sieht man im Verfasser doch nur melancholisch einen Gefesselten; der verhindert war zu sagen, was er sagen wollte …

IV.

Kainz? Er machte zwischen dem Leichtsinn und dem Sturz nicht einen starken Einschnitt. Vielleicht gab er die ganze Verblüffung nicht – eines Hinabtaumelnden, der sein Schicksal in einem, einem, einem Augenblick entscheidend wahrnimmt. Es war … ein minder dramatisches, doch seelisch ernsteres Hinübergleiten. Eine große, kluge Nachdenklichkeit – mit einem bösen Lächeln. Sarkastische Tragik.

Bei Beerbohms Richard weinen Kinder und Frauen, wenn er die Äußerlichkeiten des Schmerzes macht, als ein Märtyrerbild mit Heilandsblick, mit einer dauernden, fixierten Emailleträne. Lebendes Bild. Bei Kainz gibt es natürlich das nicht … Ist man bei ihm ergriffen?

V.

Wir höheren Menschen sind es. Ergriffen auf einem halb intellektualen Umweg. Ohne Rührung. Ergriffen, wie man durch etwas Kostbares, Nachdenkliches, Tiefes ergriffen werden kann. Ergriffenheit von Erkennern. Mehr Sympathie für Den, der spricht, – als Schmerz um sein Los. Ein ernstes Staunen: aber nicht weinende Zerwühlung.

Erlebt man einen Charakteristiker? Man erlebt einen großen Sager. Einen einzigen Sager. Man sieht einen Umstrahlten, der oft Unterschiedliches verdämmern läßt: weil er alles mit seinem Glanz, seinem unregelmäßigen, zaubervollen, umhüllt. Dieser österreichische Dionysos hat seinesgleichen heute nicht.

Man wird fortgerissen, sozusagen tragisch entzückt von einer sinnlichen Kraft. Von der geklärten und reifen Kunst eines ewig wilden Geblüts.

Es herrscht zwar das Empfinden: hier steht ein Meister. Doch mehr das Empfinden: hier singt eine Natur. Hier blüht ein Wesen. Hier wächst ein Wein; hier schwillt ein Wein …

Richard, als einzelne Gestalt, wird erkennbar. Doch hinter ihm steht etwas … wie ein Ornament dieser Gestalt. (Das ist es.) Ein Symbol – voll tiefen Glanzes. Voll Begreifens. Und voll sarkastischer Tragik.

Kunstentwickeltes und Triebhaftes wunderbar verflochten.

1909. 17. November.

Mephisto

I.

Bewegtere Bühnentage sind mir lieber als ruhige Wochen. (Wer das Theater vermaledeit, sollte nicht berufsmäßig hingehn – wie ein Kinderfeind ganz und gar nicht zum Pädagogen taugt.) So gewiß die Bretter das Höchste nicht sind: so gewiß bin ich gegen sie nicht blasiert.

Wir sollen uns gewiß von wiener Art freihalten; und ich ermahne jegliches Blatt, den Theaterschmuß einzudämmen; zu sorgen, soviel jeder kann, daß Direktoren und Mimen als Hilfskräfte für den Autor bei uns behandelt werden; (es steht schon mehr über sie in den Zeitungen als über die Dichter; was ein Verblödungsmerkmal wäre, wenn es dauert). Also nicht einreißen lassen; Front machen; jeder, der etwas zu gebieten hat, strebe, soviel er kann, das Verhältnis herzustellen. Der Dichter wird machtlos, bewegt sich in Vorzimmern, wo man ihn gegen die Wand quetscht, und Bretterleute füllen die Aufmerksamkeit unter dem Strich.

Erstens dies nicht einreißen zu lassen; zweitens nicht stumpf zu sein gegen die lebende Bühne: darauf kommt es heut an. Ich graule mich vor einem Mimenzeitalter. Doch von Künstlern, wie Kainz, Wirkungen zu empfangen, und Wirkungen zu beklopfen (wenn man die Organe dazu hat), steht völlig abseits von der Gefahr. Mir gab dieser Mephisto … nicht eine Bühnenspannung, sondern in einem bestimmten Augenblick ein menschliches Begegnis. Darum war der Abend nicht verloren. Darum soll man hiervon sprechen wie von etwas sehr Wichtigem.

II.

 … Bei Kainz ist vieles Zufall. Was er zu hören gibt, ist (neben einer oft herrlich gewogenen Sprechkunst) oft die Zufallsbetonung eines Mimen; etwas, wie es gerade herauskommt; eine Willkür; ein Augenblick ohne haltbaren Grund; irgendein Glanz; eine Fermate; ein hohes C; irgendeine grundlose Bewegtheit … ein Brio nur aus Bedürfnis nach Brio; ein wechselnder Rhythmus nur aus Bedürfnis nach wechselndem Rhythmus; (und so).

III.

Dahinter jedoch steht schließlich ein »Nehmt alles nur in allem!« Ein Fortklingen. Ein Eindruck. Eine Nachwirkung. Ein Erinnerungsbild … Das ist bei Kainz immer zunächst Erinnerung an einen Mimen. An einen, der hin und her springt, der vieles macht. An einen Probemimen … Aber an einen seltnen, in Deutschland nicht zweimal vorhandenen, – aus dem ein wundersamer Vogel singt. Es ist Erinnerung an eine Stimme. An etwas aus der Luft Genossenes. An eine Musik. An einen Bann für das Ohr. (Und wenn er einmal tot ist, wird sein Nachfolger auf diesem Feld Alexander Moissi heißen.)

IV.

Solche Erinnerung an den hin und her springenden Mimen mit einem Wunderklang ist das Eine. Es bleibt aber nicht zu verhüten, daß zuletzt auch was wie eine Gestalt, praeter-propter und wie von ungefähr, daranhängt.

Verfehlt scheint mir, bei solchen Instinktkünstlern allzuviel von »Auffassung« der Rolle zu sprechen … und in der Kritik ein Gequatsche zu machen über das System, das der Künstler nie gehabt hat. Wir wissen, daß der die Dinge meistens so bringt, wie er sie mit seiner Technik, der inneren und äußeren, am besten hinlegen kann. Und ich wünsche nicht, nachträglich eine Theodicee seiner Seifenblasen: sondern eine Feststellung Dessen zu geben, was er hinlegte, herauskriegte, machte.

Und völlig auf einem andren Blatt steht die Frage nach jenem Erinnerungsbild, das er – wollend oder nicht – kraft seiner eingeborenen Beschaffenheiten, kraft seiner Instinkte zuletzt doch hinterließ. Was bei seiner Technik und bei seiner Natur schließlich »kam«.

V.

Das war hier … eine Gestalt nicht von Goethe; sondern etwa von Byron. Ein Luzifer; (von Byron). Ein Engel. Ein Verdammter noch im Lächeln. Ein in Spott und Bewegsamkeit von Melancholie Umleuchteter, Umflatterter. Nein, »Schwermut« ist zu lyrisch: – Mißmut. Hinter allen Teufeleien lag etwas wie die Erinnerung an … einmal Geschehenes; und an Verstoßensein. Ich kann es nicht vergessen.

Ein Bedauern, daß ihm diese lieblichere Welt verloren blieb. Und als er Gretchen erblickte, brach es, für mein Gefühl, unauslöschbar durch – er sah sie an, es regte sich etwas … »als ich noch Prinz war von Arkadien« …

Ich war in diesem Augenblick erschüttert: als ob man jenseits, von einem Gestade, zurücksähe, plötzlich, auf etwas Nichtmehrzuerreichendes. Als ob eine Hand, hast du nicht gesehn, an den Sitz der Seele gepackt hätte. Aus …! Einst …! (Byron.)

VI.

Das war mein menschlicher Eindruck.

Als »Charakterdarsteller« ist Josef Kainz von stärkerer Macht in Richard dem Dritten. Er war an dem Faust-Abend oft ein Declamator mit Unarten; grimassig wie als Dichter Torquato, – dessen Seelenzerwüstung doch keiner so nachzeugen kann wie er.

In der Hexenküche recht fatal und äußerlich.

Und mit alledem gab er einen Eindruck …, den ich nicht vergessen kann.

1907. 3. März.

Figaro

I.

Das war, nehmt alles nur in allem, etwas Entzückendes. Es sollte mehr beachtet werden; ich hatte das Gefühl, daß zufällig ein Schwarm von Leuten auf gut Glück hineingegangen war, die sich überrascht sahen: von etwas Entzückendem.

Kainz hatte »Figaros Hochzeit« gut übersetzt; und besser bearbeitet als anno 95 der Schriftsteller Fulda; als welcher zaghaft genug war (oder dreist genug?) das Herrenrecht wegzulassen; den wesentlichen Bestandteil dieser politischen Komödie. Kainz ist blutvoller. Er ahnt wohl, daß weniger dies jus primae noctis als die Weglassung ein Grund zum Erröten wäre.

II.

Mozart bleibt himmlisch; aber den Kern der Komödie mußte seine (himmlische) Musik notwendig zerteilen, unschädlich machen, ablaugen. Mozart hat die eine Hälfte vom Beaumarchais vertont; die andre Hälfte gab doch erst die Neunte von L. van Beethoven. Beaumarchais hat gewiß kein Pathos: aber zurück bis zu ihm reicht dennoch der Chor: »Seid umschlungen«.

III.

Dieser blitzend rasche Uhrmachersohn war ein publizistischer Kerl; wie das heutige Frankreich keinen mehr, und wahrhaftig nicht in Henri Rochefort, erblickt hat. Rochefort, den die Deutschen nicht kennen, ist ein Almaviva, der wieder zum Figaro wurde; schon darum kann er so zielstark nicht sein wie Beaumarchais: der umgekehrt vom Figaro zum Almaviva hinschreiten mußte. Dem Laternenmann fehlt zugleich die ausnahmsartige Zeit; er wechselte, sportsüchtig wie ein verkommener Edelmann, nach Laune den Treffpunkt seiner Schreibereien.

Endlich: es fehlt seiner Gestalt jenes Göttliche, Künstlerhafte, Schwebende, das Beaumarchais hat; Rochefort ist nur ein haderhaftiger Mensch: aber der Beaumarchais steckt voller Lustspiele; voll wehender Sommerluft; voll funkelnden Lächelns. Der gibt verstohlene Wasser. Der gibt eine schleierfeine Bildfolge. Der ist sacht und still: wie er risch und hurtig ist. Zarter Blumen leicht Gewinde … Flimmernde Gloria. Gaukelnde Magie. Entschwebendes. Cherubin! Cherubin! Mondlicht schlummert über unfaßbar gleitender Seligkeit. Kurz: ein Künstler.

Und daneben erst grinst, schlägt, blitzt sein furchtbares Waffenwerkzeug, das um sich Rottengeister sammeln wird, entzünden wird: zum Zerstören und zum Befreien.

Beaumarchais, der Künstler, erschuf, zunächst und vorläufig, im Figaro die Gestalt des Immersabilis, – trostvoll; unter Lächeln dräuend. Beaumarchais lacht und gibt unter Lächeln alles: bloß nicht das letzte Wort; er ließ es von Späteren sagen, vollziehn, in Blut schreiben. Beaumarchais zählt zu den stärksten, zu den funkelndsten Spielern. Und wenn sein Figaro mit sich im Dunkel spricht, rauscht über ihm die Zeit. Das Lächeln dieses Mannes hat den Ewigkeitszug. Einer der gewaltigsten Davidsbündler: mit der Schleuder, wie mit der Harfe.

 … Cherubin! Cherubin!

IV.

Kainz war vielleicht ermüdet. Was tut es! Er gab den Figaro (den Proletarier ohne Dumpfheit) vielleicht deshalb mit einem Einschlag von gelegentlicher Melancholie – der wundervoll paßte.

Dies Adelsvolle; dies Funkenwerfende: wer hat es noch? wer in Deutschland? Den Monolog im Schlußakt, den leuchtenden Inbegriff eines wundersam kämpferischen Stücks, hat Kainz dreihundertmal so gut gesprochen wie im gallischen Staatstheater der jüngere Coquelin. Er war nicht Diener? sondern mehr Herr? Auch gut. Grade gut!

Das Ganze bleibt mir ein Erinnern, das nicht heut und morgen verlöschen darf. Ein toller Tag? Ein köstlicher Abend.

1907. 26. März.

Weh' dem, der lügt

I.

Er gab den Küchenjungen. Vor einem Wiederkehrenden fragt man, ob er sich verändert hat. Er hat sich verbessert. Er war gewiß noch nie so sprühend; so ausgeschlafen; so sicher.

Die zweite Frage, vor Wiederkehrenden, heißt: ob man sich selbst verändert hat; welches der Eindruck ist.

Wenn ich den Eindruck prüfen soll, war er bei mir etwa so.

II.

Der Mann, der da den Küchenjungen spielt, ist zunächst ein Sprechsänger, mit dem Stimmreiz. Worin liegt sein Merkmal? Erstens in der Raschheit des Artikulierens, zweitens in hohen Tönen. Töne mit versilbertem Wipfel. Ja, dacht' ich, so ist seine Rede: ein hingleitender Fluß (oft mit monotonem Wassergeström) – und darüber, hie und da, blitzt der versilberte Wipfel.

Dieser Reiz des Sprechsängers, mehr sinnlich als seelisch, bewirkt einen Teil seiner Macht, – wenn man, statt schöne Worte zu brauchen, die Technik zergliedert. Kainz blieb da sicherlich mehr ein Schauspieler kostbaren Glanzes als ein letzter Zerleger der Psyche. Auch seine Betonungen zeugten an diesem Abend drollig von der Vorherrschaft sinnlicher Macht.

Der fränkische Küchenjunge hat in der Gefangenschaft einem Bärenhautbarbaren verächtlich zuzurufen: »Hier nährt man sich, – der Franke nur kann essen.« Es gibt also da einen Gegensatz zwischen »essen« und »sich nähren«; einen zweiten zwischen »hier« und dem Frankenland. Kainz spricht (mit leichter Betonung des Wortes »nährt«) den Vers folgendermaßen: »Hier nährt man sich der Franke!!! (nur kann essen).«

Das Essen, worauf es im Gegensatz zu sich nähren ankommt, fällt unter den Tisch – und ein einziger Silberton, »Franke!!!«, hallt lange, lange nach als Ergebnis des Verses … Solche Züge fielen mir auf. Man ist kein Schulmeister und will sie doch feststellen. Man fragt auch leise, ob er ein Charakteristiker ist.

III.

Er ist (das ergibt sich als Antwort) ein stilisierender Charakteristiker. Er gibt mehr den Widerschein einer Gestalt als die Gestalt. Er gibt mehr die köstliche Paraphrase des Gegenstandes als den Gegenstand.

Ich dachte zu Beginn, als ich den Küchenjungen sehn sollte: Das ist … wer? das ist ein reifer Mime mit Mädchengebärden. (Man muß seine Eindrücke feststellen.) Dann ging die Erwägung weiter: Er ist kein Küchenjunge, selbst kein jambischer Küchenjunge; doch er ist alle die Grazie, die rasche Anmut, die Lustigkeit, die kecke Güte, so in dem Küchenjungen bei Grillparzer steckt. (Er arbeitet das erstens mit seiner wundervoll getönten Koketterie, zweitens mit jener Technik des Stroms und der Wipfel.)

IV.

Ja, seine leichte Kraft, sein edel gezehrtes Feuer, seine behende Holdheit, seine nervöse Dauer-Jugend, seine sichere Schalkheit, die minaudiert, lächelt und einsammelt: das alles steht auf eine ganz seltene Art an der Grenze zwischen Weib und Mann. Er ist, dacht' ich, der witzigste Italiener in deutscher Verssprache.

V.

Ja, er ist mehr. Er ist eine Übertragung des Südlichen ins Deutsche. Bisweilen wie ein halbwälsches Brio von Mozart selber. Kainz ist in seinem Glanz, Kainz ist in seiner Problematik etwas, das Österreich in glücklichsten Stunden zu vergeben hat.

Das waren meine Eindrücke.

 … Und wie eine Zusammenfassung des ganzen Mannes erschien das berühmte Gebet, das der Küchenjunge zum Himmel im gefährlichsten Augenblick ruft. Man hat zu Beginn den Eindruck: ein Mime, das Gesicht unnatürlich verzerrt, gemacht, kein einziger grader Gestus des Schlichten, sondern Fertigkeit unverhüllt, Rezitationskunst in kniender Stellung, Willkür – und bei alldem die Wipfel so leuchtend gefärbt, der volle Reiz des Gesanges, daß man ergriffen wird, schweigt, dem Zauber erliegt.

Es ist ein Zauber, der auf die allgemeine Förderung der Schauspielkunst kaum Einfluß hat. Mit seinem herrlichen Besitzer allein ist er zu erdulden und zu lieben.

1905. 21. März.

Der Vorleser Kainz

I.

Kainz hält Vorlesungen. In diesem verspäteten und sprunghaften Zickzack-Frühling, der zu nichts gut ist, nicht einmal zum Abreisen. Dante; Gottfried von Straßburg; Heine; Oskar Wilde: die Stilarten sind getrennt …

Er trennt sie auch: er wird aber kein bloßer Stilisierer. Das kann jede Gymnasialhilfskraft mit der Facultas für Deutsch.

Kein Stilisierer: eine Flamme.

Hier eine langsam gewaltige Flamme; öfters eine flimmernde Flamme; eine zuckende Flamme; eine flitzende Flamme; eine Phosphorflamme; eine rasende Flamme; eine Springflamme; bald eine seltsam verschollene Kerzenflamme wie aus alter Zeit, bald ein elektrisches Aufglühen … und Schwinden. Mancherlei Flammen: doch alles Flammen.

II.

Einmal, in den Höllenworten »Per me si va nella città dolente«, wie ein gesprochenes, senkrechtes, senkrechtes, langes Lodern. (Er hätte dies Zeilendutzend allein für sich geben sollen.)

Er sagt nicht »die« Göttliche Komödie des schwarzfeierlichen Florentiners (das könnte wundersam einer der stolzen Pfaffen von irgendeinem Inselchen Hesperiens; dieser nachtäugigen Bauernmenschen, veredelt im Seminar, voll Herzbluteinfachheit und innigster Kraft; Kerle, die manchen von uns nicht bekehrt, aber mit entzücktem Schweigen erfüllt haben).

Josef Kainz, ein Flammen-Impressionist, macht also nicht die Erhabenheiten der dantischen Ornament-Komödie: er will nur etliches Totenhaft- und Höllische herumirrender Seelen machen. Seine Lippe läßt bei alledem gewahren, daß es – Terzinen, Terzinen sind, worin dieser katholisch-acherontische Mensch seine Beklemmungen abgefaßt  … Senkrechte Flammen am Eingang: laßt alle Hoffnung fahren. Und flitzendhüpfende Totenflämmchen um verstorben Schweifende – mit nicht erstorbenem Gedenken.

III.

Aber sein Gipfel ist: bei zwei urewig verwandten Dichtern wie Gottfried von Straßburg und Heinrich von Düsseldorf (dessen korfiotisches Denkmal nur einen schmalen tränensanften Ausschnitt seiner weitfassenden wilden Wesenheit rebellisch neuen Menschentums bietet). Den straßburger göttlichen Gottfried nannt' ich vor kurzem einen »ruhevollen Blasphemerich«, – und was Kainz mit feurigem Lachen las, war eine Probe davon.

Mit feurigem Lachen. Über Stock und Stein sprangen die Flammen, König Marke von ihnen beleckt, Isolt und Tristan umgoldet, umknistert; umsungen, umspielt, umlacht. Endlich fand der Freund, Vetter und Herre Gottfried seinen wohlverdienten Erfolg (in der Bernburger Straße). Himmlisch.

Ich dachte: wenn der Kainz ihn mittelhochdeutsch lesen könnte. Dort ist alles noch saftvoller, weil es knapper ist, und noch still-unverschämter.

IV.

Nachdem der Literat Gottfried einen der größten Erfolge dieses Kunstwinters davongetragen, kam »Angélique« von Heine; dieser Zyklus einer wechselnd entgleitenden Liebe mit Gier, Zweifel, Galgenlust, mit allem was dazu gehört; eine Leidenschaft für Tage, Wochen (für Monate nicht mehr) mit Ärger, Plötzlichkeiten, Rückfällen … mit der Sehnsucht, mit dem gewaltigen Schatten der Vergänglichkeit, des Erlöschens:

Morgen kommt der Aschenmittwoch
Und ich zeichne deine Stirne
Mit dem Aschenkreuz und spreche:
Weib, bedenke, daß du Staub bist  …

Kainz gab das: wie es gedichtet ist. Als der größte Heine-Sager dieser Zeit. Als ein Sprechgestalter, umleuchtet und hundertfältig. Als ein Künstler vom Blute dieser neuen Mitlebenden. Zudem als ein Musiker: melodeiend.

V.

Ich gedachte dabei wiederum des verstorbenen Adalbert Matkowsky; dessen früher Tod für mich eine Tragik bedeutet, stärker als der Inhalt seines Lebens was bedeutet hat. Die Zeit ist noch nicht da, wo man ohne kritische Roheit über ihn reden kann … Matkowsky war ein starker Ausläufer. Aber natürlich ein Ausläufer.

Ich »setze« Kainz nicht »an seine Stelle«. Kainz ist beim besten Willen überhaupt nicht sein Gegenstück. Matkowskys Gegenstück (vielmehr das Gegenstück seiner Vorbilder) liegt in der gewaltigen Kunst unsrer vertiefteren und neueren Menschendramatik.

Aber selbst an diesem Abend, in einem zu großen Raum, und vor einem Sprechgestalter, der keineswegs den Gipfel der sogenannten Modernheit bildet …, fühlte man das Wehen eines Winds, der über Straßen und Äcker, nicht über angemalte Grüfte gegangen war.

1909. 23. Mai.

Wirkung in die Ferne

Er spricht in der Philharmonie. Ein Jahr zog vorbei. Der Frühling ist wieder da; Kainz auch.

Ich kann heute nicht hin – und hör' ihn doch.

Aus dem zweiten Faust … Späte, goldwehende Klänge, geisternd und zärtelnd, – hadernd und zischend und feierschallend; um das Haupt eines greisenden Menschen dieser gequetschten Kugel, zwischen Satan und Engeln … Und hör' ihn doch.

Des Pfarrers Tochter … Nächtliche Heerschau … Oder gar:

»– – – –
Daß ich Joab dir empfehle,
Einen meiner Generäle …«

Scheuel und Schädelstätten, – Witz und Magie und phantastische Welten; Taumel und Gloria; halbirre Stimmen und Wunder des Lächelns … Und hör' ihn doch.

Diesen deutschen König, der in Zitronenwäldern gewachsen scheint. Lehr- oder Abkömmling italischer Giganten.

Zauberkreuzung nordischer Dränge mit der Leuchtluft Hesperiens. Das ist es.

1910. 15. April.


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