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Durieux

I.

Im Arzt am Scheideweg spielte sie die Frau: Ganz gab sie für mein Gefühl nicht, was sie sollte: doch was sie gab, war höchst reizvoll. Diese Hirschkuh soll glauben, was ihr der Künstler log. Die Durieux – sie hätte sich das nicht vormachen lassen …

Geglaubt hab' ich an ihren Gang. Geglaubt hab' ich an manchen Gestus ihrer Hände. Geglaubt hab' ich an ihre Schürze, im vierten Akt. Geglaubt hab' ich an ihr damenhaftes Bestürmen des Doktors im ersten  … Und nur eins nicht. Ihr Glauben glaubt man ihr nicht.

II.

Sie trat in Einaktern von Heinrich Mann auf. Ein Reiz für Blick und Ohr, die Durieux. Für den Blick dann weniger: wenn die Hüfte durch das Kleid nach oben verlegt wird. (Sie muß im Rücken die kurze Taille meiden.)

Wundervoll ist ihre Kraft im Dramatischen. Wenn sie ruft: der Gemordete sei ihr Bruder gewesen. Dazu, welche Sprecherin von seltner Art.

 … Nur Tränen werden ihr keine fließen. Diese Frau ist geistig so vif, daß ihr die Einfachheit des Schmerzes fehlt. Sie ist … fortreißend, aufpeitschend, widerlegend, Recht fordernd, Fragen stellend; aber weinend?

Weinend nicht.

Weshalb weint man nicht mit ihr? Weil man zu sicher ist: hier steht ein so wacher Mensch, so bewußt; man weint mit den Hilflosen. (Oder mit den sehr Tapferen, die sich irgendeine Blöße geben, inmitten der Tapferkeit; aber sie gibt sich keine.)

Die Durieux ist gemacht tätig zu sein; leidend zu sein ist sie nicht gemacht.

Wenn sie etwas Leidendes gibt, so scheint sie mit herrlicher Beredsamkeit zu sagen: »Ich unterbreite hier zwingend einen Sachverhalt, auf Grund dessen man mir zugestehen wird: ich leide;« (statt daß wir plötzlich finden: da leidet jemand).

Ihre Kraft, ihre Schönheit liegt: im Tun, im Erkennen.

III.

Ein französisches Schauspiel. Die Durieux besaß einen Schimmer: daß man in einem allerheutigsten Stück doch Arien sprechen kann … (Kehrseite: sie wiegt sich zu stark. Zu deutlich gegebene Mühe. Lange nicht ein Guß.) Sie legt Vortrefflichkeiten hin – statt welche zu haben …

IV.

Gabriel Schillings Flucht. Hanna: die Durieux.

Diese Frau, die so musikhaft und adlig im Gang, in der Armhaltung sein kann, gab mit voller Absicht hier ein Geschöpf, das nicht mehr Hanna Elias – eher Veilchen Goldstrom hieß, Geflügelhändlerin aus Tarnopol.

Sie wollte nicht zart sein, nicht ein transparenter Vampyr; sondern gelblich-robust. Warum!

Sie spielte fast eine Hochstaplerin; fast eine ulkige; (mit demselben Recht könnte dann Gabriels Darsteller ihn als betropftes Siemannd'l machen. Das geht nicht). Die Leistung der Durieux – sieht man sie losgelöst vom Stück – war prachtvoll. Als diese bestimmte Hanna dieses bestimmten Werks aber durchaus anfechtbar.

Im Charakterisieren steht sie kurzweg Schulter an Schulter neben den Allerstärksten. Auch losbrechen, hinströmen, dabei scharfbetont bleiben kann sie, glänzend.

(In alledem ist sie weniger ein Geblüt als eine Schafferin.)

Was jedoch in einer Person, die Hanna Elias heißt, an schwingender Tiefe neben allem Mulmigen; an Tragik neben allem Zigeunertum webt: davon kam nur Etliches.

Die letzte Tiefe leidender Menschen erlebt Frau Durieux nicht: aber Schönheit seelischen Glanzes kann sie wundervoll klingen lassen. Wie sie hineintrat im ersten Augenblick – herrlich.

Warum blieb sie nicht dabei?

V.

Bei Shaw, im Pygmalion ist sie verstimmend laut.

Wäre das Blumenmädel, wäre die Darstellerin des aufgenommenen Balgs aus dem Volke … gewiß nicht »süß«, aber doch anders als die Durieux gewesen: alles hätte viel überzeugender gewirkt. Warum nahm sie diese Maske? das Antlitz einer ausgebleichten Negerin?

Sie war … nicht gut als diese Person; bloß gut als die Schauspielerin dieser Person.

Und hierin liegt ihr ganzer Fall; sie ist ein Plakatgeschöpf.

VI.

Herr und Diener, von Fulda. Insonders von der Durieux floß Glanz und Reiz; eine Sonne der Linien. Köstlich. Bisweilen glich sie einer psychisch erbebenden Handtänzerin – (losgelöst vom Fulda).

VII.

Man gab ein Lustspiel von Thaddäus Rittner. Die Bretter wurden von der Durieux (mit der Entschlossenheit einer Gastspielerin) besetzt; als welche die Gestalt der Arztfrau … nicht spielte, sondern erläuterte.

Nicht war, sondern umschrieb.

Nicht gestaltete, sondern verkündigte.

Wundervolle Gaben; doch in allem etwas Gellendes.

VIII.

Sie sagt im Schauspiel eines Japaners: »Mein Hechz war einsam.« So darf man hier nicht sprechen. Sie konnte die japanischen Äußerlichkeiten. Verborgen brennendes Leid im geringsten nicht. Das Schönste bleibt sonst ihr Gang (als ob sie zu ebener Erde Treppen stiege, sieht es aus – dies ist das beste Gleichnis). Ich mußte diesmal diesen Gang vermissen.

IX.

Und Shakespeares Kleopatra? So ein Stück ist heut möglich mit einer hohen Kleopatra. Mit einer zaubervollen Gestalt für die große Hübschlerin des Ostens, die mit Machtmenschen und Erdabsteckern reihum kost – die Weltkebse.

Die Duse gab das; da war es möglich.

Frau Durieux tat ihr Bestes … Doch in der »Maßlosigkeit« war sie unterirdisch beherrscht.

Man glaubt ihr die Liebe nicht. Man glaubt ihr wohl den Zorn. Oder kluge Darlegung. Oder Ehrgeiz. Oder Handschlängeleien.

Die Durieux ist meistens tapfer und dreiviertelecht. Sie arbeitet ruhelos, um die Innerlichkeit »doch zu machen«.

Sie kann köstlich als derbe, wüste Juchten-Katharina sein; sie kann malen und fest auftragen.

Aber das menschlich Tiefere kann sie nicht. In der Kleopatra ist sie nicht Glück und Qual durchwachsen. Sie muß beides sein: Mörtel und Mine. Schild und Stoß.

Wesentlich war, was sie kann, – nicht was sie ist.

Menschlich Durchleuchtendes hat sie schwerlich … doch jede Tüchtigkeit es wettzumachen.

Sie wagt unter den Gestalten, denen das innerste Paradies verschlossen bleibt, allemal tapfer den Versuch, in ihm gesehn zu werden … Ecco.

X.

In einem Lustspiel von Harlan, Der Jahrmarkt zu Pulsnitz, macht sie eine Wirtschafterin. Mit menschlicher Schlichtheit; kaum einmal durchbrochen. Was sie lernen muß (falls einer es lernen kann), heißt: sich verlieren. Ins Unbewußte.

Sie wird auch im Unbewußten tüchtig sein …

XI.

Ja, in dem Liliom-Stück von Molnar gibt sie eine Magd. Das Opferhühndl.

Als wollte sie die Widersacher von ihrer Schlichtheit überzeugen.

Meine Hochachtung – wenn es auch mehr ein Vermeiden des Unechten war  … als ein Spenden des Echten.

Jedenfalls: was tut die Frau nicht.

Sie macht alles. Sogar die Einfachheit …


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