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William Wauer

I.

Die letzte Frage der Regie heißt: innerer Ausdruck? oder äußerer Eindruck? Ich rechne William Wauer zu Denen, welche den inneren Ausdruck fördern. Er gibt, das diene zum Beispiel, zwei Akte von Strindberg; auch »Die Geschwister«; »Die Frau im Fenster«.

Wauer gestaltet manches von dem, was den Musikalischeren unter uns, will sagen: den Dichterischen vorschwebt. Die Art, wie er ein weibliches Instrument etwa die Madonna Dianora sprechen ließ; fast singen ließ; den Grundklang in der Seele der gedichteten Person anstimmen ließ; auf eine neue Weise: das war bei aller Komik des unzulänglichen Rahmens einer der ernsteren Vorgänge.

Wauer hat recht, wenn er ein Orchester von unbenannten Schauspielern wünscht, das nur dem Willen des Kapellmeisters folgt … In jedem wahren Spielleiter wohnt ein Teil von diesem Hang. (Antoine wirkte zuerst mit Bürgern; Stanislawski nimmt einen lebenden General für wichtige Rollen.)

Unter allen Umständen scheint Wauer der geborene Mann für Maeterlinck. Nach seiner Hofmannsthal-Aufführung weiß man, daß er der einzige ist, der ihn zu spielen versteht. (Er spielte Hofmannsthal fast als Maeterlinck.)

II.

Die Werke des Belgiers sind wie Musikstücke zu behandeln; Reinhardt ahnt es nicht. Maeterlinck braucht nicht bloß einen dekorativen, sehbaren Stil; den er bisher bei uns bekam. Er braucht, wie ich immer hervorhob, »den Klangfall eines tönenden Dichters«. Den schafft ihm Wauer.

Ich will noch deutlicher einen Begriff geben, worum es sich handelt. Von der Sorma schrieb ich unlängst, vorzüglich habe sie die (schwer zu ertragenden) Worte gesprochen: Welch ein Gemüt! … »Sie unterschlug wundervoll das Papierene so einer Wendung – und brachte wundervoll den Gehalt so eines Satzes (durch den Tonfall) heraus. Großer, stiller Impressionismus« … Das ist es … Oder, wenn man die Gebärdensymbolik hinzunimmt: in einer Wintermärchendarstellung soll, so schrieb ich, das Gespräch des Gastes mit dem Königspaar bloß ein »einziger Akkord liebenswürdiger Weltlichkeit sein, ein Akkord lächelnd herzlicher Sitte«. Kurz: die Gesamtsymbolik eines Auftritts muß neben dem exakten Wortinhalt stärker herausgearbeitet werden.

III.

Der Leser weiß nun, worum es sich handelt. Wauer gibt bei Hofmannsthal fast nur Stimmklang. Man sieht die Gesichter nicht viel. (Abenddunkel.) Man hört auch die einzelnen Worte nicht. (Nur in diesem Saal? Nein, die Leute sprechen fast ohne Rücksicht auf das Parkett, es wird zu schwach projiziert; auf den meisten Bühnen wird zu stark projiziert) … Dennoch hat man Impressionen, merkwürdig vollendete, vom rein Poesiehaften des Vorgangs. Einen Extrakt vom Gefühlsmäßigen des Gedichts. Als wenn die Stimmung abzuheben ginge, zu trennen, loszulösen … und hier losgelöst, getrennt, abgehoben wäre. Die Unzulänglichkeit (so dieses Rahmens wie dieser Übungsstufe) ist schon eingerechnet.

IV.

Ein Innendestillat. Eindrücke wie Seelentupfen. Gesichtseindrücke sparsam, doch gewissermaßen bohrend. Nicht wie eine Theaterwirklichkeit muß das unter glatten Bedingungen erscheinen, sondern wie eine wirklich sich vollziehende Poesie … Dianoras Wärterin haftet vermöge der Stimme; fast eine Männerstimme; man bekommt die Vorstellung: alter, sagenhafter Dienstbote, – sie haftet. Der Gatte haftet als ein Seheindruck in stärkerem Grad; etwas Henkerhaft-Violettes in der Kleidung; schwach belichtet, sehr zweckmäßig belichtet; ein Gestus, noch einer; das ist alles. Es schafft einen ganzen Begriff.

Dianora vollends: ganz Tonfall ihrer Inhalte; ganz Klangwirkung ihrer Träume; ganz Stimmfärbung ihrer Sehnsüchte; ganz Musik ihres inneren Vorgangs.

Der Bändiger William Wauer müßte Mittel in die Hand kriegen. Fraglich ist heut, ob er sich durchsetzt; oder ob sein Eignes (es ist schon Eignes!) von Andren vorzeitig weggefischt wird. Denn daß alle von ihm – schon von dem, was er jetzt bietet – zu lernen haben: das ist sicher wie der Tag. Anregungen so tief künstlerischer Art, im Embryonenzustand vorgeführt, hat man gut verlachen; doch es bleibt mir unmöglich, ihre Kraft, ihr Zukunftsträchtiges nicht zu sehn.

V.

Maßgebend für meinen Eindruck waren Wauers Leistungen; hinterher erfuhr ich seine Theorie. Man muß auch den Mut des Fehlens haben, sagte Jakob Grimm.

Der Wauersche Mut, zu fehlen, zeigt sich im Unterschätzen des Worts. Nicht zugunsten der Kulisse: sondern zugunsten des Klangs. »Worte sollen in der Darstellung nicht sagen, sondern singen, klingen.« Uneingeschränkt wäre der Satz falsch. Mit dem literarischen Problem wollen Wauers Vorstellungen »nichts mehr zu tun haben«. Und so  … Der Mut des Fehlens tritt heute sehr mit Bewußtsein auf; manche der Jetzigen wissen zu gut, welche vorteilhafte Stellung offenbar-falsche Behauptungen dem Urheber sichern; man übertreibt nicht mehr arglos … sondern um als einseitig zu gelten; Nähe der Genialität. (So wie heutige Literaten ihre Handschrift nach der Graphologie richten.)

Herrn Wauer ist der Klang wichtiger als der Sinn? Nein: er bringt den Sinn im Klang. Ich finde bei ihm jedenfalls ein glattes Übernehmen des Maeterlinck-Prinzips in die Schauspielkunst – zum ersten Male.

Man sehe genauer hin. Ich versuchte den Begriff der Maeterlinckschen Technik so zu stabilieren: »Richard Wagner verkündet, daß verborgene Vorgänge der Seele nur durch Musik (im Drama) ausgedrückt werden können … Maeterlinck findet nun die besondere Technik, das ohne Musik auszudrücken … Eine besondere Technik des gesprochenen Worts, um das Unterirdische klingen zu lassen; durch gesprochene Symbole; durch das Erwecken antönender Begriffe.« (»Das neue Drama«.)

Wauer überträgt, wie seine Aufführungen zeigen, das Maeterlincksche Moment völlig in die Regie; darin steckt seine Bedeutung.

VI.

Wenn er das Realistische macht (Strindberg), hat man zuweilen jählings Marionetten vor sich. Man sieht Puppen, von einem Anweiser gelenkt. Manchmal.

Manchmal aber wirkt alles wie mit einer photographierten Menschlichkeit, fast indiskret.

Erschütternde Wirkungen sind auf den üblichen Theatern viel stärker. Und doch hinterlassen diese Halbdilettanten und Halbschauspieler, mit denen er wirtschaftet, einen merkwürdig bohrenden Eindruck; trotz der Kümmerlichkeit des Gesamtbehörs.

In summa: zweifeln kann ich an Wauers Erfolgen im realistischen Feld. Bestimmt ein Entdecker ist er im Schleiervollen, Poesiehaften, Entrückten. Erweitert man den Begriff Maeterlinck zu dem Begriff der sprechenden Poesiebühne: so ist Wauer der Einzige, der heute damit Ernst macht. So liegen die Dinge.

Ob er durchkommt, ob er am Wege bleibt: – in seiner Arbeit ist Zukunft. Ergänzendes zu Wauer steht im zweiten Bande dieses Werkes.

1908. 23. Februar.


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