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Lina Lossen

Her!

I.

1908. 30. Januar. Ich ziehe nach München, stand heut in berliner Blättern; das ist ein Irrtum.

 … Statt mich nach München zu verpflanzen, verpflanzt' ich lieber die Schauspielerin Lina Lossen von dort nach Berlin.

Es muß ihr Weg sein; am besten jetzt. Wo sie bildsam ist; hinreichend jung, einem guten Bildner in die Hände zu kommen. Wer weiß, was man da noch an ihr erlebt.

München ist eine herrliche Stadt; aber der ungeheure Bewerb, der in Berlin rast, gibt jeder Künstlerin einen Stachel, fast einen Zwang, erst das Menschenvollste herauszuholen; und einen Bühnenherrn, wenn sie Glück hat, der sie neu formt.

Ja, an dem elenden Spreefluß ist der Ort, wo das Übereinkommen mit störenden Resten kaltgestellt wird; wo sich das Auge befreit auf das Leben richtet; auf den Seelenausdruck. Hier wird man alter Gewänder ledig.

An Hoftheatern, zudem in einer Stadt mit schwächerem Stachel, nicht. Vielleicht wird sie dort erstarren … und auf dem Totenbett eine sympathische Nummer örtlichen Ranges gewesen sein.

Her zu mir! (ruft die beste Theaterstadt der Welt).

II.

Fräulein Lina Lossen ist im Beginn der Zwanzig. Manchmal (im Äußeren) wirklich der Sorma verwandt. Aber nein: sie ist höher gewachsen, scheint weniger Soubrettenhaftes in der Haltung zu haben. Mehr Statue, – manchmal. Aber sie kann auch vibrieren … Still-Adliges in den Bewegungen (adlig ohne Pathos). Was sie vom Übereinkommen hat, wird man totschlagen.

Das Wort »Hindin«, von Skriblern so gehetzt wie das Tier von Jägern, würde keinen ganzen Begriff geben. Sie ist … jungmädchenhaft; aber auch Frau; denn sie hat die Schauer einer Abwehrenden; die nicht gaffend-großäugig vor den Dingen steht, sondern sie schon als Erkennende fürchtet; die sich (als Frau) vor ihnen zurückzieht, ganz erbebend; die das Wort wie mit einem Handtasten hinabwürgt, – in ihrer adligen, hohen Jugend.

So sah ich sie: Abwehr; Frau; und Herrlichkeit.

Bleibt sie am alten Fleck, so wird sie langweilig. Wird sie entfaltet, so kann ein Wunder entstehn.

III.

Her zu mir!

Lina Lossens Kern

I.

Brahm holt sie. Sie gibt am 23. Februar 1909 in »Klein Eyolf« die Schwester, Asta. Mit welcher Wirkung? Ein paar Sätze spiegeln sie.

*

Neben den Andren wird die Schauspielerin Lossen (Lina) hiermit genannt; welche die Nachfolge der großen Künstlerinnen Deutschlands antritt. Diese (die Empfindungen sparende) Person, die nicht leicht herausrückt, ein wunderernstes Rätsel, still und vibrierend, gab den Astarich, auch großer Eyolf benamst, schweigend und menschenhaft.

Mit einer Gehaltenheit wie in der abwehrendsten Melodie von J. Brahms; doch tiefer beseelt von Grund auf. »Sie hat,« schrieb ich damals, »die Schauer einer Abwehrenden – in ihrer adligen, hohen Jugend. So sah ich sie: Abwehr; Frau; und Herrlichkeit.«

Was die Italiener simpaticone nennen: das ist sie auf eine innig gesteigerte Art; und auf eine spröde Art. Schmucklos eine rare Kostbarkeit.

Die gallische Schauspielerin Bartet (welche die Deutschen nicht kennen) ist zum Vergleich heranzuziehn. Ein andermal. Die Bartet gibt mir nicht das.

Man weiß in jedem Fall: daß ein wertvoller Mensch mehr unter uns weilt.

II.

Im folgenden Herbst gibt sie Hauptmanns Anna Mahr in den Einsamen Menschen. Mit welchem Eindruck, ist auf einem andren Blatte dieses Buchs gesagt.

III.

1910. 6. Dezember. »Anatol«.

Nach der mit den zerstochenen Fingern schritt die Gabriele vorbei; die Dame; die mit den Weihnachtseinkäufen; die verheiratete; die den Mut nicht hat; die nach der Mädelwelt aus der besseren Welt hinäugt.

Was ist diese Lina Lossen hier erlesen. Erlesen. Wie fern und wie ahnungsvoll bezaubernd. Wie geschehen war dies alles. Es trug sich zu. Eine Abschattung, leis, eine dunkelnde Gestuftheit der Züge manchmal; der Widerschein bloß des Widerscheins einer Verfinsterung … Kein »Schmerz«. Keine Kundmachung. Es trug sich zu …

Sie ging dann. Himmlisch.

IV.

Später ist sie Iphigenie. Folgendes empfand ich.

Lina Lossen. Das Wort braucht nur hingeschrieben zu werden: und Stille, Verborgen-Leuchtendes, Edelstes, Unscheinbarstes dämmert herauf.

Ein beglückender Ernst voll gleich beglückender Unebenheit. Das (ohne Pathos, ohne Aufhebens) Deutscheste, was wir besitzen – wie Otto Brahm selber im Tiefsten deutsch gewesen ist.

Ihr Außenwesen ist anfechtbar, ihr Gang läßt zu wünschen, sie trägt einen dunkleren Schleier auf Iphigeniens lichtem Gewand … und sie vergißt, daß er beim Beugen der Arme wie ein Shawl mitemporgezogen wird; daß er dann wie ein um die Taille gelegtes bürgerliches Umschlagetuch wirken muß; daß vorübergehend in solchem Augenblick ihr Äußeres dem einer durch den Garten wandelnden jungen Pastorin ähneln kann.

Aber das Schleiertuch senkt sich, wenn die Arme sinken; wieder steht ein heilig-holdes Geschöpf da – nicht Priesterin: sondern liebste Menschenschwester.

Das ist es: liebste Menschenschwester.

Einsam und umfangend. Etwas Wunderbares. Und wenn sie neben ihrem Bruder zu dem Skythen spricht: »Soll ich dir noch die Ähnlichkeit des Vaters, soll ich das innere Jauchzen meines Herzens dir auch als Zeugen der Versicherung nennen?« – wenn sie hier statt zu jauchzen stockt, aufhört … und doch weiterspricht: dann ist etwas Höchstes aller irdischen Kunst vorbeigezogen.

V.

Sie kann vieles im künftigen Dasein schlechtmachen – und wird immer, immer ein Gipfel sein.

Duse, Sorma, Bartet: neben solchen (untereinander im Rang verschiedenen) Frauen steht ihr Name.

Ihr stiller, gefestigter Name: Lina Lossen.

VI.

1915. 26. Oktober. Schnitzlers »Komödie der Worte«. Das Größte des Abends war Lina Lossen. Als alternde Frau, die sich gab; und nie dem Rechten gab.

Der tiefste Seelenstrahl unsrer heutigen Bühne.

Ein Mensch – über den man sich zu schreiben fast scheut. Weil die letzten Dinge des Innern, die sie bietet, kaum öffentlich behandelt werden wollen. Das war ja ein Privatmensch. Das war nicht Schauspielkunst.

VII.

1917. 4. Februar. Charlotte Stieglitz, in Kysers Drama. Lossen, Lina, ist kein Bühnenmensch: sondern ein Mensch voll stummer Gnade. In ihrem Schmerz ein hinuntergewürgtes Lächeln, ein ahnend verschlucktes Gefühl, ein Andeuten, das in tausendfältigem Verzicht und hunderttausendfältigem Wunsch an das Höchste rührt, was Verbannten gegeben ist – ihr könnt lange suchen, bis das wiederkommt.

VIII.

In den Troerinnen des Euripides als Andromache, Mutter des Astyanax. Eine Aufrüttelung, wie an diesem Abend, gehört zu allem Hohen und Bleibenden, das die Rampe je spenden wird.

Die Lossen ging als Stern über dem Wüstenland verschollener Kunstformen ewig und zeitlos auf. Als ein Mensch, der damals war … und nie gestorben ist; und nicht stirbt, solange diese Kugel Seelen unsres Gebildes trägt.

Als ihr das Liebste genommen werden sollte, geschah auf der Bühne rings – im Zusammenbrechen Aller, und im Rufen und Verstummen (und in einer Schicksals-Fermate wie bei starken Musikern) – ein großes Gleichnis.

IX.

Sie ist heiter-aufrecht (oder gefaßt) Lucie Hell in »Gabriel Schillings Flucht«. Lina Lossen gab … nicht die spröde Wirklichkeit, und nicht alles aus einem Stück. Sie gab aber dann etwas viel Höheres. Sie gab (als Enttäuschung und halb verwundener Schmerz kamen) etwas … etwas, das über dem köstlichen geschlossenen Alltag, und in der Kunst neben dem Tiefsten wohnt, das uns bekannt ist. Die Duse, die Sorma hätten hier die Finger nach dieser benachbarten Stirn gestreckt.

Es bleibt immer die Linie zu beobachten (mit manchem Gradunterschied): Duse – Sorma – Bartet – Lossen.

In Schnitzlers »Zwischenspiel« gibt Lina Lossen die Ehefrau.

Mozartisches im Blick, wenn die Sonne schien. Johannes Brahms, wenn sie westlich unterging – um neu aufzusteigen. Himmlisch.

Der Mann ist kein Kapellmeister; sie aber ist eine Sängerin. Oder: ein Gesang.

X.

1914. 17. Dezember. »Jugendfreunde«. Verkleidungen kommen hier bei Ludwig Fulda nicht vor. Menschen auch nicht. Doch; die Stenographin, so den Hagestolz heuert, ist menschlicher: indem sie zwar Takt und Tugend (bei völliger Verwaistheit), aber doch ein bißchen was Mädelhaft-Liebes hat; wenn die Schauspielerin Lossen sie darstellt; sie erfüllt.

Früher war das Else Lehmann, unter Brahm. Drollig-drall im Äußeren; »Herr Lenz« genannt. Jetzt war diese Lina  … lächelnd, umsonnen, lustig; entgegenblühend und verhalten; mit etwas Traum. Hier wuchs Ludwig Lossens Drama zur Beseelung.

Sogar der Schmarren von den beiden Klingsberg wird von ihrem Dunstkreis gehoben. Sie gab eine edle, vom Schicksal verschlagene Frau Friedberg, die Kotzebue auf salbige Würde gefingert hat.

Das Wunder vollzog sich: adligste Schönheit überwand einen Kulissenrechner; sie überwand Moden und Zeiten; niemand konnte lachen über sie; Kotzebue wurde sekundenlang post humum ein ernster Poet.

XI.

Wenn Lina Lossen als Esther den goldenen Kranz aufs Haar setzt; wenn sie den König hold anblickt, zugleich fremd und nahe; wenn ihr Aug' empordunkelt, ihr Blick lang und still, dennoch scheu auf ihn fällt; wenn sie lächelnd und klug, innig und wundereinsam die nun längst verrauschte Stimme der Hadassa tönen läßt … oder tönen hört; wenn in einem jungen, schweifenden, leuchtenden Geschöpf der Ewigkeitszug lieblichste Gestalt empfängt; wenn eine nicht zu erwerbende, sondern geschenkte Seelenschönheit hervorbricht: so sind Höhepunkte Dessen erreicht, was die Bühne Menschen zu geben vermag.

Oft ist mit ihr die Erinnerung an den Abend zu beschließen.

Was bleibt, ist eine Künstlerin, die man unter die seltnen Begegnungen dieses Sterns zu rechnen hat.

XII.

Sie gibt in dem Bahrschen Stück vom bäuerlichen Querulanten, dem sein liebster Köter abgeschossen wird, ein jungfräuliches, nicht ganz junges Geschöpf; auf seltsam haftende Art. Eine Wehrende, nicht vom Leben Beglückte, zugleich Einrenkende, zugleich Unantastbare – dennoch durch den Alltag ohne Aufhebens schreitend mit aller unverschüttbaren Schönheit: das ist die Tochter des Hundemörders. Fräul'n Marie: die Lossen. Unvergeßlich.

Und auf so entgegengesetztem Feld, wie es das Apostata-Schauspiel Henrik Ibsens bedeutet, schafft sie Wirkungen verwandten Wesens. Da gibt sie eine barmherzige Schwester. Wichtig ist hier, wie losgelöst vom Erdhaften sie einen Mann, ja die Beziehung zum Männlichen, zu dem gebenedeit-verfluchten Abtrünnling still in die Ferne rückt. Verdämmernd-hoch.

Sie ist hier eine Schwester. Und mehr als eine Schwester. Und doch nur eine Schwester.

(Die Durieux bildet eine Art Gegenbeispiel für sie. Bei der Durieux sind oft Einzelheiten köstlich, aber das Ganze läßt kalt – weil niemals hinter dem Ganzen ein schlicht-großes Blut schlägt. Die Lossen ist aber vielfältig in aller Schlichtheit. Wenn die Lossen mit einem Blick Tiefen der Schlichtheit wunderbar erschafft: so sind es vielfältige Tiefen; so stecken fünfhundert Abstufungen in dieser Schlichtheit. Das brauchen wir. Sie werden zusammengehalten: durch ein Geblüt.)

XIII.

Heinrich Mann wird eine Frau Legros nicht wiederfinden, wie die Lossen war. Auf den Theatern Deutschlands ist hier das Beseelteste, das Leuchtendste. So begnadet, daß nie ein Mangel zugestanden … nein, daß nie ein Mangel vertuscht werden darf. Doch sie hatte keinen.

Nicht eine Petroleuse trat hin – sondern ein wirklicher Engel.

Als der Dichter ihre Hand faßte, trug sie ihn hoch über das Haus.

Oft wird man sagen: sie stand jenseits von Allen. Sie war: sie selbst. Es ist mehr, als viele Dichter je zu schenken vermögen.

XIV.

In dem Totenspiel der Mechtild Lichnowsky gab sie die Mutter des gestorbenen Sohns. Der schönste Auftakt. Der stärkste Nachklang. Niemals eine Schauspielerin.

Sie leiht einem Liebes- und Ehestück von Wildgans ihre holde Menschheit. Dies einzige Geschöpf, – das manchmal nur aufzutreten braucht, um gespielt zu haben.

Sie blickt, und es ist geschehn. Sie schweigt, und man ist erschüttert. Sie stockt – und man lacht nicht mehr.

(Nur: wenn sie die Haare zu glatt im Nacken angekämmt hat, – das ist nicht so gut, als wenn sie lockrer sind.

Kein Widerspruch. Lockrer müssen sie sein.)

XV.

Ein Bibelstück des Herrn Ernst Hardt bringt im Schlußakt Salomos berühmtes Urteil auf die Rampe. Die eine der zwei Mütter gab, still, unaufheblich, menschenwahr Lina Lossen. Ganz am Schluß. Dies wurde, jenseits vom Dichter, der Sinn des Abends.

Es war ein Gedenken an alle Schmerzen der durchwühltesten Gegenwart.

XVI.

Herrlich bleibt, was sie ist – nicht nur, was sie kann. (Aber auch kann.) Herrlich, wie sie redet … und wie sie schweigt.

Einmal schrieb ich, über den Konflikt für gewisse Rollen:

Die jung sind, sind nicht seelisch reif. Und die seelisch reif sind, sind nicht jung. Es gibt aber eine Synthese …

(Lina L.) …

 

Die folgenden Blätter bringen Ergänzendes zu anderswo Gesagtem. Es sind Kernbelichtungen. Grundsatz ist: Wesentlichkeit – nicht Vollständigkeit.


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