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Moissi

I.

Ein paar Züge seien zusammengestellt. (Etliche sind in diesem Bande schon erwähnt.)

Kritik trat für ihn ein, als er, mißkannt in den Anfängen, auf Hohn stieß. Ihn half meine Kritik durchsetzen.

Bewunderung für sein Musikhaftes; Ablehnung für sein Äußerlichbleiben: das klingt heraus.

Als Reinhardt 1906 die Gespenster gab, war dies der Eindruck: – Moissi hat das Werk verlyrischt. Kennt er Zacconis Oswald? (Es schien mir.) Der ist unerhört; Emerich Robert war ein geckiger Oswald. Antoine ein brutal starker. Rittner ein geladener.

Moissi mag den Zacconi gesehn haben oder nicht: dieser junge Künstler gab eine Leistung so prachtvoll, wie sie von ihm erwartet worden war; hier ist eine Zukunft. Die Äußerlichkeiten des Wahnsinns macht er vorläufig noch besser als die Innerlichkeit eines schuldlos Geschlagenen: aber sein Oswald bleibt in der Erinnerung. Ein sicheres Versprechen.

Es kam Frühlings Erwachen: – Von den Darstellern hat Moissi den stärksten Eindruck auf mich gemacht; er gab den kleinen Geschlechtshamlet, der sich erschießt, prachtvoll … bis zu diesem Zeitpunkt; auch er versagte dann auf dem Kirchhof, nach seinem Tode, – wie denn dieser Schluß völlig ins Wasser fiel.

Romeo: –

Ein gutes, sanftes, blondes Julchen,
Recht einstudiert, man merkt es gleich.
Ihr Partner Moissi scheint ein Schmuhlchen –
(Doch sein Talent ist zukunftsreich).

II.

Kainz (schrieb ich) hinterläßt … Erinnerung an eine Stimme. An etwas aus der Luft Genossenes. An eine Musik. An einen Bann für das Ohr. (Und wenn er einmal tot ist, wird sein Nachfolger auf diesem Feld Alexander Moissi heißen.)

Etliches davon wirkte noch in der Catherina von Armagnac des Vollmöller: – Wundersam die Stimme. Da ich sie hörte, noch halb von außen, wurde mir gleich anders. Alles verblaßt vor dieser Musik. Aber da ich ihn sah, verblaßte die Musik vor dem Aussehen …

Nein, nicht allein vor dem Aussehen. Er ließ, rein als Sprecher den ersten Teil der Liebesbegegnung wie unter den Tisch fallen. Der ganze Rest, außerhalb der Stimme, war nicht genug. Er bleibt ein Künstler.

III.

Moissi gab den Tasso. Er war von einem … nicht gesunden, aber wursthaft zuverlässigen Untergrund. An Moissi flossen die Schmerzen Torquatos wie Regen vom Entenfittich. Alessandro bleibt (manchmal) ein herrlicher Äußerung. Er war es diesen ganzen Abend. Nichts hat in ihm noch in einem Zuschauer gezittert,

Er gab den Liebenden von Verona dann wiederum. Das Stück hatte nur manchmal eine Julia, mitunter auch einen Perkeo. Wollte sagen: Romeo.

Moissi bleibt eine Stimme. (Vormals war er zwischendurch eine Musik: heut ist er in höherem Grad nur eine Stimme.)

Dazumal wie heut scheint er, auch wenn es Matthäi am letzten ist, quicklebendig zu sein. Er stirbt – und alles an dieser Mignon unter den deutschen Histrionen (er war Mignon, bevor er die Anerbietungen hatte) scheint noch im Sterben zu sagen: es geht mir sauwohl, danke bestens.

Er ist also nicht selten ein Äußerling … Es genügt auf die Dauer doch nicht, ein Italiener zu sein.

IV.

Der Arzt am Scheideweg: – Endlich … den jungen Maler Dubedat gab Moissi: der vor drei Jahrzehnten erschaffen worden ist, um diese Rolle zu spielen. Um dieser Mensch in diesem Werk zu sein.

V.

Was Ihr wollt: – Moissi: der Narr. (Ich schreibe nicht »Der Narr: Moissi«) …

Im Singen soll er »alt und schlicht« sein. Keine Spur. Die Spinnerinnen singen das nicht in der freien Luft. Noch die Mägde, wenn sie Spitzen klöppeln. Sondern die Opernmätze, wenn sie bel canto vibrieren.

Der Narr mag eine honigsüße reine Stimme haben, … doch nicht a. G. auftreten; ein verkappter Manrico.

Am Schluß der Saufszene muß Moissi (Einlage mit Empfindung) so recht melancholisch auf der Guitarre klimpern, aber so recht schwermütig …

Nein! Shakespeares trotzdem von Trommeln und Pfeifen umwindeter Narr ist ein Gegenpol wider die Lustigkeit: aber commedia dell' arte, – nicht Viktor Neßler.

(»Ooo Läonoooore –«)

VI.

Er gab den Hamlet. Ich brauchte das Wort »Hamletino«, als Moissi bei Wedekind ein junger Lebensproblematiker war. Er war es auch diesmal  … Moissi (mit allen seinen Reizen) war keine von der Sucht nach letzten Fragen durchsetzte Kreatur. Er hatte gelegentlich einen (verhältnismäßig früh heilbaren) Anfall dieser Sucht. Er war wundervoll – denn er bringt immer seine Musiken –: und er war bloß nicht, was dieses Werkes Mittelpunkt sein soll.

Ein rührendes Hamletche, – ja. Gut im Darstellen der Kraftlosigkeit. Merkwürdig munter, wo er sinnender hätte sein müssen und abwesender. Ein Hamlet, welcher »Sein oder Nichtsein« vorn aufsagt wie jemand im Puppenspiel. Dazu Glockenzeichen vor Übergängen; Opernklänge; falsche Betonungen …

Neben alledem Herrliches. Aber wir wußten, daß er das besitzt. Er war sogar bezaubernd … Bloß: er war nicht dieser Mann in diesem Werk. Er wird es in Zukunft sein.

VII.

Er versuchte den Faust. Moissi (immer noch die Mignon unter Berlins Histrionen) war nur die Ausfüllung eines unbesetzten Platzes. Doch, ohne für seinen Inhaber zu gelten, wundervoll. Ausgesehen hat er wie Perkeo. Diesem Perkeo blühte die Welt beschwichtigend zu, so daß … kein Ringen, sondern ein Singen Fausts herrlich vor sich ging. Dichten und Trachten – nein. Aber dichten.

Wiederum Faust. – Warum, wenn der Erzengel Moissi, durch alle Wolken dringend, durch das All bebend, melodeiend und erschütternd sprechen kann, warum diesen Engel nicht bei der Generalprobe zum Gottvater machen?

Später hieß es: –

Moissi spricht jetzt wirklich die Stimme des Herrn (für Diegelmann, welcher der Herrgott von Strambach war). Strahlender werdet ihr die Worte vom dunklen Drange des guten Menschen, nämlich melodeiender wie auch inniger, nicht hören. Gottvater: allgütevoll und reisig.

VIII.

Heinrich der Fünfte von Shakespeare geht vor sich Herr Moissi, Alessandro, gab … Henrika die Fünfte.

Die Wandlung sogar noch verweibischt, noch veräußerlicht. Er brüllt; (statt einen tief Unterlegenen, den armen Sir John ruhig abzuweisen) … Hoch zu Schimmel muß das bei Reinhardt geschehn.

IX.

Einmal war er Posa. Der Philosoph. Der Forderer. Ich schrieb: Nehmt alles nur in allem – dieser Moissi besaß Augenblicke, die eine Kritik fast so verscheuchen wie das Gedenken sie von F. Schiller verscheucht.

Ja, ich weiß, was ihm fehlt. Das Gardemaß hat er nicht.

Er sah bisweilen, im Profil, wie Schiller aus; bisweilen, von vorn, wie die Gattin Moses Mendelssohns im Wochenbett.

Doch meinetwegen darf der Posa ein Marquischen mit zerseeltem Angesicht sein, wenn er so spricht; wenn er so spricht. Es tut wenig, daß man ihm wirklich mitunter Intrigantenstreiche zutraut und Schlangentaten in dieser Rolle –: wenn er so spricht.

X.

Ich nahm diese Zusammenstellung der Übersichtlichkeit wegen vor.

Sie spiegelt von Moissis Wesen den Kern bis zu einem bestimmten Punkt. Und meinen Eindruck dieses Wesens: Bewunderung (für sein Musikhaftes); Ablehnung (für sein Äußerlichbleiben).


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