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Ludwig Hartau

I.

1906. 18. September. Wintermärchen, bei Reinhardt: Über die Sprechweise der übrigen könnt' ich ein besonderes Kapitel anfangen  … In diesem Theater scheint nur Herr Ludwig Hartau einen Begriff zu haben, von dem, worauf es ankommt. Der Regisseur hat ihn leider nicht gehabt.

Damals trat er zuerst hervor; in einer Nebengestalt. Er wurde hernach bemerklich in dem »Gott der Rache«, von Schalom Asch. Hartau, der einen Ludewig gab, zeigte mit dem dreimal wiederholten Satz: ›Und ich hab' nichts gewußt!‹, wie das ganze Stück hätte gesprochen werden müssen.

Reinhardt spielt 1909 den Hamlet. Ich erwähne von den Darstellern: Hartau – der wiederum das Beste gab, was an Sprechkraft und gehaltener Beseelung zu geben war; und es wiederum in einer Seitenrolle tun mußte  …

II.

1911. Agnes Bernauer. Mein stärkster Eindruck: Ludwig Hartau. Er gab den Alten; die Staatsnotwendigkeit. Was muß das für ein wunderbarer Kleistscher Kurfürst sein! Dann kam Belinde, von Eulenberg, – Hartau gab Wesentliches. So ein Heimgekehrter, Überraschter, Erkennender (der noch nicht siebzig ist) wird kaum säuseln, er wird kaum erörtern  … Dann kam Brand.

Doch Hartau ist kein Brand. Ein herrlich Sprechender Dessen, was in Brands Herzen lebt. Ohne den Fanatikerzug. Ein innerlich Versessener muß es sein. Ein Müssender, – der glaubt, daß er wolle. (Hartau, in der Luthermaske, war nicht ein Über-Bürgerlicher; kein Dämon; ich denke mir den Brand auch pathosfrei.)

III.

Aber Lövborg? Hartau stand vor Hedda Gabler: als der Ausbruchsmensch. Mit einem Verhängnisblick – der haften bleibt. Und er haftet an Strindbergs Rittmeister für ein ganzes Leben.

Sein Schrei vor dem Niederbruch ist der Schrei … nicht nur eines Menschen; sondern der Kreatur.

Vollends im Totentanz. (1917 von Bernauer gebracht.) Hartau war … wie ein Druck. Ein Toter, wandelnd. Äußerlich zwischen einem grauhaarigen Gorilla, einem Neger-Affen, dem Antlitz Kuno Fischers und einem Gespenst.

Als dieser Hartau, der heut vermutlich der tiefste Mann-Darsteller auf deutschen Szenen ist, im Stuhl saß, Menschliches im Auge, fühlte man den Unterschied gegen Wegener, der wundervoll den Tierkampf vor fünf Jahren kämpfte. Wegener war lastend-gewaltsam, prahlhänsig, unfähig, böse, krank, Mitleid packend, – aber Hartau hatte das Menschenlos im Auge. Das Menschenleid.

Abgesehn von allem, was Haltung, Kapitänswürde, Akzent, Wucht war: hier gab es, nebenher, dieses Auge.

IV.

Wedekinds Dr. Schön, der alternde Freund Lulus? Hartau ist hier der Tätigkeitsmensch, der Puppenzieher, der mit Schicksalen spielt … und dem sein Schicksal bereitet wird. Herrlich der Übergang vom Lenkenden zum Gelenkten; vor dem Schluß darf er mit Goethe sagen:

Am Ende hängen wir doch ab
Von Kreaturen, die wir machten.

Man sah den Hinsinkenden; den bald Versinkenden. Emanuel Reicher gab ihn einstens als schönen Mann; Hartau viel unempfindsamer. Mehr von der Straße fortgeholt, frei von aufgetragener Lyrik. Erschütternd bot er den Anblick des Herrschers, der zum Verfallenen wird. Den tragischen Trottel.

Warum verfällt er? Sein Pech?

Seine Schuld! (Es gibt kein Pech …)

Aber es gibt ein Hinsinkenwollen – und hiervon entfloß dem hartauschen Menschen eine Spur.

*

 … Das Beste, was in ihm schwingt, läßt sich in die Worte kleiden: Er ist eine Kraft und eine Seele.


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