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Zacconi

I.

Ich rede nicht über Novelli, der ein »siegreicher Meister« ist. Ich glaube, daß der leiser differenzierende, nervöse Zacconi der Zeit viel mehr zu sagen hat. Ich gebe Lichter von seiner Kunst. Am ersten Abend stieg eine venezianisch grausige Erinnerung auf. Ich lebte vor Jahr und Tag drei Wochen in dieser Wasserstadt; jede Nacht saß ich im Theater. Eines Sonnabends spielte man die Schicksale des Mohren, der am selben Ort gehaust haben soll und schlecht gefreit. Desdemona, eine Frau Aliprandi-Pieri, gab sich als fette, mißgestimmte Fabrikbesitzerin. Jeder Blick madamig. Als sie vor ihrem Ende ins Bette kroch, brüllten die Hörer. Dies verschüchterte unsere Künstlerin, sie rollte sich an die Wand. Da aber geschah etwas Entsetzliches. Sie zappelte schauerlich unter dem Kissen und als der Würger losließ, machte ihr Leib zwei, drei Luftzuckungen wie ein Huhn, dem man den Hals umgedreht hat; dann lag er schlapp da. Sie ist tot, dacht ich. Tot ist sie. Er hat sie umgebracht, der Lump. Das Publikum raste.

II.

Von dieser Art ist bisweilen Zacconi. Er gibt oft zuviel, – weil er unendlich viel kann. Er läßt sich verleiten, als Italiener. Manchmal scheint es, als prüfte er sein Publikum; ob es für grobe oder feine Kunst ist. Er kann Sensationen bringen wie die Hühnerzuckungen jener Desdemona. Doch er kann diskret sein wie ein schlichtester Wahrheitsfreund. Die erste Art zeigt er als Oswald in den Gespenstern. Man hat das Gefühl: er macht den Wahnsinnigen. Er lallt, die Hände irren ataktisch (so heißt der Terminus), das Hirn findet die Worte nicht, eine rechtsseitige Lähmung zieht Mund und Auge schief, er besudelt sich beim Trinken, er ist recht ostentativ willensschwach. So gibt er, alles in allem, ein schwer beladenes Bild, das den Raum allein für sich fordert.

III.

Ja, er macht leicht allzuviel. Er tüftelt, wägt, bohrt, bekommt Einfälle, will klüger als klug sein, feiner als fein, so entstehen tote Strecken; denn er stößt den Hörer aus dem Bann. Die Leitung versagt, man sieht dann einen Zurechtmacher. Was ist der letzte Grund dieses Versagens? Nicht bloß Neigung zur Klügelei, sondern ein Mangel an Temperament.

Er ist nämlich auch ein falscher Italiener: es steckt keine Flamme in ihm. Diese Klügelei und diese Sensationen zeigt er bei Rovetta, als betrogener Gatte und betrügender Beamter: wenn er Rechnungen zerbeißt vor Schmerz über die Untreue der Frau – recht für das Parkett zerbeißt er sie – und wenn er seine Unterschlagung mit unerhörtem Brimborium vornimmt, so daß die Anwesenden genau wissen müssen: das ist ein Dieb. Er zuckt wie die Aliprandi, schrecket den sicheren Bürger und denkt: plaudite! plaudite! Er will überrumpeln.

IV.

Immerhin: überzeugen auch – und er überzeugt. Im selben Gespensterstück gibt er etwas Unvergeßliches. Er fährt sich in die Haare, neigt sich nach hinten, die Züge gehen auseinander, und er weint. Er sieht sein Schicksal vor sich und beweint es. In den Hörern kriecht ein namenloses menschliches Mitleid empor, man kann diese Augen des Kranken nicht mehr vergessen, diese gütigen, liebenswürdigen, und diesen armen, freundlichen Mund. Nachher singt Oswald vor sich hin. Es ist kein Soufleurkastenwahnsinn, vom Schlag der Ophelien, Gretchen, der Koloratur-Lucia von Lammermoor. Es ist der traurige Gesang einer absterbenden Seele, die einsam dem Dunkel entgegenzittert. Der Gesang eines Verlassenen. Und dann sitzt er in seinem Stuhl, blödsinnig und gleichgiltig, und wie ein Ochse, und ruft mit dröhnender, gesunder Stimme nach der Sonne. Wie ein Ochse; ohne menschlichen Zusammenhang.

V.

Erschütternd ist Zacconi, wo das Lächerliche mit dem Schicksalsvollen kämpft. Er spielt einen humorhaften, verkommenen und versoffenen Agenten, der in sich noch adlige Reste trägt. Ein Stück Triboulet, ein Rigoletto, ins Moderne übersetzt. »Hätt' ein schön Töchterlein, nicht mehr, – die liebt er über die Maßen sehr.« Wie Zacconi diese Tochter schnalzend, augenzwinkernd und zufrieden herzt, das frißt an der Seele … wie sein schweigsamer Abschied vor dem letzten Gang. Er räumt sich aus dem Weg, um ihr nicht zu schaden … und die Reue eines ganzen Menschenlebens bricht aus den Augen dieses grauen Schnapstrinkers. Ecce peccator!

VI.

 … Aber das Höchste, was Zacconi an Rührendem vermag, gibt er in einem Episodenstück von Turgenieff, als Kusofkin. Ein Gutsinsasse, der seit Jahrzehnten das Gnadenbrot ißt, sieht nach Jahrzehnten die junge Herrin und verrät sich als ihren Vater. Nach einer kurzen Umarmung muß er für immer das Gut verlassen; ihm und ihr bleibt das Geheimnis. Der alte Kusofkin, bei Zacconi, hat weiße Haare, eine rührend altmodische weiße Weste und einen langen Rock. Ein bescheidener, gütiger Greis; und wie er an der Wand steht, wie er im Zimmer in zitternden Bewegungen ausweichend rückwärts geht, wie er lächelt, wie er fein und artig ist bei aller zitternden Mitleidswürdigkeit: das kann so kein Zweiter. Man neckt ihn, vornehme Bengel behandeln ihn roh; sie bringen ihn gewaltsam zum Trinken; setzen ihm eine Papierkappe auf. Da erhebt sich würdevoll der Unwille des gekränkten Alten. Er macht Vorwürfe. Warum? sagt er zum Hausherrn, warum behandeln Sie mich so am ersten Tage nach Ihrer Ankunft! Er wiederholt gekränkt: Warum? Warum? Und dieses »perchè« zerreißt die Seele. Man möchte auf die Bühne springen, die Peiniger niederschlagen … »Warum …?«

Zum Schluß, wenn er Abschied nimmt von der Tochter, ohne sich verraten zu dürfen, macht er demütige Blicke zu ihr. So fein, so bescheiden – so erschütternd! Dann geht er. Er ist ein Seelenmaler von tiefster Gewalt. Ich stelle dies neben das Größte, das ich gesehn.

VII.

Zacconi vermenschlicht den Riesen Lear, er ist ein Alterswesen von leisem, halb verschlucktem, innerlichem Schmerz. Dies Rührende hatte Rossi nicht, Sonnenthal nie in gleicher Macht. Sonnenthal ist doch ein gekränkter wiener Beamter. Rossi besaß die Wucht. Durch tierischen Ton, durch Gebell und eine knarrende, verschollene, rostige Stimme zeigte er mit tappendem Schreiten der alten Pranken den wilden König. Zacconi ist ein guter, ein bißchen eitler Greis, dem man bittres Unrecht getan hat. So schuldlos hat keiner gelitten wie er. Er hat Augen, die unendlich vorwurfsvoll blicken. Man muß wegsehen. War die Gestalt von Shakespeare? Ich weiß nicht. Ja, sie war es.

VIII.

Zacconi hat einen Grundzug in jener besonderen Menschlichkeit. Er liegt äußerlich vielleicht in den Linien um die Augen, um den Mund, in der nicht zu stark vibrierenden Stimme. Und weil alles an ihm sozusagen differenziertes, innerliches, adligstes Nerventum ist, wird er unvergeßbar als Hauptmanns Johannes Vockerat. Er ist … ein hesperischer, kein deutscher Vockerat – doch für die Erinnerung der maßgebende. Ganz groß in der einsamen Sehnsucht nach der forteilenden Schwester. Er kann mehr als die nördliche Schule, welche den Grundsatz des Gefühleverkneifens heilig hält – und ist mindestens ebenso schlicht wie sie.

 … Zacconi zuckt mit den Mundwinkeln, ist blaß, verstört, sarkastisch, es kommen Klänge aus der Tiefe: und die Gegenwart – die zum Glück nach heroischen Irrtümern an der Zivilisierung der Menschennatur arbeitet – fühlt in Zacconi, auch wenn er lacht, ihr Kind und einen ihrer Kämpfer.

Darum lieb' ich ihn. – Novelli ist ein grandioser Histrio.

1898.


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