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Die Ssawina

Zarische Russen

I.

Die Russen, welche die Ssawina umgeben, sind allerdings nur kaiserliche Schauspieler. Sie bieten gewiß nicht das Menschlichste an russischer Dramatik: aber gewiß etwas durchaus Nationales.

National sind ihre Historien. Sie tragen da prächtige Kostüme. Reichtum an Steinen und Stoffen und Stickereien. Alles scheint ungebraucht. Wie die Gestalten gehn und stehn, haben sie was Frischlackiertes. Man behält jeden Augenblick die Klarheit, im Theater zu sein. Sie tragen ebenso naiv die kostbaren Gewänder, wie sie naiv die Rollen herunterspielen. Einfache Gebärden voll Offenheit; alles ad hoc. Die feinere Verstellungskraft des Westens, die leisere gerissene Täuschung fehlt.

II.

Es ist ein Bauerntheater großen Stils. Wenn Zar Iwan der Schreckliche auftritt, gleicht er halb einem Bauern, halb einem Nußknacker. Es wirken Berufsschauspieler, die auch Dilettanten sind. Mir kam die Erinnerung eines Bauerntheaters der Stadt Innsbruck. Dort sah ich »Frau Hitt«. Waren lauter Handschuhmacher und Schneider aus Innsbruck. Das eine Mädchen war nach Konstanz engagiert, für die nächste Saison. O Schurken, – dacht ich. Als ich ihnen hinter den Kulissen heftige Vorwürfe machte, daß sie keine Bauern seien, sprach die Mutter des Mädchens zu mir: » Jeder Tiroler ist ein Bauer!« Ähnlich scheinen die russischen Darsteller Bauern zu sein, auch wenn sie am Hoftheater wirken. »Jeder« Russe ist vielleicht ein Bauer. Und solches Primitive schafft einen Teil ihres Reizes.

Ethnologische Reize kommen dazu. Die innsbrucker Bauern spielen sozusagen mit dicken Backen. Es kracht alles. Sie haben ein vollgegessenes Temperament. Ihre Bühne riecht nach Frischgeselchtem. Die russischen Bauern spielen sozusagen die Steppe. Sie haben ein apathisches Spiel. Etwas Dumpfes ruht auf ihrer Kunst. Im dargestellten Leiden ein gewisser Stumpfsinn. Der gleichgiltige Leidenszug scheint durchgehend. Kein Schrei ertönt. Ihr Pathos ist tonlos. Gedämpft und schläfrig schweben die Dinge dahin. Sie vollziehen sich in weiter Ferne. Dazu gehn diese verkleideten Frauen herum wie die Muttergottesbilder. Mit Edelsteinen reich geschmückt; die strahlende Kopfzier von Gold und Silber; Fatalismus in den weichen, dummen, orthodoxen Augen. Man sucht bei den Schauspielerinnen die ewige Lampe, die ihnen dunkel brennend vor der Brust schweben müßte. Besonders das Fräulein Stravinskaja ist so ein nischninowgoroder Heiligenbild auf zwei Beinen. Und wenn diese gefaßten, müden, knechtischen Männer mit der bäurischen Roheit hinter unterwürfigen Gebärden sich verneigen und den Boden berühren und ihr Los einfach hinnehmen: dann steigt eine Welt auf. Steppe, Schnaps, griechische Kirche. Hinter allen Schicksalen steht der Schatten eines sagenhaften Metropoliten; auf Glück und Elend der Menschen fällt ein dunkler farbiger Schein wie aus den bemalten Fenstern einer Kathedrale. Und wir empfinden allgemeines Albdrücken – vor Rußland.

III.

Gegen dieses stärkste Gefühl verblaßt jedes andre. Man kommt nach zwei Abenden dahinter (wenn man seine Seele überwacht), daß hier Kunstfragen weniger sprechen als Kulturfragen. Auch die Stücke sind nicht geeignet, Kunstfragen zu beschwören. Sie bieten (in den Umrissen der Handlung) eine gradlinige Gift- und Dolch-Tragik, die fast anheimelnd wirkt. Beidemal, in der »Zauberin« wie in »Wasilissa Melentjewa«, wird die sündhafte Neigung eines Fürsten zu einer Lasterschönheit gezeigt. Beidemal ist die Fürstin ein leidender Engel. Im einen Fall wird sie vergiftet von der Nebenbuhlerin, im andern Fall wird die Nebenbuhlerin durch sie vergiftet. Beidemal geht man auf die Giftmischerin zur Strafe mit dem Dolch los. Bei Spasinsky wird aus Versehen ihr Sohn durchbohrt, bei Ostrowsky denn doch sie selbst. Ein Helfer beim Giftmord aber wird durch Iwan den Schrecklichen bloß zum Lebendigbegrabenwerden verurteilt.

Freundliche Sphäre.

IV.

Auf diesem patriarchalischen Grund beobachtet man die Ssawina. Als Schenkenweib führt sie den Beinamen der Zauberin; doch man begreift nicht, wie sie bezaubert. In ihrer tatarischen Häßlichkeit kommt sie einer niederen Hexe näher denn einer Zauberin. Sie gibt nur Belangvolles in den niederen Regungen der Seele. Ein großer freier Mensch zu sein, scheint ihr versagt. Oft wirkt sie wie eine schläfrige Katze; oft wie eine muntere Katze; immer wie eine Katze. Als Hofdame ist sie munter und tippt den schrecklichen Iwan in die Seite, neckend, gewissermaßen miauend, – ihre Seele miaut. Als Schenkin bringt sie dienstwillig mit schleichend hurtigen Schritten Glas und Kanne vor den mächtigen, den verliebten Herrn. Sie läuft unhörbar und scheint Krallen zu haben. Die lauernde Falschheit blickt aus den Winkeln ihrer geschlitzten Augen. Vielleicht ist auch das national. So wie sie im Schmerz den knechtischen Leidenszug hat und nicht den Schrei. Für alles Versteckte ist sie geschaffen. Etwas Niedriges hat ihre mißtönende Stimme, die noch in jugendlicher Wallung wie die Stimme einer bejahrten Frau klingt.

Es läßt sich der Punkt beobachten, wo sie aufhört selbständig zu sein: da, wo sie anfängt lyrisch zu werden. Wenn sie die Wasilissa in wehmütigem Wahnsinn spielt, gerät sie in das bedauerliche Laster der meisten Kulisseneuropäerinnen: auch sie kopiert die Duse. Es verstimmt bei ihr nicht weniger.

V.

Aber sie spielt Rollen aus der Gegenwart, – und hier verdient sie, mit großem Maß gemessen zu werden. Bald von spröder Schroffheit, bald von harmloser Güte, plaudert sie, eilt geschmeidig hin und her, macht ihre geschlitzten Augen groß und blickt erstaunt, bald versucht ihr Mund zwischen den knochigen Backen eine Bewegung, die seelische Lebhaftigkeit andeuten soll, sie nestelt an ihrer Kleidung, sie wirft die Arme nach links und rechts, windet den schmiegsamen Körper, redet mit leichter Natürlichkeit, trägt Wunder an Kleidungsstücken mit dem vertrauten Anstand einer Weltdame: kurz sie macht, was die notorischen Schauspielerinnen machen … und bei allem erreicht sie auf keinem Gebiet das Höchste.

Es gibt Strecken, wo ihre Leitung versagt. In einem Schmarren stellt sie die Schauspielerin Tatjana Repina dar, die in erregter Stimmung zweimal lästige Besuche ertragen muß. Die Ssawina will da andeuten, daß ihre Seele ganz wo anders weilt; aber sie gibt gleichbleibende Winke einer offensichtlichen Ungeduld, die ruft: seht, ich bin ungeduldig. Oder Tatjana empfängt einen Menschen, den sie gern hat; da skizziert sie die Herzlichkeit durch gehäufte Merkmale dieser Empfindung. Es sind Ladenschilder der Herzlichkeit. Während ihr Gegenüber spricht, folgt sie der Rede mit einem Aufwand von Gesichtsmuskelspiel, der einer darstellerischen Verlegenheit entspringt.

Oder sie gibt die Kameliendame … Als sie Abschied nimmt vom Geliebten; als sie heiter blicken soll (während Schmerz sie zerfleischt) und das innere Verbluten andeuten muß, obschon sie lächelt, – da lächelt Frau Ssawina bald, bald sieht sie zerfleischt aus, auch der Wechsel zwischen beidem geschieht höchst achtungswert, und doch fehlt das Hinreißende, das Ichweißnichtwas. Bei aller Begabung und aller Technik mangelt ihr, um eine Erste zu sein, ein gewisser Grad dieser Begabung und ein gewisser Grad dieser Technik. Ihre Persönlichkeit, das Privatmenschentum der Ssawina, ist so tief und so reizvoll nicht, um Erinnerungswürdiges zu schaffen.

VI.

Sie nähert sich oft dem Naturalistenstil der vorletzten deutschen Epoche. Diese Kunst ist größer im Verhalten als im Äußern der Gefühle. Die Ssawina drängt also mehr zurück als sie herausläßt; schön. Jedoch der Duse gab ein Gott zu sagen, wie sie leidet; und das ist schöner.

Die Ssawina enthüllt sich nicht. Sie verzichtet mutig auf Grazie und Zimperlichkeit der Frau und wagt es, wenn sie als Tatjana in Sekt beschwippst ist, deutlich aufzustoßen; sie trinkt auch bauchige Rotweingläser voll Sekt wirklich hinunter.

VII.

Eine achtungswerte Tatarenleistung, wenn sie den Körper in Vergiftungskrämpfen windet und mit geöffneten Augen, die bloß das Weiße zeigen, stirbt. Sie fängt beinah an zu verwesen. Das Gesicht leuchtet in einer Mischung von Käsegelb und Grünlich. Auch als Kameliendame stirbt sie an vollständiger Schwäche.

Aber diesem Russenheroismus steht in Augenblicken, wo sie am Leben weilt, nichts Großes an Seelenenthüllung zur Seite. Und wenn sie in der Bezechtheit weint, ist dieser Schmerz nicht hinreißend. Und wenn sie an Lungenschwindsucht verscheidet, wünscht man ihr gute Ruh'.

Ihr Persönlichstes bleibt der Katzenzug.

So bildet die Russin eine fesselnde Abart, – ohne daß die stärkste Landskraft in ihr an den Tag gekommen wäre.

1902.


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