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Die Bertens

I.

Ja, sie hat von allen Schauspielerinnen Deutschlands die stärkste Geistigkeit. Sie ist ein Anwalt – in Fragen des Gewissens, des menschlichen Rechts; ohne Nebenbuhlerschaft.

Eine Dialektikerin mit der zugleich schneidenden, zugleich wuchtenden Macht des Zerlegens. Für Strindberg war sie grundschöpferisch. Sie bleibt eine der nötigsten Potenzen für alles, was die Sittlichkeit fortgeschrittener, kämpferischer Herzen ausdrückt.

Eine wundervolle Sprecherin heutiger Dinge, die stets einen unsichtbaren Widerpart zu bekämpfen, zu packen, zu widerlegen, zu überwinden scheint.

Sie muß an sich manchmal einen Weltdamenzug im Beginn einer Leistung hinunterjagen – aber was hat sie trotzdem für einen Schrei, etwan als Gabriel Schillings Frau (wenn ihrer späteren Schöpfungen gedacht werden soll); diesen Ruf: »Gabriel!!!« hört einer nach Jahr und Tag noch. Und nebenher steckten in einer enttäuschten Gattin alle Peinlichkeiten des inneren und äußeren Elends.

II.

Tapfere Soldatin: R. Bertens. Sie hat wunderbar, in einem Ewigkeitsschmarren von Bisson, die umhergetriebene Mutter geschaffen: die altgewordene, mit allen Wassern gewaschene Dirne, die ihren Sohn wiederfindet, als sie vor Gericht steht. Und wenn die Bertens von Gallien gelernt hat (neben dem eignen, vollen, leicht emporkochenden Geblüt, das nicht erlernbar ist): so mindert das nichts an dem Ruhm; an dem Entschluß; an dem technischen Zusammenreißen; an der bewußten Innerlichkeit; kurz: an der Gewalt dieser prachtvollen Künstlerin.

III.

Sie spielt Brands Mutter. Es wird nichts Hinhallendes, aber etwas unscheinbar Tiefes. Bohrend, mit Augen, Äuglein, Augensternen; mit einer Menschenfalte vom Nasenflügel zu den Lippen; mit einem halbgesenkten Kopf – und einem ganzen Lebensinhalt.

Sie hat nur ein geiziges Weib zu gestalten; und schafft ein Weltgefühl.

 … Eine von der großen Garde. In Strindbergs Scheiterhaufenstück hat sie wiederum eine Mutter zu sein. Da steht sie – selbstisch, dennoch Mutter – zwischen den Kindern und ihrem eigenen Trieb zwiespaltsvoll. In jedem Zuge (sobald, sie warm geworden ist) ein Glanz darstellender Kunst. Eine Zeugin des wirklichen, zivilen, – des unscheinbar sagenhaften Lebens.


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