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Kayßler

I.

Ein Aufrechter – der innen schwankt.

Ein Fester – der nicht besonnt ist.

Ein Geschlossener – im Ertragen (nicht im Tun).

II.

Manchmal denkt man: Kayßler ist eine falsche Schroffheit. Er hält nicht stand. Er hat sozusagen im Schaufenster Granit; im Laden viel Ton … Bis er den Simson, von Wedekind, spielt und, in etlicher Hinsicht, aus einem Stück erscheint. Er klebt auch nicht an einem Punkt; er geht vorwärts: wundervoll dann, wenn sich ein Wesen mit seinem zufälligen Wesen auch nur berührt. Zwischendurch, halb verborgen, ein wertvoller Gestalter des Launigen. Davon macht er nichts her.

Aus einem einzigen Punkt ist der Schatten, der auf ihn fällt, durchschaubar: weil er nach Rudolf Rittner auf die Planken trat, nicht vor ihm.

Lange Zeit gibt er im Seelischen ein oft erschreckendes Gemache. Mittendrin ist so ein Neuanfangen, mit dem Entschluß. So ein unbegründeter Wechsel im Nachahmen mehrerer Stile. Stromversagen. Die tätigen Teile seines Schmerzes: unmöglich. Die leidvollen (Dumpfheit) überzeugend.

Er spielt einen Gatten in Calderons »Arzt seiner Ehre« – feuerlos. Zuweilen plötzlich Niedlichmacherei mit der Stimme. Dann plötzlich Rittnerkopist. Daneben doch eigne Festigkeit – die über den Begriff des außerordentlich Sympathisch-Anständigen für mein Gefühl nicht hinwegkommt. Manchmal grimassig; was macht er da im Schmerz? er kratzt sich am Schienbein, um das Nagende des Leids zu stillen? Merkwürdig unüberzeugend. Überzeugender ist sein Argwohn.

(Stief!)

III.

Wo bei Strindberg die Menschen mit dem Feuer spielen, gibt er einen Freund. Er krankt zwar ewig an stockender Leitung des Stroms; doch für diese Gestalt ist es ertragbar. Aber das Zusammengesetzte seines Sprechens (aus Strommangel entspringend) ist nicht ertragbar. Damals fürchtet man, daß er sich eines Tages vor Tasterei die Stimme verrenkt.

Er findet sich schwer – und ist doch ein schwerer Mensch. Seltsam.

(In dem Kameradenstück des nämlichen Strindberg wirkt er bewundernswert angemessen …: so im Schlaffen, Ausgenutzten – wie dann im Blindfesten, Hermetischen.)

IV.

Bei L'Arronge und bei Kleist hat er zwischendurch Humore. Prachtvoll. Er war im Amphitryon der Gott … und besaß für Alkmene manchmal ein kleistisches Lächeln. Ich dachte: jeden Augenblick wird Kleist, wie er Thusnelda lieblich »Thus'chen« benennt, sie »Menerl« rufen. Ein solches kleistisches Lächeln hatte der Kayßler … wo er von Rechts wegen ein göttlicheres hätte haben sollen; aber (weil das Ganze doch so aussichtslos schief ist) schon besser ein kleistisches hatte. Vollends bei L'Arronge als umständlicher Schwiegersohn aus dem Volke, der dem Schuster Weigel gegenübersteht, ist er wie hingegossen in Echtheit und Spaß. Mein ungetrübtestes Erinnern. Alles deckend noch bis auf den bequemgewichtigen Gang, das vierschrötige Dastehn, die sozusagen bildungsstrebsamen Handlinien in der Luft. Köstlich.

V.

Er war dann Thoas – und hatte mitunter etwas … beinah Edel-Bäuerliches. Ein Bauer und Nordfernerich, der hineinwuchs in sein Schicksal. Der sich fast genierte vor seiner neuen, bisher ihm unbekannten Tragik. Der hierdurch den Flüchtlingen, den Gästen, den Entschwindenden seelisch nahekam (obschon unglücklicher Außenseiter, – im Gegensatz zum glücklichen Außenseiter Pylades).

Das Schicksal hat Herrn Schauspieler Friedrich Kayßler für diesen Thoas in die Welt gesetzt. Etwas Deckenderes gibt es nicht.

 … Über den Schluß läßt sich trotzdem reden. Sicher darf Thoas jenes herrliche »Lebt wohl« nicht als ein Schmoller sagen; sondern im Innersten überwältigt. Ich denke mir noch folgendes:

Es müßte bei einem von mir gedachten Schauspieler etwas vom Wagnerschen Hans Sachs in diesem Augenblick durchkommen. Das Scheiden darf am letzten Ende … nicht mehr stief sein. Sondern erfüllt von dem Glauben: ja, es ist nun ein Band, über Meere weg, zwischen uns! Dieser Schluß wäre das Erschütterndste (bar von Rührung), indem er hoch, befreiend und wolfgangisch wäre.

Etliches davon gab Kayßler.

VI.

Ja, wo sich mit einer Gestalt Züge seines Wesens auch nur teilweis decken, ist er so tragisch echt, wie als Paul Lange, der bei Björnson etwas unbeholfen-edel dem Schicksal ins Auge sieht … und seinem Blick nicht standhält. Kayßler (aus Neurode, bei Waldenburg) gibt hier den Aschenbrödler – und scheint abermals für diese Rolle geboren; auch mit ihrer Schwermut; mit allem, was an dem kernigen Helden stief bleibt. (Schlesier haben oft neben der Forsche so ein weiches Umbiegen – das ist hier wundervoll am Platz.)

Er offenbart was Eigensinnig-Ergebenes im Sichverlorenfühlen  …

Ob jemand freilich, der so starr ist, sich dank einer Mitgift hinaufabenteuert? Herrlich war er trotzdem.

VII.

Kayßlers Kern bleibt in den Sätzen bloßgelegt, die von seinem Leontes und von dem Wilhelm des Friedensfestes – auf andren Blättern dieses Buchs – gesagt sind. Fast zögernd hingeschrieben; weil hier Kunstwertung wie der Eingriff in ein vornehmes und ernstes Menschengeblüt wirkt.

Man scheut sich, es zu schreiben … und muß doch. Ich wiederhole die Sätze nicht … Am Schlusse stand wie zum Trost: »Es ist nicht seine letzte Leistung.« Es war nicht seine letzte.


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