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Lupu Pick

I.

1913. 25. Juni. Man gab das Lues-Drama von Brieux – mit zusammengewürfelten Leuten. Die Darstellung bestand aus zwei Schauspielern und einer Schmiere. Zur ersten Gruppe zählt vor allem die Gestalt jenes Arztes; waschecht bis zur Verblüffung (er hat es nicht gespielt, sondern er ist's gewesen): Herr Lupu Pick.

An diesem Abend wird er bekannt. Er wandelt nachher durch Eulenbergs Belindenstück als der Bruder Ästhet. Stark; still; in sich hinein. Einmal, bei Bauernfeld gibt er den Rothschild. Das ist die Hauptrolle. Der Allesmacher, Schmuser – mit Unglück in der Liebe.

Lupu Pick hat von sämtlichen deutschen Schauspielern die ruhevollste Ruhe. Er hat sie hier mit einem Schuß Verkalkung. Sein Hofbankier hat Millionentümer nie erworben, die Finanzen für eine Völkerschlacht nie bestellt – ein stiller Zug von Trotteldämmerung schlief hier in sanften Wipfeln.

Dieser Künstler gibt fast allen seinen Gestalten das Merkmal des Gewesenen; des Ehemaligen.

(Es paßt für Enkel, nicht für Ahnherren.)

II.

Einmal, in einem Kriegsdrama von Schickele, macht er köstlich den Dimpfel, den Herzensdimpfel, den deutschen Oberlehrer; betrachtsam und überlegen in allem Durst. Eine Erquickung. Köstlicher noch ist in Georg Hermanns Schauspiel von Jettchen Geberts Tod sein Onkel Eli – der wirkt wie ein gütiger, hochbetagter Affe.

Das wiederholt sich, am hinreißendsten, in einer hundertjährigen Posse von Angely, »Familie Rüstig«. Da macht Lupu Pick einen allerliebsten uralten Menschen. Keineswegs nur trottelhaft: sondern von einer verschollenen Lieblichkeit. Er schafft ihm etwas vom Schimpansen. (Man wartet, ob er den Kopf eines Ururenkelchens absuchen wird.) Zwischendurch singt er … zum Spinett. Mit einer Stimme, die knapp noch aus dem Diesseits kommt. Alles halb launisch, halb hold. Mit Fältchen und guten, verblödeten Äuglein. Man möchte die Gestalt ausstopfen. Oder auf eine Kommode setzen, unter Glas. Die Leistung ist ersten Ranges.

III.

Lupu Pick bleibt ein Sonderfachmann für Gestalten der äußersten Ruhe: entweder des Phlegmas; oder der Ausgepumptheit; oder des Träumens.

Er wirkt herrlich wie ein alter Sonnenstrahl in einem verschollenen, einstigen Zimmer.


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