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Betty Hennings

(Dänin)

I.

Warum soll ich meine Eindrücke anders wiedergeben, als ich sie gehabt! Vom Alter der Frau Betty Hennings will ich nicht sprechen, aber ich muß doch. Es ist von Illusion keine Rede, wenn die Lerche Nora von einer Stiftsgreisin gespielt wird. Ich dachte: nächstens wird Baumeister, der neunzigjährige, den Puck machen. Voltaire sagt: »qui n'a pas l'esprit de son âge, de son âge a tous les malheurs.« Es ist eine Sache des Takts, ob das lockende freie Gewand eines neapolitanischen Fischermädchens von einer greisenden Frau mit runzligem Hals und erloschenen Augen besser vorgeführt oder besser nicht vorgeführt wird.

Alter hin, Alter her. Die ganze Art dieser Künstlerin gibt einem Seelensucher nicht viel. Sie fesselt ihn aber vielleicht vom Standpunkt der Rasse. Man sieht eine seraphische Gestalt; das Mehrste der Erscheinung ist auf eine blühende Lady-Hausfrau zugeschnitten. Etwas Heuchelei in den Augen; ich kann mir nicht helfen. (Sehr ins Edle stilisierte Barrisons geben einen Begriff vom Ideal dieser Gattung.) Schwerer wiegt: im Benehmen ist Gemachtheit über Gemachtheit; Tuerei über Tuerei. Ein fortwährendes Sichniedlichstellen (nach der blonden Seite zu). Aber die Nora, die schließlich den Krempel ihrem Mann vor die Beine wirft; diese Nora muß was Urwüchsiges haben, selbst im Lerchentum. Sie stammt aus Norwegen, nicht aus Dänemark.

Frau Hennings ist eine liebe Geschäftigkeit, mit rührigem Ladytum; doch eine Macherin; Augenrollen, grundlos und übertrieben; falsches Trällern, wo man das Gelernte fühlt; fortwährendes Hinundher in gezierten Haltungen. Sichtbare Schauspielerei. Mehr Unaufrichtigkeit als positive Verstellungskraft.

II.

 … Es kommen dann Augenblicke, wo man aber doch erkennt, was im Norden an ihr geschätzt wird. Ein Beispiel.

Als Nora die Frau Linden ihrem Gemahl vorstellt, da hält Betty Hennings ihren Arm in Helmers Arm; geht wippend an seiner Seite, als wollte sie sagen: »Ich bin so stolz, Christine, dir einen Dienst zu erweisen; und ogottogottogott, ich bin so furchtbar stolz auf meinen Mann.« Hier ist Puppenheim. Die verträumte Seite … ich kann nicht sagen: stellt sie dar. Doch sie betont sie gut und reichlich. Als Nora dann mit den Enkeln spielt – nein, mit den Kindern – da ist sie wieder liebenswert in hohem Maße. Niemand kann ihr das bestreiten.

Und nur wo Ibsen über die hunderttausend Lerchen hinauskommt, die vorher längst auf allen Bühnen Europas geflattert waren: grade da bleibt sie alles, alles, alles schuldig. Liegt hierin das Wunderbare: daß sie versagt, wo in Ibsens Kunst das Ibsensche beginnt?

III.

Diese völkische Schauspielerin macht auch die Hedwig in der Wildente. – Ihre Art zu gehn, ihre kurzen, unbeholfenen Schritte; ihre Art, die Hände zu halten, die aus den Ärmeln jugend-tölpisch herauswachsen, als wüßte dieses emporschießende Jöhr nicht, wohin mit den Gliedern; diese trottlige Halbwüchsigkeit; und noch ein Zug: das arme, gute, dreizehnjährige Ding, von Geburt an geschlagen, hält den Kopf überhoch und blinzelt beim Gehen mit den Augen, beinahe tappend, als wäre die Sehkraft schon erstorben; das alles …

Das alles ist von stärkerer Fertigkeit und hat mich in keinem Augenblick überwältigt. Das alles bringt sie glänzender heraus als den Ausdruck seelischen Schmerzes. Sie ist eine erste Kraft unter den Erscheinungen zweiten Ranges.

Aber was? Eine betagte Frau gibt ein Geschöpf vor dem Eintritt in die Pubertät? darin liegt ein Husarenstück. Frau Hennings ist nur für die 25jährige Nora zu alt, nicht für die 13jährige Hedwig. Worin steckt der Grund? Nora ist ein vollblühendes Wesen; die Illusion eines kranken Kindes zu bieten scheint leichter verträglich mit ihren Umständen. Alle Achtung vor diesem Husarenstück.

IV.

Ich will nur ein Gleichnis hinzusetzen. Der Graf Geza Zichy in Ungarn spielt euch ein Chopinsches Notturno mit der linken Hand (er hat keine rechte). Er spielt ein moment musical von Schubert, mit der linken Hand. Er spielt den Feuerzauber – mit der linken Hand. Das ist ungemein schwierig; bravo, bravo!

Aber schöner ist es schon mit zwei Händen.

Ich bin imstande und setze noch ein Gleichnis her. Grillparzer (oder war es Raimund?) stand mit einem andern in der Schönbrunner Menagerie. Im Affenhaus hing sich ein Äffchen mit dem Schwanz an einen Eisenstab und schaukelte so. »Sie, das ist schwer!« sprach der andre. Hierauf erwiderte der Grillparzer: »Hat's ihm wer g'schafft?« G'schafft bedeutet: verlangt.

V.

 … Der Kern dieser Dänin bleibt für mein Gefühl: seraphisch blonde Betulichkeit. Ich aber liebe die Schauspielkunst mit den wahren Akzenten: nicht ein Schönfärben nach der freundlichen Seite mit dem leisen Abglanz von Verstellung.

Es bleibt für mich die letzte der Gattungen.

1902.


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