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Die erste Lektion

Der Abbé Dubois wartete im Gemache des Prinzen auf dessen Erscheinen; plötzlich wurde von einem andern Knaben, dem Sohne des Herzogs von Noailles, die Türe aufgerissen, und hineinschreitend erschien der kleine achtjährige Prinz mit der Würde und dem Anstande eines Königs, seine Schulbücher unterm Arm. Ein Gruß an den kleinen Herzog, ein zweiter an den Abbé bildeten den Eingang dieser Szene. »Pierre, Sie können gehen!« rief er dem jungen Noailles zu, der sich alsbald in ebenso zeremoniöser Weise entfernte. Worauf der Prinz sich hinsetzte, eines der Bücher ergriff, es öffnete und darin las, ohne den Erzieher viel zu beachten.

Dieser machte sich jedoch selbst bemerkbar, indem er fragte: »Ist dies die Weise, wie Sie, mein Prinz, mich täglich zu empfangen gedenken?«

»Ja, mein Herr.«

»So muß ich Ihnen sagen, daß die Herzogin, Ihre Frau Mutter, eine ganz andere Art Ihres Eintritts in die Lehrstunden eingesetzt hat.«

»Eine andere Art?« fragte der Prinz. »Welche?«

»Ohne Zeremoniell!« erwiderte der Abbé. »übrigens ist der kleine Herzog nicht Ihr Diener.«

»Nicht?« sagte der Knabe. »Der Vater sagte, daß alle Franzosen meine geborenen Diener sind. Meine Mutter wird wahrscheinlich hierin auch anderer Meinung sein.«

»Allerdings! Sie hält die Fürsten für dazu geboren, über die Rechte und das Glück des Volkes zu wachen.«

»Ach! Diese kleine Kanaille, der Herzog, wache ich nicht über sein Glück, wenn ich ihm erlaube, die Türe vor mir aufzumachen?« fragte der Prinz.

»Nicht so eigentlich!« erwiderte der Abbé. –

»Nun dann! Was soll ich denn sonst für ihn tun?«

»Wir wollen den Herzog unbeachtet lassen,« bemerkte der Erzieher, »da er nicht der Gegenstand unserer Beachtung sein kann. Es ist von allgemeinen Grundsätzen die Rede, die die Richtschnur unserer Handlungen sein sollen.«

»Die Richtschnur unserer Handlungen? Schön gesagt!« rief der Prinz. »Wieviel Jahre sind Sie?«

»Dreiundzwanzig!«

»Wenn ich so alt sein werde,« rief der Prinz, »werde ich der Welt bewiesen haben, was in mir steckt. Es ist nur schade, daß so sehr viel Leute mir im Wege stehen. Da ist Numero eins, dann Numero zwei, dann drei und dann vier! Können Sie mir nicht sagen, wie ich alle diese Nummern fortschaffe?«

»Wie, mein Prinz, ich verstehe Sie nicht.«

»Sie sind ein Einfaltspinsel!« –

Der Abbé unterdrückte eine zornige Antwort; er erwiderte ruhig: »Gut, mein Prinz, ein Einfaltspinsel kann nicht ein Erzieher sein. Ich werde meinen Abschied nehmen und Ihren Herrn Vater von dem Grunde meines Fortgehens in Kenntnis setzen.«

Der Knabe sah ihn schmollend, boshaft und verächtlich an und sagte dann: »Tun Sie das!«

»Für's erste gehe ich zu Ihrer Frau Mutter!«

»Zu dieser nicht, mein Herr!« rief der Prinz, seinen Stuhl verlassend und den Abbé beim Arm nehmend. »Hören Sie, zu dieser nicht. Das will ich nicht!«

»Meine Pflicht fordert es!« erwiderte der Abbé bestimmt.

Der Prinz stampfte mit dem Fuße, und rot vor Zorn, rief er mit heiserer Stimme: »Ich verbiete Ihnen das! Hören Sie? Wir werden nie gute Freunde, wenn Sie so anfangen, Herr Abbé.«

»So widerrufen Sie Ihr Wort!« rief der Erzieher.

»Noch mehr!« sagte der Prinz. »Ich will es mit einem ehrenvollen vertauschen. Sie sind ein weiser, vorsichtiger und kluger Mann! Sind Sie nun zufrieden? – O, ich bin sehr gutmütig! Man kann mit mir machen, was man will, man muß mich nur recht nehmen. Sie können mich auch schelten, ich werde es nicht übelnehmen. Nennen Sie mich zum Beispiel Hasenfuß, Prinz Prahlhans, oder nennen Sie mich Herzog von Maine, das ist das Schlimmste, was Sie sagen können.«

»Das werde ich mir nicht erlauben!«

»Erlauben Sie sich's nur, ich werde es nicht wiedersagen,« rief der Prinz, »aber ich werde wissen, was Sie damit gemeint haben, und werde mich bessern. Die übrigen Kinder der gnädigen Frau sind nicht so schlimm, obgleich die Mutter behauptet, daß sie alle nichts taugen. Da ist der Graf von Vexin, der nun tot ist, dann Fräulein von Nantes, dann Fräulein von Tours, die auch tot ist, Fräulein von Blois, die lebt und zwar sehr wohlauf ist, und endlich der Graf von Toulouse. Das nenne ich eine gute Portion Kinder. Meine Mutter lacht oftmals darüber, aber der Papa zieht immer ein ernsthaftes Gesicht, wenn von ihnen die Rede ist, nicht anders, als wenn er von den Kindern des Dauphins spricht.«

»Sollen wir nicht jetzt zu unsern Büchern greifen?«

»Noch nicht. Können Sie mir nicht sagen, wie man Gift bereitet?«

»Wie, mein Prinz! Welche Frage!« rief der Abbé erschreckt. »Sehe ich aus wie ein Giftmischer?«

»Es muß dies doch auch in den Büchern stehen. Ich glaube diejenigen, die über Kräuter handeln und ihre Zubereitung angeben, diese beschäftigen sich auch mit der Kunst, Gift zu bereiten. Ich habe die Levoisin nicht gekannt; aber es muß ein verteufeltes Weib gewesen sein. Meinen Sie nicht auch? Ich glaube, daß – doch ich will nichts sagen.«

»Sprechen Sie, mein Prinz.«

»Der Lorraine versteht es,« sagte der Gefragte leise. »Er und sein Bruder. Aber Sie müssen das nicht weitersagen. Überhaupt, was wir untereinander sprechen, soll nicht unter die Leute kommen. Wollen Sie mir das versprechen?«

»Gern,« erwiderte der Abbé, »wenn es eben Dinge sind, die ich verschweigen kann, ohne Ihnen und mir zu schaden. Gewisse Sachen muß ich melden.«

»Gut! So hören Sie weiter kein Wort von mir!«

»Aber, mein Prinz!« –

»Kein Wort! Ich kann auch schweigen!« –

»Wie? Gegen Ihren Lehrer, Ihren ersten Vertrauten, Ihren Freund wollen Sie so grausam sein? Gewiß, das sähe einem großmütigen, edelgesinnten Prinzen nicht ähnlich.«

Philipp zuckte mit den Achseln. »Ich mag die Männer nicht, die da plaudern,« sagte er, »und die, die da offiziell plaudern, das heißt die, die sich dafür bezahlen lassen, die mag ich nun gar nicht. Die erfahren von mir auch nichts.«

»Aber Sie bedenken nicht, mein Prinz, daß ich auch gegen andere Pflichten habe,« erwiderte der Erzieher.

»Gleichviel! Machen Sie das mit sich ab.«

»Sie haben mir doch schon so manches gesagt.«

»Kleinigkeiten. Ich weiß noch viel mehr.«

Der Abbé sah den jungen Prinzen an, in dessen klaren und verständigen Augen der Entschluß, verschwiegen zu sein, aufblitzte. Er sagte darauf: »An Ihrem Vertrauen zu mir liegt mir sehr viel. Ich will Ihnen sagen, wie wir die Sache einrichten wollen. Ich sage Ihnen vorher, was ich berichten werde; sonst kein Wort! Ist Ihnen dies genügend?«

»Das würde mir genügend sein.«

»Gut, so lassen Sie es dabei! Alsdann müßte ich Sie bitten um dieselbe Rücksicht von Ihrer Seite auf das, was ich Ihnen mitteilen werde.«

»Auf diese können Sie sich verlassen! Hier ist meine Hand!« rief der Prinz mit fester Stimme. »Der Vertrag gilt fürs erste auf vier Wochen. Später kann er verlängert werden. Aber nehmen Sie sich in acht, wenn Sie dagegen handeln. Ich erfahre alles, was geschieht, Herr Abbé. Und nun sagen Sie mir, wo kann ich etwas über die Zubereitung der Gifte finden?«

»Wenn Sie mir zuvor versprechen, Ihre Kenntnis, die Sie sich erwerben werden, nicht übel anzuwenden, so will ich's Ihnen sagen.«

»Welche Narrheit!« rief der Prinz. »Ich werde doch niemand vergiften! Sind Sie bange um Ihr Leben? Zittern Sie vor meinen Schmelztiegeln? Alsdann sind Sie nicht mein Mann.«

»Ich will glauben, daß Sie mit der Ihnen gewordenen Kenntnis nicht freveln werden,« bemerkte der Abbé. »Und wissen Sie, weshalb ich dies glaube?«

»Nun?«

»Weil es feige ist, mit Gift zu morden, und feige sind Sie nicht!« rief der Abbé mit Nachdruck.

Der Prinz lief auf den Erzieher zu und fiel ihm um den Hals, indem er rief: »Haben Sie Dank, lieber Mann, für dieses Wort, das Sie da gesprochen! Sie sollen mich nie mit Gift morden sehen. Das verspreche ich Ihnen.« –

»Gut!« rief der Abbé. »Sie sollen die Bücher haben.«

»Und jetzt«, sagte der Prinz, »etwas von einer anderen Materie. Hier ist ein Briefchen, wollen Sie es übernehmen, es an die Person, die auf der Adresse steht, zu besorgen? Aber es muß noch heute in ihren Händen sein.«

»An Mademoiselle Zephirine!« las der Abbé. »Was soll das?«

»Ein Liebesbriefchen,« erwiderte der Knabe unbefangen. »Zephirine ist die Tochter unseres Hausintendanten. Sie wohnt eine Treppe höher; klopfen Sie an diejenige Türe, an der eine große drei steht. Aber das bleibt unter uns.«

Der Abbé sah mit einem eigentümlichen Blicke den Prinzen an, dann sagte er mit Lächeln: »Ich werde das Briefchen an die Frau Herzogin bringen!« –

»So!« rief der Knabe. »An die ist es freilich nicht geschrieben. Doch tun Sie, was Sie wollen.« Er wandte sich ab und ging schmollend an das Fenster.

Der Abbé folgte ihm, das Briefchen in der Hand. »Soll ich?« fragte er.

»Kann ich es hindern?« entgegnete der Prinz trotzig. »Ich werde alsdann sagen, daß ich den Brief nicht geschrieben habe.«

»Wie, eine Lüge, mein Prinz? Das ist unmöglich! Dazu sind Sie zu stolz, das werden Sie nicht sagen. Sie werden eingestehen, daß Sie dieses Briefchen geschrieben haben und dafür die Strafe erdulden, die Ihnen Ihre Frau Mutter diktieren wird.«

Der Prinz sah ihn fragend an.

»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen,« hub der Abbé wieder an. »Ich will Ihr Briefchen besorgen, übernehmen Sie es, eines von mir zu bestellen. Dann bin ich in Ihren Händen, wie Sie in den meinigen. Wir haben einander nichts vorzuwerfen.«

»Gut! Also Sie haben eine Freundin, mein Herr Abbé?«

»Nicht eine – drei!«

»Alle Wetter, und zu allen dreien soll ich hinlaufen? Das ist ein wenig stark. Wissen Sie auch, was es heißt, einen Sohn von Frankreich zum Liebesboten zu haben?«

»Sie werden nicht als Sohn von Frankreich meine kleine Angelegenheit besorgen!« rief der Abbé. »Ich schaffe Ihnen eine bescheidene Kleidung, die Sie vollkommen verbirgt.«

»Als Ihr Jockei? Das ist belustigend. Geben Sie schnell die Briefe her, ich brenne vor Begierde, sie zu besorgen. Sie sollen mit mir zufrieden sein. Das ist eine vortreffliche Geschichte!« –

»Hier sind sie. Das erste Briefchen ist an Henriette d'Aalvill, zu erfragen im Portierhäuschen zu Marly. Das zweite ist an die Gräfin von Trebisonde in der Vorstadt St. Germain, und das letzte ist an Heri Gurlit im Garten des Klosters der barmherzigen Schwestern.«

»Ei, wie seltsam. Die letztere ist ein Mann?« rief der Prinz.

»Still, mein junger Herr; es ist eine Nonne.«

»Ach, eine Nonne, das ist zum Totlachen!« rief der Prinz, im Zimmer auf einem Beine herumspringend. »Wie ist das lustig! Wie ist das überraschend und wie ist das keck! Eine Nonne, die einen Mannsnamen führt, und zu der ich komme, um ihr ein Briefchen meines Lehrers zu bestellen! Der Teufel erfindet doch immer etwas Neues! So alt die Welt ist, sie bleibt immer dieselbe leichtfertige Dirne, die sie zur Zeit der Erzväter war. Wann soll ich gehen?«

»Morgen«, fuhr der Abbé fort, »geht Ihre Frau Mutter mit dem Könige auf die Jagd. Sie bleibt den ganzen Tag fort. Ihr Herr Vater beschäftigt sich anderswo, uns bleibt Muße hinzugehen, wohin wir wollen.« –

Der Prinz sprang auf, umarmte nochmals den Abbé und rief: »Sie sind mein Mann! Wir werden vortrefflich miteinander auskommen! Jetzt zu den Büchern! Ich höre meine Mutter kommen. Wir wollen ihr die Freude machen, uns in unsere Studien versenkt zu finden.« Er schlug das erste beste Buch auf, setzte sich zurecht, und indem er seinem Genossen einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, fing er an in dem Buche zu lesen. Die Herzogin kam, verbat sich jede Störung und setzte sich an das Fenster, um zuzuhören.


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