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Das Jesuiten-Kollegium

In einer engen Talschlucht, rings von himmelanstrebenden Felsen eingeschlossen, lag das alte Schloß Udallan, das Besitztum eines Geschlechts, das seine Ahnen weit hinaufzählte in jene Zeiten, wo noch nicht der Klang der Stimme fremder Eroberer auf der Insel gehört wurde.

Die Herren von Udallan besaßen einst große Schätze, sie hatten sie geopfert in den bürgerlichen Kriegen, die ihr Vaterland vor einem halben Jahrhundert beunruhigt hatten; sie besaßen jetzt wenig mehr als diese alte Stammfeste im Gebirge und noch eine Anzahl Ländereien in dem heitern und sonnigen Teile der Hochebene im Süden der Grafschaft. Dorthin hatte sich der Teil der Familie begeben, der noch Lust empfand, mit der Welt zu verkehren; der morsche Stamm dieses absterbenden Baumes, der alte Graf von Udallan, residierte einsam in dem Schlosse und war menschenscheu und finster. Von ihm gingen seltsame Gerüchte im Lande um. Es hieß, daß er in seinem düstern Versteck mit den Geistern seiner Ahnen verkehre, und daß sie kämen, ihm die Geschicke zu verkündigen, die den geliebten Heimatherd einstmals treffen würden. Niemand hatte Lust, den Einsiedler in seiner Höhle zu besuchen, nur einmal im Jahre, und zwar am Tage des heiligen Patrick, kam der älteste Neffe des Grafen, sein Erbe, auf einem kleinen Gebirgsgaul, ohne Gefolge, nicht einmal von einem Diener begleitet, über die Brücke geritten, die die Grenze des Nachbargebietes bildete, und die über ein zuzeiten wildes Gebirgswasser führte. An diesem Tage war die enge, schmale, baufällige Zugbrücke niedergelassen, und der junge Graf ritt über diese, nicht ohne Lebensgefahr, um dann endlich in die Arme seines Oheims zu gelangen, der ihm zu Ehren ein Bankett anrichtete, wo die Humpen im alten Rittersaale beim Scheine düster brennender Kerzen, zwischen den beiden Männern und den wenigen hinzugeladenen Gästen kreisten. Allemal war Graf Wilhelm froh, wenn der Tag des heiligen Patrick vorüber war und er das Schloß Udallan nebst seinem Bewohner auf ein ganzes Jahr wieder vergessen durfte. Der junge Mann war lebenslustig, ein guter Jäger, ein Liebhaber von Wettrennen und ein Freund großer Städte, fröhlicher Gastmahle und der Zusammenkünfte schöner Frauen. Wie sollte ihm der Gespensterspuk auf Schloß Udallan gefallen?

Ein Mann, der offenbar in diese Mauern gehörte, war Onofrius, der Arzt, der Hexenmeister, der Tausendkünstler, oder wie wir ihn sonst nennen wollen, den wir eben haben mit dem erkauften und geraubten Jüngling an dieser Küste landen sehen. Onofrius führte seine Beute dem alten Herrn des Schlosses zu. Dieser saß, als beide in den Saal traten, in einer Ecke an einem Tische, der mit Büchern bedeckt war. Trotzdem es noch hoher Tag war, brannte wegen der durch die überall einschließenden Felsenwände erzeugten Dunkelheit eine Lampe vor dem Alten und beleuchtete dessen scharfe Züge durch eigentümliche Lichter. Die weit vorhängenden, schneeweißen Augenbrauen ließen die darunter liegenden Augen in ihren tiefen Höhlen um so dunkler und wilder erscheinen; der lange Silberbart warf seine Wellen über die Pergamentblätter des riesigen Buches hin, in dem der einsam Studierende eben las. Eine Hand, ausgedörrt bis auf die Knochen, hielt gekrümmt einen Stift und war in ihrer schwarzbraunen Färbung einem Gebilde, aus Holz geschnitzt, ähnlich. Eine kleine Mütze, aus prachtvoll gefertigtem Goldstoffe geformt, wie eine kleine Krone gestaltet, deckte den Scheitel und warf bei der gebückten Stellung des Mannes einen zackigen, seltsamen Schatten über die hochgewölbte und gefurchte Stirn. Hinter der Stuhllehne standen wie aufwartende Pagen zwei kolossale Skelette, deren Schatten durch die Lampe fast bis an die Decke hinaufgeworfen wurden, und deren weiße, schimmernde Schädel sich von der geschwärzten Lederwand der Tapete grell abhoben. Diese Skelette hielten ein kleines Wappen empor, das in der Mitte zerbrochen war, und dessen beide Hälften kaum noch zusammenhielten.

Als Onofrius mit dem Jüngling sich nahte, erwachte ein gezähmter und erblindeter Adler, der zu den Füßen des Greises saß, und hob die Flügel. Der alte Graf sah empor, und die Lampe zur Seite schiebend, erkannte er die Nahenden. Er begrüßte sie, beruhigte zugleich den unruhig gewordenen Vogel und richtete dann seine volle Aufmerksamkeit auf den Jüngling. Auf eine stumme, fragende Bewegung antwortete ihm Onofrius.

»Ja – er ist's!«

Jetzt zog der Greis den jungen Mann an sich und umarmte ihn. Eine lange Pause trat ein. Onofrius hatte sich auf einen Lehnsessel zur Seite des Tisches gesetzt und beobachtete ein feierliches Stillschweigen.

»Enkel meines ersten und einzigen Freundes!« rief der Greis mit einer vor Rührung bebenden Stimme, »sei mir gegrüßt! – Georg ist dein Name? – Ja, du trägst die Züge meines Friedrich! – Komm! Willst du bei mir bleiben? – Willst du? – Sprich.«

Onofrius nahm das Wort, als jener zögerte zu antworten und verwirrt und unstät seinen Blick bald zu Boden richtete, bald über den Tisch hingleiten ließ. »Laßt ihn, gnädiger Herr, sich erst sammeln. Bedenkt, daß die Jugend lebhafte Eindrücke in die Seele aufnimmt. Es ist nicht wie bei uns, die wir überwunden haben. Dieser Knabe hat vor wenig Wochen noch ein wildes, zügelloses und in buntem Wechsel hinspielendes Leben geführt, ich habe ihn mitten aus dem Schoße des frechen Sinnentaumels geraubt; ist es da nicht erklärlich, daß die tiefe, heilige Stille dieses Landes, dieser Gegend und dieses Hauses ihm entgegenstarrt wie das Haupt der Medusa, das die Sinne lähmt und sprachlos macht? Laßt ihm Zeit, sich zu fassen, Herr.«

»Du hast recht, Onofrius. Führe ihn in seine Gemächer. Ich will mich fürs erste begnügen, ihn erschaut zu haben und zu wissen, daß er gerettet ist, und daß er in meinen Mauern weilt. Nach Verlauf von einigen Tagen will ich meine Stimme von neuem erheben und zum Enkel meines Jugendfreundes sprechen. Du bleibe hier und berichte mir, wie du meinen und der Brüder Auftrag ausgerichtet hast.«

Onofrius führte Georg fort und kam dann zurück. Die beiden Männer blieben bis tief in die Nacht im Gespräche zusammen.

Nach Verlauf einer Woche trat Georg von neuem in die Halle. Diesmal war die Begrüßung, die der Alte ihm angedeihen ließ, minder leidenschaftlich, sie trug mehr das Gepräge eines Zeremoniells an sich; auch war der Arzt nicht zugegen.

»Sprosse eines ruhmwürdigen Geschlechts!« hub der Graf an, »wisse, daß mein Auge dich auf deinen Bahnen verfolgt hat, und daß ich im Sinne und sogar auf den ausdrücklichen Wunsch der Deinigen handle, wenn ich mich von jetzt an deines Schicksals bemächtige. Erkenne in mir deinen Freund, deinen zweiten Vater! Sprich offen! Entweihe deine Seele und mein Ohr durch keine Lüge. Wie verließest du Deutschland und wie kamst du nach Frankreich?«

»Herr Graf,« hub der Jüngling an, »wenn Euch die Geschicke meiner Familie bekannt sind, so ist Euch mehr bekannt als mir selbst. Auch der Name, mit dem Ihr mich genannt, ist nicht der meinige. Ich heiße Tybalt und bin der Sohn einer armen Witwe, die mit mir nach Paris kam, um einen Freund dort aufzusuchen, den sie nicht fand. Sie starb bald nach der Ankunft, und ich blieb in der fremden Stadt zurück. Zum Glück fand sich ein Ernährer für mich, ein alter, einsam lebender Gelehrter, dem ich Dienerdienste erwies und der mich dafür in den Wissenschaften und Künsten unterrichtete. Bis zu meinem elften Jahre blieb ich in dem Hause dieses Mannes, den ich den Doktor Van Loo nannte; alsdann war ich fähig, die wenigen erworbenen Kenntnisse anzuwenden, um bei Kindern von sechs Jahren den Lehrer zu spielen. Leider verlor ich stets die sichere Stelle, die man mir gab; ich war zu leichtsinnig, gnädiger Herr.«

Der alte Graf schüttelte das Haupt und sagte dann: »Fand sich denn niemand, der dich mit deiner Herkunft, mit deinen Verwandten bekannt machte?«

»In Wahrheit, niemand!« entgegnete der junge Mann. »Sie mochten wohl auch niemand bekannt sein. Erst durch Andeutungen des Herrn Onofrius und später durch Eure Begrüßung hörte ich einen Namen, der mir bisher unbekannt war, und ich höre jetzt, daß es der meinige ist.«

»Armer, verwahrloster Knabe!« rief der Graf.

Georg, so wollen wir jetzt den jungen Abenteurer nennen, sah sich, während der alte Herr aufmerksam in einem Buche las, aber stets verstohlen die Augen auf den Jüngling hatte, die Halle an, besonders heftete sich sein Blick auf die zwei Skelette, die das zerbrochene Wappen trugen.

»Du blickst auf dieses Wappen!« rief der Graf. »Es ist das meinige. Als der Letzte meines Stammes gehe ich zur Gruft.«

»O Herr! So habt Ihr niemand, der um Euch trauert? Erlaubt, daß ich es sein darf, der auf Eurem letzten Gange Euch geleitet!«

Der Graf zog den Jüngling an sich und schloß ihn herzlich in seine Arme: »So sei es, Enkel meines Freundes!« rief er. »Unter all den gleichgültigen Verwandten, die mir zur Gruft folgen, sei du das einzige fühlende Herz! Doch noch sind wir nicht so weit. Noch lebe ich, und ich lebe, um dich in deinen Stand, in deine Würden einzusetzen. Daher sollst du jetzt ein Mitglied unsrer Gesellschaft werden! Zeige dich ihrer würdig! Hat dir deine Mutter nie von deinem Vater erzählt?«

»Sie hat es getan, edler Graf, aber ich war so jung, daß ich ihre Worte vergessen habe. Er war, so sagte sie, ein deutscher Herr von vornehmem Stande.«

»Er war der Sohn König Friedrichs, Knabe.«

»König Friedrichs?«

»Desselben, den die Schlacht am weißen Berge um die Krone Böhmens brachte,« entgegnete Graf Udallan. »Ich kämpfte in jenen Tagen dicht neben ihm, aber mir gelang es nicht, den Schicksalsschlag, der sein Haupt bedrohte, von ihm abzuwenden.«

»Wie, Herr Graf, mein Großvater war jener Böhmenkönig, von dem ich so viel erzählen hörte?«

»Sein jüngster Sohn ist dein Vater.«

»Und weshalb hat man mich so lange in Elend und Dunkelheit gelassen?«

»Ein Auge wachte über dich! Es ist das des Onofrius. Er wußte das Geheimnis deiner Geburt, er stand mit jenem Arzte in Verbindung, der dich aufnahm und dich erzog. Er nannte niemand deinen Namen, weil er dich selbst erretten wollte. Er hat redlich Wort gehalten.«

»O, wo ist er, daß ich ihm danken kann!« rief der junge Mann freudig.

»Er hat die Insel bereits wieder verlassen,« erwiderte der Graf, »du wirst ihn nicht wiedersehen. Betrage dich, so wie ich es von dir erwarte, und nach Ablauf eines Jahres sollst du deinen Verwandten übergeben werden. Aber nur, wenn du dich so führst, wie ich es von dir erwarte. Geschieht es nicht, so bleibst du für immer in dem Schoße dieser Berge verborgen. Die Gesellschaft gibt kein unwürdiges Glied der Welt her, sie bewahrt den Irrenden so lange, bis sie gewiß ist, daß er nicht mehr zu straucheln imstande ist.«

»Wer ist diese Gesellschaft?« fragte der Jüngling in bescheidenem Tone.

»Noch bist du nicht würdig, sie zu nennen!« erwiderte der Greis, und ein dunkler Schatten glitt über seine hohe Stirn. »Einst wirst du sie lieben und verehren lernen. Jetzt geh und beginne deine Lehrzeit!«


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