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Erste Eindrücke

Prinz Philipp von Bourbon, Herzog von Orleans, befand sich in seinem Kabinett im Begriff, sich festlich anzukleiden, um an den Hof zu gehen. Dies war die Stunde, wo er mit seinen Lieblingen frei verkehrte, und ein Paar derselben, Lorraine und Lancret, befanden sich im Kabinett und verrichteten beim Anziehen Kammerdienste.

Der Herzog, der eine Halbweste von einem modischen Stoffe anprobiert hatte, zog sie unwillig aus, warf sie hin und rief ärgerlich: »Soll mir denn nichts mehr passen? Bin ich etwa alt geworden? Will mir Luclot damit andeuten, daß die Halbwesten für mich nicht mehr sind? Weshalb bekomme ich immer dieselbe elende Arbeit?«

»Gnädigster Herr, Sie müssen Luclot den Abschied geben,« bemerkte Lancret.

»Und wen nehmen?« fragte der Prinz. »Er ist der einzige, der Kleider zu machen versteht. Lulu, bei wem läßt du arbeiten?«

Lorraine, der mit dem Spitznamen Lulu genannt wurde, kehrte sich zum Prinzen um und erwiderte: »Bei Colliot, gnädiger Herr.«

»Hm, die Bestie!« murmelte der Prinz, »wenn er nicht gerade gefangen sitzt, will ich es mit ihm versuchen. Hast du den Marquis zu mir gerufen, Lulu?« –

»Da kommt er eben.«

Der Marquis von Rohan trat ein und machte die übliche Verbeugung. Der Prinz ging mit Lachen auf ihn zu. »Ach, du Närrchen,« rief er, indem er den Marquis an seinem Knebelbart zupfte, »was hast du gemacht, he? Was hast du mir gebracht? Welch eine Kastanie hast du mir da aus der Asche gezupft? Wie? Warst du es nicht, der mir sagte, die Prinzessin hätte ein niedliches Gesicht?«

»Gewiß, gnädiger Herr,« – erwiderte der Gefragte.

»O, seht doch! Ein niedliches Gesicht!« schrie der Prinz, indem er die Wange aufblies und zu seiner Umgebung eine Grimasse schnitt. »Das nennt der Herr ein niedliches Gesicht! Ei, mein Freund, ich möchte wissen, wie bei dir häßliche Weiber aussehen!«

Die beiden Favoriten lachten, und der Marquis erwiderte nicht ohne Anflug von Empfindlichkeit: »Gnädiger Herr, als ich von dem niedlichen Gesichte der Prinzessin von der Pfalz sprach, war sie vier Jahre alt; jetzt ist sie neunzehn. Das ist ein Zeitraum, in welchem das hübscheste Gesicht Zeit hat, sich zu verändern.«

»Da hast du recht, und gerade dieses Gesicht hat seine Zeit gut benutzt. Wahrlich, ich wußte nicht, was ich sagen sollte, als ich dieses deutsche Schätzchen zum erstenmal erblickte, und nicht ohne Lachen konnte ich meine Worte: ›Das ist die schönste der Schönen!‹ beim Spiel aussprechen.«

»Es ist wahr, Eure königliche Hoheit machten ein so spaßhaftes Gesicht, daß uns alle das Lachen ankam!« Dies sagte Lancret und lachte dabei aus vollem Halse; Lorraine stand abgewendet und bemühte sich mit der abgelegten Weste. Dem Prinzen fiel das Stummsein auf, und er fragte, ob Lulu vielleicht, wie gewöhnlich, anderer Meinung sei.

Der junge Mann, der bildhübsch und kaum siebzehn Jahre zählte, fand für nötig, hier eine seiner Launen zur Geltung zu bringen. Ohne sich daher aus seiner Stellung, die halb abgewendet vom Prinzen war, zu bemühen, erwiderte er: »Ganz recht, wenn einer lacht, lachen die andern, ich aber lache nicht.«

»Und weshalb nicht?« fragte der Herzog, indem er den Jüngling zwang, sich umzuwenden und ihm gerade gegenüberzustehen.

»Weil ich das Mädchen hübsch finde.«

»Ei, beim heiligen Denys! Das ist etwas anderes!« rief der Prinz. »Lulu findet sie hübsch, da muß sie es also wohl sein. Nun erkläre dich näher: worin besteht ihre Schönheit?«

»In der Unähnlichkeit mit Ihnen, gnädiger Herr!« erwiderte der Liebling kurz.

Die beiden Herren erschraken, sie lauschten auf die Mienen des Herzogs, der jedoch unbekümmert sagte: »Ein Mann sieht nicht wie ein Weib aus, damit ist nichts gesagt.«

»Es gibt Männer, die wie Weiber aussehen, und gegen ein solches ist die Frau Pfalzgräfin eine Schönheit!« rief Lorraine. Hiermit hatte er das Maß dessen, was er glaubte sagen zu dürfen, erschöpft und zog sich also wohlweislich aus dem Spiele, indem er sich zur Türe wandte und bei einer drohenden Bewegung des Herzogs daraus entschlüpfte.

Der Herzog drohte mit der Faust, indem er vor sich hinmurmelte: »Gut, daß du gehst! – Welcher Hohn, mich ein Weib zu nennen! Und wäre ich's, ich würde ein sehr schönes, ein sehr gefährliches, ein höchst kokettes Weib sein. Doch wieder auf die Dame aus Deutschland zu kommen. Du sagst also, Arthus, daß sie Zeiten hat, wo sie besser aussieht? Wir wollen es hoffen und den üblen Eindruck, den sie auf mich gemacht hat, auf das Eschauffement der Reise schieben. Aber welche Taille? Die Hüften sind ihr bis auf die Fersen hinabgesunken! Das ist etwas, was ich nicht liebe! Meine erste Frau war ganz anders! Wie eine Sylphide gewachsen; aber freilich, sie hatte dafür wieder Untugenden, die alle hübschen Weiber haben, und die diese wahrscheinlich nicht haben wird. Meiner Treu, sieht sie wohl ihrem Bilde ähnlich?«

»Ihr werdet bedenken, gnädiger Herr, daß Maler grundsätzlich zu schmeicheln pflegen,« bemerkte der Marquis achselzuckend.

»Und seit du sie gesehen, ist es weit über fünfzehn Jahre; freilich das entschuldigt,« sagte der Prinz. »Gott, diese Augen! Indessen sind sie doch voll Schalkheit und Frohsinn! Die Lippen sind nicht schön, aber die Zähne sind es! Der Hals, der Busen, die Arme sind untadelhaft. Das Schlimmste an ihr, woran ich mich nicht gewöhnen kann, ist ihr Zärtlichtun! Ich fahre aus der Haut, wenn ein Weib mir so nahe rückt!«

»Das läßt sich abgewöhnen!« rief Lancret. »Was diesen Punkt betrifft, da sind Eure Hoheit Meister. Niemand versteht es so vortrefflich, den vornehmen Herrn zu spielen, mit solcher Würde und mit solchem Ausdrucke alles, was Ihnen mißfällt, in die Entfernung zu schieben. Gott! Wenn ich an die Marquise von St. Marçan denke, die sich einbildete, Eure Hoheit seien verliebt, während sie es doch in Dero Hoheit war. Mit einer einzigen Handbewegung war sie für immer abgewiesen, und das noch in Gegenwart des ganzen Hofes! Es war ein Anblick zum Entzücken.«

Der Herzog hörte dieses Lob gleichgültig an. Er setzte sich eben hin, um mit dem Pinsel in der Hand das Rot aus die Wangen zu tragen. Er verabschiedete dabei den Marquis, der sich ebenso unterwürfig empfahl, wie er gekommen.

»Wo ist Lorraine?« fragte der Herr.

»Darf ich meine Dienste anbieten!« fragte Lancret.

Ohne ein Wort zu sagen, strich der Prinz mit dem Pinsel dem Fragenden übers Gesicht und rief: »Fort von hier, Affe! Schicke mir meinen Kammerdiener her. Ihr seid doch zu nichts nutze, wo es etwas Wichtiges gilt.« –

Der junge Mann schlich sich fort, und L'Auxerrois, ein Mann nahe an sechzig, mit einem kalten, gemessenen Wesen, näherte sich dem Herzog, der ihm sogleich den Farbentopf und den Pinsel überreichte. »Hier, Antoine, mache deine Sache gut. Ich brauche heute viel Rot, weil man erwartet, daß ich freudig und überrascht aussehen soll. O, mein Bruder, in welche verwünschte Tinte hat er mich geführt! Mich, den gutmütigsten, gefälligsten Mann von der Welt! Es ist zum Erbarmen.«

Lorraine war erschienen und machte sich im Hintergrunde des Zimmers etwas zu tun. Der Herzog sah ihn.

»Ist's dem gnädigen Herrn gefällig gewesen, wieder zu erscheinen?« rief er. »Nur näher, mein Herr, nur näher, wenn ich gehorsam bitten darf.«

Lorraine kam und lehnte sich gegen die Brüstung des Fensters, die Arme lässig übereinander geschlagen. Der Herzog blinzelte ihm zu, schnalzte mit den Lippen, erhielt aber dagegen nichts weiter als ein mattes Lächeln der Augen.

»Bist du krank, mein Väterchen?« fragte der Herzog spottend. »Was fehlt dir? Hast du Sorgen über deine Kinder, deinen Haushalt, deine Familie? Sprich, erleichtere dir dein Herz?«

Lorraine antwortete nicht, sondern beschäftigte sich, die Rosetten seiner Schuhschnallen zu betrachten.

»Weißt du was?« fuhr der Prinz fort, »ich will dir ein schönes Ämtchen übergeben. Alle Welt sagt dir, daß du ein hübscher Junge bist; vielleicht findet dasselbe auch die Pfalzgräfin. Ich gebe sie dir! Mache ihr die Kur, suche ihre Liebe zu gewinnen und mache, daß du ihr den Kopf verdrehst! Verstehst du?«

»Was denn?« fragte der Jüngling zögernd.

»Was denn?« fuhr der Herzog fort, »das übrige wird sich schon finden. Ich sage dir, ich werde dich nicht stören! Mache es so mit ihr, wie Lasseaut mit meiner ersten Frau.«

»Aber, gnädiger Herr!« rief der Favorit erschreckt. »Sie scherzen in sehr seltsamen Ausdrücken, und bei Ohren, die dergleichen Späße mißdeuten könnten. Wahrlich, die Frau Herzogin enthält alles, was ich an weiblicher Schönheit nur jemals mir habe träumen lassen. Das ist die Wahrheit, gnädiger Herr!«

Der Herzog warf einen Blick auf Antoine und sagte dann ruhig: »Diesen hier kenne ich, und er kennt mich; es bleibt alles unter uns. Auf ein Wort, Lorraine, beginne den Spaß: ich sage nichts weiter. Aufhören läßt sich's schon, wenn wir wollen.«

»Sehr wohl, gnädiger Herr!« erwiderte Lorraine und verbeugte sich, indem er einen Zettel auf den Toilettentisch des Prinzen legte und sich dann entfernte.

Der Prinz, geschmückt und frisiert, warf einen Blick auf das Blatt: es enthielt eine Summe. Der Prinz nahm einen Stift, strich eine der Nullen aus und legte es wieder hin. Aus Tausenden wurden damit Hunderte gemacht.

Damit war die Toilette beendet, und der Prinz fuhr an den Hof.

Wir wollen uns jetzt zu der Prinzessin wenden und hören, wie sie sich gegen ihre zwei Vertrauten, gegen Georg und gegen die Rätin Rathmannshausen an dem Abend, nachdem sie den Hof verlassen, aussprach. Sie fanden sie wider Erwarten ziemlich munter: war es nun der Mut der Verzweiflung? Das konnten die beiden nicht beurteilen.

»Ich habe sie nun alle gesehen, diese Götter der Erde!« hub sie an, »und – ach, ich wünschte, ich wäre in meiner Dunkelheit geblieben!«

»Wie? Gnädigste Frau!« rief die Rathmannshausen ärgerlich. »Der glänzende Hof hat keinen Eindruck auf Sie gemacht? Wie wäre das möglich!«

»Und gerade du fragst das?« rief Charlotte, »du, die du weißt, was mir Freude macht und woran ich Wohlgefallen finde? Siehe, das finde ich häßlich von dir. Hast du mich nicht in Heidelberg vor Freude glühen sehen, wenn ich auf meinem braunen Pferde auszog in der Morgenfrische, die Hunde und die Diener um mich her, und nun die Jagd begann? Wie? Oder hast du vergessen, wie lieb es mir war, des Vaters Frühstück zu teilen, das er auf der Zinne einnahm, wo der Blick über all die schönen Berge meines ehrwürdigen deutschen Vaterlandes dahinschweifte? Wie ich mir dachte: da lebst du und da wirst du sterben?«

»Mein Gott, liebe Liselotte! Das ging doch nun einmal nicht.«

»So sprich mir nicht, daß du mich kennst, du kennst mich nicht!« rief die Prinzessin. »Viel besser versteht mich Georg. Nicht wahr, Vetterchen, du fühlst es, daß ich hier unglücklich bin, daß ich hier unglücklich sein muß?«

»Wir wollen das Beste hoffen!« erwiderte der junge Graf; »erst seit wenigen Tagen sind wir hier.«

»Und in diesen wenigen Tagen«, rief die Prinzessin, »fühle ich, daß ich es mit allen verdorben habe. Sie spotten über mich, heimlich, aber ich weiß es, ich fühle es. Keinen gibt es, der mir auch nur ein Glas Wasser reichte, wenn ich verdursten wollte! Dieses Gefühl habe ich. Und all mein Freundlichsein ist ihnen nichts, sie sehen darin nur ein Mittel mehr, mich zu verspotten; und du lieber Himmel, ich kann doch nichts weiter als mich eben um ihr Wohlwollen bemühen, auf die Weise, wie ich's verstehe. Aber so soll es sein; ich soll brav und unglücklich werden, damit andere davon den Nutzen ziehen. Ich will mich auch nicht beklagen, ich will nur sehen, wie weit sie's treiben, und wenn sie bemerken, daß meine ehrliche Natur ihnen Widerstand leistet und ich gegen all ihre Nadelstiche gewappnet bin, dann werden sie zu dem Giftbecher greifen, wie sie es mit meiner Vorgängerin gemacht haben, um mich schnell beiseitezuschaffen. Auch gut, so schlafe ich, zwar in fremder Erde, aber ich schlafe, und keine dieser Fratzen ist imstande, mich aufzuwecken.«

»Sind es denn alle boshafte Kreaturen?« rief die Rätin. »Bestes Prinzeßchen, nur nicht ungerecht geurteilt!«

»Sie mögen unter sich ganz gut auskommen,« rief Charlotte, »gegen mich aber sind sie alle böse! Das habe ich bemerkt, und zwar von der Sorte böse, wie ich's gar nicht vertrage, lachend böse, immer Hohn und Spott in jedem Wörtchen! Und unter der Miene, einem etwas recht Freundliches zu sagen, hat man plötzlich einen recht häßlichen Flecken weg! Als der liebe Herrgott die Teufel werden ließ, hat er gewiß Frankreich geplündert, denn es ist rein unmöglich, daß man in der übrigen Welt so exemplarisch höhnisch und boshaft sein kann, wie sie es hier alle sind.«

»Ihr Gemahl hat doch einen gutmütigen Zug im Gesicht!« rief die Rätin.

»Einen gutmütigen nicht,« lautete die Antwort, »höchstens einen lustigen, spaßhaften; aber dahinter versteckt er die Bosheit seines Charakters. Er ist dabei noch der ehrlichste von dem ganzen Troß, denn er hat mir offen gezeigt, wie unangenehm ich ihm bin. Als ich, gleich nach der Trauung, seine Hand ergreifen wollte, um sie, wie ich's bei meinem Vater tue, zu küssen, indem ich ihm freundlich zusprach, zog er die Hand zurück und machte dabei ein Gesicht, als wenn eine Schlange ihn bisse. ›Entschuldigen Eure Hoheit!‹ sagte ich darauf demütig und freundlich, aber der Mann war mir seit diesem Augenblick zuwider. Und wie sieht er aus? Himmel, auch nicht ein Zug von seinem Bilde, obgleich schon dieses nicht sehr schön ist. Die Nase nimmt kein Ende! Einen kleinen Mund hat er, aber schlimme Zähne darin! Die Augen sind so von Runzeln eingefaßt, daß man sie kaum bemerkt, und jede seiner Manieren ist weibisch und nicht im mindesten, wie ein Mann sein muß. Küssen darf man ihn gar nicht, wenn man nicht den ganzen Mund voll roter Farbe haben will! Seine goldenen Kettchen, seine Edelsteine, seine Perlen – alles schön, wenn nur das, was sich damit schmückt, schöner wäre. Oft, wenn ich ihn von der Seite ansehe, denke ich, es ist ein spaßhafter Mann, mit dem ist gut lachen und fröhlich sein, dann trifft mich aber sein scharfer, giftiger Blick, und eines jener Worte entgleitet seinen Lippen, von dem man nicht weiß, soll man sich darüber ärgern oder soll man lachen. Es ist zum Erbarmen! Es wird im Leben nichts mit uns. Wir sind geschaffen und ausgesucht, uns miteinander zu quälen, bis einer von uns, freiwillig oder gezwungen, den Abschied nimmt.«

»Das ist freilich traurig!« seufzte die Rätin. »Ich habe aber die gewisse Hoffnung, daß es nicht so schlimm ist, wie es Ihnen auf den ersten Blick erscheint, liebes Töchterchen. Alsdann nehmen Sie alles in allem! Welch ein glänzender Haushalt! Einen Hof ganz für sich, mit allem, was dazu gehört! O, teure Liselotte, haben Sie damals daran gedacht! Sie haben niemand, der Sie beaufsichtigt, Sie können leben, wie Sie wollen; die paar Stunden, wo Sie mit Ihrem Herrn Gemahl zusammen sind, enthalten allen Zwang, sind sie vorüber, ist Ihnen die ganze Welt offen. Sie werden spazierenfahren, Sie werden Jagden halten, Sie werden reiten! Ach, und dann – ist es denn etwas Kleines, des größten jetzt lebenden Königs Schwägerin zu sein? Eines Königs, dem alle Potentaten der gebildeten Welt nachzuahmen trachten, Brudersfrau zu heißen? Und die Pracht und der Glanz, die er um sich verbreitet, Sie können, wenn Sie nur irgend wollen, dessen teilhaftig werden! Ist dies nichts? Ist es nicht wert, daß wir uns darum ein paar heimlich geweinte Kummertränen gefallen lassen? Ich, mein Fräulein, würde an Ihrer Stelle mein Geschick segnen! Bitten würde ich den Himmel, daß er mich recht lange dessen teilhaftig werden läßt.«

Charlotte warf sich an den Hals der treuen, mütterlichen Freundin und rief: »Ja, rede nur! Sprich mir deine Weisheit ein, damit ich fühle, was ich bin und was ich sein soll. Ja, ja, du hast recht! Ich besinne mich jetzt, als ich von Madame ihrem Schicksal und ihrem traurigen Ende hörte, da dachte ich: sicher ist sie selbst schuld gewesen, mir sollte so etwas nicht begegnen.«

»Nun denn, teure Liselotte, Ihnen wird es auch nicht begegnen. Fahren Sie nun in Ihrer Beschreibung fort! Sie wurden ja gestern dem versammelten Hofe vorgestellt. Wie geschah Ihnen da? Wie fanden Sie vor allen Dingen den König?«

»Ein stattlicher Herr!« rief Georg.

»Ja, das ist er,« bestätigte die Prinzessin. »Von allen Männern hier hat er mir am wenigsten mißfallen. Er ist groß, schlank, und in seinen Worten und in seinen Mienen liegt eine gewisse zarte Vorsorge und ritterliche Galanterie gegen Damen. Seine Augen sind nicht groß oder schön, aber sie haben einen Strahl von Güte, der das Herz fesselt; obgleich man auch sie nicht näher prüfen darf, wenn man nicht alles will schwinden sehen. Ihm sah ich's an, daß er für meine verlassene Lage Anteil hatte. Ich sah es ihm an, wie er forschte, womit er mich erfreuen und erheitern könnte, da den andern nur Spott und Hohn ins Antlitz geschrieben stand. Er kam auf mich zu, und während er mir seinen Sohn vorstellte, sagte er verbindlich: ›Madame, wir rechnen Sie jetzt zu den Unseren; es ist nicht mehr als billig, daß Sie meinen Sohn kennenlernen, der sich ein Vergnügen daraus machen wird, Sie seine Tante zu heißen.‹ Ich dankte, gab dem Jüngelchen die Hand, und der König reichte mir den Arm, mit mir den Saal durchschreitend und mit allen denen gütig sprechend, die sich ihm darstellten. So kamen wir ins Freie, und er nötigte mich, in seinen Wagen zu steigen. Bei Hofe angelangt, verließ er mich keinen Augenblick. Durch alle die Säle und Säulengänge und prachtvollen Gemächer schritten wir, und alles bückte sich vor uns bis auf die Erde.«

»Ach, wenn das Ihr Herr Vater gesehen hätte!« rief die Rätin entzückt. »Hätte Ihre Frau Mutter davon eine Ahnung gehabt, wie würde ihr Herz mit stolzer Freude erfüllt worden sein!«

»Als wir uns dem Thronsaal näherten, flüsterte der König mir zu: ›Seien Sie nicht bange, Frau Herzogin, fürchten Sie nicht die Königin, ich bin überzeugt, sie fürchtet sich in diesem Augenblicke vor Ihnen. Sehen Sie, da steht sie! Die Dame im weißen, gestickten Kleide, nahe am Thronsessel! Sie bemerkt schon, daß wir kommen, und faßt Sie ins Auge.‹ Eine Gruppe hatte sich dazwischen gedrängt, allein sie wich mit einer Geschwindigkeit beiseite, als führe der Wind leichte Halme von dannen: die Königin stand allein. Ich hatte mir, durch meinen Führer angespornt, ein Herz gefaßt und sah ihr gerade in die Augen. Sie schlug den Blick nieder, hob ihn dann wieder, und ihre anfangs verwirrte Miene löste sich in Lächeln auf. Sie tat einen Schritt vor und bewegte die Hand, wie als wollte sie mich willkommen heißen. Meinen Gemahl zur Linken, den König zur Rechten, stand ich vor ihr.

›Hier ist die Frau Herzogin von Orleans, die ich Eurer Majestät vorstelle,‹ sagte der König und machte, halb zu mir gewandt, eine graziöse Verbeugung. Ich knickste, aber indem ich es tat, verwickelte sich mein Fuß in meinen Kleiderbesatz, und ich schwankte, stützte mich aber dabei etwas herzhaft auf des Königs Arm. Ein flüchtiges Lächeln glitt über das Antlitz der Königin, der König aber blieb ernst und tat, als wenn nichts geschehen wäre. Das werde ich ihm nicht vergessen, denn es hat mir trefflich über eine Verlegenheit hinweggeholfen.«

»Ist die Königin groß oder klein?« fragte Georg.

»Sie ist eher das letztere als das erstere: aber sie trägt sich so sicher und so königlich, daß man sie nicht übersehen kann. Als Spanierin hat sie die dunkeln Augen ihres Vaterlandes, und dazu sticht die blonde Hautfarbe trefflich ab,« entgegnete die Prinzessin. »Aber Herz hat sie auch nicht, das habe ich ihr angesehen. Als ich meinen Stuhl wählte, fand ich den König wieder an meiner Seite, der mir ein Zeichen gab, wenn ich aufstehen mußte, sobald irgendein Prinz von Geblüt eintrat. Alle Augenblicke kam ein neues Gesicht und ein neuer Titel; vergebens sah ich mich nach einer Person um, die hier alles gilt: nach der Marquise von Montespan; aber sie war nicht da. Unter all den Sternen, Ordensbändern, unter den Brillanten und Fächern fand ich nirgends eine so himmlische Gestalt, wie sie mir beschrieben worden.

›Wen suchen Sie?‹ fragte der König.

Stotternd nannte ich meine Begleiterin, die Prinzeß Palatine.

›Sie spricht dort mit der Königin!‹ sagte der König. ›Soll ich sie zu Ihnen bescheiden?‹

›Nicht doch, Euer Majestät, ich bin zufrieden, sie so gut aufgehoben zu sehen.‹

Durch die Aufmerksamkeit, die der König mir bewies, wurde mein Gemahl bewogen, sich mehr um mich zu kümmern. Er kam und bot seine Dienste an. Der König übergab mich ihm, und er führte mich im Saal herum. Ich lernte mehrere hohe Herren und Damen kennen, deren Namen wie ein Hauch an meinem Ohr dahinwehten und die ich sogleich wieder vergessen habe. Von jedem wußte der Herzog eine spaßhafte Anekdote zu erzählen. Als wir unsere Tour gemacht hatten, führte er mich zum König zurück. Ich widerstand, indem ich ihm zuflüsterte, daß dies Seiner Majestät unfehlbar lästig sein würde: aber er behauptete lachend, dazu den Befehl erhalten zu haben. Als ich wieder beim König saß, fragte dieser vertraulich: ›Nun, hat Ihr Führer Sie mit einigen Personen des Hofes bekannt gemacht?‹

›Er hat es,‹ erwiderte ich.

›Welche Personen haben Ihren Beifall?‹ fragte der König.

›Wenn ich aufrichtig beichten soll,‹ erwiderte ich, ›vermisse ich eine Dame, die man mir als die schönste und interessanteste des Hofes geschildert hat.‹

›Welche ist das?‹ fragte er. ›Sie sind doch alle gegenwärtig.‹

›Nicht alle. Es ist die Marquise von Montespan,‹ sagte ich.

›Ach!‹ rief der König und lächelte, ›Sie sollen sie in diesen Tagen kennenlernen; für heute muß sie auf die Ehre verzichten, denn sie ist leidend und in ihrem Zimmer eingeschlossen.‹

Ich sah es ihm an, daß er nicht gerne diese Auskunft gab, und daß ich etwas Unpassendes getan hatte, ihn nach der Dame zu fragen. Mein Mann, der hinter meinem Stuhle stand, hustete.

Endlich war es mir erlaubt, den Platz neben dem Könige zu verlassen. Der Herzog blieb noch, ich jedoch schützte Unwohlsein vor und verließ im geheimen den Hof. Und so seht Ihr mich hier!« sagte die Prinzessin zu ihren beiden Vertrauten.

Die Fortsetzung des Gesprächs wurde unterbrochen: die Prinzeß Palatine kam, um Abschied zu nehmen. Die Vermählung war vorbei, das Fest gefeiert, ihre Mission erfüllt.


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