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30
Pariser Leben

Georg ging, um sich bei der Prinzessin zu beurlauben, da er mit Lafiat die Abendgesellschaft besuchen wollte, die unter dem Namen: die Versammlung der Müllerknechte bekannt war. Er fand Charlotte sehr fröhlich. »Mein Geschick, lieber Georg, hat sich glänzend gewendet!« redete sie ihren Vertrauten an. »Ich bin geachtet und angesehen. Das alles hat eine Unterredung mit Seiner Majestät bewirkt. Ich habe einen glänzenden Hofstaat bekommen, der mich ein schweres Geld kostet, den ich aber meinem Range gemäß haben muß. Ein Hofmarschall und Oberstallmeister, eine Hofmarschallin, sechs Fräulein und ich weiß selbst nicht was noch alles. Gestern sind sie mir alle vorgestellt worden, und der ganze Vormittag ist mit Reden und Empfangsfeierlichkeiten hingegangen. Auch sogar mein Wittum ist festgesetzt; es ist das Schloß und die Domäne Montarquis. Von meinem Gelde hat sich Monsieur sogleich die Hälfte genommen, nach dem Ehekontrakt, das übrige geht auf den Haushalt auf. Ich würde keinen Louis besitzen, wenn nicht des Königs Majestät mir ein Einkommen von 20 000 Louis eigens für meine kleinen Ausgaben zahlen ließe. Monsieur hat eine Einteilung der Gemächer und Säle beordert, nach der ich die ganze Seite der Zimmer nach dem Garten hin bewohne und er die, die auf die Straße führt. So ist alles abgemacht und festgesetzt. Ist das nicht schön, lieber Georg?«

»Gewiß, Madame,« erwiderte der junge Mann mit einem freudigen Ausdruck, »doch ließ sich's erwarten. Für eine Schwägerin Seiner Majestät konnte nicht weniger geschehen.«

»Aber nun die Courtage!« seufzte Charlotte, »die tausend Feste und Namenstage – Gott, wer kann das alles behalten! Oft stehe ich auf mit dem Kalender in der Hand, und mein erster Gang ist zu der Herzogin von Estemps, meiner ersten Dame, und ich quäle sie, mir zu sagen, wohin ich heute gehen, was ich tun soll. Sie sagt mir stets: ›Madame, Ihr erster Gang ist immer zur Messe. Dort finden Sie gewöhnlich den König, der selten versäumt, den Gottesdienst anzuhören. Das ist alte, gute Ordnung hier in Paris. Madame Reine-mère, die Mutter Seiner Majestät und meines Herrn, ließ sich in ihrem Armsessel stets um dieselbe Zeit zur Messe tragen, auch selbst als sie so schwach war, daß ihre Hände das Brevier nicht mehr halten konnten.‹ Nun seht, lieber Georg, ich kann nicht mehr tun, als Reine-mère tat. Künftige Woche will ich nach Monbouisson, um ma tante, der Äbtissin, einen Besuch zu machen. Ach, wenn es doch die liebe Kurfürstin von Hannover wäre, wie glücklich wäre ich da, jemand in der Nähe zu haben, der es ernstlich gut mit mir meint.«

»Einen solchen habt Ihr in der Nähe!« rief Georg treuherzig. Charlotte reichte ihm die Hand die er küßte. Er sprach von dem Besuch beim Arzte und erhielt von der Herzogin den Auftrag, ihn für sie anzuwerben. Dann sprach er ihr von der Gesellschaft, in die er heute eingeführt werden sollte; auch dazu gab ihm die Prinzessin die Erlaubnis.

»Die Müllerknechte!« rief sie, »ich habe schon davon gehört; es ist eine altertümliche Sozietät, von Ludwig XIII. gestiftet, der sich dort ›den Müller‹ nennen ließ. Es gehen Prinzessinnen und Herzoginnen hin, doch will es sich nicht recht schicken, dort ertappt zu werden; man spricht nicht eben sehr viel Gutes von den Leuten. Habt Ihr denn einen weißen Hut mit weißen Federn? Denn dort muß alles eine weiße Kopfbedeckung tragen; früher kam man sogar mit einer Maske hin, doch das hat aufgehört, wie ich höre.«

Georg ging und kam in einen prachtvollen Saal, der glänzend erleuchtet war, und in dem sich bunt durcheinander eine Gesellschaft von Herren und Damen bewegte. Es wurde Musik gemacht, freilich tanzte niemand, aber man lachte viel, plauderte und verübte allerlei Neckereien. Alles kannte sich, so schien es wenigstens; Georg ließ man beiseite stehen, es kannte ihn niemand, und sein Wesen behagte nicht sonderlich. Auch sein Gefährte Lafiat spielte hier eine ziemlich untergeordnete Rolle, dagegen glänzte der Chevalier Lorraine, der, zwei Damen am Arme, durch den Saal schritt, ganz besonders um ihn drängten sich Gruppen der Gesellschaft.

Plötzlich, als sie durch das Gedränge sich durchwanden, stieß Artur einen freudigen Ruf aus und begrüßte Babet, die am Arm einer anderen Dame aus einem der Nebenzimmer herangeschritten kam. Sie zeigte eine Miene von Wichtigkeit und war anfangs nicht recht willens, ihren Bruder hier zu begrüßen, dieser rief aber: »Ist's möglich, Babet! Du hier? Seit wann besucht Ihr diese Orte?« –

Babet ließ ihren Blick auf Georg hinschweifen, indem sie antwortete: »Mein Himmel, warum denn dieses Geschrei? Ist es denn nicht erlaubt, Paris kennenzulernen, und kann man es besser als hier, wo alles, vornehm und gering, zusammenflutet und sich ergötzt? Der Herr Marschall von Rochenbout ist der gefällige Müllerknecht, der uns hierher geführt.«

Georg besah sich den Herrn Marschall, der mit der Gefährtin von Babet im eifrigen Gespräch begriffen war. Es war ein schöner Mann, aber mit etwas durchlebten Zügen, über die ein mattes Lächeln hinglitt. Er machte der Gefährtin Babets den Hof und hielt ihr eine Tüte mit Zuckerwerk vor, aus der die Schöne naschte. Das Gespräch bestand in ziemlich geschraubten Gemeinplätzen, die Georg manchmal zum Lachen brachten. So sagte der Ritter mit glatter Freundlichkeit zur Dame: »Was würden Sie sagen, Schöne, wenn die Sonne der Mond wäre, und der Mond die Sonne?«

»Ich würde sagen,« nahm das Fräulein das Wort, »daß die Sonne ein abgeblaßter Mond sei, und der Mond eine hochrot geschminkte Sonne!«

»O himmlisch, göttlich!« sagte der Kavalier, »aber ich würde sagen an Stelle des Mondes: Daß ich so rot und glühend bin, zeigt an, daß ich die größte Schönheit der Zeit gesehen, und als Sonne würde ich sprechen: Ich bin so traurig und verblüht weil mir das Glück nicht zuteil wird, die größte Schönheit der Zeit bewundern zu können!«

»Darauf würde ihm die größte Schönheit der Zeit sagen,« erwiderte das Fräulein, »sei Mond wieder Mond und Sonne wieder Sonne, denn nichts kann naturloser, zweckwidriger sein, als ein Mann, der sich seiner Würde begibt, um zu klagen, und eine Frau, die sich ihrer Schönheit überhebt, um andere Wesen in den Schatten zu stellen!«

»Meisterhaft!« rief der Kavalier. »Das ist in glücklicher Kunstlosigkeit geantwortet, und dabei lieblich dem Hörenden und anschaulich dem freundlich Anschauenden.«

In dieser Weise ging das Gespräch der Preziösen fort, so daß Georg vor lauter blumenreichem Unsinn übel wurde und er seinen Gefährten drängte, mit ihm fortzugehen.

Sie kamen an einen kleinen Saal, dessen Tür nur angelehnt war, und in welchen beide hineinschauten. Ein grüner Tisch stand in der Mitte des Gemaches, und rund um ihn drängten sich Gruppen, die spielten, und mit geheimnisvollem Schweigen ihr Geld verloren. Georg erkannte den Chevalier von Lorraine, wie er an der Seite eines Mannes von widrigem Gesicht, Goldstücke auf eine Karte legte, die verlor. Er wiederholte dasselbe Manöver mit demselben Erfolge. Endlich verließ er den Platz, ging in die Ecke des Saals, wohin er seinen Degen getan, legte ihn um und stellte sich wieder an die vorige Stelle, indem er leise ein paar Worte zu dem Kavalier sagte, der die Bank hielt. Es wurden wieder die Karten besetzt, und die Karte des Pagen verlor von neuem. Bleich und fluchend nahm er den Degen ab, er stellte ihn an die Seite des Bankhalters, hinter dessen Stuhl. Er sah mit wildem Auge vor sich und neben sich, endlich entdeckte er Georg an der Tür. Er kam auf ihn zu.

»Mein teurer Herr und Bruder!« rief er leise, indem er ihn von Lafiat wegzog, »ich sehe, Sie haben einen Degen um, darf ich Sie bitten, ihn mir auf einen Augenblick zu borgen. Sie sollen ihn sogleich wiederhaben.«

»Mit Vergnügen!« rief Georg und löste seine Waffe vom Bande los. Der Chevalier eilte damit fort.

»Was tun Sie?« rief Lafiat. »Sie geben ihm Ihren kostbaren Degen, der Mensch verspielt ihn.«

»Meine Waffe, das wird er nicht wagen!« rief Georg.

»Sie sehen, da geschieht es eben!« rief der Gefährte leise.

Und in der Tat, dieselbe Handlung, wie mit dem vorigen Degen, ging auch mit diesem vor sich. Georg sah, wie sein Degen verloren wurde und bald hinter dem Stuhle des Bankhalters verschwand. Entrüstet drängte er sich durch den Eingang. Vergebens von Lafiat zurückgehalten, gewann er alsbald den Platz neben dem leichtsinnigen Spieler. »Ich bitte Sie, Herr Chevalier, mir meine Waffe wiederzugeben!« raunte er ihm ins Ohr.

Lorraine sah ihn mit erstaunten Blicken an: »Ihre Waffe,« sagte er, »es war die meine.«

»Das war sie,« bemerkte Georg leise, »jetzt gehört sie mir.«

»Sie erinnern mich an den Scherz des Prinzen!« rief der Gemahnte, indem er eine heitere Miene annahm. »Doch augenblickliche Verhältnisse zwingen mich, mein Eigentum wieder zurückzunehmen; ich eile, Ihnen das Ihrige zu geben.« Er schob sich durch das Gedränge, verlor sich im großen Saal. Georg, der ihm entrüstet nachblickte, sah ihn in dem Zimmer der Garden verschwinden. Dort standen die Diener, die ihre Herrschaft hierher begleitet hatten, dort befand sich auch der Reitknecht des Chevaliers. Diesem nahm er die Waffe ab und brachte sie zurück in den Saal. Er ging damit auf Georg zu und überreichte sie ihm, der, sprachlos vor Staunen über diese beispiellose Frechheit, seinen wohlbekannten Degen wiedererkannte.

»Vortrefflich, Herr Chevalier,« sagte er, die Waffe annehmend, »Sie wissen gut mit den Befehlen Ihres Gebieters zu spielen; ich bewundere Sie, wie Sie Ihre Spielverluste zu ersetzen verstehen. Übrigens war mir an der Waffe, die an eines solchen Menschen Hüfte geprangt, nicht viel gelegen: ich nehme mein gutes Eisen mit Vergnügen wieder.«

Der Chevalier blickte ihn an, rot vor Zorn. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen,« stotterte er. »Sollte jedoch Ihre Bemerkung eine Erklärung nötig machen, so finden sie mich morgen in der zehnten Stunde, bevor ich mich in die Tanzschule begebe. Leben Sie wohl, Herr Graf von der Pfalz!«

Beide wandten sich den Rücken, Georg war aufs höchste erbittert über die zügellose Unverschämtheit des jungen Mannes, den er jetzt mit einem Blicke durchschaute, den er aber nicht weiter zu verfolgen beschloß, weil er ihn gründlich verachtete.

Schon lange hatte er die Nachstellung einer Maske erduldet, die, mit einer leichten Halblarve bedeckt, sich stets ihm zur Seite befand. Jetzt trat sie ihm wieder in den Weg.

»Darf ich bitten um Ihren Namen?« fragte die Maske.

»Weshalb?« tönte Georgs lakonische Antwort.

»Weil ich Sie warnen will,« entgegnete die Maske. »Sie sind ein Fremdling in Paris, wie ich sehe, und befinden sich zum ersten Male hier. Es gibt hier Gefahren, die auf den Uneingeweihten lauern.«

Er nahm hier Georgs Hand und drückte sie auf eine eigentümliche Art.

Georg, ohne den Druck zu erwidern, blickte die Maske an und sagte höflich: »Mein Herr, ich bin ein Deutscher. Was sollte Ihnen daran liegen, meinen Namen zu wissen, genug daß ich hier eingeführt bin und das Recht habe, mich hier aufzuhalten.«

»Daran zweifle ich keinen Augenblick,« erwiderte die Maske und blickte unverwandt mit ihren blitzenden Augen den Jüngling an.

»Also, ich bitte, lassen Sie mich gehen.«

»Ich möchte Sie gern mit einigen Herren meiner Bekanntschaft zusammenführen,« rief die Maske und wiederholte den Druck der Hand. »Sehr angesehene, sehr achtbare Herren; dazu ist's aber nötig, daß ich Ihren Namen weiß.«

Georg wollte sich eben mit einer Entschuldigung von der rätselhaften Figur abwenden, als er Lafiat sah, der die Fragen des Herrn vernommen hatte und nun rasch und sehr unwillkommen erwiderte: »Dieser Herr ist der Reisemarschall Ihrer Hoheit, der Madame d'Orleans. Es ist mein Freund, der Herr Graf von der Pfalz.«

Der Fremde wich ein paar Schritte zurück und machte eine tiefe Verbeugung.

»Ich bin Ihnen Dank schuldig, Sie Kleiner!« rief er dann Lafiat zu. »Vielleicht habe ich das Vergnügen, den Herrn Grafen bald wiederzusehen.«

Er entfernte sich, und Georg war nicht fähig, seinen Unwillen über Arturs unbefugtes Dazwischentreten zu verhehlen, indem er ihm sagte: »Welche vorschnelle, unvorsichtige Weise, lieber Lafiat! Es ist ja möglich, daß ich mit diesem Herrn gar nicht bekannt sein wollte!« –

»Wie, teuerster Graf? Was sagen Sie da?« rief der Page. »Eine Ehre ist's, mit einem der vornehmsten Herrn des Hofes, mit dem Grafen von Vermandois, bekannt zu sein. Er war maskiert, wie manche Herren es tun, die hierherkommen, um hier Geschäfte zu machen. Denn Sie müssen wissen, man macht hier Geschäfte.«

»So,« rief Georg, »von welcher Art?«

»Wollen Sie es wissen?« fragte der junge Mann, »geben Sie mir Ihre Hand, ich will es Ihnen durch ein Zeichen sagen.«

Georg wandte sich unwillig von ihm. »Sie sind nicht recht klug, Artur!« rief er. »Haben Sie Ihre Schwester verlassen?« setzte er nach einer kleinen Weile, und sich im Saale umsehend, hinzu.

»Sie steht dort in einer Gesellschaft von Prüden und sieht den Späßen des Polichinell zu. Wollen wir auch hinzutreten?«

»Mir recht!« entgegnete Georg, und bald standen sie in dem Haufen Menschen eingeschlossen, der einer kleinen, improvisierten Bude gegenüberstand und saß. Der Inhalt des Stückes war folgender: Polichinell hatte eine Frau, die er gern los sein wollte, und die ihn durch ihre Zärtlichkeit inkommodierte; er zieht Scaramouche zu Rate, wie er das beginnen solle. Scaramouche rät ihm, die Frau verliebt in Pantalon zu machen. Pantalon ist aber ein alter, steifer und lächerlicher Geck, über den alle Welt sich aufhält. Es ist unmöglich, ihn und sie zusammenzubringen. Endlich wirft der gequälte Polichinell den Pedanten Pantalon zum Fenster hinaus und begibt sich zu einem Schwarzkünstler. Diesem klagt er seine Not, und er erhält von ihm eine Pillenschachtel, auf der mit großen Lettern steht: Poudre de Succession. Er öffnet die Schachtel, nimmt eine ungeheure Pille hervor und gibt sie seiner allzu zärtlichen Frau, die sie verschluckt und alsbald darauf stirbt, im Tode aber ein Bekenntnis ausspeit, dem zufolge sie gesteht, sechshundert Kinder geboren zu haben, die nun alle herbeikommen und den Vater mit Säbeln und Dolchen verfolgen.

Unter lautem Gelächter des Publikums fiel der Vorhang.

»Man sehe,« riefen zwei Männer hinter Georgs Rücken, »wie diese Possenreißer frech werden! Sie wagen es, königliche Personen und ihr Schicksal auf die Bühne zu bringen.«

»Freilich!« antwortete der andere. »Wer erkennt nicht den Duc d'Orleans, den Herzog von Guiche und Madame Henriette d'Angleterre? Das ist arg.«

»Gewiß ist's arg! Doch weshalb erlauben sich die großen Herren, solche Streiche auszuführen; sie müssen's hinnehmen, wenn man auf solche Weise mit Fingern auf sie weist.«

»Wie lebt der Duc mit seiner Gemahlin?« fragte eine dritte Stimme, »weiß man nichts darüber?«

»Gut!« entgegnete die zweite. »Wie kann man auch anders mit einer kleinen deutschen Köchin leben als gut? Sie schabt ihm das Gemüse, das er zu verzehren liebt, und läßt, was die Favoriten betrifft, fünf gerade sein.«

Lafiat verbarg sich hinter Georg bei diesem Teil der Rede. »Das geht auf uns!« rief er. Georg sah den Sprecher drohend an, merkte aber an dessen gutmütigem, lachendem Gesicht, daß er keine Ahnung hatte, etwas Besonderes gesagt zu haben. »Verfluchter Schwätzer!« murmelte der Jüngling zwischen den Zähnen. »Lassen Sie uns fortgehen von hier.«

Eine junge Dame, mitten im Haufen, hatte Georg ins Auge gefaßt. Sie zog jetzt ihr Glas hervor, um ihn genauer zu betrachten.

Georg ließ sich das ruhig gefallen.

Als die Dame ihre Musterung beendet hatte, die von den Schultern bis auf die Fußspitzen reichte, wandte sie sich zu ihrer Nachbarin und flüsterte dieser etwas ins Ohr. Sogleich standen beide von ihren Sitzen auf und begannen im Saale zu spazieren. Endlich, als sie merkten, daß Georg ihnen nicht folgte, stellten sie sich wieder vor die Bude, und zwar sehr nahe an den jungen Mann. Plötzlich legte die ältere den Arm auf seine Schulter, indem sie lächelnd sagte: »Erlauben Sie, mein Herr, ich bin müde.«

»Ich bitte,« rief Georg artig, »verfügen Sie nur über meine ganze Person.«

»Ist's wahr?« entgegnete sie lachend. »O, wenn ich Sie beim Wort nähme!« Sie wandte sich zu ihrer Gefährtin und rief halblaut: »Dieser Junge ist reizend. Ich wette, daß er noch unverdorben ist.«

Sie gingen nochmals den Saal hinab, alsdann verschwanden sie zwischen den Säulen des Eingangs, die ältere richtete ihre Blicke rückwärts. Georg nahm von seinem Begleiter Abschied und schritt ihnen nach. Sie nahmen zwei Portechaisen. Georg folgte den Trägern bis in eine Straße vor einem erleuchteten Hause, wo ihnen Diener entgegenkamen, die sie mit Lichtern hinaufführten. Die ältere Dame winkte einzutreten; der junge Mann ließ sich dies nicht zweimal sagen. Er kam in einen eleganten Salon, in welchem der Tisch mit Speisen und Weinen gedeckt stand. Die Damen nahmen Platz. Georg stellte sich hinter den Stuhl der jüngeren. Die Diener trugen auf und entfernten sich dann.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, mein Herr!« hub die ältere Dame an, indem sie einen Stuhl zu ihrer Rechten hinschob. »Wir müssen Ihnen, einem Fremden, die Honneurs der Stadt machen.«

Georg verbeugte sich.

Die jüngere Dame lachte ihn mit holdester Freundlichkeit an. Er betrachtete ihre Hand, die weiß und voll war, und an der ein Goldreif schimmerte, der ihm bekannt vorkam. Es war der Ring, den er damals in jener Nacht, wo er von Onofrius aufgenommen wurde, samt dem Gelde verloren hatte. Er wandte den Blick auf die ältere Dame; sie erschien ihm nicht fremd.

»Sollte mich der Zufall«, hub er bei sich an, »zu derselben Circe geführt haben, die mich als dreizehnjährigen jungen Burschen beraubte?« Er sah nochmals den Ring an und fragte die Schöne, von welchem ihrer Verehrer sie ihn habe.

»O, die Geschichte dieses Ringes«, rief das Fräulein, »ist sehr komisch. Vor Jahren lernte meine Freundin einen knabenhaften Fremdling kennen, der so arm war, daß er nicht vollständig bekleidet ging. Es war ein hübsches, dummes Knäbchen. Zufällig hatte er den Abend von einem reichen Manne ein Almosen erhalten. Wir lockten ihn hierher, er kam und ließ, nachdem er ein Glas über den Durst getrunken, sein Geld und seinen Ring hier. Ich weiß wahrhaftig nicht, was aus dem armen Tierchen geworden ist.«

Georg erhob sich. »Hier steht er vor Ihnen, meine Damen!« sagte er mit rauher Stimme. »Ich komme, Ihnen den Dank zu sagen für das gütige Andenken, das Sie dem armen Jungen, den Sie unter Ihren Klauen hatten, bewahren.«

Die Damen erhoben sich erschrocken.

»Fürchten Sie nichts,« sagte Georg. »Was Sie dem armen Knaben getan haben, der Jüngling hat es vergessen. Doch hüten Sie sich, Ihr Gewerbe so öffentlich zu treiben, wie Sie es tun, Sie haben jemand, der sie kennt und beobachtet. Der Marquis d'Argenson ist mein Freund!«

Der Name des Polizeiministers verbreitete den größten Schrecken. Die Damen wußten sich nicht zu lassen. Ihre Frechheit hatte der kleinlichsten Furcht Platz gemacht. Georg überließ sie ihrem Zustande, grüßte und verließ das Haus.


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