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Kapitel 226

Aussagen über das Meßopfer und über die ewigen Strafen. Vom ewigen Feuer und vom Wurm, der nicht stirbt

1 Josef: »Herr, Du bester Vater aller Menschengeister, sage es mir doch, so Du mich als irgend dafür wert findest, ob denn an dem sogenannten Meßopfer, von dem einem Petrus doch sicher nie etwas geträumet hat, und in keiner heiligen Schrift etwas davon stehet, denn doch etwas daran sei? Denn es könnte vielleicht, wie ich es mir oft auf der Erde gedacht habe, doch wohl etwas daran sein, besonders wenn so recht stillen Orts ein recht herzlich guter Priester gläubig und in der besten Meinung von der Welt Dir Gott dem Herrn ein wahrhaft andächtiges Meßopferchen darbringet, das er aber umsonst verrichtet, da sich ganze Monate lang kein Zahlender einfindet, der Priester auch überhaupt von dem Schrote und Korne ist, sich kein Meßopfer zahlen zu lassen, weil er es wirklich als zu heilig erachtet und seinen lieben Heiland um keine Silberlinge mehr verkaufen will. Ich meine, so ein Meßopfer dürfte bei Dir, o Herr, denn doch nicht ganz ohne Wert sein!«

2 Sage Ich: »Mein liebster Freund! was kann wohl bei Mir ohne Wert sein, so es im rechten Sinne verrichtet wird. So Ich dir einen jeden Becher frischen Wassers, den du einem Durstigen reichtest, so er unvermögend war sich selbst ein Wasser an irgend einer Quelle zu schöpfen, hundertfach belohnen will, um wie viel mehr werde Ich ein andächtig verrichtetes Meßopfer eines wirklich frommen und edelherzigen Priesters, deren es aber freilich leider nur sehr wenige gibt, mit dem wohlgefälligsten Herzen ansehen, und werde segnen den Priester, wie sein Opfer. Denn Ich sehe ja nur allezeit auf's Herz und nie auf die Form. Denn durch ein liebevolles und gerechtes Herz wird auch jede äußere Form, wie sie auch immer beschaffen sein möchte, gerecht und gut vor Mir, obschon an der Form, möge sie was immer für ein Gesicht haben, gar nichts liegt; und sie auch keinen Wert hat und haben kann, weder äußerlich noch innerlich.

3 Ich habe nur einmal, und das für alle Menschen gleich, Mich Dem geopfert, Der in Mir ein heiliger Vater von Ewigkeit ist; von diesem einigen und einzigen Opfer an gibt es für ewig kein zweites und diesem ähnliches mehr. Aber so irgend gute und wahrhaft fromme Kinderchen eines großen Helden nach ihrer Erkenntnis und Fähigkeit eine größte Heldentat ihres Vaters in eine entsprechende Szene bringen und sie dem Vater mit wonnetrunkenen Augen vorführen, sage selbst, ob so was den Vater freuen wird oder nicht! Sieh, er wird sicher eine recht große Freude daran haben, obschon durch diese Aufführung kein gedrücktes Volk mehr vom harten Joche eines Tyrannen befreiet wird. Und sieh, gerade also ist es auch bei Mir. Durch's Meßopfer wird nichts zuwege gebracht; aber durch das edle Herz dessen, der es verrichtet, sehr vieles; denn da wird es von Mir wahrhaft gesegnet, nicht aber etwa als ein Opfer, sondern als eine Szene Meines Erdenlebens; denn ein (nochmaliges) Opfer kann es nimmer geben, weil, wie gesagt, dieses schon einmal als gültig für ewig vollbracht wurde, weshalb Ich auch am Kreuze zum letzten Male ausrief: Es ist vollbracht! Was aber einmal vollbracht und vollendet ist für alle Zeiten der Zeiten, das kann dann nie wieder noch einmal vollbracht und vollendet werden.

4 Ist aber an und für sich ein rechtschaffener Priester vermöge des erhaltenen Unterrichtes dennoch der Meinung, daß er ein gleiches Opfer in seiner Messe verrichte, wie Ich es verrichtet habe am Kreuze; nun, so werden wir ihm das wohl zu keiner Sünde anrechnen, sondern zu ihm sagen: Es sei dir vergeben; denn du wußtest es ja nicht, was du getan hast! Wohl aber solle es jenen angerechnet werden, die bei sich über's ganze Opfer lachten und sagten: Mundus vult decipi, ergo decipiatur! Denn wer jemanden des eigenen Vorteils wegen will etwas unter Hölle, Mord und Brand glauben machen, worüber er bei sich selbst lacht, der ist kein Priester, sondern wahrhaft ein Teufel; dessen Lohn wird gleich sein seiner falschen Mühe und seinem falschen Eifer. Hast du das alles wohl verstanden, Mein lieber Bruder Josef?«

5 Spricht Josef: »Ja, mein Herr und Vater, wie solle ich das auch nicht verstanden haben, indem Du die Sache mir nahe auf ein Haar also gezeiget hast, als wie ich mir sie oft vorgestellet habe. Also ist es und kann unmöglich je anders sein. O ich danke Dir, daß Du Deine Ordnung gerade also eingerichtet hast, als wie ich sie bei meinen irdischen Lebzeiten gar oft gedacht und mir vorgestellt habe.

6 Nur eines geht mir noch ab zur vollen Ruhe meines Herzens, und das ist eine Aufhellung über den fast in allen christlichen Religionssekten vorkommenden Begriff von einer sogenannten ewigen Strafe. – Gibt es eine solche oder gibt es keine? Denn so man für die irdischen Minuten ehrlichen und rechtlichen Lebenswandels eine ewige Belohnung erhält, so kann man nicht leichtlich umhin auch anzunehmen, daß es gegenüber einer ewigen Belohnung auch füglicherweise eine ewige Strafe geben müsse; denn gebührt hier im Reiche der Geister einer kurzen edlen Tat ein ewiger Lohn, so gebührt dem gegenüber auch für eine kurz dauernde böse Tat ein ewiger Strafzustand in der Hölle oder wo immer? Ich finde diese Annahme ganz logisch richtig.«

7 Sage Ich: »Du schon, aber Ich nicht, indem Ich mit all dem, was Ich geschaffen habe, doch unmöglich mehr als nur einen Zweck vor Augen haben konnte. – Der Ich Selbst nur das ewigste Leben bin, so konnte Ich ja nie Wesen für den ewigen Tod erschaffen haben. Eine sogenannte Strafe, wo sie auch immer vorkommen mag, kann daher nur als ein Mittel zur Erreichung des einen Grund- und Hauptzweckes, ewig nie aber als ein quasi feindseligster Gegenhauptzweck sein; daher denn auch von einer ewigen Strafe nie die Rede sein kann. Verstehst du, lieber Bruder, nun dieses?«

8 Spricht Josef: »Ja, Dir o Herr ewig Dank, Liebe, Lob und Ehre, das verstehe ich nun ganz; und es wäre mir nun nahe unmöglich, es nicht zu verstehen; aber in der Schrift, und zwar aus Deinem allerheiligsten Munde selbst stehet es nur zu deutlich geschrieben von einem ewigen Feuer, das nimmerdar erlischt, von einem Wurme, der nimmer stirbt; ja es stehet geschrieben: Weichet von Mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Dienern bereitet ist. Ja Herr, ich kenne eine Menge Texte, wo der Hölle und ihres ewigen Feuers sehr handgreiflich gedacht wird. So es nun denn aber keine ewige Strafe gibt, ja, so dieses sogar von dem Sträfling selbst abhängt, in derselben zu verbleiben so lange er mag und will, da sehe ich denn durchaus nicht ein, wie da von einem ewigen Feuer, das nimmer verlicht, und von einem Wurme, der nimmer stirbt, die Rede in der Schrift sein kann.«

9 Rede Ich: »Mein liebster Freund und Bruder! Es steht wohl geschrieben von einem ewigen Tode, welcher da ist ein ewig festes Gericht, und dieses Gericht geht hervor aus Meiner ewig unwandelbaren Ordnung, und diese aber ist das sogenannte Zornfeuer oder besser Eiferfeuer Meines Willens, der ganz natürlich also für ewig unwandelbar verbleiben muß, ansonst es mit allem Geschaffenen auf einmal gar aus wäre.

10 Wer sich aber von der Welt und von ihrer Materie hinreißen läßt, der ist freilich so lange als verloren und tot zu betrachen, als wie lange er sich von der gerichteten Materie nicht trennen will. Es muß also der Geschaffenen wegen wohl ein ewiges Gericht, ein ewiges Feuer und einen also lautenden ewigen Tod geben; aber darin liegt eben so wenig die Folge, daß ein darin gefangener Geist so lange gefangen bleiben muß, als wie lange dieses Gericht an und für sich dauern muß; wie auch, so du auf Erden ein allerfestetes Gefängnis erbaut hättest, das gleich einer ägyptischen Pyramide Jahrtausenden trotzen solle, die Gefangenen deshalb nicht auf die ganze mögliche Dauer des Gefängnisses verurteilt werden sollen.

11 Ist denn Gefängnis und Gefangenschaft nicht doch für jedermann ersichtlich zweierlei? Das Gefängnis ist und bleibt freilich ewig, und das Feuer Meines Eifers darf nimmer erlöschen; aber die Gefangenen bleiben nur so lange im Gefängnis, als bis sie sich bekehrt und gebessert haben.

12 Übrigens steht in der ganzen Schrift aber auch nicht eine Silbe irgendwo von einer ewigen Verwerfung oder Verdammnis eines Geistes, sondern nur von einer ewigen Verdammnis der Nichtordnung gegenüber Meiner ewigen Ordnung, die notwendig ist, weil sonst nichts bestehen könnte. Das Laster als Unordnung oder Widerordnung ist wahrlich ewig verdammt, aber der Lasterhafte nur so lange, als er sich im Laster befindet. Also gibt es auch in aller Wahrheit eine ewige Hölle, aber keinen Geist, der seiner Laster wegen ewig zur Hölle verdammt wäre, sondern nur bis zu seiner Besserung. Ich habe wohl zu den Pharisäern gesagt: Darum werdet ihr desto mehr oder eine längere Verdammnis überkommen; aber nie: Darum werdet ihr auf ewig verdammt werden. – Verstehst du nun deine so gefährlich aussehenden Schrifttexte? Oder verstehst du etwa noch etwas nicht?«


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