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Zweites Kapitel

»Dein Großvater, Anton, mein guter, seliger Mann, war Kantor und Schulrektor in N. Na, das weißt du. Davon hab' ich dir schon oft genug erzählt, von unserem hübschen, grünumlaubten Häuschen hinter der Kirche, und wie er mich heimführte als junge, schmucke Braut. Des Herrn Amtsdieners Tonel haben sie mich geheißen; denn mein Vater selig war Amtsdiener beim hohen Rat. Aber wie ich Hochzeit machte, war er schon lange tot, und meine Mutter folgte ihm bald nach meiner Verheiratung, so daß ich die Flitterwochen hindurch schwarz einhergehen mußte wie eine Amsel. Das hast du alles schon gehört, Anton, ich kann dir es aber jetzt nicht schenken, denn mein Kopf ist gar schwächlich, und wenn ich nicht die ganze Geschichte vom Anfang anfange, bring' ich sie gar nicht zustande. Aber wo blieb ich denn?« –

»Bei der Amsel, Großmutter!«

»Richtig. So schwarz wie eine Amsel mußt' ich einhergehen. Und samt meiner Trauerkleidung kam ich ins Wochenbett mit einem kleinen Anton. Der machte aber nicht lange, so war er hin. Der arme kleine Kerl konnte die Tränen nicht verwinden, die ich um meine Mutter so gern geweint hätte, die ich aber verschlucken mußte, weil dein Großvater zornig ward, wenn er mich weinen sah. Ich hab' das Kind meiner Mutter zu Füßen gelegt. Ich dachte in meiner Einfalt, damit sie gleich einen Engel als Boten bei der Hand haben sollte, wenn sie vielleicht einmal Luft hätte, mir einen Gruß zu schicken aus ihrem Grabe oder sonst etwas. Es hat sich jedoch nichts eingestellt. Mein zweites Kind – lange nachher – war ein Mädel. Das war deine Mutter, Anton! Antonie haben mir sie genannt. Das heißt dein Großvater rief sie Antoinette. Und da wurde zuletzt Nette daraus, und unsere Nachbarn meinten, der Name käme daher, daß sie so nett und sauber war. Denn sie wuchs auf in purer Schönheit, daß jeder stehen blieb und ihr nachstaunte, der ihr begegnete. Ich sah ihre Schönheit auch und ihre Klugheit und Anmut, o ja, ich sah alles, denn, mein Gott, wofür wäre ich denn ihre leibliche Mutter gewesen? Daneben jedoch sah ich auch ihre Fehler: Ihren leichten Sinn, ihre Eitelkeit! Dein Großvater wollte davon nichts spüren; der hob nur die Tugenden heraus. Und als sie gar zu singen anfing, und als sie sämtliche Schulkinder mit ihrer kräftigen, reinen Stimme besiegte, da war's gar aus, da kannte mein guter Mann nichts über seine Nette! Ja, wenn unser Herrgott die himmlischen Heerscharen herabgesendet hätte, daß sie vor meinem Manne musizieren müßten und singen, der hätte, glaube ich, geradezu gesagt: Sobald mein Nettel nicht mitsingt, will die ganze Musik nichts heißen. So war er. Freilich, himmlisch gesungen hat sie, das muß ich selbst eingestehen; mit vierzehn Jahren stand sie dir da, Anton, wie eine vollkommene Jungfrau, und wenn sie den kleinen Mund auftat und ihre Zähne wies, und die Stimme drang heraus, da ging es einem wohl durch alle Gliedmaßen. Ich fühlte es ebenso warm, wie dein Großvater; nur hätt' er's ihr nicht immer sagen sollen. Da wurde denn einmal ein großes Fest veranstaltet in G., was sie ein Musikfest nannten. Dazu haben sie von weit und breit aus dem ganzen Lande zusammenberufen, was streichen konnte und blasen und singen und schreien und Pauken schlagen. Wie die Ameisen sind die Musikusse über die Berge gekrochen, durch die Täler, aus allen Winkeln und Ecken, daß es nur so wimmelte! Natürlich war mein Mann auch dabei mit seiner Geige – und ohne Nette wär's ja durchaus nicht gegangen. Sie führten auf, wie die Welt geschaffen worden ist. Die Schöpfung nannten sie's. Das kam mir schon sündhaft vor. Noch sündhafter hielt ich es, daß dein Großvater als christlicher Schulmann, der er doch einmal sein sollte, sich nicht schämte, so viel Aufhebens zu machen von der Heidnischen Musik. Denn heidnisch war sie. Das hab' ich ihn und seine Musikfreunde sagen hören. Ein Heide, sagten sie, hätte das eben erst in der großen Wienstadt geschrieben. Da entblödeten sie sich nicht, in einem weg von göttlichen heidnischen Melodien zu sprechen. Schrecklich! Aber ich mußte wohl schweigen. Doch die Strafe blieb nicht aus. Von diesem gotteslästerlichen Musikfeste schreibt sich unser Elend her. Deine Mutter hatte die sündhafte Eva vorstellen müssen, so erzählte sie mir's, als sie zurückkehrten. Mitzuziehen hatte ich mich redlich gehütet. Ja, die Eva hat das unschuldige Mädchen vor aller Augen machen müssen, und gesungen hat sie Liebeslieder mit Adam, der niemand anders gewesen sein soll, als ein Opernsänger aus der Hauptstadt. Ob die Schlange auch vorgekommen sei, das hab' ich niemalen aus der Antoinette ihren Erzählungen herausbringen können. An anderem Vieh hat es nicht gefehlt. Zum Glück haben die Sänger wenigstens ihre Kleidung nicht ablegen dürfen. Sonst war alles wie beim Sündenfall. Ach, mein lieber Anton, hatte dein Großvater bisher mit seiner Nette Abgötterei getrieben, jetzt fand er gar keine Grenzen mehr. Die Lobsprüche, die sie von hoch und niedrig erhalten, hatte er eingesackt und sich völlig damit ausgepolstert, daß er selber aufgeblähter war wie ein welscher Hahn, den die Köchin mit gebratenen Kastanien stopfte. Einen güldenen Ring ließ er ihr machen für drei schwere Dukaten, und auf einem Plättchen stand eingegraben: »Eva«. Den Ring mußte sie tragen, als ob sie eine Dame wäre. Das gab ihr den letzten Gnadenstoß. Wenn ich ihr eine häusliche Arbeit auftrug, ließ sie nur ihren Ring im Lichte glitzern und setzte sich ans Klavizimbalo. O Anton, da war sie so lieblich und schüttelte mit den dunklen Locken herum, daß die allerhöchsten Noten herauspfiffen aus dem Perlenmunde, als ob's Wassertropfen wären, die an der Sonne funkeln. Und da war die törichte Mutter wieder still, schaffte selbst im Hause und horchte auf ihres Kindes Gesang.

Unterdessen waren die Husaren, die sonst in G. gelegen, zu uns nach N. ins Quartier gekommen. Schon wie sie einrückten, und wie ihre Trompeten über den Platz schmetterten, daß es bis in unseren stillen Kirchhof drang, spürt' ich an Nettens Betragen, die Sachen wären nicht in der Ordnung. Sie war wie ausgetauscht, unruhig, niedergeschlagen, dann wieder auf einmal übermütig, wild, lustig. Der Alte gab nichts auf meine Mahnungen. So sind halt die Künstlernaturen, sprach er. Sie ist eine echte Künstlernatur! Was er damit sagen wollte, hab' ich nicht entdecken können. Mir war's zu hoch.

Da hatte denn deine Mutter Freundschaft geschlossen mit einem Mädel ihres Alters, der Tochter eines Steinmetzgers oder Bildhauers, wie er sich nannte, der unten am Fuße der hohen steinernen Brücke ein Häuschen bewohnte; ein dürftig hölzernes Ding von Gebäude. Ging unser Bergflüßchen nur ein bissel voll, so leckten die Wellen an des Mannes Besitztum, und wär' es nicht von Steinen, Grabkreuzen und plumpen Heiligen beschwert worden, mir scheint, das Gewässer hätt' es längst fortgeschwemmt. Mit der besagten Bildhauers Christel hatte unsere Antoinette Freundschaft geschlossen, und sie besuchten sich. Mir gefiel der Umgang nicht. Erstens wollte sich's doch nicht recht schicken, daß des Lutherschen Kantors Kind tagaus, tagein bei den katholischen Leuten steckte, die da lauter steinerne Götzenbilder um sich hatten. Und dann überhaupt war mir so weh, wie wenn mir Unheil schwante. Wie gesagt, so geschehn. Eines Abends komm' ich über die Brücke, von Neudorf herein, wo ich eine meinige Muhme besucht hatte, und mitten auf der Brücke, da sie sich am höchsten wölbt, und ich vom Steigen müde bin, rast' ich einen Augenblick aus, schau' mich um nach den grünen Bergen im Abendrot – fällt mein Blick hinab auf Bildhauers Häuschen – und siehst du, Anton, du magst mir's nun glauben oder nicht, jetzt noch, wo ich dir's beschreibe, fühl' ich den Stoß, den mir's damals ins Herz getan! – Ich schau' hinab und sehe einen Kornett von den Husaren, ein Bürschlein, nicht älter als du heute bist, schlank wie eine Tanne, aus Bildhauers Türe treten; der dreht sich fast den Kopf aus den Schultern und starrt empor nach der Brücke, wo ich stehe. Sowie er meiner ansichtig wird, macht er links um und husch ist er im Hause wieder drin. Mir brachen schier die Knie zusammen unter meines Leibes Last, und ich mußte das letzte Restchen Kraft aufbieten, um weiter zu gehn. Wird sie zu Hause sein? Das war der einzige Gedanke, den ich fassen konnte. Er kam mir auf die Zunge. Schritt vor Schritt sprach ich weiter nichts als: heiliger Gott, wird sie zu Hause sein? Denn war sie nicht daheim, dann war sie zu Bildhauers gegangen, und dann wußt' ich, woran ich war. So bieg' ich dir um die Ecke, ins kleine Gäßchen ein, das nach dem Kirchhofe führt, und eilig, wie ich bin in meiner Todesangst, renn' ich an ein Frauenzimmer an, das verblüfft vor mir stehen bleibt: es war meine Tochter! »Wohin so spät, Antoinette?« ruf' ich ihr heftig ins Gesicht; und sie, rot wie ein gekochter Krebs, stammelte nur: »Dir entgegen, Mutter.« »Na, so komm'«, sprech' ich und reiße sie mit mir fort und halte sie so fest am Arme, als ob die ganze Schwadron am anderen Arme zöge! Der Vater war zu Biere gegangen. Ich hatte sie allein, nahm sie heftig ins Gebet. Doch sie hielt sich standhaft; sie leugnete mit Festigkeit – und ich ließ mich täuschen. Ließ mich täuschen, weil ich bei der schärfsten Aufmerksamkeit, von diesem Abend an zu rechnen, nichts mehr wahrnehmen konnte, was meinen Argwohn erneuert hätte. Im Herbst war ich vollkommen beruhigt; um so mehr, weil die Husaren schon wieder in andere Garnison gerückt waren. So, daß ich mich entschloß, wieder einmal die Neudorfer Muhme heimzusuchen; ich hatte das nicht getan, seitdem mir der Weg über die Brücke durch den Kornett im Bildhauerhäuschen verdorben ward. Nun denke dir meine Verwunderung, Anton, wie ich nach dem Häuschen suche und find' es nicht mehr, sondern an seiner Statt entdeck' ich ein neues, größeres, von Mauerziegeln fest errichtet, mit Schieferplatten eingedeckt; das war über Sommer emporgewachsen. Und wo hatte der hungrige Bildhauer das Geld dazu hergenommen? Du meinst, dies wär' seine Sache gewesen und hätt' ich nichts danach zu fragen gehabt. Gewissermaßen wohl. Doch aber meldete sich in meinem Herzen eine drohende Stimme, die mir den Besuch bei der Neudorfer Muhme wieder leid machte. Ich drehte auf dem Flecke um, ging nach Hause. Mir war, als wenn ein böser Geist mir zuraunte: Das Haus ist auf deiner Tochter Schande gebaut! – Zittre nicht, armer Junge, bald kommt's noch schlimmer! – Und wie ein böser Geist keinmal allein bleibt, trat alsogleich ein zweiter an mich heran: die Frau Torschreiberin nämlich; das war ein schlimmes Weib, Gott mög' ihr ewige Ruhe vergönnen. Die fing zu schnattern an, wie es ihr Brauch, redete vom Hundertsten ins Tausendste, von der Schule, von meinem kleinen Garnhandel, von der Musik, von den Husaren, und ob unsere Nettel sich denn getröstet habe über den Ausmarsch der Eskadron? Der Himmel gab mir Kraft, dem häßlichen Weibe nicht zu zeigen, wie scharf ihrer Zunge Stachel in mein wundes Herz drang. Ich hielt mich aufrecht und lachte ihr in die Nase, daß es fast lustig klang. Dann ging ich meiner Wege. Wie ich aber in unser Haus, wie ich in deiner Mutter Kammer geraten bin, das kann ich dir nicht beschreiben, Anton, denn ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß sie auf ihrem Bette saß und den Kopf hängen ließ. »Antonie«, schrie ich sie an, so laut als der Krampf, der mir die Kehle zuschnürte, mich schreien ließ, »was soll das heißen, daß fremde Weiber mich befragen nach deinem Schmerz über den Ausmarsch der Husaren? Und daß du seit acht Tagen vergehst und verkommst wie eine Blume ohne Regen? Und daß die vermaledeiten Bildhauersleute ein neues stolzes Haus auferbauen? Antonie, hast du das Sündengeld gezahlt? Ich frage dich, ich, deine Mutter.«

Da hättest du sie sehen müssen, Anton, wie sie sich emporrichtete und vor mir stand, um eine Hand höher wie gewöhnlich. »Schreie nicht, Mutter, du tust mir wehe«, sprach sie. »Du sollst die Wahrheit vernehmen, auch ohne daß du mir drohst. Länger hätte ich ohnedies nicht geschwiegen. Gehen wir hinab zum Vater! auch er muß wissen, wie es mit seinem einzigen Kinde steht.«

So schritt sie mir voran, ungebeugt und mächtig, das sechzehnjährige Mädchen, als ob sie die Anklägerin wäre, und ich folgte ihr bebend, wie wenn ich ein schlechtes Gewissen hätte. Sie war halt gar zu schön; man konnte sie nicht sehen ohne Entzücken.

Dein Großvater saß bei seiner Notenschrift. Sie winkte ihm die dicke Schwanenfeder aus der Hand, gleichsam als ob sie ihm befehlen wollte, zu hören. Und nun begann sie: Bei dem großen Musikfeste hatte sie den jungen Grafen zum erstenmal gesehen. Unsere Augen, so drückte sie sich aus, haben sich begegnet und unsere Herzen haben sich gefunden. Dann fuhr sie fort, zu schildern, wie sein Bild nicht mehr aus ihrem Gedächtnis wich. Später zogen die Truppen hier ein. Guido fand Gelegenheit, sie anzureden. Bei Bildhauers trafen sie sich. Nachdem ich jene unselige Entdeckung gemacht, daß der junge Mann dort verkehrte, wurden sie vorsichtiger. Sie mieden sich bei Tageslicht. Aber ach, die Nächte brachte sie jenseits der Brücke zu. Wenn der Vater und ich im tiefen Schlummer lagen, schlich die Verführte ins Haus der Kupplerfamilie.

Ich vermag dir nicht zu wiederholen, Anton, wie sie das alles vorbrachte. War es doch nicht anders, wie wenn sie in ihrem vollen Rechte wäre, und wir hatten das Zuhören. Endlich zog sie einen Brief hervor, den ihr Graf zum Abschied an sie geschrieben. Da stand es mit deutlichen Worten, daß er sie verehre, daß er sie lieben werde sein lebelang, daß er sie als Braut betrachte, und daß er nur der Eltern Einwilligung abschmeicheln wolle, um die Schönste heimzuführen auf seine Herrschaft und sie glücklich zu machen.

Wir hörten, wir lasen, wir standen da verdutzt und stumm. Ich war ja von jeher eine dumme, unerfahrene Person, und dein Großvater, die beste Seele von einem Manne, wußte Nichts von falschen Menschen. Ja, wenn's falsche Noten gewesen wären! Kurzum, aus dem Jammer wurde ein Freudenfest: Wir weinten, wir versöhnten uns, wir umarmten die Braut mit feurigen Glückwünschen und gelobten uns, gegenseitig zu schweigen über die Sache und zu harren, bis es an der Zeit sei, unser Schweigen zu brechen und die Nettel Frau Gräfin zu nennen.

Aber du kannst mir's glauben, Anton, trotz meiner Dummheit war ich bei allem Jubel klug genug, einzusehen, daß deine Mutter sich nur glücklich stellte; daß sie versuchte, sich selbst zu täuschen, weil sie uns täuschen wollte. Sie glaubte nicht an ihre Zukunft. Mein Mann war von uns dreien der einzige, dem es rechter Ernst war mit seiner Hoffnung. Sonst gingen die Tage trüb und traurig hin, wie der finstre Spätherbst, in dem wir lebten. Nette sang wenig mehr. Sie sagte, es fiele ihr so schwer. Nur wenn ein Brieflein vom Herzallerliebsten eintraf, atmete sie freier auf. Dann sang sie beim Vater unten, und er schwur darauf, prächtiger, voller hätt' ihre Stimme niemals geklungen. Von der Einwilligung seiner Eltern jedoch schrieben der Herr Graf nimmermehr nichts oder doch nur wie von einer vorsichtig zu behandelnden Angelegenheit.

Gegen Weihnachten wurde Antonie immer stiller, einsilbiger, zurückgezogener. Auch ihre Kleidung vernachlässigte sie, die sonst immer flink und sauber einhergegangen, daß alles an ihr knackte, mit einer Taille zum umspannen. Ihr Umschlagetuch über ihr dürftiges Hauskleid, anders erblickten wir sie nicht mehr; der Sonntagsstaat hing im Kasten. Den Verkehr mit Bildhauers Christel hatte sie längst schon abgeschnitten. Das war mir recht. Doch auch sonst vergönnte sie keiner Schulfreundin das Wort. Sie schien wie tot für alles, was ihre Liebe nicht betraf.

Der heilige Weihnachtsabend rückte heran. Von einer Stunde zur anderen meinte ich, der Postbote müsse eintreten und müsse heimlich gesendete Gaben bringen, mit denen der junge Graf seine traurige Braut aus der Ferne bedenke. – Vergebens! Wir hatten einen Christbaum besorgt und ihn aus unserer Armut mit bescheidenen Geschenken aufgeputzt, so gut wir's vermochten.

Da stehen wir um die Dunkelstunde in Vaters Zimmer, er und ich, bei geschlossenen Läden, stecken kleine Wachskerzen auf die Zweige, hängen Naschwerk daran und hantieren so stumm nebeneinander her. Endlich fragt dein Großvater: »Wie's wohl heut übers Jahr hier aussehen wird, Alte?« Ich raffe mich zusammen und spreche dreist: »Wie wird's denn aussehen, Alter? Gut!« »Hm«, sagte er wieder, »ob der Graf und die Nettel dann schon ein Paar sind?« Und wie er das sagt, vernehm' ich einen schneidenden Angstschrei aus Antoniens Gemach herabdringen, der mir kurzweg die Sprache verlegt. Der Alte hatte nichts gehört, denn er war schon lange taub für alles, was nicht Musik heißt. Da ruf' ich ihm ins Ohr: »Nun mach' und zünde die Lichtlein an; ich gehe hinauf, die Nettel holen!« Und ich gehe hinauf, Anton – nein! nein, ich kann nicht weiter – ...«

– »Großmutter, ich bitte dich, fahre fort!« –

»Nun denn, nach einer Stunde saßen dein Großvater und ich vor deiner Mutter Bett, die bleich darin lag, ein schmerzvoll-süßes Lächeln um ihren Mund. Im Arme, mein lieber Anton, hielt sie dich. Aber du warst sehr klein und schriest, wie wenn du am Spieße stecken tätest. Solches geschah am vierundzwanzigsten Dezember ...!

Vor Mutter und Vater hatte das hartnäckige Mädel ihren Zustand zu verbergen gewußt. Was jetzt erfolgt war, konnte und durfte natürlich nicht verborgen bleiben. Dein Großvater mußte gebührende Anzeige machen. Da war denn der Stab über die Kantorfamilie gebrochen, die Fahne der Schmach ward uns aufs Dach gesteckt und wehte wie ein durchlöcherter, schmutziger Fetzen im kalten Schneewinde, indessen anderer Orten die Weihnachtsfeiertage fröhlich begangen wurden. Es währte auch nicht lange, so hatte der Pastor Primarius es oben durchgesetzt, daß dein Großvater vom Amte gejagt wurde, weil, wie der Bratensack behauptete, die Schulkinder nicht mehr von einem harthörigen Lehrer unterrichtet werden könnten, der für die Schande seiner eigenen Tochter taub und blind gewesen wäre. Wir mußten ausziehen. Aus unserem heimlichen, warmen, grünumwachsenen Häuschen hinaus! Zum Glück, daß die Bäume dürr waren und winterkahl! Um Ostern zogen wir hinaus. Wir hatten weiße Ostern. Es war noch grimmig kalt. Draußen in der Wiesenauer Vorstadt fanden wir eine kleine Wohnung. In einem Zimmer hausete ich mit meinem armen, niedergebeugten Alten. Im anderen trieb deine Mutter ihr Wesen mit dir. Ach, wie sie sang, wie sie dich in ihren Armen wiegte. Mit schöneren Liedern ist kein Kaisersohn in Schlaf gesungen worden. Und der Großvater fand ebensoviel Freude daran, wie der kleine hilflose Enkel. Ihr beide habt gelächelt, Anton; ich hab' geweint: denn die Stimme war ja doch unser Unglück; sie hatte uns doch eigentlich ins Unglück gebracht.

Deines Herrn Vaters Briefe wurden immer rarer, und wenn etwa wieder einmal einer geschlichen kam, war der letzte gewöhnlich um etliche Wörter kürzer, als der vorletzte. Nette schwieg. Der Alte fragte nach nichts. Ich weinte. Ein ganzes Jahr hab' ich verweint, daneben fleißig meinen Garnhandel betrieben, und davon haben wir gelebt; davon und von den paar Kreuzern, die der Alte mit Notenschreiben erwarb.

Am nächsten Weihnachtsabend konntest du schon laufen, Anton; langtest schon mit kräftigen Händchen nach den Kerzen am Weihnachtsbaum. Dein Vater ließ nichts weiter von sich hören. Antonie schrieb wohl einige Male; sie bekam keine Antwort mehr. Sie verging so langsam in dem Maße, wie du zunahmst. Du warst ein starkes, blühendes Kind.

Es lag dazumal ein tiefer Schnee in unserer Gegend. Im Februar brach plötzlich Tauwetter herein mit heißen Winden und lauem Regen. Man mochte keinen Fuß vor die Tür stellen. Pocht es eines Abends bei uns an. »So spät?« spricht der Alte. »Ein Brief!« ruft deine Mutter und stürzt hinaus. Es war so. Der Briefträger hatte wirklich einen gebracht. Des Grafen Siegel, nicht seine Handschrift. Deine Mutter las ihn ruhig durch, zwei-, dreimal. Dann sagte sie: »Ich muß ein Sprung zu Bildhauers machen; hab' eine notwendige Bestellung.« »Jetzt, in der Nacht, bei dem Wetter?« frag' ich. »Ich muß«, sagte sie, legte dich auf ihr Bett, gab dir einen Kuß und nahm ihren Mantel um. Dann reichte sie mir und meinem Alten die Hand. »Du nimmst ja ordentlich Abschied?« sprach der. »Vielleicht bleib' ich über Nacht aus«, war ihre Antwort; »pflegt den Jungen!« – Weg war sie!

»So wett' ich doch, was einer will«, sagt' ich zu deinem Großvater, »der Graf ist hier und bestellt sie zum Gespräch.« »Desto besser«, meinte der Alte, »vielleicht führt's zu gutem Ende.«

Nun ja, freilich wohl, zum Ende hat es geführt.

Du schliefst so ruhig an meiner Seite, Anton, du wußtest von nichts. Dein Großvater schnarchte mit dem Tauwind um die Wette, der im Schornstein heulte. Ich schlief nicht. Bis Mitternacht lauscht' ich immer, ob nicht die Türe gehen, ob Nette nicht heimkehren würde. Sie kam nicht. Dann überließ ich mein Haupt den traurigen Gedanken, die darin ihr Wesen treiben wollten. Und als ich endlich gegen Morgen einschlief, sah ich im Traume nichts als Wasser; dickes, gelbes, trübes Wasser, daß ich meinem Gott dankte, wie mich der Tag erweckte. Nun sprach ich den Morgensegen, bereitete das Frühstück, räumte auf und wartete der Dinge, die da kommen sollten, doch in steter Todesangst. Mein Mann dagegen schien voll freudiger Zuversicht, und als er sich zu seinem Notenpapiere setzte, sagt' er lächelnd: vielleicht hat er sie gleich mit sich genommen zu seinen Eltern?

»Aber ihr Kind?« rief ich, auf dich weisend.

Das macht' ihn stumm und nachdenklich. Doch durch diese Äußerung war mir der Brief wiederum in den Sinn gekommen und war mir eingefallen, daß sie ihn in ihren Schubkasten gelegt. Ich holte ihn alsogleich heraus, nahm meine Brille – denn ich brauchte schon dazumal eine Brille – und las, Anton. Ach, ich weiß ihn auswendig, den gottverfluchten Brief. Er war nicht von ihm, nicht von deinem jungen Vater; von seiner Mutter war er geschrieben, von der alten Gräfin:

Wenn das liederliche Weibsbild, schrieb sie, welches meinen Sohn, da er noch ein unmündiger Knabe gewesen, listig verführet hat, nicht aufhört, ihn und uns mit ihren frechen Briefen zu belästigen, so werd' ich sie samt ihren ruchlosen Eltern und die ganze schlechte Wirtschaft in N. den Behörden zur strengsten Bestrafung anzeigen. Für den Bankert wird kein Heller mehr gezahlt, nachdem das Gesindel meinem Sohne schon bedeutende Summen zum Aufbau von Häusern abzuschwindeln gewußt. Dies ist das letzte Wort in dieser schmutzigen Angelegenheit.

So lautete ungefähr der Frau Gräfin liebreiche Zuschrift. Nun wurde mir augenblicklich klar, was deine Mutter so spät am Abend noch bei Bildhauers gewollt. Sie, die auch nicht das geringste Geschenk von ihrem Liebhaber angenommen, war empört über solche ungerechte Vorwürfe; war empört über die Habsucht der Bildhauerleute, die gewiß falsches Spiel gespielt und in Nettens Namen dem jungen Grafen das Geld abgebettelt hatten, womit sie sich aus ihrer eigenen Not gerissen. Das war mit Händen zu greifen: Deine Mutter wollte sie zu einem Geständnis zwingen; deshalb der nächtliche Besuch. Aber warum kehrte sie nicht zurück? Das blieb mir ein Rätsel. Hielt das schlechte Volk sie vielleicht mit Gewalt? Hatte man sie vielleicht eingesperrt, um sie durch Drohungen zum Schweigen zu bewegen?

Es litt mich nicht. Deinem Großvater schärft' ich ein, auf dich acht zu haben, und in des Heilands Namen begab ich mich auf den Weg, trotz Wind und Wetter. Ich mußte durchs Städtchen gehen, um aus unserer Vorstadt nach der Brücke zu kommen. Auf dem Wege fand ich alles in Alarm. Weiber standen vor den Türen und erzählten sich mit jammervollen Gebärden; Männer, Jungen rannten mit langen Stangen, mit Haken, mit Äxten bewaffnet durch die Gassen. Auf meine ängstlichen Fragen, was es doch gäbe, vernahm ich nur einen Ruf: Das Wasser! Das Wasser!

Und als ich nun die Brücke erreichte – bis oben hinauf, schier bis an die hohe Wölbung drängte sich die Flut, so gelb, so trübe, wie ich sie im Traume gesehen. Unten war alles ein Meer. So schnell war es über Nacht gewachsen, daß die Bewohner der Hütten am unteren Ufer kaum Zeit gefunden, ihr Leben zu retten. Die hölzernen Häuser schwammen stückweise auf dem Strome fort. Bildhauers Neubau war zusammengestürzt, von den Seinigen niemand gerettet, weil dies Haus am tiefsten gelegen. Christinens Leichnam spülte das Wasser eine Meile weiter hinab auf eine Wiese. Die übrigen wurden nicht gefunden, auch deine Mutter nicht, lieber Anton.«

Hier brach die alte Goksch ihre Erzählung ab. Sie konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen.

Anton hatte keine Tränen. Schweigend erhob er sich vom Boden, wo er gesessen, fiel seiner Großmutter um den Hals, drückte einen langen Kuß auf ihre welken Lippen. Dann gingen sie miteinander ins Häuschen, und ohne eine Schnitte Brot zu berühren, legten sie sich auf ihr reinliches Lager, während die Vögel auf den Bäumen ringsumher ihnen ein Abendlied zwitscherten.


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