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66. Kapitel

Die eine Sache, über die auch mit Paulus nicht zu reden ist – Gut Ding ... – Urlaubsneige

 

Im letzten Kapitel habe ich zu schildern versucht, wie sprunghaft die erste Unterhaltung beim Wiedersehen zwischen uns alten Freunden hin und her ging. Jeder von uns beiden hatte eine Menge erlebt in der Zeit, die wir getrennt gewesen waren, jeder brannte darauf, dem anderen alles – und dies alles auch noch möglichst schnell und möglichst ausführlich zu erzählen, und so ging es rastlos hin und wider, immer neue Fäden wurden angeknüpft und waren schon wieder abgerissen – es war ein rechtes Elend!

Aber bei all diesem Durcheinander blieben doch zwei Dinge klar: einmal war Paulus Hagenkötter, den ich gewissermaßen um Stellung und letztes Geld gebracht und aus Radebusch nach Berlin verjagt hatte, ein höchst glücklicher und sicherer Mann geworden, während ich reicher Mann höchst unsicher und fragwürdig in der Welt dastand ... Zum anderen wurde, so viele Gesprächsfäden wir auch anknüpften, der eine Gesprächsfaden nie ins Gewebe geschossen, was wohl Karla ... ich meine also jenes unrühmliche Abenteuer, das eigentlich den letzten Anlaß zu meiner Entthronung abgab ... also kurz und gut: von Fräulein Leonore von Kanten wurde nie ein Wort zwischen uns geredet.

Einmal, ein einziges Mal, war es beinahe so weit. Wir sahen von einer Höhe (aber von einer anderen! Bitte, ich bin jenen Privatweg, wo ich immer auf sie gewartet, nie wieder gegangen) – wir sahen also von einer Höhe auf die roten Dächer hinab und Paulus fragte: Was ist das? Ein Gut?

Ja, antwortete ich und hätte fürs Leben gerne jetzt des Paulus Gesicht gesehen. Aber er stand so vor mir, daß dies nicht möglich war. Das ist Escheshof. Da wohnt Herr von Kanten.

So, sagte Paulus und brach einen Zweig ab. Seine Stimme kam mir übertrieben gleichgültig vor. Ein Nachbar? Ich muß den Namen schon gehört haben ...

Ja, ein Nachbar, sagte ich und half ihm nicht.

Kanten –? fragte er. Führt er nicht einen Prozeß mit Karla –?

Was –?! rief ich und fuhr nun doch jäh aus all meiner Reserve. Hat der unverschämte Kerl doch –? Aber das ist ja unmöglich! Paulus, was hat dir Karla darüber gesagt? Bitte, auf der Stelle erzähle mir alles, was sie dir gesagt hat!

Ich weiß wirklich nicht, tat Paulus sehr erstaunt. Ich kann den Namen auch verwechseln. Ich habe jetzt so viele neue Namen gehört. War es etwas wegen der Grenze?

Paulus, bat ich. Tu mir den Gefallen, erzähle mir alles.

Aber ich weiß tatsächlich nichts. Hast du einen besonderen Grund?

Du weißt doch, Paulus!

Ich könnte ja Karla fragen, wenn dir so viel daran liegt.

Nein, bitte nicht. Wenn du ohne ihre Erlaubnis nicht reden darfst ...

Aber, Maxe, bestimmt, ich habe keine Ahnung ...

Na, schön, schon gut, reden wir nicht mehr davon!

Halb und halb war ich überzeugt, er wußte nichts, Karla hatte ihm kein Wort gesagt. (Um so schlimmer für mich, wenn Karla nicht einmal unserem besten Freunde gegenüber die Sache erwähnen mochte.) Und halb und halb redete mir mein schlechtes Gewissen ein, daß er sich doch nur verstellt hatte. (Wieder um so schlimmer für mich, wenn Karla die Sache noch immer so ansah, daß sie sogar Paulus Schweigegebot auferlegt hatte.) Aber wie dem auch sei, unvorbereitet mußte ich Karla entgegentreten – und wahrscheinlich wußte sie durch das Geklatsch der Leute viel mehr, als wirklich gewesen war –!

Ich habe schon gesagt, daß Paulus auf dem Schloß als Gast bei Karla wohnte. Was er da eigentlich tat, ob er ihr Gesellschaft leistete oder bei ihren vielen geheimnisvollen Geschäften half, danach mochte ich nicht fragen. Als ich ihn aber einen ganzen Vormittag lang vergeblich erwartet hatte, vereinbarten wir, daß der Nachmittag uns beiden gehören, ich den Vormittag aber ruhig der Fortsetzung meiner Arbeit beim Kantor Friedemann widmen sollte.

Eigentlich war mir diese Regelung sehr lieb, denn ich hätte den alten Mann nicht gerne mit dem fast vollendeten Manuskript im Stich gelassen. Ich hatte es nun so oft gehört, daß der jetzige Zustand am längsten gedauert habe, daß mir die Arbeit fast auf den Nägeln brannte. Ich wollte fertig werden für etwas Neues, von dem ich doch keine Ahnung hatte. (Wie oft ich dabei an Hagenkötters Worte über motorisierte Angestellte der Vira dachte, kann ich gar nicht sagen ...)

So ging ich denn eigentlich gerne, trotz der Anwesenheit des Freundes, jeden Morgen zum Kantor Friedemann. Wenn ich da in seiner Arbeitsstube erst eine halbe Stunde gesessen und gedrängt und gehetzt hatte und vor lauter Ungeduld vergangen war, und der alte Mann las einen Brief immer wieder und konnte sich gar nicht entschließen, ob Truhe oder Manuskript – so kamen doch allmählich Alters- und Arbeitsfriede gemeinsam über mich, und ich sah ein, daß ich es mit Hetzen und Treiben nicht schaffen würde, weder hier noch bei der Karla.

Sondern gut Ding wollte immer noch seine Weile haben, auch bei mir, auch jetzt. Und wenn ich da so einen Brief in der Hand hatte, von ungelenker Hand in mancher Stunde über acht Briefseiten gemalt, und bedachte, welche Mühe es erst einem ungelenken Hirn gekostet hatte, dem alten Lehrer daheim zu erzählen, wie dem Schreiber in der wilden weiten Welt zumute war und warum er es gerade dem Lehrer erzählen müsse ...

... So dachte ich: Max Schreyvogel, mit dem Jagen ist es nicht getan, das solltest du jetzt gelernt haben. Die Karla läßt sich nicht jagen. Hast du so lange im Pförtnerhaus auf sie gewartet, wird es auch noch ein oder zwei Wochen länger gehen. Gut Ding will Weile haben, und du möchtest doch gerne, daß es diesmal ein gut Ding wird ...

Wir haben manchen schönen Weg gemeinsam gemacht, der Paulus Hagenkötter und ich. Mit niemandem läßt es sich so wandern wie mit einem getreuen Freund. Wir haben geredet oder geschwiegen, ganz wie uns zumute war, und immer habe ich bei ihm das Gefühl der Geborgenheit und völligen Sicherheit gehabt. Was auch geschehen mochte, ob da nun ein Schloß stand mit einem untadeligen Strabow darin, ob ich mich zweifelhaft benommen hatte – wir waren Freunde und würden es immer sein.

Weder andere Menschen noch Einkehr haben wir auf diesen Wanderwegen gebraucht. Ich hatte es von meinen Autofahrten noch so in der Gewohnheit, daß auf jedem Wege mindestens einmal eingekehrt werden mußte. Aber von dieser Gewohnheit heilte mich Paulus schnell. Freihalten ließ er sich nicht – und selber Geld ausgeben für eine Zeche, die unnötig war? Aber, meine Lieben, Paulus wollte doch heiraten – und das möglichst bald! Er hielt sein Geld zu Rate, eine halbe Stunde lang konnte er mir von einer Schlafzimmereinrichtung, für die Lilo war, erzählen und dann wiederum eine halbe Stunde von einer, auf die er tippte, und die Preisdifferenz betrug fünfundsiebzig Mark, das war ein Viertel seines jetzigen Monatsgehalts!

War solch Gerede etwa langweilig? Es war nicht die Spur langweilig! Fünfundsiebzig Mark waren für mich Millionär ein Nichts gewesen, weil ich sie nicht selbst verdient hatte. Aber Paulus sprach mit Achtung von solcher Summe – auch von jeder kleineren –, weil er sie erst verdienen mußte, mit seiner Arbeit.

Mit der Einkehr in Wirtshäusern war es also nichts, und es war komisch, wie wenig mir solche Einkehr fehlte, und nach anderen Menschen hatten wir auch kein Verlangen. Wir hatten gemeint, eine Woche Urlaub sei eine unendliche Zeit, aber sie rauschte dahin, ging weg – morgen früh schon mußte Paulus Hagenkötter fahren.

Los, Maxe, heute gehen wir noch mal auf den Reiherberg. Es ist doch der schönste Blick hier im Lande!

Gerne, Paulus. Aber vorher müssen wir noch zu Friedemanns. Den alten Mann mußt du unbedingt kennenlernen.

Gemacht. Gehen wir gleich –?

Vom Fleck weg! Sonst ist es dunkel, ehe wir auf den Reiherberg kommen. Und dann hast du erst wieder Gelegenheit bei deinem Urlaub im nächsten Jahr!

Was wohl im nächsten Jahr sein wird –?

*

 


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