Edward Bulwer-Lytton
Die letzten Tage von Pompeji
Edward Bulwer-Lytton

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Eduard Lytton Bulwer

Die letzten Tage von Pompeji

Uebersetzt von Wilhelm Schöttlen

Erster Band.

So ist der Vesuv, und solche Ereignisse finden jedes Jahr daselbst Statt. Aber alle seitherigen Ausbrüche sind, auch wenn man sie in einen einzigen zusammenfaßte, unbedeutend gegen das, was zu dem Zeitpunkte geschah, von dem wir reden. ...

Tag wurde in Nacht, und Nacht in vollständige Finsternis verwandelt – eine unaussprechliche Menge Staub und Asche wurde ausgeworfen, die Land, Meer und Luft erfüllte und zwei ganze Städte,. Herkulanum und Pompeji, begrub, während die Bewohner dem Schauspiele zusahen!

Dio Cassius, lib. XVI.


Zueigungsschreiben

an Sir William Gell etc. etc.

Werther Herr!

Bei Veröffentlichung eines Werkes, zu welchem Pompeji den Stoff liefert, kann ich mir Niemanden denken, dem es so füglich gewidmet werden dürfte, als Ihnen. Ihre herrlichen Schriften über die Alterthümer dieser Stadt haben Ihren Namen in unauflösbarer Weise mit deren früheren Erinnerungen verknüpft, gleich wie Ihr Aufenthalt in der Umgegend Sie mit den neueren Zuständen dieses Ortes identifizierte.

Ich hoffe zuversichtlich, daß Sie bei Empfang dieser Blätter einer besseren Gesundheit sich erfreuen werden, als da wir uns zu Neapel trennten, und daß, wenn Ihre Freunde ein Beispiel an Ihrer Philosophie zu nehmen haben, dies eher bezüglich Ihres unermüdlichen Fleißes in Erwartung wissenschaftlicher Kenntnisse, als hinsichtlich Ihrer unübertrefflichen Geduld in dem Leiden, der Fall sein möge.

Noch ehe diese Blätter in Ihre Hände gelangen, hoffe ich in dem Lesen Ihres gegenwärtig erscheinenden Werkes über die »Topographie von Rom und seinen Umgebungen« ziemlich weit vorgeschritten zu sein. Der flüchtige Blick, den Sie mich zu Neapel auf dessen Inhalt werfen ließen, überzeugte mich zur Genüge von seinem hohen Interesse und Werthe; und als Engländer, sowie als einer, »der unter dem Portico gewandelt,« freue ich mich bei dem Gedanken, daß Sie, während Sie hierdurch ihren eigenen Ruhm beträchtlich vermehren, zugleich auch die Ansprüche unseres Vaterlandes auf den Vorrang in denjenigen Zweigen des Wissens erneuern, in welchen wir freilich seit einigen Jahren unseren alten Ruf nur schwach gewahrt haben. Indem ich so den günstigen Erfolg Ihres Werkes vorherzusagen wage, dürfte es ziemlich überflüssig sein, einen Wunsch für die Erfüllung dieser Prophezeihung auszudrücken; eine allgemeinere Hoffnung jedoch darf ich wohl aussprechen, die nämlich, daß Sie noch lange Muße und Neigung zu den literarischen Arbeiten behalten mögen, in welchen Sie eine so umfassende Gelehrsamkeit besitzen, und daß dieselben, wie bisher, so auch fernerhin, Sie bisweilen von sich selbst, nie aber von Ihren Freunden abziehen möchten.

Ich habe die Ehre zu sein
Werther Herr
Ihr sehr ergebener
E. L. Bulwer.
Leamington, 21. September 1834

Vorrede.

Beim Besuche der wieder an's Licht gebrachten Ueberreste einer alten Stadt, die den Reisenden mehr vielleicht in die Nähe von Neapel ziehen, als die köstliche Luft oder die wolkenlose Sonne, die Veilchenthäler oder Orangenhaine des Südens, beim Anblicke der noch immer frischen und lebhaften Häuser, Straßen, Tempel und Theater eines Platzes, aus dem stolzesten Zeitpunkte des römischen Reichs – war es vielleicht ganz natürlich, daß ein Schriftsteller, der früher schon, wenn auch nur mangelhaft, in der Kunst, wieder zu beleben und zu schaffen, sich versucht hat, den innigen Wunsch empfand, diese verlassenen Straßen noch einmal zu bevölkern, diese anmuthigen Ruinen wieder herzustellen, die Gebeine, die ihm zu sehen vergönnt war, wieder zu beleben, die Kluft von achtzehn Jahrhunderten zu überspringen und zu einer zweiten Existenz zu erwecken – die Stadt der Todten!

Der Leser kann sich fernerhin leicht denken, wie gewaltig dieses Verlangen in Einem werden mußte, der fühlte, daß er sein Unternehmen ausführen könne, dem Pompeji selbst nur wenige Meilen entfernt – die See, die einst seine Schiffe trug und seine Flüchtlinge aufnahm, zu Füßen – und der verhängnisvolle Berg Vesuv, noch immer Rauch und Feuer athmend, beständig vor Augen lag!Dieses Werk wurde beinahe vollständig im vorigen Winter zu Neapel niedergeschrieben. Bei meiner Rückkehr nach England war ich zu sehr mit politischen Gegenständen beschäftigt, um viele Zeit zu rein literarischen Arbeiten zu haben, außer allenfalls in den nicht unwillkommenen Zwischenräumen, wo das Parlament schlafen geht, und die anderen Gegenstände des menschlichen Lebens erwachen läßt, indem es nämlich seine ermüdeten Gesetzgeber entsendet, theils zu den verschiedenen Arten der Jagd nachzugehen, theils um Ochsen zu mästen, und endlich auch, um das Feld der Literatur zu bearbeiten.

Ich verhehlte mir übrigens von Anfang an die großen Schwierigkeiten nicht, mit denen ich zu kämpfen hatte. Die Sitten des Mittelalters darzustellen und seine Lebensweise zu beschreiben, erforderte die Hand eines großen Geistes und doch ist diese Aufgabe vielleicht leicht und bequem im Vergleich zu derjenigen, die sich's zum Ziele setzt, eine viel frühere, uns weniger vertraute Epoche darzustellen.

Für die Menschen und Gebräuche aus der Feudalzeit fühlen wir eine natürliche Sympathie; diese Menschen waren unsere Vorfahren – von diesen Gebräuchen überkamen wir die unsrigen – der religiöse Glaube unserer ritterlichen Ahnen ist noch heute der unsrige – ihre Gräber heiligen noch jetzt unsere Kirchen – die Ruinen ihrer Burgen schauen noch heutzutage zürnend auf unsere Thäler herab. In ihren Kämpfen für Freiheit und Gerechtigkeit finden wir den Keim unserer gegenwärtigen Institutionen und in den Elementen ihres gesellschaftlichen Zustandes erblicken wir den Ursprung unseres eigenen.

An die klassischen Zeiten hingegen knüpfte sich für uns keine häusliche oder vertraute Beziehung. Der Glaube jener entschwundenen Religionen, die Gebräuche jener vergangenen Civilisation bieten wenig dar, was für unsere nordische Einbildungskraft heilig oder anziehend wäre; auch werden sie uns durch die scholastischen Pedanterien, die uns zuerst mit ihrem Wesen bekannt machten, noch mehr entkleidet und stehen mit der Erinnerung an Studien in Verbindung, die eher als Arbeit auferlegt, denn als Sache des Vergnügens betrieben wurden.

Gleichwohl übrigens schien mir die Aufgabe trotz ihrer Schwierigkeiten des Versuches werth; und in dem von mir auserwählten Zeitpunkte und Schauplatze dürfte sicherlich Vieles gefunden werden, was die Neugierde des Lesers erweckt, und sein Interesse an die Schilderungen des Verfassers fesselt. Es war das erste Jahrhundert unserer Religion – die civilisirteste Periode Roms – die Geschichte spielt an Orten, deren Ueherbleibsel wir noch heute sehen – und die Katastrophe ist eine der fürchterlichsten, welche die Tragödien der alten Geschichte unserem Auge darbieten.

Von den mir reichlich vorliegenden Materialien war ich bemüht, diejenigen auszuwählen, die für einen Leser der neueren Zeit am anziehendsten sein dürften; die ihm am wenigsten fremden Gebräuche und religiösen Meinungen – Schatten, die – wieder belebt, – ihm Bilder darstellten, welche, obschon die Repräsentanten der Vergangenheit, dennoch auch den Betrachtungen der Gegenwart am wenigsten uninteressant erschienen. Es erforderte fürwahr eine größere Selbstbeherrschung, als sich der Leser auf den ersten Blick denken mag, um so Vieles von der Hand zu weisen, was an und für sich höchst einladend war, was aber, obschon es einzelnen Theilen des Werkes Anziehungskraftt verliehen hätte, dennoch die Symmetrie des Ganzen beeinträchtigt haben würde. So spielt z.B. meine Geschichte unter der kurzen Regierung des Titus, als Rom auf seiner stolzesten und riesenhaftesten Höhe ungezügelten Luxus und unbeschränkter Macht stand. Es war darum eine höchst einladende Versuchung für den Verfasser, die Personen seiner Geschichte im Verlaufe der Ereignisse von Pompeji nach Rom zu führen. Was könnte solchen Stoff zur Schilderung, oder ein solches Feld für die Eitelkeit der Darstellung bieten, als jene prachtvolle Weltstadt, deren Größe der Einbildungskraft eine so herrliche Begeisterung – der Forschung eine so vortheilhafte und feierliche Würde verleihen müßte? Da ich mich jedoch bei der Wahl von Zeit und Schauplatz für den Untergang von Pompeji entschieden hatte, so bedurfte es nur einer geringen Einsicht in die höheren Prinzipien der Kunst, um zu begreifen, daß die Erzählung sich durchaus auf Pompeji selbst beschränken müsse.

In Gegensatz zu dem mächtigen Pompe Roms gebracht, wären der Luxus und Schimmer der lebhaften campanischen Stadt zur Unbedeutendheit herabgesunken. Ihr entsetzliches Geschick würde nur als ein kleiner und vereinzelter Schiffbruch auf den ungeheuern Meeren des Kaiserreiches erschienen sein, und die zu Erhöhung des Interesses meiner Schilderung herbeigerufene Hülfsmacht würde lediglich die Sache, zu deren Unterstützung sie aufgeboten wurde, zernichtet und überwältigt haben. Ich sah mich deshalb genöthigt, auf einen an und für sich so verlockenden Ausflug zu verzichten und unter strenger Beschränkung meiner Geschichte auf Pompeji Andern die Ehre zu überlassen, die hohle, aber majestätische Civilisation Roms zu schildern.

Die Stadt, deren Geschick mir eine so erhabene und fürchterliche Katastrophe darbot, gab mir auch auf den ersten Blick auf ihre Ueberbleibsel unschwer diejenigen Charaktere an die Hand, die dem Stoff und Schauplatz am besten anpaßten. Die halbgriechische Colonie des Herkules, die mit den Gebräuchen Italiens so viele aus Hellas entlehnte Sitten vermischte, wies von selbst auf die Personen des Glaukus und der Ione hin. Der Gottesdienst der Isis, ihr vorhandener Tempel, mit den falschen, entschleierten Orakeln; der Handel Pompeji's mit Alexandria, die Verbindungen des Sarnus mit dem Nil führten auf den Egypter, Arbaces, den niederträchtigen Kalenus, und den feurigen Apäcides. Die frühen Kämpfe des Christenthums mit dem heidnischen Aberglauben ließen den Olinthus erstehen und die verbrannten Felder Campaniens, längst bekannt durch die Künste der dortigen Zauberinnen, riefen die Saga des Vesuvs ganz von selbst hervor. Den Gedanken, das blinde Mädchen auftreten zu lassen, verdanke ich einer zufälligen Unterredung mit einem Herrn, der wegen seiner vielseitigen Kenntnisse und Erfahrungen unter den zu Neapel lebenden Engländern wohl bekannt ist. Als er nämlich von der tiefen Finsternis, welche den ersten von der Geschichte uns aufbewahrten Ausbruch des Vesuvs begleitete, und von dem weiteren Hindernisse sprach, das dieselbe für die Flucht der Einwohner bildete, bemerkte er, daß die Blinden in einem solchen Falle am besten daran sein und sich am leichtesten retten würden. Diese Bemerkung nun bewirkte die Erschaffung der Nydia.

Die Personen sind also die natürlichen Kinder des Schauplatzes und der Zeit, und auch die Ereignisse dürften meines Erachtens mit der damals existirenden Gesellschaft im Einklange stehen; denn nicht bloß, um die gewöhnlichen Gebräuche des Lebens, die Feste und das Forum, die Bäder und das Amphitheater, den allgemein bekannten, damals herrschenden Luxus zu schauen, rufen wir die Vergangenheit zurück; gleich wichtig und noch unendlich interessanter sind die Leidenschaften, die Verbrechen und die Wechselfälle, die die Schatten, die wir hiermit zum Leben rufen, bewegt haben mögen. Wir verstehen eine Weltepoche nur sehr schlecht, wenn wir das Romantische in ihr vernachlässigen; – in der Poesie des Lebens liegt eben so viel Wahrheit, als in seiner Prosa.

Da bei Behandlung einer wenig gekannten und weit hinter uns liegenden Zeit die größte Schwierigkeit darin liegt, die eingeführten Personen vor dem Auge des Lesers »leben und weben« zu lassen, so sollte dies ohne Zweifel das erste Bestreben bei einem derartigen Werke sein; und alle Versuche zu Entfaltung erlernter Kenntnisse dürfen nur als untergeordnete Mittel zu Erreichung dieses Haupterfordernisses der Dichtung betrachtet werden. Die erste Kunst des Dichters (des Schöpfers) ist, seinen Geschöpfen Lebensathmen einzuhauchen – die zweite, ihre Worte und Handlungen der Epoche, in welcher sie sprechen und handeln sollen, anzupassen. Letztere Kunst wird vielleicht dadurch am besten in Anwendung gebracht, daß man die Kunst selbst dem Leser nicht beständig vor Augen führt, nicht jede Seite mit Citaten, nicht den Rand mit Noten füllt. Beständige Verweisungen auf gelehrte Autoritäten haben den Werken der Dichtung etwas Ermüdendes und Anmaßendes an sich. Sie erscheinen wie Lobreden, die der Verfasser seiner eigenen Genauigkeit und seinem Wissen hält; sie dienen nicht dazu, seine Gedanken in ein klares Licht zu setzen, sondern lassen nur seine Gelehrsamkeit strahlen. Der Anschauungsgeist jedoch, der antiken Bildern antike Farben zu verleihen weiß, ist wohl die wahre Gelehrsamkeit, welche ein derartiges Werk erfordert, – ohne jenen Geist ist die Pedanterie störend und ärgerlich, mit demselben aber unnöthig. Niemand, der genau weiß, was die prosaische Dichtung nunmehr geworden ist, der ihre Würde, ihren Einfluß, die Art, wie sie allmählig alle ähnlichen Zweige der Literatur absorbirt hat, ihr Vermögen, zu belehren sowohl, als zu unterhalten, völlig erkennt, kann ihre Beziehung zur Geschichte, zur Philosophie, zur Politik, – ihre gänzliche Uebereinstimmung mit der Poesie und ihre Unterwürfigkeit unter die Wahrheit so weit verkennen, um sie zu scholastischer Frivolität herabwürdigen zu wollen; sie erhebt ja die Schulwissenschaft zur schaffenden Kraft, und ist weit entfernt, die letztere unter das Joch der ersteren zu beugen.

Was die Redeweise der eingeführten Personen anbelangt, so war ich sorgfältig bemüht, das zu vermeiden, was mir von jeher als ein unglücklicher Irrthum derer erschienen ist, die in unseren Tagen Menschen aus der klassischen Zeit vorzuführen versuchten.Was das klare und scharfe Urtheil Sir Walter Scotts in seiner Vorrede zu Ivanhoe (erste Ausgabe) so trefflich ausgedrückt hat, scheint mir wenigstens eben so gut seine Anwendung auf einen Schriftsteller zu finden, der seinen Stoff aus dem klassischen Alterthum, als auf einen, der ihn aus den Feudalzeiten schöpft. Möge mir gestattet sein, mich hier der betreffenden Worte zu bedienen, und mir dieselben für den Augenblick achtungsvoll und ehrwürdig anzueignen: Die Autoren haben denselben meistens die hochtrabenden Sentenzen, die kalte und didaktische Feierlichkeit der Sprache in den Mund gelegt, die sie in den vorsätzlich bewunderten klassischen Schriftstellern finden; Römer im gewöhnlichen Leben in den Perioden Cicero's sprechen zu lassen, ist aber eben so widersinnig, als wenn ein Novellendichter seinen englischen Charakteren die langen Phrasen Johnson's oder Burke's zuschreiben wollte. Der Fehler ist sogar um so größer, weil er unter der Maske von Gelehrsamkeit und Wahrheit nur den gänzlichen Mangel einer richtigen Beurtheilungskraft verräth; weil er ermüdet, langweilt, ärgert, und weil wir beim Gähnen nicht einmal die Befriedigung haben, zu denken, daß wir gelehrt gähnen. Um den Gesprächen klassischer Personen einige Treue zu verleihen, müssen wir uns namentlich hüten, die Gelegenheit zu klassischen Redensarten an den Haaren herbeizuziehen. Nichts kann einem Schriftsteller ein steiferes und unbehaglicheres Ansehen geben, als das hastige und plötzliche Umwerfen der Toga. Wir müssen zu unserer Aufgabe die vertraute Bekanntschaft vieler Jahre mitbringen; die Anspielungen, die Wendungen und Ausdrücke, so wie die Sprache überhaupt, müssen aus einem längst angefüllten Strome fließen; die Blumen müssen aus natürlichem Boden versetzt und nicht etwa aus zweiter Hand auf dem nächsten Marktplatze gekauft werden. Dieser Vorzug nun, der allerdings lediglich in der genauen Bekanntschaft mit dem Stoffe liegt, ist fast mehr Sache des Zufalls als des eigenen Verdienstes; denn er hängt von dem Umfange ab, in welchem die Klassiker in unsere Jugenderziehung und in das Studium unserer reiferen Jahren hineingezogen wurden. Wäre übrigens ein Schriftsteller sogar im Besitze der höchsten Vorzüge, die Erziehung und Studium hiebei an die Hand gehen können, so dürfte er doch kaum im Stande sein, sich in ein von dem seinigen so gänzlich verschiedenes Zeitalter zu versetzen, ohne daß einige Ungenauigkeiten, einige durch Unachtsamkeit oder Vergeßlichkeit entstandene Fehler in seine Zeichnungen sich einschlichen. Wenn fernerhin sogar in Werken über die Gebräuche der Alten, die von der ernstesten und ausgearbeitesten Art und von den gelehrtesten Männern verfaßt sind, einzelne derartige Unvollkommenheiten oft durch einen verhältnismäßig nur oberflächlich unterrichteten Kritiker entdeckt werden, so müßte es denn doch von mir allzu anmaßend erscheinen, wenn ich hoffen wollte, daß ich glücklicher gewesen sei, als unendlich gelehrtere Männer, und zwar in einem Werke, bei welchem die Gelehrsamkeit unendlich weniger erforderlich ist. Genug, wenn dieses Buch trotz aller seiner Unvollkommenheiten als ein in der Farbengebung vielleicht ungeübtes, in der Zeichnung mangelhaftes, aber gleichwohl nicht völlig unähnliches Gemälde der Zeit erfunden wird, die ich zu schildern unternommen – so möchte es fernerhin (was weit wichtiger ist) eine richtige Darstellung der menschlichen Leidenschaften und des menschlichen Herzens bieten, deren Grundstoffe zu allen Zeiten dieselben sind! Möge mir endlich gestattet sein, den Leser zu erinnern, daß, wenn es mir gelungen ist, einer Beschreibung klassischer Gebräuche und einer Geschichte aus der klassischen Zeit einiges Interesse und Leben zu verleihen, mir etwas gelang, was bis daher Allen mißlang;Man muß mir verzeihen, wenn ich selbst Barthelemy nicht ausnehme. Sein Anarchasis ist ein Werk voll wunderbarer Gewandtheit, Sorgfalt, Eleganz und Forschung; aber es ist kein Leben darin! Es macht allerdings keinen Anspruch darauf, ein wirklicher Roman zu sein; aber selbst als fingierte Reiseschilderung ist es schwerfällig und ermüdend. Aeußere Gelehrsamkeit findet sich in Menge, aber der innere Geist fehlt. Barthelemy wurde nicht vom Wein des Alterthums entzückt, aber er hat eine gewaltige Menge von Weinlisten zusammengetragen. »Anacharsis,« sagte Schlegel treffend und witzig, »sieht Alles auf seinen Reisen nicht wie ein junger Scythe an, sondern wie ein alter Pariser!« Ja, und wie ein Pariser, der nie in dem Leser den Gedanken erweckt daß er überhaupt gereist sei – außer allenfalls in seinem Armstuhl. aus diesem Vordersatze aber entwickelt sich nothwendigerweise als ebenso tröstliches, obwohl minder glorreiches Correlat, daß, wenn mein Unternehmen fehl schlug, ich da unterlag, wo Alle scheiterten! Nach solchem Ausspruche weiß ich nichts Besseres zu thun, als sogleich zu schließen. Kann ich etwas Sprechenderes sagen, um zu beweisen, daß ein Schriftsteller nie halb so viel Scharfsinn entwickelt, als wenn er bemüht ist, seine eigene Schöpfung ins bestmöglichsten Licht zu stellen?

Erstes Buch.

Quid sit futurum eras, fuge quaerere;
Quem sors dierum cunque dabit, luero
Appone: nec dulces amores
Sperne puer, neque tu choreas.
Hor. lib. I. od. 9.

Erstes Kapitel.

Die zwei edlen Pompejaner.

»Ha, Diomed, gut, daß ich Dich treffe. Speisest Du diesen Abend bei Glaukus?« sagte ein junger Mann von kleinem Wuchse, der seine Tunika in jenen lockern und weibischen Falten trug, die in ihm einen vornehmen und eleganten Herrn erkennen ließen.

»Ach nein, mein lieber Klodius, er hat mich nicht eingeladen,« antwortete Diomed, ein Mann von mittleren Jahren und stattlichem Aussehen. »Beim Pollux! er hat mir da einen schlechten Streich gespielt; man sagt, seine Abendessen seien die besten in Pompeji.«

»Sie sind nicht schlecht, aber es gibt für mich nie Wein genug dabei. Das wahre Blut der alten Griechen rollt in Glaukus' Adern nicht; denn er behauptet, wenn er des Abends Wein getrunken habe, besitze der den andern Tag keinen Verstand mehr.«

»Seine Sparsamkeit hat nach meiner Meinung nach einen andern Beweggrund,« sagte Diomed, seine Augenbrauen runzelnd; »trotz seiner Eitelkeit und Verschwendung halte ich ihn nicht für so reich, als er zu sein vorgibt, und er schont vielleicht lieber seine Amphoren, als seinen Verstand.«

»Das ist ein Grund mehr, seine Gastereien zu besuchen, so lange seine Sestertien dauern. Im nächsten Jahre, Diomed, werden wir uns einen andern Glaukus suchen müssen.«

»Er soll auch ein Freund vom Würfelspiele sein.«

»Er liebt alle Vergnügungen; und so lange er es liebt, Abendessen zu geben, werden wir Alle auch ihn lieben.«

»Schön, mein Klodius, das ist gut gesagt! aber, gelegentlich gesprochen, hast Du meinen Keller nie gesehen?«

»Ich erinnere mich dessen nicht, mein guter Diomed.«

»Nun, so mußt Du an einem der nächsten Abende mit mir zu Nacht speisen; ich habe Muränen in meinem Behälter und werde den Aedil Pansa auch einladen.«

»Oh! mache keine Umstände mit mir! – Persicos odi apparatus. Ich bin leicht zufrieden zu stellen. Aber der Tag neigt sich; ich habe im Sinne, in's Bad zu gehen – und Du?«

»Ich gehe zum Quästor – Staatsangelegenheiten; – hierauf in den Isistempel. Lebe wohl!«

»Was ist das für ein prahlsüchtiger, anscheinend bis über den Kopf beschäftigter und schlecht erzogener Bursche!« sagte Klodius leise zu sich, während er sich langsam entfernte; »er denkt uns mit seinen Festen und seinem Keller vergessen zu machen, daß er der Sohn eines Freigelassenen ist; und was wollen wir auch, so oft wir ihm die Ehre erweisen, ihm sein Geld abzugewinnen; diese reichen Plebejer sind für uns verschwenderische Patrizier eine wahre Ernte.«

Unter diesem Selbstgespräche gelangte Klaudius in die Via Domitiana, die, voll von Fußgängern und Equipagen, ganz dieselbe übermäßige Lebendigkeit, Rührigkeit und Fröhlichkeit zeigte, wie man sie noch heutzutage in den Straßen von Neapel findet.

Die Schellen der schnell an einander vorbeifahrenden Wägen drangen lustig zum Ohre, und Klodius grüßte die Eigenthümer der Equipagen, die sich durch ihre Eleganz oder Eigenthümlichkeit am meisten bemerklich machten, mit einem Lächeln oder Kopfnicken; – denn es gab in der That keinen jungen Mann in ganz Pompeji, der eine so ausgebreitete Bekanntschaft gehabt hätte.

»Ah! Du bist es, Klodius! und wie hast Du auf Dein Glück geschlafen?« rief mit angenehmem und sanftem Tone ein junger Mann, der in einem herrlich und anmuthig gebauten Wagen saß. Auf der bronzenen Außenseite waren von griechischer Künstlerhand Basreliefs angebracht, welche die olympischen Spiele vorstellten. Die an seinem Wagen befindlichen Pferde waren von der seltesten parthischen Race; ihre schlanken Glieder schienen die Erde zu verachten und in der Luft zu schweben, und doch standen sie bei der leisesten Bewegung des Kutschers, der sich hinter dem Herrn der Equipage befand, unbeweglich still, wie wenn sie plötzlich in Stein verwandelt worden wären, scheinbar leblos, aber lebensähnlich, wie eines der Wunderwerke des Praxiteles. Auch der Herr selbst war von jener schlanken und schönen Symmetrie, welche die athenischen Bildhauer zu ihren Modellen wählten; an seinen leichten, in Büscheln herabfallenden Locken und an der vollkommenen Harmonie, die in seinen Zügen herrschte, verrieth sich seine griechische Abkunft. Er trug keine Toga – ein Kleidungsstück, das zu den Zeiten der Kaiser kein unterscheidendes Merkmal der römischen Bürger mehr war, und über das sich alle Tonangeber in der Mode lustig machten; aber seine Tunika glühte im reichsten Schimmer des tyrischen Purpurs und die Fibulä oder Schnallen, die sie zusammenhielten, waren mit Smaragden geschmückt. Um den Hals trug er eine goldene Kette, die sich in der Mitte der Brust in die Gestalt eines Schlangenkopfs verflocht, aus dessen Munde ein Siegelring von ausgesuchter Arbeit hing. Die Ärmel seiner Tunika waren weit und am Handgelenke mit goldenen Fransen geziert, und ein mit Arabesken gestickter, von demselben Stoffe wie die Fransen, gefertigter und um den Leib geschlungener Gürtel diente ihm statt der Taschen, um Sacktuch, Beutel, Griffel und Schreibtafel darin aufzubewahren.

»Mein lieber Glaukus,« sagte Klodius, »ich freue mich, daß Dein Verlust auf Dein Aussehen so wenig Einfluß geübt hat. Du siehst ja aus, als ob Du von Apollo begeistert worden wärest, und Dein Gesicht strahlt wie eine Glorie von dem Glanze des Glücks. Jedermann würde Dich für den glücklichen Spieler und mich für den Verlierenden halten.«

»Ach! mein Klodius, was liegt denn in dem Gewinn oder Verluste dieses elenden Metalls, das unsere Heiterkeit stören sollte? Beim Jupiter, so lange wir noch jung sind und die vollen Locken mit Kränzen bedecken können, so lange die Töne der Zithara noch zu ungesättigten Ohren dringen und das Lächeln Lydia's oder Chloe's über unsere Adern hinfliegt, in welchen das Blut so schnell fließt, müssen wir auch beim Anblick des Sonnenlichts uns freuen, und sogar die Zeit zwingen, nur die Schatzmeisterin unserer Vergnügungen zu sein. Du weißt wohl, daß Du diesen Abend bei mir speisest?«

»Wer vergäße je eine Einladung von Glaukus!«

»Wohin gehst Du jetzt?«

»Ich dachte ins Bad zu gehen; aber es ist noch eine ganze Stunde bis zur gewöhnlichen Zeit.«

»Gut, da will ich meinen Wagen zurücksenden und Dich begleiten. So, so, mein Philias,« fuhr er fort, indem er das Pferd liebkoste, das ihm zunächst stund und durch ein leichtes Wiehern und durch ein Zurücklegen seiner Ohren die Zärtlichkeit spielend heimgab; »du hast heute Feiertag. Ist dies nicht ein schönes Thier, Klodius?«

»Des Phöbus würdig,« antwortete der edle Parasit, »oder des Glaukus.«

Zweites Kapitel.

Das blinde Blumenmädchen und die Modeschönheit. – Geständnis des Atheners – Der Leser macht die Bekanntschaft des Arbaces von Egypten.

Während sich die beiden jungen Männer über tausenderlei verschiedene Gegenstände flüchtig besprachen, durchwandelten sie die Straßen der Stadt mit leichtem Schritte. Sie waren in das Quartier der reichsten Kaufläden gelangt, deren offenstehendes Innere von der flimmernden, aber harmonischen Pracht der Fresken strahlte, die in Geschmack und Zeichnung von unsäglicher Mannigfaltigkeit waren. Die sprudelnden Springbrunnen, die, wo sich ein freier Anblick darbot, ihren kühlenden Schaum in die Sommerluft schleuderten; die Menge der Vorübergehenden oder vielmehr der Umherschlenderer, von denen der größere Theil in Gewänder von tyrischem Purpur gekleidet war, die um die reizendsten Läden versammelten Haufen, die hin und her wandelnden Sklaven mit bronzenen Gefäßen von den anmuthigsten Formen auf dem Kopf; die da und dort stehenden jungen Landmädchen mit Röcken voll hochrother Früchte oder Blumen, welche für die alten Bewohner Italiens reizender waren, als für ihre Nachkommen, denen in der That latet anguis in herba – in jedem Veilchen oder jeder Rose eine Krankheit zu lauern scheint.Die neueren Italiener, besonders die in den südlichen Theilen Italiens, haben einen eigenthümlichen Abscheu gegen Parfümerie; sie betrachten dieselben als besonders ungesund; und die römischen und neapolitanischen Damen bitten ihre Gäste, sich derselben nicht zu bedienen. Sonderbar genug aber ist der gegen Wohlgerüche so empfindliche Geruchsinn ganz stumpf für das Gegentheil. Man kann Rom wörtlich – Sentina gentium – nennen. Die verschiedenen Versammlungsörter, die bei diesem geschäftslosen Volke unsere Kaffeehäuser und Clubs ersetzen; die Schuppen, in welchen auf Marmortafeln Gefäße mit Wein und Öl aufgestellt waren, und vor deren Schwellen Bänke, die man durch ausgespannte Purpurdecken gegen die Sonne geschützt hatte, die Müden zum Ausruhen, die Müßiggänger zum Verweilen einluden – Alles dieses bildete eine so bunte, belebte und belebende Scene, daß der athenische Geist des Glaukus wegen seiner Empfänglichkeit für die Freude dadurch wohl entschuldigt wurde.

»Sprich mir nicht mehr von Rom,« sagte er zu Klodius. »In seinen mächtigen Mauern sind die Vergnügungen zu prunkvoll und schwerfällig. Sogar in dem Kreise des Hofes, in dem vergoldeten Hause des Nero, inmitten der beginnenden Pracht des für Titus bestimmten Palastes liegt eine gewisse Schwerfälligkeit. Das Auge leidet darunter und der Geist wird dadurch ermüdet. Überdies macht es uns angenehm, mein lieber Klodius, den unermeßlichen Luxus und Reichthum Anderer mit der Mittelmäßigkeit unserer eigenen Zustände vergleichen zu müssen. Hier hingegen überlassen wir uns ganz behaglich den Vergnügungen und genießen den vollen Glanz des Luxus ohne das Ermüdende seines Pompes.«

»Aus diesem Grunde also hast Du Pompeji zu Deinem Sommeraufenthalt gewählt?«

»Ja wohl; ich ziehe Pompeji Bajä vor. Zwar lasse ich den Reizen von Bajä Gerechtigkeit widerfahren; aber ich hoffe die Pedanten, die es bewohnen und jedes ihrer Vergnügungen nach Drachmen abzuwägen scheinen.«

»Und doch bist Du ein Freund der Gelehrten, und was Poesie betrifft, so sind ja Äschylus und Homer, das Epos, wie das Drama, bei Dir zu Hause.«

»Ja, aber diese Römer, die meine athenischen Vorfahren nachahmen, benehmen sich bei Allem so schwerfällig! Selbst wenn sie auf die Jagd gehen, lassen sie sich die Werke Plato's von ihren Sklaven nachtragen; und wenn sie die Fährte des wilden Schweines verlieren, greifen sie nach ihren Büchern und ihrem Papyrus, um nicht auch die Zeit zu verlieren. Während die Tänzerinnen in dem ganzen Zauber persischer Tänze vor ihren Augen hingleiten, liest ihnen ein Freigelassener mit einem Marmorgesichte ein Kapitel aus Cicero de officiis vor. Ungeschickte Parmazisten! Vergnügen und Studium, sind keine vereinbare Elemente; man muß sie getrennt genießen; die Römer aber verlieren beide Genüsse durch diese vorwitzige Affektation von Versteinerung, und beweisen dadurch, daß sie weder für den einen noch für den andern Sinn haben. Oh! mein lieber Klodius, wie wenig verstehen Deine Landsleute von der wahren Geschmeidigkeit des Perikles, von den wahren Zauberkünsten einer Aspasia! Gestern besuchte ich Plinius. Er saß in seinem Sommerhause und schrieb, während ein unglücklicher Sklave Flöte blies. Sein Neffe, (ach! Ohrfeigen möchte ich solchen philosophischen Zierbengeln geben!) sein Neffe las die Beschreibung der Pest von Thucybides, begleitete bisweilen die Musik mit einem Nicken seines dünkelhaften Köpfchens, während seine Lippen all die Ekel erregenden Details dieser schrecklichen Schilderungen vortrugen. Dieser junge Windbeutel fand es ganz in der Ordnung, zu gleicher Zeit ein Liebeslied und die Beschreibung der Pest zu lernen.«

»Nun, sie sind auch ziemlich dasselbe!« meinte Klodius.

»Dies sagte ich auch wirklich zu ihm, um seine Abgeschmacktheit zu entschuldigen; aber mein junger Philosoph sah mich vorwurfsvoll an, und antwortete mir, ohne den Spott zu verstehen, die Musik ergötze nur den Sinn des Gehörs, während das Buch (wohl zu bedenken, die Beschreibung der Pest!) das Herz erhebe. ›Ach!‹ sagte der dicke Oheim, ›mein Neffe ist ein ganzer Athenienser, der das utile mit dem dulci zu vereinigen weiß.‹ Bei der Minerva, wie lachte ich in die Faust hinein. Ich war noch da, als man dem philosophischen Schulknaben meldete, daß sein liebster Freigelassener eben am Fieber sterbe. ›Unerbittlicher Tod!‹ rief er, ›bringet mir meinen Horaz. Wie schön weiß dieser liebenswürdige Poet auch in solcherlei Unglücksfällen zu trösten!‹ Oh, können solche Leute lieben, mein Klodius? Kaum mit den Sinnen! Wie selten hat ein Römer ein Herz! Er ist nur eine geistige Maschine, der Fleisch und Blut fehlt.«

Obschon Klodius sich im Geheimen etwas verletzt fühlte, als er seine Landsleute so herabwürdigen hörte, so stellte er sich doch, als ob er derselben Meinung sei, wie sein Freund; theils weil er von der Natur ein Parasit, theils weil es damals unter den leichtsinnigen jungen Römern Sitte war, gegen dieselbe Abkunft, die sie in Wirklichkeit so anmaßend machte, einige Verachtung zu affektiren. Es gehörte zur Mode, die Griechen nachzuahmen und sich zugleich über diese ungeschickte Nachäfferei lustig zu machen.

Während dieses Gesprächs wurden ihre Schritte von der Menge aufgehalten, die sich an einem offenen Platze, wo drei Straßen zusammenliefen, versammelt hatte. Hier, im Schatten der Säulenhalle eines Tempels von graziöser und leichter Architektur, stand ein junges Mädchen, am rechten Arm ein Blumenkörbchen, in der linken Hand ein kleines, dreisaitiges Instrument, zu dessen schwachen und angenehmen Tönen sie ein halb barbarisches Lied sang. Bei jeder Ruhepause in der Musik bot sie mit Anmuth den Zuschauern ihr Körbchen dar, und lud sie zum Kaufe der Blumen ein; und mehr als ein Sesterz fiel in den Korb, entweder zur Belohnung des Gesanges, oder als ein Beweis der Theilnahme an der Sängerin – denn sie war blind.

»Es ist meine arme Thessalierin,« sprach Glaukus stille stehend. »Ich habe sie seit meiner Rückkehr nach Pompeji nicht wieder gesehen. Sie hat eine angenehme Stimme; wir wollen ihr zuhören.«

Das Lied des blinden Blumenmädchens

1.

Kauft meine Blumen, hört meine Klagen,
Ich komm' aus der Ferne, ich bin blind;
Wenn die Erde so schön ist, wie sie sagen,
Die Blume hier ist der Erde Kind!
Ihr seht noch die Schönheit, die sie ihr lieh?
Sie kommt so eben von ihrem Schooß;
Vor einer Stunde erst riß ich sie
Aus dem Schlafe in ihren Armen los,
Mit der Kunst, die ihr zarter Odem ist,
Die ihr zarter, lieblicher Odem ist,
Und tosend sich über sie ergoß!

Seht, wie auf den Lippen ihr Kuß noch schwebt,
Wie auf den Wangen die Thräne noch bebt,
Denn sie weinet, die zärtliche Mutter weinet,
(Wenn sie, Sorge und Sehnsucht im Herzen geeinet,
Morgens und Abends die Wache bezieht) –
Sie weinet, weil der Liebling so schön erblüht,
Sie weinet, sie weinet aus Liebe,
Und der Thau ist die Thräne der Liebe,
Die aus dem Brunnen des Herzens quillt.

2.

Ihr lebet in eitler Welt voll Licht,
Wo Liebe sich in dem Geliebten spiegelt,
Das Ohr allein ist der Blinden Gesicht,
Und ihr ist der Tag für immer verriegelt.

Wie drunten ein abgeschied'ner Geist
Steh' ich am Strome der Qual verwaist;
Ich höre die Schatten vorüberziehen
Und fühle nur ihres Odems Wehen.

Und ich möchte so gern die Geliebten schauen
Und ich recke die Arme nach ihnen all,
Doch ich fasse nur hohler Stimmen Schall,
Das Leben ist mir ein Gespenst voll Grauen.

Kauft meine Blumen, o seht sie weinen,
O hört sie seufzen die lieblichen Kleinen
(Sie haben auch eine Stimme wie wir);
»Die Blinde,« klagen die Blätterlosen,
»Versengt mit ihrem Odem die Rosen;
»Wir sind vom Lichte ans Licht gebracht,
»Wir schauern zurück vor dem Kinde der Nacht.
»O lasset uns uns're Erlösung erflehen;
»Wir schmachten nach Augen, die uns sehen.
»Wir sind zu heiter für diese Nacht,
»O gönnt uns den Tag, der aus Euch lacht,
»O kaufet, o kaufet die Blumen!«

»Ich muß diesen Veilchenstrauß haben, liebenswürdige Nydia,« sagte Glaukus, sich durch die Menge hindurchdrängend und eine Handvoll kleiner Münzen in das Körbchen werfend; »Deine Stimme ist reizender als je.«

Die junge Blinde fuhr rasch vor, als sie die Stimme des Atheners hörte, aber plötzlich stand sie still, und Hals, Wangen und Stirne überzog schnell eine hohe Röthe.

»Du bist also wieder zurückgekehrt?« sagte sie mit leisem Tone; hierauf wiederholte sie, gleichsam wie im Selbstgespräche: »Glaukus ist zurückgekehrt!«

»Ja, mein Kind, ich bin erst seit wenigen Tagen wieder in Pompeji. Mein Garten bedarf Deiner Pflege wie früher; ich rechne darauf, daß Du ihn morgen besuchest. Ich versichere Dich, daß in meinem Hause keine andere Hand Kränze flechten soll, als die der hübschen Nydia.«

Nydia lächelte, antwortete aber nicht; Glaukus stecke die ausgesuchten Veilchen an seine Brust und begab sich vergnügt und gleichgültig aus der Menge fort.

»Dieses Kind ist also eine Art Klientin von Dir?« sagte Klodius.

»Ja; – nicht wahr, sie sing recht brav? Diese arme Sklavin interessirt mich. Ueberdies ist sei aus dem Lande des Götterberges; der Olympus hat auf ihre Wege geschaut – sie ist aus Thessalien.«

»Dem Lande der Zauberinnen.«

»Allerdings; aber ich meines Theils finde, daß alle Frauenzimmer Zauberinnen sind, und bei der Venus! in Pompeji scheint die Luft sogar einen Zaubertrank eingesogen zu haben, so viele Reize findet hier mein Auge auf jedem bartlosen Gesichte.«

»Ach! da geht gerade eine der schönsten Gestalten von Pompeji vorüber, die Tochter des alten Diomed, die reiche Julia,« rief Klodius, während eine junge Dame, das Gesicht mit einem Schleier verhüllt und von zwei Sklavinnen begleitet, auf dem Wege ins Bad sich ihnen näherte.

»Schöne Julia! wir grüßen Dich,« sagte Klodius.

Julia lüftete ihren Schleier weit genug, um mit einiger Koketterie ein schönes römisches Profil, ein dunkles, feuriges Auge und eine Wange zu zeigen, über deren natürliche Olivenfarbe die Kunst ein schöneres und sanfteres Rosenroth ausgegossen hatte.

»Und Glaukus ist auch wieder zurückgekehrt?« begann sie, dem Athener einen ausdrucksvollen Blick zuwerfend. »Hat er,« setzte sie beinahe halblaut hinzu, »seine Freunde vom letzten Jahre vergessen?«

»Reizende Julia, Lethe selbst, wenn er an einem Theile der Erde verschwindet, taucht wieder an einem andern auf. Jupiter erlaubt uns nie länger als einen Augenblick zu vergessen, die strengere Venus aber gestattet selbst die Vergessenheit eines Augenblicks nicht.«

»Glaukus ist nie um schöne Worte verlegen.«

»Wer könnte es sein, wenn der Gegenstand derselben so schön ist?«

»Werden wir Euch Beide bald in meines Vaters Villa sehen?« fragte Julia, sich zu Klodius wendend.

»Wir werden den Tag, an dem wir Dich besuchen, mit einem weißen Steine bezeichnen,« antwortete der Spieler.

Julia ließ ihren Schleier wieder zurückfallen, aber langsam, so daß ihr letzter Blick mit erheuchelter Schüchternheit und wahrhaftiger Kühnheit auf dem Athener heftete. Dieser Blick drückte Zärtlichkeit und Liebe zumal aus.

Die Freunde setzten ihren Weg fort.

»Julia ist in der That sehr schön,« sagte Glaukus.

»Im verflossenen Jahre hättest Du dieses Geständnis mit mehr Wärme abgelegt.«

»Das ist wahr; beim ersten Anblicke war ich verblendet und hielt für einen kostbaren Stein, was nur Nachahmung war.«

»Ach,« meinte Klodius, »im Grunde gleichen sich alle Weiberherzen. Glücklich der Mann, der bei seiner Gemahlin Schönheit mit reicher Mitgift gepaart findet! Was kann er mehr wünschen?«

Glaukus seufzte.

Sie traten eben in eine weniger besuchte Straße, an deren Ende sie das breite und liebliche Meer unterschieden, das an diesen herrlichen Küsten auf sein Privilegium, Schrecken einzuflößen, verzichtet zu haben scheint; so sanft sind die über seine Oberfläche hinhauchenden Lüftchen, so glänzend und mannigfaltig die Farben, die es von den rosigen Wolken annimmt, so duftend die Wohlgerüche, die der Landwind über seine Tiefen hinstreut. Einem solchen Meere ohne Zweifel entstieg Anadyomene, um das Scepter der Welt zu ergreifen.

»Es ist noch zu früh ins Bad,« sagte der Grieche, der einem poetischen Antriebe nie zu widerstehen wußte; »wir wollen uns vom Geräusche der Stadt entfernen und die See betrachten, während die Mittagssonne sich auf ihren Wellen spiegelt.«

»Mit allem Vergnügen,« antwortete Klodius; »überdies ist die Bucht der lebhafteste Theil der Stadt.«

Pompeji bot ein Miniaturgemälde der Civilisation jener Zeit. In dem engen Kreise seiner Mauern fand sich so zu sagen ein Muster jeder Gabe vor, die der Luxus dem Reichthume lieferte. In seinen kleinen, aber strahlenden Verkaufsgewölben, seinen niedlichen Palästen, seinen Bädern, seinem Forum, Theater und Circus, in der Energie wie in der Verdorbenheit, in der Verfeinerung wie in der Lasterhaftigkeit seiner Einwohner sah man ein Muster des ganzen Reiches. Dies war gleichsam ein Spielzeug, ein Schaukästchen, worin die Götter zu ihrem Vergnügen ein Ebenbild der großen Monarchie der Erde aufzustellen schienen, und das sie später der Zeit entzogen, um der Bewunderung der Nachwelt die Wahrheit des Grundsatzes ans Herz zu legen: daß es nichts Neues unter der Sonne gebe.

Die spiegelglatte Bucht war mit Handelsschiffen und vergoldeten Galeeren, die den reichen Bürgern zum Vergnügen dienten, angefüllt. Die Fischernachen glitten rasch nach allen Seiten hin und in der Ferne zeigten sich die hohen Masten der von Plinius befehligten Flotte. Am Ufer saß ein Sicilianer, der unter heftigem Geberdenspiele und unter äußerster Beweglichkeit seiner Gesichtszüge eine Gruppe von Fischern und Landleuten eine sonderbare Geschichte von Schiffbruch leidenden Matrosen und liebreichen Delphinen erzählte, gerade so wie man sie heutzutage noch in der modernen Nachbarschaft auf dem Molo von Neapel hören kann.

Der Grieche zog seinen Gefährten aus der Menge fort und lenkte seine Schritte gegen einen einsamen Theil des Ufers, wo sich die beiden Freunde auf einem kleinen Felsstücke, das sich aus den glatten Kieselsteinen erhob, niedersetzten, und die wollüstige und kühle Luft einsogen, die, über die Wasser hintanzend, eine liebliche Musik bildete. Es lag vielleicht etwas in dieser Scene, das sie zum Stillschweigen und zu Träumereien einlud. Klodius hielt die Hand vor die Augen, um diese gegen den brennenden Himmel zu schützen, und überrechnete seinen Gewinn von der vorigen Woche; der Grieche aber stützte sich auf seinen Ellenbogen, ohne Scheu vor der Sonne, der Schutzgöttin seines Vaterlandes, deren strömendes Licht sein Herz mit Poesie, Liebe und Glück erfüllte, seine Blicke hafteten fest auf der ungeheuer großen Meeresfläche und beneideten vielleicht jedes Lüftchen des Mittags, das seine Schwingen nach den Küsten Griechenlands hintrug.

»Sage mir, Klodius, bist Du nie verliebt gewesen?«

»Jawohl, sehr oft.«

»Wer oft geliebt hat,« antwortete Glaukus, »hat nie geliebt. Es gibt nur einen Eros, obwohl viele Nachbildungen von ihm.«

»Diese Bilder sind, im Ganzen genommen, keine bösen Götterchen,« sagte Klodius.

»Ich gebe es zu,« versetzte der Grieche; »ich bete sogar den Schatten der Liebe an, sie selbst aber noch viel mehr.«

»Bist Du also ernstlich und nüchtern verliebt? empfindest Du dieses von den Dichtern geschilderte Gefühl, das uns dahin bringt, unsere Abendessen zu vernachlässigen, das Theater zu verschmähen und Elegien zu schreiben? Ich hätte es nie geglaubt; Du kannst Dich recht verstellen.«

»So weit bin ich noch nicht,« sagte Glaukus lächelnd; »ich spreche vielmehr mit Tibull:

Wen sanfte Liebe lenket, der ist,
Wo er auch geht, geschützt und heilig.

In der That, ich bin nicht verliebt; aber ich könnte es werden; wenn ich nur Gelegenheit hätte, den Gegenstand meiner Liebe zu sehen. Eros möchte gerne seine Fackel anzünden; aber die Priester haben ihm kein Öl gegeben.«

»Soll ich den Gegenstand Deiner Wahl erraten? Ist es nicht Diomeds Tochter? Sie betet Dich an, und gibt sich nicht einmal die Mühe, es zu verbergen, und, beim Herkules, ich wiederhole es, sie ist so schön und reich zugleich. Sie wird die Thürpfosten ihres Gatten mit goldenen Bändern umwinden.«

»Nein, verkaufen will ich mich nicht. Die Tochter Diomeds ist schön, das gebe ich zu, und es gab eine Zeit, wo ich, wenn sie nicht die Enkelin eines Freigelassenen wäre, vielleicht – Aber nein, sie trägt all ihre Schönheit auf dem Gesichte; ihr Benehmen ist nicht wie das eines Mädchens, und ihr Verstand kennt keine andere Sorge, als die für das Vergnügen.«

»Du bist undankbar. Sage mir doch, wer die glückliche Jungfrau ist.«

»Vernimm denn, mein theurer Klodius. Vor einigen Monaten befand ich mich in Neapel, einer Stadt, ganz nach meinem Herzen; denn sie bewahrt noch das Wesen und den Stempel ihres griechischen Ursprungs, und verdient durch ihr himmlisches Klima und ihre herrlichen Gestade noch immer den Namen der Parthenope. Eines Tages trat ich in den Minervatempel ein, um die Göttin nicht sowohl für mich selbst, als für die Stadt, auf welche Pallas nicht mehr lächelt, anzuflehen. Der Tempel war einsam und verlassen; die Erinnerungen an Athen drängten sich schnell und erweichend auf mich ein; da ich mich allein glaubte und in meine ernsten und frommen Betrachtungen versunken war, drang ein Gebet aus meinem Herzen hervor, schwebte über meine Lippen und betend vergoß ich Thränen. Plötzlich wurde ich hierbei durch einen tiefen Seufzer unterbrochen; ich wandte mich um und sah dicht hinter mir ein Frauenzimmer. Sie hatte ihren Schleier aufgehoben und betete gleichfalls; als sich unsere Augen begegneten, schien mir aus diesen dunkeln und leuchtenden Sternen ein himmlischer Strahl in die innerste Seele zu dringen. Nie, mein lieber Klodius, sah ich ein schöner geformtes Menschenangesicht; eine gewisse Melancholie milderte und erhob zugleich seinen Ausdruck; jenes unaussprechliche Etwas, das der Seele entspringt und das unsere Bildhauer in das Gesicht der Psyche übertrugen, verlieh ihrer Schönheit einen erhabenen und himmlischen Charakter. Thränen entströmten ihren Augen. Ich ahnete augenblicklich, daß sie athenischer Abkunft war, und daß bei meinem Gebete für Athen ihr Herz dem meinigen geantwortet hatte. Ich fragte sie mit bewegter Stimme: ›Bist Du nicht auch eine Athenerin, schöne Jungfrau?‹ Beim Klange meiner Stimme erröthete sie, bedeckte ihr Gesicht zur Hälfte mit dem Schleier und antwortete: ›Die Asche meiner Väter ruht an den Ufern des Ilissus; ich wurde zu Neapel geboren, allein mein Herz ist athenisch, wie meine Abkunft.‹ – ›Wir wollen also unsere Opfer miteinander darbringen,‹ sagte ich zu ihr. In diesem Augenblick war der Priester hereingekommen, und wir sprachen nun, nebeneinanderstehend, ihm das Gebet nach; miteinander berührten wir die Kniee der Göttin, miteinander legten wir unsere Olivenkränze auf den Altar nieder. Bei dieser gemeinschaftlichen Handlung empfand ich ein eigenthümliches Gefühl einer fast geheiligten Zärtlichkeit. Fremd, aus einem entfernten und gefallenen Lande hergekommen, standen wir hier bei einander und allein in diesem der Gottheit unseres Vaterlandes geheiligten Tempel. War es da nicht natürlich, daß mein Herz sich zu ihr hingezogen fühlte, die ich doch gewiß mit Recht meine Landsmännin nennen konnte? Mir war, als ob ich sie seit langer Zeit kenne, und dieser einfache Gottesdienst schien mir wie durch ein Wunder die Sympathie der Herzen bewirkt und die Bande der Zeit ersetzt zu haben. Wir verließen den Tempel in tiefem Stillschweigen, und als ich sie eben fragen wollte, wo sie wohne und ob ich mir nicht einen Besuch bei ihr erlauben dürfe, kam ein Jüngling, dessen Gesichtszüge einige Ähnlichkeit mit den ihrigen hatten, und der auf den Stufen des Tempels stand, herbei und erfaßte ihre Hand. Sie wandte sich noch einmal um und gab mir den Abschiedsgruß. In diesem Augenblicke trennte uns die Menge und ich sah sie nicht wieder. Bei meiner Nachhausekunft fand ich Briefe vor, die mich zur Reise nach Athen nöthigten, wo mir Verwandte meine Erbschaft streitig zu machen drohten. Nach Gewinnung meines Prozesses kehrte ich nach Neapel zurück; ich ließ in der ganzen Stadt Nachforschungen anstellen, ohne jedoch irgend eine Spur von meiner Landsmännin auffinden zu können, und in der Hoffnung, im Schooße der Vergnügungen jede Erinnerung an diese liebliche Erscheinung zu vergessen, eilte ich mich in die Herrlichkeiten Pompeji's zu versenken. Dies ist meine ganze Geschichte. Ich liebe nicht, aber ich erinnere und sehne mich.«

Klodius wollte eben antworten, als ein langsamer und gemessener Schritt sich auf den Kieselsteinen vernehmen ließ; bei diesem Geräusch wandten sie sich Beide um und erkannten augenblicklich den neuen Ankömmling.

Es war ein Mann, der kaum vierzig Jahre zählte, von hohem Wuchse und magerem aber kräftigen und sehnigen Körperbau. Seine dunkle und bronzirte Haut verrieth seinen orientalischen Ursprung und seine Züge hatten etwas Griechisches in ihren Umrissen, besonders an Kinn, Lippen, Stirne und Hals; nur war seine Nase etwas groß und gebogen, während seine harten und hervorstechenden Knochen jene fleischlichen Conturen nicht gestatteten, die einer griechischen Physiognomie selbst im Mannesalter die runden und schönen Linien der Jugend erhielten. Seine Augen waren groß und schwarz, wie die tiefste Nacht, und strahlten von einem beständigen festen Glanze. Eine tiefe, nachdenkende und beinahe melancholische Ruhe schien in ihrem majestätischen und imposanten Blicke ihren steten Wohnsitz aufgeschlagen zu haben. Sein Gang und seine Miene waren auffallend gesetzt und stolz, und der sonderbare Schnitt und die einfachen Farben seines langen Gewandes erhöhten den gewaltigen Eindruck der ruhigen Physiognomie und der stattlichen Gestalt. Die beiden jungen Männer machten, da sie ihn grüßten, maschinenmäßig ein leichtes Zeichen mit den Fingern, das sie jedoch sorgfältig vor dem Fremden verhehlten; denn Arbaces, der Egypter, galt dafür, daß er die Gabe eines unheilvollen Blickes besitze.

»Die Scene muß wirklich herrlich sein,« sagte Arbaces mit kaltem, aber höflichem Lächeln, »die den lebenslustigen Klodius und den allbewunderten Glaukus aus den volkreichen Straßen der Stadt wegzulocken vermag.«

»Ist denn die Natur im Allgemeinen so religiös?« fragte der Grieche.

»Für die Zerstreuten – ja.«

»Diese Antwort ist streng, aber ich halte sie nicht für richtig. Das Vergnügen liebt die Gegensätze; die Zerstreuung lehrt uns die Reize der Einsamkeit, die Einsamkeit die der Zerstreuung schätzen.«

»So denken die jungen Philosophen,« antwortete der Egypter; »sie halten Erschöpfung für Nachdenken, und glauben, weil sie der Welt satt sind, den Reiz der Einsamkeit zu kennen. Aber nicht in so abgematteten Herzen kann die Natur jenen Enthusiasmus erregen, der allein ihrer keuschen Zurückhaltung ihrer unaussprechlichen Schönheit zu entlocken vermag; sie fordert keineswegs Ausrottung der Leidenschaft von Euch, sondern jene ganze Glut, der Ihr Euch, indem Ihr sie anbetet, zu entschlagen suchet. Wisse, junger Athener, als sich Luna dem Edymion im geheimnisvollen Licht enthüllte, geschah dies nicht etwa nach einem in den unruhigen Wohnungen der Menschen verlebten Tag, sondern auf dem stillen Gipfel der Berge und in den einsamen Thälern des Jägers.«

»Das Gleichnis ist schön!« rief Glaukus, »aber die Anwendung falsch. Erschöpfung, sagst Du! Oh! die Jugend erschöpft sich niemals, und was mich wenigstens betrifft, so habe ich nie einen Augenblick der Sattheit kennen gelernt.«

Wiederum lächelte der Egypter; aber diesmal war sein Lächeln frostig und schneidend, und sogar Klodius, dessen Einbildungskraft nicht sehr lebhaft war, empfand ein kleines Frieren dabei. Arbaces gab übrigens auf den leidenschaftlichen Ausruf des Glaukus keine Antwort, sondern sprach nach einer Pause mit sanftem und melancholischem Tone: »Im Ganzen genommen thust Du wohl daran, das Leben zu genießen, so lang es Dir lächelt. Die Rose welkt schnell, das Parfüm verdunstet – und was uns betrifft, o Glaukus, die wir in diesem Lande fremd und hier ferne von unserer Väter Asche sind, – welche andere Wahl bleibt uns, als sinnliches Vergnügen oder Sehnsucht? Jenes für Dich, für mich vielleicht die letztere.«

Die glänzenden Augen des Griechen füllten sich plötzlich mit Thränen.

»Ach! Arbaces,« rief er aus, »sprich nicht von unsern Voreltern. Vergiß, daß es je andere Freiheiten gegeben hat, als die Roms! – und eine andere Herrlichkeit – ach, vergebens würden wir ihren Schatten auf den Feldern von Marathon und Thermopylä wieder zu erwecken suchen.«

»Dein Herz tadelt Dich, während du sprichst,« sagte der Egypter, »und bei den Freunden dieser Nacht wirst Du mehr an Leäna,Als Leäna, die heldenmüthige Geliebte Aristogeitons, gefoltert wurde, biß sie sich die Zunge ab, damit sie nicht der Schmerz verleiten möge, die gegen die Söhne des Pisistratos angesponnene Verschwörung zu verrathen; die ihr zu Ehren errichtete Statue einer Löwin sah man in Athen zur Zeit des Pausanias. als an Lais denken. Vale!«

Mit diesen Worten hüllte er sich in seinen Mantel und entfernte sich langsam.

»Ich athme wieder freier,« sagte Klodius. »Um die Egypter nachzuahmen, stellen wir bisweilen ein Skelet bei unsern Gastmählern auf; fürwahr die Gegenwart eines solchen Egypter's wäre wohl gespenstisch genug, um die herrlichste Falerner Traube zu verbittern.«

»Ein sonderbarer Mann!« sagte Glaukus mit nachdenkender Miene; »obwohl er abgestorben ist für das Vergnügen und gleichgültig gegen die Güter der Welt scheint, so könnten doch, wenn das öffentliche Gerede nicht lügt, sein Haus und Herd andere Geschichten erzählen.«

»Ja man spricht von ganz andern Orgien, als von denen des Osiris, die in seiner düstern Wohnung gefeiert werden sollen. Man versichert überdies, daß er reich sei. Sollten wir ihn nicht an uns locken und die Reize des Würfelspiels lehren können? O du größtes aller Vergnügen! Du glühendes Feuer der Hoffnung und Furcht! in Leidenschaft, die nie ermüdet! O Spiel, wie fürchterlich schön bist du!«

»Welche Begeisterung!« rief Glaukus lachend; »das Orakel spricht durch den Mund des Klodius. Welches Wunder werden wir da noch erleben?«

Drittes Kapitel.

Die Verwandtschaft des Glaukus – Beschreibung der Häuser von Pompeji – Ein klassisches Fest.

Der Himmel hatte Glaukus mit allen seinen Wohlthaten überschüttet, eine einzige ausgenommen; er hatte ihn mit Schönheit, Gesundheit, Vermögen, Talent, vornehmer Geburt, einem feurigen Herzen und einem poetischen Geiste begabt; aber er verweigerte ihm das Erbe der Freiheit. Glaukus war zu Athen geboren, der Unterthanin Roms. Frühe in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens gelangt, hatte er sich dem bei jungen Leuten so natürlichen Geschmacke für's Reisen überlassen und im Schooße pomphafter Feste am kaiserlichen Hofe in langen Zügen aus dem berauschenden Becher des Vergnügens geschlürft. Glaukus war ein Alcibiades ohne Ehrgeiz; er war, was ein Mann, der Einbildungskraft, Vermögen, Jugend und Talente besitzt, wenn man ihm die Begeisterung für den Ruhm entzieht, leicht wird. Sein Haus zu Rom war das Tagesgespräch der Lüstlinge, aber auch der Freunde der schönen Künste; die Bildhauer Griechenlands fanden ein Vergnügen daran, die Portiken und die Exedra eines Atheners auszuschmücken. Seine Wohnung zu Pompeji – ach! ihre Farben sind jetzt erbleicht und ihre Mauern ihrer Gemälde beraubt; ihre Hauptschönheit, die vollendete Ausführung und Anmuth ist entschwunden – und doch, als sie wieder an's Tageslicht gefördert wurde, welche Lobreden, welche Ausrufe der Verwunderung erweckten da ihre niedlichen Dekorationen, ihre Gemälde, ihre Mosaikarbeiten! Glaukus hatte, als ein leidenschaftlicher Verehrer der Poesie und des Drama's, die ihn an den Geist und Heldenmuth seiner Vaterstadt erinnerten, seine herrliche Wohnung mit Darstellungen aus Äschylus und Homer geschmückt; und Alterthumsforscher, die aus dem Geschmacke auf das Gewerbe schließen, haben den Kunstfreund in einen Künstler verwandelt; und obgleich seitdem ihr Irrthum anerkannt ist, nennen sie dennoch die ausgegrabene Wohnung des Atheners Glaukus fortwährend das Haus des dramatischen Dichters.

Ehe wir dieses Haus beschreiben, wollen wir dem Leser einen allgemeinen Begriff von der Art der Eintheilung der Häuser in Pompeji geben, die, wie er finden wird, im Wesentlichen den Schilderungen des Vitruvius gleichen; im Einzelnen aber alle jene Verschiedenheiten der Laune und des Geschmacks entfalten, die dem Menschen angeboren sind und die Alterthumsforscher zu allen Zeiten in Verwirrung gebracht haben. Wir wollen versuchen, unsere Beschreibung so deutlich und so wenig pedantisch als möglich zu geben.

Man tritt gewöhnlich durch einen kleinen Gang, das sogenannte Vestibulum, in eine Halle, bisweilen mit, noch öfters aber ohne Säulen. Auf drei Seiten dieser Halle sind Thüren angebracht, die zu den verschiedenen Schlafzimmern führen, unter denen sich auch das des Pförtners befindet, und von welchen die besten gewöhnlich zu Wohnungen fremder Gäste bestimmt sind. Am äußersten Ende der Halle, und zwar zu beiden Seiten, rechts und links, wenn das Haus groß ist, befinden sich zwei kleine Zimmer oder vielmehr Vertiefungen, die gewöhnlich für die Frauen des Hauses bestimmt sind; mitten auf dem gewürfelten Fußboden der Halle zeigt sich unabänderlich ein viereckiger, nicht tiefer Behälter zum Sammeln des Regenwassers, das durch eine Oeffnung in dem Dache hereinfiel, welche nach Belieben durch ein Schirmdach geschlossen werden konnte. In der Nähe dieses Impluviums, das in den Augen der Alten besonders heilig war, stellte man (in Pompeji, jedoch nicht so häufig als in Rom) die Bilder der Hausgötter auf; jener gastfreundliche Herd, von dem die römischen Dichter häufig sprechen, und der besonders den Laren geweiht war, bestand in Pompeji fast durchgehends in einer beweglichen Kohlenpfanne. In einem, und oft in dem am meisten in die Augen fallenden Winkel war eine große, hölzerne Kiste bemerklich, die bronzene oder eiserne Bänder schmückten und stärker machten, und die durch starke Haken an ein steinernes Piedestal so sehr befestigt war, daß sie allen Anstrengungen eines Räubers, sie von der Stelle zu rücken, Trotz bieten konnte. Diese Kiste hielt man für die Kasse des Hausherrn; da man indessen in keiner der zu Pompeji aufgefundenen Kisten Geld fand, so ist es wahrscheinlich, daß sie häufiger zum Zierrathe als zum Gebrauche dienten.

In dieser Halle (oder Atrium, um klassisch zu reden) empfing man gewöhnlich die Clienten und Besuche niederen Standes. In den Häusern der vornehmeren Einwohner wurde durchgängig ein Atriensis gehalten – ein Sklave, der mit dem Dienste in dieser Halle besonders beauftragt war und unter seinen Kameraden einen hohen und wichtigen Rang einnahm. Der Behälter im Mittelpunkte muß eine etwas gefährliche Verzierung gewesen sein; aber die Mitte der Halle war den Hin- und Hergehenden verboten, die ja an beiden Seiten noch hinreichend Raum fanden. Gerade dem Eingange gegenüber, an dem andern Ende der Halle, war ein Gemach (tablinum), dessen Fußboden gewöhnlich mit reichen Mosaikarbeiten geschmückt, und dessen Wände mit herrlichen Gemälden bedeckt waren. Hier wurden die Familienpapiere oder Urkunden über das öffentliche Amt, das der Hausherr bekleidet hatte, aufbewahrt. Auf einer der Seiten dieses Salons, wenn man ihm diesen Namen geben darf, befand sich häufig ein Speisezimmer (triclinium), und auf der andern Seite bisweilen ein Stübchen, das wir heutzutage ein Raritätenkabinet nennen würden, da es eine Menge solcher Gegenstände enthielt, die man für die seltensten und kostbarsten achtete; und immer endlich ein kleiner Gang für die Sklaven, um sich in die verschiedenen Theile des Hauses begeben zu können, ohne die oben erwähnten Gemächer betreten zu müssen. Alle diese Zimmer öffneten sich auf eine viereckige oder längliche Kolonnade, die man mit einem technischen Ausdrucke Peristyl nannte. War das Haus klein, so endete es mit diesem Säulengang, und in diesem Falle bildete sein Mittelpunkt, so klein er auch sein mochte, immer einen Garten, der mit auf Piedestalen stehenden Blumenvasen geschmückt war; unter der Kolonnade führten rechts und links Thüren zu den Schlafzimmern,Die Römer hatten Schlafzimmer nicht bloß für die Nacht, sondern auch zur Ruhe bei Tag (cubicula diurna). zu einem zweiten Triclinium oder Speisezimmer,Die Alten hatten in der Regel mindestens zwei diesem Gebrauch gewidmete Zimmer, eines für den Sommer, das andere für den Winter; oder vielleicht das eine für den täglichen, das andere für den festlichen Gebrauch. und wenn der Hausherr ein Freund der Literatur war, zu einem mit dem Titel einer Bibliothek geehrten Kabinet; ein sehr kleiner Raum nämlich reichte hin, um die Papyrusrollen aufzunehmen, welche die Alten für eine beträchtliche Büchersammlung hielten.

Die Küche befand sich gewöhnlich am Ende des Peristyls. War das Haus recht geräumig, so hörte es nicht mit dem Peristyl auf, und in diesem Falle war dessen mittlerer Raum kein Garten, sondern bald mit einem Springbrunnen, bald mit einem Fischbassin geschmückt, während an dem dem Tablinum entgegengesetzten Ende sich in der Regel ein zweites Speisezimmer befand, dessen beide Seiten an Schlafzimmer oder auch bisweilen an eine Gemäldegalerie oder PinathecaIn den großen Palästen Roms stand die Pinatheca gewöhnlich mit dem Atrium in Verbindung. stießen. Diese Gemächer sodann standen in Verbindung mit einem viereckigen oder oblongen Raume, der gemeiniglich auf drei Seiten mit einer Kolonnade geschmückt war, wie das Peristyl, das er an Länge übertraf, mit dem er aber sonst viele Ähnlichkeiten hatte. Dies war das eigentliche Viridarium oder der Garten, in dem sich häufig ein Springbrunnen, Statuen und eine große Menge schöner Blumen befanden. Am äußersten Ende stund die Gärtnerswohnung, und an den beiden Seiten waren unter der Säulenhalle, noch weitere Zimmer eingerichtet, wenn die Größe der Familie dies nöthig machte.

Das erste und zweite Stockwerk hatten zu Pompeji selten eine Wichtigkeit, da sie nur über einen kleinen Theil des Hauses hingebaut waren und nur Sklavenkammern enthielten. In den prächtigeren Gebäuden Roms hingegen war dies nicht der Fall; dort lag nämlich der Hauptspeisesaal (coenaculum) gewöhnlich im zweiten Stockwerke. Die Zimmer selbst waren gemeiniglich klein; denn so oft man in diesem herrlichen Klima zahlreiche Gäste hatte, empfing man sie in dem Peristyl (oder Porticus), in der Halle oder im Garten. Die Festsäle selbst waren, obwohl mit Fleiß ausgeschmückt und mit Sorgfalt gewählt, doch von sehr kleinem Umfange; denn die klugen Alten hielten weniger auf die Zahl, als auf die Wahl der Gäste, und speisten selten mehr als neun Personen auf einmal, so daß also große Speisesäle bei ihnen nicht so nothwendig waren, als bei uns.Wenn sie sehr große Gesellschaften bewirtheten, so wurde die Mahlzeit gewöhnlich in der Halle aufgetragen. Aber die Reihe von Zimmern, die man sofort beim Eintritte gewahrte, mußte in der That einen sehr imposanten Eindruck hervorgebracht haben. Man sah da auf einen Blick die reich betäfelte und herrlich bemalte Halle, das Tablinum, das anmuthige Peristyl, und wenn das Haus etwas geräumiger war, den gegenüberliegenden Festsaal und den Garten, der mit einem Springbrunnen oder einer Mamorstatue die Aussicht begrenzte.

Der Leser wird sich jetzt von den Häusern Pompeji's einen ziemlich richtigen Begriff machen können, die in manchen Beziehungen der griechischen, noch mehr aber der römischen Bauart glichen. Die allgemeine Einrichtung ist in sämmtlichen Häusern dieselbe, obgleich bei allein einige Verschiedenheit im Einzelnen stattfindet. In allen findet man die Halle, das Tablinum und das Peristyl, die mit einander in Verbindung stehen; in allen sind die Wände reich bemalt, und alle endlich liefern die Beweise von einem den verfeinerten Lebensgenuß liebenden Volke. Indessen ist zu zweifeln, ob der Geschmack der Einwohner von Pompeji in Bezug auf Dekorationen so ganz rein war. Sie liebten die auffallenden Farben und die seltsamsten Zeichnungen; den unteren Theil ihrer Säulen malten sie oft hochroth, und ließen den übrigen Theil unbemalt; war der Garten klein, so pflegten sie, um das Auge zu täuschen, Bäume, Vögel, Tempel u.s.w. perspektivisch an die Mauer zu malen – ein plumper Kunstgriff, den der liebenswürdige Pedantismus des Plinius mit wohlgefälligem Stolze in Anwendung brachte.

Obgleich das Haus des Glaukus zu den kleinsten gehörte, so war es doch eines der geschmücktesten und vollendetsten aller Privatgebäude in Pompeji.

Man tritt in das Haus durch ein langes und enges Vestibulum, dessen Fußboden in Mosaikarbeit die Abbildung eines Hundes darstellte, mit dem wohlbekannten »cave canem« (nimm dich vor dem Hunde in Acht). Auf jeder Seite befindet sich eine ziemlich geräumige Kammer; denn da das Haus nicht groß genug war, um die zwei gewöhnlichen Abtheilungen in Privat- und öffentliche Zimmer zu enthalten, so waren diese zwei Zimmer besonders zum Empfange von Personen bestimmt, die weder durch Rang, noch durch genaue Bekanntschaft mit dem Hausherrn berechtigt waren, in das Innere des Hauses zugelassen zu werden.

Wenn man aus dem Vestibulum herauskommt, so tritt man in ein Atrium, das bei der ersten Auffindung mit Gemälden bereichert war, deren sich, hinsichtlich des Ausdrucks, ein Rafael nicht hätte schämen dürfen. Jetzt sieht man dieselben im Museum von Neapel, wo sie noch von Kennern bewundert werden; – sie stellen den Abschied des Achilles von der Briseis vor. Wer sollte die Kraft, Lebhaftigkeit und Schönheit in den Gesichtern und Gestalten des Achilles und der unsterblichen Sklavin die Anerkennung versagen?

Auf einer anderen Seite des Atriums führte eine kleine Treppe zu den im zweiten Stockwerke gelegenen Sklavenzimmern. Dort befanden sich auch zwei oder drei andere kleine Schlafzimmer, auf deren Wänden der Raub der Europa, die Amazonenschlacht u.s.w. dargestellt waren.

Von da aus gelangt man in das Tablinum, an dessen äußersten Enden reiche, halb zurückgezogene Draperien von tyrischem Purpur herabhingen.Das Tablinum war nach Belieben auch mit Schiebethüren versehen. Auf seinen Wänden war ein Dichter abgebildet, der seinen Freunden seine Verse vorliest, und der Fußboden zeigte eine kleine, höchst ausgesuchte Mosaikarbeit, einen Theaterdirektor darstellend, wie er seinen Schauspielern Belehrungen gibt.

Aus diesem Salon gelangte man in das Peristyl, und hier ging auch dieses Haus (was, wie schon gemeldet, bei kleineren Wohnungen in Pompeji gewöhnlich der Fall war) zu Ende. Von jeder der sieben diesen Hof schmückenden Säulen, hingen Blumengewinde. Der Mittelpunkt, der die Stelle des Gartens vertrat, war mit den seltensten Blumen angefüllt, die in weißen, auf Piedestalen ruhenden Marmorvasen aufgestellt waren. Am Ende dieses Gärtchens befand sich ein kleiner Tempel, der einer jener Kapellen glich, wie man sie in katholischen Ländern an den Landstraßen findet; er war den Penaten geheiligt und vor ihm stand ein eherner Dreifuß. Auf der linken Seite der Säulenreihe befanden sich zwei kleine Cubicula oder Schlafzimmer, und rechts lag das Triclinium, wo die Gäste eben versammelt waren.

Die Alterthumsforscher von Neapel pflegen dieses Gemach das Zimmer der Leda zu nennen, und in dem herrlichen Werke des Sir William Gell findet man einen Kupferstich nach einem zarten und anmuthigen Gemälde der Leda, wie sei ihrem Gemahle ihren Neugeborenen darbietet. Dieses prächtige Gemach öffnete sich gegen den balsamduftenden Garten. Um den Tisch von Citronenholz,Das damals geschätzteste Holz, doch nicht von dem jetzigen Citronenbaume. Einige, worunter mein gelehrter Freund, W. S. Landor, glauben mit großer Wahrscheinlichkeit, daß es Mahagoniholz gewesen sei. , der glatt, polirt und mit Arabesken in Silber ausgelegt war, standen drei Ruhebetten, die zu Pompeji gebräuchlicher waren, als der halbrunde Sitz, der seit kurzer Zeit in Rom Sitte geworden; auf diesen bronzenen Ruhebetten, die mit kostbaren Metallen beschlagen waren, lagen dicke, reich mit sorgfältiger Stickerei versehene Matratzen, die dem Drucke des Körpers elastisch nachgaben.

»Ich muß gestehen,« sagte der Aedil Pansa, »daß Dein Haus, obgleich kaum größer als das Gehäuse für eine Fibula, doch ein wahrer Edelstein in seiner Art ist. Wie herrlich ist der Abschied des Achilles von der Briseis dargestellt! Welcher Styl! welche Köpfe! welche – hm!«

»Das Lob Pansa's über einen derartigen Gegenstand ist in der That unschätzbar,« erwiderte Klodius ernst; »was für Gemälde trifft man an seinen Wänden! dort ist fürwahr die Hand des Zeuxis sichtbar.«

»Du schmeichelst mir in der That sehr, mein lieber Klodius,« versetzte der Aedil, der in ganz Pompeji für den Besitzer der schlechtesten Gemälde von der Welt galt; denn aus übertriebenem Patriotissmus wollte er nur pompejanische Maler beschäftigen. »Du schmeichelst mir! Indessen muß man gestehen, daß die Gemälde ihr Lob verdienen – Ädepol! – in den Farben, der Zeichnung nicht zu gedenken ... Und die Küche, meine Freunde – ach! Alles ist ganz nach meinem Geschmacke.«

»Was für eine Malerei ist dort?« fragte Glaukus; »ich habe Deine Küche noch nicht gesehen, obgleich ich mehr als einen Beweis von der Vortrefflichkeit Deiner Speisen habe.«

»Ein Koch, mein Athener, opfert dort die Meisterwerke seiner Kunst auf dem Altare der Vesta, während eine herrliche Muräne (nach dem Leben gemalt) in der Ferne an dem Spieße bratet. Du wirst zugeben, daß hierin viel Erfindung liegt.«

In diesem Augenblicke erschienen die Sklaven, ein Brett mit den ersten Einleitungsspeisen zum Mahle tragend. Zwischen köstlichen Folgen waren kleine Becher eines verdünnten, schwach mit Honig vermischten Weines aufgestellt. Nachdem dies auf die Tafel niedergesetzt war, reichten junge Sklaven jedem der fünf Gäste (es waren ihrer nicht mehr) das silberne Becken mit wohlriechendem Wasser und mit Purpurfransen besetzte Handtücher. Der Aedil jedoch zog prahlsüchtig sein eigenes Handtuch hervor, das zwar nicht von so feiner Leinwand, dessen Franse aber doppelt so breit war, und wischte seine Hände mit dem Gepränge eines Mannes, der fühlt, daß er Bewunderung erregt.

»Da hast Du eine schöne Mappa,« sagte Klodius; »die Franse ist so breit als ein Gürtel.«

»Eine Kleinigkeit, mein Klodius, nur eine Kleinigkeit! Dies soll der neueste Geschmack in Rom sein; Glaukus versteht sich jedoch auf solche Dinge besser als ich.«

»Sei uns günstig, o Bacchus!« sprach Glaukus, indem er sich ehrerbietig gegen ein herrliches Bild des Gottes neigte, das mitten auf dem Tische stand, an dessen Ecken die Lamen und die Salzfässer aufgestellt waren. Die Gäste sprachen das Gebet nach und brachten durch Besprengung des Tisches mit Wein die gebräuchliche Libation dar.

Nach Beendigung dieser Ceremonie ließen sich die Gäste auf ihre Ruhebetten nieder und das Mahl begann.

»Dies soll mein letzter Becher sein,« rief der junge Sallust, als die Sklaven die ersten zur Erweckung des Appetits aufgetragenen Gerichte entfernten und substantiellere Speisen auf den Tisch stellten, und ihm der aufwartende Sklave einen bis an den Rand gefüllten Becher überreichte, »dies soll mein letzter Becher sein, wenn ich je besseren Wein in Pompeji getrunken habe!«

»Bring die Amphora herbei,« sagte Glaukus, »und lies Jahrzahl und Namen vor.«

Der Sklave beeilte sich, der Gesellschaft zu melden: »nach dem an den Stöpsel angehefteten Zettel stammt der Wein aus Chios und sei fünfzig Jahre alt.«

»Wie köstlich ihn der Schnee gekühlt hat,« sagte Pansa, »gerade das richtige Verhältnis.«

»Er gleicht,« rief Sallust, »der Erfahrung eines Mannes, der seine Vergnügungen hinlänglich mäßigt, um sie doppelt reizend zu machen.«

»Oder vielmehr dem Nein eines Frauenzimmers,« fügte Glaukus hinzu, »er kühlt, aber nur, um desto mehr zu entflammen.«

»Wann wird unser nächstes Thiergefecht statthaben?« fragte Klodius den Pansa.

»Es ist auf den nächsten Idus des Augusts festgesetzt,« entgegnete der Aedil, »den Tag nach den Vulkanalien. Wir haben für dieses Fest einen der schönsten jungen Löwen.«

»Wer wird ihm vorgeworfen werden?« fragte Klodius. »Gegenwärtig herrscht ein großer Mangel an Verbrechern. Pansa, Du wirst diesmal jedenfalls einen Unschuldigen zum Löwen verurtheilen müssen.«

»Ich gestehe Dir, daß ich neulich darüber nachgedacht habe,« versetzte der Aedil gravitätisch. »Ein schändliches Gesetz, das uns verbietet, unsere eigenen Sklaven den wilden Thieren vorzuwerfen. Uns mit unserm Eigenthum nicht nach unserem Belieben schalten zu lassen, ist ein gegen den Besitz selbst gerichteter Angriff.«

»In den guten Zeiten der Republik war es nicht so,« seufzte Sallust.

»Diese angebliche Großmuth gegen die Sklaven beraubt überdies das Volk einer seiner größten Vergnügungen. Ach! welche Freude hat es an einem hartnäckigem Kampfe zwischen Menschen und Löwen, und wegen dieses verdammten Gesetzes wird es auf dieses unschuldige Vergnügen verzichten müssen, wenn uns die Götter nicht bald einen großen Verbrecher zusenden.«

»Was kann unpolitischer sein,« sagte Klodius mit affektirter Ernsthaftigkeit, »als dem Volk sein Hauptvergnügen zu verkümmern?«

»Dank dem Jupiter und dem Fatum, daß wir gegenwärtig keinen Nero mehr haben,« sagte Sallust.

»Der war in der That ein Tyrann, denn er ließ unser Amphitheater zehn Jahre lang schließen.«

»Ich wundere mich,« sagte Sallust, »daß es keinen Aufstand zur Folge hatte.«

»Beinahe wäre es dazu gekommen,« versetzte Pansa, der den Mund voll Wildschweinbraten hatte.

Hier wurde die Unterhaltung für eine kurze Zeit durch einen Flötentusch unterbrochen, und zwei Sklaven traten mit einer einzelnen Schüssel ein.

»Welchen Leckerbissen hast Du da für uns aufbewahrt, mein lieber Glaukus?« fragte der junge Sallust mit funkelnden Augen.

Sallust war erst vierundzwanzig Jahre alt, aber er kannte keinen größeren Lebensgenuß, als das Essen; vielleicht hatte er alle übrigen bereits erschöpft. Doch fehlte es ihm nicht an Verstand, und er hatte, so weit es ihm möglich war, ein vortreffliches Herz.

»Beim Pollux!« rief Pansa, »ich seh's ihm an; es ist ein ambracisches Zicklein! Ho!« fuhr er fort, (mit den Fingern schnippend, was das übliche Zeichen war, um die Sklaven herbeizurufen), »wir müssen dem neuen Ankömmling eine zweite Libation darbringen.«

»Ich hoffte, Euch mit brittischen Austern bewirthen zu können,« sagte Glaukus traurig, »aber die Winde, die gegen Cäsar so ungünstig waren, haben es nicht zugelassen.«

»Sind sie wirklich so köstlich?« fragte Lepidus, indem er seine Tunika, deren Gürtel bereits gelöst war, auseinanderschlug, um es sich noch bequemer zu machen.

»Ach! ich kann mich der Vermuthung nicht erwehren, daß nur die Entfernung ihren hohen Preis bestimme; sie haben den feinen Geschmack der brundysischen Austern nicht, aber in Rom glaubt man, ohne diese Austern sei kein Abendessen vollständig.«

»Dir armen Britten!« meinte Sallust. »Sie haben doch etwas Gutes an sich! Ihr Land liefert Austern.«

»Ich wünschte, sie verschafften uns einen Gladiator,« sagte der Aedil, dessen mit der Zukunft beschäftigter Geist unaufhörlich an die Bedürfnisse des Amphitheaters dachte.

»Bei der Pallas!« rief Glaukus, als sein Lieblingssklave einen frischen Kranz um seine dunstende Stirne wand, »ich bin wohl ein großer Freund solcher wilden Schauspiele, wenn Thiere gegen Thiere kämpfen; wenn aber ein Mensch mit Fleisch und Blut, wie wir, kaltblütig in die Arena getrieben, und ihm ein Glied um das andere abgerissen wird, so ist die Theilnahme allzuschrecklich. Mir wird übel, ich kann kaum mehr athmen; es treibt mich an, mich hinabzustürzen und zu seiner Vertheidigung hin zu eilen. Die Freudenrufe des Volkes kommen mir schrecklicher vor, als das Geschrei der dem Orestes verfolgenden Furien. Es freut mich, daß wir, allem Anscheine nach bei den nächsten Festspielen dieses blutige Schauspiel nicht haben werden.«

Der Aedil zuckte die Achseln. Der junge Sallust, der für den gutmüthigsten Menschen Pompeji's galt, sah ganz erstaunt darein; der anmuthige Lepidus, der aus Furcht, seine Gesichtszüge zu entstellen, selten sprach, rief: »Beim Herkules!« Der Parasit Klodius murmelte: »Ädepol!« und der sechste Theilnehmer am Feste, der Schatten des Klodius,Eine sehr merkwürdige und interessante Abhandlung ließe sich über die Parasiten der Griechen und Römer schreiben. Bei den ersteren waren sie jedoch noch mehr verachtet, als bei den letzteren. Die Briefe des Alciphorn schildern sehr lebhaft die Beleidigungen, denen sie sich für ein Mittagsmahl unterzogen; einer beklagt sich, daß ihm Fischsauce in die Augen gegossen – daß er an den Kopf geschlagen worden sei, und mit Honig bestrichene Steine zu essen bekommen habe, während ein Freudenmädchen eine mit Blut gefüllte Blase nach ihm geworfen habe, die ihm im Gesichte zerplatzt sei. Die Art, in welcher diese Parasiten die Gastfreundschaft ihrer Wirthe vergelten, bestand wie bei den Schmarotzern heutiger Zeit in Witzworten und unterhaltenden Geschichten; bisweilen erlauben sie sich auch thätliche Scherze gegeneinander, indem sie sich an die Ohren schlugen. Die Obrigkeit in Athen scheint diese hungrigen Bouffons mit sehr strengem Auge betrachtet haben, und sie beklagen sich mit durchaus unphilosophischen Ausdrücken über Schläge und Gefängnis. In der That scheint der Parasit in Athen dem lustigen Rath im Mittelalter entsprochen zu haben, nur war er viel nichtswürdiger und vielleicht witziger – der Gefährte von Buhlerinnen, in dem sich Kuppler und Bouffon vereinigten. Dies ist ein Griechenland eigenthümlicher Charakter. Die lateinischen, komischen Dichter lassen den Parasiten sehr häufig auftreten; doch scheint er in Rom eine etwas höhere Stufe eingenommen, und eine etwas mildere Behandlung genossen zu haben, als in Athen. Auch die Schilderungen des Terenez, der bei seiner Beschreibung athenischer Sitten wahrscheinlich Alles mildert, was römischen Zuhörern zu ungewöhnlich erschienen wäre, führen uns keinen so gemeinen oder verachteten Charakter, wie den Parasiten des Alciphorn und Athenäus vor. Die stolzeren und wählerischen Römer verschmähten es oft in der That nicht, solche Bouffons in ihren Umgang zu ziehen, und mietheten (wie wir in den Briefen des Plinius lesen) Narren oder Hanswurste, um ihre Gäste zu unterhalten, und die Stelle der griechischen Parasiten zu vertreten. Wenn daher Klodius in dem Texte Parasit oder Schmarotzer genannt wird, so möge der Leser dies Wort nicht im heutigen, sondern im alten römischen Sinnen nehmen. dessen Pflicht es war, in Allem das Echo seines reichen Freundes zu sein, wenn er sein Lob nicht singen konnte, – der Schmarotzer eines Schmarotzers – murmelte wie dieser »Ädepol!«

»Ihr Italiener seid an solche Schauspiele gewöhnt; wir Griechen hingegen sind mitleidiger. Oh! Schatten des Pindar! der Reiz wahrhaft griechischer Spiele, das Ringen Mann gegen Mann – der großartige Kampf – der halb traurige Sieg – Stolz, einen würdigen Feind zu bekämpfen – Wehmuth, ihn besiegt zu sehen! ... Aber Ihr versteht mich nicht!«

»Das Zicklein ist vorzüglich,« sagte Sallust.

Der mit dem Vorschneiden beauftragte Sklave, der auf sein Talent stolz war, hatte eben sein Geschäft an dem Zicklein nach dem Takte der Musik vollendet.

»Dein Koch ist natürlich ein Sicillianer?« sagte Pansa.

»Ja, aus Syrakus.«

»Laß uns um ihn spielen,« sagte Klodius; »wir wollen zwischen den Gerichten eine Partie machen.«

»Ich bin zwar allerdings von einem derartigen Kampfe ein größerer Freund, als von den Kämpfen mit den wilden Thieren; aber doch kann ich einen Sicillianer nicht auf's Spiel setzen, Du könntest nichts so Kostbares dagegen setzen.«

»Meine Phillida – meine schöne Tänzerin.«

»Ich kaufe mir Weiber,« sagte der Grieche, indem er seinen Blumenkranz gleichgültig zurechtschob.

Die in dem Portikus aufgestellten Musikanten hatten zu spielen angefangen, als man das Zicklein zertheilte. Ihre Melodie nahm bald einen sanfteren und heiteren, zugleich aber etwas geistvollen Charakter an. Sie sangen die Ode von Horaz: »Persicos odi,« die unmöglich zu übersetzen ist, und von der sie glaubten, sie eigne sich für ein Fest, das, so üppig es uns scheinen muß, doch in der That bei dem zügellosen Luxus jener Zeit ziemlich bescheiden war. Wir wohnen hier – wohl zu beachten – dem Gastmahl eines Privatmannes, keinem fürstlichen bei – dem Gastmahle eines Privatmannes von gutem Geschmacke, und nicht dem eines Kaisers oder Senators.

»Ah! guter, alter Horaz,« sagte Sallust mit theilnehmendem Tone; »er besang die Feste und Mädchen ziemlich gut, aber nicht, wie unsere neueren Dichter.«

»Wie der unsterbliche Fulvius. z.B.,« sagte Klodius.

»Ach! der unsterbliche Fulvius z.B.,« wiederholte der Schatten.

»Und Spuräna und Gajus Mutius, der innerhalb eines Jahres drei epische Gedichte schrieb: konnten Horaz und Virgil so etwas?« warf Lepidus hin.

»Diese alten Dichter haben insgesamt den Fehler begangen, lieber die Bildhauerei, statt die Malerei nachzuahmen. Einfachheit und Ruhe, dies war ihr Ideal; aber wir neueren haben Feuer, Leidenschaft, Kraft, wir schlafen nie, ahmen die Farben der Malerei, ihr Leben und ihre Handlung nach. Unsterblicher Fulvius!«

»Beiläufig gesprochen,« sagte Sallust, »habt Ihr die neue Ode Spuräna's zu Ehren unserer egyptischen Isis schon gehört? Sie ist herrlich und voll wahrhaft frommer Begeisterung.«

»Isis scheint eine Lieblingsgottheit in Pompeji zu sein,« fiel Glaukus ein.

»Ja,« entgegnete Pansa, »sie steht besonders gegenwärtig in hohem Ansehen; ihre Bildsäule hat die außerordentlichen Orakel ausgesprochen. Ich bin nicht abergläubisch, und doch muß ich gestehen, daß sie mir schon mehr als einmal in meinem öffentlichen Amte herrliche Rathschläge ertheilt hat. Auch sind ihre Priester so fromm! Keine stolzen Diener des Jupiters und der Fortuna – sie gehen baarfuß, genießen kein Fleisch und verbringen den größten Theil der Nacht in der Einsamkeit mit Gebet zu.«

»In der That ein Beispiel für unsre andere Priesterschaften. Der Jupitertempel bedarf einer großen Reform,« sagte Lepidus, der bei Andern, aber auch nur bei Andern, ein gewaltiger Reformator war.

»Der Egypter Arbaces soll den Priestern der Isis einige ganz neue Mysterien mitgetheilt haben,« bemerkte Sallust; »er rühmt sich, von Ramases abzustammen, und behauptet, seine Familie sei im Besitze der Geheimnisse des entferntesten Alterthums.«

»Unstreitig ist er im Besitze der Gabe des bösen Auges,« sagte Klodius; »so oft ich dieser Medusenstirne begegne, ohne mich durch einen Zauber dagegen geschützt zu haben, verliere ich unfehlbar ein Lieblingspferd oder werfe die canesIm Würfelspiel nannte man den niedersten Wurf cannes oder caniculæ. neunmal hintereinander.«

»Letzteres wäre in der That merkwürdig,« sagte Sallust ernsthaft.

»Wie meinst Du das?« erwiderte der Spieler erröthend.

»Ich meine, was Du mir ließest, wenn ich oft mit Dir spielte, nämlich – Nichts.«

Klodius antwortete nur durch ein verächtliches Lächeln.

»Wenn Arbaces nicht so reich wäre,« sagte Pansa mit wichtig thuender Miene, »so würde ich mein Amt ein wenig gebrauchen und untersuchen, ob das Gerede, das ihn zu einem Magier und Sterndeuter macht, Grund hat. Als Agrippa Aedil von Rom war, verbannte er alle diese gefährlichen Bürger. Aber ein reicher Mann! – Es ist die Pflicht der Aedile, die Reichen zu beschützen.«

»Was denket Ihr von jener neuen Sekte, die sogar in Pompeji einige Proselyten gemacht haben soll, – von jenen Verehrern des hebräischen Gottes – Christus?«

»Oh! dies sind bloß spekulative Träumer,« sagte Klodius, »und es befindet sich kein einziger angesehener Mann unter ihnen. Ihre Proselyten sind arme, unbedeutende und unwissende Leute!«

»Die man jedoch für ihre Gotteslästerungen kreuzigen sollte,« erwiderte Pansa hastig; »sie verläugnen die Venus und den Jupiter! Nazarener ist bloß ein anderer Name für Gottesläugner. Lasset sie nur unter meine Hände kommen!«

Der erste Gang war vorbei; die Gäste hatten sich auf ihre Ruhebetten zurückgelegt, es trat eine kurze Stille ein, während der sie auf die sanften südlichen Stimmen und auf die Töne des arkadischen Rohres hörten. Glaukus war am meisten entzückt und zur Brechung des Stillschweigens am wenigsten geneigt; aber Klodius meinte schon, daß man die kostbare Zeit verderbe.

»Bene vobis! (auf Deine Gesundheit!) mein Glaukus!« sagte er, indem er mit der ganzen Leichtigkeit eines erfahrenen Trinkers auf jeden Buchstaben in dem Namen seines Freundes einen Becher leerte. »Willst Du Dich wegen Deines gestrigen Unglücks nicht rächen? Sieh! die Würfel lächeln uns an.«

»Wie es Dir gefällig ist,« sagte Glaukus.

»Im August Würfel spielen, und ich Aedil!«Alle Hazardspiele waren durch das Gesetz verboten (»Vetita legibus alea« – Horat. Od. I, 24, 3), außer während der Saturnalien im Monat December. Die Aedilen waren beauftragt, dieses Gesetz zu handhaben, das übrigens, wie alle Gesetze gegen das Spiel zu allen Zeiten, gänzlich unwirksam war. sprach Pansa mit einer Amtsmiene; »dies ist gegen alles Gesetz.«

»Nicht in Deiner Gegenwart, würdiger Pansa,« sagte Klodius, indem er in einer langen Büchse die Würfel schüttelte; »Deine Gegenwart wird jede Übertretung verhindern. Nicht die Sache selbst, sondern nur der Mißbrauch ist schädlich.«

»Welche Weisheit!« flüsterte der Schatten.

»Gut! so will ich nach einer andern Seite sehen,« sagte der Aedil.

»Noch nicht, guter Pansa, wir wollen warten, bis das Essen zu Ende ist,« sagte Glaukus.

Klodius gab unwillig nach und verbarg seinen Ärger unter einem Gähnen.

»Er gähnt, um das Gold zu verschlingen,« sagte Lepidus leise zu Sallust, indem er eine Stelle aus der Aulularia des Plautus anführte.

»Oh, wie gut kenne ich diese Polypen, die Alles festhalten, was sie berühren,« antwortete Sallust in demselben Tone und aus demselben Stücke.

Der zweite Gang, der aus einer großen Mannigfaltigkeit von Obst, Pistazien, süßen Speisen, Torten und Backwerk bestand, das tausenderlei seltsame Formen darbot, wurde aufgetragen, und die Diener stellten auch Wein, der bis jetzt den Gästen herumgereicht worden war, in großen, gläsernen Flaschen auf, an deren jeder ein Zettel das Alter und die Beschaffenheit des Inhalts anzeigten.

»Koste diesen Lesbier, mein Pansa,« sagte Sallust, »er ist vorzüglich.«

»Er ist nicht sehr alt,« erwiderte Glaukus, »aber er ist, wie wir, durch das Feuer früh gezeitigt worden – der Wein durch die Flammen des Vulkans – wir durch die seiner Frau, zu deren Ehren ich diesen Becher leere.«

»Er ist sehr fein,« sagte Pansa, »doch hat er vielleicht ein wenig zu viel Harzgeschmack.«

»Welch herrlicher Becher,« rief Klodius, indem er ein Trinkgefäß von durchsichtigem Krystall zeigte, dessen Handgriff mit Edelsteinen besetzt und schlangenförmig war, wie man es damals in Pompeji sehr häufig sah.

»Dieser Ring,« sagte Glaukus, indem er einen kostbaren Juwel von dem ersten Gelenke seines Fingers zog und an den Griff hing, »verleiht ihm ein reicheres Ansehen und macht ihn Deiner Annahme, mein Klodius, weniger unwerth. Mögen die Götter Dir Gesundheit verleihen und Dir gestatten, ihn oft bis zum Rande zu krönen!«

»Du bist allzu freigebig, Glaukus,« sagte der Spieler, den Becher seinem Sklaven einhändigend, »aber Deine Liebe verdoppelt den Werth.«

»Diesen Becher den Grazien!« rief Pansa, und leerte seinen Becher dreimal. Die Gäste kamen seinem Beispiele nach.

»Wir haben noch keinen Festkönig ernannt,« rief Sallust, indem er den Würfelbecher schüttelte.

»Nein,« sagte Glaukus, »keinen kalten und abgenutzten Direktor für uns, keinen Diktator des Bankets, keinen rex convivii. Haben die Römer nicht geschworen, nie einem König zu gehorchen? Sollten wir weniger frei sein, als Eure Vorfahren? Ha, Musikanten! die Hymne, die ich vorige Nacht gedichtet habe!«

Die Musiker stimmten nun, nachdem Glaukus das Lied, das er meinte, noch näher bezeichnet hatte, ihre Instrumente zu einer wilden jonischen Tonart, während die jüngsten Stimmen unter der Bande in griechischen Worten und griechischem Rhythmus folgendes Lied absangen:

Der Abendgesang der Horen.

1.

Durch des Sommertags glühende Pracht
Sind wir geschritten lang,
Nun, vor den schwarzen Pforten der Nacht
Grüßet uns mit Gesang!
Gesang, Gesang,
Mit hellem, frohen Gesang!
Wie durch das Zwielicht behext
Die cretische Braut durch die Epheuranken,
Nachdem sie zuvor mit dem Weingott gescherzt,
Hinausgoß ihre freien Gedanken.
Durch der Gewölbe graues Gefieder
Aeugelten heimlich die Sterne nieder,
Und ringsumher
Kosten im Meer
In Liebe rauschend die Wogen.
Es ruht ihr des Luchses Haupt im Schooß,
Als sie sich hin auf den Thymian goß;
Und heimlich sich freuend der seligen Nächte,
Lauschten die Faunen im grünen Geflechte
Des grünenden Laubwerks vom Weinstock umzogen,
Die Faunen, die spähenden Faunen,
Die schlauen, die lachenden Faunen,
Die Faunen lauschen verwegen.

2.

Wie hat des Tages Pein
Uns auf der Flucht ermattet!
Schwer wird die Reise sein,
Wenn uns die Nacht umschattet.
Badet, o badet die müden Schwingen
Tief in den Fluten, welche euch springen
Dort aus dem Borne des Lichts: – dort aus dem Borne des Lichts,
Der aus dem Kelche uns lacht,
Ruht erst die Sonne in Nacht,
Wo aus dem Becher der Tag uns erstehet,
Die Traube, sie ist die Quelle des Lichtes,
Der Spiegel des glühenden Sonnengesichtes,
In den es voll Lust wie der Thesbier schaut,
Bis seine Seele drinn untergehet.

3.

Ein Kelch sei dem Zeus gebracht, ein zweiter des Eros Macht,
Ein dritter dem Sohne der Maja;
Drei sollen versöhnen das Kleeblaat der Schönen
Den Chorus der holden Aglaja.
Doch weil euch die lachenden Kränze der Freuden,
Der Bund der lachenden Stunden noch flieht,
So lasset euch nicht durch Gesetze mehr leiten,
Und fraget nicht ängstlich nach Maaß und Gewicht.
Wer uns das Meiste bringt, ehrt uns am meisten,
Wer nicht berechnet mehr, was er zu leisten,
Kennt am Besten des Trinkers Pflicht.
Fasset die Schwingen, wir fliegen so schnell,
Tauchet uns tief in den sprudelnden Quell!
Fliehn wir dann triefend hinaus in den Raum,
Schütteln wir hin auf die Kränze den Schaum.
Wir glühen, wir glühen;
Und wie einst im Osten die jubelnde Rotte
Der Mädchen in ihre krystallene Grotte
Die Schönheit trug des mystischen Hylas,
So ziehen, so ziehen
Den Gott wir, den jungen, im lachenden Chore
In heißer Umschlingung durch unsere Thore;
Wir ziehen ihn vorwärts mit lautem Gesang
Die dunkelnden Ströme der Nacht entlang –
Hoho – hoho, wir haben dich, Psilas!

Die Gäste zollten rauschenden Beifall. Wenn der Dichter zugleich der Wirth ist, so sind seine Verse unstreitig immer bezaubernd.

»Ganz griechisch,« bemerkte Lepidus; »in der römischen Dichtkunst kann man die Wildheit, Stärke und Kraft dieser Sprache unmöglich nachahmen.«

»Man muß gestehen,« fiel Klodius mit einer Ironie ein, die er indessen zu verbergen suchte, »daß dieses Lied gegen die alterthümliche und schmucklose Einfachheit der Ode des Horaz sehr absticht, die wir vorhin hörten. Die Melodie ist ganz jonisch; dieses Wort erinnert mich daran, eine Gesundheit auszubringen. Meine Freunde, auf das Wohl der schönen Ione!«

»Ione! ... Der Name ist griechisch,« sagte Glaukus mit sanfter Stimme; »ich stimme mit Vergnügen ein. Aber wer ist Ione?«

»Ach! Du bist erst kürzlich wieder in Pompeji angekommen, sonst verdientest Du den Ostrazismus für Deine Unwissenheit,« antwortete Lepidus geziert; »Ione nicht kennen, heißt den ersten Reiz in unserer Stadt nicht kennen.«

»Sie ist die seltenste Schönheit,« sagte Pansa, »und welche Stimme!«

»Sie kann sich gewiß nur von Nachtigallenzungen nähren,« entgegnete Klodius.

»Nachtigallenzungen! Welch herrlicher Gedanke,« seufzte der Schatten.

»Gib mir Aufschluß, ich beschwöre Dich!« versetzte Glaukus.

»Wisse denn,« begann Lepidus ...

»Laß mich reden,« fiel ihm Klodius ins Wort; »Du dehnst Deine Worte, als ob Du Schildkröten sprächest.«

»Und Du sprichst Steine,« sprach das Süßherrchen ganz leise, indem er mit verächtlicher Miene auf sein Ruhebett zurücksank.

»Wisse also, mein Glaukus,« sagte Klodius, »daß Ione eine erst kürzlich in Pompeji angekommene Fremde ist. Sie singt wie Sappho, und ihre Gesänge sind eigene Dichtung; Tibia, Cythara und Lyra spielt sie so schön, daß es schwer zu sagen ist, auf welchem von diesen Instrumenten sie die Musen am meisten übertreffe. Ihre Schönheit ist überaus blendend, ihr Haus vollkommen gut eingerichtet. Solcher Geschmack! solche Juwelen! solche Bronzen! Sie ist reich und ebenso freigebig als reich.«

»Ihre Liebhaber,« meinte Glaukus, »sind ohne Zweifel dafür besorgt, daß sie nicht Hungers stirbt; leicht gewonnenes Geld wird eben so leicht wieder ausgegeben.«

»Ihre Liebhaber – Ach, das ist gerade das Räthsel. Ione hat nur einen Fehler ... sie ist keusch; ganz Pompeji liegt zu ihren Füßen und sie hat keinen Geliebten. Sie will nicht einmal heirathen.«

»Keinen Geliebten!« wiederholte Glaukus.

»Nein; sie hat die Seele der Vesta, mit dem Gürtel der Venus.«

»Welche gewählte Ausdrücke,« sagte der Schatten.

»Ein Wunder!« rief Glaukus. »Könnten wir sie nicht sehen?«

»Ich will Dich diesen Abend dort einführen,« versetzte Klodius. »Indessen ...« fügte er hinzu, noch einmal die Würfel schüttelnd ...

»Ich stehe zu Deinen Diensten,« sagte der gefällige Glaukus, »Pansa! wende Dein Gesicht ab.«

Lepidus und Sallust spielten Gerade und Ungerade, und der Schatten sah dem Spiele zu, während Glaukus und Klodius sich allmählig in die Wechselfälle des Würfelspiels vertieften.

»Beim Jupiter!« rief Glaukus, »da werfe ich die Caniculae schon zum zweitenmale.«

»Sei mir jetzt günstig, Venus!« sprach Klodius, indem er den Würfelbecher lange schüttelte ..., »o alma Venus – es ist Venus selbst,« setzte er hinzu, indem er den höchsten Wurf that, den man nach jener Göttin benannte, die allerdings gewöhnlich denjenigen, der Geld gewinnt, begünstigt.

»Venus ist undankbar gegen mich,« sagte Glaukus scherzend, »und doch habe ich stets auf ihrem Altare geopfert.«

»Wer mit Klodius spielt,« sagte Lepidus ganz leise, »wird, wie der Kurkulio des Plautus, im Spiele bald sein Pollium einsetzen müssen.«

»Armer Glaukus! Er ist so blind als Fortuna selbst,« erwiderte Sallust in demselben Tone.

»Ich spiele nicht weiter,« sagte Glaukus, »ich habe dreißig Sestertien verloren.«

»Ich bedaure ...« sagte Klodius.

»Liebenswürdiger Mann!« murmelte der Schatten.

»Nicht doch,« versetzte Glaukus, »das Vergnügen über Deinen Gewinn wiegt den Kummer über meinen Verlust auf.«

Die Unterhaltung wurde nun allgemein und lebhaft; der Wein machte freier die Runde und Ione wurde wiederholt Gegenstand der Lobsprüche.

»Statt hier länger als die Sterne zu wachen, wollen wir diejenige besuchen, vor deren Schönheit die Sterne erbleichen,« bemerkte Lepidus.

Klodius, der keine Aussicht hatte, das Spiel wieder in Gang zu bringen, unterstützte diesen Vorschlag, und obgleich Glaukus aus Höflichkeit in seine Gäste drang, noch nicht vom Tische aufzustehen, so konnte er sich doch nicht enthalten, sie merken zu lassen, daß seine Neugierde durch die Lobpreisungen Ione's rege geworden sei. Sie beschlossen daher Alle, mit Ausnahme Pansa's und des Schattens, sich zu der schönen Griechin zu begeben. Sie brachten darum die Gesundheit des Glaukus und des Titus aus, vollzogen ihre letzten Libationen, legten ihre Sandalen wieder an, stiegen die Treppe hinab und schritten, ohne gebissen zu werden, über den wilden, auf der Schwelle abgebildeten Hund, und traten nun beim Scheine des eben aufgehenden Mondes in die noch mit Menschen angefüllten, lebhaften Straßen von Pompeji.

Sie durchwanderten das Quartier der Goldschmiede, dessen glänzende Lichter die in den Gewölben ausgelegten Edelsteine auffingen und zurückwarfen, und gelangten endlich vor Ione's Thor. Das Vestibulum war von langen Lampenreihen erleuchtet; gestickte, purpurne Vorhänge hingen an beiden Eingängen des Tablinums herab, in welchem Wände und Mosaikboden von den reichsten Farben der Kunst strahlten; unter dem Porticus, der das balsamisch duftende Viridarium umgab, fanden sie ihre bereits von einer Menge von Verehrern und applaudirenden Gästen umringt.

»Habt Ihr nicht gesagt, sie sei eine Athenerin?« fragte Glaukus ganz leise, ehe er in das Peristyl trat.

»Nein, sie ist von Neapolis.«

»Von Neapolis!« wiederholte Glaukus, und in diesem Augenblick trennte sich die Gruppe, die Ionen umgab, und er sah plötzlich jene nymphenartige Schönheit wieder, die seit Monaten auf die Wogen seiner Erinnerungen hingeleuchtet hatte.

Viertes Kapitel.

Der Isistempel – Dessen Priester – Der Charakter des Arbaces entwickelt sich.

Unsere Erzählung führt wieder auf den Egypter zurück. Wir verließen Arbaces am Nachmittage am Meeresufer, nachdem er von Glaukus und seinen Freunden hinweggegangen war. Als er sich dem besuchtesten Theile des Meerbusens näherte, blieb er stehen und betrachtete diese belebte Scene mit gekreuzten Armen und einem bittern Lächeln auf seinem düstern Angesichte.

»Thoren, Kurzsichtige und Narren, die ihr seid!« murmelte er leise bei sich selbst; »möget ihr den Geschäften oder dem Vergnügen, dem Handel oder der Religion euch widmen, ihr seid immer die Spielbälle der Leidenschaften, die ihr beherrschen solltet! Wie müßtet ihr mich anekeln, wenn ich euch nicht haßte; ja, ich hasse euch! Griechen oder Römer! – von uns, von der dunklen Weisheit Egyptens, habt ihr das Feuer gestohlen, das euch Seelen gibt – eure Wissenschaft – eure Poesie – eure Gesetze – eure Künste – eure barbarische Meisterschaft im Kriege; Alles (wie klein und verstümmelt im Vergleich zu dem gewaltigen Original) – habt ihr uns gestohlen, wie ein Sklave die Überbleibsel eines Gastmahls. Und jetzt seid ihr, ihr Nachäffer von Nachäffern, ihr Römer, die ausgeschossene Heerde von Räubern! – ihr seid unsere Herren! die Pyramiden blicken nicht mehr auf das Geschlecht des Ramases herab, der Adler schwebt über die Schlange des Nils hin. Unsere Herren? Nein, nicht die meinigen. Meine Seele ist euch durch die Macht der Weisheit überlegen, beherrscht euch und legt euch unsichtbare Fesseln an. So lange die List über die Stärke siegen und die Religion eine Höhle besitzen wird, aus deren Innerem die Orakel das Menschengeschlecht täuschen können, beherrscht der Weise die Erde. Selbst aus euern Lastern bereitet sich Arbaces Genüsse, die kein gemeines Auge entweiht – unermeßliche, reiche, unerschöpfliche Genüsse, die euer entnervtes Gemüth in seiner geistlosen Sinnlichkeit weder begreifen noch ahnen kann. Fahret in eurem Streben nur fort, ihr Sklaven des Ehrgeizes und der Habsucht; euer kleinlicher Durst nach Fasces, Quästuren und allen Mummereien der knechtischen Gewalt erregt nur mein Lachen und meinen Hohn. Meine Macht reicht so weit, als die Menschen glauben; ich herrsche selbst über Seelen, die der Purpur umhüllt. Theben mag fallen und Egypten nur noch ein Name sein; die Welt selbst liefert dem Arbaces seine Unterthanen.«

Unter solchen Sprüchen schritt der Egypter langsam weiter; er kehrte in die Stadt zurück und seine über die auf dem Forum versammelte Menge emporragende Gestalt wandte sich nach dem kleinen, aber anmuthigen, der Isis geheiligten Tempel.Sylla soll den Gottesdienst der egyptischen Isis nach Italien verpflanzt haben. In den kampanischen Städten jedoch war vermuthlich der Handel mit Alexandrien wirksamer, die Verehrung der Liebesgöttin in Egypten einzuführen, als die Frömmigkeit Sylla's, die vielleicht kein populäres Beispiel gewesen wäre. Bald wurde dieser Gottesdienst Mode, und zwar besonders bei den römischen Damen. Seine Priester legten das Gelübde der Keuschheit ab, waren aber, wie alle solche Brüderschaften, wegen ihrer Zügellosigkeit berüchtigt. Juvenal nennt die Priesterinnen bei einem Namen (Isiacae lenae), der besagt, wie bequem sie für Liebende waren, und manche Liebesintrigue wurde unter dem Mantel der Nacht in dem Bezirke der heiligen Tempel ausgeführt. Gelobte eine Dame z.B. so und so viele Nächte am Altare der Isis zu wachen, so war dies ein Opfer der Enthaltsamkeit gegenüber von ihrem Gemahl, das in der Regel ihrem Liebhaber zu Statten kam. Während so die eine Leidenschaft der menschlichen Natur in Anspruch genommen wurde, zog man auch eine andere, kaum minder starke, in den Dienst der Gottheit – nämlich Leichtgläubigkeit. Die Priester der Isis behaupteten, die Magie zu verstehen und die Zukunft zu kennen. Frauen aus allen Ständen – und sogar manche aus dem stärkeren Geschlecht – befragten die egyptischen Zauberkünste und verehrten sie als Orakel. Voltaire sucht sehr sinnreich zu beweisen, daß die Zigeuner ein Ueberbleibsel der alten Priester und Priesterinnen der Isis, vermischt mit denen der syrischen Göttin, seien. Zur Zeit des Apulejus hatten diese heiligen Betrüger ihre Würde und Geltung verloren – verachtet und arm irrten sie von Ort zu Ort, ihre Prophezeihungen verkaufend und Krankheiten heilend. Voltaire macht uns mit Scharfsinn darauf aufmerksam, daß Apulejus ihre besondere Gewandtheit im Ausplündern von Nebengebäuden und Hofräumen nicht vergessen habe – später sagten sie aus der Hand wahr und führten eigenthümliche Tänze – vielleicht Zigeunertänze? – auf. »Dies,« sagt der in seinen Schlüssen voreilige Franzose, »war das Ende der alten Religion der Isis und des Osiris, deren bloße Namen uns heute noch mit Ehrfurcht erfüllen!« – Zu der Zeit übrigens, wo meine Geschichte spielt, war der Gottesdienst der Isis noch im Ansehen. Die reicheren Verehrer derselben ließen sich sogar von dem geheimnisvollen Wasser des Nils holen, um die Altäre der Göttin damit zu besprengen. Ich habe den Ibis in den Tempel der Isis eingeführt, obgleich man glaubt, daß dieser Vogel, wenn man ihn aus Egypten fortnehme, verschmachte und sterbe. Aus verschiedenen Gründen jedoch, deren Aufzählung hier zu weitläufig wäre, glaube ich, daß der Ibis in den italienischen Tempeln der Isis keineswegs selten war, obgleich er gewöhnlich nicht lange lebte und unter einem fremden Klima sich durchaus nicht fortpflanzte.

Dieses Gebäude war damals erst seit kurzer Zeit errichtet; der alte Tempel wurde durch das sechszehn Jahre vorher stattgefundene Erdbeben zerstört, und der neue Bau kam bei den unbeständigen Pompejanern so bald in die Mode, wie bei uns eine neue Kirche oder ein neuer Prediger. Die Orakel der Göttin zu Pompeji waren durch die geheimnisvolle Sprache, in der sie ertheilt wurden, ebenso ausgezeichnet, als durch das Zutrauen, das ihre Befehle und Vorhersagungen genossen. Waren sie auch nicht von einer Gottheit diktirt, so zeugten sie wenigstens von tiefer Menschenkenntnis; sie entsprachen mit der größten Genauigkeit den Verhältnissen jedes Individuums und boten in dieser Beziehung einen merkwürdigen Gegensatz zu den allgemeinen Aussprüchen der mit ihnen rivalisirenden Tempel.

Als Arbaces an das Gitter gelangte, das die Personen von dem geheiligten Raume ausschloß, war eine Menge Menschen aus allen Ständen, hauptsächlich aber Kaufleute, ehrfurchtsvoll vor den zahlreichen Altären, die sich im offenen Hofe befanden, in athemloser Stille versammelt. Nischen, die in den Mauern der Cella angebracht waren, zu der sieben Stufen von parischem Marmor hinanführten, enthielten mehr Statuen, und sogar die Wände waren mit dem der Isis geheiligten Granatapfel geschmückt. Im Innern des Gebäudes befand sich ein längliches Piedestal mit zwei Statuen, deren eine die Isis selbst, die andere aber den schweigsamen und geheimnisvollen Orus vorstellte. Noch mehrere andere Gottheiten schienen hier zur Bildung des Hofstaats der egyptischen Göttin vereinigt zu sein, – der ihr verwandte und vielnamige Bacchus, die cyprische Venus (eine griechische Nachahmung der Isis), wie sie aus dem Bade steigt, Anubis mit dem Hundskopfe, der Ochse Apis und eine Menge egyptischer Götzenbilder von wundersamer Gestalt und unbekannten Namen.

Wir dürfen jedoch keineswegs vermuthen, daß die Isis in den Städten Großgriechenlands unter den Formen und Ceremonien verehrt worden sei, auf die sie gerechten Anspruch haben durfte; die gemischten und neueren Nationen des Südens vermengten theils aus Stolz, theils aus Unwissenheit die Culte aller Zeiten und Länder. Auch die tiefen Geheimnisse des Nils waren durch hunderterlei ausgeartete, leichtsinnige Neuerungen, die den Glaubensbekenntnissen am Cephissus und der Tiber entnommen waren, entstellt. Der Isistempel zu Pompeji wurde von römischen und griechischen Priestern bedient, die der Sprache und der Gebräuche der alten Verehrer dieser Göttin gleichmäßig unkundig waren, und der Nachkömmling jener mächtigen egyptischen Könige lachte unter dem Scheine der tiefsten Ehrfurcht heimlich über die kleinlichen Mummereien, durch die man den feierlichen und deutungsreichen Gottesdienst seines heißen Himmelsstriches nachzuahmen suchte.

In weißen Gewändern hatte sich die Opferschaar zu beiden Seiten der Außentreppe in Reihen aufgestellt, während oben zwei Unterpriester standen, deren einer einen Palmzweig, der andere einen kleinen Ährenbüschel hielt. Der enge Durchgang des Vordergrundes war von Zuschauern umlagert.

»Und welcher Beweggrund,« fragte Arbaces leise einen Kaufmann, der beim Handel mit Alexandrien – ein Verkehr, der vor Allem zur Einführung des Cultus der egyptischen Göttin in Pompeji beigetragen haben mochte – betheiligt war, »welcher Beweggrund versammelt Euch in diesem Augenblicke vor den Altären der ehrwürdigen Isis? Nach den weißen Gewändern der Gruppe vor mir scheint es, daß ein Opfer gebracht werden soll, und nach der Versammlung von Priestern, daß Ihr auf ein Orakel harret. Auf welche Frage soll es antworten?«

»Wir sind Kaufleute,« antwortete der Gefragte (der kein Anderer war als Diomed) in demselben Tone; »wir suchen das Schicksal zu erfahren, das unsern Schiffen vorbehalten ist, die morgen nach Alexandrien segeln sollen. Wir wollen der Göttin ein Opfer bringen und sie um eine Antwort anflehen. Du kannst an meiner Kleidung sehen, daß ich nicht zur Zahl derer gehöre, die das Opfer veranstalten, aber es liegt mir doch Etwas an der guten Fahrt der Flotte ... ja, beim Jupiter! ich habe einen kleinen Handel; wie könnte ich sonst in diesen schwierigen Zeiten leben?«

Der Egypter erwiderte mit Würde, obgleich die Isis eigentlich die Göttin des Ackerbaues sei, so sei sie doch nicht weniger die Beschützerin des Handels. Dann wandet er sein Haupt gegen Morgen und schien in tiefe Andacht versunken.

In diesem Augenblicke erschien auf der Mitte der Treppe ein von Kopf bis Fuß weiß gekleideter Priester. Zwei andere Priester, die bis auf die Mitte ihrer Brust entblößt, am übrigen Körper aber mit weißen, wallenden Gewändern bedeckt waren, lösten diejenigen ab, die bis jetzt an den beiden Ecken gestanden hatten. Zu gleicher Zeit stimmte ein unten an der Treppe sitzender Priester auf einem langen Blasinstrumente eine feierliche Weise an; auf der halben Höhe der Treppe befand sich ein zweiter Flamen, mit einem Votivkranze in der einen, und einem weißen Stabe in der andern Hand, während endlich, um den malerischen Eindruck dieser morgenländischen Feierlichkeit zu vervollständigen, der stattliche Ibis (ein dem egyptischen Cultus geheiligter Vogel), von der Höhe der Mauer still den gottesdienstlichen Gebräuchen zuschaute, oder am Fuße der Stufen um den Altar umherschritt.

An diesem Altare stund jetzt der Opferpriester.Man zeigt im Museum zu Neapel ein Gemälde, das ein egyptisches Opfer vorstellt.

Das Gesicht des Arbaces schien, während die Opferschauer die Eingeweide untersuchten, seine ganze strenge Ruhe zu verlieren und in frommer Besorgnis zu schweben – dann aber freudig sich aufzuhellen, als die Zeichen für günstig erklärt wurden und die glühenden Flammen die heiligen Theile des Opferthieres unter dem Wohlgeruche der Myrrhen und des Weihrauchs zu verzehren begannen. Plötzlich folgte dem Geflüster der Menge ein tiefes Stillschweigen, die Priester versammelten sich um die Cella herum, und ein anderer Priester, ganz nackt bis auf einen Gürtel um die Lenden, trat schnell vor, tanzte unter wunderlichen Geberden und flehte die Göttin um eine Antwort an. Endlich hörte er, vor Mattigkeit erschöpft, auf und in dem Körper der Statue ließ sich ein leises Gemurmel vernehmen; dreimal nickte sie mit dem Kopfe, ihre Lippen öffneten sich und hierauf sprach eine Grabesstimme folgende geheimnisvolle Worte aus:

»Ich sehe die Wogen im Kampfe sich wälzen,
Ich sehe ein Grab im umfluteten Felsen;
Die Stirne der Zukunft, sie brütet Gefahren,
Doch euch wird die Schiffe das Schicksal bewahren.«

Die Stimme schwieg, die Menge athmete leichter und die Kaufleute sahen einander an.

»Nichts kann deutlicher sein,« sprach Diomed leise; »auf dem Meere wird es einen Sturm geben, wie es beim Eintritte des Herbstes sehr häufig geschieht; aber unsere Schiffe werden gerettet werden. O wohlthätige Isis!«

»Gelobt sei die Göttin in Ewigkeit!« riefen die Kaufleute; »was kann unzweideutiger sein, als ihre Vorhersagung?«

Der Oberpriester hob eine seiner Hände in die Höhe, zum Zeichen des Stillschweigens (denn die gottesdienstlichen Gebräuche der Isis heischten einen, den lebhaften Pompejanern beinahe unmöglichen Stillstand der Sprachwerkzeuge) und vollzog die Libation auf dem Altare; nach einem kurzen Schutzgebete war die Ceremonie zu Ende und die Versammlung wurde entlassen. Nachdem die Menge sich zerstreut hatte, blieb der Egypter gleichwohl bei dem Gitter zurück, und als der Weg frei genug war, näherte sich ihm einer der Priester und grüßte ihn mit allem Anschein großer Vertraulichkeit.

Das Gesicht dieses Priesters war auffallend widrig. Sein glattrasierter Schädel war vorn so platt und schmal, daß er fast dem eines afrikanischen Wilden gleichkam, ausgenommen gegen die Schläfe zu, wo er in jenem Organ, das die Jünger einer dem Namen nach neuen, praktisch jedoch den Alten, wie wir an ihren Bildhauerarbeiten sehen, vollkommen bekannten Wissenschaft, das Organ des Erwerbssinnes nennen, zwei ungeheuer große, beinahe übernatürliche Erhöhungen zeigte, welche diesen mißgestalteten Kopf noch häßlicher machten. Um die Augenbrauen herum bildete die Haut ein Gewebe von tiefen und verwirrten Runzeln; die schwarzen und kleinen Augen rollten in gelbschmutzigen Höhlen; die kurze aber dicke Nase war an den Nüstern ausgespannt, wie bei einem Satyr, während die aufgeworfenen, blassen Lippen, die hohen Backenknochen, die bleichen und hautscheckigen Farben, die auf der pergamentartigen Haut sichtbar waren, eine Physiognomie vollendeten, die Niemand ohne Widerwillen und nur Wenige ohne Schrecken und Mißtrauen betrachten konnten. Welches auch die Wünsche des Geistes sein mochten – jedenfalls war ein solcher Körper fähig, sie alle zu vollführen. Die eisernen Kehlmuskeln, die breite Brust, die nervigten Hände und dürren Arme, die bis über die Ellenbogen entblößt waren, deuteten auf einen Körperbau hin, der in Stand setzte, sowohl mit großer Energie zu handeln, als auch mit Ausdauer zu leiden.

»Kalenus«, sagte der Egypter zu diesem liebenswürdigen Flamen. »Du hast durch Befolgung meines Rathes die Stimme der Statue sehr verbessert, und Deine Verse sind vortrefflich. – Du magst immerhin günstigen Erfolg prophezeihen, wofern die Erfüllung einer solchen Vorhersagung nicht eine absolute Unmöglichkeit ist.«

»Überdies,« setzte Kalenus hinzu, »wenn der Sturm eintritt und den Untergang der verwünschten Schiffe zur Folge hat, werden wir es nicht vorhergesagt haben, und sind die Schiffe nicht bewahrt, wenn sie in Ruhe liegen? Sagt uns nicht Horaz, daß der Schiffer auf dem ägäischen Meere die Götter um Ruhe anflehe; an welcher Stelle im Meere aber kann er sie nun besser finden, als auf seinem Grunde?«

»Ganz richtig, Kalenus, auch wünschte ich, daß sich Apäcides Deine Weisheit zum Muster nehme; doch ich möchte mit Dir noch über ihn und einige andere Gegenstände sprechen. Kannst Du mich in eines Eurer wenigen heiligen Gemächer führen?«

»Ja wohl,« versetzte der Priester, indem er ihm in eines der kleinen Zimmer voranging, die das offene Thor umgaben. Hier setzten sie sich an einen kleinen Tisch, auf den man Platten mit Obst, Eiern und verschiedenen kalten Speisen, so wie Gefäße voll herrlichen Weines gestellt hatte. Während nun die Beiden hievon genossen, entzog sie zwar ein Vorhang, der an dem zum Hofe führenden Eingang herabhing, dem Auge der Neugierigen, erinnerte sie übrigens durch seine Dünne, daß sie nur durch leises Sprechen ihre Geheimnisse unbescheidenen Ohren entziehen könnten, oder gar nicht von solchen reden dürften. Sie entschieden sich für das Erstere.

»Du weißt,« sagte Arbaces, mit so weicher und verhaltener Stimme, daß sie kaum die Luft umher bewegte, »daß ich es mir immer zum Grundsatze gemacht habe, mich an die Jugend zu halten. Aus ihren biegsamen und ungebildeten Gemüthern schnitzle ich mir meine passendsten Werkzeuge. Ich bereite, knete und forme sie nach meinem Willen. Die Männer mache ich bloß zu Anhängern oder Dienern, die Weiber –«

»Zu Geliebten,« sagte Kalenus, dessen häßliche Züge ein bleifarbiges Lächeln in diesem Augenblicke nur noch mehr entstellte.

»Ja, ich verhehle es nicht, das Weib ist das erste Ziel – das große Verlangen meiner Seele; wie Du die Opferthiere für die Schlachtbank mästest, so liebe ich es, die Wesen, die meinen Lüsten dienen sollen, heranzubilden. Ich liebe es, ihren Geist heranzuziehen, zur Reise zu fördern und die zarte Blüte ihrer verborgenen Leidenschaften zu entwickeln, um die Frucht für meinen Geschmack vorzubereiten. Ich verachte ausgelernte und überreife Lustdirnen. Der wahre Reiz der Liebe besteht für mich nur in dem sanften und unbewußten Fortschritte von der Unschuld zum Verlangen; – so trotze ich der Übersättigung, und in dem ich die Frische der Gefühle Anderer betrachte, bewahre ich die Frische der meinigen. Aus dem jungen Herzen meiner Schlachtopfer nehme ich die Ingredienzien für den Kessel, worin ich mich selbst verjünge. Aber genug hievon; laß uns zu dem Gegenstande übergehen, der vor uns liegt. Du weißt, daß ich vor einiger Zeit Ione und Apäcides, Schwester und Bruder, die Kinder eines in Neapel ansäßigen Atheners, daselbst traf. Durch den Tod ihrer Eltern, die mich kannten und achteten, wurde ich ihr Vormund, und ich vernachlässigte mein Amt nicht. Der gelehrige und sanfte Jüngling war für die Eindrücke empfänglich, die ich ihm einzuprägen suchte. Nach den Frauen geht mir die Erinnerung an das Land meiner Väter über Alles; es macht mir Vergnügen, seinen dunkeln und geheimnisvollen Glauben zu erhalten, ihn an ferne Ufer, die ihre Kolonien vielleicht einst bewohnen, zu verpflanzen. Mit dem Vergnügen, den Göttern zu dienen, paart sich vielleicht dasjenige, die Menschen zu täuschen. Ich unterrichtete also den Apäcides in der heiligen Religion der Isis; ich enthüllte ihm einige jener erhabenen, in ihrem Cultus enthaltenen Allegorien, ich weckte in seinem, für religiöse Glut besonders empfänglichen Gemüthe jenen Enthusiasmus, der aus der Einbildungskraft Glauben erzeugt. Ich habe ihn zu Euch gebracht; er ist einer der Eurigen.«

»Er ist es,« sagte Kalenus; »aber indem Du seinen Glauben so steigertest, hast Du ihn seiner Weisheit beraubt; ein Schrecken befällt ihn bei dem Gedanken, nicht länger getäuscht zu sein. Unsere frommen Täuschungen, unsere redenden Statuen und unsere geheimen Treppen erschrecken, und empören ihn; zugleich seufzt er, zehrt ab, spricht unaufhörlich mit sich selbst und weigert sich, an unsern Ceremonien Theil zu nehmen. Es ist bekannt, daß er Leute besucht, die der Anhänglichkeit an diese neue und atheistische Lehre verdächtig sind, welche alle unsere Götter läugnet und unsere Orakel für die Eingebungen jenes bösen Geistes erklärt, von dem die Sagen des Morgenlandes erzählen. Unsere Orakel, ach! wir wissen wohl, wessen Eingebungen die sind.«

»Gerade das befürchte ich – nach einigen Vorwürfen, die er mir bei unserem letzten Beisammensein machte,« sagte Arbaces nachdenkend. »Er weicht mir seit neuerer Zeit aus, aber ich muß ihn aufsuchen, ich muß meinen Unterricht fortsetzen und ihn in das Heiligthum der Weisheit einführen. Ich muß ihn lehren, daß es zwei Stufen der Heiligkeit gibt, die erste Glauben – die zweite Täuschung – jene für den Pöbel, diese für den Weisen.«

»Ich kam nie über die erste Stufe,« sagte Kalenus, »und mir däucht, auch Du nicht, mein Arbaces.«

»Du bist im Irrthum,« versetzte der Egypter mit Würde; »ich glaube jetzt noch, zwar nicht das, was ich lehre, sondern das, was ich nicht lehre. In der Natur liegt etwas Heiliges, dem ich weder widerstehen kann, noch will. Ich glaube an mein eigenes Wissen, und dies hat mir geoffenbart ... Doch genug davon! Jetzt zu fröhlicheren und lockenderen Gegenständen. Wenn ich also bei Apäcides meinem Zwecke nachkam, was waren dann meine Absichten bei hinsichtlich der Ione? Du weißt schon, daß ich sie zu meiner Königin, meiner Braut, zur Isis meines Herzens bestimmte. Nie, bevor ich sie sah, wußte ich, wie großer Liebe meine Natur fähig ist.«

»Von tausend Lippen höre ich, sie sei eine zweite Helena,« sagte Kalenus, indem er mit den Lippen schmatzte; ob aber dieses Schmatzen sich auf den genossenen Wein oder auf den ausgesprochenen Gedanken bezog, ist schwer zu entscheiden.

»Ja, sie ist von einer Schönheit, die Griechenland selbst nie übertraf,« fuhr Arbaces fort; »aber dies ist noch nicht Alles; ihre Seele ist würdig, sich mit der meinigen zu vermählen. Ihr Geist übertrifft den eines Weibes – is scharf, blendend, kühn. Die Poesie schwebt unwillkürlich über ihre Lippen; sprich eine auch noch so verwickelte und tiefe Wahrheit aus, so erfaßt und beherrscht sie ihren Verstand. Ihre Einbildungskraft und Vernunft sind nie im Widerspruche mit einander; sie harmoniren und leiten sie wie die Winde und Wogen ein hohes Schiff leiten. Hiemit vereinigt sie eine kühne Unabhängigkeit der Gedanken; sie bedarf keiner Stütze in der Welt und kann eben so muthvoll sein als sanft. Dies ist die Natur, die ich mein ganzes Leben hindurch beim Weibe suchte und jetzt erst fand. Ione muß die Meinige werden, ich empfinde eine doppelte Leidenschaft für sie; ich wünsche in ihr eine Schönheit des Geistes wie des Körpers zu besitzen.«

»Sie ist also noch nicht die Deinige?« fragte der Priester.

»Nein, sie liebt mich, aber nur als Freund, und nur mit ihrem Geiste. Sie glaubt bei mir jene untergeordneten Tugenden zu finden, die ich aus höherer Tugend verachte. Aber laß mich in meiner Erzählung fortfahren. Bruder und Schwester waren jung und reich; Ione ist stolz und ehrgeizig; stolz auf ihren Geist, auf den Zauber ihrer Poesie und die Reize ihrer Unterhaltung. Als ihr Bruder mich verließ, um in Euren Tempel einzutreten, kam auch sie nach Pompeji, um ihm näher zu sein. Sie hatte ihre Talente bekannt werden lassen; Alles strömt zu den Festen, die sie gibt; ihre Stimme bezaubert die Gäste und ihre Poesie überwältigt sie. Sie findet eine Freude darin, für die Nachfolgerin der Korinna zu gelten.«

»Oder der Sappho?«

»Aber einer Sappho ohne Liebe! Ich habe sie ermuthigt in dieser kühnen Laufbahn – in diesem Schwelgen in Eitelkeit und Vergnügen; ich sah es gerne, wenn sie sich der Zerstreuung und dem Luxus dieser verdorbenen Stadt überließ. Denn wisse, Kalenus, ich wünschte ihren Geist zu entnerven; er war zu rein geblieben, um den Hauch anzunehmen, der den krystallenen Spiegel nicht bloß berühren, sondern durch's Feuer hinein geätzt werden sollte. Ich wünschte sie von hohlen und lüsternen Liebhabern, die ihre Natur verachten mußte, umschwärmt zu sehen, um ihr das Bedürfnis der Liebe fühlbar zu machen. In jenen ruhigen Augenblicken der Leere, die auf die Aufregung folgen, kann ich meine Zaubernetze weben, ihre Theilnahme erregen, ihre Leidenschaft auf mich ziehen und mich ihres Herzens bemächtigen; denn nicht der Junge, der Schöne, der Muntere allein ist es, der Ione zu fesseln vermöchte; man muß sich ihrer Einbildungskraft bemeistern, und das ganze Leben des Arbaces war ja nur ein Triumph über die Einbildungskraft seiner Mitmenschen.«

»Fürchtest Du denn Deine Nebenbuhler gar nicht? Die Liebhaber in Italien sind in der Kunst, zu gefallen, sehr erfahren.«

»Durchaus nicht! Ihre griechische Seele verachtet die barbarischen Römer und würde sich selbst verachten, wenn sie nur einen Gedanken von Liebe zu Einem aus diesem Geschlechte zuließe.«

»Aber Du bist ein Egypter und kein Grieche!«

»Egypten,« erwiderte Arbaces, »ist Athens Mutter; Minverva, Athens Schützerin, ist auch unsere Göttin, und sein Gründer, Cekrops, war ein Flüchtling aus dem egyptischen Sais. Dies habe ich Ihnen bereits mitgetheilt, und sie verehrt in meinem Blute die älteste Dynastie der Erde. Indessen gestehe ich doch, daß seit einiger Zeit ein beunruhigender Verdacht in meiner Seele aufgetaucht ist. Sie ist verschlossener als gewöhnlich, liebt traurige und schmachtende Musik, und seufzt ohne irgend einen äußeren Grund. Dies kann entweder der Beweis von einer entstehenden Liebe oder von dem Bedürfnisse nach Liebe sein. In beiden Fällen ist es für mich Zeit, meine Operationen auf ihre Einbildungskraft und auf ihr Herz zu beginnen; im ersten Falle, um die Quelle der Liebe auf mich zu lenken, in dem zweiten, um sie zu erwecken, und deshalb habe ich Dich aufgesucht.«

»Und in wie fern kann ich Dir beistehen?«

»Ich bin im Begriff, sie zu einem Feste in meinem Hause einzuladen. Ich wünsche ihre Sinne zu blenden, aufzuregen und zu entflammen. Unsere Künste – die Künste, durch die Egypten seine Novizen bildete, müssen angewendet werden, und unter dem Schleier der Mysterien der Religion will ich ihr die Geheimnisse der Liebe enthüllen.«

»Ach! jetzt verstehe ich. Eines jener üppigen Bankette, an denen wir Isispriester, trotz unserer abgeschmackten Gelübde strengster Enthaltsamkeit, in Deiner Wohnung schon Antheil nahmen.«

»Nein, nein! Denkst Du, ihre keuschen Blicke seien für solche Scenen reif? Nein ... doch, wir müssen mit der Verführung des Bruders beginnen ... Eine leichtere Aufgabe! Vernehme denn meine Anweisungen.«

Fünftes Kapitel.

Noch etwas von dem Blumenmädchen – Fortschritte der Liebe.

Die Strahlen der Sonne fielen glänzend in jenes schöne Zimmer im Hause des Glaukus, das, wie ich bereits bemerkte, jetzt das »Zimmer der Leda« genannt wird. Die Morgensonne drang durch eine Reihe kleiner, im obern Theile des Zimmers angebrachte Fenster und durch die Thüre, die in den Garten führte, der für die Bewohner der Städte des Südens dasselbe war, was bei uns ein Gewächs- oder Treibhaus ist. Die geringe Ausdehnung dieses Gartens machte ihn zum Spazierengehen nicht geeignet, aber die mannigfaltigen, wohlriechenden Pflanzen, von denen er voll war, verliehen dem bei den Bewohnern eines warmen Klima's so beliebten Nichtsthun eine wollüstige Empfindung. Und gerade jetzt verbreiteten sich die durch ein leichtes Lüftchen vom nahen Meere hergefächelten Düfte über das Zimmer, dessen Wände mit den reichen Farben der glühendsten Blumen wetteiferten. Neben den Hauptstücken, dem Gemälde von Leda und Tyndareus, waren mitten in jedem Wandfelde andere Malereien von großer Schönheit angebracht. Auf dem einen sah man Kupido, wie er auf den Knieen der Venus schaukelt; auf einem zweiten Ariadne, am Ufer schlafend, noch unbekannt mit der Treulosigkeit des Theseus. Wenn aber schon die Sonnenstrahlen lustig auf dem mit Mosaik ausgelegten Fußboden und an den glänzenden Wänden spielten, so drangen doch die Freudenstrahlen noch heiterer zum Herzen des jungen Glaukus.

»Ich habe sie also gesehen!« sagte er, in dem er in diesem kleinen Zimmer auf und ab ging; »ich habe sie gehört, ich habe wieder mit ihr gesprochen, der Musik ihres Gesanges zugelauscht und sie sang von Ruhm und von Griechenland! Ich habe das lang gesuchte Ideal aller meiner Träume entdeckt, und wie der cyprische Bildhauer, habe ich dem Geschöpfe meiner Einbildungskraft Leben eingehaucht.«

Das verliebte Selbstgespräch des Glaukus hätte vielleicht noch länger fortgedauert, hätte nicht in diesem Augenblicke ein Schatten die Schwelle des Zimmers verdunkelt, und ein junges, kaum der Kindheit entwachsenes Mädchen, seine Einsamkeit unterbrochen. Sie trug ganz einfach eine weiße Tunika, die vom Nacken bis auf die Knöchel hinabfiel, in ihrem Arme ein Blumenkörbchen und in der andern Hand ein bronzenes Wassergefäß. Ihre Gesichtszüge waren ausgebildeter, als eigentlich ihr Alter erwarten ließ, übrigens voll Sanftmuth und Zartheit, und ohne gerade an sich schön zu sein, wurden sie es doch durch die Schönheit ihres Ausdruckes. In ihrem Aussehen lag etwas, man möchte sagen Geduldiges, unaussprechlich Mildes; ein Zug von resignirter Trauer, von ruhigem Dulden hatte das Lächeln von ihren Lippen verbannt, nicht aber die Anmuth; eine gewisse Schüchternheit und Vorsicht in ihrem Gange, etwas Unstätes in den Augen ließen das Unglück errathen, unter dem sie seit ihrer Geburt seufzte; sie war blind. Indessen hatten ihre Augensterne keinen sichtbaren Fehler; ihr wehmüthiges und schwaches Licht war klar, wolkenlos und heiter.

»Man hat mir gesagt, Glaukus sei hier,« sprach sie; »darf ich eintreten?«

»Ah! meine Nydia,« antwortete der Grieche, »bist Du es? Ich wußte wohl, daß Du meine Einladung nicht vernachlässigen würdest.«

»Glaukus erwies sich nur gegen sich selbst gerecht,« antwortete Nydia erröthend, »denn er war gegen das arme, blinde Mädchen immer sehr gütig.«

»Wer sollte es denn nicht sein?« sagte Glaukus zärtlich, im Tone eines mitfühlenden Bruders.

Nydia seufzte, schwieg eine Zeitlang still und versetzte alsdann, ohne auf seine Bemerkung zu antworten: »Du bist erst kürzlich zurückgekehrt?«

»Dies ist die sechste Sonne, die in Pompeji auf mich scheint.«

»Und bist Du wohl? – Ach! Ich darf nicht fragen. Kann einer krank sein, der diese Erde sieht, die, wie man mir sagt, so schön ist?«

»Ich befinde mich wohl. – Und Du, Nydia? Aber wie groß Du bist! Im nächsten Jahre wirst Du auf die Antworten denken müssen, die Du Deinen Liebhabern zu geben hast.«

Nydia erröthete wiederholt; diesmal runzelte sie aber auch zugleich die Stirne.

»Ich habe Dir einige Blumen gebracht,« sagte sie, ohne auf seine Bemerkung zu antworten, die sie beleidigt zu haben schien; sie tastete im Zimmer umher, bis sie den Tisch fand, an dem Glaukus stand; stellte ihr Körbchen darauf und sagte: »Die Blumen sind nicht kostbar, aber frisch gepflückt.«

»Flora selbst könnte mir keine lieblicheren darreichen,« sagte Glaukus wohlwollend, »und ich wiederhole mein den Grazien dargebrachtes Gelübde, keinen andern Kranz zu tragen, so lange Deine Hände mir solche, wie diese, winden können.«

»Und wie findest Du die Blumen in Deinem Viridarium?« Kommen sie gut fort?»

»Wundervoll! Herrlich! die Laren selbst müssen sie gepflegt haben.«

»Oh! das freut mich sehr! denn ich bin während Deiner Abwesenheit, so oft ich konnte, hingegangen, um sie zu begießen und zu pflegen.«

»Wie kann ich Dir danken, schöne Nydia?« sagte der Grieche. »Glaukus ließ sich nicht träumen, daß er in Pompeji Jemand zurückgelassen habe, der an seinen Lieblingen so großen Antheil nehme.«

Die Hand des Kindes zitterte und ihr Busen wogte unter der Tunika. Sie wandte sich verlegen um.

»Die Sonne ist heute zu heiß für diese armen Blumen,« sagte sie, »sie werden meine Abwesenheit fühlen, ich war neulich krank, und habe sie schon seit neun Tagen nicht mehr besucht.«

»Krank, Nydia! Aber Deine Wangen sind rosiger, als im vorigen Jahre.«

»Ich bin oft leidend,« sagte das blinde Mädchen mit rührendem Tone, »und je größer ich werde, desto mehr schmerzt es mich, daß ich nicht sehe. Aber jetzt zu den Blumen.«

Bei diesen Worten verbeugte sie sich leicht mit dem Kopfe, ging ins Viridarium und fing an zu begießen.

»Arme Nydia,« dachte Glaukus, indem er sie betrachtete, »Dein Geschick ist hart. Du siehst weder die Sonne noch die Erde, weder den Ocean noch die Sterne – und vor Allem kannst Du Ione nicht schauen.«

Dieser letztere Gedanke rief ihm die Erinnerung an den gestern verlebten Abend zurück, als er durch den Eintritt des Klodius in seinen Träumereien von Neuem unterbrochen wurde. Es war merkwürdig und ein Beweis, wie sehr ein einziger Abend hingereicht hatte, die Liebe des Atheners für Ione zu steigern und zu läutern, daß er, obschon er Klodius das Geheimnis seines ersten Zusammentreffens mit ihr, den Eindruck, den sie damals auf ihn gemacht, mitgetheilt hatte, doch jetzt einen unüberstehlichen Widerwillen fühlte, sogar nur ihres Namens in seiner Gegenwart zu erwähnen. Er hatte Ione unter den ausschweifendsten und zügellosesten jungen Leuten strahlend, rein und makellos wiedergefunden, und gesehen, wie sie selbst die Kühnsten mehr durch ihren Reiz als durch Furcht zu achtungsvollem Benehmen zwang, gesehen, wie sie sogar die innerste Natur der Sinnlichsten und am wenigsten Idealen änderte, und so durch ihren geistigen und reinen Zauber die Fabel der Circe umkehrte und Thiere in Menschen verwandelte. Diejenigen, die ihren Geist nicht fassen konnten, wurden durch den Zauber ihrer Schönheit der Erde entrückt; die kein Herz hatten für die Poesie, hatten wenigstens Ohren für die Melodie ihrer Stimme. Als er sie so ihre ganze Umgebung durch ihre Gegenwart reinigen und erleuchten sah, fühlte Glaukus vielleicht zum erstenmale die Fähigkeit seiner eigenen Natur; er fühlte, wie sehr seine Gesellschaft und sein Treiben der Göttin seiner Träume unwürdig gewesen sei. Ein Vorhang schien von seinen Augen hinweggenommen zu werden, und er erkannte den unermeßlichen Abstand zwischen sich und seinen Genossen, den die betrüglichen Nebel der Vergnügungen bis jetzt verborgen hatten. Durch das Gefühl seines Muthes, mit dem er nach Ionen strebte, wurde er selbst veredelt. Er fühlte, daß es hinfort seine Bestimmung sei, aufwärts zu schauen und sich zu erheben. Den Namen, der seiner glühenden Einbildungskraft als etwas Heiliges und Göttliches ertönte, vermochte er nicht mehr vor unwürdigen und gemeinen Ohren auszusprechen. Sie war nicht mehr jenes schöne, einst gesehene und in leidenschaftlichem Andenken bewahrte Mädchen; jetzt war sie die Gebieterin, die Göttin seines Herzens. Wer hat dieses Gefühl nie erfahren? Wenn du es nie empfunden, so hast du nie geliebt!

Als daher Klodius mit affektirtem Entzücken von Ione's Schönheit redete, empfand Glaukus nur Ärger und Widerwillen, daß ein solcher Mund ihr Lob auszusprechen wagte; er antwortete kalt, so daß der Römer glaubte, seine Leidenschaft sei eher geheilt als gesteigert. Klodius bedauerte dies kaum; denn er wünschte sehr, den Glaukus mit einer noch viel reicheren Erbin zu verheirathen, mit Julia, der Tochter des reichen Diomed, dessen Geld er hiedurch leicht in seine eigene Kasse leiten zu können glaubte. Das Gespräch der Freunde hatte heute den gewöhnlichen Fluß nicht, und sobald Klodius von Glaukus fortgegangen war, schlug dieser den Weg nach Ione's Wohnung ein. Auf der Schwelle seines Hauses begegnete ihm Nydia wieder, die soeben ihr anmuthiges Geschäft beendigt hatte. Sie erkannte seinen Schritt augenblicklich.

»Du gehst frühe aus,« sagte sie.

»Ja; denn der kampanische Himmel ist dem Trägen böse, der ihn vernachlässigt.«

»Ach, daß ich ihn nicht sehen kann!« murmelte die junge Blinde, aber mit so leiser Stimme, daß Glaukus ihre Klage nicht vernahm.

Die Thessalierin blieb eine Zeitlang auf der Schwelle stehen, hierauf suchte sie mit Hülfe eines langen Stabs, dessen sie sich mit großer Geschicklichkeit bediente, zu ihrer Wohnung zurückzugelangen. Sie wandte sich von den belebteren Straßen der Stadt ab und trat in ein von anständigen und sittsamen Leuten nur wenig besuchtes Stadtviertel. Ihre Blindheit ersparte ihr den Anblick der niederen und rohen Zeichen des Lasters. Überdies war es um diese Zeit in den Straßen ruhig und still, und so wurde auch ihr jugendliches Ohr nicht durch die Töne beleidigt, die allzu oft in jenen dunkeln Schlupfwinkeln wiederhallten, inmitten deren sie traurig und geduldig hinwandelte.

Sie klopfte an die Hinterthüre einer Art Schenke; man öffnete und eine rauhe Stimme befahl ihr, über die eingenommenen Sesterzien Rechenschaft abzulegen. Ehe sie zu einer Antwort Zeit hatte, sagte eine andere, etwas minder gemeine Stimme: »Kümmre Dich nicht um diesen kleinen Gewinn, mein Burbo; bei den Festen unseres reichen Freundes wird man der Stimme des Mädchens bald wieder bedürfen, und Du weißt, daß er solche Nachtigallenzungen ziemlich theuer bezahlt.«

»Ach! ich will nicht hoffen – ich glaube nicht –« rief Nydia zitternd; »ich will vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne betteln, schickt mich nur nicht dorthin!«

»Und warum denn?« fragte dieselbe Stimme.

»Weil ich – weil ich jung und zart von Geburt bin, und weil die Frauenzimmer, die ich dort treffe, keine anständige Gesellschaft sind für Eine, die – die –«

»Sklavin im Hause Burbo's ist,« fiel die Stimme ironisch und mit rauhem Gelächter ein.

Die Thessalierin stellte die Blume nieder, verbarg ihr Gesicht in ihren Händen und weinte still.

Während dieser Zeit begab sich Glaukus nach der Wohnung der schönen Neapolitanerin. Er traf Ione unter ihren Dienerinnen sitzend, die um sie herum arbeiteten; ihre Harfe stand neben ihr, denn Ione war heute müßiger, vielleicht nachdenklicher als gewöhnlich. Er fand sie beim Morgenlicht und in ihrem einfachen Kleide sogar schöner, als am vorigen Abende, beim Glanze vieler Lampen und im Schmucke der kostbarsten Juwelen, und diese Schönheit wurde seines Erachtens weder durch eine gewisse Blässe, die auf ihrer durchsichtigen Haut lag, noch durch die schnelle Röthe vermindert, die bei seiner Annäherung darüber hinflog. Obgleich er zu schmeicheln gewohnt war, so erstarb doch die Schmeichelei auf seinen Lippen, als er Ione anredete; er fühlte, daß es ihrer unwürdig sei, die Huldigung, die jeder seiner Blicke darbrachte, durch Worte auszudrücken. Sie sprachen von Griechenland; dies war ein Gegenstand, über den Ione lieber sprechen hörte, als selbst sprach und der der Beredsamkeit des Griechen ein unerschöpfliches Feld bot. Er beschrieb ihr die Silberhaine, welche die Ufer des Ilissus noch schmückten, und die ihrer Herrlichkeit schon halb beraubten Tempel, die sogar in ihrem Zerfall noch immer so schön waren. Von der Höhe jener fernen Erinnerung, in welcher alle die rauheren und dunkleren Schatten in Licht verschwammen, blickte er nach der weinenden Stadt Harmodius des Freien und Perikles des Herrlichen zurück. Er hatte die Heimath der Poesie in dem poetischen Alter früherer Jugend besucht, und an die Gedanken des Patriotismus knüpfte sich bei ihm die Erinnerung an des Lebens Frühling und Fülle. Ione horchte ihm nachdenkend und still zu; diese Töne und Beschreibungen galten ihr mehr als alle die Schmeicheleien, mit denen ihre zahlreichen Anbeter sie überhäuften. War es eine Sünde, ihren Landsmann zu lieben? Sie liebte Athen in ihm – die Götter ihres Volkes, das Land ihrer Träume redeten zu ihr durch seinen Mund. Von jetzt an sahen sie sich alle Tage. In der Abendkühle fuhren sie auf das ruhige Meer hinaus. Nachts trafen sie sich in den Säulengängen und Hallen Ione's. Ihre Liebe war schnell entstanden, aber stark; sie füllte alle Quellen ihres Lebens. Herz, Verstand, Sinne und Einbildungskraft – Alles wurde zum Diener und Priester dieser Liebe. Wie wenn man bei zwei mit gegenseitiger Anziehungskraft begabten Gegenständen das Hindernis wegnimmt – so trafen jetzt auch sie auf einmal zusammen, vereinten und wunderten sich einzig, daß sie so lange Zeit von einander getrennt hatten leben können. Ja, ihre Liebe war natürlich: Beide jung, schön und geliebt, von derselben Abkunft und von demselben Geiste; – ihre Vereinigung war in der That die höchste Poesie. Sie beredeten sich, der Himmel lächle auf ihre Neigung. Wie die Verfolgten am Altare Schutz suchen, so erblickten auch sie an dem Altare ihrer Liebe ein Asyl gegen die Leiden der Erde; sie bedeckten ihn mit Blumen, ohne die Schlangen zu ahnen, die darunter verborgen lagen.

Eines Abends, den fünften nach ihrem ersten Zusammentreffen in Pompeji, kehrten Glaukus und Ione mit einer kleinen Gesellschaft auserlesener Freunde von einer Spazierfahrt um die Bucht zurück; ihre Barke glitt leicht über die vom Zwielicht beleuchteten Gewässer hin, dessen klarer Spiegel nur durch die nassen Ruder gekräuselt wurde. Während die übrige Gesellschaft sich einer munteren Unterhaltung hingab, lag Glaukus zu Ione's Füßen, ohne daß er ihr jedoch, wie er so gerne gewünscht, ins Angesicht zu schauen gewagt hätte. Ione unterbrach das Stillschweigen.

»Ach!« sprach sie seufzend, »wie würde einst mein armer Bruder sich dieser Stunde erfreut haben!«

»Dein Bruder!« sagte Glaukus, »ich habe ihn nicht gesehen. Ganz allein mit Dir beschäftigt, dachte ich an nichts Anderes, sonst hätte ich Dich schon gefragt, ob der Jüngling, in dessen Begleitung Du mich vor dem Minervatempel in Neapel verließest, nicht Dein Bruder gewesen sei?«

»Er war es!«

»Ist er hier?«

»Ja!«

»In Pompeji, und nicht beständig bei Dir? Unmöglich!«

»Er hat andere Obliegenheiten,« antwortete Ione traurig; »er ist ein Priester der Isis.«

»So jung und bei dieser Priesterschaft, die in ihren Gesetzen wenigstens so streng ist!« sagte der warme und froh gestimmte Grieche mit einem Tone der Verwunderung und des Mitleidens; »was konnte ihn zu einem solchen Entschlusse veranlassen?«

»Er war immer enthusiastisch und voll Feuer in religiösen Dingen; die Beredsamkeit eines Egypters – unseres Vormundes und Freundes – erregte in seinem Herzen den frommen Wunsch, sein Leben der geheimnisvollsten unserer Gottheiten zu weihen. Vielleicht fand er bei seinem glühenden Eifer gerade in der Strenge dieser sonderbaren Priesterschaft einen eigenthümlichen, mächtigen Reiz.«

»Und bereut er seine Wahl nicht? – Er ist hoffentlich glücklich?«

Ione seufzte tief und verhüllte ihr Gesicht mit dem Schleier.

»Ich wünschte,« sagte sie nach einer Pause, »er hätte nicht so sehr geeilt; vielleicht daß er, wie Alle, deren Erwartungen zu hoch gesteigert sind, zu leicht unbefriedigt gelassen wird.«

»Er ist also in seinem neuen Stande nicht glücklich! ... Und war dieser Egypter selbst ein Priester? Hatte er bei der Vermehrung dieser heiligen Schaar irgend ein Interesse?«

»Nein, sein Hauptinteresse war unser Glück. Er glaubte das meines Bruders zu sichern. Wir sind Waisen.«

»Wie ich,« versetzte Glaukus mit bedeutungsvollem Tone.

Ione senkte die Augen und fuhr fort: »Arbaces suchte uns den Vater zu ersetzen. Du mußt ihn kennen lernen; er ist ein Freund des Talentes.«

»Arbaces! Ja, ich kenne ihn bereits; wir sprechen wenigstens miteinander, wenn wir uns begegnen. Aber wenn Du ihn nicht so sehr liebtest, wünschte ich nicht, ihn näher kennen zu lernen. Mein Herz fühlt sich gerne zu meinen Nebenmenschen hingezogen; aber dieser geheimnisvolle Egypter mit seiner trüben Stimme und seinem frostigen Lächeln scheint mir die Sonne selbst zu verdüstern. Man sollte meinen, er habe, wie der Kretenser Epimenides, vierzig Jahre in einer Höhle zugebracht und sich seitdem nicht wieder mit dem Tageslichte befreunden können.«

»Indessen is er, wie Epimenides, gut, weiße und wohlwollend,« versetzte Ione.

»Wie glücklich ist er, daß Du ihn lobst! Er bedarf keiner andern Tugenden, um mir theuer zu sein.«

»Seine Ruhe, seine Kälte,« sagte Ione, indem sie ausweichend fortfuhr, »sind vielleicht nur die Folge früherer Leiden, wie der Berg da« (und dabei deutete sie nach dem Vesuv), »den wir jetzt dunkel und ruhig in der Ferne schauen, einst Feuer nährte, die jetzt für immer verloschen sind.«

Als Ione diese Worte sprach, blickten beide nach dem Vesuv hin; der übrige Himmel war in zarte und rosige Farben gebadet, über jenem grauen Gipfel, aber der aus Wäldern und Weingärten, die damals bis zur halben Höhe des Berges reichten, emporragte, hing eine schwarze, unglückverkündende Wolke, das einzige düstere Bild in der Landschaft. Eine plötzliche und unerklärliche Schwermuth bemächtigte sich der beiden jungen Wesen, und in jener Sympathie, welche die Liebe sie bereits gelehrt hatte, und die ihnen bei der leisesten Gemüthsbewegung, bei der geringsten Ahnung eines Unglücks sagte, daß sie sich gegenseitig die sicherste Zufluchtsstätte seien, wandten sich ihrer Blicke in demselben Momente von dem Berge ab und begegneten sich voll unaussprechlicher Zärtlichkeit.

Was bedurfte es bei ihnen der Worte, um sich zu sagen, daß sie sich liebten?

Sechstes Kapitel.

Der Vogelfänger fängt den kaum entwischten Vogel zum zweitenmal und legt seine Schlingen für ein neues Opfer.

In meiner Geschichte drängen und folgen sich die Ereignisse so schnell wie in einem Drama. Ich beschreibe eine Zeit, wo die Tage hinreichten, um das zu reifen, was sonst nur die Frucht von Jahren ist. Arbaces hatte seit einiger Zeit das Haus Ione's wenig besucht, und wenn er zufällig hinkam, den Glaukus nie getroffen; daher wußte er von der Liebe, die so plötzlich zwischen ihm und seinen Entwürfen aufgeschossen war, nichts. Sein Plan auf den Bruder Ione's hatte ihn genötigt, seine Pläne auf Ione selbst eine Zeitlang aufzuschieben. Sein Stolz und Egoismus wurden durch den plötzlichen Wechsel, der in dem Sinne des Jünglings eingetreten war, aufgeweckt und beunruhigt; er fürchtete, daß er selbst einen gelehrigen Schüler und Isis einen begeisterten Anhänger verlieren könne. Apäcides besuchte und befragte ihn nicht mehr; man traf den jungen Mann selten; er wandte sich finster von dem Ägypter ab und floh ihn sogar, wenn er ihn in der Ferne sah. Arbaces, der einer jener stolzen und gewaltigen Geister war, welche über Andere zu herrschen gewöhnt sind; er ärgerte sich bei dem Gedanken, daß Einer, der einst ihm gehörte, sich von ihm losmachen könne und schwur bei sich selbst, daß ihm Apäcides nicht entwischen solle. Mit diesem Entschlusse beschäftigt, durchwandelte er ein dunkles, dichtes Wäldchen, das inmitten der Stadt zwischen seiner und Ione's Wohnung lag, zu der er sich begab. Hier traf er unvermuthet den jungen Isispriester mit zur Erde gesenktem Blicke an einen Baum gelehnt.

»Apäcides,« sagte er, die Hand vertraulich auf die Schulter des jungen Mannes legend.

Der Priester schauderte zusammen und schien instinktmäßig fliehen zu wollen.

»Mein Sohn,« sagte der Egypter, »was ist vorgefallen, daß Du meine Gegenwart zu meiden suchst?«

Apäcides blieb still und finster; seine Augen waren zur Erde geheftet, seine Lippen zitterten und seine Brust hob sich schwer.

»Sprich zu mir, mein Freund,« fuhr der Egypter fort, »sprich! Dein Geist ist durch irgend etwas niedergedrückt; was hast Du mir anzuvertrauen?«

»Dir – Nichts!«

»Warum hast Du zu mir so wenig Vertrauen?«

»Weil Du Dich als meinen Feind bewiesen hast.«

»Laß uns sprechen,« sagte Arbaces mit leiser Stimme, legte des Priesters widerstrebenden Arm in den seinigen und führte ihn zu einer der in dem Wäldchen stehenden Bänke. Sie setzten sich nieder, und ihre düstern Gestalten paßten trefflich zu der schattigen Einsamkeit des Ortes.

Apäcides stand im Lenze seiner Jahre, und doch schien er das Leben mehr erschöpft zu haben als der Ägypter. Seine zarten und regelmäßigen Gesichtszüge waren saft- und farblos; seine hohlen Augen funkelten von blendendem, fieberhaftem Glanze; sein Körper beugte sich vor der Zeit, und an seinen bis zur Weiblichkeit kleinen Händen zeigten blaue und angeschwollene Adern die Ermattung und Schwäche seiner Fibern an. Man fand in seinem Gesichte eine auffallende Ähnlichkeit mit Ione; aber der Ausdruck war sehr verschieden von jener majestätischen und geistigen Stille, welche der Schönheit seiner Schwester eine so klassische, ja göttliche Ruhe verlieh. Auch bei ihr war der Enthusiasmus sichtbar, aber immer beherrscht und gezügelt, und dies gerade verlieh ihrem Gesichte so hohen Reiz und Ausdruck; man fühlte sich lebhaft versucht, einen Geist zu wecken, der nur unter der Asche ruhte, aber offenbar nicht schlief. Bei Apäcides dagegen offenbarte sein ganzes Äußeres die Glut und Leidenschaft seines Temperaments, während nach dem wilden Feuer seiner Augen, nach der im Vergleiche mit der Stirnhöhe übermäßigen Breite seiner Schläfe und nach dem beständigen Zittern seiner Lippen zu schließen, das denkende Element seiner Natur von dem imaginativen und idealen Elemente beherrscht und tyrannisirt zu werden schien. Bei der Schwester war die Einbildungskraft an der goldenen Schranke der Poesie stehen geblieben, bei dem weniger glücklichen und weniger gezügelten Bruder hingegen in unberührbare, körperlose Regionen hinübergewandert, so daß dieselben Eigenschaften, die dem einen der beiden Wesen Genie verliehen, das andere mit Wahnsinn bedrohten.

»Du sagst, ich hätte mich als Deinen Feind bewiesen,« redete ihn Arbaces an. »Ich kenne den Grund dieser ungerechten Beschuldigung. Ich habe Dich unter die Priester der Isis gebracht; ihre Kunstgriffe und Täuschungen empören Dich – Du meinst, auch ich habe Dich hintergangen, getäuscht – die Reinheit Deines Gemüthes fühlt sich verletzt – Du glaubst, ich sei ein Betrüger.«

»Du kanntest das Gaukelspiel dieser gottlosen Kaste, warum hast Du mir ein Geheimnis daraus gemacht? Als Du in mir das Verlangen anfachtest, mich dem Stande zu widmen, dessen Kleid ich trage, sprachst Du mir von dem heiligen Leben von Männern, die sich ausschließlich der Wissenschaft widmen, und Du hast mich einer unwissenden und sinnlichen Heerde beigesellt, die von nichts als von den plumpesten Betrügereien wissen! Du sprachst mir von Menschen, die alle weltlichen Vergnügungen dem erhabenen Dienste der Tugend aufopfern, und Du hast mich unter Männer gebracht, denen die entehrenden Laster zur zweiten Natur geworden sind; Du sprachst mir von Freunden, von Aufklärern des Menschengeschlechts, und ich sehe in ihnen nur seine Betrüger! Oh! Dein Betragen ist schändlich! – Du hast mir die Glorie der Jugend, den Glauben an die Tugend, den heiligen Durst nach Weisheit geraubt! Jung, reich, glühend, mit all den sonnigen Genüssen der Erde vor mir, entsage ich Allem ohne einen Seufzer, ja sogar glücklich und entzückt in dem Gedanken, sie hinzugeben gegen die Geheimnisse der göttlichen Weisheit, die Gemeinschaft der Götter, die Offenbarungen des Himmels – Und jetzt ... jetzt ...«

Convulsivisches Schluchzen erstickte des Priesters Stimme; er bedeckte sein Gesicht mit den Händen, und durch seine abgezehrten Finger brachen sich große Thränen und rollten reichlich auf sein Kleid herab.

»Mein Versprechen, mein Freund und Zögling, will ich Dir halten; alles Bisherige war bloß eine Prüfung Deiner Tugend, die aus diesem Noviziate nur mit neuem Glanze heraustritt; denke nicht mehr an jene unverständigen Betrügereien, habe keine Gemeinschaft mehr mit diesen Sklaven der Göttin, die nur die Atrienses ihrer Halle sind; Du bist würdig, in das Allerheiligste einzutreten. Künftig will ich Dein Priester, Dein Führer sein, und Du, der Du jetzt meine Freundschaft verfluchst, wirst sie noch segnen müssen.«

Der junge Mann erhob seinen Kopf und starrte dem Egypter mit irrem und verwundertem Blicke an.

»Höre mich,« fuhr Arbaces, nachdem er forschend herumgespäht, ob sie auch allein seien, mit ernster und feierlicher Stimme fort: »Von Egypten kam alle Weisheit der Welt; von Egypten das Wissen Athens und die tiefe Politik Kreta's; von Egypten kamen jene frühen, geheimnisvollen Stämme, die lange, ehe die Herden des Romulus die Ebenen Italiens überzogen und in dem ewigen Kreislauf der Ereignisse die Civilisation in Barbarei und Finsternis zurückstießen, alle Künste der Weisheit und alle Anmuth geistigen Lebens besaßen; aus Egypten kamen die Größe und die gottesdienstlichen Gebräuche der heiligen Stadt Cäre, deren Einwohner ihre eisernen, römischen Besitzer Alles das lehrten, was diese bis jetzt von Erhabenem in der Religion, von Feierlichem im Gottesdienste wissen. Und wodurch glaubst Du, junger Mann, daß dieses ehrwürdige Egypten, die Mutter zahlloser Nationen, seine Größe erlangt und sich auf den Gipfel der Weisheit geschwungen habe? Nur durch seine tiefe und heilige Politik. Die neueren Nationen verdanken ihre Größe Egypten, und dieses die seinige seinen Priestern. Zu sich selbst zurückgezogen und von dem Wunsche beseelt, über den edleren Theil des Menschen, über seine Seele und seinen Glauben zu herrschen, waren diese alten Diener der Gottheit von dem erhabensten Gedanken begeistert, der je Sterblichen in den Kopf gekommen ist. Den Veränderungen der Gestirne, den Jahreszeiten der Erde, dem ewigen Kreislaufe menschlicher Geschicke entnahmen sie eine höhere Allegorie. Diese machten sie durch Zeichen von Göttern und Göttinnen dem Volke deutlich und handgreiflich, und was in Wirklichkeit nur Regierung war, nannten sie Religion. Isis ist eine Fabel – erschrick nicht – das, wovon Isis ein Sinnbild ist, ist in der Wirklichkeit vorhanden, ist ein unsterbliches Wesen. Isis ist Nichts; die Natur, deren Abbild sie ist, ist die Mutter aller Dinge – dunkel, uralt, unerforschlich, außer für wenige Auserwählte. – ›Nie hat ein Sterblicher meinen Schleier gelüftet!‹ – So spricht die von Dir angebetete Isis; aber für den Weisen ist dieser Schleier hinweggenommen und wir haben die festliche Pracht der Natur von Angesicht zu Angesicht geschaut. Die Priester waren die Wohlthäter, die Erzieher des Menschengeschlechts; sie waren übrigens auch, wenn Du willst, Betrüger. Aber glaubst Du, junger Mann, sie hätten ihren Mitmenschen nützlich werden können, wenn sie sie nicht getäuscht hätten? Die unwissende und knechtische Menge muß zu ihrem eigenen Wohle geblendet werden; eine Grundwahrheit würde sie nicht glauben, aber ein Orakel betet sie an. Der römische Kaiser beherrscht eine Menge verschiedener Nationen, und weiß unter diesen streitenden und getrennten Elementen eine Einheit herzustellen; hoher Friede, Ordnung, Gesetzlichkeit, die Segnungen des Lebens. Glaubst Du, es sei der Mensch, der Kaiser, der so regierte? – Nein, es ist die Pracht, die Ehrfurcht, die Majestät, die ihn umgeben; dies sind seine Täuschungen, seine Blendwerke. Unsere Orakel und Prophezeihungen, unsere Gebräuche und Ceremonien sind die Mittel unserer Oberherrschaft und die Hebel unserer Macht. Es sind dieselben Mittel zu demselben Zwecke – zum Glücke und zur Eintracht der Menschen. Du hörst mir mit Aufmerksamkeit und Entzücken zu; das Licht beginnt Dir zu tagen.«

Apäcides schwieg stille, aber die rasch wechselnden Gefühle, die sich auf seinem belebten Gesichte abmalten, ließen den Eindruck bemerken, den die Worte des Egypters auf ihn machten – Worte, die durch die Stimme, das Wesen und Benehmen des Redners noch zehnfach beredter wurden.

»Während nun,« hub Arbaces von Neuem an, »unsere Vorfahren am Nil die ersten Elemente, durch welche das Chaos zerstört wurde, nämlich den Gehorsam und die Achtung der Menge gegen Wenige, vollständig ins Dasein riefen, zogen sie aus ihren erhabenen und himmlischen Betrachtungen jene Weisheit, die keine Täuschung war; sie erfanden die Gesetzbücher und Vorschriften, die Künste und Verherrlichungen des gesellschaftlichen Lebens. Sie forderten Glauben und lohnten mit Civilisation. War also nicht sogar ihr Betrug Tugend? Glaube mir, wer immer von göttlicherer, wohlthätigerer Natur aus jenen fernen Himmeln auf unser Welt herabschaut, wird der Weisheit, die ein so großes Ziel zu erreichen wußte, Beifall zulächeln. Aber Du wünschest, daß ich diese allgemeinen Sätze auf Deine eigene Person anwende und ich beeile mich, Deinem Wunsche zu genügen. Die Altäre der Göttin unseres alten Glaubens müssen Diener haben und auch in den Personen jener einfältigen und seelenlosen Geschöpfe, die gewissermaßen nur Pflöcke und Haken sind, woran man Kleid und Binde aufhängt. Erinnere Dich zweier Sätze des Pythagoräers Sextus, die der egyptischen Lehre entlehnt sind. Der erste heißt: ›Sprich nicht von Gott zu der Menge;‹ der zweite: ›der Mensch, der Gottes würdig ist, ist ein Gott unter Menschen.‹ Wie die geistige Kraft den Priestern Egyptens die Herrschaft verlieh, so kann diese seit einiger Zeit so fürchterlich gesunkene Macht, auch nur durch die geistige Kraft wieder hergestellt werden. In Dir, Apäcides, sah ich einen meiner Lehren würdigen Schüler – einen der großen Zwecke, die noch erreicht werden können, würdigen Diener; Deine Energie, Deine Talente, Deine Glaubenseinheit, der Ernst Deines Enthusiasmus, Alles macht Dich zu einem Berufe tauglich, der ein erhabenes und glühendes Wesen so gebieterisch fordert. Deswegen habe ich Deine heiligen Wünsche angefacht und Dich zu dem Schritte angespornt, den Du gethan hast. Du tadelst mich zwar, daß ich Dir die kleinlichen Seelen und die Blendwerke Deiner Gefährten nicht zuvor enthüllt habe; aber wenn ich dies gethan hätte, Apäcides, so würde ich meinen Zweck selbst vereitelt haben; Dein edler Sinn hätte sich empört und Isis ihren Priester verloren.«

Apäcides seufzte laut. Der Egypter fuhr, ohne auf diese Gefühlsäußerung zu achten, folgendermaßen fort: »Ich führte Dich daher ohne weitere Vorbereitung in den Tempel und überließ Dich Dir selbst, damit Du alle diese Mummereien, die den Pöbel blenden, entdecken und einen Ekel an ihnen bekommen mögest. Ich wünschte, Du selbst möchtest die Triebfedern der Maschine erkennen, welche die Quelle sprudeln läßt, deren Wasser die Welt erfrischen. Dieser Prüfung waren alle unsere Priester seit undenklicher Zeit unterworfen; Diejenigen, welche sich an die Täuschung des Volks gewöhnen, werden bei deren Ausübung belassen; denen aber, deren höhere Natur eine höhere Beschäftigung verlangt, enthüllt die Religion göttlichere Geheimnisse. Ich freue mich, in Dir denjenigen Charakter zu finden, den ich erwartet hatte. Du hast Deine Gelübde abgelegt, zurücktreten kannst Du nicht mehr; vorwärts – ich will Dein Führer sein.«

»Und was willst Du mich lehren, sonderbarer und schrecklicher Mann? Neue Täuschungen, neue –«

»Nein – ich habe Dich in den Abgrund des Unglaubens geschleudert; ich will Dich jetzt zu der Höhe des Glaubens führen. Du hast die falschen Sinnbilder gesehen und jetzt sollst Du die Wirklichkeiten, die sie vorstellen, kennen lernen. Es gibt keinen Schatten, Apäcides, ohne Wesenheit. Besuche mich diese Nacht, gib mir Deine Hand darauf.«

Gerührt, aufgeregt, und durch die Reden des Egypters verwirrt, reichte ihm Apäcides die Hand, und Lehrer und Schüler trennten sich.

Bei Apäcides war in der That kein Rücktritt mehr möglich; er hatte das Gelübde der Keuschheit abgelegt und sich einem Berufe geweiht, der ihm für jetzt die ganze Strenge des Fanatismus ohne die Tröstungen des Glaubens zu zeigen schien. Es war darum natürlich, daß er sich dem sehnsüchtigen Wunsche hingab, mit einer künftig unwiderruflichen Laufbahn sich auszusöhnen. Der mächtige und tiefe Geist des Egypters übte noch eine große Herrschaft auf seine jugendliche Einbildungskraft aus, regte ihn noch zu eitlen Vermuthungen auf und erhielt ihn zwischen Furcht und Hoffnung schwebend.

Unterdessen wandelte Arbaces mit langsamen und schwerfälligen Tritten der Wohnung der Ione zu. Bei seinem Eintritte in das Tablinum, vernahm er aus dem Portikus des Peristyls her eine Stimme, die, so wohlklingend sie auch war, sein Ohr doch unangenehm berührte. Es war die Stimme des jungen und schönen Glaukus, und zum erstenmale beunruhigte eine unwillkürliche Anwandlung der Eifersucht das Herz des Egypters. Beim Eintritt ins Peristyl sah er Glaukus neben Ione sitzen. Der Springbrunnen in dem balsamisch duftenden Garten schleuderte seinen Silberstrahl in die Luft und erhielt sogar während der heißesten Tagesstunden eine herrliche Kühlung. Die Dienerinnen der Ione, die sie niemals verließen, da sie bei all der Freiheit des Lebens den zartesten Anstand beobachtete, saßen in einiger Entfernung; zu Glaukus Füßen lag die Leier, auf der er so eben Ione ein lesbisches Lied gespielt hatte. Die Scene – die Gruppe, die Arbaces vor sich sah, trug das Gepräge jener verfeinerten, ganz eigenthümlichen poetischen Idealität, die wir jetzt noch, und nicht ohne Grund, als die unterscheidende Charakteristik der Alten ansehen – die Marmorsäulen, die Blumenvasen, die weiße und unbewegliche Statue, die jede Aussicht abschloß, und vor Allem die beiden lebenden Gestalten, die einen Bildhauer entweder begeistert oder zur Verzweiflung gebracht hätten.

Arbaces stand wenige Augenblicke still und betrachtete das Paar mit einer Stirne, aus der alle gewohnte, ruhige Heiterkeit verschwunden war. Er sammelte sich gewaltsam wieder und näherte sich mit so leisem und so wenig vernehmbarem Tritte, daß sogar die Dienerinnen ihn nicht hörten, viel weniger Ione und ihr Geliebter.

»Und doch,« sagte Glaukus, »glauben wir nur, ehe wir lieben, daß unsere Dichter die Leidenschaft wahr geschildert hätten. Sobald die Sonne aufgeht, verschwinden alle Sterne, die in ihrer Abwesenheit glänzten, in der Luft. Die Dichter sind für uns nur in der Nacht des Herzens da; sie sind uns nichts mehr, sobald wir die ganze Herrlichkeit des Gottes fühlen.«

»Schönes und überaus glühendes Gleichnis, edler Glaukus.«

Beide fuhren auf und erkannten nun hinter dem Sitze der Ione das kalte und satirische Angesicht des Egypters.

»Du bist ein unerwarteter Gast,« sagte Glaukus, indem er sich mit erzwungenem Lächeln erhob.

»Dies sollten Alle sein, die wissen, daß sie willkommen sind,« versetzte Arbaces, indem er sich niederließ und Glaukus bat, es eben so zu machen.

»Ich bin sehr erfreut,« sagte Ione, »Euch endlich beisammen zu sehen; denn Ihr passet für einander und seid geschaffen, Freunde zu werden.«

»Gib mir etwa fünfzehn Jahre meines Lebens zurück,« erwiderte der Egypter, »ehe Du mich mit Glaukus vergleichst; seine Freundschaft würde mich glücklich machen, aber was kann ich ihm dafür bieten? Könnte ich ihm dieselben vertraulichen Mittheilungen machen, die er gegen mich ablegte, über Bankette und Blumenkränze, über parthische Rosse und Wechselfälle des Würfels? Solche Vergnügungen passen sich für sein Alter, seine Natur, seinen Stand; nicht aber für mich.«

Bei diesen Worten senkte der listige Egypter seine Augen und seufzte; aber aus seinem Augenwinkel blickte er doch verstohlenerweise nach Ione hin, um zu sehen, wie sie diese Anspielungen auf das Treiben ihres Gastes aufnehme; ihre Miene befriedigte ihn jedoch nicht. Leicht erröthend beeilte sich Glaukus mit heiterer Miene, und vielleicht von dem geheimen Wunsche geleitet, den Egypter aus der Fassung zu bringen und zu demüthigen, diesem Folgendes zu erwidern: »Du hast Recht, weiser Arbaces, wir können uns gegenseitig achten, aber keine Freunde sein. Meinen Gastmählern fehlt das geheime Salz, das, wenn man dem öffentlichen Gerede Glauben schenken darf, den Deinigen solche Würze verleiht. Und beim Herkules! wenn ich Dein Alter erreicht habe, und für weise halte, den Vergnügungen des Mannesalters mich hinzugeben, dann werde ich ohne Zweifel, wie Du, das Treiben der Jugend bekritteln.«

Der Egypter erhob seine Augen zu Glaukus mit einem schnellen und durchbohrenden Blick.

»Ich begreife Dich nicht,« sagte er kaltblütig, »aber es glauben ja Viele, der Witz liege nur im Dunkeln.«

Mit diesen Worten wendete er mit kaum bemerkbarem, verächtlichen Lächeln sein Gesicht von Glaukus ab, und redete nach einer kurzen Pause Ione folgendermaßen an: »Die letzten zwei oder dreimale, da ich Dein Vestibulum besuchte, bin ich nicht so glücklich gewesen, schöne Ione, Dich zu Hause zu treffen.«

»Die Schönheit des Meeres hat mich oft aus dem Hause gelockt,« antwortete Ione etwas verwirrt.

Diese Verlegenheit entging Arbaces nicht, aber er stellte sich, als ob er sie nicht bemerke, und versetzte lächelnd: »Du weißt, der alte Dichter sagt: ›Die Frauen sollen zu Hause bleiben und sich dort unterhalten.‹«

»Dieser Dichter war ein Cyniker,« fiel Glaukus ein, »und haßte die Frauen.«

»Er sprach nach den Sitten seines Landes, und dieses Land ist Euer so gerühmtes Griechenland.«

»Andere Zeiten, andere Sitten. Wenn unsere Voreltern Ione gekannt hätten, so würden sie ein ganz anderes Gesetz gemacht haben.«

»Hast Du diese hübsche Artigkeit zu Rom gelernt?« sagte Arbaces mit nur mühsam verhaltener Aufregung.

»Sicherlich würde Niemand nach Egypten gehen, um Artigkeiten zu lernen,« versetzte Glaukus, indem er gleichgültig mit seiner Kette spielte.

Ione suchte eine Unterredung zu unterbrechen, die, wie sie mit Bedauern sah, so wenig geeignet war, die beabsichtigte, innige Verbindung zwischen Glaukus und ihrem Freunde zu befestigen.

»Geht, geht,« sagte sie darum, »Arbaces muß gegen seine arme Pflegetochter nicht so streng sein. Als eine Waise ohne mütterliche Aufsicht verdiente ich vielleicht einen Vorwurf wegen der unabhängigen und gewissermaßen männlichen Lebensfreiheit, die ich mir erwählt habe; gleichwohl aber ist sie nicht größer, als die, an welche die römischen Frauen gewöhnt sind – nicht größer als die, an welche die griechischen gewöhnt sein sollten. Ach! sollte man denn nur unter Männern Freiheit und Tugend vereinigt finden. Warum sollte die Sklaverei, die Euch zernichtet, als das einzige Mittel betrachtet werden, uns zu schützen? Ach! glaube mir, es war ein großer Irrthum der Männer, – ein auf ihr Schicksal traurig einwirkender Irrthum, – zu glauben, die Natur der Frauen sei (ich will nicht sagen, untergeordnet, es mag sein), aber so verschieden von ihrer eigenen, daß sie Gesetze für nothwendig hielten, welche die geistigen Fortschritte der Frauen so sehr hindern. Mochten sie nicht, indem sie dies thaten, Gesetze gegen ihre eigenen Kinder, welche die Frauen erziehen sollen, gegen die Gatten, deren Freundinnen und Rathgeber die Frauen oft sein sollen?«

Plötzlich hielt Ione inne und über ihre Wangen ergoß sich das entzückendste Roth. Sie fürchtete, ihr Enthusiasmus möchte sie zu weit geführt haben; jedoch scheute sie den strengen Arbaces weniger, als den freundlichen Glaukus; den letzteren liebte sie, und bei den Griechen pflegte man den Frauen, wenigstens denen, die man am meisten achtete, nicht dieselbe Freiheit und Stellung in der Gesellschaft zuzugestehen, deren die Frauen in Italien genossen. Sie empfand daher einen Schauer der Freude, als Glaukus in ernstem Tone erwiderte: »Mögest Du immer so denken, Ione! Möge Dein reines Herz stets Dein zuverlässiger Führer sein. Ein Glück wäre es für Griechenland gewesen, wenn es den keuschen Frauen dieselben geistigen Reize gestattet hätte, durch welche die minder würdigen unter seinem Frauengeschlechte so berühmt geworden. Kein Staat sieht seine Freiheit, sein Wissen gefährdet, so lange Dein Geschlecht nur dem Freien zulächelt, nur den Weisen durch Beifall ermuntert.«

Arbaces schwieg stille; denn es lag weder in seinem Plane, die Ansichten des Glaukus zu billigen, noch die der Ione zu tadeln, und nach einer kurzen und verlegenen Unterhaltung verabschiedete sich Glaukus von Ione.

Als er fort war, rückte Arbaces seinen Stuhl näher zu der Neapolitanerin und sagte zu ihr in jenem milden und unterwürfigen Tone, unter dem er die Verschlagenheit und den Ungestüm seines Charakters so gut zu verbergen wußte: »Glaube nicht, meine süße Mündel, wenn ich Dich so heißen darf, daß ich dieser Freiheit Fesseln anlegen will, die sich durch Deine Wahl verherrlicht sieht, die aber, wenn sie auch nicht größer ist, als die der römischen Frauen, wenigstens mit sehr großer Umsicht gehandhabt werden muß, wenn sie von einer Unverheiratheten in Anspruch genommen wird. Fahre fort, die Lebenslustigen, die Glänzenden, die Weisen selbst zu Deinen Füßen zu ziehen; fahre fort, sie durch die Unterhaltung einer Aspasia und durch die Musik einer Korinna zu bezaubern; gedenke aber jener Lästerzungen, die den zarten Ruf eines Mädchens so leicht beflecken können, und gib, während Du Bewunderung erregst, dem Neide keine Veranlassung, über Dich zu triumphiren.«

»Was meinst Du, Arbaces?« sagte Ione mit aufgeregter und zitternder Stimme; »ich weiß, Du bist mein Freund und wünschest nur meine Ehre und mein Glück. Was wolltest Du sagen?«

»Dein Freund! Ach! wie aufrichtig! Darf ich als Freund, ohne Rückhalt und ohne Furcht, zu beleidigen, sprechen?«

»Ich bitte Dich darum.«

»Wie hast Du die Bekanntschaft dieses jungen Wollüstlings, dieses Glaukus, gemacht? Hast Du ihn schon oft gesehen?«

Während Arbaces dieses sagte, heftete er seinen Blick auf Ione, als ob er in das Innerste ihrer Seele dringen wolle.

Vor diesem Blicke mit sonderbarem Schrecken, den sie sich nicht erklären konnte, zurückbebend, antwortete die Griechin verwirrt und zaudernd: »Er wurde bei mir als ein Landsmann meines Vaters, und, ich darf wohl sagen, als der meinige, eingeführt. Ich kenne ihn erst seit etwa Tagen; aber wozu diese Fragen?«

»Verzeihe mir,« sagte Arbaces; »ich glaubte, Du kennest ihn schon länger. Ein elender Prahlhans!«

»Wie! Was meinst Du damit? Wozu diesen Ausdruck?«

»Ach, laß es gut sein; ich will Deinen Unwillen gegen einen Menschen, der eine so hohe Ehre nicht verdient, nicht aufregen.«

»Ich beschwöre Dich, sprich. Womit hat Glaukus geprahlt, oder vielmehr, in wiefern glaubst Du, daß er beleidigt habe?«

Arbaces, den Zorn unterdrückend, den die letzten Worte der Ione bei ihm erregten, fuhr fort: »Du kennst sein Treiben, seine Genossen, seine Sitten. Gastmähler und Würfel sind seine einzige Beschäftigung – wie könnte er aber unter den Genossen des Lasters an Tugend denken?«

»Du sprichst immer noch in Räthseln; ich beschwöre Dich bei den Göttern, sage mir das Schlimmste auf einmal.«

»Wohlan denn, wenn es sein muß: wisse also, meine Ione, daß Glaukus erst gestern noch in den öffentlichen Bädern sogar sich laut Deiner Liebe zu ihm gerühmt hat. Er sagte, es belustige ihn, sich dieselbe zu Nutzen zu machen. Um jedoch gerecht gegen ihn zu sein, muß ich gestehen, daß er Deine Schönheit lobte. Wer wollte sie übrigens läugnen? Aber er lachte mit verächtlicher Miene, als sein Klodius oder sein Lepidus ihn fragte, ob er Dich hinreichend liebe, um Dich zu heirathen, und wann er seine Thürpfosten mit Blumen zu behängen gedenke?«

»Unmöglich! Woher hast Du diese ehrlose Verleumdung?«

»Wie? Soll ich Dir alle Bemerkungen der unverschämten Gecken wiederholen, mit denen diese Geschichte die Runde durch die Stadt macht. Sei überzeugt, daß ich im ersten Augenblicke selbst nicht daran glauben wollte, daß ich jedoch unglücklicherweise von der Wahrheit dessen, was ich Dir nur widerstrebende erzählte, so eben durch Ohrenzeugen überführt wurde.«

Ione sank zurück und ihr Gesicht ward blässer, als der Pfeiler, an den sie sich lehnte.

»Ich gestehe, es ärgerte, es empörte mich, Deinen Namen, wie den Ruf einer bloßen Tänzerin, so leicht in von Munde zu Munde werfen zu hören. Diesen Morgen war es mein angelegentliches Geschäft, Dich aufzusuchen und Dich zu warnen. Ich traf Glaukus hier, und da war es um meine Selbstbeherrschung geschehen. Ich konnte meine Gefühle nicht verhehlen und war unhöflich in Deiner Gegenwart. Ione, kannst Du Deinem Freunde verzeihen?«

Ohne zu antworten, legte Ione ihre Hand in die seinige.

»Denke nicht mehr daran,« sagte er, »aber laß es Dir eine warnende Stimme sein, die Dir sagt, wie viel Vorsicht in Deiner Lage erforderlich ist. Diese Sache kann Dich keinen Augenblick betrüben, denn ein so leichtsinniger Mensch, wie Glaukus, konnte nie auch nur durch einen ernstlichen Gedanken Ione's geehrt werden. Solche Beschimpfungen verwunden nur, wenn sie von einem Wesen kommen, das man liebt; derjenige aber, den die erhabene Ione zu lieben sich herabläßt, muß ein ganz Anderer sein.«

»Lieben!« murmelte Ione mit krampfhaftem Lächeln, »ja wahrhaftig!«

Es ist nicht ohne Interesse, zu sehen, wie auch in jenen fernen Zeiten und unter einem gesellschaftlichen Systeme, das von dem unsern so sehr verschieden ist, dieselben kleinen Ursachen den Lauf des Lebens stören und unterbrechen; – wie dieselbe erfinderische Eifersucht, dieselbe arglistige Verleumdung, dieselbe schlaue Hinterbringung geringschätziger, zu diesem Zwecke geschmiedeter Klatschereien, die so oft auch in unseren Tagen die Bande zärtlicher Liebe zu b rechen und dem Laufe der scheinbar günstigen Verhältnisse eine andere Richtung zu geben vermögen, schon damals in Anwendung gebracht wurden. Die Fabel erzählt uns von einem ganz kleinen Fischlein, das, wenn die Barke über das sanfteste Gewässer hinsegelt, sich an den Kiel anklammern und seinen Lauf hemmen kann. So verhält es sich gerade mit den großen Leidenschaften der Menschen und wir würden das Leben nur schlecht schildern, wenn wir in den an romantischem Stoffe reichsten Zeiten nicht auch den Mechanismus jener gemeinen Triebfedern des Unheils beschreiben wollten, die wir täglich in unsern Zimmern und an unsern Herden in Thätigkeit sehen. Gerade in diesen kleinen Intriguen des Lebens finden wir uns mit der Vergangenheit am meisten vertraut; wer sie vernachlässigt, ist nur ein Romanschreiber und spricht das Herz nicht an, weil er kein Gemälde desselben liefert.

Mit großer Schlauheit hatte er Egypter die schwache Seite Ione's angegriffen, mit überaus gewandter Hand den vergifteten Pfeil gegen ihren Stolz geschleudert. Er glaubte das unterdrückt zu haben, was er in Betracht der kurzen Zeit, die sich Ione und Glaukus kannten, nur für eine aufkeimende Liebe hielt und sprach nun sofort, zu einem andern Gegenstande übergehend, von ihrem Bruder. Das Gespräch dauerte jedoch nicht lang. Arbaces verließ die schöne Griechin mit dem festen Vorsatze, nicht mehr so lang wegzubleiben, sondern sie jeden Tag zu besuchen und zu überwachen.

Kaum hatte er sich aus Ione's Gegenwart entfernt, als der weibliche Stolz – die Verstellung ihres Geschlechts sein beabsichtigtes Opfer verließ und die hochstrebende Ione in leidenschaftliche Thränen zerfloß.

Siebentes Kapitel.

Das heitere Leben des pompejanischen Müßiggängers – Ein Miniatur-Bild der römischen Bäder.

Als Glaukus Ione verließ, kam es ihm vor, als ob er durch die Luft dahinzöge. Bei der Unterredung, mit der er soeben beglückt worden war, hatte er zum erstenmale deutlich bemerkt, daß seine Liebe ihr nicht unangenehm sei und er Erwiderung hoffen dürfe. Diese Hoffnung erfüllte ihn mit einem Entzücken, dem die Erde und der Himmel zu eng erschienen. Ohne zu wissen, welchen Feind er sich eben gemacht und zurückgelassen, vergaß Glaukus nicht nur seine Sticheleien, sondern sogar dessen ganzes Dasein. Er durchwandelte die muntern Straßen, indem er im Freudentaumel die Musik des milden Liedes wiederholte, das Ione mit so großem Vergnügen angehört hatte. Jetzt trat er in die Straße der Fortuna, mit ihrem erhöhten Fußpfade und ihren von außen bemalten Häusern, durch deren offene Thüren man die glänzenden Festtagsgemälde im Innern erblickte. An jedem Ende der Straße befand sich ein Triumphbogen, und als Glaukus nun vor den Fortunatempel kam, verlieh die vorspringende Säulenhalle dieses schönen Gebäudes, das von einem Gliede der Familie Cicero's, vielleicht von dem Redner selbst, erbaut worden sein soll, der Scene, deren Charakter sonst mehr glänzend als erhaben war, etwas Edles und Verehrungswürdiges. Dieser Tempel war eines der anmuthigsten Werke römischer Baukunst. Er erhob sich auf einem etwas hohen Podium, und zwischen zwei Treppenfluchten, die zu einer Plattform führten, stand der Altar der Göttin. Von dieser Plattform führte eine dritte Flucht von breiten Treppen zu dem Portikus, von dessen geriefelten Seiten reiche Blumenkränze herabhingen. An den beiden Enden des Tempels stunden von griechischen Künstlern verfertigte Bildsäulen, und in geringer Entfernung erhob sich ein kleiner Triumphbogen, mit der Reiterstatue des Kaligula, zu deren beiden Seiten bronzene Trophäen angebracht waren. In dem Raume vor dem Tempel war eine lebhafte Volksmenge versammelt; die Einen saßen auf Bänken und unterhielten sich über Staatsangelegenheiten; die Andern sprachen von den bevorstehenden Schauspielen im Amphitheater. Eine Gruppe junger Männer lobte eine neue Schönheit und eine andere stritt über den Werth des neuesten Lustspiels; eine dritte, aus bejahrten Personen bestehende Gruppe, besprach die Wechselfälle des Handels mit Alexandria. Hiebei sah man viele Kaufleute in morgenländischer Tracht, deren eigenthümliche, weite Gewänder, farbige und mit Edelsteinen besetzte Pantoffeln, ruhige und ernste Gesichter zu den Tuniken und dem lebhaften Geberdenspiel der Italiener einen auffallenden Gegensatz bildeten. Dieses lebhafte und ungeduldige Volk nämlich hatte damals schon noch eine andere als die mündliche Sprache – eine Sprache durch sprechende und überaus lebhafte Zeichen. Ihre Nachkommen haben sie beibehalten, und der gelehrte Jorio hat über diese Art hieroglyphischer Gestikulation ein sehr unterhaltendes Werk geschrieben.

Glaukus schritt heiter durch die Menge hindurch und befand sich bald unter einem Haufen seiner lustigen und ausgelassenen Freunde.

»Ah!« sagte Sallust, »ich habe Dich seit einem Lustrum nicht mehr gesehen.«

»Und wie hast Du dieses Lustrum zugebracht? hast Du einige neue Gerichte erfunden?«

»Ich beschäftigte mich mit den Wissenschaften,« versetzte Sallust, »und manche Versuche über die Lampretenfütterung; ich gestehe übrigens, daß ich daran verzweifle, sie zu der Vollkommenheit zu bringen, die unsere Vorfahren erreichten.«

»Unglücklicher! und warum?«

»Weil,« antwortete Sallust mit einem Seufzer, »es nicht mehr erlaubt ist, ihnen Sklaven zur Speise vorzuwerfen. Schon mehr als einmal fühlte ich mich versucht, meinen fetten Kellermeister in den Fischbehälter zu werfen. Er würde den Fischen einen sehr öligen Geschmack verleihen. Aber Sklaven sind heutzutage keine Sklaven mehr, und haben kein Mitgefühl für die Interessen ihrer Herren, sonst würde sich Davus mir zu gefallen selbst umbringen.«

»Was gibt es Neues aus Rom?« fragte Lepidus, als er sich der Gruppe langsamen Schrittes näherte.

»Der Kaiser hat den Senatoren ein prächtiges Abendessen gegeben,« antwortete Sallust.

»Er ist ein gutes Geschöpf,« fiel Lepidus ein; »man versichert, er lasse Niemand von sich, ohne ihm seine Bitte zu gewähren.«

»Vielleicht würde er mir erlauben, einen Sklaven für meinen Fischbehälter zu tödten,« entgegnete Sallust lebhaft.

»Es kann wohl sein,« sagte Glaukus, »denn wer einem Römer eine Gunst erzeugt, muß dies immer auf Kosten eines Andern thun; sei überzeugt, daß für jedes Lächeln, das Titus hervorrief, hundert Augen geweint haben.«

»Lang lebe Titus!« sagte Pansa, der, mit einer Beschützermiene sich durch die Menge Bahn brechend, den Namen des Kaisers gehört hatte, »er hat meinem Bruder eine Quästorstelle versprochen, der sein Vermögen vergeudet hat.«

»Und jetzt auf Kosten des Volks sich wieder bereichern will; nicht wahr, mein lieber Pansa?« fiel Glaukus ein.

»Nun gewiß!« antwortete der Aedil.

»Das heißt das Volk doch zu Etwas nütze zu machen,« bemerkte Glaukus.

»Ohne Zweifel,« erwiderte Pansa; »aber ich muß jetzt fort und nach dem Ärarium sehen, das Verbesserungen nöthig hat.«

Mit diesen Worten eilte der Aedil geschäftig hinweg, gefolgt von einem langen Zuge von Klienten, welche sich durch die Toga, die sie trugen, von der übrigen Menge unterschieden; denn die Toga, einst das Zeichen der Freiheit bei einem Bürger, war jetzt das Zeichen der Unterwürfigkeit unter einen Patron.

»Armer Pansa!« sagte Lepidus, »er hat nie Zeit, sich zu belustigen; Dank dem Himmel, daß ich kein Aedil bin!«

»Ach, Glaukus! care caput! (theures Haupt!) wie geht es Dir? munter, wie immer?« fragte Klodius, sich zu der Gruppe gesellend.

»Willst Du der Fortuna ein Opfer bringen?« fragte Sallust.

»Ich opfere ihr jede Nacht!« erwiderte der Spieler.

»Ich zweifle nicht daran. Niemand hat mehr Opfer geschlachtet.«

»Beim Herkules! ein beißender Ausspruch,« rief Glaukus lachend.

»Du führst immer den Hundebuchstaben im Mund, Sallust,« sagte Klodius ärgerlich; »Du trauerst immer.«

»Wohl kann ich den Hundebuchstaben im Mund haben, da ich, so oft ich mit Dir spiele, den Hundewurf in der Hand habe,« entgegnete Sallust.

»Still!« sagte Glaukus, und nahm von einem Blumenmädchen, das neben ihnen stand, eine Rose.

»Die Rose ist das Sinnbild des Stillschweigens,« erwiderte Sallust; »aber ich sehe sie nur bei der Abendtafel gerne. Da ich gerade von der Abendtafel spreche, fällt mir bei, daß Diomed in dieser Woche ein großes Essen gibt; bist Du eingeladen, Glaukus?«

»Ja, ich habe diesen Morgen eine Einladung erhalten.«

»Ich ebenfalls,« sagte Sallust, indem er ein viereckiges Stück Papier aus seinem Gürtel zog, »ich sehe, daß er uns eine Stunde früher bittet, als gewöhnlich; ein Vorgeschmack von einem außerordentlichen Feste.«Die Römer schicken, wie wir, Einladungskarten, auf denen die Stunde der Mahlzeit angezeigt war, die, wenn das beabsichtigte Fest besonders prachtvoll sein sollte, früher als gewöhnlich Statt fand.

»Oh! er ist so reich wie Krösus,« bemerkte Klodius, »und sein Speisezettel so lang, als ein Epos.«

»Gut, wir wollen in die Bäder gehen,« sagte Glaukus; »um diese Zeit versammelt sich Alles dort, und Fulvius, dessen große Verehrer Ihr seid, wird uns seine neueste Ode vorlesen.«

Die jungen Männer nahmen den Vorschlag mit Vergnügen an, und begaben sich nach den Bädern.

Obgleich die öffentlichen Thermen oder Bäder eher für die Armen, als für die Reichen bestimmt waren, die in ihren eigenen Häusern Bäder hatten, so waren sie doch für eine Menge von Personen jeden Ranges, die sich dort versammelten, ein Lieblingsort zur Unterhaltung, und zu jenem süßen Nichtsthun, das einem harmlosen und gedankenlosen Volke so theuer ist. Die Bäder von Pompeji waren natürlich nach Plan und Construktion von den ungeheuer geräumigen und complicirten Thermen zu Rom verschieden; und es scheinen wirklich in jeder Stadt des Kaiserreichs einige leichte Abweichungen in dem allgemeinen Bauplane der öffentlichen Bäder stattgefunden zu haben. Dies befremdet die Gelehrten sehr, wie wenn Mode und Baumeister vor dem neunzehnten Jahrhundert nie launisch gewesen wären. Unsere jungen Männer traten durch den Haupteingang in der Fortunastraße ein. An der Ecke des Portikus saß der Badmeister mit seinen zwei Büchsen vor sich; die eine für das Geld, das er einnahm, die andere für die Badekarten, die er ausgab, bestimmt. Um die Wände des Portikus herum standen Bänke, die mit Personen aus allen Ständen angefüllt waren, während andere, je nach der Vorschrift des Arztes, schnell im Säulengang auf und ab spazierten, und von Zeit zu Zeit stille standen, um die zahllosen Ankündigungen von Sehenswürdigkeiten, Spielen, Verkäufen oder Ausstellungen zu lesen, die auf die Wände gemalt oder geschrieben waren. Der Hauptgegenstand der Unterhaltung war jedoch das angekündigte Schauspiel im Amphitheater, und jeder neue Ankömmling wurde von einer Gruppe festgenommen, die gierig fragte, ob Pompeji so glücklich gewesen sei, etwa einen Fall der Gotteslästerung oder des Mordes hervorzubringen, der die Aedilen in den Stand setzen würde einen Menschen für den Rachen des Löwen zu bestimmen. Alle andern mehr gewöhnlichen Schauspiele schienen dumpf und matt im Vergleiche mit der Möglichkeit eins so glücklichen Ereignisses.

»Ich für meinen Theil,« sagte ein gemüthlich aussehender Mann, ein Goldschmied, »glaube, der Kaiser, wenn er wirklich so gut ist, als man sagt, hätte uns wohl einen Juden schicken können.«

»Warum nimmt man nicht Einen von der neuen Sekte der Nazarener?« sagte ein Philosoph. »Ich bin nicht grausam, aber ein Atheist, einer, der sogar den Jupiter läugnet, verdient kein Mitleiden.«

»Es liegt mir wenig daran, an wie viele Götter zu glauben ein Mensch für gut findet,« erwiderte der Goldschmied; »aber alle Götter zu läugnen, ist etwas Schreckliches.«

»Doch bin ich der Meinung,« sagte Glaukus, »diese Leute seien keine völligen Atheisten. Man hat mich versichert, sie glauben an einen Gott, und sogar an ein zukünftiges Leben.«

»Du bist ganz im Irrthum, mein lieber Glaukus,« sagte der Philosoph; »ich habe mit ihnen Unterredungen gehabt, sie lachten mir ins Gesicht, wenn ich mit ihnen von Pluto und dem Hades sprach.«

»Oh! Ihr Götter!« rief der Goldschmied voll Entsetzen. »Gibt es in Pompeji auch solche Bösewichte?«

»Ich weiß, daß es einige gibt; aber sie halten ihre Versammlungen so geheim, daß es unmöglich ist, zu entdecken, wer sie sind.«

Beim Fortgehen des Glaukus sah ihm ein Bildhauer, ein großer Enthusiast für seine Kunst, bewundernd nach.

»Ach!« äußerte er, »wenn wir diesen auf die Arena bekommen könnten, das wäre ein Modell! welche Glieder! welcher Kopf! Er hätte ein Gladiator werden sollen! Das ist ein unsrer Kunst würdiger Gegenstand! warum wirft man den nicht dem Löwen vor?«

Unterdessen näherte sich Fulvius, der römische Dichter, den seine Zeitgenossen für unsterblich erklärten, und der ohne diese Erzählung in unserem nachlässigen Zeitalter gar nie genannt worden wäre, dem Glaukus eilig.

»Oh! mein Athener, mein Glaukus,« sagte er, »Du bist also zu Anhörung meiner Ode gekommen? Welche Ehre für mich! Du, ein Grieche, bei dem selbst die Sprache des gemeinen Lebens Poesie ist. Wie danke ich Dir! Mein Gedicht ist nur eine Kleinigkeit, aber erlange ich Deinen Beifall, so kann ich vielleicht bei Titus eingeführt werden. O Glaukus, ein Dichter ohne Patron ist eine Amphora ohne Aufschrift. Der Wein kann gut sein, aber Niemand will ihn loben, und was sagt Pythagoras: ›Den Göttern Weihrauch, den Menschen Lobsprüche!‹ Ein Patron ist also der Priester des Dichters; er verschafft ihm Weihrauch, und führt ihm Gläubige zu.«

»Aber ganz Pompeji ist Dein Patron und jeder Portikus ein Altar zu Deiner Ehre.«

»Ach! die armen Pompejaner sind sehr höflich; sie ehren das Verdienst zwar gerne, aber sie sind nur die Bewohner einer kleinen Stadt – spero meliora! Wollen wir eintreten?«

»Gewiß; wir verlieren die Zeit, so lange wir Dein Gedicht nicht hören.«

In diesem Augenblicke liefen etwa zwanzig Personen zumal von den Bädern in den Portikus, und ein an der Thüre eines kleinen Korridors aufgestellter Sklave ließ den Dichter, Glaukus, Klodius und einige andere Freunde des Dichters eintreten.

»Eine armselige Einrichtung in Vergleich mit den römischen Thermen,« sagte Lepidus verächtlich.

»Die Decke ist doch von ziemlich gutem Geschmacke,« entgegnete Glaukus, der in einer Stimmung war, in welcher ihm Alles gefiel, indem er nach den Sternen deutete, mit welchen diese Decke übersäet war.

Lepidus zuckte die Achseln, war aber zu faul, um zu antworten.

Sie traten nun in ein ziemlich geräumiges Gemach, das als Apodyterium diente, das heißt an den Ort, wo die Badelustigen sich zu ihren üppigen Waschungen vorbereiteten. Die gewölbte Decke stieg von einem Karniß auf, der mit bunten und grotesken Malereien geschmückt war. Die Decke selbst war in weiße, mit reichem Karmoisin eingefaßte Felder eingetheilt, der fleckenlose und glänzende Fußboden aber mit weißer Mosaik ausgelegt, während an den Wänden hin Bänke zur Bequemlichkeit und der Gäste standen. Dieses Gemach hatte die vielen und breiten Fenster nicht, die Vitruv seinem prachtvollen Frigidarium zuschreibt; die Pompejaner, wie alle Süditaliener, verbannten gern aus ihren Gemächern das Licht ihres schwülen Himmels, und konnten sich in ihren wollüstigen Begriffen keinen wahren Luxus ohne eine gewisse Dunkelheit denken; nur zwei Fenster von GlasDie zu Pompeji gemachten Entdeckungen haben den lange bestandenen Irrthum der Alterthumsforscher, daß die Glasfenster den Römern unbekannt gewesen seien, widerlegt. Ihr Gebrauch jedoch war in den Privatwohnungen der mittleren und unteren Volksklassen nicht gewöhnlich. ließen die sanften und milden Strahlen ein, und das Feld, in welchem eines dieser Fenster angebracht war, zeigte eine großes Relief, die Vernichtung der Titanen darstellend.

In diesem Zimmer nahm Fulvius mit ernster Miene Platz, und seine um ihn versammelten Zuhörer ermuthigten ihn, die Vorlesung zu beginnen.

Es bedurfte keiner langen Bitten bei dem Poeten. Er zog eine Papyrusrolle aus seinem Gewande hervor, räusperte sich dreimal, sowohl um Stille anzuempfehlen, als auch um seine Stimme zu klären, und begann hierauf jene herrliche Ode, von der zum großem Bedauern des Verfassers dieser Erzählung nicht ein einziger Vers mehr aufgefunden werden kann. Nach dem Beifalle, den sie erhielt, war das Werk ohne Zweifel seines Ruhmes würdig, und Glaukus der einzige Zuhörer, der sie nicht besser fand, als die schönsten Oden des Horaz.

Nach beendigter Vorlesung finden diejenigen, die nur ein kaltes Bad nehmen wollten, an, sich zu entkleiden; sie hängten ihre Kleider an Haken an der Wand auf, und begaben sich, nach dem sie je nach ihrem Stande entweder von ihren eigenen Sklaven oder von den Dienern der Bäder ein weites Gewand erhalten hatten, in jenes anmuthige, kreisförmige Gebäude, das gleichsam, um die im Baden so träge Nachkommenschaft des Südens zu beschämen, jetzt noch vorhanden ist.

Die Üppigeren traten durch eine andere Thüre in das Tepidarium, einen Ort, der theils durch bewegliche Heerde, hauptsächlich aber durch die unter dem erhöhten Fußboden fortlaufenden Heizröhren des Lakonikum in wollüstiger Wärme erhalten wurde.

Hier verweilten diese Badegäste, nachdem sie sich entkleidet, noch einige Zeit, um die künstliche Wärme der wollüstigen Atmosphäre zu genießen. Dieses Gemach nun war, entsprechend dem wichtigen Range, den es in dem langen Abschwaschungsprozesse einnahm, sorgfältiger und reicher ausgeschmückt als die übrigen. Der gewölbte Plafond war mit prachtvollen Schnitzarbeiten und Malereien verziert; die hoch angebrachten Fenster von dickem Glase ließen nur flüchtige und schwache Strahlen ein. Unter dem Karnieß befand sich eine Reihe Figuren von massiven und kühnen Reliefs; die Wände waren glühendroth und der Fußboden kunstreich mit weißer Mosaik ausgelegt. Hier verweilten die beständigen Badegäste – Leute, die sich täglich siebenmal badeten – in einem Zustande geschwächter und sprachloser Mattigkeit bisweilen vor, öfter aber nach dem Bade, und manche dieser Opfer, die der Gesundheit nachjagten, schauten die Eintretenden mit gleichgültigen Blicken an und begrüßten ihre Freunde nur mit einem Kopfnicken, indem sie die Anstrengung des Gespräches fürchteten. Von hier aus zerstreute sich die Gesellschaft von Neuem, je nach den verschiedenen Launen; die Einen begaben sich in das Sudatorium, das unsern Dampfbädern entsprach, und von da in das warme Bad selbst; die an körperlicher Übung Gewöhnteren aber, die auf eine so wohlfeil erkaufte Ermüdung verzichten konnten, gingen sogleich ins Calidarium oder Wasserbad.

Um die Skizze zu vollenden und dem Leser einen vollständigen Begriff von diesem Hauptluxus der Alten zu geben, wollen wir den Lepidus begleiten, der mit Ausnahme des kalten Bades, das erst seit Kurzem aus der Mode gekommen war, den ganzen Prozeß regelmäßig durchmachte. Nachdem der Elegant von Pompeji sich ihn dem so eben beschriebenen Tepidarium allmählig erwärmt hatte, lenkte er seine zarten Schritte nach dem Sudatorium. Hier möge sich der Leser den stufenweisen Verlauf des Dampfbades, das von einer Verdünstung seiner Parfüme begleitet war, selbst vorstellen. Nachdem unser Badgast sich dieser Operation unterworfen hatte, ergriffen ihn seine Sklaven, die ihn stets im Bade bedienten, und entfernten die auf der Haut sich zeigende Fruchtigkeit durch eine Art Schabeisen, das, beiläufig gesagt, nach der ernstlichen Angabe eines neueren Reisenden bloß dazu gedient haben soll, den Schmutz zu entfernen, von dem doch auch nicht das geringste Theilchen auf der glatten Haut eines beständigen Badgastes sich festsetzen konnte. Etwas abgekühlt begab er sich in das Wasserbad, über welches aufs Neue frische Wohlgerüche reichlich ausgegossen wurden, und wo sich, wenn er an dem entgegengesetzten Ende des Zimmers herausstieg, ein kühlender Schauer über seinen Kopf und Leib ergoß. Hierauf hüllte er sich in ein leichtes Oberkleid und kehrte noch einmal ins Tepidarium zurück, wo er den Glaukus traf, der nicht in das Sudatorium gegangen war, und jetzt begann erst der wahre, oder vielmehr übermäßige Genuß des Bades. Die Sklaven salbten die Badenden aus goldenen, alabasternen oder krystallenen, mit den köstlichsten Steinen geschmückten Gefäßen, welche die seltensten, aus allen Enden der Welt herbeigeholten Unguente enthielten. Die Zahl dieser Smegmata, deren sich die Reichen bedienten – Amoracinum, Nardum, omne quod exit in um – würde, zumal wenn derselbe bei einem Modebuchhändler erschiene, einen modernen Band anfüllen. Während dieses Alles spielte eine sanfte Musik in einem anstoßenden Zimmer, und diejenigen, welche das Bad mäßig gebrauchten, unterhielten sich, erquickt und gestärkt durch das angenehme Geschäft, mit all der Glut und Frische eines verjüngten Lebens.

»Gesegnet sei der Erfinder der Bäder,« rief Glaukus, indem er sich auf einen jener bronzenen, damals mit weichen Kissen bedeckten Sitze ausstreckte, welche die Besucher von Pompeji noch heutzutage in dem Tepidarium sehen; »sei es Herkules oder Bacchus gewesen, er verdient jedenfalls Vergötterung.«

»Aber sage mir,« begann ein fettleibiger Bürger, der unter der Operation seufzte und stöhnte, »sage mir, o Glaukus ... verflucht seien Deine Hände, o Sklave, warum so rauh? – sage mir – oh! – oh! – sind die Bäder zu Rom wirklich so prächtig?«

Glaukus wandte sich um und erkannte Diomed, jedoch nicht ohne einige Schwierigkeit, so geröthet und entzündet waren des guten Mannes Wangen durch das Schwitzbad und das kurz zuvor an ihm applizirte Reibeisen.

»Ich denke,« fuhr er fort, »sie müssen viel schöner sein als diese hier, he?«

Glaukus suchte ein Lächeln zu unterdrücken und antwortete: »Denke Dir ganz Pompeji in Bäder umgewandelt, und dann hast Du allenfalls einen Begriff von der Größe der kaiserlichen Thermen in Rom; aber auch nur einen Begriff von der Größe. Denke Dir alle Unterhaltungen des Geistes und des Körpers – zähle alle gymnastischen Spiele auf, die unsere Väter erfanden – alle Bücher, die Italien und Griechenland hervorgebracht haben – denke Dir die Räume für alle diese Spiele, die Bewunderer für alle diese Werke; ferner die ungeheuer großen Bäder, die künstlichste Construktion, und zu diesem Allem noch Gärten, Theater, Säulengänge, Schulen – stelle Dir, mit einem Worte, eine Götterstadt vor, die einzig aus Palästen und öffentlichen Gebäuden besteht, und Du wirst Dir einen schwachen Begriff von der Pracht der großen Bäder Roms bilden können.«

»Beim Herkules!« rief Diomed, ihn mit großen Augen anstarrend, »da würde ja das Baden das ganze Leben eines Menschen wegnehmen.«

»In Rom kommt das oft vor,« sagte Glaukus ernsthaft. »Dort gibt es viele Leute, die bloß in den Bädern leben. Sie begeben sich dorthin, sobald sie geöffnet werden und verlassen sie erst bei ihrem Schlusse. Man sollte meinen, das ganze übrigen Rom sei ihnen fremd und sie verachten jede andere Existenz.«

»Beim Herkules!«

»Sogar Diejenigen, welche nur dreimal täglich baden, finden Mittel und Wege, ihr Leben mit dieser Beschäftigung zuzubringen. Sie treiben sich im Ballhofe oder in den Säulengängen umher, um sich auf das erste Bad vorzubereiten, gehen in das Schauspiel, um sich nach demselben zu erholen, nehmen ihr Frühstück unter den Bäumen und denken an ihr zweites Bad. Bis dieses fertig ist, haben sie das Frühstück verdaut. Beim zweiten Bade gehen sie in eines der Peristyle, um einen neuen Dichter Verse vortragen zu hören, oder in die Bibliothek, um über einem alten einzuschlafen. Nun kommt das Abendessen, das sie nur als einen Theil des Bades betrachten, und dann gehen sie zum drittenmal ins Bad, weil sie dies für den besten Ort halten, sich mit ihren Freunden zu unterhalten.«

»Beim Herkules! Aber wir haben ihrer Nachahmer in Pompeji!«

»Ja, und ohne ihre Entschuldigung. Die prachtliebenden Lüstlinge in den römischen Bädern sind glücklich; sie sehen nichts als Pracht und Glanz und besuchen die schmutzigen Quartiere der Stadt nie; sie wissen nicht, daß es Armuth in der Welt gibt. Die ganze Welt lächelt ihnen zu und sie sehen nur einen einzigen zornigen Blick von ihr, wenn sie sie nämlich in die Bäder des Cocytus sendet. Glaube mir, dies sind die einzigen wahren Philosophen.«

Während Glaukus also redete, unterwarf sich Lepidus mit geschlossenen Augen und kaum hörbar athmend all den mystischen Operationen, von denen seine Sklaven auch nicht eine auslassen durften. Nach den Parfümerien und Salben streuten sie jenes köstliche Pulver über ihn, das der Hitze keinen weitern Zugang gestattete, und nachdem dieses durch die glatte Oberfläche des Bimssteins weggerieben worden war, begann er seine Kleider anzuziehen, jedoch nicht die abgelegten, sondern jene festlicheren, die sogenannte Synthesis, durch welche die Römer ihre Achtung gegen die herannahende Feierlichkeit des Abendessens beurkundeten, wenn letzteres nämlich nach seiner Stunde (drei Uhr nach unserer Zeitrechnung) nicht passender Mittagessen genannt werden darf. Nachdem Alles vorüber war, öffnete Lepidus seine Augen und gab Zeichen des wiederkehrenden Lebens. In demselben Augenblicke lieferte auch Sallust durch ein langes Gähnen den Beweis seiner Existenz.

»Es ist Zeit zum Abendessen,« sagte der Epikuräer; »Glaukus und Lepidus, kommt und speist mit mir.«

»Vergesset nicht, daß Ihr alle Drei in dieser Woche zu mir eingeladen seid,« rief Diomed, der auf seine Bekanntschaft mit vornehmen Leuten außerordentlich stolz war.

»Ah! Ah!« sagte Sallust, »wir vergessen es nicht; der Sitz des Gedächtnisses, mein lieber Diomed, ist gewiß im Magen.«

Hierauf wieder in die kühlere Luft und sodann in die Straße tretend, beschlossen unsere Elegants jener Tage die Ceremonie eines pompejanischen Bades.

Achtes Kapitel.

Arbaces verfälscht seine Würfel mit Wollust und gewinnt die Partie.

Der Abend dunkelte über die bewegte Stadt hin, als Apäcides auf die Wohnung des Egypters zuwandelte. Er vermied die beleuchteten und bevölkerten Straßen, und wie er so mit auf die Brust herabgesenktem Haupte und unter dem Gewande gekreuzten Armen sich vorwärts bewegte, lag in dem Widerspruche, in welchem sein ernstes Aussehen und seine abgemagerten Glieder mit der sorglosen Stirne und der fröhlichen Miene Derer stunden, die ihm auf der Straße begegneten, etwas Erschreckendes. Endlich berührte jedoch ein Mann von nüchternem und gesetzterem Aussehen, der schon zweimal mit einem neugierigen, aber zweifelhaftem Blicke an ihm vorübergegangen war, seine Schulter.

»Apäcides!« sagte er, und machte ein schnelles Zeichen mit seinen Händen: es war das Zeichen des Kreuzes.

»Ah, Nazarener!« sagte der Priester, indem sein blasses Gesicht noch blässer wurde, »was willst Du von mir?«

»Nun, ich will Dein Nachdenken nicht unterbrechen,« erwiderte der Fremde, »aber als wir uns das letztemal trafen, schien ich Dir nicht so unwillkommen zu sein.«

»Du bist mir nicht unwillkommen; Olinth; aber ich bin traurig und müde, und diesen Abend außer Stand, mit Dir über das zu sprechen, was Dich am meisten interessirt.«

»O der Verkehrtheit des Herzens!« sagte Olinth mit bitterem Eifer, »Du bist traurig und abgemattet, und willst Dich gerade von der Quelle entfernen, die Dich erquicken und heilen kann?«

»O Erde!« rief der junge Priester leidenschaftlich an seine Brust schlagend, »wohin muß ich mich wenden, um den wahren Olymp zu schauen, den die Götter wirklich bewohnen! ... Soll ich mit diesem Manne glauben, daß keiner von denen, die meine Väter so viele Jahre hindurch anbeteten, ein Wesen oder einen Namen habe? Soll ich dieselben Altäre, die ich für die heiligsten hielt, als gotteslästerlich und unheilig umstürzen? oder soll ich mit Arbaces glauben? – was?«

Er schwieg stille, und schritt hierauf schnell vorwärts mit der Ungeduld eines Mannes, der sich selbst zu entfliehen sucht.

Aber der Nazarener war einer jener kühnen, kraftvollen und enthusiastischen Männer, durch die Gott zu jeder Zeit Veränderungen auf der Erde bewirkt hat, und die vor Allem bei der Einsetzung wie bei der Reform seiner Religion geschaffen sind, Andere zu bekehren, wie sie geschaffen sind, zu dulden; – Männer, die Nichts entmuthigt, Nichts abschreckt; in der Inbrunst des Glaubens sind sie begeistert und begeistern Andere. Ihre Vernunft entflammt zuerst ihr Herz; dieses aber ist das Werkzeug, dessen sie sich bedienen; sie dringen mit Gewalt in die Herzen der Menschen ein, während sie nur zu ihrem Verstande zu reden scheinen. Nichts ist so ansteckend, als der Enthusiasmus; er ist die wahre Allegorie in der Fabel des Orpheus; er bewegt die Steine, bezaubert die wilden Thiere. Der Enthusiasmus ist der Genius der Aufrichtigkeit und ohne ihn erringt die Wahrheit keine Siege.

Olinth ließ den Apäcides nicht so leicht entschlüpfen; er holte ihn wieder ein und redete ihn also an: »Es befremdet mich nicht, Apäcides, daß ich Dir unangenehm bin; daß ich alle Elemente Deines Gemüthes erschüttere; daß Du Dich in Zweifel verlierst, und auf dem ungeheuern Ozeane ungewisser und umnachteter Gedanken umhergeworfen wirst. Darüber wundere ich mich nicht; aber harre ein wenig mit mir aus; wache und bete. Die Finsternis wird verschwinden, der Sturm sich legen und Gott selbst, wie er einst auf dem See von Samaria umherwandelte, wird über die beruhigten Wellen hinschreiten, um Deine Seele zu befreien. Unsere Religion ist eifersüchtig in ihren Forderungen, aber wie unendlich freigebig in ihren Gaben. Sie beunruhigt Dich eine Stunde und lohnt Dir durch Unsterblichkeit.«

»Derartige Versprechungen,« sagte Apäcides bitter, »sind Kunstgriffe, durch die die Menschen zu allen Zeiten getäuscht wurden. Oh! wie herrlich waren die Versprechungen, die mich an den Altar der Isis führten.«

»Aber,« antwortete der Nazarener, »frage Deine Vernunft, kann eine Religion richtig sein, die gegen alle Moral anstößt. Man sagt euch, ihr sollt eure Götter verehren; aber was sind diese Götter nach eurem eigenen Geständnisse? was ihre Handlungen, was die Attribute ihrer Göttlichkeit? werden sie euch nicht insgesammt als die abscheulichsten Verbrechen dargestellt? Und doch fordert man von euch, ihr sollt sie wie die heiligsten Gottheiten anbeten. Jupiter selbst ist ein Vatermörder und Ehebrecher. Was sind die geringeren Götter als Nachahmer seiner Laster? Man sagt euch, ihr sollt nicht morden, aber ihr betet Mörder an; man sagt euch, ihr sollt nicht ehebrechen, aber ihr betet zu einem Ehebrecher; heißt dies nicht mit dem Heiligsten in der Menschennatur, mit dem Glauben, Spott zu treiben? Wende Dich jetzt zu Gott, dem einzigen, dem wahren Gott, vor dessen Altar ich Dich führen möchte. Wenn er Dir für die menschliche Vorstellung, für die rührende Verbindung zwischen Schöpfer und Geschöpf, woran sich das schwache Herz anklammert, zu erhaben und zu geistig dünkt, so betrachte ihn in seinem Sohne, der sich mit Sterblichkeit bekleidete wie wir. Seine Sterblichkeit gibt sich allerdings nicht wie die eurer fabelhaften Götter, durch die Laster unserer Natur kund, sondern durch die Ausübung aller ihrer Tugenden. Ihn ihm vereinigt sich die strengste Sittlichkeit mit der zärtlichsten Liebe. Wäre er nur ein Mensch, so hätte er ein Gott zu werden verdient. Ihr ehret den Sokrates – er hat seine Sekte, seine Jünger, seine Schüler. Aber was sind die zweifelhaften Tugenden des Alterthums gegen die klare, unbestrittene, thätige, unablässige, sich hingebende Heiligkeit Christi? Ich spreche hier nur von seinem menschlichen Charakter. Er tritt in demselben auf als das Vorbild kommender Jahrhunderte, um uns die Gestalt der Tugend, die Plato verkörpert zu sehen wünschte, zu zeigen. Dies ist das Opfer, das er für die Menschen brachte. Aber die Herrlichkeit, die seine letzte Stunde umstrahlte, verstärkte nicht nur die Erde, sondern erschloß uns auch den Blick in den Himmel. – Du bist gerührt – Du bist bewegt. Gott wirkt in Deinem Herzen, sein Geist ist mit Dir. Komm, widerstrebe diesem heiligen Antriebe nicht; komm sogleich, ohne Bedenken. Einige von uns finden sich in diesem Augenblicke zur Auslegung des Wortes Gottes versammelt. Komm, laß Dich von mir zu ihnen führen. Du bist traurig und müde. Hier also das Wort des Herrn: ›Kommet zu mir,‹ sagt er, ›Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.‹«

»Ich kann jetzt nicht;« sagte Apäcides; »ein anderes Mal.«

»Jetzt! Jetzt!« rief Olinth mit Eifer, und faßte ihm beim Arme. Aber Apäcides war noch nicht vorbereitet zur Entsagung jenes Glaubens und jenes Lebens, dem er so viel geopfert hatte, sondern riß sich, noch immer von den Versprechungen des Egypters eingenommen, gewaltsam aus dieser Umarmung los. Da er ferner fühlte, daß eine besondere Anstrengung nöthig sei, um die Unschlüssigkeit zu bemeistern, welche die Beredsamkeit des Christen in seinem erhitzten und fieberischen Gemüthe zu erregen begonnen hatte, so hob er sein Kleid auf und entfloh mit einer Eile, die jeden Gedanken an eine Verfolgung ausschloß.

Erschöpft und außer Athem gelangte er endlich in einen entlegegenen und abgeschiedenen Theil der Stadt, und stund plötzlich vor der einsamen Wohnung des Egypters. Während er stille stand, um sich zu erholen, drang der Mond aus einer silberhellen Wolke hervor, und goß sein volles Licht auf die Mauern dieser geheimnisvollen Wohnung.

Es befand sich kein anderes Haus in der Nähe. Die Vorderseite war mit dunkeln Weinreben umrankt, und hinter dem Hause erhoben sich hohe, im melancholischen Mondlichte schlafende Waldbäume. Weiterhin unterschied man schwach die Umrisse der entfernten Berge, unter ihnen den rauchigen Gipfel des Vesuvs, der damals nicht so hoch war, als er sich jetzt dem Blicke des Reisenden zeigt.

Apäcides ging durch das Nebengewölbe und gelangte zu dem breiten und geräumigen Portikus, vor welchem, zu beiden Seiten der Treppe, das Bild des egyptischen Sphynx ruhte. In diesem großen, harmonischen und leidenschaftslosen Zügen, in denen die Künstler, welche jenes Sinnbild der Weisheit verfertigten, so viel Liebenswürdigkeit mit majestätischem Wesen zu vereinigen wußten, lag eine weitere, noch feierlichere Ruhe. Auf der halben Höhe der Treppe dunkelte das grüne und düstere Blätterwerk der Aloe, während die morgenländische Palme ihre langen, regungslosen Zweige theilweise über die marmornen Stufen hinwarf.

In der Stille des Orts und dem sonderbaren Anblicke der Sphynxe lag vielleicht Etwas, das das Blut des Priesters mit namenloser und geisterhafter Furcht durchschauerte; und als er auf die Schwelle zuging, sehnte er sich sogar nach dem Echo seiner geräuschvollen Tritte.

Er klopfte an die Thüre, über welcher eine Inschrift in, seinem Auge unbekannten, Charakteren, angebracht war; sie öffnete sich unvernehmbar, und ein großer, egyptischer Sklave, der ihn weder fragte noch grüßte, gab ihm ein Zeichen, einzutreten.

Die weite Vorhalle war von hohen, kunstreich gearbeiteten, bronzenen Kandelabern beleuchtet, und die Wände ringsherum mit Hieroglyphen von düstern und dunkeln Farben bemalt, die zu dem hellen Kolorit und den lieblichen Gestalten, mit denen die Bewohner Italiens ihre Häuser schmückten, einen seltsamen Gegensatz bildeten. Am Ende der Halle trat ein Sklave auf ihn zu, dessen Gesicht, obgleich nicht afrikanisch, doch viel dunkler war, als in der Regel das der Bewohner des südlichen Europa's.

»Ich suche Arbaces,« sagte der Priester, aber mit so bebender Stimme, daß ihr Zittern seinem eigenen Ohre vernehmbar wurde.

Der Sklave beugte stillschweigend sein Haupt, geleitete den Apäcides nach einem, außerhalb der Halle befindlichen Hügel und führte ihn eine enge Treppe hinauf; nachdem sie sodann mehrere Gemächer durchwandert hatten, in welchen immer die ernste und nachdenkende Schönheit der Sphinx die Beachtung des Priesters am mächtigsten auf sich zog, gelangte Apäcides in ein dämmerndes und schwach erleuchtetes Zimmer, wo er sich nun dem Egypter gegenüber sah.

Arbaces saß vor einem kleinen Tische, auf dem mehre entfaltete Papyrusrollen lagen, mit denselben Charakteren beschrieben, wie sie Apäcides bereits bei der Thürschwelle erblickt hatte. Etwas entfernter stand ein kleiner Dreifuß, aus dem der Weihrauch langsam aufstieg; neben diesem befand sich ein großer Globus, auf dem die Himmelszeichen abgebildet waren, und auf einem zweiten Tische sah Apäcides verschiedene Instrumente von seltsamer und sonderbarer Form, deren Gebrauch ihm unbekannt war. Das entgegengesetzte Ende des Zimmers verbarg ein Vorhang, und durch das längliche Fenster in der Decke drangen die Strahlen des Mondes ein, sich traurig paarend mit der einzigen Lampe, die im Gemache brannte.

»Setze Dich Apäcides,« sagte der Egypter, ohne sich zu erheben.

Der junge Mann gehorchte.

»Du fragst mich,« ergriff Arbaces nach einer kurzen Pause, während deren er in Gedanken vertieft zu sein schien, wieder das Wort; »Du fragst mich, oder möchtest mich wenigstens fragen, nach den mächtigsten Geheimnissen, die des Menschen Seele zu fassen vermag; es ist also das Räthsel des Lebens selbst, das Du von mir aufgelöst zu sehen wünschest. In das Düster versetzt, aber nur kurze Zeit in diesem dämmernden und beschränkten Dasein verweilend, schaffen wir uns, wie Kinder, Gespenster in dieser Dunkelheit; halb sinken unsere Gedanken mit Schrecken in sich selbst zurück, halb stürzen sie sich wild in die führerlose Finsternis, forschend, was sie enthalten möge, während wir rechts und links unsere hülflosen Hände ausstrecken, um nicht blind über eine unvorhergesehene Gefahr zu fallen. Da wir die Grenzen des Orts nicht kennen, so glauben wir bald, ihre Nähe werde uns ersticken, halb, sie erstrecken sich noch bis ins Unendliche. Unter diesen Umständen besteht die ganze Weisheit nothwendigerweise in der Lösung der beiden Fragen: ›Was sollen wir glauben, und was sollen wir verwerfen?‹ Über diese Fragen also wünschest Du eine Entscheidung von mir?«

Apäcides nickte bejahend.

»Der Mensch muß einen Glauben haben,« fuhr der Egypter mit traurigem Tone fort; »er muß seine Hoffnung an Etwas knüpfen, das ist das allgemeine Erbtheil unserer Natur. Wenn Du, erschreckt und entsetzt, Dir das, worauf bis jetzt Dein Glaube ruhte, entrissen zu sehen, auf dem traurigen und uferlosen Meere der Ungewißheit umherschwimmst, so rufst Du um Hülfe, und wünschest ein Brett, an das Du Dich anklammern – wünschest, wenn auch in nebelgrauer Ferne liegendes Land, das Du erreichen kannst. Nun, so höre! Du hast unsere heutige Unterredung nicht vergessen?«

»Wie sollte ich das?«

»Ich habe Dir gestanden, daß die Gottheiten, für die so viele Altäre rauchen, nur menschliche Erfindungen, und daß unsere gottesdienstlichen Gebräuche und Ceremonien nur Mummereien seien, um die Menge zu ihrem eigenen Glücke zu täuschen. Ich zeigte Dir, daß gerade aus diesem Blendwerke die Bande der Gesellschaft, die Harmonie der Welt, die Macht der Weisen entspringt; diese Macht beruht auf dem Gehorsam des gemeinen Haufens. Laß uns also diese heilsamen Täuschungen fortsetzen; wenn der Mensch einen Glauben haben muß, so wollen wir ihm denjenigen auch ferner erhalten, den ihm seine Väter theuer gemacht haben, und den die Gewohnheit heiligt und stärkt. Indem wir für uns, deren Sinne für den groben Glauben zu geistig sind, einen erhabeneren suchen, wollen wir Anderen jene Stütze lassen, die für uns zu schwach ist. Das ist weise – ist wohlwollend –«

»Weiter?«

»Nachdem dies festgesetzt ist,« sprach der Egypter, »und die alten Grenzen für diejenigen, die wir jetzt verlassen wollen, unverrückt geblieben, gürten wir unsere Lenden und wandeln den neuen Regionen des Glaubens zu. Verbanne aus Deiner Erinnerung, aus Deinen Gedanken Alles, was Du bis jetzt geglaubt hast. Nimm an, Dein Gemüth sei ein leeres, unbeschriebenes Täfelchen, zur Aufnahme des ersten Eindrucks bereit. Blicke in die Welt umher; betrachte ihre Ordnung, ihre Regelmäßigkeit, ihren Plan. Irgend Etwas muß sie erschaffen haben; das planmäßig ausgeführte Gebäude zeugt von einem Baumeister. Mit dieser Gewißheit betreten wir zuerst festes Land. Aber was ist dieses Etwas? Ein Gott rufst Du. Halt! keine verworrenen und verwirrenden Namen. Von dem, was die Welt erschuf, wissen wir nichts, können wir nichts wissen, als die Attribute: Macht und unveränderliche Regelmäßigkeit – strenge, vernichtende, unerbittliche Regelmäßigkeit, die auf keine einzelne Fälle Rücksicht nimmt – die flammend in raschem Fluge dahinrollt, unbekümmert, wie viele Herzen, von der allgemeinen Masse losgerissen, zu Boden fallen, und unter ihren Rädern verbrennen. Die Mischung des Bösen mit dem Guten, das Dasein von Leiden und Verbrechen haben die Meisten zu allen Zeiten in Verwirrung gebracht; sie schufen einen Gott, und dachen sich ihn als ein wohlwollendes Wesen; woher kam nun das Böse? Warum hat er es zugelassen – noch mehr, warum erfunden, fortgesetzt? Um sich dies zu erklären, erschafft der Perser einen zweiten Geist, dessen Natur böse ist und den er sich im beständigen Kampfe mit dem Gott des Guten denkt. Die Egypter dachten sich in unserem düstern und schrecklichen Typhon einen ähnlichen Dämon. Verwirrender Irrthum, der uns noch mehr von dem rechten Wege ableitet! – Thorheit, entspringend aus der ungegründeten Vorstellung, welche aus dieser unbekannten Macht ein greifbares, körperliches, menschliches Wesen macht, – welche das Unsichtbare mit Eigenschaften und einer dem Sichtbaren ähnlichen Natur begleitet. Nun, geben wir jenem Baumeister einen Namen, der keine verwirrende Begriffe mit sich führt, und das Geheimnis wird klarer – dieser Name ist: Nothwendigkeit. Die Nothwendigkeit, sagen die Griechen, zwingt die Götter; wozu also Götter? Ihre Thätigkeit wird unnöthig. Verwirf sie sofort. Die Nothwendigkeit beherrscht Alles, was wir sehen. Macht und Regelmäßigkeit, diese beiden Eigenschaften bilden Wesen. Willst Du mehr fragen? Du kannst nicht weiter erfahren. Ob sie ewig ist, ob sie uns, ihre Geschöpfe, nach dem Dunkel, das wir Tod nennen, in neue Laufbahnen zwängt, können wir nicht sagen: hier verlassen wir diese alte, unsichtbare, unergründliche Macht, und wenden uns zu der, die in unsern Augen ihre große Dienerin ist. Über diese können wir mehr lehren, von dieser mehr lernen – ihre Zeugnisse umgeben uns: ihr Name ist Natur. Der Irrthum der Wesen bestand bisher darin, daß sie die Attribute der Nothwendigkeit erforschen wollten, wo doch Dunkel und Blindheit herrscht. Wenn sie ihre Forschungen auf die Natur beschränkt hätten, wie viele Kenntnisse hätten wir wohl schon erlangt? Hier werden Ausdauer und Forschung nie vergebens angewendet. Was wir untersuchen, liegt vor unseren Augen; unser Geist steigt an einer fühlbaren Leiter von Ursachen und Wirkungen empor: die Natur ist die große Seele der äußern Welt und die Nothwendigkeit legt ihr die Gesetze auf, nach denen sie handelt, während sie uns die Kräfte verleiht, durch die wir unsere Forschungen anstellen. Diese Künste sind Wißbegierde und Gedächtnis: ihre Vereinigung ist Vernunft, ihre Vollkommenheit Weisheit. Mittelst dieser Kräfte also untersuche ich die unerschöpfliche Natur, die Erde, die Luft, den Ocean, den Himmel; ich finde, daß zwischen ihnen allen eine geheime Verwandtschaft besteht; daß der Mond Ebbe und Flut regiert, daß die Luft die Erde erhält, und daß sie das Medium für Leben und Empfindung ist; daß wir durch die Kenntnis der Gestirne die Grenzen der Erde messen und die Zeiten in Abschnitte theilen, durch ihr blasses Licht in den Abgrund der Vergangenheit geleitet werden und in ihrem heiligen Zeichen die Geschicke der Zukunft lesen zu können. Wenn wir auf diesem Wege auch nicht erfahren, was Nothwendigkeit ist, so lernen wir doch wenigstens ihre Beschlüsse kennen. Und welche Moral ziehen wir nun aus dieser Religion? denn Religion ist es! Ich glaube an zwei Gottheiten: Natur und Nothwendigkeit. Diese ehre ich durch Unterwürfigkeit, jenen durch Forschung. Welche Sätze lehrt sie uns? folgende: alle Dinge sind nur allgemeinen Gesetzen unterworfen; die Sonne leuchtet zur Freude der Mehrzahl, obwohl sie allerdings Einzelnen Schmerzen bereiten mag; die Nacht gießt ihren Schlummer über die Menge aus, aber sie birgt ebensowohl Mord als Ruhe; die Wälder sind der Schmuck der Erde, aber sie bieten auch Schlangen und Löwen Aufenthalt; das Meer trägt Tausende von Schiffen auf seinem Rücken, aber es verschlingt auch das eine oder andere. So wirkt die Natur und so verfolgt die Nothwendigkeit ihre erhabene Bahn, zwar nicht zum Wohle Aller, aber doch zum allgemeinen Wohle. Dies ist die Regel der furchbaren Triebfeder der Welt; es ist auch die meinige, der ich ihr Geschöpf bin. Ich möchte die Täuschungen der Priester erhalten, denn sie sind für die Menge nützlich; ich möchte den Menschen die Künste, die ich entdeckte, die Wissenschaft, die ich verwollkommne, mittheilen; ich möchte die ungeheure Bahn der Civilisation befördern; hierin diene ich der Masse, ich erfülle das allgemeine Gesetz und vollziehe die große Lehre, welche die Natur predigt. Für mich selbst aber nehme ich die individuelle Ausnahme in Anspruch; ich fordere sie für die Weisen. Zufrieden damit, daß meine individuellen Handlungen in der großen Wagschale des Guten und Bösen Nichts sind; zufrieden, daß das Ergebnis meines Wissens der Masse mehr nützen kann, als meine Begierden der Minderheit zu schaden im Stande sind (denn jenes kann sich bis in die entlegensten Gegenden ausdehnen, und noch ungeborene Nationen humanisiren), gebe ich der Welt Weisheit, mir selbst Freiheit. Ich erleuchte das Dasein Anderer und genieße mein eigenes. Ja, unsere Weisheit ist ewig, aber unser Leben kurz; benütze es, so lange es währt. Widme Deine Jugendzeit dem Vergnügen und Deine Sinne dem Genusse. Bald kommt die Stunde heran, wo der Becher nicht mehr winkt, und die Blumenkränze nicht mehr blühen. Genieße, so lange Du kannst. O Apäcides, sei auch ferner mein Schüler und Jünger. Ich werde Dich Geheimnisse lehren – die Wissenschaft, die Thoren Magie nennen, und die feierlichen Mysterien der Gestirne. Dadurch sollst Du Deine Pflichten gegen die Masse erfüllen, dadurch Dein Geschlecht aufklären. Aber ich will Dich auch zu Genüssen führen, von denen das Volk keine Ahnung hat, und auf den Tag, den Du den Menschen weihest, soll die Nacht folgen, die Du Dir selbst widmest.«

Als der Egypter zu reden aufhörte, ertönte plötzlich neben, oben und unten die lieblichste Musik, die Lybien je erfand, oder Jonien vervollkommnete. Sie drang wie ein Strom von Tönen herein, die überraschten Sinne zu baden – durch Entzücken zu unterwerfen und zu unterjochen. Man glaubte, die Gesänge unsichtbarer Geister zu vernehmen, wie sie etwa die Schäfer in den goldenen Zeiten durch die Thäler Thessaliens und durch die sonnigsten Wälder von Paphos hin tönen hörten. Die Worte, welche sich zur Beantwortung der Sophismen des Egypters auf die Lippen des Apäcides gedrängt hatten, erstarben zitternd. Er glaubte sich einer Entheiligung schuldig zu machen, wenn er diese bezaubernde Akkorde unterbräche; seine so leicht erregbare Natur, die griechische Milde und Glut seiner innersten Seele wurde durch Überraschung gewonnen und gefesselt. Er fiel mit geöffneten Lippen und lauschendem Ohre auf den Sitz zurück, während ein Chor von lieblichen Stimmen, wie die, welche die Psyche in den Hallen Amors erweckten, folgende »Hymne des Eros« sang:

Wo fühlend des Cephissus Fluten kosen,
Bebt eine Silberhymne durch die Luft,
Und höher röthet sich das Roth der Rosen,
Und lautlos schlürft die Taube ihren Duft.

Und lächelnd lauschten in der Höh' die Horen,
Und streuten Blüten auf der Erde Brust,
Und in die Worte, die sie hört, verloren,
Erhebe sie durch und durch in süßer Lust.

»Liebt, Sterbliche! Ich bin die Macht der Liebe,
Der älteste Gott, so alt als das Geschick;
Mein Lächeln haucht den Lichtquell aus dem Siebe,
Mein Kuß erschließt Aurorens Feuerblick.

Mein sind die Sirene und wohin ihr schauet,
Ist es mein Mutterauge, welches wacht;
Mein ist Selene und wenn sie ergrauet,
Ist's doch Endymion, für den sie lacht.

Mein ist die Blume – mein die Glut der Rosen,
Mein ist das Veilchen, das der Zephyr leckt;
Mein sind die Strahlen, die im Mailicht kosen,
Mein jeder Traum, der Laub und Leben weckt.

Liebt Sterbliche – die Erde läßt's euch sagen,
Die Erde, die von Liebe überfließt,
Die Wogen, die ans Ufer sehnend schlagen,
Der Wind, der die geschwellte See umschließt.

Ja, Alles lehret Liebe!« – Hier verschwammen
Die süßen Laute, wie ein Traum der Nacht,
Doch, wo es wogte, es rauschte, kamen
Sie wieder stets mit ihrer Zaubermacht.

Als die Stimme sanft in der Luft verhallt war, ergriff der Egypter den Apäcides bei der Hand und führte den Erstaunten, Berauschten, obwohl halb Widerstrebenden durch das Zimmer dem Vorhange zu, und plötzlich schienen hinter diesem Tausende von funkelnden Sternen aufzutauchen; der Vorhang selbst aber, der bisher dunkel gewesen war, wurde durch diese Feuer zum lieblichsten Himmelblau erhellt. Er stellte den Himmel selbst vor – einen Himmel, wie er in Juninächten auf den kastalischen Quell herabgeschienen haben mochte. In kleinen Zwischenräumen waren rosige und leichte Wolken gemalt, aus denen durch die Kunst des Malers Gesichter voll himmlischer Schönheit lächelten, und auf welchen Gestalten ruhten, wie die, von denen Phidias und Apelles träumten. Die auf diesem durchsichtigen Augur im vollsten Glanze strahlenden Sterne rollten schnell dahin, während die Musik, die in lebhafterem und leichterem Takte von Neuem begonnen hatte, die Melodie der entzückten Sphären nachzuahmen schien.

»Oh, welch Wunder ist dies, Arbaces?« sagte Apäcides mit zitternder Stimme. »Nachdem Du die Götter verläugnet, enthüllst Du mir –«

»Ihre Freuden,« unterbrach ihn Arbaces in einem von seinem gewohnten ruhigen und kalten Gleichmaß so verschiedenen Tone, daß Apäcides erschrak, und den Egypter selbst für verwandelt hielt; und als sie dem Vorhang näher traten, brach eine milde, laute, frohlockende Melodie hinter dem Versteck hervor; bei diesen Tönen riß der Vorhang entzwei, theilte sich und schien in der Luft zu verschwinden, und ein Schauspiel, wie selbst Sybaris kein schöneres sah, bot sich dem geblendeten Auge des Priesters dar. Ein ungeheuer großer Festsaal dehnte sich vor ihnen aus, funkelnd von unzähligen Lichtern, welche die warme Luft mit Düften von Weihrauch, Jasmin, Veilchen und Myrrhen erfüllten. Alles, was die wohlriechenden Blumen und die kostbarsten Spezereien zu bieten vermochten, schien in eine unbeschreibliche, ambrosische Essenz vereinigt. Von den schlanken Säulen, die sich zu der hohen Decke erhoben, hingen weiße, mit goldenen Sternen besäeten Draperien herab. An den beiden Enden des Saales warfen zwei Springbrunnen einen Schaum empor, der im Wiederstrahl des rosigen Lichtes wie zahllose Diamanten schimmerte. In der Mitte des Zimmers erhob sich bei ihrem Eintritte langsam aus dem Boden heraus und bei den Tönen einer unsichtbaren Musik eine mit den feinsten Speisen besetzte Tafel, während in Vasen jener verloren gegangenen myrrhimischen Composition,Die übrigens vermuthlich das chinesische Porzellan war – obgleich sich allerdings auch hiegegen einige Einwendungen machen lassen. deren Farbe so glühend, deren Stoff so durchsichtig war, die ausländischen Gewächse des Ostens prangten. Die um diesen Tisch aufgestellten Polster waren mit azurblauen und goldenen Teppichen bedeckt, und aus unsichtbaren, im gewölbten Plafond angebrachten Röhren ergoß sich ein wohlriechender Regen herab, der die köstliche Luft abkühlte und mit dem Parfüm der Lampen wetteiferte, als ob die Geister des Wassers und Feuers sich darum stritten, welches der beiden Elemente die lieblichsten Wohlgerüche erschaffen könne. Nun traten hinter den schneeweißen Draperien Gestalten hervor, wie sie Adonis schaute, als er auf dem Schooße der Venus ruhte. Sie umringten, die Einen mit Blumenkränzen, die Andern mit Leiern in der Hand, den Jüngling, geleiteten ihn zum Tische und schlangen eine rosige Kette um ihn. Die Erde – der Gedanke an die Erde verschwand aus seiner Seele; er glaubte sich träumend und hielt den Athem an sich, um nicht zu früh zu erwachen. Die Sinne, deren Regung er bis jetzt immer unterdrückt hatte, pochten in seinem brennenden Puls, und verwirrten seinen schwindelnden, taumelnden Blick. Während er so erstaunt und verblendet dastand, ertönte von Neuem, aber in lebhaftem, bacchischen Tonmaße der magische Gesang:


In den Adern des Kelches schäumet und glüht
Wie Blut der perlende Wein,
Doch in den Becher der Jugend glüht
Ein göttlicher Feuer hinein,
So hell, so hell,
Wie Lichtes Quell,
So blitzt er heraus aus der Augen Schein. Gieß ein, gieß ein, bis zum funkelnden Rand,
Den göttlichen Saft, der uns fließt,
Die Traub' ist der Schlüssel in Bacchus Hand,
Womit er den Kerker erschließt.
Trink' immer zu,
Was fürchtest du,
Wo nur die Lampe dich grüßt?

Trink, trink, ich trinken den süßeren Wein
Aus deinen Augen dafür;
Dein Lächeln möge dem Bacchus sein,
Dein Seufzer, Geliebter, sei mir;
Komm zu mir her,
Ich glühe sehr,
Ich glühe nach Blicken von dir!

Nach Beendigung dieses Gesangs näherte sich ihm, umwunden mit einer Kutte von Sternblumen, eine Gruppe von drei Mädchen, die die Grazien, die sie darstellten, leicht hätten verdunkeln können, im gleitenden Takte des jonischen Tanzes, wie ihn die Nereiden im Mondlichte im gelben Sande des ägäischen Meeres aufführten; wie Cytherea ihn ihre Dienerinnen bei der Vermählung Psyche's mit ihrem Sohne lehrte.

Herantretend wandten sieh ihm ihren Kranz um das Haupt; knieend reichte ihm die jüngste von den Dreien den Becher, in welchem Wein aus Lesbos schäumte und perlte. Der Jüngling widerstand nicht länger; er ergriff den berauschenden Becher, das Blut rollte ungestüm durch seine Adern. Er sank an den Busen der neben ihm sitzenden Nymphe, und als er sich mit schwimmenden Augen nach Arbaces umsah, den er im Strudel seiner Gefühle aus dem Gesichte verloren hatte, gewahrte er, daß sein Lehrer unter einem Thronhimmel saß und ihn mit einem Lächeln anblickte, das zum Genuß aufmunterte. Er sah ihn nicht, wie bisher, im dunklem, schwarzem Gewande, mit sinnender, ernster Stirne; – ein schneeweißes, im Glanze des Goldes und kostbarer Edelsteine strahlendes Gewand umgab seine majestätische Gestalt; weiße, mit Smaragden und Rubinen abwechselnde Rosen bildeten eine Tiare, die seine Rabenlocken krönte. Er schien, wie Ulysses, die Glorie einer zweiten Jugend gewonnen – seine Züge schienen das Nachdenken mit der Schönheit vertauscht zu haben, und unter den lieblichen Gestalten, die ihn umgaben, ragte er hervor in dem ganzen, strahlenden und entfesselnden Wohlwollen eines olympischen Gottes.

»Trinke, genieße das Fest, mein Zögling,« sagte er, – »erröhte nicht über Deine Jugend und Leidenschaftlichkeit. Was Du bist, fühlt Du in Deinen Adern; was Du werden wirst, siehst Du hier.«

Bei diesen Worten wies er nach einer Nische hin, und dieser Bewegung mit den Augen folgend, bemerkte Apäcides auf einen Piedestal zwischen den Statuen des Bacchus und der Venus – ein Skelet.

»Erschrick nicht,« fuhr der Egypter fort; »dieser freundliche Gast erinnert uns nur an die Kürze des Lebens. Aus einer Kinnlade höre ich eine Stimme, die uns auffordert, zu genießen

In diesem Augenblicke umgab eine Gruppe von Nymphen die Statuen; sie legten Blumenkränze auf das Piedestal und sangen, währen die Becher der Reihe nach geleert und wieder gefüllt wurden, nachstehende »Bacchische Hymne auf das Bild des Todes«:


1.

Du, der du einst schwelgtest im frohen Genuß,
Den Wein dir und Liebe dir woben,
Du weilest nun drunten am stygischen Fluß,
Doch deine Erinnrung ist oben;
Kann sie noch zurück
Zu dem goldnen Glück,
Das jetzt sie entübrigen muß?

Wir winden den Kranz um das hohle Gerüst,
Worin deine Seele einst thronte,
Als noch deine Blicke die Rose geküßt,
Dein Lächeln im Kelche noch wohnte,
Und der Cytherklang
Dich lud zum Gesang,
Wenn die Sonne hinuntergemüßt.

Hier trat eine neue Gruppe vor und sang, während die Musik in einen schnelleren und lebhafteren Takt überging:

2.

Tod heißt der dunkle Küstenstrich,
Nach dem wir Alle steuern,
Wind, der uns treibt, o säume dich,
Hand, laß das Ruder feiern.
Mit Kränzen bind' die Horen an,
Die zum Altare wallen;
Mit Klang und Blumen weidet man
Die Opfer, eh sie fallen.

Nach der Pause eines Augenblicks tanzte die silberfüßige Musik immer schneller und schneller fort:

Das Leben ist so kurz, o laßt uns genießen
Und keine Minute vergeuden,
So lange die Ströme der Jugend noch fließen,
Sei Liebe die Poesie der Freuden.

Jetzt näherte sich eine dritte Gruppe mit bis an den Rand gefüllten Bechern, die sie als Libation auf jenen sonderbaren Altar ausgoß, und noch einmal erhob sich langsam und feierlich die wechselnde Melodie:


Du bist willkommen, dunkler Gast,
Willkommen an dem fernen Strand,
Wenn einst die letzte Ros' erblaßt,
Reicht dir den Becher unsre Hand.
Sei uns gegrüßt als Gast!
Wer hat ein so gegründet Recht
Zum Genuß vom lebenden Geschlecht,
Als du, des leergebranntes Haus
Uns Alle ruft zum letzten Schmauß
Am dunklen, öden Küstenstrich?
Jetzt sind noch wir der Wirt für dich,
Und du, o todter Schatten, du,
In deiner ernsten, düstern Ruh,
Du bist einstweilen unser Gast!

In diesem Augenblicke nahm diejenige, welche neben Apäcides saß, plötzlich den Gesang auf:

Uns lachet noch der Horen Mund,
Lacht noch das Licht der Sonnen,
Wir sind noch fern von Hades Schlund,
Wir haben noch gewonnen.
Nur ist noch süß Dein Liebesblick,
Dir ist noch süß die Traube;
Ich fliege hin zu Dir, mein Glück,
So wie zum Täuber die Taube.
O laß, Geliebter, lasse mich
In Deine Arme sinken
Und Wonneschlummer winken;
Doch wecke, wecke mich und sprich
Mit Deinen Purpurlippen doch
Und mehr mit Deinen Augen noch,
Daß Du mir Sonne bliebest,
Daß mir die Funken der Fackel noch sprühn,
Daß wir noch heiß für einander glühn,
O sprich, daß Du mich noch liebest!

Zweites Buch.

Lucus tremescit, tota succusso solo
Nutavit aula, dubia quo pondus daret
Ao fluctuanti sinilis.
Senec. Thyestes, v. 693.

Erstes Kapitel.

Eine Kneipe in Pompeji und die Gladiatoren.

Wir versetzen uns nunmehr nach einem jener Theile von Pompeji, der nicht von den Herren, sondern nur von den Dienern und Opfern des Vergnügens bewohnt wurde – dem Aufenthaltsorte der Gladiatoren und Lohnkämpfer, des Lasters und der Armuth, der Rohheit und Gemeinheit, mit einem Worte nach der AlsatiaAlsatia – ein Bezirk von London, der unter Karl II. als ein Schutzort für alle Arten von Verbrechen und gesetzwidrigen Schurkereien seine höchste Blüthe erreicht hatte. Anm. d. Uebers. einer Stadt des Alterthums.

Es war ein großes Zimmer, das sich auf eine enge und volkreiche Straße öffnete. Vor der Thürschwelle stand ein Haufen Männer, deren eiserne, kräftig gespannte Muskeln, kurze und herkulische Nacken, kühne und verwegene Gesichtszüge für sie als Kämpfer der Arena bezeichneten. Auf einem Brette außer halb des Schoppens stand eine Reihe von Wein- und Ölkrügen, und unmittelbar darüber war ein plumpes Gemälde über der Wand angebracht, das trinkende Gladiatoren vorstellte, so alt und ehrwürdig ist der Brauch der Wirtsschilde! Im Innern des Zimmers waren mehre kleine Tische zwischen einigen Verschlägen aufgestellt, an denen Einige tranken, Andere Würfel spielten, und Andere einem mehr Nachdenken erfordernden Spiele oblagen, das man duodecim scripta nannte und das Manche irrthümlich für das Schachspiel hielten, obgleich es mehr Ähnlichkeit mit dem Brettspiele hatte, und gemeiniglich, wenn auch nicht immer, mit Würfeln gespielt wurde.

Es war noch früher Morgen, und vielleicht konnte nichts so gut, als gerade diese unzeitige Stunde, den eingefleischten Müßiggang der Gäste dieser Kneipe beweisen. Dennoch bot dies Haus, trotz seiner Lage und dem Charakter seiner Bewohner, nicht jene garstige Unreinlichkeit dar, die ein derartiges Etablissement in unsern modernen Städten charakterisiren würde. Die natürliche Lebenslust der Pompejaner, die selbst da, wo sie den Geist vernachlässigten, den Sinnen zu schmeicheln suchten, zeigte sich in den blühenden Farben, welche die Wände zierten, und in den phantastischen, aber nicht ungefälligen Formen der Trinkbecher und sogar der gewöhnlichsten Hausgeräthe.

»Beim Pollux!« sagte einer der Gladiatoren, indem er sich gegen einen Thürpfosten lehnte, »der Wein, den Du uns verkaufst alter Silen, wäre im Stande, das beste Blut, das in unsern Adern rinnt, zu verdünnen.«

Mit diesen Worten schlug er einen Mann, der neben ihm stand, auf die Schulter. Der auf diese Weise Begrüßte, dessen entblößte Arme, weiße Schürze und nachlässig in den Gürtel gesteckte Schlüssel und Serviette den Wirth der Schenke anzeigten, war bereits in den Herbst seiner Jahre eingetreten; aber seine Glieder waren noch so kräftig und athletisch, daß er sogar die nervigten Gestalten an seiner Seite hätte beschämen können, außer daß seine Muskeln ins Fleisch übergegangen, seine Wangen geschwollen und aufgedunsen waren, und der dicke Bauch die große und massive Brust beinahe ganz in Schatten stellte.

»Mache keinen Deiner Scherze mit mir,« sage der riesenmäßige Wirth mit dem dumpfen Brüllen eines gereizten Tigers; »mein Wein ist gut genug für ein Skelet, das bald den Stand des Spoliariums einsaugen wird.«Der Ort, wohin die Todten oder tödtlich Verwundeten von der Arena geschafft wurden.

»Krächzest Du so, alter Rabe,« versetzte der Gladiator mit verächtlichem Lächeln, »Du wirst Dich noch aus Ärger hängen, wenn Du mich die Palmenkrone gewinnen siehst, und wenn ich im Amphitheater die Börse bekomme, was unfehlbar geschehen wird, so soll mein erstes Gelübde dem Herkules sein, daß ich Dich und Dein niederträchtiges Gesindel auf immer verschwöre.«

»Hört ihn doch! hört ihn, diesen bescheidenen Pyrgopolinices! Er hat sicherlich unter Bombochides Cluninstaridysarchides Miles gloriosus, Akt. 1. Dies ist so viel, als wenn wir heutzutage sagen: er hat unter Bombastes Furioso gedient. gedient,« rief der Wirth. »Sporus, Niger, Tetraides, er behauptet, er schnappe Euch den Preis weg. Jede Eurer Muskeln ist , bei den Göttern! stark genug, den ganzen Kerl zu erdrücken, oder ich müßte nichts von der Arena verstehen.«

»Ha!« schrie vor Zorn erröthend der Gladiator, »unser Lanista könnte Euch eine ganz andere Geschichte erzählen.«

»Welche Geschichte könnte er gegen mich erzählen, prahlerischer Lydon?« sagte Tetraides, die Stirne runzelnd.

»Oder gegen mich?« brüllte Sporus mit funkelnden Augen.

»Ruhig!« rief Lydon, indem er seine Arme kreuzweise über einander legte und seine Nebenbuhler mit herausfordernder Miene ansah; »die Zeit der Prüfung wird bald da sein. Sparet bis dahin Eure Wuth.«

»Dies rathe ich Dir,« sagte der Wirth mürrisch, »und wenn ich den Daumen einschlage, um Dein Leben zu retten, so sollen die Parzen meinen Lebensfaden abschneiden.«

»Deinen Strick willst Du sagen,« entgegnete Lydon foppend; »hier ist ein Sesterz, um einen zu kaufen.«

Der titanenhafte Weinschenk ergriff die ihm dargebotene Hand und drückte sie so kräftig, daß das Blut zu den Fingerspitzen heraus den Umstehenden auf die Kleider spritzte. Alle schlugen ein wildes Gelächter auf.

»Ich will Dich lehren, Du junger Großsprecher, den Macedonier mit mir zu spielen. Ich bin kein schwacher Perser, das versichere ich Dich. Habe ich nicht zwanzig Jahre lang in dem Cirkus gekämpft, ohne jemals die Arme sinken zu lassen? Und empfing ich nicht aus des Editors eigener Hand den Stab als ein Siegeszeichen und als Genehmigung, auf meinen Lorbeeren auszuruhen? Und jetzt soll ich mich von einem Lehrjungen meistern lassen?«

Mit diesen Worten stieß er die Hand verächtlich von sich.

Ohne eine Miene zu verziehen und mit denselben lächelnden Gesichte, mit dem er zuvor den Wirth gehöhnt hatte, ertrug der Gladiator den schmerzlichen Händedruck. Aber kaum war seine Hand frei, als er sich einen Augenblick niederduckte wie eine wilde Katze; sein Kopf- und sein Barthzaar sträubte sich empor, und mit einem wilden und durchdringenden Schrei rann er so gewaltig auf die Kehle des Riesen los, daß dieser, so stark und handfest er auch war, das Gleichgewicht verlor. Der Wirth stürzte mit dem Lärmen eines Felsstücks zur Erde nieder und über ihn auch sein grimmiger Feind.

Wahrscheinlich hätte der Wirth des Strickes, den ihm Lydon so freundlich anempfohlen hatte, nicht bedurft, wenn er drei Minuten länger in dieser Stellung geblieben wäre; durch das Geräusch des Falles aber zu Hülfe gerufen, stürzte ein Weib, das sich seitdem in einem inneren Gemache aufgehalten hatte, auf den Kampfplatz. Diese neue Verbündete hätte allein dem Gladiator die Spitze bieten können. Sie war von einem hohen Wuchs, mager und mit Armen versehen, die andere, als sanfte Umschlingungen zu geben vermochten. Wirklich hatte, wie er selbst, die liebenswürdige Gefährtin Burbo's, des Weinwirths, in den Schranken,Nicht bloß Weiber aus dem niedrigen Stande fochten bisweilen in dem Amphitheater, sondern selbst Frauen von edler Abkunft theilten dies sanfte Ehrbegierde. ja sogar vor dem Kaiser gefochten. Und Burbo selbst, der Unbefugte auf dem Schlachtfelde, mußte dem Gerüchte zufolge hie und da seiner sanften Stratonice die Palme überlassen. Dieses reizende Geschöpf sah kaum, in welch dringender Gefahr sich ihre schlechtere Hälfte befand, als sie ohne eine andere Waffe, als diejenige, welche ihr die Natur verliehen, auf den obenliegenden Gladiator losstürzte, ihn mit ihren langen, schlangenartigen Armen um den Leib faßte, ihn mit einem plötzlichen Drucke von dem Körper ihres Mannes wegriß, so daß Lydon bloß noch mit seinen Händen seinen Gegner an der Kehle festhielt. So sieht man bisweilen einen Hund an den Hinterbeinen, aus dem Kampfe mit einem gefallenen Nebenbuhler gerissen, in den Armen eines neidischen Stallknechts, so daß die eine Hälfte des Thiers ruhig und harmlos in der Luft schwebt, während die andere, Kopf, Zähne, Augen und Pfoten, in den besiegten und zerfleischten Feind eingegraben und eingerammelt zu sein scheint. Indessen drängten sich die an Blut gewöhnten und dadurch entzückten Gladiatoren voll Wonne um die Kämpfenden; ihre Nasenlöcher öffneten sich weit, die Lippen grinsten, ihre Augen hafteten stur auf der blutigen Kehle des Einen und den ausgespannten Krallen des Andern.

»Habet! (er hat's!) habet!« schrien sie mit brüllendem Tone, indem sie ihre nervigen Hände rieben.

»Non habeo! (ich hab's nicht!) Ihr Lügner!« rief der Wirth, als er sich durch eine ungeheure Anstrengung von seines Gegners grimmigen Händen losmachte und athemlos, keuchend, zerfleischt und blutig auf die Füße sprang. Mit rollenden Augen wandte er sich gegen den stieren Blick und die grinsenden Zähne seines besiegten Feindes, der sich jetzt, aber nur mit einer gewissen Verachtung, gegen die handfeste Amazone wehrte.

»Ehrliches Spiel!« riefen die Gladiatoren, »Einer gegen Einen!« Sie umringten Lydon und das Weib und trennten unsern liebenswürdigen Wirth von seinem höflichen Gaste.

Aber Lydon, der sich über seine gegenwärtige Lage schämte und sich vergebens von diesem wilden Weibe loszumachen suchte, fuhr mit der Hand in seinen Gürtel und zog ein kurzes Messer; so drohend war sein Blick, so klar funkelte die Klinge, daß Stratonice, die nur an den Faustkampf gewöhnt war, voll Schrecken zurückwich.

»O Götter!« schrie sie, »der Bösewicht! Er hat Waffen verborgen! Ist das auch recht! heißt das wie ein Mann von Ehre und als Gladiator handeln? Nein, wahrhaftig, solche Burschen verachte ich!«

Mit diesen Worten wandte sie dem Gladiator höhnisch den Rücken zu und eilte, den Zustand ihres Gattten zu untersuchen.

Aber dieser, der an eine derartige Übung so gewöhnt war, wie eine englische Dogge an den Kampf mit einem zarteren Gegner, hatte sich wieder vollkommen erholt. Die Purpurtinten verschwanden von er karmesinrothen Oberfläche seiner Wangen und die Adern seiner Stirne traten in ihre gewöhnliche Größe zurück. Er schüttelte sich mit behaglichem Grunzen, zufrieden, daß er sich noch am Leben wußte; hierauf betrachtete er seinen Gegner von Kopf bis Fuß mit einem Ausdrucke größerer Würdigung als zuvor.

»Beim Kastor! Du bist ein stärkerer Bursche als ich glaubte,« sagte er; »ich sehe, Du bist ein Mann von Verdienst und Tugend; reiche mir Deine Hand, mein Held!«

Die Gladiatoren zollten der edelmüthigen Anrede Burbo's lauten Beifall und drangen in Lydon, ihm die Hand zu reichen.

»Sehr gerne,« versetzte der Gladiator; »doch jetzt, da ich einmal sein Blut gekostet habe, möchte ich gerne das Ganze einfangen.«

»Beim Herkules!« rief der Wirth, ohne aus der Fassung zu kommen; »das ist echter Gladiatorsinn. O Pollux! was kann gute Zucht aus einem Manne machen; ein Tiger könnte ja nicht wilder sein!«

»Ein Tiger? o Unsinn!« rief Tetraides; »wir nehmens mit Jedem auf.«

»Gut! gut!« sagte Stratonice, die damit beschäftigt war, ihre Haare zu glätten und ihre Locken in Ordnung zu bringen. »Wenn ihr wieder alle gute Freunde seid, so empfehle ich Euch, ruhig und ordentlich zu sein; denn einige junge Herren, Eure Patrone und Gönner, ließen sagen, sie wollen hieher kommen und Euch besuchen. Sie wünschen, ehe sie ihre Wetten auf das große Gefecht im Amphitheater abschließen, Euch hier mit mehr Bequemlichkeit zu betrachten, als in den Schulen möglich ist. Sie kommen gewöhnlich deswegen immer zu uns, weil sie wissen, daß wir nur die besten Gladiatoren von Pompeji aufnehmen. Unsere Gesellschaft ist, Dank den Göttern, sehr ausgesucht.«

»Ja,« fuhr Burbo fort, indem er einen Becher oder vielmehr einen Eimer Wein austrank, »ein Mann, der so viele Kränze gewonnen hat, wie ich, kann nur die Tapferen aufmuntern; Lydon, trink, mein Junge! Mögest Du ein so ehrenvolles Alter haben als ich!«

»Komm her,« sagte Stratonice, indem sie ihren Man auf jene liebkosende Weise, die Tibull so angenehm beschrieben hat, zärtlich an den Ohren zog; »komm her!«

»Nicht so hart, Du Wölfin, Du bist schlimmer als der Gladiator,« murmelte der ungeheure Rachen Burbo's.

»Stille,« sagte sie leise; »Kalenus hat sich so eben verkleidet durch die Hinterthüre hereingeschlichen; ich hoffe, er hat die Sesterze mitgebracht.«

»Oho!« versetzte Burbo, »ich will zu ihm gehen. Siehe unterdessen scharf auf die Becher und merke aufs Kerbholz. Laß Dich nicht hintergehen, Weib. Es sind Helden, das gebe ich zu, aber auch durchtriebene Schurken. Kakus war nichts gegen sie.«

»Habe keine Angst für mich, Du Narr!« war die Antwort der Ehehälfte, und Burbo, mit dieser zärtlichen Zusicherung getrieben, durchschritt das Gemach und begab sich in die Penetralia seines Hauses.

»So, diese zarten Herren wollen also kommen, unsre Muskeln zu betrachten,« sagte Niger; »wer hat Dich davon in Kenntnis gesetzt, meine Herrin?«

»Lepidus; er bringt Klodius, den sichersten Wetter von Pompeji, und den jungen Griechen Glaukus mit.«

»Eine Wette auf eine Wette!« rief Tetraides. »Es gilt zwanzig Sesterze, Klodius wettet auf mich.«

»Er wettet auf mich,« sagte Lydon.

»Nein, auf mich,« brummte Sporus.

»Ihr Thoren! glaubt Ihr denn, er werde irgend Einen von Euch dem Niger vorziehen,« sprach der Athlet, sich selbst auf diese Weise bescheiden nennend.

»Nun,« sagte Stratonice, indem sie eine große Amphora für die Trinker anzapfte, die sich eben um einen Tisch setzten; »weil Ihr nach Eurer Meinung so große und so tapfere Männer seid, so saget mir, welcher von Euch mit dem numidischen Löwen kämpfen will, im Falle man keinen Verbrecher findet, der Euch die Wahl erspart?«

»Ich,« sagte Lydon, »der ich Deinen Armen entkommen bin, stolze Stratonice, glaube auch dem Löwen ohne Gefahr die Stirne bieten zu dürfen.«

»Aber sage mir,« fiel Tetraides in die Rede, »wo ist Deine hübsche Sklavin, das blinde Mädchen mit den glänzenden Augen; ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen.«

»Oh! die ist zu zart für Dich, Du Sohn Neptuns,«Sohn Neptuns – eine lateinische Phrase für einen polternden und wilden Gesellen. sagte die Wirthin, »und ich glaube sogar für uns. Wir schicken sie in die Stadt, um Blumen zu verkaufen und den Damen Etwas zu singen. Sie bringt uns auf diese Art größere Summen ein, als wenn sie Euch aufwartete. Außerdem hat sie noch andere Geschäfte, von denen man nichts sprechen kann.«

»Andere Geschäfte?« sagte Niger; »dazu ist sie doch zu jung.«

»Still, Du Bestie!« versetzte Stratonice; »Du glaubst, es gebe kein anderes Spiel als das korinthische. Wenn Nydia auch noch einmal so alt wäre, so würde das arme Mädchen sich doch eben so gut für den Dienst der Vesta eignen.«

»Aber höre einmal, Stratonice,« hub Lydon an, »wie bist Du zu einer so sanften und zarten Sklavin gekommen? Bei einer reichen römischen Dame wäre sie besser an ihrem Platze.«

»Ganz richtig,« antwortete Stratonice, »und ich werde auch durch ihren Verkauf einmal mein Glück machen. – Du fragtest mich, wie ich zu der Nydia gekommen sei?«

»Ja.«

»Nun, siehst Du, meine Sklavin Staphyla .... Du erinnerst Dich der Staphyla, Niger?«

»Ja wohl. Ein großhändiges Weibsbild, mit einem Gesichte, wie eine komische Maske. Wie sollte ich sie vergessen haben, beim Pluto, dessen Dienstmagd sie jetzt wahrscheinlich ist.«

»Ruhig! Du Tölpel! Staphyla starb also eines Tags und war für mich ein großer Verlust, und ich ging auf den Markt, mir eine andere Sklavin zu kaufen. Aber, bei den Göttern! die waren, seitdem ich die arme Staphyla gekauft hatte, alle so theuer geworden, und das Geld war so rar, daß ich schon hoffnungslos heimkehren wollte, als ein Kaufmann mich an meinem Kleide zupfte. ›Frau,‹ sagte er, ›möchtest Du um einen billigen Preis eine Sklavin kaufen? Ich habe da ein junges Mädchen zu verhandeln; zwar ist sie nur klein und fast noch Kind, aber sie ist behend und still, gelehrig und geschickt, singt hübsch und stickt, und ist überdies, wie ich Dich versichern kann, von guter Abkunft.‹ – Aus welchem Lande? fragte ich. ›Aus Thessalien.‹ Nun wußte ich, daß die Thessalierinnen flink und sanft sind, und sagte also, ich wolle das Mädchen sehen. Ich fand sie ganz, wie Ihr sie jetzt sehet, kaum kleiner, und dem Äußern nach nicht viel jünger. Sie sah geduldig und ergeben genug aus, mit ihren auf die Brust gekreuzten Armen und zu Boden gesenkten Augen. Ich fragte den Kaufmann nach dem Preise; er war mäßig, und so kaufte ich Nydia auf der Stelle. Der Kaufmann führte sie in mein Haus und verschwand sogleich. Denkt Euch mein Erstaunen, meine Freunde, als ich fand, daß sie blind sei. Ha! ha! dieser Kaufmann war ein sauberer Bursche. Ich eilte vor Gericht, aber der Spitzbube war schon nicht mehr in Pompeji; ich mußte also wieder nach Hause zurückkehren, und zwar, wie Ihr wohl denken könnt, übel gelaunt, was das arme Mädchen wohl zu fühlen bekam. Aber es war nicht ihre Schuld, daß sie blind war, denn sie ist es seit ihrer Geburt. Allmählig trösteten wir uns über unsern Handel. Sie ist zwar nicht so stark als Staphyla und nützt uns ihm Hause sehr wenig; aber sie wußte ihren Weg in der Stadt so gut zu finden, wie wenn die hundert Augen des Argus ihr zu Diensten gestanden wären, und als sie uns eines Morgens eine Handvoll Sesterze heimbrachte, die sie, ihrer Angabe nach, aus einigen, in unserm kleinen Garten gepflückten Blumen gelöst hatte, so zweifelten wir nicht, daß sie uns von den Göttern selbst zugesendet worden sei. Wir lassen sie nun von jener Zeit an nach Belieben mit einem Korbe voll Blumen ausgehen, aus denen sie nach der thessalischen Art Kränze windet, was den jungen Herren Spaß macht. Die vornehmen Leute scheinen überhaupt Gefallen an ihr zu finden, denn sie bezahlen ihr für ihre Blumen immer mehr als andern Blumenmädchen, und sie bringt uns den ganzen Erlös nach Hause, was keine andere Sklavin thun würde. Darum verrichte ich mein Geschäft im Hause selbst; aber was sie mir schon eingetragen hat, wird bald zum Ankaufe einer zweiten Staphyla hinreichen. Ohne Zweifel hat der thessalische Seelenverkäufer die junge Blinde vornehmen ElternDie thessalischen Sklavenhändler waren dafür bekannt, daß sie Personen von Geburt und Erziehung raubten, und sie verschonten hiebei sogar ihre eigenen Landsleute nicht immer. Aristophanes verspottet dieses, wie schon das Sprichwort sagt, verrätherische Volk aufs Bitterste wegen seiner eingewurzelten Sucht, durch den Handel mit Menschenfleisch Geld zu verdienen. gestohlen; außer ihrer Geschicklichkeit im Kränzewinden singt sie und spielt die Zither, was auch viel Geld einbringt, und seit einiger Zeit ... doch, dies ist ein Geheimnis ...«

»Dies ist ein Geheimnis! Was!« rief Lydon, »bist Du eine Sphinx geworden?«

»Eine Sphinx! nein ... Warum eine Sphinx?«

»Höre auf mit Deinem Geschnatter, gute Frau, und bring uns zu Essen, ich bin hungrig,« sagte Sporus ungeduldig.

»Und ich auch,« rief der schreckliche Niger, indem er sein Messer auf der flachen Hand wetzte.

Die Amazone ging also in die Küche und kehrte bald mit einem Brette voll großer, halb roher Fleischstücke zurück; denn durch solche Speisen glaubten die Herren des Lohnkampfes damals, wie noch heutzutage, ihre Stärke und Wildheit am besten zu erhalten. Sie setzten sich um den Tisch mit den Blicken hungriger Wölfe; das Fleisch verschwand, der Wein floß. So verlassen wir diese bedeutenden Personen klassischen Lebens, um den Schritten Burbo's zu folgen.

Zweites Kapitel.

Zwei Biedermänner.

In den frühen Zeiten Roms war das Priesteramt nicht sowohl Sache des Gewinns, als vielmehr der Ehre. Die edelsten Bürger versahen es; denn die Plebejer waren davon ausgeschlossen. Später übrigens, und zwar lange vor der Zeit, die wir schildern, stand der Priesterstand allen Ständen gleichmäßig offen – wenigstens jene Abtheilung desselben, die die Flamines oder Priester, nicht der Religion im Allgemeinen, sondern gewisser, besonderer Götter in sich begriff. Sogar der Jupiterspriester (flamen Dialis), der einen Liktor vor sich hergeben hatte, und den sein Amt zum Sitze im Senate berechtigte, wurde, nachdem diese Würde ausschließlich den Patriziern vorbehalten gewesen war, später durch eine Volkswahl ernannt. Die weniger nationalen und nicht so geehrten Gottheiten wurden gewöhnlich von plebejischen Priestern bedient. Viele traten in diesen Stand (wie heutzutage manche Katholiken in die Mönchsorden), weniger aus religiöser Gesinnung, als aus den Gründen berechnender Armuth.

So war Kalenus, der Priester der Isis, von der niedrigsten Abkunft; zwar nicht seine Eltern, aber seine Verwandten waren Freigelassene. Von diesen hatte er eine gute Erziehung und von seinem Vater ein kleines Vermögen erhalten, das jedoch bald vergeudet war. Er wählte nun den Priesterstand als die letzte Zuflucht gegen die Armuth! Was auch das (damals vermuthlich nur sehr kleine) fixe Einkommen dieses heiligen Standes sein mochte, so hatten sich doch die Priester eines beliebten Tempels über den Ertrag ihres Berufs nie zu beklagen. Es gibt keine so gewinnbringende Beschäftigung, als diejenige, die den Aberglauben der Menge zum Felde ihrer Thätigkeit wählt.

Kalenus hatte in Pompeji nur einen einzigen lebenden Verwandten, und dieser war Burdo. Verschiedene entehrende und geheimnisvolle Bande – stärker als die des Blutes – vereinigten ihre Herzen und ihre Interesse. Oft stahl sich der Isispriester verkleidet von den strengen Andachtsübungen weg, denen man ihn hingeben glaubte, und schlich durch die Hinterthür in das Haus des Exgladiators, eines durch Laster wie durch Gewerbe gleichmäßig verrufenen Mannes, und freute sich, dort auch den letzten Lappen der Scheinheiligkeit abzulegen, die, wäre nicht die Habsucht seine herrschende Leidenschaft gewesen, einer selbst für die bloße Heuchelei der Tugend zu brutalen Natur nur plump angestanden haben würde.

In einen jener großen Mäntel gehüllt, die unter den Römern in demselben Verhältnissen in die Mode kamen, in welchem die Toga ihre Beliebtheit verlor und deren weite Falten die Gestalt vollkommen verhüllten, während die daran befestigte Kapuze den Gesichtszügen dieselbe Sicherheit gewährte, saß Kalenus in dem Privatstübchen des Wirthes, von dem ein kleiner Gang direkt zu der Hinterthüre führte, die beinahe an allen Häusern von Pompeji angebracht war. Ihm gegenüber sitzend zählte der kräftige Burbo auf einen zwischen ihnen stehenden Tische sorgfältig ein Häufchen Geldes, das der Priester eben aus einer Börse geschüttelt hatte; denn die Geldbeutel waren damals ebenso allgemein gebräuchlich, wie jetzt, nur mit dem Unterschiede, daß sie meistens besser gefüllt waren.

»Du siehst,« sprach Kalenus, »daß wir gut bezahlen, und Du solltest mir dankbar sein, daß ich Dir zu einer so guten Kundschaft verholfen habe.«

»Ich bin's auch, mein Vetter; ich bin's,« antwortete Burbo freundschaftlich, indem er das Geld in einen ledernen Beutel fallen ließ, den er sodann in seinen Gürtel schob und die Schnalle um seine starken Lenden sorgfältiger verschloß, als er in den ungezwungenen Stunden seiner häuslichen Beschäftigungen zu thun pflegte, »und bei der Isis, Pistis und Nysis, kurz bei allen Gottheiten Egyptens! meine kleine Nydia ist für mich ein wahrer Hesperidengarten, eine Goldgrube.«

»Sie singt gut und spielt wie eine Muse,« erwiderte Kalenus; »und diese Eigenschaften bezahlt der, dem ich diene, immer freigebig.«

»Er ist ein Gott!« rief Burbo enthusiastisch; »jeder reiche Mann, der freigebig ist, verdiente, angebetet zu werden. Aber komm, mein alter Freund, trink einen Becher Wein und erzähle mir noch mehr davon. Was macht sie dort? Sie ist erschrocken, spricht von ihren Eiden und bekennt nichts.«

»Ich ebenso wenig, bei meiner rechten Hand! Auch ich habe jenen fürchterlichen Eid der Geheimhaltung geschworen.«

»Eid! Und was sind Eide für Männer, wie wir?«

»Allerdings! gewöhnliche Eide; aber dieser ...« Und der im Laster abgehärtete Priester zitterte, während er sprach. »Indessen,« fuhr er fort, »will ich Dir nur gestehen, daß es nicht sowohl der Eid ist, den ich fürchte, als die Rache dessen, der ihn mir auferlegt hat. Bei den Göttern! er ist ein mächtiger Zauberer und könnte mein Geständnis sogar aus dem Monde herausbringen, wenn ich es diesem abzulegen wagen sollte. Also nichts mehr davon. Beim Pollux! So herrlich auch die Feste sind, die ich mit ihm feire, so fühle ich mich doch nie ganz behaglich dabei, mein Freund! ich ziehe eine muntere Stunde bei Dir und bei einem jener einfachen, natürlichen, schäkernden Mädchen, die ich in diesem Zimmer treffe – so verräuchert es auch sein mag – ganzen Nächten jener Schlemmereien vor.«

»Ah! sprichst Du so? – gut, da wollen wir morgen Abend, wenn es den Göttern gefällt, ein heimliches Gelage halten.«

»Recht gern,« sagte der Priester, und trat, sich die Hände reibend, dem Tische näher.

In diesem Augenblicke vernahmen sie ein leises Geräusch an der Thüre, wie wenn jemand nach der Klinke fühlte. Der Priester ließ schnell die Kapuze über sein Gesicht herab.

»Still,« sagte der Wirth; »es ist die junge Blinde.«

In diesem Augenblicke öffnete Nydia die Thüre und trat ins Zimmer.

»Ah, mein Kind! was machst Du? Du bist blaß; hast Du in die Nacht hingeschwärmt? Das thut nichts, Jugend bleibt immer Jugend;« sagte Burbo ermuthigend.

Das junge Mädchen gab keine Antwort, sondern ließ sich mit einem Anscheine von Mattigkeit auf einen Sitz nieder. Sie wechselte mehremale die Farbe, stampfte mit ihren kleinen Füßen ungeduldig auf den Boden, erhob dann plötzlich den Kopf und sagte mit entschlossenem Tone: »Herr, Du kannst mich verhungern lassen, wenn Du willst, kannst mich schlagen, mit dem Tode bedrohen; – aber an diesen unheiligen Ort gehe ich nicht mehr.«

»Wie, Du Thörin!« sage Burbo mit mildem Tone, indem seine düstern Augenbrauen finster über seinen trotzigen blutdürstigen Augen zusammentrafen; »wie, Du Ungehorsame, nimm Dich in Acht.«

»Ich habe es gesagt,« sprach das Mädchen, ihre Hände über die Brust kreuzend.

»Was! meine keusche Vestalin; Du willst also nicht mehr dorthin gehen? Gut, so muß man Dich dorthin tragen.«

»Ich werde durch mein Geschrei die Stadt in Aufregung bringen,« sagte sie leidenschaftlich, und die Röthe stieg ihr ins Gesicht.

»Wir werden auch dafür sorgen; man wird Dich knebeln.«

»Denn mögen mir die Götter helfen,« sagte Nydia, indem sie aufstand; »ich werde mich an die Obrigkeit wenden.«

»Gedenke an Deinen Eid!« rief eine hohle Stimme. Es war Kalenus, der jetzt zum erstenmale an der Unterhaltung Antheil nahm.

Bei diesen Worten kam ein Schauder über die Gestalt des armen Mädchens; sie faltete flehend die Hände.

»O ich Unglückliche!« rief sie, und brach in heftige Thränen aus.

Mochte es nun dies laute Schluchzen gewesen sein, was die liebenswürdige Stratonice herbeizog, oder nicht – kurz, ihre schreckliche Gestalt zeigte sich in diesem Augenblicke im Zimmer.

»Viehkerl! was hast Du mit meiner Sklavin getrieben?« sage sie zornig zu Burbo.

»Sei ruhig, Weib,« sagte er mit halb aufgeregtem, halb unterwürfigem Tone: »Du brauchst neue Gürtel und schöne Kleider, nicht wahr? Gut, so gib Acht auf Deine Sklavin, oder Du wirst sie noch lang entbehren müssen. Væ capiti tuo (Wehe Deinem Haupte), Elende!«

»Was soll das heißen?« sagte die alte Hexe, vom Einen zum Andern blickend.

Nydia fuhr wie von einem plötzlichen Antriebe von der Wand auf, gegen die sie sich angelehnt hatte, warf sich vor Stratonice zu Füßen und blickte mit ihren lichtlosen rührenden Augen zu ihr empor.

»Ach! meine Gebieterin!« schluchzte sie, »Du bist ein Weib, hast Schwestern gehabt und bist jung gewesen, wie ich; habe Mitleiden mit mir, rette mich, ich will nicht mehr zu diesen abscheulichen Festen gehen.«

»Thörin!« sagte die Alte, und riß sie ungestüm an einer ihrer zarten Hände, die sich nicht zu härteren Arbeiten, als zum Flechten von Kränzen eigneten, was ja gegenwärtig ihr Gewerbe, immer aber ihre Lust war; »Thörin! solche feine Bedenklichkeiten sind nicht für Sklavinnen.«

»Hörst Du?« sagte Burbo, indem er den Inhalt seiner Börse erklingen ließ; »Du hörst diese Musik, Frau? Beim Pollux! Wenn Du Dein Füllen nicht streng im Zaume hältst, so wirst Du sie nicht mehr hören.«

»Das Mädchen ist müde,« sagte Stratonice, dem Kalenus zunickend; »wenn Du sie das nächste Mal nöthig hast, wird sie gelehriger sein.«

»Du! Du! Wer ist hier!« rief Nydia, ihre Blicke mit so schüchternem und gespanntem Ausdrucke durchs Zimmer werfend, daß Kalenus erschreckt von seinem Sitze aufsprang.

»Sie muß mit diesen Augen sehen!« murmelte er.

»Wer ist da? Sprechet in des Himmels Namen! Ach, wenn Ihr blind wäret, wie ich, so würdet Ihr nicht so grausam sein!« sagte sie und brach in einen neuen Strom von Thränen aus.

»Bringt sie weg,« sagte Burbo ungeduldig, »ich kann dieses Geheul nicht hören.«

»Komm!« sagte Stratonice, indem sie das arme Mädchen an die Schultern stieß.

Nydia wich ihr mit einer Miene aus, der feste Entschlossenheit Würde verlieh und sagte: »Höre mich! Ich habe Dir treu gedient – ich, die ich erzogen wurde – ach, meine Mutter, meine arme Mutter! Hast Du je daran gedacht, daß es mit mir so weit kommen würde!« Sie wischte sich eine Thräne aus ihren Augen und fuhr fort: »Befiel mir Alles, was Du willst, nur dies nicht, und ich will gehorchen; aber ich sage Euch jetzt, so hart, streng und unerbittlich Ihr auch seid, ich sage Euch, daß ich nicht mehr gehe, oder, wenn man mich mit Gewalt hinschleppt, die Barmherzigkeit des Prätors selbst anrufe. Ich hab' es gesagt: höret mich, ihr Götter, ich schwöre!«

Die Augen der Hexe funkelten; mit der einen Hand ergriff sie das Mädchen bei den Haaren, und hob die andere in die Höhe, – diese furchtbare rechte Hand, deren geringster Schlag die schwache und zarte Gestalt, die unter ihrem Griff zitterte, zerschmettern zu müssen schien. Selbst Stratonice schien dies zu bedenken; denn sie hielt inne, änderte ihr Vorhaben, zog Nydia nach der Wand hin, nahm einen, ach! mehr als einmal zu demselben Gebrauche benutzten Strick aus einem Haken und alsbald ertönte das herzzerreißende Geschrei des armen blinden Kindes durch das Haus.

Drittes Kapitel.

Glaukus macht einen Kauf, der ihm später theuer zu stehen kommen wird.

»Holla! mein tapferer Bursche!« sagte Lepidus, indem er gebeugten Hauptes durch die niedrige Hausthüre Burbo's trat; »wir sind hieher gekommen, um zu sehen, wer von Euch seinem Lanista am meisten Ehre mache.«

Die Gladiatoren erhoben sich achtungsvoll vom Tische gegen die drei Ankömmlinge, die als die reichsten und muntersten unter den jungen Leuten von Pompeji bekannt waren, und im Amphitheater den Ton angeben.

»Welche herrlichen Thiere!« sagte Klodius zu Glaukus; »würdig, Gladiatoren zu sein.«

»Schade, daß sie keine Krieger sind!« versetzte Glaukus.

Es war sonderbar zu sehen, wie der weichliche und ekelige Lepidus, den bei einem Banket ein Lichtstrahl zu blenden, im Bade das leiseste Lüftchen zu versengen, in welchem die Natur so ganz jeden ursprünglichen Antrieb verloren und in ein zweifelhaftes, weibisches und künstliches Ding verwandelt zu haben schien; es war, sage ich, sonderbar zu sehen, wie dieser Lepidus jetzt voll Eifer, Kraft und Leben mit seiner weißen Mädchenhand die großen Schultern der Gladiatoren betastete, ihre eisernen Muskeln anfühlte, ganz verloren in Bewunderung dieser Mannhaftigkeit, die er von sich selbst sorgfältigst zu verbannen sein ganzes Leben hindurch bemüht gewesen war.

So sehen wir auch in unsern Tagen die unbärtigen Salonsschmetterlinge zu London sich um die Helden von Fives-Court drängen; so sehen wir sie dieselben begaffen und bewundern und eine Wette berechnen; so sehen wir in komischer, aber zugleich tragischer Vereinigung die beiden Extreme der civilisirten Gesellschaft: die Patrone des Vergnügens und seine Sklaven; die verächtlichsten aller Sklaven, zugleich wild und verkäuflich, männliche Miethlinge, die ihr derbes Fleisch und ihre Stärke wie Weiber ihre Schönheit verkaufen; wilde Thiere in ihrem Handeln, aber noch schlimmer als diese in ihren Beweggründen, denn letztere verstümmeln sich wenigstens nicht gegenseitig für Geld.

»Nun, Niger,« sagte Lepidus, »wie und mit wem wirst Du fechten?«

»Sporus hat mich herausgefordert,« antwortete der Riese, »ich hoffe, es soll ein Kampf auf Leben und Tod sein.«

»Ja, ja, ohne Zweifel,« entgegnete Sporus, und blinzelte dabei mit seinen kleinen Augen.

»Er nimmt das Schwert, ich das Netz und den Dreizack; es wird einen herrlichen Spaß geben; der Ueberlebende wird hoffentlich hinlänglich bezahlt werden, um die Würde der Krone behaupten zu können?«

»Sei unbesorgt, mein Hektor, wir wollen Deine Börse schon spicken,« sprach Klodius; »laß sehen, Du fichst gegen den Niger? Glaukus, eine Wette – ich halte auf den Niger.«

»Ich sagte es Dir ja,« rief Niger mit triumphirender Miene; »der edle Klodius kennt mich; rechne Dich bereits für Tod, mein Sporus.«

»Eine Wette von zehn Sestertien; was sagst Du dazu?«

»Die Wette gilt,« sagte Glaukus; »aber wen haben wir da? Diesen Helden sah ich noch nie.«

Mit diesen Worten sah er den Lydon an, dessen Glieder schlanker waren, als die seiner Kameraden, und in dessen Gesicht etwas Anmuthiges, ja sogar Edles lag, das sein Stand noch nicht ganz verwischt hatte.

»Dies ist Lydon,« antwortete Niger mit Herablassung, »ein junger Mensch, der sich bis jetzt bloß mit dem hölzernen Schwerte geschlagen hat; aber er hat Vollblut in seinen Adern und den Tetraides herausgefordert.

»Er hat mich herausgefordert,« sagte Lydon, »und ich habe die Forderung angenommen.«

»Und wie fichst Du?« fragte Lepidus. »Gedulde Dich noch eine Weile, mein Junge, ehe Du Dich mit dem Tetraides einläßt.«

Lydon lächelte mit verächtlicher Miene.

»Ist er ein Bürger oder ein Sklave?« fragte Klodius.

»Ein Bürger, wie wir Alle hier,« antwortete Niger.

»Strecke Deinen Arm aus, Lydon,« sprach Lepidus mit Kennermiene.

Der Gladiator warf einen bedeutungsvollen Blick auf seine Kameraden und streckte einen Arm aus, der zwar nicht so gewaltig im Umfange war, als die seiner Genossen, dagegen so feste Muskeln und eine so vollkommene Symmetrie in seinen Verhältnissen zeigte, daß die drei jungen Männer gleichzeitig einen Ruf der Bewunderung ausstießen.

»Nun gut! was ist Deine Waffe?« fragte Klodius mit einer Schreibtafel in der Hand.

»Wir werden zuerst mit dem Cestus kämpfen; hierauf, wenn wir Beide noch am Leben sind, mit dem Schwerte,« sagte Tetraides spitzig und mit neidischem Gesichte.

»Mit dem Cestus!« rief Glaukus; »da handelst Du thöricht, Lydon. Der Cestus ist eine griechische Kampfart, ich kenne sie wohl. Dazu hast Du nicht Fleisch genug, Du bist zu mager dafür, glaube mir, gib den Cestus auf.«

»Ich kann nicht,« sagte Lydon.

»Und warum nicht?«

»Ich habe es Dir schon gesagt, er hat mich herausgefordert.«

»Aber er wird Dich nicht gerade zu dieser Waffe zwingen.«

»Meine Ehre zwingt mich,« versetzte Lydon stolz.

»Ich wette auf Tetraides, Zwei gegen Eins auf den Cestus,« sagte Klodius, »soll es gelten, Lepidus? und auf gleiche Wette mit den Schwertern.«

»Wenn Du mir Drei gegen Eins anbötest, so nähme ich die Wette nicht an,« versetzte Lepidus. »Lydon wird nie zum Schwerte kommen. Du bist außerordentlich gütig.«

»Was meinst Du, Glaukus?« fragte Klodius.

»Ich nehme die Wette Drei gegen Eins an.«

»Zehn SestertienMan verwechsle Sestertien nicht mit Sesterzen; erstere waren eine nur nominelle Münze, im Betrage von tausend Sesterzen, letztere dagegen eine cursirende Münze im Werthe von wenigen Kreuzern. gegen Dreißig?«

»Ja.«

Klodius schrieb die Wette in seine Tafel.

»Verzeihe mir, mein edler Patron,« sagte Lydon leise zu Glaukus, »wie viel glaubst Du, daß der Sieger gewinnen werde?«

»Wieviel? Nun, vielleicht sieben Sestertien.«

»Weißt Du gewiß, daß es so viel sein wird?«

»Wenigstens. Aber, pfui über Dich! an das Geld und nicht an die Ehre zu denken. O Römer, ihr seid doch überall Römer!«

Die braune Wange des Gladiators bedeckte sich mit einer dunklen Röthe.

»Thue mir nicht Unrecht, edler Glaukus; ich denke an Beides; aber ohne das Geld wäre ich nie ein Gladiator geworden.«

»Elender! mögest Du fallen; ein Knicker war nie ein Held.«

»Ich bin kein Knicker,« sagte Lydon stolz und zog sich ans andere Ende des Zimmers zurück.

»Aber ich sehe den Burbo nicht. Wo ist Burbo? Ich habe mit ihm zu reden,« rief Klodius.

»Er ist da drinnen,« sagte Niger, indem er mit dem Finger nach der Thüre im Hintergrunde zeigte.

»Und Stratonice, die tapfere Alte, wo ist sie?« sprach Lepidus.

»Sie war noch kurz vor Euch da; aber sie hörte Etwas, das ihr mißfiel und entfernte sich. Beim Pollux! Der alte Burbo hat vielleicht im Hinterstübchen ein junges Mädchen unter den Klauen. Ich habe eine weibliche Stimme schreien hören; die alte Dame ist so eifersüchtig wie Juno.«

»Ah! herrlich!« rief Lepidus lachend: »Vorwärts, Klodius, wir wollen mit Jupiter theilen; vielleicht hat er eine Leda gefunden.«

In diesem Augenblicke erschreckte ein lauter Schrei des Schmerzes und Entsetzens die ganze Versammlung.

»Oh, schone, schone mich! Ich bin ja nur ein Kind, ich bin blind – ist das nicht Strafe genug?«

»O Pallas! diese Stimme kenne ich; es ist die meines armen Blumenmädchens,« rief Glaukus und pfeilschnell stürzte er auf die Gegend zu, woher die Klagetöne kamen.

Er stieß die Thüre auf, und erblickte nun Nydia, wie sie sich unter den Mißhandlungen der wüthend gewordenen Hexe wand; der Strick, schon mit Blut gefärbt, schwebte von Neuem in der Luft, – wurde aber sofort von kräftiger Hand aufgehalten.

»Furie!« sagte Glaukus und befreite Nydia mit der linken Hand aus der Gewalt der Alten; »wie wagst Du ein junges Mädchen, eine Person Deines Geschlechts, ein Kind, so zu behandeln? Meine Nydia, mein armes Kind!«

»Oh, bist Du es? ist es Glaukus?« rief das Blumenmädchen im Hochgefühl der Freude. Die Thränen standen still auf ihren Wangen; sie lächelte, schmiegte sich an seine Brust und küßte sein Kleid.

»Und wie kannst Du es wagen, vorwitziger Fremdling, in das Verfahren einer Frau gegen ihre Sklavin Dich zu mischen? Bei den Göttern! Trotz Deiner schönen Tunika und Deiner erbärmlichen Wohlgerüche zweifle ich, ob Du, Männlein, ein römischer Bürger bist!«

»Höflich, Herrin! hübsch höflich!« sagte Klodius, der jetzt mit Lepidus eintrat, »dies ist mein Freund und Bruder, er muß gegen Deine Zunge unter Dach gebracht werden, sie regnet ja Steine!«

»Gib mir meine Sklavin!« rief die Amazone, indem sie mit kräftiger Faust den Griechen bei der Brust faßte.

»Nicht, wenn alle Furien, Deine Schwestern, Dir beistünden,« versetzte Glaukus. »Fürchte Nichts, süße Nydia, ein Athener verläßt die Unglücklichen nie.«

»Hoho!« rief Burbo, mit verdrießlicher Miene sich erhebend; »was ist das für ein Lärmen um eine Sklavin? Weib, laß diesen jungen Herrn gehen, laß ihn gehen – und verzeihe diesmal ihm zu Liebe der kleinen Unverschämten.«

Mit diesen Worten zog oder schleppte er vielmehr seine wilde Gefährtin hinweg.

»Mir schien, bei unserm Eintritte sei noch ein Mann hier gewesen,« sagte Klodius.

»Ja, aber er ist fortgegangen.«

Der Isispriester hatte es in er That für hohe Zeit gehalten, sich zu entfernen.

»Oh!« sagte Burbo gleichgültig, »es war ein Freund, ein Zechbruder, ein ruhiger Hund, der solche Händel nicht liebt.« Hierauf setzte er, sich an Nydia wendend, hinzu: »Aber geh doch, Kind, Du wirst die Tunika dieses Herrn zerreißen, wenn Du sie festhältst; geh, Du hast Verzeihung.«

»Oh! verlaß mich nicht, verlaß mich nicht,« rief Nydia, sich noch fester an das Gewand des Atheners anklammernd.

Gerührt durch ihre traurige Lage, durch die Anflehung seines Mitleidens und durch ihre zahllosen und rührenden Reize, setzte sich der Grieche auf einen der plumpen Stühle. Er zog sie auf seine Kniee, wischte ihr mit seinem eigenen Haaren das Blut von den Schultern – küßte die Thräne von ihren Wangen – flüsterte ihr tausende von den besänftigenden Worten zu, mit denen man den Schmerz eines Kindes zu stillen sucht, und so schön erschien er in diesem freundlichen und tröstenden Geschäft, daß sogar das Herz der Stratonice davon gerührt wurde. Seine Gegenwart schien über diese gemeine und schmutzige Wohnung einen gewissen Glanz zu verbreiten. Jung, schön, glanzvoll, bot er ein Bild des höchsten irdischen Glücks, indem er ein Wesen zu trösten suchte, das von der Welt verlassen war.

»Wer hätte je geglaubt, daß unsre blinde Nydia eine solche Ehre genießen würde?« sagte die Alte, ihre erhitzte Stirne abtrocknend.

Glaukus schaute den Burbo an und sagte: »Mein guter Mann, dies ist Deine Sklavin, sie singt gut und versteht sich auf die Pflege der Blumen; ich wünschte einer Dame mit einer solchen Sklavin ein Geschenk zu machen. Willst Du sie mir verkaufen?«

Während er sprach, fühlte er, wie das arme Mädchen vor Freude an allen Gliedern zitterte. Sie sprang auf, strich sich die fliegenden Haar aus dem Gesichte und blickte um sich, wie wenn sie wirklich im Stande gewesen wäre, zu sehen.

»Unsere Nydia verkaufen! Nein, nein,« sagte Stratonice mit brutalem Ton.

Nydia sank mit einem langen Seufzer zurück und ergriff von Neuem das Gewand ihres Beschützers.

»Tollheiten!« sprach Klodius mit gebieterischem Tone, »Ihr müßt mir zu gefallen sein. Was, Burbo? Was, alte Dame? Bedenket Ihr nicht, daß Euer Gewerbe ruinirt ist, wenn Ihr mich beleidigt? Ist Burbo nicht ein Klient meines Vetters Pansa? Bin ich nicht das Orakel des Amphitheaters und seiner Helden? Ein Wort von mir, und Ihr könnt Eure Weinkrüge getrost zerschlagen, denn Ihr verkaufet Nichts mehr. Glaukus, die Sklavin gehört Dir.«

Burbo kratzte sich in sichtbarer Verlegenheit hinter den Ohren.

»Das Mädchen ist für mich so viel werth als es in Gold wiegt.«

»Nenne Deinen Preis, ich bin reich,« sagte Glaukus.

Die alten Italiener waren, wie die heutigen, stets bereit, Alles zu verkaufen, um so mehr als ein armes, blindes Mädchen.

»Ich habe sechs Sestertien für sie bezahlt; sie ist jetzt zwölf werth,« murmelte Stratonice.

»Ich will Euch zwanzig geben, kommt auf der Stelle mit mir zur Obrigkeit und von da in meine Wohnung, um Euer Geld in Empfang zu nehmen.«

»Wenn es nicht aus Gefälligkeit gegen den edlen Klodius geschehe, so hätte ich dieses hilflose Kind nicht für hundert Sestertien verkauft,« sagte Burbo mit weinerlichem Tone; »Du, edler Klodius, wirst hoffentlich bei Pansa wegen der Stelle eines Designator im Amphitheater reden; sie würde gerade für mich passen.«

»Du sollst sie bekommen,« sagte Klodius, und flüsterte dem Burbo ferner ins Ohr: »Dieser Grieche da kann Dein Glück machen; das Geld läuft bei ihm wie durch ein Sieb. Du darfst diesen Tag mit weißer Kreide bezeichnen, mein Priamus.«

»An dabis?« fragte Glaukus, in der gebräuchlichen Frage des Käufers an den Verkäufer.

»Dabitur,« antwortete Burbo.

»Ich werde also mit Dir gehen – mit Dir? Oh, welches Glück!« murmelte Nydia.

»Ja, mein hübsches Kind, und Dein härtestes Geschäft soll künftig sein, der liebenswürdigsten Frau in Pompeji griechische Lieder vorzusingen.«

Das junge Mädchen wand sich aus seinen Armen los; ihr Gesicht verlor plötzlich den Glanz, der es so eben noch belebt hatte, sie seufzte tief, ergriff hierauf noch einmal seine Hand, und sagte: »Ich glaubte, ich würde in Dein Haus gehen.«

»Dies soll auch für jetzt geschehen; komm – wir verlieren hier nur die Zeit.«

Viertes Kapitel.

Der Nebenbuhler des Glaukus dringt vor auf der Rennbahn.

Ione war eine jener strahlenden Erscheinungen, wie sie über unsere Lebensbahn nur ein- oder zweimal hinblitzen. Sie vereinigte in sich in der höchsten Vollkommenheit die zwei seltensten irdischen Gaben, Geist und Schönheit. Nie noch besaß Jemand höhere geistige Fähigkeiten, ohne sich ihrer bewußt zu sein; die Paarung der Bescheidenheit mit dem Verdienste ist etwas recht Hübsches, aber wo das Verdienst groß ist, da verbirgt der Schleier jener bewunderten Bescheidenheit die Größe des Verdienstes nie vor den Augen dessen, der es in sich trägt. Das stolze Bewußtsein gewisser Eigenschaften, die es dem Alltagsmenschen nicht enthüllen kann, ist es, was dem Genie jenes schüchterne, zurückhaltende und etwas verlegene Wesen gibt, das dich, wenn du es triffst, zugleich irre macht und dir schmeichelt. Täusche dich nicht, eitler Weltmensch, mit dem Gedanken, das verlegene Wesen jenes großen Mannes sei ein Zeichen, daß er seine Geistesüberlegenheit über dich nicht kenne! Was du für Bescheidenheit hältst, ist der innere Kampf der Selbstachtung. Er kennt den unermeßlichen Abstand zwischen dir und ihm nur zu sehr, und ist bloß deshalb aus der Fassung gebracht, weil er sich an den Orten, wo er dir begegnet, plötzlich auf dein Niveau herabgesetzt sieht. Er hat keine Unterredung, keine Gedanken, keinen Verkehr mit Menschen, wie du; – deine Kleinheit ist es, die ihn aus der Fassung bringt, nicht die seinige.

Ione also war sich ihres Genius bewußt; aber mit jener bezaubernden Gewandtheit, die den Frauen eigenthümlich ist, besaß sie das Talent, dessen sich wenige gleichartige Geister unter dem minder biegsamen Geschlechte rühmen können – das Talent, ihr anmuthiges Wissen nach der Fassungskraft derer, mit denen sie in Berührung kam, herabzustimmen und zu modelliren. Die sprudelnde Quelle goß ihre Wasser gleichmäßig auf Ufer, Höhle und Blumen aus; überall erfrischte, lächelte, blendete sie. Jener Stolz, der das natürliche Resultat geistiger Überlegenheit ist, fiel bei ihr nicht lästig; in ihrer Brust concentrirte er sich zur Unabhängigkeit. Sie verfolgte also ihren eigenen, hellen und einsamen Pfad; sie bat keine alte Matrone, sie zu leiten und zu lenken, sie wandelte bloß im nie flackernden Lichte ihrer eigenen Reinheit. Sie gehorchte keiner tyrannischen und allgemeinen Sitte, sondern formte dieselbe im Gegentheile nach ihrem eigenen Willen, aber auf so zarte Weise und mit so weiblicher Anmuth, mit so vollkommenem Fernehalten von jedem Irrthume, daß man nicht sagen konnte, sie trotze der Sitte, sondern sie gebiete ihr. Es war möglich, Ionen nicht zu lieben; vielleicht schien sie zu erhaben für die Liebe gewöhnlicher Geschöpfe; liebte man sie aber einmal, so ging es auch bis zur Anbetung. Der Born ihrer Anmuth war unerschöpflich, sie verschönerte die gewöhnlichsten Handlungen; ein Wort, ein Blick von ihr glich einem Zauber. Wer sie liebte, trat in eine neue Welt ein, und entfernte sich von dieser abgenutzten und prosaischen Erde. Man befand sich alsdann in einem Lande, wo das Auge alle Gegenstände durch ein Kaleidoskop sah. In ihrer Gegenwart glaubte man eine vortreffliche Musik zu hören; man war in jenes Gefühl getaucht, das so wenig von der Erde an sich hat, in jene Entzückung, die die Musik so herrlich einzuflößen vermag, die verfeinert und erhebt, die allerdings die Sinne erfaßt, aber nur, um ihnen die Eigenthümlichkeiten des Geistes zu verleihen.

Sie war somit besonders geschaffen, die minder gewöhnlichen und kühneren Naturen zu beherrschen und zu fesseln. Sie lieben hieß zwei Leidenschaften vereinigen – die der Liebe und des Ehrgeizes; man strebte aufwärts, wenn man sie anbetete. Man darf sich also nicht wundern, daß sie die geheimnisvolle, aber feurige Seele des Egypters – eines Mannes, der die heftigsten Leidenschaften nährte – vollkommen gefesselt und unterjocht hatte. Ihre Schönheit und ihre Seele unterjochten ihn gemeinschaftlich.

Da er selbst von der gewöhnlichen Welt abgesondert dastand, so liebte er jene Kühnheit des Charakters, die sich auch inmitten der Alltagsdinge eine besondere und erhabene Stellung zu verschaffen wußte. Er sah nicht, oder wollte nicht sehen, daß gerade diese Idealisierung sie von ihm noch mehr, als von der Menge entfernte. So ferne, wie die Pole von einander – ferne, wie der Tag von der Nacht, stund seine Einsamkeit von der ihrigen. Er stund vereinzelt da wegen seiner dunkeln, mit Feierlichkeit umgebenen Laster – sie durch ihre schönen Gefühle und ihre reine Tugend.

Wenn es schon nicht befremden konnte, daß Ione das Herz des Egypters so an sich fesselt, so war es noch weit weniger auffallend, daß sie sich ebenso plötzlich als unwiderruflich des hellen und sonnigen Herzens des Atheners bemächtigte. Die Heiterkeit eines Temperaments, das aus Lichtstrahlen gewoben schien, hatten den Glaukus in den Strudel des Vergnügens gestürzt. Wenn er sich der Zerstreuung seines Zeitalters überließ, so gehorchte er nicht sowohl lasterhaften Eingebungen, als vielmehr den munteren Stimmen der Gesundheit und Jugend. Er warf den Lichtglanz seines Wesens über jede Kluft und jede Höhle, durch die er irrte. Seine Einbildungskraft blendete ihn, aber sein Herz war nie verdorben. Weit mehr durchdringenden Scharfsinn besitzend, als seine Kameraden vermutheten, sah er wohl, daß sie seinen Reichthum und seine Jugend auszubeuten suchten; oder das Geld hatte nur insofern Werth für ihn, als es ihm Mittel zum Genuß war, und die Jugend war das sympathische Pfand das ihn an sie knüpfte. Allerdings fühlte er den Antrieb zu ersterem Gedanken und zu einem höheren Ziele, als bei dem Vergnügungen errungen werden konnte; aber die Welt war damals ein großes Gefängnis, dessen kaiserlicher Kerkermeister der Beherrscher von Rom war, und dieselben Tugenden, die in den freien Tagen Athens dem Glaukus Ehrbegierde eingeflößt hatten, machten ihn in der Sklaverei der Erde unthätig und gleichgültig, denn bei jener widernatürlichen und mehr scheinbaren, als wirklichen Civilisation war jeder edle Wetteifer unmöglich gemacht. In den Regionen eines despotischen und wollüstigen Hofes wurde Ehrbegierde zu einem Kampfe der Schmeichelei und List. Habsucht war ausschließlich die Mutter der Ehrbegierde; man suchte Präturen und Provinzen, nur um das Privilegium zu haben, zu plündern. In den kleineren Staaten ist die Ehrliebe am thätigsten und reinsten; je enger die Grenzen des Kreises sind, desto glühender ist die Vaterlandsliebe. Die öffentliche Meinung ist concentrirt und stark; alle Augen sind auf deine Handlungen gerichtet; deine Motive im öffentlichen Leben stehen im Einklange mit deinen Verbindungen im Privatleben; jeder Punkt auf deiner engen Sphäre ist mit Individuen besetzt, die schon seit deiner Jugend dir vertraut sind; der Beifall deiner Mitbürger ist zugleich eine Liebkosung von Freunden. Aber in großen Staaten ist die Hauptstadt nur der Hof; die dir unbekannten Provinzen – fremd in ihren Sitten und vielleicht auch in ihrer Sprache – haben kein Recht auf deinen Patriotismus; die Voreltern ihrer Bewohner sind nicht die deinigen. Am Hofe suchst du Gunst, nicht Ruhm; ferne vom Hofe ist die öffentliche Meinung für dich verschwunden und die Selbstsucht ohne Gegengewicht.

Italien! Italien! In dem Augenblicke, da ich dies schreibe, ist dein Himmel über mir und deine Meere fließen zu meinen Füßen; höre nicht auf jene blinde Politik, die alle deine glorreichen Städte, die um ihre republikanische Freiheit trauern, in ein einziges Reich verwandeln möchten. Falsche, verderbliche Täuschung! Deine einzige Hoffnung zur Wiedergutmachung beruht auf Theilung. Florenz, Mailand, Venedig, Genua, können wieder frei werden, wenn jedes einzeln frei ist. Aber träume nicht von der Freiheit für das Ganze, während du die Theile unter die Knechtschaft beugest; das Herz muß der Mittelpunkt der Organisation sein, das Blut muß überall frei hinrollen; große Staaten hingegen gleichen nur einem aufgedunsenen und kraftlosen Riesen, dessen Gehirn schwach, dessen Glieder lahm sind, und der durch Krankheit und Entkräftung dafür büßt, die natürlichen Verhältnisse der Gesundheit und Kraft überschritten zu haben.

So auf sich selbst beschränkt konnten die herrlicheren Eigenschaften des Glaukus nur in jener überreichen Einbildungskraft, welche dem Vergnügen Anmuth und dem Gedanken Poesie verleiht, einen Ausweg finden. Behagliches Leben nur minder verächtlich, als ein Wettstreit mit den Parasiten und Sklaven, und obgleich die Ehrfurcht nicht geadelt werden konnte, so ließ sich doch der Luxus läutern. Aber was an Vortrefflichem und Glänzendem in Glaukus Herz geschlummert hatte, erwachte auf einmal, als er Ione kennen lernte. Hier war ein Reich, würdig des Strebens eines Halbgottes; hier eine Herrlichkeit, die der garstige Rauch einer verdorbenen Gesellschaft weder beschmutzen noch verdunkeln konnte. So kann die Liebe zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen Raum für ihre goldenen Altäre finden. Und saget mir, ob es je, selbst in den dem Ruhme günstigsten Zeiten einen erhabeneren und entzückenderen Triumph gegeben habe, als die Eroberung eines Herzens?

Diese Empfindung also mochte ihn in Ione's Gegenwart so sehr begeistern, daß sein Geist höher glühte, seine Seele wacher und sichtbarer schien. Wenn es natürlich war, daß er sie liebte, so war es eben so natürlich, daß sie die Leidenschaft erwiderte. Jung, glänzend, beredt, liebeglühend und ein Athener, war er in ihren Augen die verkörperte Poesie des Landes ihrer Väter. Sie waren nicht wie die Geschöpfe einer Welt, deren Elemente Krieg und Schmerz sind, sondern wie Wesen, die nur an den Festtagen der Natur sichtbar sind; so herrlich und frisch war ihre Jugend, ihre Schönheit, ihre Liebe. Sie schienen auf dieser rauhen Alltagswelt nicht an ihrem Platze zu sein; sie gehörten eigentlich dem Zeitalter des Saturnus und den Träumen von Halbgöttern und Nymphen an. Es war, als ob die der Poesie des Lebens ursprüngliche Anmuth in ihnen sich gesammelt und seine Nahrung gefunden habe, und in ihrem Herzen concentrirten sich die Strahlen der Sonne von Delos und Griechenland.

Wenn aber Ione in der Wahl ihres Lebens unabhängig zu Werke ging, so war ihr bescheidener Stolz in demselbem Maße wachsam und leicht zu beruhigen. Die Lüge des Egypters war von einer tiefen Kenntnis ihrer Natur eingegeben. Der Bericht von dem rohen und unzarten Benehmen des Glaukus verwandelte sie in ihrem Innersten; sie sah darin einen Tadel ihres Charakters und ihrer Lebensweise, vor Allem aber eine Bestrafung ihrer Liebe. Sie erkannte zum erstenmale, wie unvorsichtig schnell sie dieser Liebe nachgegeben hatte, und erröthete über eine Schwäche, deren Größe sie bebend ermaß; sie dachte sich, gerade diese Schwäche habe ihr die Verachtung des Glaukus zugezogen, und so litt sie die grausamste Pein edler Naturen, Demüthigung. Und doch war ihre Liebe vielleicht eben so beunruhigt, als ihr Stolz. Wenn sie einen Augenblick dem Glaukus mit halblauter Stimme Vorwürfe machte, ihm entsagte, ihn beinahe haßte, so brach sie im nächsten Augenblicke in leidenschaftliche Thränen der Liebe aus, ihr Herz gab seiner angeborenen Milde nach, und in der Bitterkeit ihrer Qual sagte sie: »er verachtet mich, er liebt mich nicht.«

Sobald sie der Egypter verlassen, hatte sie sich in das entlegenste Zimmer ihres Hauses zurückgezogen, ihre Dienerinnen entfernt und vor der Schaar, die ihre Thüre umlagerte, sich verläugnet. Glaukus wurde mit den Andern ausgeschlossen; er wunderte sich darüber, errieth aber den Grund nicht. Seiner Ione, seiner Königin, seiner Göttin, traute er nie jene weibliche Launenhaftigkeit zu, über die sich die Liebesdichter Italiens so unablässig beklagen. Er glaubte, sie sei bei der Majestät ihrer Aufrichtigkeit über alle jene Kunstgriffe erhaben, die einen Liebenden martern, und obgleich er sich beunruhigt fühlte, waren doch seine Hoffnungen nicht verdüstert, denn er wußte ja bereits, daß er liebte und geliebt wurde, – welch kräftigeres Amulet konnte er wünschen, um sich der Furcht zu erwehren.

In tiefster Nacht, wenn Stille in den Straßen herrschte, und nur der Mond ein Zeuge seiner Huldigung war, stahl er sich zu dem Tempel seines Herzens, – zu ihrer Wohnung hin; denn ach den Worten der Athener ist die Wohnung der Geliebten ein wahrer KupidotempelAthenäus – »der wahre Tempel des Kupido, ist das Haus der Geliebten.« und er freite um sie nach der schönen Sitte seines Landes. Er überdeckte ihre Thürschwelle mit den reichsten Blumenkränzen, in denen jede Blume ein Ausdruck süßer Liebe war, und erfüllte die lange Sommernacht mit den Thönen der lycischen Laute und mit Versen, wie sie die Begeisterung des Augenblicks erschuf.

Aber das Fenster oben öffnete sich nicht, kein Lächeln machte den Schein der Nacht heiliger. Alles blieb still und dunkel; er wußte nicht, ob seine Verse gut aufgenommen waren, seine Bitten Gehör fanden.

Doch Ione schlief nicht und verschmähte nicht, ihn zu hören; sie trösteten – sie überwältigten sie. Während sie denselben zulauschte, glaubte sie Nichts gegen ihren Geliebten; aber wenn sie endlich verstummten und seine Tritte verhallten, da verschwand auch der Zauber, und in der Bitterkeit ihres Herzens fand sie in dieser zarten Huldigung beinahe eine neue Beleidigung.

Ich sagte, sie habe sich vor jedermann verläugnet, indessen fand sie doch eine Ausnahme Statt; es gab eine einzige Person, die sich nicht zurückweisen ließ und die sich über ihre Handlungen und das Haus eine Art väterliche Autorität anmaßte. Arbaces forderte für sich eine Ausnahme von allen Andern gegenüber beobachteten Förmlichkeiten. Über ihre Thürschwelle trat er mit der Zuversicht eines Mannes, der fühlt, daß er in seinem Rechte, daß er zu Hause ist. Er drang in ihre Einsamkeit mit jener ruhigen und keiner Entschuldigung bedürfenden Miene, als ob das so ganz in der Ordnung wäre. Bei aller Unabhängigkeit im Charakter Ione's war es ihm durch seine Gewandtheit gelungen, eine geheime und mächtige Herrschaft über ihr Gemüth zu erlangen. Sie konnte sich nicht davon losmachen; bisweilen wünschte sie es zwar, aber nie versuchte sie einen ernstlichen Kampf dagegen. Sie war durch seinen Schlangenblick verzaubert; er gebot über ihr Thun und Lassen durch den Zauber seines Geistes, der längst daran gewöhnt war, Eifersucht einzuflößen, und zu unterjochen. Da Ione auch nicht die leiseste Ahnung von seinem wahren Charakter oder von seiner geheimen Liebe hatte, so fühlte sie für ihn die hohe Achtung, die das Genie für die Weisheit und die Tugend für die Heiligkeit hegt. Sie betrachtete ihn wie einen jener mächtigen Weisen des Alterthums, die durch ihre Eremtion von den Leidenschaften der übrigen Menschen in die Geheimnisse des Wissens eingedrungen waren. Sie sah ihn kaum als ein irdisches, ihr ähnliches Wesen an, sondern als ein geheimnisvolles und heiliges Orakel. Sie liebte ihn nicht, aber sie fürchtete ihn. Seine Gegenwart war ihr unangenehm; sie verdüsterte ihren Geist selbst in seiner klarsten Stimmung. Sein erhabenes und eisiges Wesen erinnerte sie an einen jener hohen Berge, die über die Sonne einen Schatten warfen. Dessenungeachtet aber dachte sie nie daran, ihm seine Besuche zu verbieten, sondern verhielt sich ruhig unter dem Einflusse, der in ihrer Brust zwar nicht das Zurückstoßende, aber doch Etwas von der Unheimlichkeit des Schreckens erregte.

Arbaces selbst beschloß künftig alle seine Künste anzuwenden, um in den Besitz des Schatzes zu gelangen, nach dem er sich so glühend sehnte. Er fühlte sich ermuthigt und erhoben bei dem Gedanken an seinen Sieg. Von der Stunde an, in der Apäcides dem wollüstigen Zauber des erwähnten Festes unterlag, fühlte er seine Herrschaft über den jungen Priester glorreich gesichert. Er wußte, daß es kein vollkommener unterjochtes Opfer gibt, als einen glühenden jungen Mann, der zum erstenmale der Herrschaft der Sinne überlassen wird.

Als Apäcides mit dem frühen Morgen aus dem tiefen Schlafe erwachte, der dem Delirium des Erstaunens und der Lust folgte. fühlte er sich allerdings beschämt, erschrocken und bange. Sein Gelübde der Enthaltsamkeit und Keuschheit ertönte in seinem Ohre; sein Durst nach Heiligkeit war aus einer so unreinen Quelle gestillt worden! Aber Arbaces kannte die Mittel genau, seinen Sieg zu sichern. Von den Künsten der Wollust führte er den jungen Priester sofort in seine mysterische Weisheit ein. Er enthüllte vor seinen erstaunten Blicken die düstere Philosophie des Nils, jene den Gestirnen entnommenen Geheimnisse, und jene ungeregelte Alchymie, die in einem Zeitalter, wo sogar die Vernunft nur ein Geschöpf der Einbildungskraft war, wohl für die Lehre eines vom Himmel gesandten Zauberers gelten konnte. In den Augen des jungen Priesters war Arbaces ein über die Sterblichkeit erhabenes und mit übernatürlichen Gaben ausgerüstetes Wesen. Jene heftige und gewaltige Sehnsucht nach der Wissenschaft, die nicht von dieser Erde ist, die schon seit früher Zeit im Herzen des Priesters glühte, wurde verblendet, die bis sie sein klares Bewußtsein verwirrte und bemeisterte. Er überließ sich einer Leitung, die sich zu gleicher Zeit an die zwei stärksten der menschlichen Leidenschaften – an das Verlangen nach sinnlichem Genuß und an das Streben nach Wissenschaft – wandte. Er konnte nicht glauben, daß ein so weiser Mann irren, daß ein so erhabener sich zum Betruge erniedrigen könne. In das düstere Gewebe metaphysischer Lehren verstrickt, griff er gierig nach der Entschuldigung, durch die der Egypter Laster in Tugend verwandelte. Seine Eitelkeit fühlte sich, ohne daß er es selbst wußte, geschmeichelt, daß Arbaces ihn für würdig gehalten hatte, ihn auf seine eigene Höhe zu erheben, ihn von den Gesetzen zu entbinden, welche die Menge regierten und ihn an den mystischen Studien und dem magischen Blendwerke seiner Einsamkeit Theil nehmen zu lassen. Die reinen und strengen Lehren jenes Glaubens, zu welchem Olinth ihn zu bekehren gesucht, waren durch die Flut neuer Leidenschaften aus seinem Gedächtnisse verwischt worden; der mit den Dogmen des wahren Glaubens wohl vertraute Egypter vernahm von seinem Schüler kaum, welchen Eindruck ihre Anhänger auf ihn gemacht hatten, als er auch schon mit ziemlicher Gewandtheit durch eine Reihe von halb ernsten, halb ironischen Bemerkungen diesen Eindruck zu verstören suchte.

»Dieser Glaube,« sagte er, »ist nur ein Plagiat, den zahllosen, von unsern alten Priestern erfundenen Allegorien entnommen. Sieh,« fuhr er, auf eine mit Hieroglpyhen beschriebene Rolle zeigend, fort, »sieh, in diesen alten Figuren den Ursprung der christlichen Dreieinigkeit. Hier sind auch drei Götter: der Vater, der Geist und der Sohn. Bemerke, daß der Beiname des Sohnes Erlöser heißt; bemerke ferner, daß das Zeichen, durch welches seine menschlichen Eigenschaften angedeutet werden, das Kreuz ist,Der Gläubige wird aus diesem zufälligen Zusammentreffen einen von dem des Egypters sehr verschiedenen Schluß ziehen. betrachtete hierbei die mystische Geschichte des Osiris, wie er getödtet wurde, wie er im Grabe lag, und wie er, eine heilige Sühne vollziehend, wieder von den Todten auferstand. Zu diesen Geschichten beabsichtigten wir bloß eine Allegorie von den Operationen der Natur und den Bewegungen des ewigen Himmels zu geben; aber da der allegorische Sinn nicht verstanden wurde, so haben die Standbilder abergläubischen Nationen Stoff zu einer Menge von Glaubenslehren geliefert. Diese Sinnbilder sind sogar in die ungeheuren Ebenen Indiens gedrungen und haben sich den träumerischen Spekulationen der Griechen beigemischt. Immer gröber und kühner werdend, je mehr sie sich von dem Schatten ihres Ursprungs entfernten, nahmen sie in diesem neuen Glauben eine menschliche und handgreifliche Gestalt an, und die Anhänger des Galiläers sind, ohne es zu wissen, nur die Nachbeter einer der Allegorien vom Nil.«

Dies war der letzte Beweis, der den jungen Priester vollkommen überwältigte. Wie alle Menschen fühlte er das Bedürfnis, an Etwas zu glauben, und ungetheilt gab er sich dem Glauben hin, den ihn Arbaces lehrte, und dem endlich auch Alles, was Menschliches in der Leidenschaft, Schmeichelhaftes in der Eitelkeit, Verlockendes im Genusse liegt, als anziehende, sowie als vollkommen bekräftigende Macht, zur Seite stand.

Nachdem der Egypter diesen Sieg so leicht gewonnen hatte, konnte er sich nun gänzlich der Verfolgung eines ihm wichtigeren und werthvolleren Planes widmen, und in seinem guten Glücke bei dem Bruder begrüßte er ein günstiges Omen für seinen Triumph bei der Schwester.

Er hatte Ione am Morgen nach dem Gelage besucht, dessen Zeugen wir waren, und somit gerade den Tag, nach dem er sie gegen Glaukus gestimmt hatte. Er sah sie den zweiten und dritten Tag nachher wieder, und jedesmal bot er all seine Gewandtheit auf, theils um den Eindruck gegen Glaukus zu befestigen, hauptsächlich aber, um sie für die Eindrücke empfänglich zu machen, die sie nach seinem Wunsche emfpangen sollte. Die stolze Ione verhehlte die Qual, die sie erlitt, sorgfältig, und weiblicher Stolz besitzt eine Verstellung, die den schärfsten Blick täuschen, die vollendetste Schlauheit beschämen kann. Übrigens war Arbaces schlau genug, nicht wieder auf eine Gegenstand zurückzukommen, den ihn sein richtiges Gefühl als etwas höchst Unbedeutendes behandeln ließ. Er wußte, daß man durch längeres Verweilen bei dem Vergehen eines Nebenbuhlers diesem in den Augen der Geliebten nur einen gewissen Werth verleiht; das Klügste ist, ihn weder laut zu hassen, noch bitter zu verdammen, sondern ihn durch einen gleichgültigen Ton zu erniedrigen, als ob man gar nicht daran dächte, daß er geliebt werden könne. Das Sicherste für uns selbst ist, die unserm eigenen Stolze beigebrachte Wunde zu verhehlen, dagegen unbemerkbar den Stolz der Schiedsrichterin, deren Stimme ein Gebot des Fatums ist, zu verletzen! Dies wird zu allen Zeiten die Politik eines Mannes sein, der das weibliche Geschlecht kennt – es war jetzt die des Egypters.

Er kehrte nicht wieder auf die Anmaßung des Glaukus zurück: er nannte wohl seinen Namen, aber nicht öfter, als den des Klodius oder Lepidus. Er gab sich den Anschein, sie in eine Klasse zu stellen, als Wesen einer niederen, ephemeren Art; als Wesen, denen zum Schmetterlinge nichts fehlt, als dessen Unschuld und Anmuth. Bisweilen erwähnte er flüchtig irgend eine erfundene Schwelgerei, bei der sie Genossen gewesen seien; dann sprach er wieder von ihnen als von den Antipoden jener erhabenen und geistigen Naturen, zu deren Ordnung Ione gehörte. Durch den Stolz Ione's, sowie vielleicht durch seinen eigenen gleichmäßig verblendet, ließ er sich nicht träumen, daß sie bereits liebe; aber er fürchtete wenigstens, daß sie für Glaukus jene ersten flüchtigen Vorgefühle empfinde, die zur Liebe führen. Darum knirschte er auch insgeheim die Zähne vor Wuth und Eifersucht, wenn er an die Jugend, die Liebenswürdigkeit und den Glanz jenes fürchterlichen Nebenbuhlers gedachte, dem er anscheinend so geringen Werth beilegte.

Am vierten Tage nach der am Schlusse des vorigen Buches erzählten Begebenheiten saßen Arbaces und Ione wieder beisammen.

»Du trägst auch zu Hause einen Schleier,« hub der Egypter an; »das ist nicht schön gegen die, welche Du mit Deiner Freundschaft beehrst.«

»Was kann aber dem Arbaces,« antwortete Ione, die allerdings den Schleier über ihr Gesicht geworfen hatte, um die vom Weinen gerötheten Augen zu verbergen, »was kann aber dem Arbaces, der nur auf den Geist sieht, daran liegen, wenn das Gesicht verhüllt ist?«

»Ich sehe bloß auf den Geist,« antwortete der Egypter; »zeige mir darum Dein Antlitz, denn dort werde ich ihn sehen.«

»Du wirst zum Schmeichler in der Luft von Pompeji,« entgegnete Ione mit einem Tone erzwungener Heiterkeit.

»Glaubst Du etwa, herrliche Ione, ich habe Dich nur zu Pompeji schätzen gelernt?«

Des Egypters Stimme zitterte – er hielt einen Augenblick inne und fuhr sodann fort: »Es gibt eine Liebe, schöne Griechin, die nicht bloß die Liebe der Gedankenlosen und der Jungen ist – es gibt eine Liebe, die nicht mit den Augen sieht, die nicht mit den Ohren hört, sondern in welcher Seele für Seele glüht. Der Landsmann Deiner Vorfahren, der tiefdenkende Plato, träumte von solch einer Liebe – seine Jünger haben ihn nachzuahmen gesucht; aber es ist dies eine Liebe, die kein Echo hat für die große Heerde – eine Liebe, die nur erhabene und edle Naturen begreifen können – sie hat nichts gemein mit den Sympathien und Banden niedriger Neigung – Runzeln sind ihr nicht zuwider – die Häßlichkeit der Gesichtszüge schreckt sie nicht ab. Sie verlangt allerdings Jugend, aber nur in der Frische der Empfindungen; sie verlangt allerdings Schönheit – aber nur die Schönheit des Gedankens und des Geistes. Dies ist die Liebe, o Ione, die der kalte und strenge Mann Dir als würdiges Opfer darbringt. Du hältst mich für streng und kalt – dies ist die Liebe, die ich auf Deinem Altar niederzulegen wage, Du kannst sie ohne Erröthen annehmen.«

»Und ihr Name ist Freundschaft!« entgegnete Ione; ihre Antwort war unschuldig, und doch klang sie wie ein Vorwurf gegen die durchschauten Absichten des Arbaces.

»Freundschaft!« sprach Arbaces heftig; »nein, das ist nur ein zu oft entweihtes Wort, um es auf eine so heilige Empfindung anzuwenden. Freundschaft! das ist ein Band, das Thoren und Wüstlinge verknüpft. Freundschaft! das ist der Bund, der die gehaltlosen Herzen eines Glaukus und Klodius umschlingt. Freundschaft! das ist eine irdische Neigung, gemeinen Gewohnheiten und unlautern Sympathien entsprungen; – das Gefühl, von dem ich rede, ist den Sternen entlehnt. Es trägt etwas von jener mystischen und unaussprechlichen Sehnsucht in sich, die uns ergreift, wenn wir sie betrachten – es brennt, aber es läutert – es ist die Naphtalampe in der Alabastervase, die von herrlichen Wohlgerüchen glüht, aber nur durch die reinsten Gefäße strahlt. Nein, es ist nicht Liebe und ist nicht Freundschaft, was Arbaces für Ione fühlt. Gib ihm keinen Namen – die Erde hat keinen Namen dafür – es ist nicht von der Erde – warum es durch irdische Benennungen und irdische Beisätze erniedrigen?«

Nie zuvor hatte sich Arbaces so weit gewagt, aber er fühlte sich Schritt für Schritt auf festem Grund; er wußte, daß er in einer Sprach redete, die, wenn sie auch in unsern Tagen eines affektirten Platonismus schönen Ohren wohl verständlich sein würde, doch zu jener Zeit seltsam und ungewöhnlich klang, und mit der keine bestimmten Vorstellungen verknüpft werden konnten, so daß er unmerklich vorzurücken oder zurückzuweichen volle Freiheit hatte, wie es die Gelegenheit erforderte, und je nachdem die Hoffnung ermuthigte oder die Furcht abschreckte. Ione zitterte, obgleich sie nicht wußte, warum; ihr Schleier verhüllte ihre Züge und verbarg einen Ausdruck, der, wenn ihn der Egypter gesehen hätte, diesen zugleich entmuthigt und in Wuth versetzt haben würde; in der That hatte er ihr nie mehr mißfallen – die harmonische Biegsamkeit der überredensten Stimme, die je unheilige Gedanken verbarg, fiel mißklingend in ihr Ohr. Ihre ganze Seele war noch mit dem Bilde des Glaukus erfüllt und der Ausdruck der Zärtlichkeit aus jedem andern Munde entrüstete und erschreckte sie; doch glaubte sie nicht, daß eine glühendere Leidenschaft, als jene platonische Liebe, die Arbaces ausdrückte, unter seinen Worten laure. Sie glaubte, er habe in Wahrheit nur von der Neigung und Sympathie der Seele gesprochen; aber war es nicht gerade diese Neigung, diese Sympathie, die einen Theil der Gefühle ausmacht, die sie für Glaukus empfand? Und konnte irgend ein anderer Fußtritt, als der seinige, der wohlverwahrten Pforte ihres Herzens sich nähern?

Vom ängstlichen Wunsche geleitet, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, antwortete sie deshalb mit kalter und gleichgültiger Stimme: »Es ist natürlich, daß Arbaces, wen er auch immer mit dem Gefühle seiner Achtung beehrt, in seiner erhabenen Weisheit diesem Gefühle seine eigene Farbe gibt; es ist natürlich, daß seine Freundschaft reiner ist, als die Anderer, deren Treiben und Irrthum er zu theilen verschmäht. Aber sage mir, Arbaces, hast Du meinen Bruder kürzlich gesehen? Er hat mich seit einigen Tagen nicht besucht, und als ich ihn zuletzt sprach, beunruhigte und erschreckte mich sein Benehmen sehr; ich fürchte, er war zu voreilig in der strengen Wahl, die er getroffen, und bereut nun einen unwiderruflichen Schritt.

»Sei unbesorgt, Ione,« antwortete der Egypter. »Er war allerdings seit einiger Zeit unruhig und traurigen Geistes; Zweifel überfielen ihn, wie sie bei einem Menschen von jenem glühenden Temperamente, das beständig ebbt und flutet und zwischen Aufregung und Erschöpfung schwankt, sich so leicht einstellen. Aber er, Ione, er kam zu mir in seiner Angst und Qual; er suchte Jemand, der ihn bemitleide und liebe; ich habe sein Gemüth beruhigt, habe seine Zweifel beseitigt, habe ihn von der Schwelle der Weisheit in ihren Tempel eingeführt und vor der Majestät der Gottheit ward seine Seele beruhigt und besänftigt. Sei ohne Furcht, er wird hinfort nicht mehr bereuen; die, so sich dem Arbaces vertrauen, bereuen nie länger, als einen Augenblick.«

»Du freust mich,« antwortete Ione; »mein theurer Bruder! In seiner Zufriedenheit fühle ich mich glücklich.«

Das Gespräch ging nun auf leichtere Gegenstände über; der Egypter bemühte sich, zu gefallen, ließ sich sogar herab, zu unterhalten; die ungeheure Mannigfaltigkeit seines Wissens befähigte ihn, jeden Gegenstand, den er berührte, zu schmücken und aufzuhellen; den mißfälligen Eindruck seiner früheren Worte vergessend, sah sich Ione, trotz ihrer trüben Stimmung, durch den Zauber seines Geistes fortgerissen. Ihr Benehmen wurde wieder unbefangen und ihre Rede fließend, Arbaces aber, der längst auf diese Gelegenheit gewartet hatte, beeilte sich, sie zu ergreifen.

»Du hast noch nie,« hub er an, »das Innere meines Hauses gesehen; eine solche Beaugenscheinigung möchte Dich vielleicht ansprechen; es enthält einige Zimmer, die Dir das erklären können, worüber Du so oft eine Beschreibung von mir fordertest – die Einrichtung eines egyptischen Hauses; zwar wirst Du keineswegs in den ärmlichen und kleinlichen Verhältnissen der römischen Architektur die massive Kraft, die ungeheure Ausdehnung, die riesenhafte Pracht oder auch nur das Häusliche in der Bauart der Paläste von Theben und Memphis finden, aber da und dort wirst Du doch Manches sehen, was Dir einigen Begriff von jener uralten Civilisation geben kann, welche die Welt humanisirt hat. Widme also dem strengen Freunde Deiner Jugend einen dieser herrlichen Sommerabende und gewähre mir den Ruhm, daß meine düstere Wohnung durch die Gegenwart der bewunderten Ione beehrt worden sei.«

Ohne weder die Entweihungen dieses Hauses, noch die Gefahr, die sie dort erwartete, zu ahnen, ging Ione sofort auf den Vorschlag ein; der nächste Abend wurde zum Besuche bestimmt, und der Egypter entfernte sich mit heiterem Angesichte und einem Herzen, das von wilder und unheiliger Freude pochte. Kaum war er fort, als ein anderer Besuch um Einlaß bat – doch jetzt kehren wir zu Glaukus zurück.

Fünftes Kapitel.

Die arme Schildkröte – Neuer Wechsel für Nydia.

Die Morgensonne beschien den kleinen und duftigen Garten, der von dem Peristyl im Hause des Atheners eingeschlossen war. Letzterer lag düster und gedankenlos auf dem weichen Grase, das sich durch das Viridarium hinzog, und ein leichter, oben aufgespannter Baldachin brach die glühenden Strahlen der Sommersonne.

Als dieses schöne Haus ausgegraben wurde, fand man im Garten die Schale einer Schildkröte, die seine Bewohnerin gewesen war.Ich weiß nicht, ob man die Schildkrötenschale, welche in dem Hause aufgefunden wurde, das in diesem Werke dem Glaukus zugeschrieben wird, noch aufbewahrt; hoffe es jedoch. Dieses Thier, ein so sonderbares Glied in der Schöpfung, dem die Natur außer einer passiven und traumartigen Empfindung des Lebens alle Lebensgenüsse versagt zu haben scheint, war schon viele Jahre, bevor Glaukus jenen Platz kaufte, der Gast desselben gewesen; so viele über Menschengedenken hinausgehende Jahre, denen die Überlieferung eine fast unglaubliche Höhe zuschrieb. Das Haus war gebaut und wieder gebaut worden – seine Besitzer hatten gewechselt und wieder gewechselt – Generationen hatten geblüht und waren ausgestorben, und noch immer schleppte die Schildkröte ihr langsames, gefühlloses Dasein fort. Bei dem Erdbeben, das vor sechszehn Jahren viele der öffentlichen Gebäude der Stadt umgestürzt und die bestürzten Einwohner fortgescheucht hatte, war das jetzt von Glaukus bewohnte Haus fürchterlich erschüttert worden. Die damaligen Besitzer verließen es auf mehre Tage; bei ihrer Rückkehr räumten sie den Schutt weg, der das Viridarium bedeckte, und fanden noch die Schildkröte, unbeschädigt durch die Zerstörung rings umher und ohne eine Ahnung derselben. Sie schien ein bezaubertes Leben in ihrem langsamen Blute und in ihren unbemerklichen Bewegungen zu haben, doch war sie nicht so unthätig, als es den Anschein hatte; sie hielt einen regelmäßigen, einförmigen Umgang; Zoll für Zoll durchzog sie die kleine Bahn ihres Gebietes, zu deren gänzlicher Umkreisung sie immer Monate gebrauchte. Es war eine rastlose Wanderin, diese Schildkröte – geduldig und mühsam legte sie die selbst vorgeschriebenen Tagereisen zurück, keine Theilnahme zeigend für die Dinge um sie her – eine in sich selbst concentrirte Philosophin! Es lag etwas Großes in ihrer einsamen Selbstsucht! Die Sonne, in der sie sich wärmte – das sich täglich über sie ergießende Wasser – die Luft, die sie ohne es zu fühlen einsog – waren ihr einziger, nie ausbleibender Luxus. Der milde Wechsel der Jahreszeiten in jenem lieblichen Klima fiel ihr nicht empfindlich. Sie hüllte sich in ihre Schale wie der Heilige in seine Frömmigkeit – wie der Weise in seine Weisheit – wie der Liebende in seine Hoffnung.

Sie war unzugänglich für die Stöße und Veränderungen der Zeit, und eben darum auch ein Bild der Zeit selbst. Langsam – regelmäßig – beständig, unbewußt der Leidenschaften, die um sie her wucherten, der Abnützung aller Sterblichkeit. Die arme Schildkröte! Nichts Geringeres als das Bersten von Vulkanen, die Zuckungen der gespaltenen Welt konnten ihren trägen Lebensfunken ersticken. Der unerbittliche Tod, der weder Pracht noch Schönheit schont, ging achtlos an einem Wesen vorüber, bei dem er doch nur einen unbedeutenden Wechsel hätte hervorbringen können.

Für dieses Thier fühlte der feurige und lebhafte Grieche die ganze Bewunderung und Zuneigung, die der Contrast einzuflößen vermag. Er konnte Stunden damit zubringen, sein schleichendes Fortschreiten zu beobachten, Betrachtungen über seinen Mechanismus anzustellen. In der Freude verachtete, im Leide beneidete er es. Während er jetzt, auf dem Rasen liegend, der Schildkröte dumpfe und anscheinend regungslose Masse sich fortbewegen sah, murmelte er vor sich hin: »Der Adler ließ einen Stein aus seinen Krallen fallen, im Glauben deine Schale zu zerbrechen. Der Stein zerschmetterte einem Dichter das Haupt. Dies ist die Allegorie des Schicksals! Dumpfes Ding! du hattest einen Vater und eine Mutter; vor Jahren vielleicht hattest du auch eine Genossin. Liebten deine Eltern, oder liebtest du? Kreiste dein langsames Blut heiterer, wenn du an der Seite deines Weibleins krochst? Warst du der Zuneigung fähig? Und konnte es dich traurig stimmen, wenn sie ferne von dir war? Konntest du es fühlen, wenn sie zu deiner Seite kroch? Was gäbe ich nicht darum, die Geschichte deiner gepanzerten Brust zu kennen – den Mechanismus deiner matten Wünsche zu durchschauen – zu sehen, welche haarbreite Grenzlinie deinen Gram von deiner Freude scheidet! Doch glaube ich, würdest du es fühlen, wenn Ione da wäre! Du würdest ihr Herannahen als eine mildere Luft, als eine heiterere Sonne empfinden. Ich beneide dich jetzt, denn du weißt nicht, daß sie ferne ist, und ich – wie gerne würde ich wie du sein – während der Zeit, da ich sie nicht sehe! Welche Zweifel, welche Ahnungen überfallen mich! Warum versagt sie mir den Zutritt? Tage sind vergangen, seit ich ihre Stimme gehört. Zum erstenmale spricht mich das Leben nicht mehr an. Ich bin wie Einer, der allein nach einem Festmahle zurückbleibt – die Lichter erloschen, die Blumen verwelkt. Ach, Ione, könntest du ahnen, wie ich dich anbete!«

Aus diesen verliebten Träumereien wurde Glaukus durch die Ankunft Nydia's aufgeweckt. Mit ihrem leichten, aber vorsichtigen Schritte kam sie durch das marmorne Tablinum, durchschritt den Säulengang und blieb bei den Blumen stehen, die den Garten einfaßten. Sie hatte ihre Gießkanne in der Hand und begoß die dürstenden Pflanzen, in die bei ihrer Annäherung neues Leben zu kommen schien. Sie beugte sich, um ihren Duft einzuathmen, berührte sie ängstlich und liebkosend, und fühlte an den Stengeln umher, ob nicht ein verwelktes Laub oder ein kriechendes Insekt ihrer Schönheit Eintrag thue. Wie sie so mit ihrem ernsten, jugendlichen Gesichte von Blume zu Blume schwebte, hätte man sich keine entsprechendere Dienerin für die Gottheit der Gärten denken können.

»Nydia, mein Kind,« sagte Glaukus.

Bei dem Tone seiner Stimme blieb sie schnell stehen – horchend, erröthend, athemlos! Mit geöffneten Lippen, um die Richtung des Lautes aufzufangen, in die Höhe geworfenem Gesichte, setzte sie die Kanne nieder, eilte zu ihm, und wunderbar war es zu sehen, wie untrüglich sie ihren dunklen Pfad durch die Blumen fand, und auf dem kürzesten Wege zu ihrem neuen Herrn gelangte.

»Nydia,« sagte Glaukus, ihr langes und schönes Haar zärtlich zurückstreichend – »es sind jetzt drei Tage, seit Du unter dem Schutze meiner Hausgötter stehst. Haben sie auf Dich gelächelt? Bist Du glücklich?«

»Ach, so glücklich!« seufzte die Sklavin.

»Und jetzt,« fuhr Glaukus fort, »da Du Dich ein wenig von den gehässigen Erinnerungen Deines früheren Zustandes erholt hast, jetzt, da man Dich« (hier berührte er ihre gestickte Tunika) »mit Kleidern versehen hat, die für Deine zarte Gestalt besser passen, jetzt, süßes Kind, da Du Dich an Dein Glück gewöhnt hast, das Dir die Götter immer gewähren mögen, möchte auch ich Dich um einen Dienst bitten.«

»Oh, was kann ich für Dich thun?« rief Nydia, ihre Hände faltend.

»Höre,« sagte Glaukus; »so jung Du auch bist, sollst Du meine Vertraute werden. Hast Du je den Namen Ione gehört?«

Das blinde Mädchen schnappte nach Luft, und bleich werdend wie eine der Bildsäulen, die vom Peristyl auf sie herabschauten, antwortete sie mit Anstrengung und nach kurzer Pause: »Ja, ich habe gehört, sie sei von Neapolis und schön.«

»Schön? Ihre Schönheit vermöchte den Tag zu blenden! Neapolis! Nein, sie ist griechischer Abkunft, Griechenland allein konnte solche Gestalten bilden. Nydia, ich lieb sie!«

»Ich dachte mir das,« erwiderte Nydia ruhig.

»Ich liebe sie, und Du sollst es ihr sagen. Ich bin im Begriff, Dich zu ihr zu senden. Glückliche Nydia, Du wirst in ihr Zimmer treten, wirst die Musik ihrer Stimme trinken, wirst Dich in der sonnigen Luft ihrer Gegenwart wärmen.«

»Was, was? Willst Du mich denn von Dir schicken?«

»Du wirst zu Ione gehen,« antwortete Glaukus in einem Tone, der sagte: »Was kannst Du mehr wünschen?«

Nydia brach in Thränen aus.

Glaukus richtete sich auf und zog sie mit den beruhigenden Liebkosungen eines Bruders an sich.

»Mein Kind, meine Nydia! Du weinst, weil Du nicht weißt, welch ein Glück ich Dir gewähre. Sie ist freundlich und gütig, und sanft wie ein Mailüftchen. Sie wird Deiner Jugend eine Schwester sein, wird Deine einnehmenden Talente würdigen und Deine einfachen Grazien lieben, wie es Niemand sonst könnte, denn sie gleichen den ihrigen. Weinst Du noch immer? Liebes Närrchen! Ich will Dich nicht zwingen, meine Süße. Willst Du mir diese Gefälligkeit nicht erweisen?«

»Wohlan, wenn ich Dir dienen kann, so befehle. Sieh, ich weine nicht mehr, ich bin ruhig.«

»Das ist ganz meine Nydia,« fuhr Glaukus fort, ihre Hand küssend. »Geh also zu ihr; wenn Du Deine Erwartungen hinsichtlich ihrer Freundlichkeit nicht befriedigt findest, wenn ich Dich getäuscht habe, so kehre zurück, sobald Du willst. Ich schenke Dich nicht einer Andern, sondern ich leihe Dich bloß. Mein Haus sei immer Deine Zuflucht, meine Süße. Ach, könnte es doch allen Freundlosen und Betrübten Schutz gewähren. Aber, wenn mein Herz mir Wahrheit zuflüstert, so werde ich Dich bald wieder zurückfordern, mein Kind. Mein Haus und Ionens Haus werden Eins werden, und Du selbst bei uns Beiden leben.«

Ein Schauder fuhr durch die zarte Gestalt des blinden Mädchens; aber sie weinte nicht mehr – sie hatte sich in ihr Schicksal ergeben.

»Geh also, meine Nydia, in Ionens Haus – man wird Dir den Weg zeigen. Nimm ihr die schönsten Blumen mit, die Du pflücken kannst; die Vase dazu will ich Dir geben, und Du wirst ihren geringen Werth entschuldigen. Man soll Dir auch die Laute hintragen, die ich Dir gestern gab, und der Du so bezaubernde Töne zu entlocken verstehst. Auch diesen Brief überreiche ihr, worin ich nach hundert Versuchen meinen Gedanken Worte zu geben bemüht war. Horche auf jeden Ton, auf jede Beugung ihrer Stimme, und sage mir, wenn wir uns wiedersehen, ob ihre Musik mich zu Hoffnungen oder zu Befürchtungen berechtigt. Schon sind es mehre Tage, gute Nydia, daß ich nicht mehr bei Ione zugelassen wurde; es liegt etwas Geheimnisvolles in dieser Ausschließung; ich werde durch Zweifel und Besorgnisse gequält; bemühe Dich also – denn Du bist klug, und Deine Sorge für mich wird Deinen scharfen Beobachtungsgeist zehnfach verfeinern – die Ursache dieser Unfreundlichkeit zu erfahren; sprich von mir, so oft Du kannst; laß meinen Namen stets über Deine Lippen schweben; gib ihr meine innige Liebe eher zu verstehen, als daß Du sie laut aussprichst; habe Acht, ob sie seufzt, während Du sprichst, ob sie Dir antwortet, oder wenn sie Deine Rede mißbilligt, in welchem Tone dies geschieht. Sei meine Freundin, sprich für mich, und oh, wie reich wirst Du das Wenige vergelten, das ich für Dich gethan habe. Du verstehst mich doch, Nydia, Du bist noch ein Kind – habe ich mehr gesagt, als Du verstehen kannst?«

»Nein.«

»Und willst Du mir dienen?«

»Ja.«

»Komm zu mir, wenn Du die Blumen gepflückt hast, und ich will Dir die Vase geben, von der ich sprach; suche mich in dem Zimmer der Leda auf. Du bist doch nicht mehr traurig, hübsches Kind?«

»Glaukus, ich bin eine Sklavin; was habe ich mit Freud oder Leid zu schaffen?«

»Sprichst Du so? Nein, Nydia, sei frei. Ich gebe Dir Freiheit – genieße sie, wie Du willst, und verzeihe mir, daß ich bei Dir den Wunsch voraussetzte, mir zu dienen.«

»Du bist beleidigt. Oh, ich möchte selbst um einen höhern Preis, als die Freiheit, Dich nicht beleidigen. Glaukus, mein Bewahrer, mein Retter, mein Beschützer, verzeihe dem armen blinden Mädchen. Insofern es zu Deinem Glücke beitragen kann, so trauert es selbst dann nicht, wenn es Dich verlassen muß.«

»Mögen die Götter dieses dankbare Herz segnen,« sprach Glaukus überaus bewegt und küßte ihr, ohne zu ahnen, welches Feuer er entfache, zu wiederholten Malen die Stirne.

»Du verzeihst mir,« sagte sie, »und wirst nicht mehr von Freiheit sprechen; meine ganze Glückseligkeit ist, Deine Sklavin zu sein, und Du hast ja versprochen, mich keinem Andern geben zu wollen.«

»Ich habe es versprochen.«

»Und jetzt will ich also die Blumen pflücken.«

Stillschweigend nahm Nydia aus der Hand des Glaukus die kostbare, mit Edelsteinen besetzte Vase, in welcher die Blumen an Farbenglanz und Wohlgeruch mit einander wetteiferten; thränenlos empfing sie seine letzte Weisung. Als er aufhörte zu sprechen, blieb sie einen Augenblick stehen; sie wagte nicht zu antworten, sie suchte seine Hand, führte sie an ihre Lippen, ließ ihren Schleier über ihr Gesicht fallen und entfernte sich plötzlich aus seiner Nähe. Als sie die Thürschwelle erreichte, hielt sie noch einmal an, streckte ihre Hände gegen sie aus und flüsterte: »Drei glückliche Tage – Tage unaussprechlicher Wonne! – habe ich erlebt, seit ich dich überschritten, gesegnete Schwelle! Möge nach meiner Entfernung der Friede ewig bei dir wohnen! Und jetzt reißt sich mein Herz von dir los, und der einzige Ton, der in ihm erklingt, heißt mich sterben!«

Sechstes Kapitel.

Die glückliche Schönheit und die blinde Sklavin.

Eine Sklavin trat in das Zimmer der Ione, mit der Meldung, daß eine Botin von Glaukus vorgelassen zu werden wünsche.

Ione zauderte einen Augenblick.

»Die Botin ist blind,« sagte die Sklavin, »und will ihren Auftrag nur an Dich selbst ausrichten.«

Niedrig ist das Herz, welches das Unglück nicht achtet. Kaum hatte Ione gehört, daß die Botin blind sei, als sie die Unmöglichkeit fühlte, eine unfreundliche Antwort zu geben. Glaukus hatte einen Herold gewählt, der in der That heilig war – einen Herold, der nicht zurückgewiesen werden konnte.

»Was kann er von mir wollen? Welche Botschaft kann er senden?« fragte sich Ione selbst und ihr Herz schlug schneller. Der Vorhang an der Thüre ward zurückgezogen; ein sanfter und echoloser Tritt bewegte sich über den Marmor hin, und geführt von einer der Dienerinnen trat Nydia mit ihrer kostbaren Gabe ein.

Sie stand einen Augenblick still, als wenn sie auf einen Laut horchte, um ihre Richtung darnach zu nehmen.

»Will die edle Ione,« hub sie mit sanfter und leiser Stimme an, »mich eines Wortes würdigen, damit ich weiß, wohin ich diese umnachteten Schritte zu lenken habe, um ihr meine Gabe zu Füßen zu legen?«

»Schönes Kind,« sprach Ione gerührt und milde, »gib Dir nicht die Mühe, über diesen schlüpfrigen Boden zu gehen, meine Dienerin wird mir das bringen, was Du zu überreichen hast.« Und sie winkte ihrem Mädchen, die Vase in Empfang zu nehmen.

»Ich darf sie Niemanden als Dir geben,« antwortete Nydia, schritt, geleitet von ihrem Ohr, langsam der Stelle zu, wo Ione saß, und überreichte ihr knieend die Blumenvase.

Ione nahm sie aus ihrer Hand und stellte sie auf den Tisch zu ihrer Seite. Hierauf hob sie Nydia sanft empor und wollte sie auf das Polster setzen; aber das Mädchen weigerte sich bescheiden.

»Ich habe mich meines Auftrags noch nicht vollständig entledigt,« sprach sie und zog den Brief des Glaukus aus ihrem Gewande hervor. »Die Zeilen erklären vielleicht, warum Derjenige, der mich gesandt, eine so unwürdige Botin für Ione auserwählte.«

Die Griechin ergriff den Brief mit einer Hand, deren Zittern Nydia fühlte; dieses Gefühl entlockte der armen Sklavin sofort einen Seufzer. Mit übereinandergelegten Armen und niedergeschlagenen Blicken stund sie vor der stolzen und stattlichen Ione; – nicht minder stolz vielleicht in ihrer unterwürfigen Haltung. Ione winkte mit ihrer Hand und die Dienerinnen entfernten sich; noch einmal blickte sie in Verwunderung und schöner Theilnahme auf die junge Sklavin, trat sodann etwas von ihr zurück, eröffnete und las folgenden Brief:

»Glaukus sendet der Ione mehr, als er zu äußern wagt. Ist Ione unwohl? Deine Sklavinnen sagen mir nein, und diese Versicherung tröstet mich. Hat Glaukus Ione beleidigt? Ach, diese Frage mag ich nicht an die Sklavinnen richten. Seit fünf Tagen bin ich aus Deiner Gegenwart verbannt. Hat die Sonne geschienen? – Ich weiß es nicht; hat der Himmel gelächelt? – Für mich hat er kein Lächeln. Meine Sonne und mein Himmel sind ferne. Beleidige ich Dich? Bin ich zu kühn? Spreche ich das auf dem Schreibtäfelchen aus, was meine Zunge nicht zu äußern wagte? Ach, gerade in Deiner Abwesenheit fühle ich erst ganz den Zauber, durch den Du mich überwunden hast. Diese Abwesenheit jedoch, die mich der Freude beraubt, gibt mir Muth. Du willst mich nicht sehen, und hast auch die gemeinen Schmeichler verbannt, die Dich umlagern. Aber kannst Du mich mit ihnen vermengen? Es ist nicht möglich! Du weißt zu gut, daß ich nicht zu ihnen gehöre – daß ich von anderem Stoffe bin, als sie. Denn selbst wenn ich von dem niedrigsten Schlage wäre, so hat mich der Duft der Rose durchdrungen, und der Geist Deines Wesens ist in das meinige übergegangen, um es zu durchduften, zu heiligen, zu begeistern. Hat man mich bei Dir verleumdet, Ione? Du wirst es nicht glauben. Sagte mir das delphische Orakel selbst, Du seiest unwürdig, so würde ich ihm nicht glauben: und ich bin weniger ungläubig als Du? Ich denke an unser letztes Beisamemnsein – an das Lied, das ich Dir sang – an den Blick, mit dem Du mir darauf antwortetest. Verberge es, wie Du willst, Ione, es herrscht eine gewisse Verwandtschaft zwischen uns, und unsre Augen gestunden es, obwohl unsre Lippen schwiegen. Habe doch die Huld, mich zu sehen, mich anzuhören, und dann verbanne mich, wenn Du es willst. Ich gedachte nicht, so frühe es auszusprechen, daß ich liebe, aber diese Worte stürzen sich in mein Herz herein – sie wollen einen Ausweg haben. Empfange daher meine Huldigung und mein Gelübde. Wir trafen uns zuerst an dem Altare der Pallas; sollten wir nicht an einem älteren und milderen Altare zusammentreffen?

«Schöne angebetete Ione! wenn meine heiße Jugend und mein athenisches Blut mich irre leiteten und verlockten, so haben diese Irrwege mich nur gelehrt, die Ruhe, den Hafen, den ich nunmehr erreichte, zu würdigen. Ich hänge meine triefenden Kleider an dem Altare des Meergottes auf. Ich bin dem Schiffbruch entgangen; ich habe Dich gefunden. Ione, gestatte mir huldvoll den Zutritt; Du bist gütig gegen Fremdlinge, willst Du grausamer gegen Deine eigenen Landsleute sein? Ich erwarte Deine Antwort. Empfange die Blumen, die ich sende – ihr süßer Odem hat eine beredtere Sprache, als die der Worte. Die Düfte, die sie aushauchen, ziehen sie aus der Sonne; sie sind das Sinnbild der Liebe, die empfängt und zehnfach vergilt – das Sinnbild des Herzens, das Deine Strahlen einsog, und Dir den Keim zu jenen Schätzen verdankt, die es Deinem Lächeln darbringt. Ich sende Dir diese Blumen durch eine Botin, die Du, wenn nicht um meinetwillen, doch um ihretwillen aufnehmen wirst. Sie ist gleich uns eine Fremde; ihrer Väter Asche ruht unter einem freundlicherem Himmel; aber weniger glücklich als wir, ist sie blind und eine Sklavin. Arme Nydia! indem ich um die Erlaubnis bitte, sie in Deine Nähe zu bringen, suche ich die Grausamkeit der Natur und des Geschickes gegen sie so viel als möglich gut zu machen. Sie ist sanft, behende und gelehrig, in Musik und Gesang geübt, und für die Blumen eine wahre Chloris. Sie hofft, Ione, Du werdest sie lieb gewinnen; wo nicht, so schicke sie mir zurück.

»Noch ein Wort – laß mich kühn sein, Ione. Warum denkst Du so hoch von jenem dunkeln Egypter? Er hat durchaus nicht das Wesen eines redlichen Mannes an sich. Wir Griechen lernen die Menschen von unsrer Wiege an kennen; wir sind nicht weniger tief, wenn wir auch keine höhere Miene annehmen; unsre Lippen lächeln, aber unsre Augen sind ernst – sie beobachten – merken – studiren. Arbaces ist nicht der Mann, dem man so unbedingt trauen darf; könnte es der Fall sein, daß er mich bei Dir verleumdet hat? Ich glaube es, denn ich ließ ihn bei Dir zurück; Du sahst, wie sehr ihm meine Gegenwart zuwider war, und seit der Zeit hast Du mich nicht wieder vorgelassen. Glaube nichts, was er etwa zu meinem Nachtheile sagt; wenn Du es aber glaubst, so sage es mir ohne Weiteres, denn dies ist Ione dem Glaukus schuldig. Lebe wohl! Diesen Brief berührt Deine Hand; diese Buchstaben begegnen Deinem Auge – sollen sie glücklicher sein, als ihr Urheber? Noch einmal, lebe wohl!«

Während Ione diesen Brief las, war ihr, als ob ein Nebel vor ihren Augen verschwinde. Was war die vermeintliche Beleidigung des Glaukus gewesen? – daß er sie nicht in der That liebte! Und jetzt gestund er gerade heraus und in unzweideutigen Ausdrücken seine Liebe. Von diesem Augenblicke an, war seine Macht über sie wieder vollkommen hergestellt. Bei jedem zärtlichen Worte in diesem von poetischer und vertrauungsvoller Leidenschaft glühenden Briefe machte ihr Herz ihr Vorwürfe. Hatte sie nicht an seiner Treue gezweifelt und einem Andern geglaubt? Hatte sie ihm denn auch nur das Recht des Verbrechers zugestanden, sein Verbrechen zu erfahren, zu seiner Vertheidigung zu sprechen? – Thränen rollten ihr die Wangen herab – sie küßte den Brief, steckte ihn in ihren Busen und wandte sich zu Nydia, die noch an demselben Platze und in derselben Stellung da stund, mit den Worten: »Willst Du nicht sitzen, mein Kind, während ich eine Antwort auf diesen Brief schreibe?«

»Du willst ihn also beantworten?« sagte Nydia kalt.

»Gut; der Sklave, der mich begleitete, wird Deine Antwort zurücknehmen.«

»Was Dich anbelangt,« sprach Ione, »so bleibe bei mir – glaube mir, Dein Dienst soll leicht sein.«

Nydia neigte das Haupt.

»Wie heißt Du, schönes Mädchen?«

»Sie nennen mich Nydia.«

»Deine Heimath?«

»Das Land des Olympus – Thessalien.«

»Du sollst mir eine Freundin sein,« sagte Ione liebkosend, »wie Du mir eine halbe Landsmännin bist. Einstweilen bitte ich Dich, bleibe nicht länger auf diesem kalten und glatten Marmor stehen – Jetzt, da Du sitzest, kann ich Dich für einen Augenblick verlassen.«

Sie schrieb nun folgendes:

»Ione grüßt den Glaukus – komm zu mir, Glaukus, komm morgen zu mir; – ich mag ungerecht gegen Dich gewesen sein, aber ich will Dir wenigstens den Fehler sagen, der Dir zur Last gelegt wurde. – Fürchte hinfort den Egypter nicht mehr – fürchte Niemand. Du sagst, Du habest zu viel ausgedrückt – ach, in diesen hastig niedergeschriebenen Worten habe ich bereits dasselbe gethan. – Lebe wohl!«

Als Ione mit dem Brief wieder erschien, den sie, nachdem sie ihn geschrieben hatte, nicht zu überlassen wagte – (Raschheit und Ängstlichkeit, wie eigenthümlich seid ihr der Liebe!) fuhr Nydia von ihrem Sitze auf.

»Du hast an Glaukus geschrieben?«

»Ja.«

»Und wird er dem Boten danken, der ihm Deinen Brief bringt?«

Ione vergaß, daß Nydia blind war; sie erröthete von der Stirne bis an den Nacken, und blieb still.

»Ich meine nämlich,« fügte Nydia in ruhigem Tone hinzu, »das leichteste unfreundliche Wörtchen von Dir würde ihn betrüben – die kleinste Freundlichkeit erfreuen. Ist ihm das Erstere beschieden, so lasse den Sklaven Deine Antwort zurückbringen; enthält er aber das Letztere, so laß mich die Botin sein – ich will diesen Abend zurückkehren.«

»Und warum, Nydia,« fragte Ione ausweichend, »möchtest Du meinen Brief überbringen?«

»Ist ihm also Freundliches zugedacht!« sagte Nydia. »Ach, wie wäre es denn auch anders möglich; wer könnte unfreundlich gegen Glaukus sein!«

»Mein Kind,« entgegnete Ione etwas zurückhaltender, als zuvor, »Du sprichst mit Wärme – Glaukus ist also liebenswürdig in Deinen Augen?«

»Edle Ione! Glaukus ist mir geworden, was mir weder das Geschick, noch die Götter gewesen – ein Freund.«

Die mit Würde gepaarte Wehmuth, mit welcher Nydia diese einfachen Worte sprach, ergriff die schöne Ione; sie neigte sich herab und küßte die Blinde. »Du bist dankbar und mit Recht; warum sollte ich erröthen, zu sagen, daß Glaukus Deiner Dankbarkeit würdig ist? Geh, meine Nydia, – überbring ihm selbst diesen Brief – aber komm wieder zurück. Wenn ich bei Deiner Heimkehr nicht zu Hause sein sollte, was diesen Abend wohl der Fall sein dürfte, soll Dein Zimmer dem meinigen zunächst bereit sein. Nydia, ich habe keine Schwester – willst Du mir eine sein?«

Die Thessalierin küßte die Hand Ione's und sagte sodann mit einiger Verlegenheit: »Eine Gunst, schöne Ione – darf ich darum bitten?«

»Du kannst nichts fordern, was ich Dir nicht gewähren würde,« erwiderte die Neapolitanerin.

»Man sagt mir,« sprach Nydia, »daß Du schöner seiest, als Alles, was die Erde an Lieblichem aufzuweisen hat. Ach! ich kann das nicht sehen, was die Welt erfreut. Willst Du mir also erlauben, mit meiner Hand über Dein Gesicht zu fahren – das ist mein einziges Unterscheidungszeichen der Schönheit, und ich wende es gewöhnlich richtig an!«

Sie wartete nicht auf Ione's Antwort, sondern fuhr, noch während sie sprach, sanft und langsam mit ihrer Hand über die gebeugten und halb abgewandten Züge der Griechin hin – Züge, die nur ein Bild der Welt noch jetzt darstellt und zurückrufen kann. Dieses Bild ist die verstümmelte, aber doch so wundervolle Statue in Ione's Vaterstadt, in Neapel; jenes Antlitz von parischem Marmor, vor welchem alle Schönheit der florentinischen Venus ärmlich und irdisch erscheint – jenes Gesicht, voll Harmonie, Jugend, Geist und Seele, das neuere Forscher für eine Darstellung der Psyche halten.Die wundervollen Ueberbleibsel der so benannten Statue in dem Museo Burbonico. Das Gesicht ist, was die Züge und das darin ausgedrückte Gefühl anbelangt, das schönste, was uns die alte Bildhauerkunst hinterlassen hat.

Ihre Augen glitten langsam über das geflochtene Haar und die glatte Stirne – über die weiche und blühende Wange, über das Grübchen im Kinn – über den weißen Schwanenhals. »Ich weiß jetzt,« hub sie an, »daß Du schön bist, und kann Dich mir nun und für immer in meiner Dunkelheit vorstellen.«

Als Nydia sie verließ, versank Ione in tiefe aber köstliche Träumereien. Glaukus liebte sie also; er gestand es – ja, er liebte sie. Sie wunderte sich, wie sie je eine Silbe gegen ihn hatte glauben können, sie wunderte sich, wie der Egypter fähig gewesen war, eine Gewalt gegen Glaukus auszuüben. Sie fühlte einen Schauder, als sie nochmals auf seine Warnung gegen den Arbaces zurückkam und ihre geheime Furcht vor diesem dunkeln Wesen steigerte sich bis zum Grauen. Aus diesen Gedanken wurde sie durch ihre Dienerinnen aufgeweckt, die ihr meldeten, daß die zum Besuche des Arbaces bestimmte Stunde nunmehr gekommen sei. Sie erschrak, denn sie hatte das Versprechen vergessen Ihr erster Entschluß war, diesen Besuch zu unterlassen, ihr zweiter, über ihre Furcht vor ihrem ältesten Freunde zu lachen. Sie beeilte sich, ihrer Kleidung den übrigen Schmuck beizufügen, und unentschlossen, ob sie schon jetzt den Egypter näher über seine Anklagen gegen Glaukus befragen, oder ob sie warten solle, bis sie, ohne die Quelle anzugeben, die Anschuldigung selbst dem Glaukus mitgetheilt habe, schlug sie den Weg nach der düstern Behausung des Arbaces ein.

Siebentes Kapitel.

Ione in der Schlinge – Die Maus sucht das Netz zu zernagen.

»O theuerste Nydia!« rief Glaukus, als er den Brief Ione's las, »herrlichster Bote, der je zwischen Himmel und Erde verkehrte – wie soll ich Dir danken?«

»Ich bin schon belohnt,« sagte die arme Thessalierin.

»Morgen, morgen, wie werd' ich die Stunden bis dahin zubringen?«

Der liebeglühende Grieche wollte Nydia, obgleich sie mehremale das Zimmer zu verlassen suchte, nicht von sich fortlassen; sie mußte ihm jede Silbe der kurzen Unterredung, die zwischen Ione und ihr stattgefunden, zu wiederholten Malen vorsagen; tausendmal befragte er sie, ihren unglücklichen Zustand vergessend, nach den Blicken und der Miene seiner Geliebten; dann wieder plötzlich seinen Fehler entschuldigend, bat er sie, den ganzen hiedurch unterbrochenen Bericht noch einmal zu wiederholen. So vergingen rasch und entzückend für ihn, qualvoll aber für Nydia, die Stunden, und das Zwielicht war bereits eingebrochen, ehe er sie mit einem neuen Briefe und frischen Blumen zu Ionen zurücksandte. Kaum war sie fort, als Klodius und mehre seiner muntern Genossen zu ihm hereinstürmten; sie spotteten über seine Zurückgezogenheit während des ganzen Tages und über seine Abwesenheit von den sonst gewöhnlich besuchten Orten; sie luden ihn ein, sie nach den verschiedenen Vergnügungsplätzen jener lebhaften Stadt zu begleiten, die der Genußsucht Tag und Nacht Abwechslung boten. Damals wie noch jetzt im Süden (denn kein Land vielleicht hat so viel von seiner Größe verloren, und so viel von seinen Sitten beibehalten) war es eine Lieblingsgewohnheit der Italiener, sich an den Abenden zu versammeln, und während sie unter den Säulengängen der Tempel oder im Schatten der die Straßen bekränzenden Baumgruppen eine Musik oder den Vortrag irgend eines erfinderischen Erzählers anhörten, begrüßten sie den aufsteigenden Mond mit Libationen von gefrornem Wein und mit Gesängen. Glaukus fühlte sich zu selig, um ungesellig zu sein; er sehnte sich, dem Übermaß der Freude, das ihn erdrückte, Luft zu machen. Gerne ging er auf den Vorschlag seiner Freunde ein, und lachend schritten sie miteinander die belebten und schimmernden Straßen hinab.

Unterdessen hatte Nydia zum zweitenmale das Haus Ione's, die längst fortgegangen war, erreicht. Sie fragte gleichgültig, wohin sich Ione begeben habe.

Die Antwort, die sie empfing, befremdete und erschreckte sie.

»Nach dem Hause des Arbaces – des Egypters? Unmöglich!«

»Ganz gewiß, meine Kleine,« sagte die Sklavin, die auf ihre Frage geantwortet hatte, »sie kennt den Egypter schon lange.«

»Schon lange! Ihr Götter! Und doch liebt Glaukus sie!« murmelte Nydia bei sich selbst; »und hat,« sagte sie laut, »hat sie ihn früher schon oft besucht?«

»Nie zuvor,« antwortete die Sklavin. »Wenn übrigens all die Lästerungen, die ihn Pompeji über ihn im Umlaufe sind, Grund haben, so wäre es vielleicht besser, wenn sie sich auch heute nicht hingewagt hätte. Aber meine arme Herrin hört Nichts von dem, was zu uns gelangt; das Geplauder des Vestibulums dringt nicht in das Peristyl

»Nie zuvor,« wiederholte Nydia; »bist Du gewiß?«

»Gewiß! meine Kleine; aber was geht das Dich oder uns an?«

Nydia besann sich einen Augenblick, stellte sodann die Blumen, die sie trug, nieder, rief dem Sklaven, der sie begleitet und verließ das Haus, ohne ein weiteres Wort zu sprechen. Erst nachdem sie den halben Weg zu dem Hause des Glaukus zurückgelegt hatte, brach sie das Stillschweigen und selbst dann murmelte sie für sich nur die Worte: »Sie hat offenbar durchaus keine Ahnung von den Gefahren, in die sie sich stürzt. Ich Thörin – soll ich sie retten? – Ja, denn ich liebe Glaukus mehr als mich selbst.«

Als sie bei dem Haus des Atheners anlangte, erfuhr sie, daß er mit einigen seiner Freunde ausgegangen sei, wohin aber, wußte ihr Niemand zu sagen; nur vermutheten seine Leute, er werde nicht vor Mitternacht zurückkehren.

Die Thessalierin seufzte schwer; sie sank auf einen Sitz in der Halle, und bedeckte das Gesicht mit den Händen, als ob sie ihre Gedanken sammeln wollte.

»Da ist keine Zeit zu verlieren,« dachte sie, und sprang auf. Zu dem Sklaven, der sie begleitet hatte, wandte sie sich mit den Worten: »Weißt Du nicht, ob Ione einen Verwandten oder einen vertrauteren Freund in Pompeji hat?«

»Wie, beim Jupiter!« antwortete der Sklave, »bist Du einfältig genug, um so Etwas zu fragen? Jedermann in Pompeji weiß, daß Ione einen Bruder hat, der, obwohl jung und reich, (unter uns gesprochen) närrisch genug war, ein Priester der Isis zu werden?«

»Ein Isispriester! o Götter! Sein Name?«

»Apäcides.«

»Jetzt weiß ich Alles,« flüsterte Nydia, »Bruder und Schwester sollen also Beide geopfert werden. Apäcides. Ja, den Namen hörte ich in – – ha! er kennt also die Gefahr, die seine Schwester umringt, genau; ich will zu ihm.«

Bei diesem Gedanken sprang sie auf, ergriff den Stab, der immer ihre Schritte lenkte, und eilte zu dem benachbarten Altare der Isis.

Bis sie unter dem Schutz des freundlichen Griechen gekommen war, hatte dieser Stab hingereicht, das arme blinde Mädchen von einem Ende Pompeji's zum andern zu leiten. Jede Straße, jede Wendung in den belebteren Theilen waren ihr bekannt, und da die Einwohner eine zärtliche, halb abergläubische Verehrung für solche Unglückliche hegten, so hatten die Vorübergehenden jederzeit ihren ängstlichen Schritten Platz gemacht. Das arme Mädchen ließ sich nicht einfallen, daß sie in ganz kurzer Zeit in ihrer Blindheit eine Beschützerin und Führerin finden sollte, die sicherer war, als das schärfste Auge.

Seit sie jedoch unter dem Dache des Glaukus lebte, hatte dieser einen Sklaven angewiesen, sie überall hin zu begleiten; und der arme, hiezu bestimmte Teufel, der zu den fetteren gehörte, und sich jetzt, nachdem er schon zweimal den Weg zu Ione's Haus zurückgelegt, zu einem dritten Ausfluge (wohin, wußten nur die Götter) verdammt sah, keuchte, sein Schicksal beklagend, hinter ihr her und betheuerte feierlich bei Kastor und Pollux, er glaube, das blinde Mädchen besitze die Flügel des Merkurs, so wie die Gebrechen des Kupido.

Nydia bedurfte übrigens seines Beistandes nur in geringem Grade, um ihren Weg zu dem bei dem Volke so beliebten Isistempel zu finden; der Raum vor demselben war jetzt leer, und sie gelangte ohne Hindernis bis zu dem heiligen Gitter.

»Es ist niemand hier,« sagte der fette Sklave; »was oder wen willst Du? Weißt Du nicht, daß die Priester nicht im Tempel wohnen?«

»Rufe nur,« sagte sie ungeduldig, »Tag und Nacht wacht immer wenigstens ein Flamen am Altare der Isis.«

Der Sklave rief, aber es kam Niemand.

»Siehst Du Niemand?«

»Niemand.«

»Du irrst Dich; ich höre einen Seufzer – sieh noch einmal nach.«

Erstaunt und brummend warf der Sklave seine schweren Augen umher, und erblickte nun vor einem der Altäre, deren Überbleibsel noch heute den engen Raum ausfüllen, eine dem Anscheine nach in Betrachtung versunkene Gestalt.

»Ich sehe eine Figur,« sagte er, »und nach den weißen Kleidern ist es ein Priester.«

»O Flamen der Isis,« rief Nydia, »Diener der ältesten Gottheit höre mich!«

»Wer ruft?« sprach eine leise, melancholische Stimme.

»Eine, die einem Mitgliede Deiner Körperschaft nicht gewöhnliche Nachrichten mitzutheilen hat; ich komme, Orakel auszusprechen, nicht um sie zu befragen.«

»Mit wem willst Du sprechen? Dies ist keine Stunde für Dein Gesuch; gehe fort und störe mich nicht länger, die Nacht ist den Göttern geweiht, der Tag den Menschen.«

»Mir däucht, ich kenne Deine Stimme; Du bist der, den ich suche, obwohl ich Dich nur einmal reden gehört habe. Bist Du nicht der Priester Apäcides?«

»Der bin ich,« erwiderte der Priester, vom Altare aufstehend und dem Gitter sich nähernd.

»Du bist es! Gepriesen seien die Götter!« Mit der Hand winkte sie dem Sklaven, sich Etwas zurückzuziehen, und dieser, der natürlich dachte, nur irgend ein religiöser, vielleicht mit der Sicherheit Ione's in Verbindung stehender Grund könne Nydia in den Tempel geführt haben, gehorchte und setzte sich in einiger Entfernung auf den Boden nieder.

»Stille!« sagte sie, indem sie leise und schnell sprach; »bist Du wirklich Apäcides?«

»Wenn Du mich kennst, so kannst Du Dir doch wohl meine Gesichtszüge zurückrufen.«

»Ich bin blind,« antwortete Nydia, »meine Augen liegen in meinem Gehör, und das erkennt Dich; schwöre übrigens, daß Du es bist.«

»Ich schwöre es bei den Göttern, bei meiner rechten Hand und bei dem Monde.«

»Pst! Sprich leise – neige Dich näher herab – gib mir Deine Hand: kennst Du den Arbaces? – Hast Du Blumen zu den Füßen des Todten niedergelegt? – Ach, Deine Hand ist kalt – höre doch! – Hast Du das fürchterliche Gelübde abgelegt?«

»Woher bist Du und woher kommst Du, blasses Mädchen?« sprach Apäcides erschrocken; »ich kenne Dich nicht, an Deiner Brust hat dieses Haupt nicht gelegen; ich habe Dich nie zuvor gesehen.«

»Aber Du hast meine Stimme gehört; doch lassen wir das. Wir Beide müssen uns schämen, diese Erinnerungen zurückzurufen. Höre einmal, Du hast eine Schwester.«

»Sprich, sprich, was ist mit ihr?«

»Du kennst die Festmahle des Todten, Fremdling – es macht Dir vielleicht Vergnügen, daran Theil zu nehmen – würde es Dir aber auch gefallen, wenn Deine Schwester daran Theil nähme? – Würde es Dir gefallen, wenn Arbaces ihr Wirth wäre?«

»Oh, Götter, er wagt es nicht! Mädchen, wenn Du Deinen Spott mit mir treibst, so zittere. Ich zerreiße Dich in tausend Stücke.«

»Ich rede die Wahrheit, und während ich spreche, ist Ione in den Hallen des Arbaces – Du weißt, ob in diesem erstenmale Gefahr liegt! Lebe wohl! Ich habe mein Amt erfüllt.«

»Halt, halt,« rief der Priester, mit seiner mageren Hand über die Stirne fachend, »wenn das wahr ist, was kann geschehen, um sie zu retten? Man wird ich dort nicht einlassen, und ich kenne auch nicht alle Irrgänge jenes verwickelten Palastes. O Nemesis! meine Strafe ist gerecht.«

»Ich will jenen Sklaven entlassen, sei Du mein Führer und Gefährte; ich will Dich zu der geheimen Thüre des Hauses führen, und Dir das Einlaßwort zuflüstern. Nimm eine Waffe mit; sie könnte vielleicht nöthig sein.«

»Warte einen Augenblick,« sagte Apäcides, zog sich in eine der Zellen an den Seiten des Tunnels zurück und erschien bald wieder in einen großen Mantel gehüllt, wie ihn damals alle Stände häufig trugen, und der seine heilige Kleidung verbarg. »Jetzt,« sprach er zähneknirschend, »wenn Arbaces es gewagt hat – doch er wagt es nicht, er wagt es nicht! Warum sollte ich ihn auch im Verdachte haben? Ist er ein so niedriger Bösewicht? Ich will es nicht glauben – doch ein Sophist, ein dunkler Betrüger der Vernunft ist er. O Götter, schützt! Still! Gibt es denn Götter? Ja es gibt wenigstens eine Göttin, über deren Stimme ich gebieten kann, und diese ist – Rache!«

Solche unzusammenhängende Sätze vor sich hinmurmelnd, eilte Apäcides, gefolgt von seiner schweigenden und blinden Gefährtin, auf den einsamsten Pfaden nach dem Hause des Egypters.

Der von Nydia so plötzlich fortgeschickte Sklave zuckte die Achseln, murmelte einen Fluch und begab sich, über seine Entlassung durchaus nicht ärgerlich, nach Haus in sein Cubiculum.

Achtes Kapitel.

Die Einsamkeit und das Selbstgespräch des Egypters – Fernere Entwicklung seines Charakters.

Wir müssen im Verlaufe unserer Geschichte um einige Stunden zurückkehren. Beim ersten Grauen des Tages, den Glaukus bereits mit einem weißen Steine bezeichnet hatte, saß der Egypter schlafend und einsam auf der Spitze des hohen und pyramidenartigen Thurmes an der Seite seines Hauses. Eine hohe Brustwehr rings herum diente als Schutzmauer, und bot in Verbindung mit der Höhe des Gebäudes und den düsteren Bäumen, welche es umgaben, den forschenden Augen der Neugierde oder Beobachtung Trotz. Vor ihm stand ein Tisch, auf welchem eine mit geheimnisvollen Figuren beschriebene Rolle lag. Am Horizonte wurden die Sterne dunkel und bleich, und die Schatten der Nacht schwanden von den fahlen Bergspitzen; nur über dem Vesuv schwebte noch eine tiefe, schwere Wolke, die seit mehreren Tagen sich immer dunkler und dichter über seinem Gipfel zusammengezogen hatte. Noch sichtbarer war der Kampf der Nacht und des Tages über dem breiten Ocean, der sich wie ein ungeheurer See ruhig ausdehnte – im Halbkreise begrenzt durch das Gestade, das mit Weinbergen und Baumgruppen bedeckt und hie und da von den weißen Mauern schlummernder Städte strahlend zu den sich kaum kräuselnden Wogen sich sanft hinabsenkte.

Es war die vor allen andern der kühnen uralten Kunst des Egypters geweihte Stunde – jene Kunst, die unser wechselvolles Geschick in den Sternen lesen möchte.

Arbaces hatte seine Rolle beschrieben, den Augenblick und die Zeichen eingetragen, und sich jetzt, auf die Hand gelehnt, den Betrachtungen hingegeben, welche seine Berechnung hervorrief.

»Wiederum warnen mich die Gestirne! Eine Gefahr wartet meiner also sicherlich,« sprach er langsam; »eine gewaltsame und plötzliche Gefahr. Die Sterne zeigen mir dieselbe spöttische Drohung, die sie, wenn unsere Chroniken nicht irren, einst dem Pyrrhus zeigten – ihm, der dazu bestimmt war, nach Allem zu ringen – nichts zu genießen; – rastlos vom Schicksal umhergetrieben zu werden – Alles anzugreifen und Nichts zu gewinnen – Schlachten ohne Früchte zu liefern, Lorbeeren ohne Triumph zu erringen, Ruhm ohne Erfolg zu ernten; endlich durch seinen Aberglauben feige und wie ein Hund durch einen Ziegel aus der Hand eines alten Weibes erschlagen zu werden! Fürwahr, die Sterne schmeicheln mir sauber, wenn sie mir in diesem Kriegsnarren ein Vorbild geben – wenn sie der Glut meiner Weisheit dieselben Erfolge versprechen, wie der Raserei seines Ehrgeizes – fortwährendes Abmühen und kein bestimmtes Ziel – die Arbeit des Sisyphos, den Berg und den Stein! – den Stein, ein düsteres Bild! – Es erinnert mich, daß ich mit einem ähnlichen Tod wie der Epirote bedroht wurde. Sehen wir noch einmal nach. ›Nimm dich in Acht!‹ sagen die leuchtenden Propheten, ›wenn du unter alten Dächern oder belagerten Mauern oder überhängenden Felsen hingehst – ein Stein von oben geschleudert, ist mit dem Fluche des Geschicks gegen dich beladen!‹ Und in nicht ferner Zeit, von jetzt an, kommt die Gefahr; aber den Tag und die Stunde kann ich nicht genau lesen. Wohlan, wenn der Sand in meinem Stundenglase abläuft, soll er wenigstens bis zum letzten Augenblicke glänzen. Wenn ich aber dieser Gefahr entgehe – ja, wenn ich ihr entgehe, so glänzt die übrige Zeit meines Daseins klar und heiter, wie das Mondlicht auf den Gewässern. Ich sehe Ehre, Glück und Erfolg auf jeder Welle des dunklen Abgrunds leuchten, in welchen ich am Ende versinken muß. Wie, soll ich also bei solchen Bestimmungen jenseits der Gefahr dieser selbst unterliegen? Meine Seele flüstert mir Hoffnung zu; freudig schwebt sie über die drohende Stunde hinweg; sie schwärmt in der Zukunft – ihr eigener Muth ist ihr bestes Vorzeichen. Wenn ich so schnell und so früh untergehen sollte, würden die Schatten des Todes mich umdüstern, und ich müßte das eisige Vorgefühl meines Geschicks empfinden. Meine Seele, die jetzt in mir so lächelt, würde in Bangigkeit und Düsternheit ihre Ahnung des fürchterlichen Orakels ausdrücken. Sie lächelt – sie gibt mir die Gewißheit meiner Rettung.«

Als der Egypter sein Selbstgespräch in dieser Weise endete, stand er unwillkürlich auf. Er schritt hastig über den engen Raum dieser Flur hin, deren Gewölbe die Sterne waren, und schaute, an der Brustwehr stille stehend, noch einmal auf den grauen und düsteren Himmel. Die Kühle der Morgendämmerung drang erfrischend auf seine Stirne, und nach und nach gewann sein Gemüth seine gewöhnliche Ruhe wieder. Er schaute nicht länger nach den Sternen, die nach einander in die Tiefen des Himmels verschwanden, auf die weite Fläche unter ihm fielen nunmehr seine Blicke. Matt stiegen aus dem stillen Hafen der Stadt die Masten der Galeeren empor; das gewaltige Summen um jenen Markt der Üppigkeit und Betriebsamkeit war verstummt: keine Lichter, außer hie und da vor den Säulen eines Tempels oder aus den Säulengängen des verlassenen Forums, brachen die bleiche und schwankende Helle des kämpfenden Morgens. Aus dem Herzen der erstarrten Stadt, die so bald von tausend Leidenschaften erzittern sollte, drang kein Laut hervor; die Ströme des Lebens kreisten noch nicht; sie lagen noch verschlossen und starr unter dem Eise des Schlafes. Aus der ungeheuren Masse des Amphitheaters mit seinen sich über einander erhebenden steinernen Sitzen – zusammengeringelt wie ein schlummerndes Ungeheuer – erhob sich ein schwacher und geisterartiger Nebel, der über dem zerstreuten Laubwerk, das in seiner Nähe dunkelte, sich finster und immer finsterer sammelte. Die Stadt schien, was sie nach dem fürchterlichen Wechsel von siebzehn Jahrhunderten noch heute dem Reisenden scheint – eine Stadt der Toten.Als Sir Walter Scott mit Sir William Gell Pompeji besuchte, war fast seine einzige Bemerkung: »Die Stadt der Todten – die Stadt der Toten!«

Der Ocean selbst – ein heiterer, der Ebbe und Flut nicht unterworfener See – lag fast eben so still da, ausgenommen, daß aus seinem tiefen Schooß durch die Entfernung gedämpft, ein schwaches und regelmäßiges Gemurmel, wie der Athem seines Schlafes, herübertönte, während er, wie mit ausgestreckten Armen in das grüne und schöne Land hineingreifend, unbewußt die an seinem Ufer schlummernden Städte – Stabiä, Herkulanum und Pompeji – diese Kinder und Pfleglinge der Tiefen – an seine Brust zu drücken schien.

»Ihr schlummert,« sprach der Egypter, während er düster über diese Städte, den Stolz und die Blüte Kampaniens hinschaute, »ihr schlummert; möchte es doch die ewige Ruhe des Todes sein! Was ihr jetzt seid, Juwelen in der Krone des Reiches, das waren einst die Städte des Nils! Ihre Größe ist von ihnen gewichen – sie schlafen unter ihren Ruinen – ihre Paläste und Tempel sind Gräber geworden – in dem Grase ihrer Straßen ringelt sich die Schlange – in ihren einsamen Hallen wärmt sich die Cidere. Nach jenem geheimnisvollen Gesetze der Natur, das den Einen erniedrigt, um den Andern zu erhöhen, seid ihr aus ihren Ruinen emporgestiegen – du stolzes Rom hast die Herrlichkeit des Sesostris und der Semiramis usurpirt – du bist ein Räuber, dich bekleidend mit deiner Beute! Und diese Städte hier – die Sklavinnen in deinem Triumphe – die ich, der letzte Sohn vergessener Monarchen, da unten erblicke, die Behälter deiner Alles durchdringenden Macht und Üppigkeit – ich verfluche sie, während ich auf sie hinabschaue! Die Zeit mag kommen, wo Egypten gerächt wird! wo das Roß der Barbaren im goldenen Hause Nero's gefüttert wird – und du, o Rom, die da den Wind mit Eroberungen besäet hast, sollst im Wirbelwind der Verödung ernten!«

Nie schwebte den Träumen eins Malers oder Dichters ein feierlicheres oder unheimlicheres Bild vor, als der Egypter jetzt darbot, da er eine Weissagung aussprach, die das Schicksal so fürchterlich erfüllt hat. Das Morgenlicht, das selbst der jungen Wange der Schönheit eine so zarte Blässe verleihen kann, gab seinen majestätischen und stattlichen Zügen fast die Tinten des Grabes; das schwarze Haar aber fiel in schweren Massen um dieselben, das dunkle Gewand flatterte lang und lose herab, der Arm war von der luftigen Höhe ausgestreckt, und die feurigen Augen funkelten von wilder Freude – so stand Arbaces da, halb ein Prophet, halb ein böser Geist.

Er wandte seinen Blick von der Stadt und dem Ocean ab – vor ihm lagen die Weinberge und Auen des reichen Kampaniens. Die alten halb pelasgischen Thore und Mauern der Stadt schienen ihren Umfang keineswegs zu begrenzen. Landhäuser und Dörfer erhoben sich auf beiden Seiten den Abhang des Vesuvs hinauf, der damals noch nicht ganz so steil und hoch war, wie jetzt. Wie nämlich Rom selbst auf einem ausgebrannten Vulkan erbaut wurde, so hatten in ähnlicher Sorglosigkeit die Bewohner des Südens die grünen und mit Trauben bepflanzten Stellen um einen Vulkan her inne, dessen Feuer sie für immer erloschen glaubten. Von dem Thore her dehnte sich die lange, nach Größe und Bauart sehr mannigfaltige Gräberstraße aus, auf welcher man sich noch jetzt von dieser Seite her der Stadt nähert. Über die gesammte Umgegend ragte der sich in die Wolken verlierende Gipfel des fürchterlichen Berges empor, mit seinen halb dunkleren, halb helleren Schatten die moosigen Höhlen und aschfarbigen Felsen zeigend, die von den früheren Verheerungen Kunde gaben und, wenn der Mensch nicht blind wäre, die noch bevorstehenden hätte voraussagen können.

Damals und dort war es schwer, die Ursachen zu errathen, warum die an diese Stelle sich knüpfende Tradition eine so düstere und ernste Farbe trug; warum die Dichter in diese, auf mehre Meilen in die Runde – bis Bajä und Misenium – so heiteren Ebenen den Eingang und die Schwelle ihrer Hölle, ihren Acheron und ihren fabelhaften Styx verlegten; warum sie in diese jetzt vom Weinstocke lachenden PhlegräOder Phlegraei campi, d.h. versengte oder verbrannte Felder. die Schlachten der Götter versetzten, und die kühnen Titanen gerade hier den Himmel versucht haben sollten; schwer, sagen wir, war die Ursache zu errathen, wenn nicht etwa die Phantasie in jenem versengten und zerstörten Gipfel die Wirkung des olympischen Donnerkeils erblicken mochte.

Doch weder die rauhe Höhe des stillen Vulkans, noch die Fruchtbarkeit der sich an ihm abdachenden Felder, noch die melancholische Straße der Gräber, noch die glänzende Villen eines verfeinerten und genußsüchtigen Volkes zogen in diesem Momente die Blicke des Egypters auf sich. An der einen Seite der Landschaft senkte sich der Vesuv in einem schmalen und unbebauten Bergrücken, und hie und da durch zackige Klippen und wildes Gebüsch unterbrochen, zur Ebene herab. Am Fuße dieses Bergrückens lag ein sumpfiger und ungesunder, jetzt ausgetrockneter Pfuhl, und das forschende Auge des Arbaces gewahrte die Umrisse eines lebenden Wesens, das sich an dem Moraste bewegte und sich hin und wieder beugte, wie um die gemeinen Gewächse des letzteren zu pflücken.

»Ha!« rief er laut, »ich habe also eine Gefährtin in diesen überirdischen Nachtwachen. Die Hexe des Vesuvs streicht herum. Wie, vernimmt sie auch, wie die Leichtgläubigen sich einbilden – vernimmt sie auch Belehrung von großen Sternen? hat sie gräuliche Zaubersprüche gegen den Mond ausgestoßen oder sucht sie, wie ihr häufiges Stillstehen bezeugt, garstige Kräuter aus diesem giftigen Sumpf? Wohlan, ich muß die Bekanntschaft dieser Mitarbeiterin machen. Wer immer nach Wissen strebt, lernt, daß keines Menschen Wissen verächtlich ist. Verächtlich seid bloß ihr, ihr feisten und aufgedunsenen Wesen, Sklaven der Üppigkeit, Müßiggänger im Denken, die ihr, nichts als die unfruchtbaren Sinne anbauend, euch einbildet, ihr dürftiger Boden könne die Myrte und den Lorbeer zugleich hervorbringen. Nein, der Weise allein vermag zu genießen! – Uns allein ist der wahre Genuß verliehen, wenn Geist, Kopf, Erfindung, Erfahrung, Nachdenken, Wissenschaft und Einbildungskraft sich wie Ströme vereinigen, um das Meer der Empfindung anzuschwellen! – Ione!«

Als Arbaces dieses letzte bezaubernde Wort ausgesprochen, versanken seine Gedanken auf einmal in eine noch geheimnisvollere Tiefe. Er stand stille, verwandte seine Augen nicht vom Boden, lächelte ein- oder zweimal freudig und sagte dann, als er den Weg seiner Nachtwache verließ und sein Lager suchte, vor sich hin; »Wenn der Tod mir so nahe droht, so will ich wenigstens sagen können, daß ich gelebt habe – Ione soll mein werden.«

Der Charakter des Arbaces gehörte zu jenen verwickelten, aus zahllosen Fäden bestehenden Geweben, in welchen selbst der darin wohnende Geist bisweilen irre geleitete und verwirrt wird. In ihm, dem Sohne eines gefallenen Herrscherhauses, dem Auswurfe eines gesunkenen Volkes, herrschte jener Geist unbefriedigten Stolzes, der stets an einem kräftigen Gemüthe nagt, das sich unerbittlich aus der Sphäre ausgeschlossen sieht, in welcher seine Väter glänzten und zu welcher Natur sowohl als Geburt auch ihm alle Ansprüche verliehen. Dieses Gefühl läßt durchaus kein Wohlwollen zu; es führt Krieg mit der Gesellschaft, sieht Feinde in den Menschen. Im gegenwärtigen Falle jedoch ging mit diesem Gefühle seine gewöhnliche Gefährtin, die Armuth, nicht Hand in Hand. Arbaces besaß einen Reichthum, der dem der meisten römischen Edeln gleichkam, und dies setzte ihn in den Stand, seinen Leidenschaften, die weder in Geschäften, noch in Ehrenstellen einen Ableitungskanal fanden, im höchsten Grade zu fröhnen.

Von Land zu Land reisend und überall nur Rom erblickend, erhöhte er seinen Haß gegen die Gesellschaft und seine Hang zum Genusse. Er lebte in einem ungeheuren Gefängnis, das er übrigens mit den Dienern seiner Schwelgerei auszufüllen in der Lage war. Da er aus diesem Kerker nicht entfliehen konnte, so ging sein einziges Streben dahin, denselben zu einem Palaste umzuschaffen. Seit den frühesten Zeiten waren die Egypter den sinnlichen Genüssen ergeben; Arbaces erbte sowohl ihre Gier nach Sinnengenuß, als auch die Glut ihrer Einbildungskraft, die selbst der Fäulnis dieser Genüsse ein Licht zu entlocken weiß. Aber still, ungesellig in seinen Vergnügungen, wie in seinen ernsteren Studien, und einen Andern weder über sich noch neben sich duldend, zog er nur Wenige in seine Gesellschaft, ausgenommen die willigen Sklaven seiner Verworfenheit. Er war der einsame Herr eines großen Harems. Bei alle dem jedoch fühlte er sich zu jener Übersättigung verdammt, die stets der Fluch von Männern sein wird, deren Geist über ihr Treiben erhaben ist, und was ursprünglich Antrieb der Leidenschaft gewesen, gefror bald zur bloßen Gewohnheit. Enttäuscht in seinen Erwartungen vom Sinnengenuß, suchte er sich durch wissenschaftliche Studien zu erheben; da es jedoch nicht sein Zweck war, den Menschen zu dienen, so verachtete er alles praktische und nützliche Wissen. Seine dunkle Phantasie fand ein Wohlbehagen daran, jenen geisterartigen und geheimnisvollen Forschungen sich hinzugeben, die einem verkehrten und zurückgezogenen Gemüth stets den höchsten Genuß gewähren, und zu welchen ihn überdies seine kühne, stolze Natur und die mysteriösen Überlieferungen seines Vaterlandes hinzogen. Allem Glauben an die verwirrten Religionssysteme der heidnischen Welt entsagend, setzte er den höchsten Glauben in die Macht menschlicher Weisheit. Die Grenzen, welche die Natur unsern Forschungen steckt, kannte er so wenig, als vielleicht irgend Jemand in jener Zeit. Da er fand, daß wir, je höher wir im Wissen steigen, desto mehr Wunder erblicken, so bildete er sich ein, daß die Natur nicht nur in ihrem gewöhnlichen Laufe Wunder vollbringe, sondern daß sie auch durch die Cabbala eines erhabenen Geistes von diesem Laufe abgelenkt werden könne. So verfolgte er die Wissenschaft über ihre festgesetzten Schranken hinaus, bis in das Land der Schatten und Irrthümer. Von den Wahrheiten der Astronomie ging er zu den Täuschungen der Astrologie über. Von den Geheimnissen der Chemie irrte er in das gespenstische Labyrinth der Magie, und er, der an der Macht der Götter zweifeln konnte, hegte eine höchst abergläubische Meinung von der Macht des Menschen.

Die Magie, welche damals unter den vorgeblichen Weisen sehr stark getrieben wurde, war eigentlich morgenländischer Abkunft; der früheren Philosophie der Griechen ferne stehend, fand sie bei diesen erst dann günstige Aufnahme, als Oethanes, der das Heer des Xerxes begleitete, in den einfachen Glauben der Hellenen den feierlichen Aberglauben des Zoroaster einführte. Unter den römischen Kaisern übrigens war die Magie – ein passender Gegenstand für Juvenals feurige Satire – auch in Rom einheimisch geworden. Im engsten Zusammenhange mit der Magie stund der Gottesdienst der Isis, und die egyptische Religion war das Mittel, wodurch sich der Glaube an das egyptische Zauberwesen verbreitete. Die Theurgie oder weiße (gutartige) Magie, sowie die Goëtie, oder schwarze (bösartige) Zauberkunst, waren im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung gleich stark im Ansehen, und die Wunder eines Faust halten keinen Vergleich aus mit denen des Apollonius.Während der ersten Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung war die heidnische Philosophie, insbesondere die des Pythagoreas und des Plato, nicht nur durch den wildesten Mysticismus, sondern auch durch die vernunftlosesten Träumereien der Magie entwürdigt und verfälscht worden. Pythagoreas verdiente in der That kaum ein besseres Schicksal; denn obwohl er ein überaus geistvoller Mann, war er doch im höchsten Grade Marktschreier und ganz dazu geschaffen, der Vater einer Schule von Magiern zu werden. Er befaßte sich entweder selbst mit der Magie oder maßte sich wenigstens ihre Attribute an, und seine Jünger erzählten sich wunderbare Geschichten, wie er auf die Mondscheibe geschrieben, und an mehren Orten zu gleicher Zeit sich gezeigt habe. Seine goldenen Regeln genossen in Großgriechenland besondere Verehrung, und aus seiner Lehre von den geheimen Zahlen zogen seine Schüler eine Menge anderer geheimer Lehren. Der merkwürdigste der Betrüger, die auf ihn nachfolgten, war der im Texte erwähnte Apollonius von Tyana; alle Arten von Wundern begleiteten diesen Herrn. Proteus, der egyptische Gott, verkündete seiner Mutter vor ihrer Niederkunft, daß er selbst (Proteus) durch ihre Vermittlung von Neuem in der Welt erscheinen werde, wornach man allerdings dem Proteus die Gabe der Verwandlung zugestehen müßte. Apollonius kannte die Sprache der Vögel, las die Gedanken von Menschen in ihrer Brust und verkehrte mit einem Spiritus familiaris. Er ward an einem vom Teufel besessenen Burschen zum Teufel und veranlaßte einst den Pöbel, einen armen Dämon von ehrbarem und bettelhaften Aussehen, der sich nach dieser Operation in einen großen Hund verwandelte, zu steinigen. Er weckte Todte auf, verbrachte eine Nacht bei Achilles, und als Domitian ermordet wurde, rief er, obgleich er sich in jenem Augenblicke zu Ephesus befand, mit lauter Stimme: »Nieder mit dem Tyrannen!« Das Ende eines so großen Mannes war seines Lebens würdig. Er scheint in den Himmel gefahren zu sein. Was ließ sich auch Geringeres erwarten von einem Manne, der den Teufel gesteinigt hatte? Sollte ein englischer Schriftsteller einen neuen Faust schreiben wollen, so empfehle ich ihm den Apollonius. Könige, Hofleute und Weise, Alles zitterte vor den Meistern der gefürchteten Wissenschaft. Und keineswegs der berühmteste seines Stammes war der fürchterliche, tiefe Arbaces. Sein Ruf und seine Entdeckungen waren Allen, die Magie trieben, bekannt, und sie überlebten ihn sogar; doch nicht unter seinem wirklichen und weltlichen Namen wurde er von den Zauberern wie von den Weisen geehrt. Ihre Huldigung gab ihm einen geheimnisvolleren Namen, und lange lebte er in Großgriechenland und in den Ebenen des Morgenlandes unter dem Titel: »Hermes, der Herr des flammenden Gürtels,« im Andenken fort. Seine spitzfindigen Forschungen und seine gepriesenen, in mehren Werken mitgetheilten Entdeckungen befanden sich unter jenen Abhandlungen über die geheimen Künste, welche die neubekehrten Christen zwar freudig, aber nicht ohne Furcht in Ephesus verbrannten, und so der Nachwelt die Zeugnisse von der List des höllischen Feindes entzogen.

Das Gewissen des Arbaces war durchaus nur das Gewissen des Verstandes; es wurde durch keine moralischen Gesetze zurückgeschreckt. Er glaubte, wenn der Mensch solche Schranken der Masse setze, so könne er sich auch durch eine höhere Weisheit über dieselben erheben. »Wenn ich,« so folgerte er, »Geist genug besitze, um Gesetze aufzulegen, habe ich da nicht auch das Recht, über meine eigenen Schöpfungen zu gebieten? Noch mehr, habe ich nicht das Recht, die Gegengriffe von niedrigen Geistern zu beherrschen, zu umgeben, zu verachten?« Wenn er somit ein Bösewicht war, so rechtfertigte er seine Schlechtigkeit gerade durch das, was ihn hätte tugendhaft machen sollen, nämlich durch das Übergewicht seiner Intelligenz.

Wie alle Menschen mehr oder weniger eine leidenschaftliche Neigung nach Macht in sich tragen, so entsprach diese Neigung in Arbaces seinem übrigen Charakter vollkommen. Es war übrigens nicht das Verlangen nach einer äußerlichen und rohen Gewalt, er verlangte nicht nach Purpur und Fasces, den äußeren Zeichen gewöhnlicher Herrschaft. Sein Stolz, seine Verachtung für Rom, welches damals die Welt ausmachte, und dessen stolzen Namen er mit derselben Verachtung anschaute, mit der Rom gegen Barbaren so freigebig war, würde ihm nie gestattet haben, nach äußerer Herrschaft über Andere zu streben, da ihn ja eine solche zum Werkzeug oder Geschöpf des Kaisers gemacht hätte. Er, der Sohn des großen Stammes des Ramases – er, die Befehle Anderer vollziehen, von Anderen seine Macht empfangen! Der bloße Gedanke erfüllte ihn mit Wuth. Während er jedoch einen Ehrgeiz verwarf, der nach bloßen nominellen Auszeichnungen strebte, fröhnte er nur um so mehr dem Ehrgeize, die Herzen zu beherrschen. Da er in der geistigen Macht die größte der irdischen Gaben verehrte, so liebte er es, diese Macht dadurch in sich selbst am deutlichsten zu fühlen, daß er sie über Alle, mit denen er verkehrte, ausdehnte. Darum hatte er von jeher die Jugend aufgesucht, darum sie verblendet und beherrscht. Er liebte es, in den Seelen der Menschen seine Unterthanen zu finden, über ein unsichtbares und körperloses Reich zu gebieten! –

Wäre er weniger sinnlich und weniger reich gewesen, so hätte er vielleicht versucht, der Stifter einer neuen Religion zu werden; so aber wurde seine Thatkraft durch seine Genußsucht gehemmt. Neben dem allgemeinen Verlangen nach geistiger Herrschaft (eine dem Weisen so eigenthümliche Eitelkeit) beseelte ihn zugleich eine seltsame, traumartige Ehrfurcht vor Allem, was mit dem mystischen Lande, über das seine Vorfahren geherrscht, in Verbindung stand. Obgleich er nicht an seine Gottheiten glaubte, so glaubte er doch an die Allegorien, welche sie darstellten, oder vielmehr, er legte sich dieselben neu aus. Er wünschte den Gottesdienst Egyptens aufrecht zu erhalten, weil er dadurch zugleich den Schatten und die Erinnerung seiner Macht aufrecht erhielt. Darum bedachte er die Altäre der Isis und des Osiris mit königlichen Schenkungen, und war stets überaus bemüht, die Würde ihrer Priesterschaft durch neue und reiche Convertitten zu wahren. War einmal das Gelübde abgelegt, der Priesterstand ergriffen, so wählte er gewöhnlich die Genossen seiner Schwelgereien aus Denjenigen, die er zu seinen Opfern gemacht; theils weil er sich hierdurch ihrer Verschwiegenheit versicherte, theils weil er seine eigenthümliche Gewalt über sie hiedurch noch mehr befestigte. Daher denn auch die Gründe zu seinem Benehmen gegen Apäcides, die im vorliegenden Falle durch seine Leidenschaft für Ione verstärkt wurden.

Er hat selten lange an einem Orte gelebt; je mehr er jedoch in den Jahren vorschritt, desto überdrüssiger wurde er des beständigen Wechsels des Schauplatzes, und schon hatte er in den herrlichen Städten Kampaniens sich so lange aufgehalten, daß er sich selbst darüber wunderte. Allerdings beschränkte ihn auch sein Stolz einigermaßen in der Wahl seines Aufenthaltes. Er konnte das Leben in jenem heißen Lande nicht ertragen, das er als sein eigenes, rechtmäßiges Erbe ansah, und das jetzt gebeugt und gesunken unter den Fittigen des römischen Reiches zitterte. Rom an sich selbst war seiner entrüsteten Seele verhaßt, und eben so wenig wünschte er seine Reichthümer etwa durch die Günstlinge des Hofes überwogen und durch die übermäßige Pracht des Hofes selbst zu verhältnismäßiger Armuth gestempelt zu sehen. Die kampanischen Städte boten ihm Alles, wornach seine Natur begehrte; die Annehmlichkeiten eines unvergleichlichen Klimas und alle Verfeinerungen einer genußsüchtigen Civilisation. Er sah hier keinen vermöglicheren Mann vor Augen, fand keinen Nebenbuhler für seinen Reichthum, und war frei vor dem Spionirsystem eines eifersüchtigen Hofes. So lange er reich war, kümmerte sich Niemand um sein Treiben und ungestört und sicher setzte er seinen dunkeln Pfad fort.

Es ist der Fluch sinnlicher Menschen, nie zu lieben, als bis die Freuden der Sinne ihre Kraft zu verlieren beginnen, als bis ihre glühende Jugend unter zahllosen Begierden vertändelt ist, ihre Herzen erschöpft sind. So hatte auch der Egypter, stets nach Liebe jagend, und durch eine rastlose Einbildungskraft vielleicht zu Überschätzung ihrer Reize veranlaßt, seine schönsten Jahre vergeudet, ohne das Ziel seiner Wünsche zu erreichen. Die Schönheit von Morgen folgte auf die Schönheit von Heute, und in seinem Haschen nach dem Wesen verwirrten ihn die Schatten. Als er zwei Jahre vor dem gegenwärtigen Zeitpunkte Ione erblickte, sah er zum erstenmale ein Weib, von dem er sich dachte, daß er es lieben könne. Er stand damals auf jener Brücke des Lebens, von welcher der Mensch zur einen Seite deutlich eine vergeudete Jugend, zur andern aber die Dunkelheit des herannahenden Alters gewahrt; eine Zeit, in welcher wir uns vielleicht mehr als je das vor Thorschluß zu sichern wünschen, was wir durch Erfahrung belehrt, als notwendig zu dem Genuß eines Lebens betrachten, dessen freundlichere Hälfte bereits entschwunden ist.

Mit einem Ernst und einer Geduld, wie er sie nie zuvor auf seine Vergnügungen verwendet hatte, widmete sich Arbaces der Eroberung von Ione's Herzen. Es genügte ihm nicht zu lieben, er wünschte, geliebt zu werden. In dieser Hoffnung hatte er die sich entwickelnde Jugend der schönen Neapolitanerin bewacht, und vertraut mit dem Einflusse, den der Geist auf diejenigen ausübt, die selbst zu einer Ausbildung ihres Geistes angehalten werden, bereitwillig das Seinige gethan, um das Genie Ione's zu bilden und ihren Verstand aufzuklären, von der Hoffnung beseelt, daß sie hiedurch das zu würdigen im Stande sein würde, was er für sein bestes Anrecht auf ihre Neigung hielt, nämlich einen Geist, der, wenn auch lasterhaft und verkehrt, doch reich an ursprünglichen Elementen der Stärke und Größe war. Als er fühlte, daß dieser Geist Anerkennung fand, da gestattete er ihr gerne, ja ermuthigte er sie sogar, mit den leeren Anhängern weltlicher Genüsse zu verkehren, von der Voraussetzung ausgehend, daß ihre Seele, für höheren Umgang geschaffen, seine Gesellschaft vermissen und daß sie so durch die Vergleichung mit Andern ihn lieben lernen werde. Er hatte vergessen, daß, wie die Sonnenblume zur Sonne, so die Jugend sich zur Jugend kehrt, bis ihn plötzlich seine Eifersucht gegen Glaukus seines Irrthums überführte. Von diesem Augenblicke an nahm, obgleich er, wie wir wissen, den ganzen Umfang der Gefahr noch nicht kannte, seine lange zurückgehaltene Leidenschaft, ein wilderes und stürmischeres Wesen an. Nichts zündet das Feuer der Liebe besser an, als ein Funke aus der Angst der Eifersucht; die Liebe gestaltet sich sodann zu einer wilderen und unwiderstehlicheren Flamme, vergißt ihre Sanftmuth, hört auf, zärtlich zu sein, und nimmt Etwas von der Heftigkeit, von der Wildheit des Hasses an.

Arbaces beschloß, mit vorsichtigen und gefährlichen Prophezeihungen keine Zeit mehr zu verlieren; er beschloß zwischen sich und seinen Nebenbuhler eine unwiderrufliche Schranke zu setzten; er beschloß, sich der Person Ione's zu bemächtigen. Allerdings hatte er sich keine gegenwärtige Liebe, die so lange gepflegt und durch reinere Hoffnungen, als bloß die der Leidenschaft genährt worden war, nicht mit diesem bloßen Besitze begnügte, denn er verlange eben so sehr nach dem Herzen und nach der Seele Ione's, als nach ihrer Schönheit; aber er bildete sich ein, wenn sie einmal durch ein kühnes Verbrechen von den übrigen Menschen losgerissen, und durch ein unauflösbares Band an ihn geknüpft sei, so werde sie gezwungen sein, alle ihre Gedanken in ihm zu concentriren; seine Künste, hoffte er, würden die Eroberung vollenden, und wie einst bei den Römern und Sabinern, die durch Gewalt errungene Herrschaft sich durch mildere Mittel befestigen. In diesem Entschlusse wurde er noch mehr bestärkt durch seinen Glauben an die Weissagungen der Sterne; längst schon hatten sie ihm dieses Jahr und sogar den gegenwärtigen Monat als den Zeitpunkt eines fürchterlichen, sein Leben selbst bedrohenden Unglücks bezeichnet. In einen bestimmten und sehr kurzen Termin eingeengt, beschloß er, wie ein Monarch, auf seinem Scheiterhaufen Alles, was seiner Seele am theuersten war, aufzuhängen, oder wie er sich selbst ausdrückte, wenn er sterben sollte, wenigstens zu fühlen, daß er gelebt habe, und also Ione zu der Seinigen zu machen.

Neuntes Kapitel.

Was aus Ione in dem Hause des Arbaces wird – Das erste Zeichen vom Zorne des furchtbaren Feindes.

Als Ione in die geräumige Halle des Egypters trat, überkam auch sie derselbe Schauer, der ihren Bruder befallen hatte; ihr wie ihm schien etwas Unheimliches und Warnendes in dem stillen und wehmüthigen Angesicht jener thebanischen Ungeheuer zu liegen, deren majestätische und leidenschaftslose Züge sich im Marmor so gut darstellen lassen:

»In ihrer Miene lebte die längst vergangne Zeit,
In ihrem Auge dachte der Geist der Ewigkeit.«

Der große äthiopische Sklave grinste, als er sie einließ, und winkte ihr, weiter zu gehen. In der Mitte der Halle kam ihr Arbaces selbst entgegen in einem festlichen, von Juwelen schimmernden Gewande. Obgleich es draußen heller Tag war, so hatte man doch das Innere des Hauses nach dem wollüstigen Brauche jener Zeit künstlich verdunkelt, und die Lampen warfen ihr stilles und duftendes Licht über die reichen Fußboden und die mit Elfenbein ausgelegten Plafonds.

»Schöne Ione,« sprach Arbaces, als er sich neigte, um ihre Hand zu berühren, »Du bist es, die den Tag verfinstert hat – Deine Augen erleuchten diese Hallen – Dein Odem erfüllt sie mit Wohlgerüchen.«

»So mußt Du nicht mit mir reden,« entgegnete Ione lächelnd. »Du vergißt, daß Deine Weisheit meinen Geist hinlänglich unterrichtet hat, um mir solche, meiner Person geltende Artigkeiten unwillkommen zu machen. Du warst es ja, der mich die Schmeichelei verachten lehrte; willst Du Deine Schülerin das vergessen machen, was Du sie gelehrt hast?«

In dem Benehmen Ione's lag, während sie diese Worte sprach, etwas so Unbefangenes und Reizendes, daß der Egypter verliebter und geneigter als je wurde, den so eben gerügten Fehler von Neuem zu begehen; er antwortete übrigens rasch und munter, und beeilte sich, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

Er führte sie durch die verschiedenen Zimmer eines Hauses, das ihren an keine andere Pracht, als an die bescheidene Eleganz der kampanischen Städte gewöhnten Augen die Schätze der Welt zu enthalten schien.

Die Wände waren mit Gemälden von unschätzbarer Kunst ausgeschmückt; der Glanz der Lampen bestrahlte Statuen aus der edelsten Zeit Griechenlands. Juwelenkästchen, deren jedes einzelne selbst ein Juwel war, füllten die Zwischenräume der Säulen aus; die kostbarsten Holzarten waren zu Schwellen und Thüren verwendet, und Gold und Edelsteine schienen überall hin ausgegossen. Bisweilen waren sie allein in diesen Zimmern, bisweilen schritten sie durch Reihen schweigender Sklaven, die, von Ferne niederfallend, ihr Armbänder, Ketten und Edelsteinen darboten, und um deren Annahme sie der Egypter, jedoch fruchtlos, anflehte.

»Schon oft,« sagte sie vor Staunen, »habe ich gehört, daß Du reich seiest, aber nie ließ ich mir träumen, daß Deine Schätze sich zu solcher Höhe erstrecken.«

»Könnte ich sie doch alle,« erwiderte der Egypter, »zu einer einzigen Krone verschmelzen, die ich auf diese blendend weiße Stirn setzte.«

»Ach, ihr Gewicht würde mich niederdrücken; ich wäre eine zweite Tarpeja,« antwortete Ione lachend.

»Aber Du verachtest doch den Reichthum nicht – o Ione, wer nicht reich ist, weiß nicht, das das Leben zu gewähren im Stande ist. Gold ist der große Zauberer der Erde – es verwirklicht unsere Träume, und gibt ihnen die Macht eines Gottes. Es liegt eine gewisse Größe und Erhabenheit in seinem Besitze; es ist der mächtigste und zugleich der gehorsamste unserer Sklaven.«

Der schlaue Arbaces suchte die Neapolitanerin durch seine Schätze und Beredsamkeit zu verblenden; suchte in ihr das Verlangen zu erwecken, die Herrin dessen, was sie hier vor sich sah, zu werden, und hoffte, daß sie den Besitzer mit dem Besitze vermengen, daß der Glanz seines Reichthums auf ihn selbst zurückstrahlen werde. Übrigens fühlte sich Ione insgeheim etwas unbehaglich, als solche Artigkeiten denselben Lippen entströmten, die bis vor Kurzem noch die der Schönheit gewöhnlich dargebrachte Huldigung zu verschmähen schienen. Mit jener zarten Gewandtheit, die nur die Frauen besitzen, suchte sie mit Wohlbedacht abgeschossene Pfeile zu pariren und den Sinn seiner glühenden Sprache wegzuplaudern oder wegzulocken. Nichts Lieblicheres gibt es in der Welt, als diese Vertheidigunsweise; sie ist das Kunststück jenes afrikanischen Zauberers, der mit einer Feder den Winden eine andere Richtung geben zu können behauptete.

Der Egypter war von ihrer Anmuth fast noch mehr, als von ihrer Schönheit, berauscht und überwältigt; nur mit Mühe konnte er seine Empfindungen unterdrücken. Ach! die Feder war nur mächtig gegen die zarten Sommerlüftchen – aber sie würde das Spiel eines Sturmes sein.

Während sie so in einer mit weißen, silbergestickten Draperien ausgeschlagene Halle stunden, klatschte der Egypter plötzlich in die Hände, und wie durch einen Zauber stieg ein Tisch aus dem Fußboden in die Höhe; gleichzeitig erhob sich zu den Füßen Ione's ein Ruhebett oder ein Thron mit einem karmesinroten Baldachin, und in demselben Augenblicke tönte hinter den Vorhängen eine unsichtbare und überaus weiche Musik hervor.

Arbaces setzte sich zu den Füßen Ione's, und Kinder, jung und schön, wie Liebesgötter, warteten bei dem Feste auf.

Das Mahl war vorüber, die Musik sank in einen sanften und gedämpften Ton herab, und Arbaces redete nun seinen schönen Gast folgendermaßen an: »Hast Du nie in dieser dunkeln und ungewissen Welt – hast Du nie, meine Schülerin, ein Verlangen gefühlt, nach Jenseits zu blicken? Hast Du nie gewünscht, den Schleier der Zukunft zu lüften, und an der Küste des Geschickes die Schattenbilder der Dinge, die da kommen sollen, zu schauen; denn nicht nur die Vergangenheit hat ihre Geister, auch jedes künftige Ereignis hat sein Gespenst, seinen Schatten. Wenn seine Stunde kömmt, so tritt dieser Schatten ins Leben ein, wird körperlich und wandelt in der Welt umher. So gibt es also in dem Lande jenseits des Grabes stets zwei ungreifbare und geistige Gäste – die Dinge, die da kommen sollen und die Dinge, die da waren. Wenn wir durch unsere Weisheit in jenes Land einzudringen vermögen, sehen wir die Einen sowohl als die Andern, und lernen, gleich mir, nicht nur die Geheimnisse der Todten, sondern auch das Geschick der Lebenden kennen.«

»Gleich Dir! – Reicht menschliche Weisheit so weit?«

»Willst Du mein Wissen prüfen, Ione, und die Darstellung Deines eigenen Schicksals schauen? Es ist dies ein ergreifenderes Drama, als irgend eines von Äschylus, und ich habe es für Dich vorbereitet, wenn Du die Schatten ihrer Rolle spielen sehen willst.«

Die Neapolitanerin zitterte; sie dachte an Glaukus und seufzte, während sie zitterte; sollten ihre Lebenspfade vereinigt werden? Halb zweifelnd, halb gläubig, halb von Ehrfurcht, halb von Neugierde erfüllt bei den Worten ihres seltsamen Wirthes, blieb sie einige Augenblicke stille und antwortete sodann: »Es könnte zurückschrecken – könnte mich entsetzen – die Kenntnis der Zukunft wird vielleicht nur die Gegenwart verbittern.«

»Nicht also, Ione, ich selbst habe auf Dein künftiges Loos geschaut und die Geister Deiner Zukunft sonnen sich in den Gärten des Elysiums, unter Asphodillen und Rosen winden sie die Blumenkränze Deines süßen Geschickes und die gegen Andere so hartherzigen Parzen spinnen für Dich nur den Faden des Glückes und der Liebe. Willst Du also kommen und Deine Bestimmung schauen, damit Du Dich ihrer zum Voraus freuen mögest?«

Wiederum flüsterte das Herz der Ione den Namen des Glaukus, und sie ließ eine kaum hörbare Zustimmung vernehmen. Der Egypter stand auf, nahm sie bei der Hand und führte sie durch das Banketzimmer. Wie durch Geisterhände wurden die Vorhänge auf die Seite geschoben und die Musik erschallte in lebhafteren und freudigeren Tönen. Sie schritten durch einen Säulengang, zu dessen beiden Seiten Fontänen ihr duftendes Wasser in die Höhe warfen, und stiegen sodann auf breiten und bequemen Stufen in einen Garten hinab. Der Abend hatte begonnen, der Mond stand schon hoch am Himmel und jene frischen Blumen, die bei Tag schlafen und die Nachtluft mit unbeschreiblichen Wohlgerüchen erfüllen, waren in den durch das dichte, von den Sternen beleuchtete Gebüsch führenden Alleen reichlich ausgestreut, oder lagen in Körbchen gesammelt wie Opfergaben zu den Füßen der Statuen, die ihnen auf ihrem Wege zahlreich entgegen schimmerten.

»Wohin willst Du mich führen, Arbaces?« sagte Ione verwundert.

»Nur dorthin,« antwortete er, auf ein kleines Gebäude am Ende der Allee zeigend, »es ist ein den Parzen geweihter Tempel – unsre Gebräuche erheischen solch heiligen Boden.«

Sie traten in eine schmale Halle, an deren Ende ein schwarzer Vorhang hin; Arbaces hob ihn in die Höhe, Ione trat ein und fand sich in völliger Dunkelheit.

»Sei ohne Furcht,« sagte der Egypter, »es wird gleich hell werden,« und während er sprach, verbreitete sich nach und nach ein sanftes und warmes Licht. Nachdem es sich über jeden Gegenstand ergossen, schien es Ionen, daß sie sich in einem von allen Seiten schwarz behangenen Gemache von mäßiger Größe befinde; ein Ruhebett von derselben Farbe stund neben ihr. In der Mitte des Zimmers befand sich ein kleiner Altar, auf welchem ein bronzener Dreifuß stand. An der einen Seite war auf einer hohen Granitsäule ein kolossales Haupt von dem schwärzesten Marmor angebracht, das sie an dem die Sterne umgebenden Kranze von Weizenähren als eine Büste der großen egyptischen Gottheit erkannte. Arbaces trat an den Altar; er hatte seinen eigenen Kranz auf denselben niedergelegt, und schien jetzt damit beschäftigt, den Inhalt einer ehernen Vase in den Dreifuß zu schütten, aus welchem sofort eine blaue, sich rasch emporschlängelnde, unregelmäßige Flamme aufschoß. Der Egypter zog sich jetzt wieder an Ione's Seite zurück, und während er einige Worte in einer ihrem Ohre fremden Sprache murmelte, wehte der Vorhang hinter dem Altare zitternd hin und her, trennte sich langsam, und durch die hiedurch entstandene Öffnung erblickte Ione eine undeutliche und blasse Landschaft, die, je länger sie hinsah, allmählig heller und klarer wurde, bis sie zuletzt Bäume, Flüsse und Auen und all' die schöne Mannigfaltigkeit der reichsten Gegend deutlich unterschied. Endlich glitt vor der Landschaft ein dämmeriger Schatten hin, und blieb Ione gegenüber stehen. Langsam schien auch auf ihn derselbe Zauber, wie auf die übrige Landschaft einzuwirken; er nahm Form und Gestalt an und siehe – in seinen Zügen und Umrissen erblickte Ione sich selbst!

Jetzt verschwand die Landschaft hinter dem Gespenste, und an ihre Stelle trat das Bild eines prachtvollen Palastes; im Mittelpunkte seiner Helle erhob sich ein Thron; die dämmerigen Gestalten von Sklaven und Wachen reihten sich um ihn her, und eine bleiche Hand hielt eine Art von Diadem über den Thron.

Nunmehr trat eine neue Figur auf; sie war von Kopf bis Fuß in ein dunkles Gewand gekleidet, so daß man weder das Gesicht noch die Umrisse erkennen konnte; sie kniete vor dem Schatten der Ione nieder, erfaßte dessen Hand und zeigte nach dem Throne, wie um zu seiner Besteigung einzuladen.

Das Herz der Neapolitanerin schlug heftig.

»Soll der Schatten sich enthüllen?« flüsterte eine Stimme neben ihr – die Stimme des Arbaces.

»Ach ja,« antwortete Ione sanft.

Arbaces erhob seine Hand – das Gespenst ließ den Mantel, der seine Gestalt verhüllte, fallen, und Ione schrie laut auf – es war Arbaces selbst, der hier vor ihr kniete.

»Das ist in der That Dein Loos,« flüsterte ihr von Neuem des Egypters Stimme ins Ohr, »und Du bist bestimmt, die Braut des Arbaces zu sein.«

Ione erschrak, der schwarze Vorhang schloß sich über der Phantasmagorie, und Arbaces, der wirkliche, der lebende Arbaces lag zu ihren Füßen.

»O Ione« sagte er, sie leidenschaftlich anschauend, »schenke einem Manne Gehör, der lange vergebens mit seiner Liebe gekämpft hat. Ich bete Dich an! Das Geschick lügt nicht; Du bist bestimmt, die Meinige zu werden – ich habe umhergesucht in der Welt und kein Weib gefunden, das Dir gliche. Seit meiner Jugend seufzte ich nach einem Wesen wie Du. Ich habe geträumt, bis ich Dich sah – ich wache auf und erblicke Dich. Wende Dich nicht von mir ab, Ione, beurtheile mich anders als bisher; ich bin nicht jenes kalte, gefühllose und mürrische Wesen, das ich Dir geschienen habe. Nie liebte ein Mann ergebener und leidenschaftlicher, als ich Ione stets lieben werde. Suche Deine Hand nicht aus der meinigen zu befreien; sieh, ich lasse sie selbst los. Nimm sie zurück, wenn Du willst – gut, es sei so! – Verwirf mich nicht, Ione – verwirf mich nicht so vorschnell – erwäge wohl, welche Macht Du über mich haben mußt, da Du mich so verwandeln konntest. Ich, der nie vor einem sterblichen Wesen kniete, kniee vor Dir, ich, der ich dem Schicksale geboten, nehme jetzt das meinige von Dir hin. Ione, zittere nicht, Du bist meine Königin, meine Gottheit! – sei meine Braut! – alle Wünsche, die Du hegen kannst, sollen erfüllt werden. Die Enden der Erde sollen Dir dienen – Pracht, Macht und Herrlichkeit Deine Sklavinnen sein. Arbaces wird keinen andern Ehrgeiz haben, als den Stolz, Dir zu gehorchen. Ione, wende Deine Augen mir zu – bis Dein Lächeln auf mir ruhe. Dunkel ist meine Seele, wenn ihr Dein Angesicht verborgen ist – scheine über mich, meine Sonne – mein Himmel – mein Tageslicht – Ione, Ione, verwirf meine Liebe nicht!«

Obwohl allein in der Gewalt dieses seltsamen und furchtbaren Mannes, fühlte sich Ione doch nicht beängstigt; das Ehrfurchtsvolle in seiner Sprache, das Milde in seiner Stimme beruhigten sie, und in ihrer eigenen Reinheit fand sie den besten Schutz. Aber verwirrt und erstaunt war sie, und erst nach einigen Augenblicken gewann sie die Kraft zu antworten.

»Stehe auf, Arbaces,« sagte sie endlich und überließ ihm noch einmal ihre Hand, die sie jedoch schnell wieder zurückzog, als sie den brennenden Druck seiner Lippen darauf fühlte. »Stehe auf, und wenn Du die Wahrheit sprichst, wenn es Dir Ernst ist mit Deinen Worten –«

»Wenn!« sprach er zärtlich.

»Wohlan denn, so höre mich; Du bist mein Beschützer, mein Freund, mein Erzieher gewesen; auf diese neue Rolle aber war ich nicht vorbereitet; glaube nicht,« fügte sie rasch hinzu, als sie seine schwarzen Augen von der Wuth der Leidenschaft funkeln sah, »glaube nicht, daß ich Dich verschmähe – daß ich nicht gerührt sei – daß ich mich nicht geehrt fühle durch diese Huldigung; aber sage – kannst Du mich ruhig anhören?«

»Ja, und wären Deine Worte auch Blitze, die mich zerschmettern müßten.«

»Ich liebe einen Andern,« sprach Ione erröthend, aber mit fester Stimme.

»Bei den Göttern – bei der Hölle –« schrie Arbaces, sich zu seiner vollen Höhe erhebend, »wage nicht, mir das zu sagen – wage nicht, mit mir Dein Spiel zu treiben – es ist unmöglich! – Wen hast Du gesehen, wen kennen gelernt? O Ione, das ist eine weibliche Ausrede; die Frauenlist spricht hier aus Dir – Du möchtest gerne Zeit gewinnen; ich habe Dich überrascht – ich habe Dich erschreckt. Verfahre mit mir wie Du willst – sage, daß Du mich nicht liebst, aber sage nicht, daß Du einen Andern liebst.«

»Ach,« seufzte Ione, und brach sofort, erschreckt durch seine unerwartete Heftigkeit, in Thränen aus.

Arbaces näherte sich ihr mehr – sein Athem glühte wild auf ihrer Wange, er schlang seinen Arm um sie – sie entriß sich seiner Umarmung. In diesem Kampfe fiel ein Täfelchen aus ihrem Busen auf den Boden. Arbaces gewahrte es und bemächtigte sich desselben – es war der Brief, den sie am Morgen dieses Tages von Glaukus erhalten hatte. Ione sank halb todt vor Schrecken auf das Ruhebett.

Rasch flogen die Blicke des Arbaces über das Schreiben hin. Die Neapolitanerin wagte nicht, ihn anzuschauen; sie sah nicht die Todesblässe, die über sein Gesicht kam – gewahrte nicht das Runzeln seiner Stirne, nicht das Beben seiner Lippen, nicht den Krampf, der seine Brust hob.

Er las ihn bis zu Ende und sagte dann, als der Brief seiner Hand entfiel, in einem Tone erheuchelter Ruhe: »Ist der Schreiber dieses Briefes der Mann, den Du liebst?«

Ione schluchzte, aber antwortete nicht.

»Sprich,« schrie er.

»Er ist es – er ist es!«

»Und sein Name – er steht hier – sein Name ist Glaukus.«

Ione faltete die Hände und blickte rings umher, wie um Hülfe oder einen Ausweg zur Flucht zu suchen.

»Höre mich also,« sagte Arbaces, seine Stimme zu einem Geflüster herabstimmend, »eher sollst Du in Dein Grab als in seine Arme sinken. Glaubst Du, Arbaces werde einen solchen Nebenbuhler dulden wie diesen erbärmlichen Griechen? Wie, glaubst Du, er habe das Reifen der Frucht überwacht, um sie einem Andern zu überlassen? Nein, liebes Närrchen, Du bist mein – ganz – allein mein – und so – so ergreife ich Dich und mache meine Rechte auf Dich geltend.

Während er dieses sprach, schloß er Ione in seine Arme, und in dieser wilden Umschlingung lag die ganze Kraft weniger der Liebe, als der Rache.

Der Ione aber gab die Verzweiflung übernatürliche Stärke; nochmals riß sie sich von ihm los – stürzte nach der Gegend des Zimmers, durch welches sie eingetreten, zog den Vorhang halb zurück; da erfaßte er sie; wiederum machte sie sich von ihm los und fiel, erschöpft und mit einem lauten Schrei an der Säule nieder, auf welcher das Haupt der egyptischen Gottheit stand. Arbaces hielt einen Augenblick ein, wie um Athem zu holen, und stürzte dann von Neuem auf seine Beute los.

In diesem Augenblicke wurde der Vorhang rauh auf die Seite gerissen und der Egypter fühlte sich von einer zornigen und kräftigen Hand an der Schulter gepackt; er wandte sich um und erblickte die flammenden Augen des Glaukus und das blasse, abgelebte, aber drohende Gesicht des Apäcides vor sich.

»Ha,« murmelte er, abwechslungsweise die Beiden anstarrend, »welche Furie hat Euch hieher gesandt?«

»Ate,« antwortete Glaukus, und umschlang sofort den Egypter. Unterdessen erhob Apäcides seine bewußtlos daliegende Schwester vom Boden. Seine durch die langen und allzu starken Kämpfe erschöpften Kräfte reichten nicht hin, sie, so leicht und zart gebaut sie auch war, fortzutragen. Er legte sie deshalb auf das Ruhebett und stellte sich mit erhobenem Dolche neben sie, indem er so den Kampf zwischen Glaukus und dem Egypter bewachte und sich zugleich bereit hielt, dem Arbaces seine Waffe in die Brust zu stoßen, wenn dieser in dem Kampfe siegen sollte. Es ist vielleicht nichts so fürchterlich auf Erden als der nackte Kampf der thierischen Kraft, ohne andere Waffen als die, welche die Natur der Wuth darbietet. Beide Gegner hatten sich jetzt, eng umfaßt, das Gesicht zurückgeworfen, die wilden Augen funkelnd, die Muskeln gespannt, die Adern geschwollen, die Lippen geöffnet, die Zähne über einander gebissen. Beide waren von mehr als gewöhnlicher Stärke, Beide von der unbarmherzigsten Wuth beseelt. Sie wanden und schlangen sich um einander; sie schwankten hin und her, sie rückten von einem Ende ihrer beschränkten Arena zum andern, stießen Töne der Wuth und der Rache aus; jetzt befanden sie sich vor dem Altar, jetzt am Fuße der Säule, wo der Kampf begonnen hatte; sie ließen sich los, um Athem zu holen, Arbaces an die Säule sich lehnend, Glaukus einige Schritte seitwärts tretend.

»O ehrwürdige Göttin!« rief Arbaces, indem er die Säule umfaßte und seine Blicke zu dem heiligen Bilde erhob, das sie trug, »beschütze Deinen Auserwählten, verkünde Deine Rache gegen diese Kreatur eines aufgeschossenen Glaubens, die mit lüsternder Gewalt Dein Heiligthum schändet und Deinen Diener angreift.«

Während er sprach, schienen die ruhigen und gewaltigen Züge der Göttin plötzlich Leben zu erhalten; durch den schwarzen Marmor glühte wie durch einen durchsichtigen Schleier in voller Helle eine hochrothe, schimmernde Farbe; um den Kopf spielten und zuckten kleine, bläuliche Flammen; die Augen wurden wie Bälle lebenden Feuers und schienen in vernichtender, nicht zu ertragender Wuth auf das Gesicht des Griechen gerichtet. Überrascht und erschreckt durch diese plötzliche und geheimnisvolle Antwort auf das Gebet seines Feindes und nicht frei von dem angestammten Aberglauben seines Volkes erblaßte Glaukus, Angesichts dieser sonderbaren und geisterhaften Belebung des Marmors – seine Knie schlugen an einander, von überirdischer Furcht ergriffen stund er entmuthigt, bestürzt und halb entmannt vor seinem Feinde. Arbaces ließ ihm nicht einen Augenblick Zeit, sich von seiner Betäubung zu erholen.

»Stirb, Elender,« rief er, auf den Griechen losstürzend, mit einer Donnerstimme; »die erhabene Mutter fordert Dich als lebendes Opfer.« So in der ersten Bestürzung seiner abergläubischen Besorgnisse überrascht, verlor der Grieche – der Marmorboden war so glatt wie Glas – den Halt, glitt aus und fiel. Arbaces setzte den Fuß auf die Brust seines gefallenen Feindes; Apäcides jedoch, den sein heiliger Beruf, sowie seine Kenntnis des Arbaces allen wunderbaren Einmischungen mißtrauen gelehrt hatte, theilte die Entmuthigung seines Gefährten nicht. Er stürzte vorwärts und sein Dolch funkelte in der Luft. Der wachsame Egypter erfaßte den niederfahrenden Arm, ein Griff seiner mächtigen Hand entriß die Waffe der schwachen Brust des Priesters, und ein kräftiger Schlag streckte diesen zu Boden. Mit lautem und frohlockendem Geschrei schwang Arbaces den Dolch in die Luft. Glaukus sah seinem drohenden Geschicke mit ruhigem Blicke und mit der strengen und verachtenden Ergebenheit eines Gladiators entgegen – als in diesem fürchterlichen Augenblicke der Boden unter ihnen schnell und krampfhaft erbebte; – ein mächtigerer Geist, als der des Egypters war erschienen – eine riesenhafte und zerschmetterte Gewalt, vor der seine Leidenschaften und seine Künste plötzlich in ein Nichts versanken. Jener fürchterliche Dämon des Erdbebens erwachte und rührte sich, verächtlich lächelnd über den Zauber menschlicher List und die Bosheit menschlicher Wuth. Wie ein Titan, auf dessen Schultern Berge aufgehäuft liegen, erhob er sich aus langjährigem Schlafe, regte sich auf seinem bunten Lager, während die Höhlen unten stöhnten und zitterten unter der Bewegung seiner Glieder. Im Augenblick seiner Rache und Macht wurde derjenige, der sich für einen Halbgott hielt, in seinen wahren Stoff, in den Staub, erniedrigt. Ferne und weithin unter dem Boden lief ein dumpfes und polterndes Getöse – die Vorhänge des Zimmers bewegten sich wie von einem Sturmwind ergriffen – der Altar wankte – der Dreifuß drohte herabzufallen und hoch über dem Kampfplatze zitterte und schwankte die Säule von einer Seite zur andern; das dunkle Haut der Göttin wankte und fiel von seinem Fußgestell, und während sich der Egypter über sein beabsichtigtes Opfer beugte, traf ihn die Marmormasse gerade zwischen Schulter und Nacken. – Dieser Schlag streckte ihn, wie ein Todesstreich, plötzlich, ohne Schrei, ohne Bewegung oder Lebenszeichen auf den Boden hin, anscheinend durch dieselbe Gottheit zermalmt, die er gottloserweise belebt und angerufen hatte.

»Die Erde hat ihre Kinder beschützt,« sprach Glaukus, auftaumelnd, »gesegnet sei die fürchterliche Zuckung; lasset uns die Fürsorge der Götter verehren.«

Er half auch dem Apäcides aufstehen, und richtete sodann das Gesicht des Egypters aufwärts; es schien von der kalten Hand des Todes bereits erfaßt zu sein; Blut strömte aus den Lippen des Egypters über das prächtige Gewand und schwer entsank er Glaukus' Armen, während der rothe Blutstrom sich langsam über den Marmor ergoß. Von Neuem erbebte die Erde unter ihren Füßen; sie mußten sich an einander halten; doch hörte die Erschütterung so schnell auf, als sie gekommen war; sie verweilten nicht länger hier; Glaukus trug Ione leicht in seinen Armen und eilends verließen sie diesen unheiligen Ort.

Kaum hatten sie jedoch den Garten betreten, als sie von allen Seiten auf fliehende, ungeordnete Gruppen von Mädchen und Sklaven stießen, deren festliche und schimmernde Gewänder zu den feierlichen Schrecken dieser Stunde einen höhnischen Gegensatz bildeten; sie schienen die Fremden nicht zu beachten, und waren offenbar nur mit ihrer eigenen Furcht beschäftigt. Nach sechszehn Jahren der Ruhe noch drohte dieser brummende und treulose Boden von Neuem Zerstörung. Aus jedem Munde hörte man nur das Geschrei: »das Erdbeben! das Erdbeben!« Unbelästigt durch ihre Mitte gehend, eilten Apäcides und seine Gefährten, ohne das Haus zu betreten, eine der Alleen hinab, und gingen durch eine kleine offene Thüre; und da saß auf einem kleinen Hügel, über welchen die dunkelgrünen Aloën ihr Düster verbreiteten, die gebeugte Gestalt von dem vollen Lichte des Mondes beleuchtet, das blinde Mädchen – sie weinte.

Drittes Buch.

Hellen Scheines leuchte du Selene,
Dich beschwört mein leises Zaubersingen,
Hekate, auch Dich, die Höllgengöttin:
Führe Du uns, Dein blutig Mahl zu suchen
Unter Gräbern, zittern selbst die Hunde.
Hekate, Dich grüß ich: Hilf vollenden,
Mache mir den Zauber stark wie Kirkes,
Die Medeas stark und Perimedes.
Theocr. Idyll. II. 10.

Erstes Kapitel.

Das Forum der Pompejaner – Der erste rohe Mechanismus, vermittelst dessen die neue Weltepoche bewerkstelligt wird.

Es war noch früh am Mittag und das Forum mit Geschäftigen sowohl, als mit Müßiggängern angefüllt. Wie heutzutage in Paris, so lebten damals in den Städten Italiens die Menschen fast ganz außerhalb ihrer Häuser; die öffentlichen Gebäude, das Forum, die Säulengänge, die Böden, und selbst die Tempel konnten als ihre eigentliche Heimath betrachtet werden. Es war daher nicht zu verwundern, daß sie diese beliebten Versammlungsplätze so prachtvoll ausschmückten; bildeten sie doch für sie gewissermaßen einen Gegenstand häuslicher Zuneigung, sowie nationalen Stolzes. Und belebt war in der That zu jener Zeit der Anblick, den das Forum zu Pompeji darbot! Auf seinem breiten, aus großen Marmorplatten gebildeten Pflaster waren verschiedene Gruppen versammelt, in jener energischen Unterhaltungsweise begriffen, die jedem Wort eine Geberde beifügt, und die noch heute das unterscheidende Merkmal der Völker des Südens ist. Hier saßen in sieben Buden auf einer Seite der Kolonnade die Geldwechsler, glänzende Münzhaufen vor sich aufgethürmt, und Seemänner und Kaufleute in bunten Trachten, drängten sich um ihre Buden. Auf der andern Seite sah man mehr Männer in langen TogenDie Rechtsgelehrten und die Klienten nämlich, wenn sie ihren Patronen aufwarteten, behielten die Toga selbst dann noch bei, nachdem diese bei der übrigen Bevölkerung außer Gebrauch gekommen war. einem stattlichen Gebäude zueilen, wo der Magistrat die Gerechtigkeit verwaltete; diese Herren waren Advokaten, täthig, plaudernd, scherzend und witzelnd, wie man sie noch heute in Westminster finden kann. In der Mitte des Platzes stunden mehre Statuen, unter welchen die majestätische Gestalt des Cicero die beachtungswertheste war, auf Piedestalen. Um den Hof herum lief ein regelmäßiger und symmetrischer Säulengang nach dorischer Ordnung, und da nahmen Manche, die durch ihr Geschäft frühe hierher geführt wurden, die leichte Mahlzeit ein, welche damals ein italienisches Frühstück ausmachte, und sprachen sehr lebhaft von dem Erdbeben der vorigen Nacht, während sie Stücke Brod in ihre Becher mit verdünntem Weine tauchten. Auch in dem offenen Raume gewahrte man mehre Krämer, die hier ihr Gewerbe ausübten. Da zeigte Einer einer Dame seine schönen Bänder, ein Anderer rühmte einem stattlichen Pächter die Trefflichkeit seiner Schuhe; ein Dritter, eine Art von Buden-Restaurateur, wie wir sie noch jetzt in den italienischen Städten so häufig finden, versorgte manchen hungrigen Magen mit warmen Speisen aus seinem kleinen ambulanten Ofen; während – scharf charakterisirender Gegensatz, und sprechendes Bild der Vereinigung materiellen und intellektuellen Lebens jener Zeit – dicht dabei ein Schulmeister seinen verwirrten Zöglingen die Anfangsgründe der lateinischen Grammatik erklärte.Im Museum zu Neapel befindet sich ein wenig bekanntes Gemälde, das eine Seite des damaligen Forums zu Pompeji darstellt und mir bei gegenwärtiger Beschreibung die wesentlichsten Dienste leistete. Eine Galerie über dem Seitengang, zu der man auf kleinen hölzernen Treppen emporstieg, hatte auch ihre Gäste, obgleich, da hier hauptsächlich die eigentlichen Geschäfte des Ortes abgemacht wurden, ihre Gruppen einen ruhigeren und ernsteren Anblick darboten.

Dann und wann trat die Menge unten ehrfurchtsvoll auf die Seite, wenn ein Senator auf dem Wege zum Jupitertempel (der eine Seite des Forums einnahm und den Versammlungsort der Senatoren bildete) vorbeiging, denjenigen seiner Freunde und Klienten, die er aus der Menge erkannte, mit prahlerischer Herablassung zuwinkend. Unter den heitern Kleidungen der bessern Stände sah man auch die kräftigen Gestalten der benachbarten Pächter, wie sie nach den öffentlichen Getreidemagazinen sich begaben. Hart bei dem Tempel gewahrte man den Triumphbogen und die lange, mit Menschen angefüllte Straße jenseits desselben; in einer Nische des Bogens spielte ein Springbrunnen munter in den Sonnenstrahlen, und über dem Karnieß dunkelte, im lebhaften Gegensatz zu dem freundlichen Sommerhimmel, die eherne Reiterstatue Caligula's. Hinter den Buden der Wechsler stund jenes Gebäude, das jetzt das Pantheon genannt wird, und eine Schaar ärmerer Pompejaner trat mit Körben unter dem Arm durch die enge, in das Innere führende Vorhalle und drängte sich nach einer Plattform zwischen zwei Säulen, wo diejenigen Nahrungsmittel, welche die Priester vom Opfer erübrigt hatten, zum Verkaufe ausgeboten wurden.

An einem der für die öffentlichen Angelegenheiten der Stadt bestimmten Gebäude, waren Werkleute mit den Säulen beschäftigt, und von Zeit zu Zeit hörte man den Lärm ihrer Arbeit aus dem Gesumse der Menge hervorthönen; – die Säulen sind bis auf den heutigen Tag unvollendet!

Alles dies zusammengenommen, ging nichts über die Mannigfaltigkeit in der Tracht, dem Stand, dem Benehmen und den Beschäftigungen der Menge; nichts über die Regsamkeit, die Munterkeit, die Thätigkeit, die beständig ringsherum herrschende Lebensbewegung. Man sah da all die tausend Zeichen einer erhitzten und krankhaften Civilisation, wo das Vergnügen und der Handel, der Müßiggang und die Arbeit, die Geldgierde und die Ehrsucht ihre bunten und rauschenden, aber gleichwohl harmonischen Ströme in ein großes Meer ergossen.

Den Stufen des Jupitertempels gegenüber stand mit gefalteten Armen und gerunzelter und verachtender Stirn ein Mann von etwa fünfzig Jahren. Sein Anzug war besonders einfach, nicht sowohl dem Stoffe nach, als vielmehr durch den Mangel all der Verzierungen, die von den Pompejanern jeden Standes getragen wurden, theils aus Liebe zum Schaugepränge, theils auch, weil diese Verzierungen meist in diejenigen Formen gebracht waren, die als die wirksamsten gegen die Angriffe der Zauberei, wie gegen den Einfluß des bösen AugesDieser Aberglaube, dessen ich im vorliegenden Werke mehr als einmal gedacht habe, dauert in Großgriechenland mit kaum verminderter Kraft noch immer fort. Ich erinnere mich, daß eine Dame aus Neapel vom höchsten Rang und von einem Geist und einer Bildung, wie man sie unter den vornehmen Italienern beiderlei Geschlechtes selten trifft, in einem Gespräche mit mir plötzlich die Farbe wechselte und eine reiche und sonderbare Bewegung mit ihren Fingern machte. »Mein Gott, jener Mann,« flüsterte sie zitternd. galten. Seine Stirn war hoch und kahl, die wenigen Locken am Hinterkopfe durch eine Art Kapuze versteckt, die einen Theil seines Mantels bildete und nach Belieben aufgezogen und herabgelassen werden konnte, jetzt aber zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen über den Kopf hereingezogen worden war. Sein Gewand war braun – eine, bei den Pompejanern, die alle die gewöhnlichen Mischungen von Scharlach und Purpur sorgfältig vermieden, nicht sehr beliebte Farbe. Sein Gürtel enthielt ein kleines Dintengefäß, das eingehängt war, einen Stylus (Griffel) und Schreibtäfelchen von nicht gewöhnlicher Größe. Noch auffallender war, daß der Gürtel keine Börse enthielt, die doch eine beinahe unerläßliche Zugabe desselben bildete, – selbst wenn diese Börse das Unglück hatte, leer zu sein.

Es geschah nicht häufig, daß die lebenslustigen und egoistischen Pompejaner sich damit abgaben, die Gesichter und Handlungen Anderer zu beobachten; aber in Lippe und Auge dieses Mannes lag, als er die religiöse Prozession die Stufen des Tempels hinaufsteigen sah, etwas so auffallend Bitteres und Verachtendes, daß es nicht verfehlen konnte, vielseitige Aufmerksamkeit zu erregen.

»Wer ist jener Cyniker?« fragte ein Kaufmann seinen Gefährten, einen Juwelier.

»Es ist Olinth,« antwortete der Befragte, »der im Geruche eines Nazareners steht.«

Der Kaufmann schauderte. »Eine schreckliche Sekte,« sprach er mit leiser, furchtsamer Stimme. »Man sagt, bei ihren nächtlichen Versammlungen beginnen sie ihre Ceremonien jedesmal mit der Ermordung eines neugeborenen Kindes, auch stellen sie die Lehre von der Gemeinschaft der Güter auf. Was würde aus den Kaufleuten oder Juwelieren werden, wenn solche Begriffe in die Mode kämen!«

»Das ist sehr wahr,« entgegnete der Juwelier, »überdies tragen sie keine Juwelen und murmeln Verwünschungen, wenn sie eine Schlange sehen, während doch alle unsere Verzierungen in Pompeji schlangenförmig sind.«

»Sehet nur,« sagte ein Dritter, ein Fabrikant von Bronzewaaren, »wie jener Nazarener die Feierlichkeit des Opferzuges verspottet. Er murmelt gewiß Flüche auf den Tempel. Weißt Du wohl, Celsinus, daß dieser Bursche, als er neulich an meiner Bude vorbeiging und mich an einer Statue der Minverva beschäftigt sah, mir mit Stirnrunzeln erklärte, wenn sie von Marmor wäre, so würde er sie zerbrochen haben, aber das Erz sei zu stark für ihn. ›Eine Göttin zerbrechen!‹ sagte ich – ›eine Göttin,‹ antwortete der Atheist, ›es ist ein Dämon, ein böser Geist.‹ Dann setzte er fluchend seinen Weg fort. Ist so etwas zu dulden? Was Wunder, daß die Erde in der letzten Nacht so fürchterlich erbebte, wie um den Atheisten aus ihrem Schooß zu werfen. Ein Atheist, sag' ich? Noch etwas Schlimmeres, ein Verächter der schönen Künste! – Wehe uns Bronzefabrikanten, wenn solche Burschen der Gesellschaft Gesetze geben dürften!«

»Dies sind die Mordbrenner, die unter Nero Rom anzündeten,« seufzte der Juwelier.

Während solche freundliche Bemerkungen über das Aussehen und den Glauben des Nazareners gewechselt wurden, gewahrte auch Olinth selbst den Eindruck, den er hervorbrachte; er schaute sich um und beobachtete die aufmerksamen Gesichter des Haufens, der immer größer wurde, ihn angaffte und sich allerlei zuflüsterte. Er betrachtete die Menge einen Augenblick mit einem Ausdrucke des Trotzes, darauf des Mitleidens, und entfernte sich sodann, nachdem er seinen Mantel um sich geschlagen, indem er hörbar murmelte: »Verblendete Götzendiener! – Hat euch das Erdbeben der vorigen Nacht nicht gewarnt? Ach, wie werdet ihr am letzten Tage bestehen!«

Die Menge, welche diese weissagenden Worte hörte, legte sich dieselben verschieden aus, je nach den verschiedenen Schattirungen der Unwissenheit oder Furcht; alle jedoch stimmten in der Ansicht überein, daß eine schreckliche Verwünschung in ihnen liege. Sie betrachteten den Christen als den Feind der Menschen; die Beiworte, mit denen sie ihn überhäuften, unter denen Atheist das beliebteste und häufigste war, dürften vielleicht uns, die Bekenner desselben nunmehr triumphirenden Glaubens, als Warnung dienen, solchen Meinungsverfolgungen, wie sie Olinth erlitt, uns nicht hinzugeben, und diejenigen, deren Ansichten von den unsrigen verschieden sind, nicht mit solchen Ausdrücken zu beschimpfen, wie sie den Vätern unseres Glaubens damals so reichlich zu Theil wurden.

Während Olinth durch die Menge hinschritt und einen der weniger besuchten Ausgänge des Forums erreichte, gewahrte er ein blasses und ernstes Antlitz, das ihn scharf ansah, und das er auch sofort erkannte.

In ein Pallium gehüllt, das seine heiligen Gewänder theilweise verbarg, betrachtete der junge Apäcides den Jünger dieses neuen und geheimnisvollen Glaubens, zu dem er selbst einmal halb bekehrt worden war.

»Ist auch er ein Betrüger? Macht auch dieser Mann, der so schlicht und einfach in seinem Leben, in seinem Anzuge und in seiner Miene ist – macht auch er, wie Arbaces, äußerliche Strenge zum Deckmantel der Sinnlichkeit? Verbirgt der Schleier der Vesta die Laster der Verworfenheit?«

Olinth, der an den Umgang mit Leuten aus allen Klassen gewöhnt war, und mit der Begeisterung seines Glaubens eine tiefe Menschenkenntnis verband, errieth vielleicht aus den Gesichtszügen des Isispriesters etwas von dem, was in der Brust des Letzteren vorging. Mit festem Auge und heiterer und aufrichtiger Stirne hielt er den prüfenden Blick des Apäcides aus.

»Friede sei mit Dir!« sagte er, den Apäcides grüßend.

»Friede,« wiederholte der Priester in einem so hohlen Tone, daß er dem Nazarener zum Herzen drang.

»In diesem Wunsche,« fuhr Olinth fort, »sind alle guten Gaben vereinigt – ohne Tugend kannst Du keinen Frieden haben. Wie der Regenbogen ruht der Friede auf der Erde, aber seine Wölbung verliert sich in den Himmel. Der Himmel badet ihn in den Tinten des Lichts – er entsteht inmitten von Thränen und Wolken, ist ein Abglanz der ewigen Sonne, ein Bürge der Ruhe, das Zeichen eines großen Bundes zwischen Gott und dem Menschen. Ein solcher Friede, junger Mann, ist das Lächeln der Seele, ein Ausfluß von dem fernen Kreis des unsterblichen Lichts. Friede sei mit Dir!«

»Ach!« begann Apäcides, gewahrte jedoch sofort die neugierigen Blicke der Umherschlenderer, die gerne erforscht hätten, was denn der Gegenstand eines Gesprächs zwischen einem Nazarener und einem Isispriester sein könne; er hielt deshalb inne und setzte mit leiser Stimme hinzu: »Hier können wir uns nicht unterhalten, aber ich will Dir an die Ufer des Flusses folgen; dort gibt es einen Spaziergang, der um diese Stunde gewöhnlich einsam und verlassen ist.«

Olinth nickte bejahend. Mit schnellem Schritt, aber mit lebhaftem und beobachtenden Auge ging er durch die Straßen. Da und dort wechselte er einen ausdrucksvollen Blick oder ein leichtes Zeichen mit einem der Vorbeigehenden, der seiner Kleidung nach den unteren Klassen angehörte; denn das Christenthum war hierin ein Vorbild aller andern minder wichtigen Revolutionen – das Senfkorn wucherte in den Herzen der Armen. Unter den Hütten der Armuth und des Fleißes hatte der gewaltige Strom, der später die Städte und Paläste der Erde mit seinem breiten Gewässer bespülte, seine unbeachtete Quelle.

Zweites Kapitel.

Die Mittagsfahrt auf dem kampanischen Meer.

»Aber erzähle mir Glaukus,« sagte Ione, als sie in ihrem Lustboote den kräuselnden Corpus hinabfuhren, »wie kamst Du mit Apäcides zu meiner Befreiung von jenem schändlichen Manne herbei?«

»Frage die Nydia dort,« antwortete der Athener, auf das blinde Mädchen deutend, das in einiger Entfernung von ihnen, nachdenkend auf seine Lyra gelehnt, saß. »Ihr mußt Du danken, nicht uns. Sie scheint in mein Haus gekommen zu sein, und da sie mich dort nicht traf, Deinen Bruder in seinem Tempel aufgesucht zu haben; er begleitete sie zu Arbaces; unterwegs trafen sei mich in einer Gesellschaft von Freunden, denen ich mich in der heitern Stimmung über Deinen freundlichen Brief angeschlossen hatte. Nydia's scharfes Ohr erkannte meine Stimme – wenige Worte genügten, mich zum Begleiter des Apäcides zu machen; meinen Gefährten übrigens sage ich nicht, warum ich sie verließ – konnte ich ihren leichten Zunge und ihrer Indiscretion Deinen Namen anvertrauen? Nydia führte uns an die Gartenthüre, durch welche wir Dich nachher trugen; wir traten ein und wollten uns eben in die Geheimnisse jenes argen Hauses stürzen, als wir Dein Geschrei in einer andern Richtung vernahmen. Das Übrige weißt Du.«

Ione erröthete tief; dann erhob sie ihre Augen zu Glaukus und in ihnen las er all den Dank, den sie nicht auszusprechen vermochte.

»Komm hierher, meine Nydia,« sprach Ione zärtlich zu der Thessalierin. »Sagte ich Dir nicht, Du sollest meine Schwester und Freundin sein? Bist Du nicht schon mehr gewesen – meine Beschützerin, meine Erretterin?«

»Das ist unbedeutend,« antwortete Nydia kalt, ohne aufzusehen.

»Ah, ich vergaß,« fuhr Ione fort, »daß ich zu Dir kommen muß.« Damit schritt sie längs der Schiffsbank hin, bis sie zu der Stelle kam, wo Nydia saß, schlang ihre Arme zärtlich um sie und bedeckte ihre Wangen mit Küssen.

Nydia war an diesem Morgen blässer als gewöhnlich und ihr Gesicht wurde sogar noch bleicher und farbloser, während die schöne Neapolitanerin sie umarmte. »Aber wie kam es denn, Nydia,« flüsterte Ione, »daß Du die Gefahr, der ich ausgesetzt war, so genau erriethest? Kanntest Du den Egypter schon?«

»Ja, ich kannte seine Laster.«

»Und woher?«

»Edle Ione, ich war eine Sklavin der Lasterhaften – die, denen ich diente, waren seine Gehülfen.«

»Du hast wohl sein Haus schon betreten, da Du jenen geheimen Eingang so genau kanntest?«

»Ich habe dem Arbaces auf meiner Leier gespielt,« erwiderte Nydia verlegen.

»Und Du bist der Gefahr entgangen, aus der Du Ione gerettet hast?« entgegnete die Neapolitanerin in einer Stimme, die für das Ohr des Glaukus zu leis war.

»Edle Ione, wir stehen weder Schönheit noch Rang zur Seite; ich bin ein Kind, eine Sklavin und blind; die Verachteten sind immer sicher.«

Nydia gab diese demüthige Antwort in einem schmerzlichen, stolzen und entrüsteten Tone, und Ione fühlte, daß sie durch längeres Besprechen dieses Gegenstandes das arme Kind nur verwunden würde. Sie blieb deshalb still und die Barke schwamm jetzt in die See hinaus.

»Gestehe, daß ich Recht hatte,« sprach Glaukus, »als ich Dich bestimmte, diesen schönen Mittag nicht in Deinem Zimmer zuzubringen – gestehe, daß ich Recht hatte.«

»Du hattest Recht, Glaukus,« fiel Nydia schnell ein.

»Das liebe Kind spricht für Dich,« erwiderte der Athener. »Gestatte mir jedoch, mich Dir gegenüber zu setzen, sonst könnte unser leichtes Boot das Gleichgewicht verlieren.«

Mit diesen Worten nahm er seinen Sitz gerade Ione gegenüber und bildete sich, vorwärts lehnend, ein, es sei ihr Athem und nicht der Sommerwind, der die Wohlgerüche über das Meer hinströme.

»Du wolltest mir sagen,« sprach Glaukus, »weshalb mir Deine Thüre so viele Tage verschlossen war.«

»Oh, denke nicht mehr daran!« antwortete Ione schnell; »ich schenkte dem Gehör, was ich jetzt als boshafte Verleumdung erkenne.«

»Und mein Verleumder war der Egypter?«

Ione's Stillschweigen bejahte die Frage.

»Seine Beweggründe liegen klar genug am Tage.«

»Rede nicht mehr von ihm,« bat Ione, ihr Gesicht mit den Händen bedeckend, als ob sie selbst den Gedanken an ihn verbannen wollte.

»Vielleicht ist er jetzt schon an den Ufern des langsamen Styx.« hub Glaukus von Neuem an, »doch hätten wir in diesem Falle wahrscheinlich von seinem Tode gehört. Dein Bruder hat, wie es mir scheint, unter dem schlimmen Einfluß seines finstern Gemüthes gelitten. Als wir gestern Nacht in Deinem Hause ankamen, verließ er mich plötzlich. Wird er sich je herablassen, mein Freund zu sein?«

»Irgend ein geheimer Kummer nagt an ihm,« antwortete Ione unter Tränen. »Könnten wir ihn doch von sich selber abziehen! Laß uns gemeinschaftlich dieses Liebeswerk unternehmen.«

»Er soll mein Bruder sein,« erwiderte der Grieche.

»Wie ruhig,« sagte Ione, indem sie sich aus der düstern Stimmung zu erheben suchte, in welche sie der Gedanke an Apäcides gestürzt, »wie ruhig scheinen die Wolken am Himmel zu schweben und doch sagtest Du mir – denn ich selbst wußte es nicht – die Erde habe gestern Nacht unter unsern Füßen gebebt.«

»Allerdings, und zwar, wie man sagt, heftiger als je seit der großen Erschütterung vor 16 Jahren; das Land, worin wir leben, hegt manchen geheimnisvollen Schrecken, und das Reich Pluto's, das sich unter unseren brennenden Feldern ausbreitet, scheint von unsichtbarem Kampfe gerissen. Fühltest Du gestern Nacht auf der Stelle, wo Du saßest, das Erdbeben nicht, und war es nicht die Furcht, Nydia, die Dich weinen machte?«

»Ich fühlte wie der Boden unter mir schwankte und sich hob, wie eine ungeheure Schlange,« antwortete Nydia, »aber da ich nicht sah, so hatte ich auch keine Furcht und glaubte, die Erschütterung sei ein Zauber des Egypters. Man behauptet, er habe Gewalt über die Elemente.«

»Du bist eine Thessalierin, meine Nydia,« erwiderte Glaukus, »und hast daher ein Nationalrecht, an Magie zu glauben.«

»Magie – wer zweifelt daran?« entgegnete Nydia einfach, »etwa Du?«

»Bis vorige Nacht, in welcher ein nekromantisches Wunder mich allerdings erschreckte, glaubte ich, so viel mir bewußt, an keine andere Magie, als an die der Liebe!« sprach Glaukus mit zitternder Stimme, seine Blicke auf Ione geheftet.

»Ach!« sagte Nydia mit einer Art Schauder und griff mechanisch einige freundliche Töne auf ihrer Leier, deren Ton zu der Ruhe des Wassers und zu der sonnigen Stille des Mittags trefflich paßte.

»Spiele uns, liebe Nydia,« hub Glaukus an, »spiele und gib uns eines Deiner alten thessalischen Lieder, mag es nun von Magie handeln oder nicht, wie Du willst, wenn es nur von Liebe spricht.«

»Von Liebe!« wiederholte Nydia, ihre großen, unstäten Augen aufschlagend, die Alle, welche darein schauten, mit einem gemischten Gefühle des Mitleidens und der Furcht erfüllten. Nie konnte man sich an ihren Anblick gewöhnen; so sonderbar erschien es, daß diese dunklen, wilden Kreise den Tag nicht kennen sollten, und ihr tiefer, geheimnisvoller Blick war entweder so starr, oder ihr Glanz so unruhig und wirr, daß man, wenn man ihnen begegnete, denselben unbestimmten und unheimlichen, halb übernatürlichen Eindruck empfand, den die Gegenwart von Wahnsinnigen in uns hervorruft – von Menschen, die, obwohl ihr äußeres Leben dem unsern gleicht, doch im Innern ein unähnliches, unergründliches und unenträthselbares Leben führen!

»Willst Du, daß ich von Liebe singe?« sagte sie, diese Augen auf Glaukus richtend.

»Ja!« antwortete er und blickte zu Boden.

Sie entfernte sich ein wenig aus dem sie noch immer umfassenden Arme Ione's, als ob diese sanfte Umarmung ihr hinderlich wäre, setzte ihr leichtes und anmuthiges Instrument auf ihr Knie und sang nach einem kurzen Vorspiel folgendes Lied:

Der Wind und der Lichtstrahl liebten die Rose,
Die Rose, sie liebte das Licht;
Wen fesselt der Wind, der haltungslose?
Wer liebt die Sonne nicht?

Wer weiß es, wohin der Wind sich stehle,
Der Wolken willenlos Spiel?
Wer träumt sich in sein Geächz' eine Seele,
Sein Murren ein zartes Gefühl?

O glückliches Licht, wie leicht kannst du malen
Das Feuer, von welchem du glühst,
Das Bild deiner Liebe, es liegt in den Strahlen,
Womit du den Liebling begrüß'st!

Doch wie kann der Wind seine Liebe bezeugen,
Vor dessen Gestöhn man erschrickt?
Laß zu der Geliebten ihn nieder sich beugen:
Sieh, seine Umarmung erstickt.

»Das ist ein trauriges Lied, süßes Mädchen,« sagte Glaukus, »Deine Jugend fühlt bis jetzt bloß den dunkeln Schatten der Liebe; eine ganz andere Begeisterung aber erweckt sie, wenn sie selbst hervorbricht und auf uns leuchtet.«

»Ich singe, wie ich gelehrt wurde,« antwortete Nydia seufzend.

»Dein Lehrer war also unglücklich in der Liebe – versuch' doch ein heitereres Lied. Doch nein, Mädchen, gib mir das Instrument.« Während Nydia gehorchte, streifte ihre Hand die seinige und bei dieser leichten Berührung hob sich ihre Brust, röthete sich ihre Wange. Ione und Glaukus bemerkten, ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, diese Zeichen sonderbarer und frühreifer Regungen nicht, die ein Herz verzehrten, das, durch die Einbildungskraft genährt, der Hoffnung entsagte.

Und jetzt dehnte sich breit, blau und hell vor ihnen, das halcyonische Meer aus, schön wie ich es in diesem Augenblicke, siebzehn Jahrhunderte später, dieselben göttlichen Küsten bespülen sehe. Himmel, der noch jetzt durch einen sanften Zauber wie zur Zeit der Circe, verweichlicht – der uns unbewußt und geheimnisvoll zur Harmonie mit sich selbst umgestaltet, jeden Gedanken an härtere Arbeit, die Stimme des wilden Ehrgeizes, den Kampf und Lärm des Lebens verbannt – der uns mit anmuthigen und überwältigenden Träumen erfüllt und unserer Natur das zum Bedürfnisse macht, was am wenigsten irdisch an ihr ist, so daß die Luft selbst uns die Sehnsucht und den Durst nach Liebe einhaucht. Jeder, der dich besucht, scheint die Erde und ihre bittern Sorgen hinter sich zu lassen – durch das elfenbeinerne Thor in das Land der Träume zu treten! Die jungen und lockenden Horen der Gegenwart – die Horen, jene Kinder des Saturn, welche dieser immer zu verschlingen trachtet, scheinen hier vor ihm gesichert zu sein. Die Vergangenheit wie die Zukunft sind vergessen, wir genießen bloß den Augenblick. Blumen im Garten der Welt, Quelle des Entzückens, Italien von Italien, schönes, mildes Kampanien! – übermüthig fürwahr waren die Titanen, wenn sie an dieser Stelle noch um einen andern Himmel kämpften! Wer sehnte sich nicht, wenn Gott dieses Werktagsleben zu einem beständigen Festtag bestimmt hätte, wer sehnte sich alsdann nicht, hier für immer zu leben – nichts wünschend, nichts hoffend, nichts fürchtend, so lange dein Himmel über ihm schwebt, so lange deine Meere zu seinen Füßen funkeln, so lange dein Luft ihm süße Botschaften von Veilchen und Orangen bringt, und so lange das Herz, mit einer einzigen Empfindung sich begnügend, die Lippen und Augen finden kann, die ihm (Eitelkeit der Eitelkeiten!) mit der Versicherung schmeicheln, die Liebe könne der Abnützung trotzen und ewig sein?

Unter diesem Himmel also und auf diesen Meeren, schaute der Athener in ein Antlitz, das der Nymphe, des Schutzgeistes des Ortes, würdig gewesen wäre. An den wechselnden Rosen dieser zarten Wangen seine Augen weidend, fühlte er sich glücklich über das Maaß des gewöhnlichen Lebensglückes, denn er liebte und wußte, daß er geliebt wurde.

Die Beschreibung menschlicher Leidenschaften aus früheren Zeiten gewinnt gerade durch die Entfernung der Zeiten ein besonderes Interesse. Wir freuen uns, das Band, das die entferntesten Zeiten verknüpft, in uns zu fühlen. Menschen, Völker, Gebräuche vergehen. Die Neigungen sind unsterblich! – Sie sind der sympathische Reif, der alle Generationen umschlingt. Die Vergangenheit lebt wieder auf, wenn wir ihre Gefühle betrachten – sie lebt ins uns selbst! Was war, ist immer. Der Talisman, der die Tödten belebt, den Staub vergessener Gräber neu beseelt, liegt nicht in der Geschicklichkeit des Schriftstellers, sondern im Herzen des Lesers.

Noch immer vergebens die Blicke Ione's suchend, welche halb niedergeschlagen, halb abgewendet die seinigen mieden, drückte der Athener die Gefühle, welche durch beseligendere Gedanken hervorgerufen werden, als diejenigen waren, welche dem Gesange der Nydia die Färbung gegeben, mit sanfter und leiser Stimme folgendermaßen aus:

Die Barke schwebt auf dem glühenden Meer,
Mein Herz auf den Wogen der Liebe daher;
Im Raume verloren, erschrickt es doch nicht,
Denn klar wie dein Aug ist der Fluten Gesicht.
Bald schwellend, bald hohl ist's über den Tiefen,
Dein Lächeln, dein Seufzen bestimmt sein Geschick;
Das Zwillingsgestirn, das die Schiffer sonst riefen,
Der Leitstern, der Gott für das Herz – ist dein Blick.

Die Barke mag sinken, wenn Wolken erstehn,
Was soll sie auch, kann sie den Leitstern nicht sehn?
Dein Lächeln, dein Licht ist ihr Leben und Lust,
Dein Zürnen, dein Dunkeln des Daseins Verlust.
O sänk' sie, so lang sie kann Liebe noch lesen,
Im Auge, das frei vom Gewölke noch ist!
Ich möcht' nicht beweinen, was du mir gewesen,
Möcht streben, so lang ich noch weiß, was du bist.

Als die letzten Worte dieses Liedes über die See hinzitterten, erhob Ione die Augen und begegnete denen ihres Geliebten. Glückliche Nydia! – glücklich in deinem Leben, daß du diesen bezaubernden und entzückenden Blick nicht sehen konntest, der so viel sagte, der das Auge zur Stimme der Seele machte, der die Unmöglichkeit eines Wechsels gelobte.

Obgleich übrigens die Thessalierin diesen Blick nicht bemerken konnte, so errieth sie doch dessen Bedeutung an dem Schweigen der beiden Liebenden, an ihren Seufzern. Sie drückte ihre Hände fast kreuzweise gegen die Brust, als ob sie die bittern und eifersüchtigen Regungen derselben niederdrücken wollte, und beeilte sich sodann, zu sprechen – denn dieses Stillschweigen war ihr unerträglich.

»Im Grunde genommen, o Glaukus,« sprach sie, »liegt nichts besonders Heiteres in Deinem Liede.«

»Und doch wollte ich etwas Heiteres geben, als ich Deine Leier nahm. Hübsches Kind, vielleicht gestattet uns das Glück nicht, fröhlich zu sein.«

»Wie sonderbar,« begann Ione, ein Gespräch ändernd, das sie zugleich beengte und entzückte, »daß seit mehren Tagen jene Wolke bewegungslos über dem Vesuv hängt, oder eigentlich nicht ganz bewegungslos, denn bisweilen wechselt sie ihre Form, und gerade jetzt erscheint sie mir wie ein gewaltiger Riese, der einen Arm über die Stadt ausstreckt; kommt sie Dir auch so vor, oder ist dieses Bild nur das Kind meiner Einbildungskraft?«

»Schöne Ione! Auch ich finde diese Ähnlichkeit, und sie ist wirklich erstaunlich scharf ausgeprägt. Der Riese scheint auf der Spitze des Berges zu sitzen, die verschiedenen Schatten der Wolke stellen ein weißes und flatterndes Kleid um seine gewaltige Brust und seine Glieder vor; mit festem Blicke scheint er auf die Stadt hinabzuschauen, mit einer Hand, wie Du sagtest, auf ihre schimmernden Straßen hinzudeuten, die andere aber – bemerkst Du es nicht? – gegen den Himmel zu erheben. Man möchte sagen, es sei der Geist eines riesenhaften Titanen, der über die schöne Welt brütet, die er verloren; trauernd um die Vergangenheit, zugleich aber auch eine gewisse Drohung für die Zukunft aussprechend.«

»Sollte dieser Berg in einigem Zusammenhang zu dem Erdbeben der vorigen Nacht stehen? Man sagt, vor vielen Jahrhunderten, fast in der frühesten Epoche, deren Andenken uns überliefert wurde, habe er Feuer ausgeworfen, wie noch jetzt der Aetna. Vielleicht lauern und glühen die Flammen immer noch in seiner Tiefe.«

»Das ist möglich!« entgegnete Glaukus nachdenklich.

»Du sagtest, Du glaubest nicht sehr an Magie?« fiel Nydia plötzlich ein. »Ich habe gehört, eine mächtige Hexe wohne inmitten der ausgebrannten Höhlen des Berges, und jene Wolke ist vielleicht der dunkle Schatten des bösen Geistes, mit dem sie verkehrt.«

»Du hast den Kopf voll von phantastischen Ideen Deines Heimathlandes Thessalien,« antwortete Glaukus, »und zeigst eine sonderbare Mischung von Verstand und all dem widerstrebenden Aberglauben.«

»Im Dunkeln sind wir immer abergläubisch,« entgegnete Nydia. »Sage mir,« fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu, »sage mir, Glaukus, gleichen Alle, die schön sind, einander? Man sagt, Du seiest schön und Ione ebenfalls. Sind Eure Gesichter also dieselben? Ich glaube nicht, obgleich ich es vielleicht sollte.«

»Füge Ionen kein so schweres Unrecht zu,« antwortete Glaukus lachend, »denn ach, wir gleichen einander nicht einmal in der Weise, in welcher sich der Häßliche und der Schöne bisweilen gleichen. Ione's Haar ist dunkel, das meinige hell; Ione's Augen sind – von welcher Farbe, Ione? Ich kann sie so nicht sehen, wende sie mir zu. Oh, sind sie schwarz? Nein, sie sind zu sanft. Sind sie blau? Nein, sie sind zu tief; sie wechseln mit jedem Strahl der Sonne – ich weiß ihre Farbe nicht – aber die meinigen, süße Nydia, sind grau und glänzen nur, wenn Ione auf sie scheint! Ione's Wange ist ...«

»Ich verstehe auch nicht ein Wort von Deiner Beschreibung,« fiel Nydia verdrießlich ein, »ich begreife bloß, daß Ihr einander nicht gleicht, und bin erfreut darüber.«

»Wie so, Nydia?« sagte Ione.

Nydia erröthete leicht; »weil ich,« antwortete sie kalt, »mir Euch immer unter verschiedenen Formen gedacht habe, und man sich freut, zu erfahren, daß man Recht habe.«

»Und welchem Gegenstand dachtest Du, daß Glaukus gleiche?« fragte Ione sanft.

»Der Musik,« antwortete Nydia, die Augen niedersenkend.

»Du hast Recht,« dachte Ione.

»Und welche Ähnlichkeit hast Du Ione zugeschrieben?«

»Ich kann es noch nicht sagen,« antwortete das blinde Mädchen; »ich kenne sie noch nicht lange genug, um Gestalt und Zeichen für meine Muthmaßungen aufzufinden.«

»Dann will ich es Dir sagen,« sprach Glaukus leidenschaftlich; »sie ist die Sonne, die erwärmt, wir die Woge, die erfrischt.«

»Die Sonne verbrennt und die Woge ertränkt bisweilen,« antwortete Nydia.

»So nimm die Rose,« sprach Glaukus, »möge ihr Duft Dir ein Bild von Ione geben.«

»Ach, die Rosen verwelken,« rief die Neapolitanerin boshaft.

Unter solchem Gespräche verbrachten sie die Stunden – die Liebenden nur des Glanzes und des Lächelns der Liebe bewußt, das blinde Mädchen aber nur ihre Dunkelheit und ihre Qualen, die Wuth der Leidenschaft und ihre Wehen fühlend.

Während sie so von den Wellen hingetrieben wurden, ergriff Glaukus von Neuem die Laute und ließ ihre Saiten mit leichter Hand von einem so ungekünstelten und heiter schönen Liede ertönen, daß selbst Nydia aus ihren Träumen aufgeweckt wurde und einen Schrei der Bewunderung ausstieß.

»Du siehst, mein Kind,« rief Glaukus, »daß ich den Charakter der Liebesmusik noch retten kann, und daß ich Unrecht hatte, als ich sagte, das Glück könne nicht heiter sein. Höre Nydia! höre, theure Ione! höret

Die Geburt der Liebe.Eingegeben durch ein von Pompeji hinweggenommenes und nunmehr im Museum zu Neapel sich befindendes Gemälde der Venus, wie sie aus dem Meere aufsteigt.

1.

Ein Stern aus des Gewölkes Siebe,
Ein Traumbild aus der Nächte Lauf,
So stieg die fleischgewordene Liebe
Aus der entzückten Tiefe auf.
Und neudurchglühte Strahlen baden
Sich an den cyprischen Gestaden;
Und durch die grünen Wipfel zittert
Ein neues Leben luftumwittert,
Ein Leben, das mit Glutverlangen
Sogleich die ganze Welt umfangen.
Heil dir, Heil!
Ihr huldigten des Meeres Tiefen,
Die Reife ihr am Sternenzelt,
In ihrem hohen Schweigen riefen
Sie: Heil der Königin der Welt!
Heil dir, Heil!
Der Zephyr schwamm auf Silberlocken
An sie heran mit Liebeslust,Nach der Mythologie der Alten entstieg Venus dem Meere in der Nähe von Cypern, wohin sie sodann von den Zephyren geweht wurde. Hier warteten die Jahreszeiten ihrer, um sie zu bewillkommnen.
Und koste mit den goldnen Locken
Und koste mit der Schwanenbrust.
Und auf des Ufer's weichem Sand
Drehn sich die Horen Hand in Hand,
Sie zu empfangen auf der Erden,
Die ihr soll unterwürfig werden.

2.

Sieh, wie sie in der Muschel ruht,
Die Königsperle in der Flut!
Und dieser Muschel Rosenschimmer
Sich auf dem Schnee des Nackens gießt,
Und mit verschämten Glutgeflimmer
Die zarten Glieder überfließt.
Indem sie leise durch die Tänze
Der Silberwogen ringt,
Der Tochter seine Freudenkränze
Das Licht entgegenschlingt.
Heil, Heil!
Dein sind wir Alle für und für,
Kein Ländchen auf dem Land ist hier,
Kein Tropfen in den Meeren,
Kein Seufzer in des Himmels Plan,
Und keine Perle in dem Thau,
Die dein nicht ewig wären.

3.

Und du, Geliebte, die ich meine,
Mir ist, als müßt ich aus dem Scheine,
Dem tiefen, deiner blauen Augen,
Die Göttin in das Herz mir saugen.
Die Lieder sind die Muschelschaale,
Worin die junge Liebe glüht;
Sieh, wie sie mir mit Einemmale
Aus dem Gehäus entgegensprüht!
Heil, Heil, Heil!
Sie steigt, wie sie der See entstiegen,
Ins Herz hinab aus deinen Zügen,
Ins Herz hinab, ins Herz hinab.
Sie steigt wie sie der See entstiegen
Ins Herz hinab aus deinen Zügen,
Ins Herz hinab, ins Herz hinab.

Drittes Kapitel.

Die Christenversammlung.

Gefolgt von Apäcides, erreichte der Nazarener das Ufer des Sarnus. Dieser Fluß, der heutzutage zu einem Bächlein eingeschrumpft ist, stürzte sich damals munter in das Meer, bedeckt mit zahllosen Fahrzeugen und aus seinen Wogen die Gärten, die Weinberge, die Paläste und die Tempel von Pompeji zurückwerfend. Von seinen geräuschvolleren und besuchteren Gestaden wandte Olinth seine Schritte einem Pfade zu, der in geringerer Entfernung vom Flusse unter dem Schatten von Bäumen sich hinabschlängelte. Dieser Weg war des Abends ein Lieblingsplätzchen der Pompejaner, während der Hitze und Lasten des Tages aber selten besucht, außer etwa von einigen Gruppen spielender Kinder, einem nachdenkenden Poeten oder einigen streitsüchtigen Philosophen. Auf der vom Ufer entferntesten Seite tauchten unter dem zarteren und schwindenden Laubwerk mehre Buchsbäume auf, und diese waren in tausend wunderliche Gestalten geschnitten, indem sie bald Faunen und Satyre, bald die Nachahmung egyptischer Pyramiden, bisweilen auch die Buchstaben darstellten, welche den Namen eines beim Volke beliebten oder hochgestellten Bürgers bildeten. So ist der falsche Geschmack ebenso alt als der reine, und die Kaufleute, welche sich vor hundert Jahren nach Hackney und Paddington zurückzogen, ahnten vielleicht nicht, daß sie zu ihren verstümmelten Eibenbäumen und ihrem ausgeschnittenen Buchs in der versteinerten Periode des römischen Alterthums, in den Gärten Pompeji's und den Villen des so schwer zu befriedigenden Plinius ihre Vorbilder finden konnten.

Dieser Spaziergang war jetzt, wo die Mittagssonne senkrecht durch das bunte Laub herabbrannte, gänzlich verlassen. Wenigstens brachen keine andere Gestalten als die des Olinth und des Priesters auf die Einsamkeit herein. Die Beiden setzten sich auf eine der Bänke, die in gewissen Entfernungen in der Weise zwischen die Bäume gestellt waren, daß unsern Freunden die schwache Brise, die langsam vom Flusse herkam, ins Gesicht wehte, dessen Wellen vor ihnen tanzten und funkelten; – ein eigenthümliches und merkwürdig contrastirendes Paar! – ein Bekenner des jüngsten und ein Priester des ältesten Cultus der Welt!

»Bist Du,« fragte Olinth, »glücklich gewesen, seit Du mich so plötzlich verlassen? Hat Dein Herz seine Zufriedenheit gefunden unter diesem priesterlichen Gewande? Hast Du in Deinem Verlangen nach der Stimme Gottes etwas gehört, daß sie Dir aus den Orakeln der Isis Trost zuflüsterte? Dieser Seufzer, dieses abgewandte Gesicht, geben mir diejenige Antwort, die meine Seele voraussagte.«

»Ach,« entgegnete Apäcides wehmütig, »Du siehst einen elenden und verstörten Mann vor Dir! Von meiner Kindheit an habe ich die Tugend schwärmerisch angebetet, habe die Heiligkeit von Männern beneidet, die in Höhlen und einsamen Tempeln in die Gesellschaft überirdischer Wesen zugelassen wurden; meine Tage verzehrten sich in fieberhaften und unbestimmten Wünschen, meine Nächte in Visionen, die, obwohl sie feierlich waren, mich doch nur höhnten. Verführt durch die geheimnisvollen Prophezeihungen eines Betrügers habe ich dieses Gewand angelegt; meine Natur – ich bekenne es Dir frei – meine Natur empörte sich über das, was ich sah und woran ich Theil zu nehmen verdammt war! Nach Wahrheit ringend, ward ich nur ein Diener der Lüge. An dem Abend, an welchem wir uns zuletzt sahen, wurde ich durch Hoffnungen emporgehoben, die derselbe Betrüger, den ich bereits besser hätte kennen sollen, in mir erweckt hatte. Ich habe – doch lassen wir das – genug, ich habe Meineid und Sünde der Übereilung und der Betrübnis beigefügt. Nunmehr aber ist der Schleier für immer von meinen Augen gerissen – ich sehe einen Schurken, wo ich einem vermeintlichen Gotte gehorchte; die Erde dunkelt vor meinen Augen, ich befinde mich im tiefsten Abgrund der Finsternis; ich weiß nicht, ob es Götter da oben gibt – ob wir Geschöpfe des Zufalls sind – ob jenseits des beschränkten und düsteren Jetzt Vernichtung oder ein Nachher folgt – sage mir also Deinen Glauben, löse mir diese Zweifel, wenn Du in Wahrheit die Macht dazu hast.«

»Ich wundere mich nicht,« antwortete der Nazarener, »daß Du also geirrt hast, also zum Zweifler geworden bist. Vor 80 Jahren hatte der Mensch noch keine Gewißheit von Gott oder von einer sichern und bestimmten Zukunft jenseits des Grabes. Neue Gesetze sind dem verkündet worden, der Ohren hat zu hören – ein Himmel, ein wahrer Olymp, ist dem enthüllt, der Augen hat zu sehen – habe also Acht und höre.«

Und mit dem ganzen Ernste eines Mannes, der selbst inständig glaubt und eifrig ist, Andere zu bekehren, trug der Nazarener dem Apäcides die Verheißungen der Schrift vor. Er redete zuerst von den Leiden und Wundern Christi, weinte, während er sprach, und ging sodann zu den Herrlichkeiten der Auferstehung des Heilandes, zu der klaren Verheißung der Offenbarung über. Er beschrieb jenen reinen und unsinnlichen Himmel, der der Tugendhaften harrte; jene Flammen und Qualen, die das Los der Sünder seien.

Zweifel, wie sie in dem Geiste späterer Vernünftler hinsichtlich der unermeßlichen Opferung Gottes für die Menschen, sich einstellen, konnten einem Helden jener Zeit sich durchaus nicht aufdrängen. Dieser war daran gewöhnt zu glauben, daß die Götter auf Erden gelebt, menschliche Gestalten angenommen, menschliche Leidenschaften, menschliche Beschäftigungen und menschliches Mißgeschick getheilt hätten. Was war denn das Wirken des Sohnes der Alkmäna, auf dessen Altären jetzt der Weihrauch von zahllosen Städten brannte, anders denn eine zum Besten des Menschengeschlechts übernommene Mühe? Hatte nicht der große horische Apoll eine mystische Sünde dadurch gesühnt, daß er zum Grabe hinabstieg? Alle Gottheiten des Himmels waren die Gesetzgeber oder Wohlthäter der Erde gewesen, und Dankbarkeit hatte zu ihrer Anbetung geführt. Für einen Heiden lag somit weder etwas Neues noch etwas Sonderbares in der Lehre, daß Christus vom Himmel gepflanzt worden sei und ein Unsterblicher die Sterblichkeit angenommen und die Bitterkeit des Todes verschmeckt habe; das Ziel aber, um Dessentwillen er also gerungen und also gelitten – wie unendlich herrlicher erschien es dem Apäcides als das, um Dessentwillen die alten Gottheiten die niedere Erde besucht und die Thore des Todes durchschritten hatten! War es nicht eines Gottes würdig, in die dunklen Thäler herabzusteigen, um die Wolken zu zerstreuen, die sich über dem dunklen Berge jenseits zusammgezogen hatten – um die Zweifel der Weisen zu stillen – um Vermuthung in Gewißheit zu verwandeln – und durch das eigene Beispiel die Regeln des Lebens vorzuzeichnen und durch Offenbarung das Geheimnis des Grabes zu lösen und zu beweisen, daß die Seele keiner vergeblichen Sehnsucht sich hingebe, wenn sie von einer Unsterblichkeit träume? Dieser letzte Punkt hauptsächlich war der stärkste Beweis jener niedern Männer, welche die Erde zu bekehren bestimmt waren. Wie dem Stolze und den Hoffnungen der Menschen nichts mehr schmeichelt, als der Glaube an einen künftigen Zustand, so konnte auch nichts unbestimmter und verworrener sein, als die Begriffe der heidnischen Weisen über diesen mystischen Gegenstand.

Das wußte Apäcides bereits, daß der Glaube der Philosophen nicht der der großen Heerde war; daß, wenn sie auch insgeheim an eine göttliche Macht glaubten, sie es doch nicht für klug hielten, diesen Glauben der Masse mitzutheilen. Bereits wußte er, daß selbst der Priester das verlache, was er dem Volke predigte, daß die Begriffe der Vielen und er Wenigen beständig von einander abwichen. In diesem neuen Glauben hingegen schienen ihm Philosophen, Priester und Volk, die Ausleger der Religion wie ihre Jünger vollständig übereinzustimmen; sie grübelten und stritten nicht über Unsterblichkeit, sondern sprachen davon, als von etwas Gewissen und Zugesicherten. Die Erhabenheit der Verheißung blendete, ihre Tröstungen beruhigten ihn. Denn der christliche Glaube machte seine frühesten Bekehrungen unter Sündern. Manche seiner Väter und Märtyrer waren Männer, welche die Bitterkeit des Lasters gefühlt hatten, und sich deshalb durch seinen falschen Schein nicht mehr von dem Pfad einer strengen und unwandelbaren Tugend verlocken ließen. Alle die Zusicherungen dieses heilenden Glauben luden zur Buße ein – paßten besonders für die am Geiste Zerschlagenen und Kranken; und gerade die Reue, welche Apäcides über seine neuesten Ausschweifungen empfand, zog ihn zu einem Manne hin, der in dieser Reue etwas Heiliges sah und von der Freude sprach, die im Himmelreich sein werde über einen Sünder, der Buße thue.

»Komm,« sprach der Nazarener, als er die von ihn hervorgebrachte Wirkung gewahrte, »komm in die niedere Halle, in welcher wir uns versammeln, eine kleine Schaar von Auserlesenen und Erwählten. Höre dort unsere Gebete an; betrachte die Aufrichtigkeit unserer reumüthigen Thränen; nimm Theil an unserem einfachen Opfer, bei welchem wir keine Thiere oder Kränze darbringen, sondern unbefleckte Gedanken auf dem Altare des Herzens niederlegen; unsere Blumen sind unvergänglich, sie blühen über uns, wenn wir nicht mehr sind, ja sie begleiten uns bis jenseits des Grabes, sprossen im Himmel unter unsren Füßen auf, entzücken uns durch ewigen Duft, denn sie gehören der Seele an und theilen ihre Natur; diese Opfergaben sind überwundene Versuchungen und bereute Sünden. Komm, o komm! verliere keinen weiteren Augenblick, bereite Dich schleunigst auf die große, die hehre Reise von der Dunkelheit zum Licht, von der Betrübnis zur Wonne, von der Verderbnis zur Unsterblichkeit. Dies ist der Tag des Herrn, ein Tag, den wir zu unsrer Andacht besonders ausgewählt haben. Obgleich wir gewöhnlich Nachts zusammenkommen, sind doch auch jetzt schon Einige von uns versammelt. Welche Freude, welcher Triumph wird bei uns Allen sein, wenn wir ein verwirrtes Lamm in die heilige Hürde bringen können.«

Dem Apäcides, der von Natur ein so reines Herz besaß, schien etwas unaussprechlich Edles und liebreiches in dem Geiste der Bekehrung zu liegen, welcher den Olinth beseelte – ein Geist, der in dem Glücke Anderer seine eigene Wonne fand, dessen umfassende Menschenliebe darnach strebte, sich Genossen für die Ewigkeit zu schaffen. Er fühlte sich gerührt, erweicht, bezwungen. Er war durchaus nicht in der Stimmung, gerne allein bleiben zu wollen; auch die Neugierde mischte sich in seine reineren Triebe – er wünschte die religiösen Gebräuche zu sehen, über welche so viele dunkle und widersprechende Gerüchte im Umlauf waren. Einen Augenblick hielt er an, schaute auf sein Kleid, dachte an Arbaces, schauderte vor Schrecken und erhob seine Augen zu der breiten Stirne des Nazareners, auf der sich ängstliche und wachsame Sorge, aber nur für sein Bestes, für seine Rettung, aussprach! Dann hüllte er sich in seinen Mantel ein, so daß dieser sein Amtskleid völlig verbarg und sagte: »Führe mich, ich will Dir folgen.«

Olinth drückte ihm freudig die Hand, stieg mit ihm zum Ufer des Flusses hinab und rief eines der Boote herbei, die dort beständig umherfuhren. Sie bestiegen dasselbe; eine übergespannte Decke, die sie vor der Sonne schützte, sicherte sie auch zugleich vor der Beobachtung Fremder. Schnell fuhren sie über das Wasser hin. Aus einem Boote, das an ihnen vorbeifuhr, ertönte eine sanfte Musik und sein Vordertheil war mit Blumen geschmückt; es glitt der See zu.

»So,« sagte Olinth wehmütig, »so segeln die Götzendiener irdischer Pracht, unbewußt und freudig in ihren Täuschungen, auf den großen Ocean des Sturmes und Schiffbruches hinaus; still und unbeobachtet fuhren wir an ihnen vorbei, um das Land zu erreichen.«

Apäcides schlug die Augen auf und gewahrte durch die Oeffnung an der Decke das Gesicht einer der Personen, die sich in jener m untern Barke befanden – es war das Gesicht Ione's. Die Liebenden hatten sich zu jener Spazierfahrt eingeschifft, auf der wir sie begleiten. Der Priester seufzte und sank auf seinen Sitz zurück. In der Vorstadt, an einer Stelle, wo eine Reihe kleiner und bescheidener Häuser sich bis zum Flusse hinstreckten, erreichten sie das Ufer. Sie traten ans Land, und Olinth, der dem Priester voranging, führte diesen durch ein Labyrinth von Gäßchen, bis er endlich vor der verschlossenen Thüre einer etwas größeren Behausung anlangte. Dreimal klopfte er; die Thüre ging auf und schloß sich wieder, so bald Apäcides seinem Führer über die Schwelle nachgefolgt war.

Nachdem sie ein einsames Atrium durchschritten, gelangten sie in ein inneres Gemach von mäßiger Größe, das, wenn die Thüre geschlossen war, all sein Licht nur durch ein kleines, über der Thüre selbst angebrachtes Fenster erhielt. An der Schwelle dieses Zimmers jedoch blieb Olinth stehen, klopfte an und sagte: »Friede sei mit Euch!« worauf eine Stimme von innen antwortete: »Friede mit wem?«

»Mit den Gläubigen,« entgegnete Olinth und die Thüre ging auf. Da saßen zwölf oder vierzehn Personen, schweigend und dem Anscheine nach in Gedanken versunken, in einem Halbkreise, ihnen gegenüber aber befand sich ein roh aus Holz geschnitztes Kruzifix.

Als Olinth eintrat, schlugen sie, ohne zu sprechen, ihre Augen auf; der Nazarener selbst kniete, bevor er sie anredet, sofort nieder und aus seinem bewegten Lippen und dem fest auf das Kreuz gerichteten Blicke, ersah Apäcides, daß er im Stillen betete. Nachdem diese religiöse Handlung vollbracht war, wandte sich Olinth gegen die Versammlung mit den Worten: »Männer und Brüder, erschreckt nicht, einen Priester der Isis in Eurer Mitte zu sehen; er hat bei den Blinden geweilt, aber der Geist ist über ihn gekommen; er wünscht zu sehen, zu hören und zu verstehen.«

»Möge er das thun,« sagte einer von der Versammlung, in welchem Apäcides einen noch jüngern Mann als er selbst, erblickte, von einem gleich blassen und abgemagerten Gesicht, dessen Auge in gleichem Maaße die rastlose und feurige Thätigkeit eines regsamen Geistes zur Genüge andeutete.

»Möge er das thun,« wiederholte eine zweite Stimme, und der also sprach, stund in der Mitte seines Mannesalters; seine bronzierte Haut und seine asiatischen Züge verriethen in hm einen Sohn Syriens – in seiner Jugend war er ein Räuber gewesen.

»Möge er das thun,« sagte eine dritte Stimme und der Priester, der sich von Neuem nach dem Sprechenden umwandte, sah nun einen alten Mann mit langem, grauen Barte, in welchem er einen Sklaven des reichen Diomed erkannte.

»Möge er das thun,« wiederholten einstimmig die übrigen Leute, die, einen Officier der Leibwache und einen Kaufmann aus Alexandria ausgenommen, augenscheinlich der unteren Kaste angehörten.

»Wir verpflichten Dich nicht,« begann Olinth von Neuem, »wir verpflichten Dich nicht zur Geheimhaltung; wir legen Dir keine Eide auf, uns nicht zu verrathen, wie es manche unserer schwächeren Brüder thun würden. Es gibt allerdings kein bestimmtes Gesetz gegen uns, aber die Menge, wilder als ihre Gebieter, dürstet nach unserm Leben. So meine Freunde war es, als Pilatus zögerte, das Volk, welches schrie: ›Kreuzige ihn, kreuzige ihn!‹ Aber wir verpflichten Dich nicht zu unserer Sicherheit – nein, verrathe uns der Menge – klage uns an, lästere und verleumde uns, wenn Du willst; wir stehen über dem Tod, und würden freudig in die Löwengrube oder auf die Folterbank gehen – wir können das Dunkel des Grabes niedertreten und was für einen Verbrecher Tod ist, das ist für den Christen Ewigkeit.«

Ein leises und beifälliges Flüstern machte sich in der Versammlung bemerklich.

»Du bist in unsere Mitte gekommen als ein Prüfender, mögest Du bleiben als ein Bekehrter. Unsere Religion? Du siehst sie! Jenes Kreuz ist unser einziges Bild, jene Rolle enthält die Geheimnisse unseres Cäre und Eleusis! Unsere Moral? sie spricht sich in unserem Leben aus! Sünder sind wir Alle gewesen; wer kann uns aber jetzt eines Verbrechens anklagen? Wir haben die Vergangenheit in der Taufe von uns abgewaschen. Glaube nicht, dies sei unser Vollbringen, es ist Gottes Werk. Komm her, Medon,« dem alten Sklaven zuwinkend, welcher der dritte gewesen, der für die Zulassung des Apäcides gesprochen hatte, »Du bist der Einzige unter uns, der nicht frei ist; aber im Himmel werden die Letzten die Ersten werden und so sei es auch bei uns. Entfalte jene Rolle, lies und erkläre.«

Wir haben wohl nicht nöthig, der Vorlesung Medons oder den Erläuterungen der Versammlung hier Wort für Wort zu folgen. Jene damals seltsamen und neuen Lehren sind jetzt allgemein bekannt. Achtzehn Jahrhunderte haben uns aus der Lehre der Schrift oder dem Leben Christi wenig zu erläutern übrig gelassen. Auch würden wir in den Zweifeln, welche einem heidnischen Priester sich aufdrängten, wenig mit unsern Ideen Verwandtes, sowie wenig Gelehrsamkeit in den Antworten finden, die bloße Zweifel von unerzogenen, ungebildeten und einfachen Leuten erhielten, deren einzige Kenntnis in dem Bewußtsein bestand, daß sie größer waren, als sie schienen.

Etwas rührte den Neapolitaner besonders; als die Vorlesung beendigt war, hörte man ein sehr leises Klopfen an der Thüre; das Einlaßwort wurde auf vorgängiges Befragen gegeben, die Thüre öffnete sich und zwei Kinder, deren ältestes sieben Jahre alt sein mochte, traten schüchtern ein. Es waren die Kinder des Hausherrn, jenes dunklen und kräftigen Syriers, der seine Jugend unter Rauben und Blutvergießen zugebracht hatte. Der älteste der Gemeinde, jener alte Sklave, öffnete ihnen seine Arme; sie flogen zu ihm hin, kletterten zu seiner Brust hinauf und seine harten Züge wurden mild, als er sie liebkoste. Und diese kühnen und inbrünstigen Männer, unter dem Wechsel der Dinge aufgewachsen, von den rauhen Winden des Lebens zerschlagen – Männer von eiserner und unbezwinglicher Tapferkeit, bereit, einer Welt die Stirne zu bieten, gefaßt für die Folter und gewaffnet für den Tod – Männer, die jeden denkbaren Gegensatz zu den schwachen Nerven, den leichten Herzen, und der zarten Gebrechlichkeit der Kinder darboten, drängten sich nunmehr um die Kleinen, die Falten ihrer Stirne legte sich und ein freundliches und herzliches Lächeln trat auf ihre bärtigen Lippen. Dann öffnete der alten Mann die Rolle und lehrte die Kinder jenes schöne Gebet nachsprechen, das wir noch immer das Gebet des Herrn heißen und auch unser Kinder lehren. Dann erzählte er ihnen in einfacher Sprache von der Liebe Gottes zu der Jugend, und wie kein Sperling vom Dache falle, ohne daß es sein Auge sehe. Dieser liebliche Brauch, die Kinder in die Religion einzuweihen, wurde in der frühesten Kirche lange Zeit beibehalten, zum Gedächtnis der Worte: »Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.« Und von ihm vielleicht rührte jene abergläubische Verleumdung her, die den Nazarenern dasjenige Verbrechen zuschrieb, welches die Nazarener, als sie Sieger waren, den Juden zur Last legten, nämlich das Einziehen von Kindern zu ihren abscheulichen Gebräuchen, bei welchen diese insgeheim geschlachtet würden.

Der ernste, reuige Vater aber schien in der Unschuld seiner Kinder eine Rückkehr zu seinem früheren Leben zu fühlen – zu seinem Leben, ehe er gesündigt hatte. Der Bewegung ihrer jungen Lippen folgte er mit ernstem Blicke; er lächelte, als sie mit schüchterner und ehrerbietiger Miene die heiligen Worte nachsprachen, und als diese Belehrung vorüber war, und sie frei und heiter auf seinen Schooß sprangen, da drückte er sie an seine Brust, küßte sie zu wiederholtenmalen, und Thränen flossen seine Wangen hinab – Thränen, deren Quelle aufzufinden unmöglich gewesen wäre, so sehr vermischten sich in ihnen Freude und Kummer, Reue und Hoffnung, die Gewissensbisse der eigenen Brust und Liebe für die Kleinen!

Es lag etwas, sage ich, in dieser Scene, das den Apäcides besonders ergriff, und es ist in der That schwer, eine feierliche Handlung zu erdenken, die der Religion der Liebe entsprechender wäre, mehr zu den gewöhnlichen und allgemeinsten Gefühlen spräche, eine empfänglichere Saite in der Menschenbrust berührte.

In diesem Augenblicke öffnete sich eine innere Thüre leise und ein sehr alter Mann trat, auf einen Stab gestützt, in das Zimmer. Bei seinem Eintritt erhob sich die ganze Versammlung; ein Ausdruck tiefer und zärtlicher Achtung malte sich auf jedem Gesichte, und Apäcides fühlte sich, als er die Züge des Eintretenden betrachtete, durch eine unwiderstehliche Sympathie zu ihm hingezogen. Nie sah Jemand ohne Liebe auf dieses Gesicht; denn auf ihm hatte das Lächeln der Gottheit, der Menschwerdung göttlicher Liebe geruht und die Herrlichkeit jenes Lächelns war nie wieder verschwunden!

»Meine Kinder, Gott sei mit Euch,« sprach der Alte, seine Arme ausbreitend, während die Kindlein auf ihn zusprangen. Er setzte sich nieder und sie nisteten sich liebkosend in seinen Schooß. Ein herrlicher Anblick, diese Vereinigung der Extreme des Lebens – der aus seiner Quelle sprudelnde Bach und der majestätische, dem Ocean der Ewigkeit zueilende Strom. Wie das Licht des scheidenden Tages Erde und Himmel zu vereinigen scheint, indem es die Umrisse beider kaum sichtbar macht und die rauhen Bergspitzen mit dem Himmel verschmilzt, so schien auch das Lächeln dieses liebreichen alten Mannes die äußere Erscheinung derer, die ihn umgaben, zu heiligen, die scharfen Unterscheidungen der verschiedenen Jahre zu verschmelzen und über Kindheit und Mannesalter das Licht des Himmels auszugießen, in welchem es so bald verschwinden und sich verlieren sollte.

»Vater,« sagte Olinth, »Du, an dessen Leib das Wunder unsers Erlösers wirkte, Du, der dem Grabe entrissen wurde, um ein lebendiger Zeuge seiner Gnade und seiner Macht zu werden, siehe einen Fremdling in unserer Versammlung – ein neues Lamm, das in die Hände geführt wurde!«

»Laßt mich ihn segnen,« sprach der Greis und Alle machten ihm Platz. Apäcides näherte sich instinktmäßig und fiel vor ihm auf die Kniee; der Greis legte seine Hand auf des Priesters Haupt und segnete ihn, aber mit leiser Stimme. Während seine Lippen sich bewegten, waren seine Augen gen Himmel gewandt und Thränen – wie sie gute Menschen nur in der Hoffnung auf das Glück Anderer vergießen – flossen ihm reichlich über die Wangen.

Die Kleinen hielten sich zu beiden Seiten des Neubekehrten, sein Herz war wie das ihrige – er war geworden wie eines von ihnen, um in das Himmelreich zu kommen.

Viertes Kapitel.

Der Strom der Liebe fließt dahin – Wohin?

Tage sind wie Jahre in der Liebe der jungen Leute, wenn keine Schranke, kein Hindernis zwischen ihrem Herzen sich erhebt – wenn die Sonne scheint und der Strom sanft dahinfließt – wenn ihre Liebe glücklich und geoffenbart ist. Ione verhehlte dem Glaukus nicht länger die Zuneigung, die sie für ihn hegte, und ihr einziges Gespräch hinfort war ihre Liebe. Über der Entzückung der Gegenwart glühten die Hoffnungen der Zukunft, wie der Himmel über den Gärten des Frühlings. In ihren zutrauensvollen Gedanken schifften sie weit auf dem Strome der Zeit hinab – entwarfen sich den Plan ihres künftigen Geschicks und ließen den Glanz des heutigen Tages auch auf den morgigen sich ergießen. In der Jugend ihrer Herzen schienen ihnen Sorge und Wechsel und Tod völlig unbekannte Dinge zu sein. Vielleicht liebten sie einander um so mehr, weil der Zustand der Welt dem Glaukus kein Ziel und keinen Wunsch übrig ließ, als Liebe; weil diejenigen Beschäftigungen, die in Freistaaten des Mannes Neigung gewöhnlich in Anspruch nehmen, für den Athener nicht vorhanden waren – weil sein Vaterland ihn nicht in das Gewühl des bürgerlichen Lebens berief, weil die Ehrfurcht kein Gegengewicht gegen die Liebe bot und deshalb letztere allein über alle Pläne unserer Liebenden herrschte. In dem eisernen Zeitalter lebend, glaubten sie sich im goldenen, nun dazu bestimmt, zu leben und zu lieben.

Dem oberflächlichen Beobachter, der sich nur für scharf markirte und mit dicken Farben aufgetragenen Charaktere interessirt, mögen die beiden Liebenden von zu leichter und zu gewöhnlicher Form erscheinen; denn der Leser glaubt bisweilen in der Zeichnung von Personen, die absichtlich nicht so scharf hervorgehoben sind, einen Mangel an Charakter zu erblicken, und vielleicht bin ich auch in der That dadurch ungerecht gegen die Natur dieser beiden Liebenden, daß sich ihre äußere Persönlichkeit nicht schärfer ans Licht stelle. Wenn ich jedoch so lange bei dem strahlenden und einem Vogel gleich in den Lüften sich bewegende Theile ihres innern Wesens verweile, werde ich hiezu fast unbewußt von der Ahnung der Veränderung bestimmt, die ihrer harrt und auf die sie so wenig vorbereitet sind. Gerade diese Milde und Heiterkeit des Lebens bildet den kräftigsten Gegensatz zu den Wechselfällen ihres künftigen Schicksals. Für die Eiche ohne Frucht oder Blüte, deren starker und rauher Stamm dem Sturme zu trotzen vermag, ist weniger Gefahr verbunden, als für die zarten Zweige der Myrte und die lachenden Büscheln des Weinstocks.

Man war jetzt weit im August vorgerückt – ihre Hochzeit war auf den nächsten Monat festgesetzt und die Thürschwelle des Glaukus bereits mit Kränzen geschmückt, während er selbst des Nachts vor Ione's Thür reiche Libationen brachte. Für seine munteren Genossen war er nicht mehr da, sondern stets bei Ione. In den Vormittagen verkürzten sie die heißen Stunden mit Musik, in den Abenden aber verließen sie die angefüllten Versammlungsorte froher Menschen, um Spazierfahrten auf dem Wasser oder Ausflüge nach den fruchtbaren und rebenbedeckten Ebenen zu machen, die am Fuße des verhängnisvollen Berges Vesuv liegen. Die Erde bebte nicht mehr; die lebhaften Pompejaner vergaßen sogar die erhaltene fürchterliche Warnung ihres hervorstehenden Looses. Glaukus sah in der Eitelkeit seiner heidnischen Religion in jener Erschütterung ein besonderes Einschreiten der Götter, weniger zu seiner eigenen, als vielmehr zu Ione's Rettung. Er brachte Dankopfer in den Tempeln seines Glaubens und selbst der Altar der Isis war mit seinen Votivkränzen bedeckt. Was das Wunder des belebten Marmorbildes anbelangt, so erröthete er über den Eindruck, den es auf ihn hervorgebracht. Er glaubte zwar, daß es durch menschliche Zauberkraft bewerkstelligt worden sei, aber der Erfolg überzeugte ihn, daß sich keineswegs der Zorn der Göttin darin ausgesprochen hatte.

Von Arbaces hörten sie nur, daß er noch am Leben sei; auf das Schmerzenslager gestreckt, erholte er sich langsam von den Folgen des erlittenen Schlages. Er ließ die Liebenden unbelästigt, aber nur um über die Stunde und die Art seiner Rache zu brüten.

Wie Morgens im Hause Ione's, so war auch Abends auf ihren Spaziergängen Nydia ihre beständige und oft einzige Gesellschaft. Das geheime Feuer, das sie verzehrte, ahnten sie nicht; das freie Wesen, mit dem sie sich ganz unversehens in ihr Gespräch mischte, ihre launenhafte und oft mürrische Stimmung fand in der Erinnerung an den Ione geleisteten Dienst und in dem Mitleiden mit ihrem Unglück die vollste Nachsicht. Vielleicht fühlten sie gerade wegen der Sonderbarkeit und des Eigensinnes ihrer Natur, wegen der auffallenden Übergänge von Leidenschaftlichkeit und Milde – der Mischung von Unwissenheit und Genie, von Zartgefühl und Rauheit, den schnellen Launen eins Kindes und der stolzen Ruhe eines Weibes – eine um so größere und innigere Theilnahme für sie. Obgleich sie sich weigerte, ihre Freilassung anzunehmen, so ließ man ihr doch beständig alle Freiheit; sie ging wohin sie mochte, ihren Worten und Handlungen war kein Zwang angelegt, denn Glaukus und Ione fühlten für ein so unglückliches und für jede Wunde so empfängliches Wesen dieselbe mitleidsvolle Nachsicht, welche eine Mutter für ein verwöhntes und kränkliches Kind fühlt, und mochten selbst da ihr Autorität nicht gebrauchen, wo sie es zu Nydia's eigenem Besten zu thun gewünscht hätten. Sie benützte diese Freiheit zunächst dazu, sich die Gesellschaft des Sklaven zu verbitten, der sie nach dem Wunsche ihrer Gebieter hätte begleiten sollen. Mit dem leichten Stabe, der ihre Schritte lenkte, schritt sie auch jetzt, wie in ihrem frühen schutzlosen Zustande durch die volkreichen Straßen; fast wunderbar zu schauen war es, wie schnell und wie gewandt sie durch jeden Volkshaufen sich Bahn brach, jede Gefahr vermied, und ihren umnachteten Weg durch die verwickelsten Straßenwendungen finden konnte. Ihr Hauptvergnügen jedoch bestund noch immer darin, die wenigen Fuß Bodens zu besuchen, die den Garten des Glaukus bildeten, und die Blumen zu pflegen, die wenigstens ihre Liebe vergalten. Bisweilen trat sie in das Zimmer, wo er saß, und suchte ein Gespräch anzuknüpfen, das sie beinahe jedesmal plötzlich wieder abbrach – denn ein Gespräch mit Glaukus zielte nur auf einen Gegenstand – auf Ione, und dieser Name aus seinen Lippen verursachte ihr schreckliche Qualen. Oft bereute sie bitterlich den Dienst, den sie Ione erwiesen hatte; oft sagte sie zu sich selbst: »Wäre sie gefallen, so hätte Glaukus sie nicht länger lieben können!« und dann schlichen sich dunkle und fürchterliche Gedanken in ihre Brust.

Als sie so edelmütig gehandelt, hatte sie die Prüfungen, die ihrer harrten, noch nicht völlig kennen gelernt. Sie war noch nie dabei gewesen, wenn Glaukus und Ione beisammen saßen; sie hatte noch nie gehört, wie diese Stimme, die so liebreich gegen sie war, so unendlich sanfter mit einer Andern sprach. Der Schlag, der ihr Herz bei der Kunde von Glaukus Liebe zermalmte, hatte sie anfänglich nur betrübt und erstarrt; allmählig jedoch trat ihre Eifersucht in einer wilderen und trotzigeren Gestalt auf, nahm etwas von dem Haß an, flüsterte von Rache. Wie man den Wind nur die grünen Blätter am Zweige bewegen sieht, während das Land, das verwelkt und dürr, zusammengedrückt und mit Füßen getreten, auf dem Boden lag, bis Saft und Leben daraus entschwanden, plötzlich aufgewirbelt wird – jetzt hierhin – jetzt dorthin – ohne Rast und ohne Ruhe: so hat die Liebe, welche den Glücklichen und Hoffnungsvollen besucht, nur Frische auf ihren Schwingen, ihre Heftigkeit ist nur ein Spiel; aber das Herz, das von den grünen Zweigen des Lebens abgefallen ist, das keine Hoffnung in sich selbst, keinen Sommer in seinen Adern trägt, wird von demselben Wind, der seine Brüder nur liebkost, zerrissen und umhergewirbelt; es hat keinen Zweig, um sich daran zu halten – wird von Pfad zu Pfad geweht, bis die Winde sich legen oder bis es für immer in den Schlamm niedergetreten wird.

Die freundlose Kindheit Nydia's hatte ihren Charakter frühzeitig gehärtet; vielleicht hatten auch die Scenen der sündhaften Schwelgereien, denen sie anscheinend unbeschädigt beigewohnt, ihre Leidenschaften gereift, obwohl kein Flecken auf ihre Reinheit gefallen war. Im ersten Augenblicke mochten sie die Orgien Burbo's nur angeekelt, die Gastmahle des Egypters nur erschreckt haben; aber dennoch hatte vielleicht dieser Hauch von Befleckung in der Brust, über die er so leicht hingekreist, seine Samenkörner zurückgelassen. Da zudem Dunkelheit die Träumereien der Einbildungskraft begünstigt, so trug vielleicht gerade ihre Blindheit dazu bei, die Liebe des unglücklichen Mädchens mit wilden und wahnsinnigen Visionen zu nähren. Die Stimme des Glaukus war die erste gewesen, die ihrem Ohre melodisch erklungen; seine Güte machte einen tiefen Eindruck auf ihr Gemüth; als er im vorigen Jahre Pompeji verließ, hatte sie jedes seiner Worte als einen kostbaren Schatz in ihrem Herzen aufbewahrt, und wenn ihr irgend Jemand sagte, dieser Freund und Gönner des armen Blumenmädchens sei der glänzendste und anmuthigste Lebemann in Pompeji, so empfand sie in dem treuen Andenken an ihn einen wohlgefälligen Stolz. Selbst das Geschäft, das sie sich auferlegte, seine Blumen zu pflegen, trug dazu bei, ihn in ihrem Gedächtnisse zu erhalten; sie brachte ihn mit Allem, was einen zauberhaften Eindruck auf sie ausübte, in Verbindung, und wenn sie sich geweigert hatte, zu sagen, unter welchem Bilde sie sich Ione vorgestellt habe, so geschah dies vielleicht theilweise deshalb, weil sie alles Glänzende und Sanfte in der Schöpfung bereits an das selbstgeschaffene Bild des Glaukus geknüpft hatte. Hat je einer meiner Leser in einem Alter gelebt, bei dessen Rückerinnerung er jetzt lächelt – einem Alter, in welchem die Phantasie stärker war als die Vernunft, so möge er sagen, ob nicht diese Liebe bei all ihrer wunderlichen und verzweigten Zartheit empfänglicher für Eifersucht war, denn jede andere und spätere Leidenschaft? Nach der Ursache forschte ich hier nicht; aber ich weiß, daß es gewöhnlich der Fall ist.

Als Glaukus nach Pompeji zurückkehrte, war Nydia um ein Jahr älter geworden; dieses Jahr mit seinen Leiden, seiner Einsamkeit, seinen Prüfungen hatte ihren Geist und ihr Herz gewaltig entwickelt, und als der Athener sie bewußtlos an seine Brust zog – der Seele wie den Jahren nach sie noch immer für ein Kind haltend – als er ihre zarte Wange küßte und seinen Arm um ihre zitternde Gestalt schlang, da fühlte Nydia plötzlich und wie durch Offenbarung, daß die Gefühle, die sie lange und unschuldig genährt hatte, Liebe seien. Verurtheilt, von Glaukus aus der Tyrannei befreit zu werden – verurtheilt, unter seinem Dache Schutz zu finden – verurtheilt, zwar nur für so kurze Zeit, dieselbe Luft einzuathmen und im ersten Stadium tausend glücklicher und dankbarer Gefühle eines überströmenden Herzens zu hören, daß er eine Andere liebe – verurtheilt, an diese Andere als Botin und Dienerin abgeordnet zu werden, mit Einemmale jenes gänzliche Nichts zu fühlen, das sie selbst war, und das sie immer bleiben mußte, das aber bis daher ihr junge Geist nicht geahnt hatte – jenes gänzliche Nichts für ihn, der Alles für sie war; – was Wunder, daß in ihrer wilden und leidenschaftlichen Seele alle Elemente unharmonisch erklangen, daß, wenn Liebe über das Ganze herrschte, es nicht diejenige Liebe war, die heiligeren und sanfteren Regungen ihr Entstehen verdankt! Bisweilen fürchtete sie nur, daß Glaukus ihr Geheimnis entdecken möchte, bisweilen aber fühlte sie sich entrüstet, daß er es nicht ahne; war dies doch ein Zeichen der Verachtung – konnte er sich denn auch denken, daß sie eine so große Anmaßung besitze? Ihre Gefühle für Ione ebbten und fluteten in jeder Stunde; jetzt liebte sie die Griechin, weil er sie liebte; jetzt haßte sie dieselbe aus der gleichen Ursache. Es gab Augenblicke, wo sie ihre arglose Gebieterin hätte ermorden können, Augenblicke, wo sie ihr Leben für die hingegeben hätte. Diese wilden und gewaltsamen Wechsel der Leidenschaft waren zu stark, um in die Länge ertragen zu werden. Ihre Gesundheit begann, obgleich sie es nicht fühlte, ihre Wange erblaßte, ihr Schritt wurde schwächer, Thränen traten ihr häufiger in die Augen und brachten ihr nur geringere Erleichterung.

Eines Morgens, als sie sich zu ihrem gewöhnlichen Geschäfte in den Garten des Atheners begab, traf sie Glaukus mit einem Kaufmann aus der Stadt unter den Säulen des Peristyls damit beschäftigt, Juwelen für seine Braut auszulesen. Schon hatte er für Ionen ein Zimmer eingerichtet, und die Juwelen, die er heute kaufte, wurden auch dorthin gebracht. Ach, nie sollten sie die schöne Gestalt Ione's schmücken und noch heutzutage kann man sie unter den ausgegrabenen Schätzen zu Pompeji im Museum zu Neapel sehen.Mehre Armbänder, Ketten und Juwelen wurden in dem Hause gefunden.

»Komm hierher, Nydia; stelle Dein Gefäß nieder und komm hierher. Du mußt diese Kette von mir annehmen; halt, so, jetzt habe ich sie Dir angelegt. Sag einmal, Servilius, steht sie ihr nicht gut?«

»Ausgezeichnet,« antwortete der Juwelier – denn Juweliere waren selbst damals wohlerzogene Leute, die gerne schmeichelten. – »Aber wenn einmal diese Ringe in den Ohren der edlen Ione glänzen, dann beim Bacchus! sollst Du sehen, ob meine Kunst nicht die Schönheit zu erhöhen vermag!«

»Ione,« widerholte Nydia, die bisher durch Lächeln und Erröthen ihren Dank für die Gabe des Glaukus ausgedrückt hatte.

»Ja,« erwiderte der Athener, gleichgültig mit den Edelsteinen spielend, »ich suche da ein Geschenk für Ione, aber hier ist nichts, das ihrer würdig wäre.«

Während er sprach, wurde er durch ein plötzliches Auffahren Nydia's erschreckt; sie riß die Kette heftig von ihrem Hals und warf sie auf den Boden.

»Was soll das? Wie, Nydia, hast Du keine Freude an dem Tand? Bist Du beleidigt?«

»Du behandelst mich immer als eine Sklavin und als ein Kind,« antwortete die Thessalierin, während sich ihre Brust von schlecht unterdrückten Seufzern hob und hastig wandte sie sich nach der entgegengesetzten Seite des Gartens. Glaukus dachte nicht daran, ihr zu folgen oder sie zu beruhigen, er war ja beleidigt. Er fuhr fort, die Juwelen zu untersuchen und Bemerkungen über ihre Façon zu machen, Dies zu tadeln und Jenes zu loben und ließ sich endlich von dem Kaufmann überredeten, Alles zu kaufen; das sicherste Auskunftsmittel für einen Liebhaber und Jedem zu empfehlen, vorausgesetzt jedoch, daß er eine Ione erwerben kann!

Nachdem er den Handel ins Reine gebracht und den Juwelier entlassen hatte, begab er sich auf sein Zimmer, kleidete sich an, bestieg seinen Wagen und fuhr zu Ione. Er dachte nicht mehr an die junge Blinde oder ihre Ungezogenheit; er hatte die eine wie die andere vergessen.

Er verbrachte den Vormittag bei seiner schönen Neapolitanerin, begab sich sodann in die Bäder, speiste, wenn wir die um zwei Uhr stattfindende Cœna der Römer Nachtmahlzeit nennen dürfen, allein und außer dem Hause zu Nacht – denn Pompeji hatte auch damals seine Restaurants – und kehrte hierauf nach Hause zurück, um die Kleider zu wechseln, ehe er wieder in dem Hause Ione's erschien. Mit dem in Träumereien vertieften und abwesenden Auge eines Verliebten schritt er durch das Peristyl, ohne die Gestalt des armen blinden Mädchens zu beachten, das genau an derselben Stelle, wo er es verlassen hatte, saß. Wenn übrigens er sie nicht sah, so erkannte doch ihr Ohr sofort seinen Schritt; hatte sie doch die Minuten bis zu seiner Rückkehr gezählt. Kaum war er in sein Lieblingszimmer getreten, das sich gegen den Peristyl öffnete, und nachdenkend auf sein Ruhebett niedergelassen, als er fühlte, daß etwas schüchtern sein Kleid berührte und als er sich umwandte, sah er Nydia vor sich stehen, und ihm eine Hand voll Blumen emporreichen – eine zarte und zweckmäßige Friedensgabe; – ihre dunklen zu ihm aufgerichteten Augen strömten von Thränen.

»Ich habe Dich beleidigt,« sagte sie schluchzend, »und zwar zum erstenmale. Ich möchte übrigens lieber sterben, als Dich einen Augenblick betrüben – sage, daß Du mir verzeihst. Sieh, ich habe die Kette wieder aufgehoben und sie angelegt; ich will mich nie von ihr trennen, denn sie ist Deine Gabe.«

»Meine theure Nydia,« antwortete Glaukus, hob sie auf und küßte sie auf ihre Stirne, »denke nicht mehr daran. Aber warum, mein Kind, wurdest Du so plötzlich ärgerlich? Ich vermochte die Ursache nicht zu errathen!«

»Frage nicht,« sagte sie stark erröthend, »ich bin ein Geschöpf voll Gebrechen und Mängel; bin ja nur ein Kind, wie Du so oft sagst, und kannst Du von einem Kinde für eine jede Thorheit einen Grund erwarten?«

»Aber bald, hübsches Mädchen, wirst Du kein Kind mehr sein, und wenn Du willst, daß wir Dich als eine Erwachsene behandeln, so mußt Du diese sonderbaren Stürme der Leidenschaft beherrschen lernen. Glaube nicht, daß ich Dich zanke, nein, ich spreche nur zu Deinem eigenen Wohle.«

»Es ist wahr,« erwiderte Nydia, »ich muß mich beherrschen lernen, ich muß mein Herz verbergen, unterdrücken. Das ist die Aufgabe und die Pflicht eines Weibes; seine Tugend, däucht mir, ist Heuchelei.«

»Selbstbeherrschung ist keine Falschheit, meine Nydia, und diese Tugend ist dem Manne so nothwendig wie dem Weibe; sie ist die wahre Senatorentoga, das Merkmal der Würde, welche sie bedeckt.«

»Selbstbeherrschung, Selbstbeherrschung! schön, schön, was Du sagst, ist richtig! Wenn ich Dich anhöre, Glaukus, werden meine wildesten Gedanken ruhig und sanft, und eine köstliche Heiterkeit senkt sich auf mich herab. Berathe und führe mich immer, mein Erretter!«

»Dein liebevolles Herz wird Dein bester Führer sein, Nydia, wenn Du gelernt hast, Dein Herz zu regeln.«

»Ach, das wird nie geschehen,« seufzte Nydia sich die Thränen wegwischend.

»Sage das nicht, nur der erste Versuch ist schwer.«

»Ich habe viele erste Versuche gemacht,« antwortete Nydia in ihrer Unschuld. »Aber Du, mein Lehrer, findest es so leicht, Dich zu beherrschen, kannst Du Deine Liebe für Ione verbergen, oder auch nur unter gewisse Regeln bringen?«

»Liebe, theure Nydia, ach! das ist etwas ganz Anderes,« antwortete der junge Mentor.

»Das dachte ich,« entgegnete Nydia mit wehmütigem Lächeln. »Glaukus, willst Du meine armen Blumen annehmen? Mache mit ihnen, was Du willst – Du kannst sie Ione geben, wenn Du willst,« setzte sie nach kurzem Bedenken hinzu.

»Nein, Nydia,« antwortete Glaukus freundlich, da er in diesen Worten eine gewisse Eifersucht sah, obgleich er es nur für die Eifersucht eines eitlen und empfindlichen Kindes hielt, »ich will Deine schönen Blumen Niemand geben. Da setz' Dich hin und flechte sie in einen Kranz; ich will ihn heute Nacht tragen; es ist nicht der erste, den diese zarten Finger für mich geflochten haben.«

Voll Entzücken setzte sich das arme Mädchen neben Glaukus nieder; aus ihrem Gürtel zog sei einen Knäuel der vielfarbigen Fäden, oder vielmehr schmalen Bändchen, deren man sich beim Flechten von Kränzen bediente, und die sie, da dieses Flechten ihre eigentliche Berufsarbeit war, beständig bei sich trug. Schnell und anmuthig machte sie sich ans Geschäft. Auf ihren jungen Wangen waren die Thränen bereits vertrocknet, ein schwaches, aber glückseliges Lächeln spielte um ihre Lippen; – einem Kinde gleich fühlte sie in der That nur die Freude der gegenwärtigen Stunde. Sie war mit Glaukus wieder ausgesöhnt, er hatte ihr verziehen – sie saß neben ihm – er spielte zärtlich mit ihrem seidenen Haare – sein Athem fächelte ihre Wange – Ione, die grausame Ione war nicht da, Niemand sonst begehrte, Niemand theilte seine Aufmerksamkeit. Ja, sie war glücklich und ihres Kummers nicht mehr eingedenk; es war einer der wenigen Augenblicke in ihrem kurzen und unruhigen Leben, die im Herzen aufzubewahren und ins Gedächtnis zurückzurufen so viele Wonne gewährte. Wie der Schmetterling, von der Wintersonne angelockt, sich eine kurze Weile an dem plötzlichen Lichte wärmt, ehe der Wind erwacht und der Frost, der ihn noch vor Abend tödten wird, herankommt – so ruhte auch sie unter einem Lichtstrahl, der im Vergleich mit dem gewohnten Himmel nicht frostig war und der Instinkt, der sie an dessen Kürze hätte mahnen sollen, flüsterte ihr nur zu, sich seines Lächelns zu freuen.

»Du hast schöne Locken,« begann Glaukus, »sie waren sicherlich einst das Entzücken einer Mutter.«

Nydia seufzte; es schien ihr, daß sie nicht als Sklavin geboren worden sei, aber stets vermied sie, ihrer Herkunft zu erwähnen; denn mochte diese niedrig oder hoch sein, so war jedenfalls gewiß, daß weder ihren Wohlthätern noch sonst Jemand an dieser fernen Küste etwas Näheres über ihre Geburt je bekannt war. Ein Kind des Schmerzens und des Geheimnisses kam und verschwand sie wie ein Vogel, der für einen Augenblick in unser Zimmer fliegt; wir sehen ihn einige Zeit vor unsern Augen flattern, aber wir wissen nicht, wohin er eilt, oder von welchem Himmelsstriche er herkömmt.

Nydia seufzte und sagte nach kurzer Pause, ohne auf die Bemerkung zu antworten: »Aber flechte ich vielleicht zu viele Rosen in Deinen Kranz? Man sagt mir, die Rose sei Deine Lieblingsblume.«

»Und möge sie es immer bleiben, meine Nydia, bei Allen, die eine dichterische Seele haben – sie ist die Blume der Liebe und der Feste; sie ist auch die Blume, die wir dem Stillschweigen und dem Tode weihen; sie blüht im Leben um unsere Stirne, so lange das Leben einen Werth hat, und wird auf unser Grab gestreut, wenn wir nicht mehr sind.«

»Ach, könnte ich doch,« sagte Nydia, »statt dieses vergänglichen Kranzes Deinen Faden aus der Hand der Parzen nehmen und dort die Rosen einflechten!«

»Hübsches Kind! Dein Wunsch ist einer so hermetisch tönenden Stimme würdig, er ist im Geiste des Gesanges ausgesprochen, und was für ein Loos mir auch aufbewahrt sein mag, ich danke Dir.«

»Was für ein Loos! Ist nicht schon bestimmt, daß alles Schöne und Glänzende Dir zufallen soll? Mein Wunsch war unnöthig. Die Parzen werden so zärtlich gegen Dich sein, als ich es wäre.«

»Mein Glück in der Liebe ausgenommen, Nydia, möchte das denn doch nicht der Fall sein! So lange die Jugend währt, kann ich mein Vaterland auf eine kurze Zeit vergessen. Aber welcher Athener kann in seinem reiferen Mannesalter an Athen denken, wie es war, und mit seinem Glücke zufrieden sein, während Athen gefallen ist – gefallen für immer.«

»Und weshalb für immer?«

»Wie die Asche nicht wieder angezündet werden, wie einmal erstorbene Liebe nicht wieder aufleben kann, so ist auch die Freiheit, wenn sie einmal von einem Volke gewichen ist, nie wieder zu erlangen. Aber sprechen wir nicht von Dingen, die für Dich nicht passen.«

»Für mich, – o, Du irrst. Auch ich habe meine Seufzer für Griechenland; meine Wiege schwankte am Fuße des Olympos; die Götter haben den Berg verlassen, aber die Spuren ihres Aufenthaltes kann man noch finden – in den Herzen ihrer Anbeter, in der Schönheit ihres Landes. Man sagt mir, es sei schön, und ich selbst habe seine Luft gefühlt, gegen welche die von Pompeji rauh ist – seine Sonne, gegen welche dieser Himmel frostig erscheint. O sprich mit mir von Griechenland. Ein so armes unwissendes Kind ich auch bin, so kann ich Dich doch verstehen, und mir däucht, hätte ich länger an jenen Küsten gelebt, währe ich ein griechisches Mädchen gewesen, deren glückliche Bestimmung ist, zu lieben und geliebt zu werden, ich selbst hätte können meinen Geliebten zu einem neuen Marathon, einem neuen Platäa bewaffnen. Ja, die Hand, die jetzt Rosen windet, würde Dir den Olivenkranz geflochten haben!«

»Wenn ein solcher Tag käme!« rief Glaukus, auf die Begeisterung der blinden Thessalierin eingehend und sich halb aufrichtend. – »Doch nein, die Sonne ist hinunter und die Nacht befielt uns nur zu vergessen – und heiter zu sein in der Vergessenheit; – flechte nur die Rosen fort!«

Aber der Athener hatte die letzten Worte mit einem wehmütigen Tone erzwungener Heiterkeit gesprochen und versank in düstere Träumereien, aus denen er erst einige Minuten später durch die Stimme Nydia's erweckt wurde, die mit leisem Tone folgendes Lied sang, das sie Glaukus einmal gelehrt hatte:

1.

Wer möchte nach dem Lorbeer geizen,
Den sich die Vorwelt wand?
Wen möcht' ein Kranz am Grabe reizen,
In das der Ruhm verschwand?
Wer möchte die Entschlaf'nen wecken,
Ein Blatt im Todtenhaine schrecken?
Der Lorbeerzweig ist ihnen,
Laßt ihn am Stamme grünen!
Nur dieser Rose vergängliche Blüten
Sind Sklaven sowohl als Freien beschieden!

2.

Wenn Freiheit nicht, noch Hoffnung winket,
Und wenn in den Platon'schen Fluß,
Nicht die Erinnerung versinket,
So ist entschuldigt der Genuß.
So nehmt ein Rosenangebinde,
Wir haben ja die Rosen noch;
Die Vorwelt ließ dem schwachen Kinde
Als Spielzeug seine Blumen doch!

3.

Noch immer ist der Fuß der Helden
Dort auf dem Berg, der Phyle geschmückt,
Tief in den Boden eingedrückt!
Noch immer schlägt im Flammenschmerz
Der Griechenheere jenes Herz,
Das einst des Ruhmes Ströme schwellten!
Vergaß auch selbst Glaukopis unser,
Floh'n alle Götter himmelwärts,
So hallen doch noch hin und wieder
An blauen Strömen unsre Lieder,
Und Luna lauscht nach Philomenen;
Und selbst die alten Bienen stehlen
Sich noch in des Hymetthus Herz!
Gefallen sind wir, nicht verloren,
So lang das Herz sich noch ergötzt,
Die Liebe ward zuerst geboren,
Die Liebe sterbe auch zuletzt.

4.

So windet Rosen denn zum Kranz,
Noch immer bleibt uns das Schöne!
So lange noch die Ströme ziehn,
So lange noch die Wolken glühn,
Noch immer bleibet uns das Schöne!
Denn was uns aus dem Arm der Nacht,
Dem Schooß des Tags entgegen lacht,
Spricht auch von Hellas uns zum Herzen
Und lindert unsrer Seele Schmerzen.
So windet Rosen denn zum Kranz!
Die Rose spricht von früh'ren Tagen
Und läßt den Puls des Vaterlands
Auch in der Fremde Blumen schlagen!

Fünftes Kapitel.

Nydia begegnet der Julia – Unterredung der heidnischen Schwester mit ihrem bekehrten Bruder – Begriffe eines Atheners vom Christenthum.

»Welch Glück für Ione! welche Wonne immer zur Seite des Glaukus zu sein, seine Stimme zu hören – und sie, ja sie kann ihn auch sehen!«

Dies war das Selbstgespräch des blinden Mädchens, als sie allein in der Dämmerung nach dem Hause ihrer neuen Gebieterin wandelte, wohin ihr Glaukus bereits vorausgegangen war. Plötzlich wurde sie in ihren Gedanken durch eine weibliche Stimme unterbrochen.

»Blindes Blumenmädchen, wohin gehst Du? Es ist kein Körbchen unter Deinem Arm; hast Du Alles verkauft?«

Die Nydia also so anredete, war eine Dame von schönen, aber kühnen und unweiblichen Zügen: Julia, die Tochter Diomed's. Während sie sprach, war ihr Schleier halb erhoben; Diomed selbst und ein Sklave, der eine Leuchte voraustrug, begleitete sie. Der Kaufmann und seine Tochter kehrten von einem Abendessen bei einem ihrer Nachbarn zurück.

»Erinnerst Du Dich meiner Stimme nicht mehr?« fuhr Julia fort, »ich bin die Tochter des reichen Diomed.«

»Ach, verzeih mir! ja, ich erkenne Deine Töne wieder. Nein, edle Julia, ich habe keine Blumen zu verkaufen.«

»Ich hörte, Du seiest von dem schönen Griechen Glaukus gekauft worden; ist das wahr, hübsche Sklavin?« fragte Julia.

»Ich diene der Neapolitanerin Ione,« antwortete Nydia ausweichend.

»Ha! und ist es denn wahr –«

»Komm, komm,« fiel Diomed ein, bis zum Mund in seinen Mantel gehüllt, »die Nacht wird kalt und ich kann nicht hier stehen bleiben, während Du mit diesem blinden Mädchen plauderst. Komm, laß sie Dir ins Haus nachfolgen, wenn Du mit ihr zu sprechen wünschest.«

»Thue das Kind,« sagte Julia mit dem Tone einer Person, die an keinen Widerspruch gewöhnt ist, »ich habe Dich viel zu fragen, komm.«

»Diesen Abend kann ich nicht mehr, es wird spät,« antwortete Nydia, »ich muß nach Hause gehen; ich bin nicht frei, edle Julia.«

»Was, die milde Ione würde Dich zanken? Ach ja, ohne Zweifel ist sie eine zweite Thalestris. Dann komm aber morgen zu mir; erinnere Dich, daß ich schon seit langem Deine Freundin bin.«

»Ich werde Deinen Wünschen gehorchen,« antwortete Nydia, und da Diomed von Neuem seine Tochter ungeduldig anredete, so mußte diese ihren Weg fortsetzen, ohne diejenige Frage, welche ihr am wichtigsten war, an Nydia gestellt zu haben.

Kehren wir indessen zu Ione zurück. Die Zeit, welche zwischen dem ersten und zweiten Besuche des Glaukus am heutigen Tage lag, war ihr nicht besonders heiter verflossen; sie hatte einen Besuch ihres Bruders empfangen. Seit der Nacht, da er zu ihrer Rettung aus den Händen des Egypters mitgewirkt, hatte sie ihn nicht wieder gesehen.

Mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt – Gedanken von so ernster und intensiver Art, hatte der junge Priester seine Schwester beinahe vergessen. In Wahrheit nämlich sind Menschen von jener glühenden Gemüthsart, die immer über die Erde emporstrebt, nur in geringem Maaße für die irdischen Neigungen empfänglich, und es war schon lange seit Apäcides jenen milden und freundlichen Gedankenaustausch, jene süßen Vertraulichkeiten nicht mehr gesucht hatte, die ihn in seiner früheren Jugend an Ione fesselten und die einer herzlichen Verbindung, wie sie zwischen ihnen bestund, so natürlich sind.

Ione übrigens hatte nie aufgehört, seine Entfremdung zu bedauern; im gegenwärtigen Falle schrieb sie dieselbe den wachsenden Verpflichtungen seiner strengen Brüderschaft zu, und oft, wenn sie inmitten all ihrer glänzenden Hoffnungen und ihrer neuen Anhänglichkeit an ihren Verlobten – oft, wenn sie da an die vor der Zeit gefurchte Stirne ihres Bruders, an seine für das Lächeln abgestorbenen Lippen und seine gebeugte Gestalt dachte, seufzte sie, daß der Dienst der Götter einen so tiefen Schatten über diese Erde werden könne, welche die Götter erschaffen haben.

Heute jedoch, als er sie besuchte, lag eine so sonderbare Ruhe in seinen Zügen, ein ruhiger Ausdruck der Selbstbeherrschung in seinen eingefallenen Augen, als sie seit Jahren nicht beobachtet hatte. Diese anscheinende Besserung war nur augenblicklich – es war eine falsche Ruhe, die da leiseste Lüftchen stören konnte.

»Mögen die Götter Dich segnen, mein Bruder,« sagte sie, ihn umarmend.

»Die Götter! sprich nicht so unbestimmt; vielleicht gibt es nur einen Gott.«

»Mein Bruder!«

»Wie, wenn der erhabene Glaube der Nazarener wahr wäre? Wenn Gott ein Alleinherrscher – einzig – untheilbar – allein wäre? Wie, wenn diese unzähligen Gottheiten, deren Altäre die Erde füllen, nur böse Dämonen wären, die uns vom wahren Glauben zu entwöhnen suchen? Dies kann leicht der Fall sein!«

»Ach, können wir es glauben? Oder wenn wir es glaubten, wäre es nicht ein wehmütiger Glaube?« antwortete die Neapolitanerin; »wie! alle, die diese schöne Welt schufen, sollten nur Menschen sein! – der Berg sollte seine Oreade, die Gewässer ihrer Nymphe beraubt werden? Diese herrliche Verschwendung des Glaubens, die alle Gegenstände göttlich macht, die gewöhnlichsten Blumen heiligt, und uns im leisesten Lüftchen ein himmlisches Flüstern zuführt – sie wolltest Du läugnen und die Erde zu bloßem Staub und Lehm machen? Nein, Apäcides, das Herrlichste in unserem Herzen ist eben jener Glaube, der das Weltall mit Göttern bevölkert!«

Ione antwortete, wie es sich von einem Wesen erwarten ließ, das an die Poesie der alten Mythologie glaubte. Aus dieser Antwort mögen wir ermessen, wie hartnäckig und schwierig der Kampf war, den das Christentum gegen die Heiden zu bestehen hatte. Der anmuthige Aberglaube schwieg nirgends; es gab auch nicht eine Handlung in ihrem häuslichen Leben, die nicht mit demselben verflochten gewesen wäre – er war ein Theil des Lebens selbst, wie die Blumen ein Theil des Thyrsus sind. Bei jedem Ereignisse wandte man sich an einen Gott; jedem Becher Weins ging eine Libation voraus; sogar die Kränze an ihren Thürschwellen waren einigen Gottheiten gewidmet und ihre eigenen Vorfahren führten, nunmehr heilig gemacht, als Laren die Aufsicht über Haus und Hof. So überschwänglich war der Glaube bei ihnen, daß unter jenem Klima der Götzendienst selbst bis auf die gegenwärtige Stunde noch nicht gänzlich ausgerottet ist; er wechselt bloß die Gegenstände seiner Verehrung, er wendet sich da, wo er einst zu den Göttern seine Zuflucht nahm, an unzählige Heilige und schickt die Menge in lauschender Ehrfurcht zu Vermehrung von Orakeln an die Altäre des heiligen Januarius oder des heiligen Dominicus, statt in die Tempel der Isis oder des Apollo.

Für die frühesten Christen aber waren solche abergläubischen Meinungen nicht sowohl ein Gegenstand der Verachtung, als vielmehr des Entsetzens. Sie glaubten weder mit dem ruhigen Skeptizismus der heidnischen Philosophen, daß die Götter Erfindungen der Priester seien, noch schlossen sie sich dem Glauben der Menge an, daß die Götter, dem trüben Lichte der Geschichte nach zu schließen, Sterbliche gewesen seien wie wir selbst. Vielmehr dachten sie sich die heidnischen Gottheiten als böse Geister, verpflanzten die düstern Dämonen Indiens und des Orients nach Italien und Griechenland, und schauderten vor Jupiter oder Mars, den Repräsentanten des Molochs oder Satans.In Pompeji stellt eine rohe Zeichnung von Plato diesen furchtbaren Gott in derselben Gestalt dar, die wir heutzutage dem Teufel zuschreiben, und schmückt ihn mit Hörnern und einem Schwanze. Aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch haben wir die gemeine Vorstellung von der äußern Gestalt des bösen Feindes, dem geheimnisvollen Pan, dem Bewohner einsamer Stätten, der die Seele mit gewaltigen, nicht zu bezeichnenden Schrecken heimsucht, entnommen; seine Gestalt wenigstens stimmt genau mit dem pferdefüßigen Satan überein. Auch mochten die Christen in dem unzüchtigen und lasterhaften Dienst des Pans eine Spur der Täuschung des Teufels zu erblicken glauben.

Apäcides hatte den christlichen Glauben noch nicht förmlich angenommen, stund aber bereits im Begriffe es zu thun. Schon theilte er die Ansichten Olinths – schon glaubte er, die lebhaften Vorstellungen der Heiden seien die Einflüsterungen des Erzfeindes des Menschengeschlechtes. Die unschuldige und natürliche Antwort Ione's machte ihn schaudern. Er beeilte sich heftig und zugleich so verwirrt zu antworten, daß Ione mehr für seinen Verstand fürchtete, als vor seiner Heftigkeit erschrak.

»Ach, mein Bruder,« sagte sie, »die strengen Pflichten Deines Amtes haben Deine Urtheilskraft verwirrt. Komm zu mir, mein Bruder, Apäcides, mein geliebter Bruder; gib mir Deine Hand, laß mich den Schweiß von Deiner Stirne trocknen, zanke mich jetzt nicht, ich verstehe Dich nicht; glaube nur, daß Ione nie die Absicht haben konnte, Dich zu beleidigen.«

»Ione,« sagte Apäcides, sie zu sich hinziehend und zärtlich anblickend, »soll ich glauben, daß diese schöne Gestalt, dieses liebevolle Herz zu einer Ewigkeit von Qualen bestimmt sei?«

»Dii meliora! das mögen die Götter verhüten,« sprach Ione in der gewöhnlichen Redeform, mit der ihre Zeitgenossen ein böses Vorzeichen abwenden zu können glaubten.

Die Worte, und noch mehr der in ihnen liegende Aberglaube verwundeten das Ohr des Apäcides. Vor sich hinsprechend stand er auf, that einige Schritte um sich aus dem Zimmer zu entfernen, blieb sodann auf halbem Wege stehen, blickte Ione ausdrucksvoll an und breitete seine Arme aus.

Ione stürzte sich freudig in dieselben; er küßte sie inbrünstig und sagte: »Lebe wohl, meine Schwester; wenn wir uns wiedersehen, bist Du mir vielleicht nichts mehr, nimm also noch diese Umarmung, voll von all den zärtlichen Erinnerungen der Kindheit, als Glaube und Hoffnung, Religion und Gebräuche, Ziel und Interessen für uns Beide dieselben waren. Jetzt wird dieses Band gebrochen werden.«

Mit diesen sonderbaren Worten verließ er das Haus.

Hierin lag in der That die große und strengste Prüfung für die Christen, daß ihre Bekehrung die theuersten Bande ihres Herzens löste. Sie konnten keine Gemeinschaft mehr haben mit Wesen, deren einfachste Handlungen und gewöhnlichste Redensarten das Gepräge der Abgötterei an sich trugen. Sie schauderten über die Segnungen der Liebe; für ihr Ohr wurden sie im Namen eines Dämons ausgesprochen. Dies ihr Unglück jedoch machte sie zugleich auch stark; wenn es sie von der übrigen Welt trennte, so vereinigte es sie in demselben Maaße unter sich selbst. Männer von Eisen waren es, die das Wort Gottes verbreiteten, und fürwahr, der Reif, der sie umschlang, war auch von Eisen!

Glaukus fand Ione in Thränen; bereits hatte er sich das süße Vorrecht sie zu trösten angeeignet. Er brachte aus ihr einen Bericht über ihre Unterredung mit ihrem Bruder heraus; aber bei ihrer verwirrten Wiederholung einer Sprache, die schon an und für sich einem nicht darauf Vorbereiteten unklar war, vermochte er ebenso wenig als Ione die Absicht oder die Meinung des Apäcides zu errathen.

»Hast Du je,« fragte sie, »etwas Weiteres über diese neue Sekte der Nazarener gehört, von welcher mein Bruder sprach?«

»Oft genug schon habe ich von ihnen reden gehört,« antwortete Glaukus, »aber von ihren eigentlichen Glaubenssätzen weiß ich nichts, außer daß in ihrer Lehre etwas übernatürlich Kaltes und Mürrisches zu liegen scheint. Sie leben abgesondert von den übrigen Menschen; stellen sich, als ob ihnen sogar unser einfach Gebetbuch von Kränzen ein Ärgernis wäre; haben kein Gefühl für die Zerstreuungen des Lebens; stoßen schreckliche Drohungen aus über den bevorstehenden Untergang der Welt, und scheinen mit einem Worte ihren düstern, freudeleeren Glauben aus der Höhle des Trophonius herbeigebracht zu haben. Übrigens,« fuhr Glaukus nach einer kleinen Pause fort, »fehlt es ihnen nicht an Männern von großem und gewaltigem Geist, und selbst unter den Aeropagiten von Athen zählen sie ihre Anhänger. Recht gut erinnere ich mich noch, wie mein Vater von einem sonderbaren Mann sprach, der vor vielen Jahren nach Athen kam; ich glaube, er hieß Paulus. Mein Vater stand inmitten eines gewaltigen Haufens, der sich um einen unserer unsterblichen Hügel gesammelt hatte, um diesen Weisen des Morgenlandes lehren zu hören. Auf dem weiten Raum ließ sich auch nicht das mindeste Geflüster vernehmen! Das Scherzen und das Geschrei, womit unsere heimathlichen Redner aufgenommen wurden, war vor ihm verstummt, und als dieser geheimnisvolle Gast auf dem höchsten Gipfel jener Anhöhe, hoch erhaben über der athemlosen Menge, da stund, flößten seine Haltung und Züge jedem Herzen Ehrfurcht ein, noch ehe ein Wort aus seinem Munde gekommen war. Er war, wie mir mein Vater sagte, ein Mann von nicht hoher Gestalt, aber von edler, eindrucksvoller Miene; seine Kleider waren dunkel und weit; die untergehende Sonne – denn es war Abend – schien schief auf seine Gestalt, wie sie regungslos und gebietend hervorragte; sein Gesicht war verwittert und scharf markirt, als eines Menschen, der dem Unglück und dem strengsten Wechsel vieler Himmelsstriche getrotzt hat; aber seine Augen strahlten von einem fast überirdischen Feuer, und als er seinen Arm erhob um zu sprechen, da geschah es mit der Erhabenheit eines Mannes, auf den der Geist eines Gottes herabgestiegen war!

›Männer von Athen,‹ soll er gesagt haben, ›in eurer Mitte finde ich einen Altar mit der Inschrift: dem unbekannten Gott. Unbewußt betet ihr denselben Gott an, dem ich diene. Der euch bis jetzt unbekannt war, soll euch nunmehr enthüllt werden.‹

»Dann erklärte dieser hehre Mann, wie der große Schöpfer aller Dinge, der dem Menschen seine mannigfaltigen Stämme und seine verschiedenen Wohnungen angewiesen habe – der Herr der Erde und des Himmels nicht in Tempeln von Menschenhänden wohne, daß seine Gegenwart, sein Geist in der Luft sei, die wir einathmen; daß unser Leben und unser Sein in ihm sei. ›Glaubt Ihr,‹ rief er, ›daß der Unsichtbare sei, wie eure Bildsäulen von Gold und Marmor? Glaubt ihr, er brauche Opfer von euch, er, der Himmel und Erde gemacht hat?‹ Dann sprach er von fürchterlichen Zeiten, die da kommen würden, von dem Ende der Welt, von einer Auferstehung der Todten, wovon dem Menschen eine Gewißheit gegeben worden sei in der Auferstehung des mächtigen Wesens, dessen Religion zu predigen er sich eingestellt habe.

»Während er so geredet, begann sich das lange zurückgehaltene Murmeln hörbar zu machen, und die Philosophen, die sich unter das Volk gemischt, drückten ihre weise Verachtung aus. Da hat man, wie mir mein Vater sagte, die frostige Stirne des Stoikers und das Hohnlächeln des Cynikers sehen können – und die Epikuräer, die selbst nicht an unser Elysium glaubten, machten einen Scherz und schritten lachend durch die Menge; aber das tiefe Herz des Volkes war gerührt und durchdrungen, und es zitterte, obgleich es nicht wußte warum; denn wahrlich der Fremde besaß die Stimme und Majestät eines Mannes, den der unsichtbare Gott mit der Verkündigung seines Glaubens beauftragt hat.«

Ione hörte mit Begeisterung und Aufmerksamkeit zu, die ernste und feierliche Weise des Erzählers aber verrieth den Eindruck, den auf ihn selbst der Bericht seines Vaters gemacht, der mit einer unzähligen Menge auf dem Hügel des heidnischen Kriegsgottes die erste Kunde von dem Worte Christi vernommen hatte.

Sechstes Kapitel.

Der Pförtner – Das Mädchen – Der Gladiator.

Die Hausthüre des Diomed stand offen und Medon, der alte Sklave, saß am Fuß der Treppe, auf der man zu der Wohnung emporstieg. Die prachtvolle Behausung des reichen Kaufmanns von Pompeji ist noch heutzutage außer halb der Thore der Stadt, am Anfang der Gräberstraße zu sehen. Jene Stätte hatte trotz der Todten etwas Heiteres an sich. Auf der entgegengesetzten Seite, aber einige Fuß näher am Thore, lag ein geräumiger Gasthof, wo diejenigen, welche Geschäfte oder Vergnügen nach Pompeji führten, oft anhielten um sich zu erfrischen. Vor dem Thor der Herberge stunden in diesem Augenblick Wagen, Karren und sonstige Gefährte, die zum Theil eben angekommen, zum Theil im Begriff waren, abzufahren, und man fand hier all das lärmende Treiben eines belebten und besuchten Wirthshauses. Vor der Thüre saßen einige Pächter auf einer Bank um ein rauhes Tischchen und besprachen sich bei ihrem Morgengläschen über die Angelegenheiten ihres Berufs. Neben die Thüre war in frischen und muntern Farben das Zeichen des Damenbretts gemalt.Innerhalb der Stadtmauern befindet sich ein anders in gleicher Weise verziertes Wirthshaus. An dem Dache des Wirtshauses zog sich eine Terrasse hin, auf welcher einige Frauen, die Weiber der erwähnten Pächter, theils saßen, theils über das Geländer lehnten und mit ihren Freunden unten plauderten. In einiger Entfernung befand sich in einer tiefen Nische ein bedeckter Sitz, in welchem einige ärmere Reisende ausruhten und den Staub von ihren Kleidern schüttelten. Auf der andern Seite dehnte sich ein großer Raum aus, ursprünglich der Begräbnisplatz eines älteren Geschlechtes als die gegenwärtigen Einwohner von Pompeji, nunmehr aber in das Ustrinum oder dem Platz zur Verbrennung der Todten umgewandelt. Jenseits desselben erhoben sich die Terrassen einer gefälligen, halb von Bäumen versteckten Villa. Die Gräber selbst, mit ihren anmuthigen und mannigfaltigen Formen, die Blumen und das Laubwerk, das sie umgab, gaben der Gegend durchaus keinen düstern Anstrich. Dicht bei dem Stadtthore stund in einer kleinen Nische die stille Gestalt der wohldisciplinirten römischen Schildwache, und die Sonne schien herrlich auf ihren polirten Helm und die Lanze, auf die sie sich lehnte. Das Thor selbst war in drei Bögen getheilt, der mittlere für die Fuhrwerke, die zu beiden Seiten aber für die Fußgänger; rechts und links erhoben sich die massiven, die Stadt umgürtenden Mauern, in tausend verschiedenen Epochen ausgeführt, geflickt und ausgebessert, je nachdem Krieg, Zeit oder Erdbeben, diese vergebliche Schutzwehr erschüttert hatten. In häufigen Zwischenräumen erhoben sich viereckige Thürme, deren roh ausgeführte Zinnen die regelmäßige Mauerlinie malerisch unterbrachen und zu den neueren, nebenan weißschimmernden Gebäuden einen starken Gegensatz bildeten.

Die gekrümmte Straße, welche in dieser Richtung von Pompeji nach Herkulanum führt, entschwand dem Blicke unter abhängigen Weinbergen, über welche der Vesuv in seiner düstern Majestät trotzig herabschaute.

»Hast Du die Neuigkeit gehört, alter Medon,« fragte ein junges Mädchen, die mit einem Krug in der Hand an Diomeds Thüre einen Augenblick stehen blieb, um mit dem Sklaven zu plaudern, ehe sie sich in das benachbarte Wirthshaus begab, um das Gefäß füllen und mit den Reisenden zu kokettiren.

»Die Neuigkeit, welche Neuigkeit?« fragte der Sklave, seine Augen wehmüthig vom Boden aufschlagend.

»Nun, diesen Morgen zog ja wohl, ehe Du recht wach warest, ein herrlicher Fremder durch das Thor nach Pompeji.«

»So, so,« sagte der Sklave gleichgültig.

»Ja, ein Geschenk von dem edlen Pomponianus.«

»Ein Geschenk! ich dachte, Du sprächest von einem Fremden!«

»Es ist beides, ein Fremder und ein Geschenk. Wisse denn, alter Schwachkopf, daß es ein prachtvoller junger Tiger für die bevorstehenden Spiele im Amphitheater ist. Hörst Du, Medon? Oh, welche Wonne! ich gestehe, daß ich kein Auge zuthun kann, bis ich ihn sehe; man sagt, er brülle so schrecklich.«

»Arme Thörin,« rief Medon traurig und mürrisch.

»Schilt mich keine Thörin, alter Bauernlümmel! es ist ein hübsches Ding, ein Tiger, besonders wenn wir Jemand zum Fraß für ihn finden könnten. Nimm einmal an, Medon, jetzt haben wir einen Löwen und einen Tiger, und in Ermanglung zweier tüchtiger Verbrecher müssen wir vielleicht sehen, wie die beiden einander selbst auffressen. Aber halt, Dein Sohn ist ja Gladiator, ein hübscher und starker Mensch; könntest Du ihn nicht bestimmen, mit dem Tiger zu kämpfen? Thue es doch, Du würdest mich sehr verpflichten, ja, Du würdest ein Wohlthäter für die ganze Stadt sein.«

»Fort, fort,« sagte der Sklave mit großer Bitterkeit, »denk an Deine eigene Gefahr, ehe Du so über den Tod meines armen Jungen plauderst.«

»Meine eigene Gefahr!« sagte das Mädchen, erschreckt und hastig um sich blickend – »wendet die Vorbedeutung ab, ihr Götter! Mögen Deine Worte auf Dein eigenes Haupt fallen!« und während sie sprach, berührte sie einen an ihrem Hals hängenden Talisman. »›Deine eigene Gefahr!‹ welche Gefahr bedroht mich denn?«

»Ist das Erdbeben, das wir vor wenigen Nächten erlebt, keine Warnung? Hat es keine Stimme? Sagt es nicht zu uns Allen: ›Bereitet euch zum Tode, denn das Ende aller Dinge ist nahe.‹«

»Bah, Dummheiten,« meinte das junge Mädchen, die Falten ihrer Tunika zurechtmachend, »jetzt sprichst Du, wie man es sich von den Nazarenern sagt – mir däucht, Du gehört am Ende zu ihnen. Nun, ich kann nicht länger mit Dir plaudern, alter Rabe, Du wirst immer schlimmer und schlimmer – Vale! O Herkules, sende uns einen Mann für den Löwen und einen Andern für den Tiger!«

Juchheisa! zum lustigen, lustigen Spiel,
Ein Wald von Gesichtern, ein endlos Gewühl!
Die Kämpfer so kühn wie der Sohn der Alkmäna,
Sie schreiten im Zug durch die stumme Arena;
Schwatzt weil es noch Zeit ist – ihr werdet schon schweigen,
Wenn sie sich mit tödtlichen Armen umzweigen.
Trapp, Trapp! sie schreiten mit stolzem Gefühl,
Juchheisa! zum lustigen, lustigen Spiel!

Mit einer klaren Silberstimme dieses weibliche Lied singend und ihre Tunika von der staubigen Straße aufhebend, hüpfte das junge Mädchen leicht in das dichtbesetzte Gasthaus hinüber.

»Mein armer Sohn!« sprach der Sklave halblaut, »für Geschöpfe der Art sollst Du hingeschlachtet werden? O Glaube Christi, ich könnte Dich in vollster Aufrichtigkeit verehren, schon wegen des Abscheus, den Du gegen solche blutigen Gefechte einflössest.«

Wehmütig sank des alten Mannes Haupt auf seine Brust. Er blieb still und in Gedanken vertieft; nur bisweilen wischte er sich mit seinem Ärmel die Augen. Sein Herz war bei seinem Sohne; er sah die Gestalt nicht, die sich raschen Schrittes und mit einem etwas trotzigen und unbekümmerten Gang und Aussehen vom Thore her näherte. Nicht eher schlug er seine Augen auf, bis die fragliche Gestalt ihm gegenüber stehen blieb und ihn mit sanfter Stimme also anredete: »Vater!«

»Mein Sohn, mein Lydon, bist Du es in der That,« sprach der alte Mann freudig, »ach, Du warst in meinen Gedanken bei mir.«

»Ich freue mich, das zu hören, mein Vater,« entgegnete der Gladiator, die Kniee und den Bart des Sklaven ehrerbietig berührend, »und bald vielleicht bin ich immer bei Dir, nicht bloß in Gedanken.«

»Ja, mein Sohn, aber nicht in dieser Welt,« entgegnete der Sklave wehmütig.

»Sprich nicht so, mein Vater, sei wohlgemuth, denn ich bin es auch – ich bin gewiß, daß ich Sieger bleibe, und dann wird das Geld, das ich gewinne, Dir die Freiheit erkaufen. Ach, mein Vater, vor wenigen Tagen erst wurde ich getadelt, und zwar von einem, dem ich gerne die Wahrheit gesagt hätte, denn er ist hochherziger als die Übrigen Seinesgleichen. Er ist kein Römer, er ist von Athen; er tadelte mich wegen meiner Geldgier, als ich ihn nach der Höhe des Siegespreises fragte. Ach, er kannte Lydons Seele schlecht!«

»Mein Sohn, mein Sohn,« sprach der alte Sklave und führte, langsam die Treppen hinaufsteigend, Lydon in sein eigenes kleines Gemach, das mit der Eingangshalle – bei dieser Villa also dem Peristyl, nicht dem Atrium – in Verbindung stand. Man kann das Zimmerchen noch sehen; es ist die dritte Thüre zur Linken beim Eintritt; die erste Thüre führt zur Treppe, die zweite aber ist nur eine falsche Nische, in welcher eine eherne Statue stand.

»So hochherzig, liebevoll und fromm auch Deine Beweggründe sind,« begann Medon, als sie vor Belauschung sicher waren, »so ist doch die That selbst sündhaft, – Du willst Dein Blut für Deines Vaters Freiheit aufs Spiel setzen – das könnte verziehen werden; aber Du erringst den Sieg um den Preis des Blutes eines Andern,. O das ist eine Todsünde, und kein Zweck kann sie straflos machen. Unterlasse es, unterlasse es! Lieber möchte ich ewig ein Sklave sein, als um einen solchen Preis meine Freiheit erkaufen!«

»Still, mein Vater,« antwortete Lydon etwas ungeduldig. »Du hast mit Deinem neuen Glauben, von dem ich mir nichts vorzuschwatzen bitte, – denn die Götter, die mir Stärke gaben, versagten mir Weisheit und ich verstehe nicht ein Wort von dem, was Du mir so oft predigtest – Du hast, sage ich, in diesem neuen Glauben einige sonderbare Vorstellungen von Recht und Unrecht aufgetischt. Verzeih mir, wenn ich Dich beleidige, aber bedenke doch, gegen wen werde ich fechten? O kenntest Du nur diese Elenden, mit denen ich um Deinetwillen verkehre, so würdest Du selbst der Ansicht sein, ich reinige die Erde, wenn ich einen von ihnen fortschaffe. Bestien, aus deren Lippen Blut träuft, völlig Wilde, selbst in ihrem Muthe grundsatzlose Geschöpfe, grimmig, herz- und gefühllos, kein Band des Lebens vermag sie zu fesseln! Allerdings kennen sie keine Furcht, aber sie kennen auch weder Dankbarkeit, noch Erbarmen, noch Liebe! Sie sind gerade nur für ihre Laufbahn geschaffen, nämlich, um zu schlachten ohne Mitleid, zu sterben ohne Furcht! Können die Götter, wer sie auch sein mögen, einen Kampf mit solchen Geschöpfen und in einer solchen Sache verübeln? O mein Vater, wohin auch die Mächte da oben ihre nach der Erde gerichteten Blicke lenken, sie sehen keine so heilige und heiligende Pflicht als das Opfer, das einem bejahrten Vater von dem frommen Sinne eines dankbaren Sohnes dargebracht wird!«

Der arme alte Sklave, auch seinerseits des Lichtes der Unterweisung entbehrend und seit kurzem erst zum christlichen Glauben bekehrt, wußte nicht, mit welchen Beweisgründen er eine so dunkle und zugleich in ihrem Irrthum so schöne Unwissenheit erleuchten sollte. Seine erste Bewegung war, sich an seines Sohnes Brust zu werfen – seine zweite davon weg zu schaudern – die Hände zu ringen und im Versuch seinen Tadel auszusprechen, erstickte seine gebrochene Stimme in Thränen.

»Und wenn also,« begann Lydon von Neuem, »wenn also Deine Gottheit (ich glaube, Du willst nur eine zugeben?) in der That jene wohlwollende und erbarmungslose Macht ist, wie Du behauptest, so wird sie auch wissen, daß gerade der Glaube an sie mich zuerst in dem Beschlusse bestätigte, den Du tadelst.«

»Wie, was willst Du damit sagen?«

»Nun, Du weißt ja, daß ich in meiner Kindheit als Sklave verkauft, in Rom durch das Testament meines Herrn, dessen Wohlgefallen zu erringen ich glücklich genug gewesen war, freigelassen wurde. Ich eilte nach Pompeji, um Dich zu sehen – fand Dich schon alt und gebrechlich unter dem Joch eines launigen, gemästeten Herrn – Du hattest erst kürzlich diesen neuen Glauben angenommen, dessen Annahme Dir Deine Sklaverei doppelt schmerzlich machte; denn sie raubte Dir den mildernden Zauber der Gewohnheit, der uns oft mit dem Schlimmsten aussöhnt. Klagtest Du mir nicht, daß Du zu Dienstleistungen gezwungen seiest, die Dir zwar als Sklave nicht verhaßt, als Nazarener aber sündhaft erschienen? Sagtest Du mir nicht, Deine Seele bebe vor Gewissensbissen, wenn Du genöthigt seiest, auch nur ein Stückchen Kuchen vor den Laren niederzulegen, die dort über das Impluvium wachen? daß Deine Seele von einem beständigen Kampfe zerrissen werde? Sagtest Du mir nicht, selbst dann, wenn Du Wein vor die Thürschwelle gießest, und den Namen einer griechischen Gottheit anrufest, fürchtest Du Dir schreckliche Strafen zuziehen, als die des Tantalus – eine Ewigkeit von Qualen, fürchterlicher als die der tartarischen Felder? Sagtest Du mir das nicht? Ich erstaunte, denn ich konnte es nicht begreifen, und vermag es auch jetzt noch nicht, beim Herkules; aber ich war Dein Sohn und meine einzige Aufgabe war somit, Dich zu bemitleiden und zu erleichtern. Konnte ich Dein Stöhnen anhören, konnte ich Deine geheimnisvollen Schrecken, Deine beständige Angst mitansehen und unthätig bleiben? Nein, bei den unsterblichen Göttern! Der Gedanke durchzuckte mich wie ein Licht vom Olymp:; ich hatte kein Geld, aber ich besaß Stärke und Jugend – diese hatte ich von Dir empfangen und ich konnte sie nun meinerseits für Dich verkaufen! Ich befragte mich nach der Summe Deines Lösegeldes und erfuhr, daß der gewöhnliche Siegespreis eines Gladiators doppelt dazu hinreichen würde. Da wurde ich ein Gladiator; ich schloß mich an diese verfluchten Menschen an, obwohl ich sie verachte und sie mich anekeln – ich erlernte ihren Beruf – gesegnet seien die Lehrstunden! sie sollen mich befähigen, meinem Vater die Freiheit zu verschaffen!«

»O, daß Du den Olinth hören könntest!« seufzte der alte Mann, zwar immer mehr und mehr von der kindlichen Tugend seines Sohnes gerührt, aber nichts destoweniger von der Strafbarkeit seines Vorhabens überzeugt.

»Die ganze Welt will ich anhören, wenn Du es verlangst,« antwortete der Gladiator munter, »doch erst dann, wenn Du kein Sklave mehr bist. Unter Deinem eigenen Dache, mein Vater, sollst Du meinen Schwachkopf den ganzen Tag, und sogar die ganze Nacht hindurch bestürmen, wenn es Dir Vergnügen macht. Ach welch ein hübsches Plätzchen ich für Dich ausgewählt habe! Es ist eine der 999 Buden der alten Julia Felix, in dem sonnigen Theile der Stadt, wo Du Dich bei Tag vor der Thüre wärmen kannst – und ich will das Öl und den Wein für Dich verkaufen, mein Vater – und dann, wenn es der Venus beliebt (oder auch, wenn es ihr nicht beliebt, da Du ihren Namen nicht leiden kannst, dem Lydon ist Alles eins), dann sage ich, bekommst Du vielleicht auch eine Tochter, um Deine grauen Haare zu pflegen, und hörst schrillende Stimmen auf Deinen Knieen, die Dich Großvater nennen! Ach wir werden so glücklich sein – der Siegespreis kann uns zu Allem verhelfen. Also wohlgemuth, wohlgemuth, mein Vater! jetzt muß ich fort, die Sonne steht schon hoch am Himmel und der Lanista wartet auf mich. Komm, gib mir Deinen Segen.«

Während Lydon also sprach, hatte er bereits das dunkle Gemach seines Vaters verlassen und in lebhafter, obwohl leise geführter Unterhaltung begriffen, stunden sie jetzt an derselben Stelle, wo wir den Pförtner zuerst getroffen haben.

»Segen über Dich! Segen über Dich, mein wackrer Sohn,« sprach Medon mit Inbrunst, »und möge die große Macht, welche alle Herzen lenkt, der Edelmuth des Deinigen sehen und seinen Irrthum verzeihen.«

Die hohe Gestalt des Gladiators verschwand rasch die Straße hinab; die Augen des Sklaven folgten seinen leichten, aber stolzen Schritten, bis auch der letzte Schein verschwunden war; dann sank er wiederum auf seinen Sitz und seine Blicke hefteten sich von Neuem auf den Boden. Seine Gestalt stramm und unbeweglich wie ein Bild von Stein; sein Herz – wer in unsern glücklichen Tagen kann sich seine Kämpfe, seine Bewegungen vorstellen?

»Darf ich eintreten?« hub eine sanfte Stimme an, »ist Deine Gebieterin Julia zu Haus?«

Der Sklave gab dem Besuchenden mechanisch mit der Hand ein Zeichen, einzutreten; aber die ihn angeredet hatte, konnte diese Geberde nicht sehen – sie wiederholte deshalb ihre Frage schüchtern, aber mit lauterer Stimme.

»Habe ich es Dir nicht gesagt?« entgegnete der Sklave mürrisch, »tritt ein.«

»Dank,« antwortete die Eintretende wehmüthig, und durch diesen traurigen Ton aufgeweckt, blickte der Sklave auf und erkannte das blinde Blumenmädchen. Kummer sympathisirt mit dem Unglück. Medon erhob sich und führte Nydia die anliegende Treppe hinauf, von welcher man in Juliens Gemach hinabstieg; dort rief er eine Sklavin und vertraute ihrer Obhut die Blinde an.

Siebentes Kapitel.

Das Ankleidezimmer einer pompejanischen Schönheit – Wichtige Unterredung zwischen Julia und Nydia.

Die elegante Julia saß in ihrem Gemach, umgeben von ihren Sklavinnen. Wie das anstoßende Cubiculum, war auch dieses Zimmer klein, aber doch bedeutend größer als die gewöhnlichen Schlafzimmer, die im Allgemeinen von so kleinem Umfange waren, daß, wer solche, selbst in den stattlichsten Häusern, nicht gesehen hat, sich kaum einen Begriff von den kleinen Taubenschlägchen machen kann, welche die Pompejaner augenscheinlich zum nächtlichen Aufenthalte für unerläßlich nöthig erachtet haben. Um übrigens die Wahrheit zu sagen, machte das Bett bei den Alten auch keineswegs jenen schweren, ernsten und gewichtigen Theil der häuslichen Mysterien aus, den es bei uns bildet. Das Lager selbst glich eher einem sehr schmalen und kleinen Sopha, leicht genug, um von dem Eigenthümer ohne Beschwerde von einer Stelle zur andern gebracht zu werdenDie Worte: »Nimm dein Bett und wandle,« sind somit, wie Sir William Gell irgendwo bemerkt, nicht etwa bloß bildlich zu verstehen. und ohne Zweifel wurde es von Gemach zu Gemach verlegt, je nach den Launen des Besitzers oder dem Wechsel der Jahreszeit. Denn dieselbe Seite des Hauses, die in einem Monat vollgepfropft war, wurde vielleicht im nächsten sorgfältig vermieden; so empfindlich waren die Bewohner des herrlichsten Klimas der Welt für jene Veränderungen der Sonne und Luft, die unser härterer, an den rauhen Himmel des Nordens gewöhnter Körper kaum bemerken würde. Unter den Italienern jener Zeit fand sich auch eine sonderbare und gezierte Furcht vor zu großem Tageslicht; ihre verdunkelten Zimmer, die uns auf den ersten Anblick als das Ergebnis einer nachlässigen Bauart erscheinen, waren im Gegentheil aus dem sorgfältigen Studium hervorgegangen. In ihren Säulenhallen und Gärten huldigten sie der Sonne, wenn es ihrem üppigen Geschmacke zusagte; in dem Innern ihrer Häuser aber suchten sie die Kühle und den Schatten.

Julia's Gemach befand sich in dieser Jahreszeit im untern Theile des Hauses, unmittelbar unter den Staatszimmern, mit der Aussicht auf den Garten, mit dem es auf gleicher Höhe lag. Nur durch die breite Glasthüre drangen die Strahlen der Morgensonne ein; aber der an ein gewisses Dunkel gewöhnte Blick Julia's unterschied gleichwohl scharf genug, welche Farben ihr am besten anstünden – welche Schattirung des zarten Roths ihrem dunklen Aug dem hellsten Glanz und ihrer Wange die jugendliche Frische verleihen würde.

Auf dem Tisch, vor welchem sie saß, stand ein kleiner kreisförmiger Spiegel von aufs feinste polirtem Stahl, auf welchem in genauer Ordnung die Seifen und Salben, die Wohlgerüche und Schminken, die Juwelen und Kämme, die Bänder und goldenen Nadeln aufgepflanzt waren, welche dem natürlichen Reize der Schönheit die Hülfe der Kunst und die eigensinnigen Lockungen der Mode hinzufügen sollten. Durch die Dämmerung des Zimmers strahlten die Fresken der Wand in dem ganzen Glanze und in all der Lebhaftigkeit und Mannigfaltigkeit der Farben, wie sie der pompejanische Geschmack liebte. Vor dem Ankleidetisch und zu den Füßen Juliens lag ein im Orient gewobener Teppich. In ihrer Nähe standen auf einem andern Tische ein Becken und eine Kanne von Silber, eine ausgelöschte Lampe von vollendeter Arbeit, auf welcher der Künstler einen Amor dargestellt hatte, der im Schatten eines Myrtenbaumes ruht, sowie eine kleine Papyrusrolle, welche die sanftesten Elegien des Tybull enthielt. Vor der nach dem Cubiculum führenden Thüre hing ein mit goldenen Blumen reich bestickter Vorhang. So sah das Ankleidezimmer einer Schönen vor 1800 Jahren aus.

Die schöne Julia lehnte sich nachlässig auf ihren Sitz zurück, während die Ornatrix (Haarkünstlerin) langsam eine Masse von kleinen Locken auf einander häufte, die falschen mit den ächten gewandt durchflocht und den ganzen Bau zu einer Höhe ausführte, die das Haupt eher in den Mittelpunkt, als an den Gipfel der menschlichen Gestalt zu verlegen schien.

Ihre Tunika von dunkler Bernsteinfarbe, die zu ihrem schwarzen Haare und ihrem etwas braunen Teint ausgezeichnet ließ, fiel in weiten Falten auf ihre Füße herab, wie man es bei den Türken noch heutzutage sieht, in die purpurnen und etwas aufwärts gebogenen Pantoffeln selbst eine Menge von Perlen eingestickt waren. Eine alte, durch vieljährige Erfahrung in allen Toilettengeheimnissen bewanderte Sklavin stund neben der Haarkünstlerin, den breiten und reich besetzten Gürtel ihrer Gebieterin über den Arm geworfen und ertheilte von Zeit zu Zeit, vermischt mit wohldurchdachten Schmeicheleien gegen die Dame selbst, Lehren über die Ausführung des gewaltigen Thurmes.

»Stecke diese Nadel mehr rechts – tiefer – dummes Geschöpf! Bemerkst Du denn nicht, wie gleich diese schönen Augbraunen sind? – Man sollte glauben, Du stechtest der Korinna die Haare, deren Gesicht ganz auf einer Seite sitzt. Jetzt steck' die Blumen hinein – wie dumm! – Nicht diese düstere Nelke – Du hast jetzt nicht der bleichen Wange der Chloris die Farben anzupassen – nur die hellsten Blumen eignen sich für die Wange der jungen Julia.«

»Sanfter,« rief die Dame, heftig mit dem kleinen Fuße stampfend, »Du zerrst an meinem Haar, als ob Du Unkraut herausrissest.«

»Dummes Ding,« fuhr die Leiterin der Ceremonie fort, »weißt Du nicht, wie zart Deine Herrin ist? Du richtest jetzt nicht das rauhe Roßhaar der Wittwe Fulvia. Jetzt also das Band – so ist's recht. Schöne Julia, sieh in den Spiegel – sahst Du je etwas so Liebenswürdiges, wie Dich?«

Als nach unzähligen Bemerkungen, Schwierigkeiten und Verzögerungen der verwickelte Thurm endlich aufgeführt war, bestund das nächste Geschäft darin, den Augen den sanften und schmachtenden Ausdruck zu geben, der durch ein dunkles, auf Augenlieder und Brauen aufgetragenes Pulver bewirkt wurde. Ein kleines, in Form eines Halbmondes geschnittenes, und mit Gewandtheit neben die rosigen Lippen gelegtes Pflästerchen zog die Aufmerksamkeit auf ihre Grübchen und die Zähne, deren natürliche blendende Weiße zu erhöhen, bereits jede Kunst angewendet worden war.

Einer andern, bisher müßigen Sklavin wurde jetzt das Geschäft zugewiesen, die Juwelen zu ordnen – nämlich die Ohrringe aus Perlen (zwei in jedes Ohr), die Armbänder von massivem Gold, die Kette aus den Ringen von demselben Metall, an welcher ein in Krystall geschnittener Talisman befestigt war; die anmuthige Schnalle auf die linke Schulter, in welcher man eine ausgesuchte Kamee, die Psyche darstellend, angebracht hatte; den purpurnen, reich mit Goldfäden durchwirkten und durch ein Schlangengewinde geschlossenen Gürtel und endlich die verschiedenen Ringe, für jedes Gelenk der weißen und zarten Finger.

Jetzt war die Toilette nach der neuesten Mode von Rom fertig. Die schöne Julia betrachtete sich selbst mit einem letzten Blick wohlgefälliger Eitelkeit, lehnte sich wieder auf ihren Stuhl zurück und befahl der jüngsten ihrer Sklavinnen in verdrossenem Ton, ihr die verliebten Gedichte Tybulls zu lesen. Während diese Vorlesung noch andauerte, führte eine andere Sklavin Nydia bei der Dame des Hauses ein.

»Salve Julia!« sprach das Blumenmädchen, mit gefalteten Armen und blieb einige Schritte von der Tochter des Diomed entfernt stehen. »Ich habe Deinem Befehle gehorcht.«

»Da hast Du wohlgetan, Blumenmädchen,« antwortete die Dame, »tritt näher, Du kannst Dir einen Sitz nehmen.«

Eine der Sklavinnen stellte einen Stuhl neben Julia.

Einige Augenblicke schaute Julia die Thessalierin stillschweigend und beinahe verlegen an. Dann winkte sie ihren Dienerinnen sich zu entfernen und die Thüre zu schließen. Als sie nun mit Nydia allein war, wandte sie, gänzlich vergessend, daß diese ihr Gesicht nicht sehen könne, sich mechanisch von ihr ab und sprach: »Du dienst der Neapolitanerin Ione?«

»Ich bin gegenwärtig bei ihr,« antwortete Nydia.

»Ist sie so schön, wie man sagt?«

»Ich weiß nicht,« entgegnete Nydia, »wie kann ich darüber urtheilen?«

»Ach, ich hätte daran denken sollen – aber wenn nicht Augen, so hast Du doch Ohren. Rühmen Dir Deine Mitsklavinnen ihre Schönheit? Wenn Dienerinnen mit einander plaudern, vergessen sie sogar, ihrer Herrin zu schmeicheln.«

»Sie sagen mir, sie sei schön.«

»Hm, sagen sie, sie sei groß?«

»Ja.«

»Nun, das wär' ich auch – dunkle Haare?«

»So habe ich gehört.«

»Das hab' ich auch. Und besucht sie Glaukus oft?«

»Täglich,« entgegnete Nydia mit halb unterdrücktem Seufzer.

»Im Ernste, täglich! findet er sie schön?«

»Ich glaube wohl, da sie bald ihre Hochzeit feiern werden.«

»Ihre Hochzeit!« rief Julia, selbst durch die falschen Rosen auf ihren Wangen hindurch erblassend, und von ihrem Sitze auffahrend; Nydia bemerkte aber natürlich die Aufregung nicht, die sie hervorgebracht hatte. Julia schwieg lange Zeit; aber ihre wogende Brust und die blitzenden Augen hätten jedem Sehenden die Wunde verrathen, die ihrer Eitelkeit geschlagen worden war.

»Man sagt mir, Du seiest eine Thessalierin,« begann sie endlich, das Stillschweigen brechend.

»Gewiß!«

»Thessalien ist das Land der Magie und der Hexen – der Talismane und der Liebestränke,« sprach Julia.

»Es war von jeher berühmt, wegen seiner Zauberer,« entgegnete Nydia furchtsam.

»Kennst Du also, blinde Thessalierin, irgend einen Liebeszauber?«

»Ich,« erwiderte das Blumenmädchen erröthend, »ich, wie sollte ich? Nein, gewiß nicht.«

»Um so schlimmer für Dich; ich hätte Dir, wärest Du klüger gewesen, Gold genug gegeben, um Deine Freiheit zu kaufen.«

»Aber was,« warf Nydia ein, »kann die schöne und reiche Julia veranlassen, eine solche Frage an ihre Dienerin zu richten? Hat sie nicht Geld und Jugend und Liebenswürdigkeit? Sind das nicht Liebeszauber genug, um die Magie entbehrlich zu machen?«

»Für Jedermann, eine Person in der Welt ausgenommen,« antwortete Julia stolz, »aber mir däucht, Deine Blindheit sei ansteckend und – doch nichts mehr davon –«

»Und diese eine Person?« fragte Nydia hastig.

»Ist nicht Glaukus,« erwiderte Julia, mit der gewöhnlichen Falschheit ihres Geschlechtes. »Glaukus – nein.«

Nydia athmete wieder freier und nach einer kurzen Pause, begann Julia von Neuem: »Das Gespräch von Glaukus und von seiner Neigung zu dieser Neapolitanerin erinnerte mich an den Einfluß der Liebestränke, deren sie vielleicht einen – was weiß, oder was will ich übrigens davon – ihm beigebracht haben mag. Blindes Mädchen, ich liebe – liebe, und – soll Julia leben, um so etwas zu sagen? – werde nicht wieder geliebt! Dies demüthigt – nein, nicht demüthigt, sondern es verwundet meinen Stolz. Ich möchte diesen Undankbaren zu meinen Füßen sehen – nicht um ihn aufzuheben, sondern um ihn wegzustoßen. Als man mir sagte, Du seiest eine Thessalierin, da dachte ich, Dein junger Geist sei vielleicht in den dunklen Geheimnissen Deines Landes erfahren.«

»Ach nein,« murmelte Nydia, »wäre er es doch!«

»Ich danke Dir wenigstens für diesen gütigen Wunsch,« sprach Nydia, ohne zu ahnen, was in der Brust des Blumenmädchens vorging.

»Aber sage mir, Du hörst ja das Geklatsche der Sklaven, die, sich stets zu solchem dunklen Glauben hinneigend, immer bereit sind, in ihren eigenen geringen Liebschaften Zaubereien anzuwenden – hast Du nie von einem morgenländischen Magier in dieser Stadt gehört, der die Kunst, die Dir unbekannt ist, besitzt? Ich habe hier keinen leeren Handwahrsager, keinen Taschenspieler für die Marktplätze, sondern einen gewaltigeren und mächtigen Magier aus Indien oder Egypten im Auge.«

»Aus Egypten, ja,« sagte Nydia schaudernd, »wer in Pompeji hat nicht von Arbaces gehört?«

»Arbaces, ganz richtig!« erwiderte Julia, die Erinnerung festhaltend. »Man sagt, er sei ein Mann, erhaben über all die winzigen und falschen Täuschungen der vorgeblichen Jünger der Wissenschaft – er verstehe, in den Sternen zu lesen und sei vertraut mit den Geheimnissen der alten Macht; warum nicht auch mit den Mysterien der Liebe?«

»Gibt es einen Magier in der Welt, dessen Kunst höher steht, als die der Andern, so ist es dieser furchtbare Mann,« antwortete Nydia, gleichzeitig ihren Talisman betastend.

»Er ist zu reich, um für Geld wahr zu sagen,« fuhr Julia übermüthig fort, »könnte ich ihn nicht besuchen?«

»Es ist ein böses Haus für Jugend und Schönheit,« entgegnete Nydia, »ich habe auch gehört, daß er darniederliege an – –«

»Ein böses Haus,« sagte Julia, die nur den ersten Satz auffaßte. »Wie so?«

»Seine nächtlichen Orgien sind unrein und befleckt – so geht wenigstens das Gerücht!«

»Bei Ceres, Pan und Sybele, Du Du erregst nur meine Neugierde, statt meiner Furcht,« erwiderte die eigensinnige und üppige Pompejanerin. »Ich will ihn besuchen und über seine Liebe befragen. Hat Liebe Zutritt zu diesen Orgien – nun, so ist es um so wahrscheinlicher, daß er auch ihre Geheimnisse kennt.«

Nydia antwortete nicht.

»Noch heute will ich zu ihm gehen,« fuhr Julia fort, »ja, warum nicht in dieser Stunde?«

»Bei Tag und in seinem gegenwärtigen Zustande hast Du zuverlässig weniger zu fürchten,« entgegnete Nydia, in deren Brust schnell der geheime Wunsch aufgestiegen war, zu erfahren, ob der dunkle Egypter in der That, wie sie so oft gehört, die Zaubermittel besitze, Liebe anzuziehen und zu befestigen.

»Und wer sollte es wagen, die reiche Tochter Diomeds zu beleidigen,« sprach Julia stolz. »Ich will hingehen.«

»Darf ich Dich später besuchen, um das Ergebnis zu erfahren?« fragte Nydia besorgt.

»Küß' mich für Deine Theilnahme an Julia's Ehre,« antwortete die Dame; »ja gewiß. Diesen Abend speisen wir außer Haus; komm also morgen um dieselbe Stunde und Du sollst Alles erfahren. Ich habe auch vielleicht etwas für Dich zu thun – doch genug für jetzt. Halt, nimm dieses Armband für den Gedanken, den Du mir eingegeben hast, und sei überzeugt, daß, wenn Du Julien dienst, sie dankbar und freigebig ist.«

»Dein Geschenk kann ich nicht annehmen,« sagte Nydia, das Armband bei Seite legend, »aber, so jung ich auch bin, kann ich unbezahlt mit Denen fühlen, die lieben – und vergebens lieben.«

»Redest Du so?« entgegnete Julia, »Du sprichst wie ein freies Mädchen, und Du sollst noch frei werden. Lebe wohl!«

Achtes Kapitel.

Julia besucht den Arbaces – Das Ergebnis dieser Unterredung.

Arbaces saß in einem Zimmer, das sich auf eine Art Balkon oder Säulengang gegen den Garten öffnete. Seine Wange war blaß und eingefallen von den ausgestandenen Leiden, aber sein eiserner Körper hatte sich bereits wieder von den bedenklichen Folgen des Unfalls erholt, der seine grimmigen Absichten in dem Augenblicke des Sieges durchkreuzt hatte. Die Luft, welche süß drückend auf seine Stirne wehte, seine ermattenden Sinne und das Blut kreiste wieder freier als seit vielen Tagen durch seine eingeschrumpften Gefäße.

»So ist denn,« dachte er, »der Sturm des Geschickes gebrochen und vorübergezogen; das Unglück, das meine Wissenschaft vorausgesagt hatte und das mein Leben selbst bedrohen sollte, ist eingetreten, und noch lebe ich! Es geschah, was die Sterne verkündeten – und die lange, glänzende und glückliche Laufbahn, die, im Fall ich es überlebe, auf das Übel folgen sollte, lächelt mir nunmehr jenseits desselben. – Ich bin hinüber geschritten – ich habe die letzte Gefahr meines Geschickes überwunden. Nunmehr habe ich nur noch den Garten meines zukünftigen Lebens anzulegen, ohne Furcht und sicher. Als die erste meiner Freuden also – selbst vor der Liebe – möge Rache kommen! Dieser griechische Knabe, der meiner Leidenschaft in den Weg getreten und meine Pläne durchkreuzt hat – der mich selbst dann noch verhöhnte, als der Stahl im Begriffe stand, sein verfluchtes Blut zu trinken – soll mir nicht zum zweitenmal entgehen; doch welche Art der Rache wählen? Das muß wohl bedacht werden. O Ate, wenn du wirklich eine Göttin bist, so erfülle mich mit all deinen Eingebungen!«

Der Egypter sank bei diesen Worten in eine tiefe Träumerei, die ihm seinen klaren aber befriedigenden Gedanken einzugeben schien. Unruhig wechselte er seine Stellung, während er einen Plan nach dem andern ausdachte, und verwarf jeden sofort wieder, sobald er ihn gebildet hatte. Mehremale schlug er an seine Brust und stöhnte laut, im Durst nach Rache und im Gefühl seiner Unmacht zu deren Befriedigung. Während er also nachdachte, trat ein Sklavenknabe schüchtern in das Zimmer, mit der Meldung, eine Dame, ihrer eigenen und ihrer Sklavinnen Kleidung nach offenbar von Stand, warte unten und bitte um Gehör bei Arbaces.

»Eine Dame!« Sein Herz schlug schneller. »Ist sie jung?«

»Ihr Gesicht ist durch einen Schleier verhüllt; aber ihre Gestalt ist, obgleich voll, dennoch zart wie die der Jugend.«

»Führe sie her,« sprach der Egypter, dessen eitles Herz einen Augenblick glaubte, die Fremde möchte Ione sein.

Der erste Blick, den er auf die nunmehr Eintretende warf, reichte hin, eine so irrthümliche Vermuthung zu widerlegen. Allerdings hatte sie so ziemlich dieselbe Größe und vielleicht auch dasselbe Alter wie Ione – allerdings war sie schön und üppig geformt; aber wo blieb jene unbeschreiblich anmuthige Wellenform, welche jede Bewegung der unvergleichlichen Neapolitanerin begleitete? – die züchtige und anständige Kleidung, die selbst bei der sorgfältigsten Anordnung der Einfachheit nicht ermangelte? – der würdevolle und doch schüchterne Schritt? die Majestät des Weibes und ihre Sittsamkeit?

»Verzeih mir, ich kann nur mühsam aufstehen,« begann Arbaces, die Fremde anschauend, »ich leide noch immer an einer kürzlich eingetretenen Krankheit.«

»Laß Dich durchaus nicht stören, großer Egypter,« erwiderte Julia, welche die Furcht, die sie bereits empfand, unter dem bequemen Schleier der Schmeichelei zu verdecken suchte, »und verzeih einem glücklichen Frauenzimmer, das Trost bei Deiner Weisheit sucht.«

»Komm näher, schöne Fremde,« sagte Arbaces, »und sprich ohne Furcht und ohne Rückhalt.«

Julia setzte sich auf einen Stuhl neben den Egypter und blickte verwundert in einem Zimmer umher, dessen ausgesuchte und kostbare Pracht sogar den reichen Schmuck im Hause ihres Vaters beschämte; furchtsam betrachtete sie ferner die Hieroglyphenschriften an den Wänden – die Gesichter der geheimnisvollen Bilder, die sie aus jeder Ecke anstarrten – den Dreifuß in einiger Entfernung – und vor Allem das ernste und merkwürdige Gesicht des Arbaces selbst. Ein langes weißes Kleid bedeckte wie ein Schleier halb seine Rabenlocken und floß bis zu seinen Füßen hinab; seine gegenwärtige Blässe machte sein Gesicht nur noch eindrucksvoller, und seine dunklen und durchbohrenden Augen schienen den Schleier der Dame zu durchdringen und die Geheimnisse ihrer eitlen und unweiblichen Seele zu erforschen.

»Und was,« sagte er mit leiser, tiefer Stimme, »was, o Mädchen, führt Dich in das Haus des Fremdlings aus Osten?«

»Sein Ruf,« antwortete Julia.

»Worin?« sprach er mit sonderbarem, leichtem Lächeln.

»Kannst Du fragen, o weiser Arbaces? Ist Deine Wissenschaft nicht das Stadtgespräch in Pompeji?«

»Einige Kenntnisse habe ich allerdings gesammelt,« erwiderte Arbaces, »aber in wiefern können solch ernste und unfruchtbare Mysterien dem Ohre der Schönheit Nutzen bringen?«

»Ach,« erwiderte Julia, etwas ermuthigt durch die gewöhnten Töne der Schmeichelei, »flieht nicht der Kummer zur Weisheit um Linderung, und sind nicht die, welche unerwidert lieben, die erwählten Opfer des Grams?«

»Ha,« rief Arbaces, »kann unerwiderte Liebe das Loos einer so schönen Gestalt sein, deren tadellose Verhältnisse selbst durch die Falten Deines anmuthigen Kleides sichtbar sind? Gewähre mir die Gunst, o Jungfrau, Deinen Schleier zu lüften, damit ich wenigstens sehe, ob Dein Antlitz der Lieblichkeit Deiner Person entspreche.«

Nicht abgeneigt vielleicht, ihre Reize zu entfalten, und im Glauben, daß sie in dem Magier wohl Theilnahme an ihrem Schicksal erwecken dürften, hob Julia nach kurzem Bedenken ihren Schleier und enthüllte eine Schönheit, die, wäre nicht so viel Kunst dabei gewesen, den Blick des Egypters sicherlich angezogen hätte.

»Du willst Dich bei mir Raths erholen wegen unglücklicher Liebe,« sagte er. »Wohlan, wende dieses Gesicht dem Undankbaren zu; welch kräftigeren Liebeszauber könnte ich Dir geben?«

»Oh, laß diese Artigkeiten,« bat Julia; »es ist allerdings ein Liebeszauber, den ich von Deiner Kunst erbitten wollte!«

»Schöne Fremde,« entgegnete Arbaces etwas höhnisch, »Liebeszauber gehören nicht zu denjenigen Geheimnissen, zu deren Erlangung ich die Nächte durchwacht habe.«

»In der That? Dann verzeih mir, großer Arbaces, und lebe wohl!«

»Halt,« rief der Egypter, der trotz seiner leidenschaftlichen Liebe zu Ione für die Schönheit seines Gastes nicht unempfindlich war und der, wäre sein Befinden besser gewesen, wohl versucht haben dürfte, die schöne Julia durch andere Mittel als durch die einer übernatürlichen Wissenschaft zu trösten; »halt, obwohl ich, wie gesagt, die Zauberei der Liebestränke Denen überlassen habe, die ein Gewerbe aus deren Verfertigung machen, so bin ich doch keineswegs so abgestumpft für Schönheit, um in früheren Jahren nicht selbst solche Getränke angewandt zu haben. Wenn Du aufrichtig gegen mich sein willst, so kann ich Dir wenigstens einen Rath geben; sage mir also zuerst, bist Du unverheirathet, wie Deine Kleidung anzeigt?«

»Ja,« sagte Julia.

»Und, nicht begabt mit Reichthum, möchtest Du gerne einen vermöglichen Feier anlocken?«

»Ich bin reicher als der, welcher mich verachtet.«

»Sonderbar und immer sonderbarer, und Du liebst ihn, der Dich nicht liebt?«

»Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe,« antwortete Julia stolz, »aber ich weiß, daß ich über eine Nebenbuhlerin zu triumphiren wünsche – ich möchte sehen, wie der, welcher mich verwarf, um mich freite, sehen, wie die, welche er mir vorzog, nunmehr ihrerseits verachtet würde.«

»Ein natürlicher und des Weibes würdiger Ehrgeiz,« sagte der Egypter in einem für Ironie zu ernsten Tone; »aber noch mehr, schöne Jungfrau, willst Du mir den Namen Deines Geliebten anvertrauen? Kann er ein Pompejaner sein und Reichthum verschmähen, selbst wenn er blind gegen Schönheit sein sollte?«

»Er ist aus Athen,« antwortete Julia, die Blicke senkend.

»Ha,« rief der Egypter ungestüm und das Blut trat ihm in die Wangen; »es gibt nur einen jungen Athener von edler Abkunft in Pompeji. Sollte es Glaukus sein, von dem Du sprichst?«

»Ach, verrath' mich nicht – so heißt er in der That.«

Der Egypter fuhr zurück, starrte gedankenlos auf das abgewandte Gesicht der Kaufmannstochter und fragte sich selbst leise, ob diese Unterredung, die er bis jetzt bloß oberflächlich behandelt hatte, indem ihm die Leichtgläubigkeit und Eitelkeit seines Besuches Spaß machte, ihm nicht für seine Rache von Nutzen sein könne.

»Ich sehe, Du kannst mir nicht beistehen,« sprach Julia, durch sein fortgesetztes Stillschweigen beleidigt, »Bewahre wenigstens mein Geheimnis – noch einmal, lebe wohl!«

»Jungfrau,« hub der Egypter in ernstem und feierlichen Tone an, »Deine Bitte hat mich gerührt, ich will Dir an die Hand gehen. Höre mich: Ich selbst habe mich nie mit diesen untergeordneten Mysterien befaßt, aber ich weiß Jemand, der sich damit abgibt. Am Fuße des Vesuv, keine Meile von der Stadt entfernt, wohnt eine mächtige Hexe; im üppigen Thau des Neumonds hat sie die Kräuter gesammelt, welche die Kraft besitzen, Liebe in ewige Fesseln zu legen. Ihre Kunst kann Deinen Geliebten Dir zu Füßen werfen. Suche sie und nenne ihr den Namen des Arbaces; sie fürchtet diesen Namen und wird Dir von ihrem stärksten Tranke geben.«

»Ach,« antwortete Julia, »ich weiß den Weg zu dem Hause derjenigen, von welcher Du sprichst, nicht, und trotz seiner Kürze ist er dennoch zu lang für ein Mädchen, die das Haus ihres Vaters heimlich verläßt. Die Gegend ist mit wilden Reben verwachsen und durch abschüssige Höhlen gefährlich. Einem Fremden wage ich mich nicht zur Führung anvertrauen – der Ruf eines Weibes wird leicht befleckt – und obgleich ich meine Leidenschaft für Glaukus nicht zu verhehlen suche, so wünschte ich doch nicht, daß man erführe, ich habe seine Liebe durch einen Zaubertrank erworben.«

»Wäre ich nur um drei Tage vorgeschritten in meiner Genesung,« entgegnete der Egypter, stand auf und ging, wie um seine Kräfte zu erproben, mit schwankenden und schwachen Schritten durchs Zimmer – »so würde ich Dich selbst begleiten. – Nun, Du mußt warten.«

»Aber Glaukus wird diese verhaßte Neapolitanerin so bald heirathen.«

»Heirathen?«

»Ja, in den ersten Tagen des nächsten Monats.«

»So bald; bist Du hierüber gut unterrichtet?«

»Ich weiß es aus dem Munde ihrer eigenen Sklavin.«

»Es soll nicht geschehen,« rief der Egypter ungestüm, »fürchte nichts, Glaukus soll Dein werden. Aber wie kannst Du ihm diesen Trank, wenn Du ihn erhältst, beibringen?«

»Mein Vater hat ihn und, wie ich glaube, auch die Neapolitanerin auf übermorgen zu einem Gastmahl eingeladen, und da kann ich die Sache ganz gut ausführen.«

»So geschehe es,« sprach der Egypter, dessen Augen von so wilder Freude funkelten, daß Juliens Blick sich zitternd vor ihnen beugte. »Bestellte also auf morgen Abend Deine Sänfte; Du hast wohl über eine zu verfügen?«

»Gewiß,« erwiderte die geldstolze Julia.

»Bestelle Deine Sänfte – in geringer Entfernung von der Stadt befindet sich ein Vergnügungsort, den die reicheren Pompejaner wegen seiner herrlichen Bäder und schönen Gärten häufig besuchen. Dorthin, kannst Du vorgeben, gehe Dein ganzer Ausflug, und dort will ich, lebend oder sterbend, bei der Statue des Silenus in dem den Garten umgebenden Wäldchen mit Dir zusammenkommen; denn ich selbst will Dich zur Hexe führen. Warten wir übrigens, bis mit dem Abendstern die Ziegen der Hirten zur Ruhe gegangen sind, bis das dunkle Zwielicht uns verbirgt und Niemand unsern Pfad durchkreuzt. Gehe heim und sei ohne Furcht. Beim Hades schwört Arbaces, der Zauberer von Egypten, daß Ione nie den Glaukus heirathen soll!«

»Und daß Glaukus der Meinige wird?« setzte Julia hinzu, den unvollständigen Satz vollendend.

»Du hast es gesagt,« antwortete Arbaces, und Julia, halb erschrocken über diese unheimliche Verabredung, aber durch Eifersucht noch mehr als durch Liebe angetrieben, beschloß ihr nachzukommen.

Allein gelassen brach Arbaces in die Worte aus: »Glänzende Sterne, die ihr nie lügt, schon beginnt ihr die Erfüllung eurer Versprechungen – Glück in der Liebe und Sieg über meine Feinde für den sanften Rest meiner Lebenszeit! Gerade in der Stunde, da mein Geist keinen Pfad zum Ziel meiner Rache auffinden konnte, habt ihr mir diese schöne Thörin zur Führerin gesandt.« In tiefen Gedanken hielt er inne. »Ja,« begann er wiederum, aber mit ruhigerer Stimme, »ich selbst hätte ihr das Gift nicht geben dürfen, das allerdings der Liebestrank sein soll! – die Spur seiner Ermordung hätte ja sonst bis in mein Haus verfolgt werden können. Aber die Hexe – ja, sie ist die zweckmäßige, natürliche Vollzieherin meiner Pläne!« Er rief einen seiner Sklaven, befahl ihm, Julien auf dem Fuße nachzueilen und sich nach ihrem Namen und Stand zu erkundigen. Nachdem dies geschehen war, schritt er in den Portikus vor. Der Himmel war rein und klar – Arbaces aber, wohl vertraut mit den Zeichen seines Wechsels, erblickte in einer weit am Horizonte schwebenden Wolkenmasse, die der Wind langsam zu bewegen anfing, das Vorzeichen eines Sturmes.

»Wie meine Rache,« sagte er emporschauend;« der Himmel ist klar, aber die Wolke rückt heran.«

Neuntes Kapitel.

Ein Sturm im Süden – Die Höhle der Hexe.

Als die Hitze des Tages allmählig von der Erde wich, machten Glaukus und Ione eine Spazierfahrt, der gekühlten und angenehmen Luft zu genießen. Zu jener Zeit waren verschiedene Arten von Fuhrwerken unter den Römern gebräuchlich; die reicheren Bürger bedienten sich gewöhnlich, wenn sie keine Begleitung bei ihren Ausflügen wollten, der im Anfange dieses Werkes bereits beschriebenen biga. Das Gefährt für die Frauen hieß carpentumFür öffentliche Feste und Spiele bediente man sich eines prachtvolleren und kostbareren Wagens, pilentum genannt, mit vier Rädern. und hatte gewöhnlich nur zwei Räder. Die Alten gebrauchten auch Sänften, die bequemer als die unsrigen eingerichtet waren, in sofern man sich in ihnen bequem niederlegen konnte, statt in senkrechter und steifer Stellung auf- und abgeschüttelt zu werden.Sie hatten übrigens auch die Sella oder den Tragsessel, worin sie saßen wie wir. Zum Reisen und zu Ausflügen aufs Land wurde ein anderes Fuhrwerk benützt; es war bequem, faßte drei bis vier Personen, und hatte ein Verdeck, das nach Belieben abgenommen werden konnte; kurz es entsprach, obwohl in der äußeren Form sehr verschieden, doch dem Zwecke unserer Droschken. Ein Fuhrwerk dieser Art nun benützten die Liebenden, nur von einer einzigen Sklavin Ione's begleitet, auf ihrem Ausfluge. Einige Stunden von der Stadt befand sich damals eine alte Ruine, die Überbleibsel eines Tempels, von augenscheinlich griechischem Ursprung; und da für Glaukus und Ione alles Griechische von Interesse war, so hatten sie doch verabredet, diese Ruinen zu besuchen.

Ihr Weg ging anfänglich zwischen Weinbergen und Olivenwäldchen hin, bis er, sich mehr und mehr den höheren Partien des Vesuvs zuwendend, allmählig rauher wurde. Die Maulthiere bewegten sich nur langsam und mühsam, und bei jeder Öffnung im Walde gewahrten sie jene grauen und schrecklichen Höhlen in den ausgebrannten Felsen, die Strabo beschrieben hat, die aber in Folge der verschiedenen Umwälzungen der Zeit, und durch die vulkanischen Ausbrüche sich jetzt dem Auge nicht mehr zeigten. Die Sonne, die sich ihrem Untergange näherte, warf lange und dichte Schatten über den Berg; da und dort härten unsere Freunde noch das ländliche Rohr des Hirten aus Gruppen von Buchen und wilden Eichen ertönen. Bisweilen bemerkten sie die Gestalt der silberhaarigen und anmuthigen Ziege mit ihrem gewundenen Horn und glänzendem grauen Auge, wie sie noch jetzt unter Ausoniens Himmel an den Hügeln weidet, und uns Virgil's Eklogen zurückruft; und die bereits vom Lächeln des vorgerückten Sommers gerötheten Trauben glühten aus den bogenförmigen Gewinden hervor, die von Baum zu Baum hingen. Über ihnen schwammen leichte Wolken am heiteren Himmel, die sich kaum zu bewegen schienen, während die Liebenden zu ihrer Rechten dann und wann die wogenlose See, auf deren Spiegel eine leichte Barke einherschwamm, erblickten und das Sonnenlicht sich über der Tiefe in den zahllosen und milden Tinten brach, die jenem herrlichen Meere so eigenthümlich sind.

»Wie schön,« begann Glaukus halb flüsternd, »ist jener Name, mit dem wir die Erde unsere Mutter nennen. Mit welch gütiger und gleichmäßiger Liebe gießt sie ihre Segnungen über ihre Kinder aus: und selbst dieser öden Stätte, der die Natur Schönheit versagt hat, sucht sie ihr Lächeln zuzuwenden, wie dies der Erdbeerbaum und der Weinstock bisweilen, die sie um den trockenen und glühenden Boden jenes erloschenen Vulkans windet. Ach in einer solchen Stunde und Angesichts einer solchen Scene könnten wir uns wohl denken, das lachende Gesicht des Fauns blicke aus diesen grünen Rebengehängen hervor, oder wir folgen den Schritten der Bergnymphe durch die Irrgänge des Gehölzes. Aber die Nymphen starben, schöne Ione, als Du ins Leben tratest!«

Keine Zunge schmeichelt so wie die des Liebenden, und doch scheint im Übermaß seiner Gefühle Schmeichelei nur ein Gemeinplatz zu sein. Sonderbare und verschwenderische Fülle, die sich durch überströmen bald erschöpft! Man sagt, die Achtung, welche auf die Leidenschaft folge, mache uns glücklicher, als die leidenschaftliche Liebe selbst – es mag so sein – die Quellen der Phantasie, der Hoffnung, des Ehrgeizes, die alle in einen Kanal eingeengt waren, kehrten wieder in ihr natürliches Bett zurück. Die Liebe ist eine Revolution; – so lange sie dauert, gibt es keine Harmonie, keine Ordnung, und eben damit auch kein anhaltendes Glück; wenn aber die Revolution vorüber ist, erstaunen wir über die Überreizung, in der wir uns befunden. Vielleicht lieben wir noch, vielleicht werden wir noch geliebt, aber wir sind nicht mehr verliebt! Ich für meine Person glaube, daß es einige Arten unvollkommenen Glückes gibt, die dem vollkommenen vorzuziehen sind. Entzieh dem Herzen die Sehnsucht, und Du entziehst der Erde die Luft.

Sie kamen bei den Ruinen an, und untersuchten sie mit jener Liebe, mit welcher wir die heiligen und vertrauten Spuren unserer Vorfahren verfolgen; sie verblieben dort, bis der Abendstern am rosigen Himmel erschien; und als sie sodann im Zwielicht zurückkehrten, waren sie stiller als bisher, denn in den Schatten des Abends und unter den Gestirnen fühlten sie den Druck ihrer gegenseitigen Liebe nur um so lebhafter.

Um diese Zeit begann der vom Egypter vorausgesagte Sturm sichtbar über ihren Häuptern heraufzuschleichen. Zuerst kündete ein leiser und ferner Donner den bevorstehenden Kampf der Elemente an, und rollte hierauf schnell über die dunklen Lagen der gedrängten Wolken hin. Das plötzliche Ausbrechen von Stürmen unter diesem Himmel ist eine fast übernatürliche Erscheinung und mochte bei dem Aberglauben früherer Zeiten gar wohl den Gedanken einer besondern göttlichen Einwirkung erwecken. Einige große Tropfen fielen schwer durch die Zweige, die ihren Weg halb überhingen, und unmittelbar darauf zuckte rasch und blendend ein Gabelblitz dicht über die Augen unserer Freunde hin und ward von der zunehmenden Dunkelheit verschlungen.

»Schneller, guter Carrucarius,« rief Glaukus dem Wagenlenker zu, »der Sturm kommt zusehends heran.«

Der Sklave trieb die Maulthiere an; schnell ging es über die unebene und steinige Straße; die Wolken wurden dichter, näher und näher kam der Donner, und der platschende Regen goß sich in Strömen herab.

»Fürchtest Du Dich?« flüsterte Glaukus, dem das Gewitter zum Vorwand diente, näher an Ione zu rücken.

»Bei Dir nicht,« antwortete sie sanft.

In diesem Augenblick gerieth der Wagen, gebrechlich und schlecht gebaut, wie, trotz ihres anmuthigen Äußern, bei den meisten derartigen Erfindungen jener Zeit dem praktischen Gebrauche nicht die gebührende Rechnung getragen wurde, heftig in ein tiefes Geleise, über welchem ein gefallener Baumstamm lag; der Führer trieb mit einem Fluche seine Maulthiere noch stärker gegen das Hindernis an, das Rad wurde aus der Achse gehoben und der Wagen fiel plötzlich um.

Glaukus wand sich schnell aus dem Fuhrwerk heraus und eilte Ione zu Hülfe, die glücklicherweise unverletzt geblieben war; mit einiger Schwierigkeit richteten sie die Carruca wieder auf und sahen, daß sie sogar zum bloßen Obdach nicht länger dienen konnte; die Federn, welche das Verdeck festhielten, waren gebrochen, und der Regen ergoß sich wild und in Strömen in das Zimmer.

Was war in dieser Verlegenheit zu thun? Sie waren noch ziemlich weit von der Stadt entfernt – kein Haus, keine Hülfe schien nahe.

»Eine kleine halbe Stunde von hier,« sagte der Fuhrmann, »wohnt ein Schmied; ich könnte ihn holen, damit der das Rad wieder an die Carruca befestigt; aber beim Jupiter, wie der Regen schlägt! meine Gebieterin wird durchnäßt sein, bis ich wiederkomme.«

»Lauf wenigstens hin,« entgegnete Glaukus; »wir müssen uns so gut wir können bis zu Deiner Rückkehr zu schützen suchen.«

Der Weg war mit Bäumen überschattet, unter deren dichtesten Glaukus seine Ione führte. Indem er seinen eigenen Mantel auszog, suchte er sie besser gegen den strömenden Regen zu schützen, aber dieser stürzte mit einer Wuth herab, die alle solche kleine Hindernisse durchbrach, und während Glaukus seiner schönen Begleiterin Muth zuflüsterte, schlug plötzlich der Blitz in einen der unmittelbar vor ihnen stehenden Bäume und spaltete seinen gewaltigen Stamm mit ungeheuerem Krachen entzwei. Dieses fürchterliche Ereignis zeigte, welche Gefahr ihnen unter ihrem gegenwärtigen Obdache drohe, und Glaukus sah sich ängstlich nach einem weniger gefährlichen Zufluchsorte um.

»Wir sind jetzt,« sagte er, »auf der halben Höhe des Vesuvs; es muß hier in den rebenbedeckten Felsen irgend eine Grotte oder Höhle sein, in welcher uns die entflohenen Nymphen eine Zufluchtsstätte gelassen haben, – wenn wir sie nur finden könnten.«

Während er so sprach, trat er unter den Bäumen vor und entdeckte, seine spähenden Blicke nach dem Berge lenkend, durch die zunehmende Dunkelheit ein rothes, zitterndes Licht in nicht beträchtlicher Ferne. »Das muß,« meinte er, »vom Herd eines Hirten oder Winzers kommen – es wird uns zu einem gastlichen Obdach führen. Willst Du hier bleiben, während ich – doch nein – das hieße Dich der Gefahr preiszugeben.«

»Gerne will ich mit Dir gehen,« sprach Ione; »scheint auch die Stätte unbedeckt, so ist sie doch jedenfalls besser, als das verrätherische Dach dieser Zweige.«

Ionen halb führend, halb tragend, schritt Glaukus von der zitternden Sklavin begleitet dem Lichte zu, das noch immer blau und fest brannte. Endlich war der Pfad nicht mehr offen, wilde Weinstöcke verwirrten ihre Schritte und entzogen, einige lichte Stellen ausgenommen, den leitenden Strahl ihrem Auge. Aber schneller und wilder stürzte der Regen herab und der Blitz nahm seine tödtlischste und schrecklichste Gestalt an; unsere Freunde aber sahen sich hiedurch nur zu noch größerer Eile angetrieben, in der Hoffnung, auch wenn das Licht sie äffen sollte, doch endlich zu einer Hütte oder freundlichen Höhle zu gelangen. Immer verwachsener wurden die Reben – das Licht war ihnen gänzlich entschwunden, aber ein schmaler Pfad, den sie, nur von den beständigen und lang hinziehenden Blitzen geleitet, mit Mühe und Anstrengung verfolgten, blieb fortwährend ihr Leitfaden. Plötzlich hörte der Regen auf; abschüssige und rauhe Klippen von ausgebrannter Lava schauten ihnen finster entgegen, durch den Blitz, der den dunkeln und gefährlichen Boden erleuchtete, nur noch fürchterlicher gemacht. Bisweilen schwebte die Flamme über den eisgrauen, theils mit altem Moos oder verkrüppelten Blumen bedeckten Felsen, als suche sie vergeblich ein ihres Zornes würdigeres Erzeugnis der Erde, biswelen aber ließ der Blitz diesen ganzen Theil des Schauplatzes in Dunkelheit, und hing einem breiten Tuche gleich roth über dem tief unten tobenden Ocean, bis seine Wogen im Feuer zu glühen schienen, und so hell war die Flamme, daß sie selbst die scharfen Umrisse der ferneren Krümmungen der Bucht vom ewigen Misenum mit seiner stolzen Stirne bis zum schönen Sorrent und den riesigen Bergen dahinter lebhaft vor's Auge führte.

Verlegen und unentschlossen hielten unsere Liebenden an, als sie plötzlich, von der Finsternis, die zwischen die wilden Blitzstrahlen hineindunkelte, von Neuem eingehüllt, nahe, aber in einiger Höhe über sich, das geheimnisvolle Licht erblickten. Ein neuer Strahl, der Himmel und Erde röthete, ließ sie die ganze Umgebung deutlich erkennen; zwar kein Haus zeigte sich in der Nähe, aber da, wo sie das Licht gewahrten, glaubten sie im Hintergrunde einer Höhle die Umrisse einer menschlichen Gestalt zu erblicken. Wiederum kehrte die Dunkelheit zurück, aber der Lichtstrahl, nicht länger vom Feuer des Himmels geschwächt, zeigte sich von Neuem. Sie beschlossen, zu demselben hinanzusteigen, und mußten sich ihren Weg zwischen großen Felsstücken hindurchbahnen, die da und dort von wildem Gebüsche überhangen waren; doch sie gelangten immer näher und näher zum Lichte, und endlich stunden sie der Oeffnung einer Höhle gegenüber, die augenscheinlich durch gewaltige quer übereinandergefallene Felsensplitter gebildet war; als sie aber in den Schlund hineinblickten, fuhren Beide unwillkürlich mit abergläubischer Furcht und Bangigkeit zurück.

Ein Feuer brannte im Hintergrund der Höhle, und über diesem stund ein kleiner Kessel; auf einer hohen, dünnen Säule von Eisen erblickte man eine rohe Lampe, und an demjenigen Theile der Wand, and deren Fuß das Feuer brannte, hing in mehrfachen Reihen eine Fülle der verschiedenartigsten Kräuter, augenscheinlich zum Trocknen. Ein vor dem Feuer liegender Fuchs starrte die Fremdlinge mit seinem glänzenden, röthlichen Auge an; sein Haar sträubte sich und ein leises Knurren stahl sich zwischen seinen Zähnen hervor. Im Mittelpunkt der Höhle stund eine irdene Statue mit drei Köpfen von sonderbarer, phantastischer Gestalt; sie wurden nämlich durch die wirklichen Schädel eines Hundes, eines Pferdes und eines Bären gebildet. Ein kleiner Dreifuß stund vor dieser wilden Darstellung der Hekate.

Es war übrigens nicht sowohl diese Zugabe und Einrichtung der Höhle, die das Blut der voll Entsetzen Hineinschauenden erstarrte, als vielmehr das Gesicht ihrer Bewohnerin. Vor dem Feuer saß, die Züge von dem vollen Lichte beschienen, ein Weib von beträchtlichem Alter. In keinem Lande vielleicht sieht man so viele häßliche alte Weiber, als in Italien; in keinem Lande verwandelt sich Schönheit im Alter so grauenhaft zur schrecklichsten und abstoßendsten Höflichkeit. Die Alte vor ihnen jedoch gehörte keineswegs zu jenen Mustern des Culminationspunktes menschlicher Höflichkeit; im Gegentheil, ihr Gesicht verrieth die Überbleibsel regelmäßiger, wenn auch stolzer und adlerartiger Züge. Steinerne Augen starrten mit Blicken, welche die ihrigen bannten und bezauberten, unsere Freunde an, die in diesem fürchterlichen Gesichte das vollendete Bild eines Leichnams sahen; hatten sie doch hier das gläserne und glanzlose Auge, die blauen, eingeschrumpften Lippen, die hohlen Wangen, das abgestorbene, dünne, graue Haar, die bleifarbige, grünliche und geisterartige Haut, wie nur das Grab sie zu bilden und zu färben vermag, vor sich!

»Es ist etwas Todtes,« begann Glaukus.

»Nein, es rührt sich, es ist ein Geist oder eine Larva,« stammelte Ione und schmiegte sich an die Brust des Atheners.

»O fort, fort!« stöhnte die Sklavin, »es ist die Hexe des Vesuvs.«

»Wer seid Ihr?« fragte eine hohle und geisterartige Stimme, »und was thut Ihr hier?«

Der fürchterliche und todtenhafte Ton, der mit dem Gesichte der Sprechenden im Einklange stund, und eher die Stimme eines körperlosen Wanderers, als die eines lebenden Menschen zu sein schien, würde Ione in die erbarmungslose Wuth des Sturmes zurückgetrieben haben, hätte sie nicht Glaukus – obgleich selbst nicht frei von schlimmen Ahnungen – in die Höhle gezogen.

»Wir sind vom Sturm verschlagene Reisende aus der benachbarten Stadt,« sagte er, »und von jenem Lichte hierher gelockt, bitten wir Dich um freundliches Obdach an Deinem Herd.«

Während der Grieche sprach, erhob sich der Fuchs vom Boden und trat gegen die Fremden vor, indem er seine weißen Zähne der ganzen Länge nach zeigte und immer drohender knurrte.

»Ruhig, Sklave,« rief die Hexe, und auf den Ton ihrer Stimme legte sich das Thier sofort nieder, bedeckte sein Gesicht mit dem Schweif und hielt nur sein reges, wachsames Auge auf die Störer seiner Ruhe gerichtet.

»Kommt ans Feuer, wenn Ihr wollt,« sprach die Alte zu Glaukus und seinen Begleiterinnen. »Ich bewillkommne nie ein lebendiges Wesen, außer die Eule, den Fuchs, die Kröte und die Schlange, und deshalb kann ich auch Euch nicht willkommen heißen; tretet aber ohne Willkomm ans Feuer – warum auf Förmlichkeiten einen Werth legen?«

Die Sprache, in welcher die Hexe sie anredete, war ein sonderbares, barbarisches Latein, untermengt mit vielen Worten eines rauheren und älteren Dialektes. Sie rührte sich nicht von ihrem Platz, sondern starrte ihre Gäste steinern an, da Glaukus nunmehr Ionen ihren Mantel abnahm und sie auf einen Holzhaufen – den einzigen Sitz, den er gewahrte – sich niederzulassen einlud und mit seinem Athem die Kohlen zu einer glühenderen Flamme anfachte. Durch die Kühnheit ihrer Gebieter ermuthigt, legte auch die Sklavin ihre lange Palla ab und schlich ängstlich auf die andere Seite des Feuers.

»Ich fürchte, wir stören Dich,« sprach die Silberstimme Ione's begütigend.

Die Hexe antwortete nicht; sie sah aus wie ein Wesen, das für einen Augenblick vom Tode erwacht ist, und sodann wieder in den ewigen Schlummer zurücksinkt.

»Sagt mir,« begann sie plötzlich nach einer langen Pause, »seid Ihr Bruder und Schwester?«

»Nein,« antwortete Ione erröthend.

»Seid ihr verheirathet?«

»Auch nicht,« entgegnete Glaukus.

»Ho, ho, Verliebte! ha, ha, ha,« und die Hexe lachte so laut und so lange, daß die Höhle wiederhallte.

Ione's Herz stund still bei dieser sonderbaren Heiterkeit. Glaukus murmelte schnell einen Gegenzauber wider das Omen, und die Sklavin wurde so bleich wie die Wange der Hexe selbst.

»Was lachst Du, altes Weib?« fragte Glaukus in etwas strengem Tone, nachdem er seinen Spruch vollendet hatte.

»Lachte ich?« fragte die Hexe zerstreut.

»Sie ist wahnsinnig,« flüsterte Glaukus, gewahrte aber, noch während er sprach, wie die Augen der Hexe boshaft und funkelnd auf ihn gerichtet waren.

»Du lügst,« rief sie ungestüm.

»Und Du bist eine unhöfliche Wirthin,« erwiderte ihr Glaukus.

»Still, reize sie nicht, theurer Glaukus,« lispelte Ione.

»Ich will Dir sagen, weshalb ich lachte, als ich erfuhr, daß Ihr Liebende seid,« sprach das alte Weib. »Weil es für Alte und Verwelkte eine Freude ist, auf junge Herzen, wie die Eurigen zu schauen – und zu wissen, daß die Zeit kommen wird, wo Ihr einander verabscheuen werdet – verabscheuen, verabscheuen – ha, ha, ha!«

Jetzt war es an Ione, ein Gebet gegen die unfreundliche Prophezeihung zu sprechen.

»Dii avertite Omen – die Götter verhüten es!« sagte sie, »aber Du, arme Frau, kennst wohl wenig von der Liebe, sonst würdest Du wissen, daß sie sich nie verändert.«

»Glaubt Ihr, ich sei nicht auch einmal jung gewesen?« entgegnete die Hexe hastig, »und bin ich jetzt nicht alt und häßlich und wie ein Skelet? Wie die Gestalt, so das Herz.«

Nach diesen Worten versank sie wieder in ein tiefes und fürchterliches Stillschweigen, als ob das Leben selbst in ihr aufgehört hätte.

»Wohnst Du schon lange hier?« fragte nach einer Pause Glaukus, der sich unter dem Drucke eines so schrecklichen Stillschweigens unheimlich fühlte.

»Ach ja, schon lang!«

»Es ist denn doch ein trauriger Aufenthalt.«

»Ha, das kannst Du mit Recht sagen – die Hölle ist unter uns,« erwiderte die Hexe, mit ihrem knöchernen Finger nach der Erde zeigend, »und ich will Dir ein Geheimnis mittheilen – das Dunkel da unten bereitet seinen Zorn gegen Euch hier oben – gegen Euch, die Jungen, Gedankenlosen und Schönen.«

»Du sprichst nur böse Worte,« sagte Glaukus, »die der Gastfreundschaft schlecht anstehen, und in Zukunft will ich lieber dem Sturme mich aussetzen, als Deiner Bewillkommnung.«

»Da wirst Du wohl daran thun. Niemand sollte mich aufsuchen, als die Unglücklichen.«

»Und weshalb die Unglücklichen?« fragte der Athener.

»Ich bin die Herrin des Berges,« antwortete die Zauberin mit geisterhaftem Grinsen; »mein Geschäft ist Hoffnungslosen Hoffnung zu geben; für unglücklich Liebende habe ich Zaubertränke; für die Habsüchtigen Verheißungen von Schätzen; für die Boshaften Rachetränke; für die Glücklichen und Guten aber, wie das Leben selbst, nur – Flüche! Störe mich hinfort nicht mehr.«

Nach diesen Worten versank die grimmige Bewohnerin der Höhle wiederum in ein so hartnäckiges und eigensinniges Schweigen, daß alle Bemühungen des Glaukus, ein weiteres Gespräch mit ihr anzuknüpfen, fruchtlos waren. Sie zeigte auch nicht einmal durch eine Veränderung ihrer verschlossenen und starren Züge, daß sie ihn nur höre. Glücklicherweise begann jetzt der Sturm, der eben so kurz als heftig war, sich zu legen; der Regen ließ allmählig in seiner Wuth nach, und als endlich die Wolken sich theilten, trat der Mond an der purpurnen Öffnung des Himmels hervor, und strömte klar und voll auf diese einsame Höhle nieder. Nie vielleicht hatte er eine der Kunst des Malers würdigere Gruppe beschienen. Die junge, überaus schöne Ione neben diesem auf bloßer Erde brennenden Feuer sitzend – ihr Geliebter, bereits die Anwesenheit der Hexe vergessend, zu ihren Füßen – zu ihr emporschauend und süße Worte flüsternd; die bleiche und ängstliche Sklavin in einiger Entfernung, und die geisterhafte Hexe sie insgesamt mit unheilvollem Blicke anstarrend. Aber dem Anscheine nach heiter und furchtlos – (denn solche Macht übt die Liebe in der Gesellschaft des Geliebten) – waren diese schönen Wesen, Geschöpfe einer andern Sphäre, in dieser dunklen und unheiligen Höhle mit ihrem düstern und sonderbaren Zubehör. Der Fuchs betrachtete sie aus seinem Winkel mit scharfem und glühenden Auge, und als sich jetzt Glaukus nach der Hexe wandte, bemerkte er zum erstenmale gerade unter ihrem Sitz den glänzenden Blick und den gekrönten Kopf einer großen Schlange. Sei es nun, daß die lebhafte Farbe des Mantels, den der Athener über Ione's Schulter geworfen, den Zorn des Thieres reizte, genug, sein Kamm fing an zu glühen und zu schwellen, als ob es sich drohend zu einem Sprung gegen die Neapolitanerin bereite. Glaukus griff schnell nach einem der halb verbrannten Stämme im Feuer, und nun brach die Schlange, wie erzürnt über diese Handlung, unter ihrem Obdach hervor und erhob sich mit lautem Gezisch, bis ihre Höhe der des Griechen beinahe gleich kam.

»Hexe,« rief Glaukus, »bring Deine Bestie zur Ruhe, oder Du siehst sie todt zu Deinen Füßen.«

»Sie ist ihres Giftes beraubt,« antwortete die Hexe, durch diese Drohung aufgeschreckt.

Aber noch ehe sie die Worte ausgesprochen, war die Schlange auf Glaukus zugeschnellt. Schnell und wachsam sprang der gelenkige Grieche leicht auf die Seite, und brachte dem Thiere einen so kräftigen und gewandten Streich bei, daß es niederfiel und sich in der Asche krümmte.

Die Hexe sprang auf und stellte sich Glaukus gegenüber, mit einem Gesicht, wie es selbst der grimmigsten der Furien würdig gewesen wäre, so bösartig und zornig war sein Ausdruck, obwohl es selbst in seiner schrecklichen Schauderhaftigkeit die Umrisse und Spuren früherer Schönheit beibehielt und von jenen grotesken und rohen Formen ferne blieb, worin die Einbildungskraft des Nordens die Quelle des Schreckens gesucht hat.

»Du hast,« sprach sie mit langsamer und fester Stimme, welche durch ihre Leidenschaftslosigkeit und Ruhe den Ausdruck ihres Gesichtes Lügen strafte; »Du hast unter meinem Dache Schutz gefunden, und an meinem Herde Dich gewärmt – Du hast Gutes mit Bösem vergolten – Du hast das Wesen, das mich liebte und mein war, ja, noch mehr, das Geschöpf, das vor allen andern den Göttern geheiligt ist, und von den Menschen für verehrungswürdig erachtet wird,Die Römer legten, wie vielleicht jedes ältere Volk, den Schlangen eine besondere Heiligkeit bei, hielten dieselben gezähmt in ihren Häusern und nahmen sie oft zu Tisch mit. geschlagen und vielleicht getödtet – höre jetzt Deine Strafe. Beim Mond, dem Beschützer der Zauberinnen, beim Orkus, dem Bewahrer der Rache, ich verfluche Dich und Du bist verflucht! Möge Deine Liebe verdorren, möge Dein Name verachtet werden, mögen die Unterirdischen Dich bezeichnen, möge Dein Herz verwelken und verbrennen, möge Deine letzte Stunde Dir die Prophetenstimme der Saga des Vesuvs zurückrufen. Und Du,« setzte sie hinzu, sich hastig gegen Ione wendend und ihren rechten Arm aufhebend, als Glaukus ihr ungestüm in die Rede fiel.

»Hexe,« rief er, »halt ein, mich hast Du verflucht, und ich stelle mein Schicksal den Göttern anheim – ich trotze Dir und verachte Dich: aber sprich nur ein Wort gegen jene Jungfrau und ich mache den Fluch auf Deinen elenden Lippen zu Deinem Todesgestöhn – hüte Dich!«

»Ich bin fertig,« erwiderte die Hexe wild lachend, »denn mit dem Fluch über Dein Geschick, ist auch die, welche Dich liebt, verflucht; und das um so mehr, als ich ihre Lippen Deinen Namen nennen hörte, und nun weiß, mit welchen Worten ich Dich den Dämonen zu übergeben habe. Glaukus – Du bist verflucht!«

Mit diesen Worten wandet sich die Hexe vom Athener ab, kniete neben ihrem verwundeten Liebling, den sie vom Herde wegnahm, nieder und würdigte ihre Gäste hinfort keines Blickes mehr.

»O Glaukus,« sprach Ione voll Entsetzen, »was haben wir gethan, laß uns von dieser Stätte eilen! der Sturm hat sich gelegt. Gute Frau, vergib ihm – nimm Deine Worte zurück – er gedachte sich bloß zu verheidigen – empfange diese Friedensgabe, um das, was Du gesagt zu widerrufen.« Damit beugte sich Ione und legte ihre Börse in den Schooß der Hexe.

»Hinweg,« rief diese bitter; »hinweg, die einmal ausgesprochene Verwünschungen können nur die Parzen lösen – fort!«

»Komm, Theure,« bat Glaukus ungeduldig, »glaubst Du, die Götter über oder unter uns hören das unmächtige Rasen des Wahnsinns? – Komm!«

Lang und laut warf das Echo er Höhle das fürchterliche Lachen der Saga – die einzige Antwort, zu der sich die Alte bequemte – zurück.

Die Liebenden athmeten freier als sie in die frische Luft traten – aber die Scene, deren Zeugen sie gewesen, die Worte und das Lachen der Hexe hatten in Ione's Herz ein Gefühl der Bangigkeit zurückgelassen, dessen sich selbst Glaukus nicht gänzlich zu erwehren vermochte. Der Sturm hatte sich gelegt; nur dann und wann rollte ein schwacher Donner durch die dunkeln Wolken in der Ferne, oder ein Blitzstrahl trat für einen Augenblick der Alleinherrschaft des Mondes entgegen. Mit einiger Mühe erreichten sie die Straße, wo sie ihren Wagen, der zur Heimkehr genügend ausgebessert, so wie den Carrucarius trafen, der laut den Herkules befragte, wohin denn seine Herrschaft verschwunden sei.

Vergebens bemühte sich Glaukus die erschöpften Lebensgeister Ione's aufzuheitern, und fast ebensowenig gelang es ihm, selbst wieder in seine angeborene heitere Stimmung zu kommen. Bald gelangten sie an das Stadtthor, und als es ihnen geöffnet wurde, trat ihnen eine kleine, von Sklaven getragene Sänfte in den Weg.

»Es ist zu spät um ausgelassen zu werden,« rief die Schildwache dem Inhaber der Sänfte zu.

»Nicht doch,« antwortete eine Stimme, welche die Liebenden wohl erkannten und mit Entsetzen hörten; »ich muß nach der Villa des Markus Polphius und werde bald wieder zurückkehren. Ich bin Arbaces, der Egypter.«

Hiermit waren die Bedenklichkeiten der Schildwache beseitigt, und die Sände wurde dicht neben dem Wagen, in welchem das junge Paar saß, vorbeigetragen.

»Arbaces zu dieser Stunde, und wohl kaum wieder genesen – wohin und wozu kann er die Stadt verlassen?« fragte Glaukus.

»Ach,« antwortete Ione in Thränen ausbrechend, »meine Seele empfindet immer mehr und mehr das Vorgefühl eines Unglücks. Beschützt uns, o Götter, oder wenigstens,« murmelte sie bei sich selbst, »beschützt meinen Glaukus!«

Zehntes Kapitel.

Der Herr vom brennenden Gürtel und seine Vertraute – Das Schicksal schreibt seine Weissagungen mit rothen Buchstaben, aber wer liest sie.

Arbaces hatte nur gewartet, bis ihm das Aufhören des Sturmes gestattete, unter dem Dunkel der Nacht die Saga des Vesuvs aufzusuchen. Von denjenigen seiner zuverlässigsten Sklaven getragen, denen er bei allen seinen geheimeren Unterredungen sich anzuvertrauen gewöhnt war, lag er ausgestreckt in seiner Sänfte und sein sanguinisches Herz überließ sich den Träumereien von gestillter Rache und erwiderter Liebe. Auf einrr so kurzen Strecke bewegten sich die Sklaven nicht viel langsamer als der gewöhnliche Schritt der Maulthiere; und so kam Arbaces bald am Eingange eines engen Pfades an, den die Liebenden nicht bemerkt hatten, und der an den dichten Rebenpflanzungen sich hinziehend, gerade zu der Wohnung der Hexe führte. Hier ließ er die Sänfte halten, befahl seinen Sklaven sich selbst und das Fahrzeug unter den Weinstöcken vor den Blicken der Vorübergehenden zu verbergen, und stieg sodann allein, seine noch schwachen Schritte durch einen langen Stab unterstützend, den unfruchtbaren und steilen Abhang hinauf.

Kein Regentropfen fiel vom ruhigen Himmel, aber von den schweren Rebenblättern träufte die Nässe wehmüthig herab und sammelte sich da und dort in den Rissen und Spalten des felsigen Pfades zu kleinen Sümpfen.

»Seltsame Leidenschaften sind es für einen Philosophen,« dachte Arbaces, »die einen Mann wie ich, der eben erst vom Krankenlager erstanden ist, und selbst in gesunden Tagen auf den weichsten Lagern ruht, auf solch nächtliche Wege führen – aber wenn Liebe und Rache ihrem Ziele zuschreiten, können sie aus einem Tartarus ein Elysium machen.«

Hoch, klar und wehmüthig schien der Mond auf die Bahn dieses dunklen Pilgers, aus jedem kleinen Pfuhl zurückstrahlend und auf dem abhängigen Berge düster ruhend. Vor sich sah Arbaces dasselbe Licht, das die Schritte seiner beabsichtigten Opfer geleitet hatte, aber da die schwarzen Wolken keinen Gegensatz mehr bildeten, so schien auch seine rothe Flamme nicht mehr so hell.

Als er sich endlich der Windung der Höhle näherte, blieb Arbaces stehen, um Athem zu schöpfen; und trat sodann mit seinem gewohnten ruhigen und stattlichen Wesen über die unheilige Schwelle.

Beim Eintritt dieses neuen Ankömmlings sprang der Fuchs auf und kündigte durch ein langes Geheul seiner Gebieterin den neuen Besuch an.

Die Hexe hatte wieder ihren Sitz eingenommen und in ihrer ganzen Gestalt lag wieder jene grabesähnliche, grimmige Ruhe. Zu ihren Füßen, auf einem Lager von trockenen Kräutern, die sie halb bedeckten, lag die verwundete Schlange; der schnelle Blick des Egypters bemerkte jedoch, wie ihre Schuppen im Wiederschein des Feuers glänzten, und wie sie in Schmerz und unbefriedigter Wuth ihre Ringe halb zusammenzog, halb verlängerte.

»Nieder Sklave,« gebot die Hexe wie zuvor dem Fuchs, und wie zuvor legte sich das Thier auf den Boden – stumm aber wachsam.

»Erhebe Dich, Dienerin der Macht und des Erebus,« sprach Arbaces gebieterisch, »ein Höherer in Deiner Kunst begrüßt Dich! Erhebe Dich und begrüße ihn!«

Bei diesen Worten richtete die Hexe ihren Blick auf des Egypters hohe Gestalt und dunkle Züge. Sie blickte ihn lange und fest an, wie er in seinem morgenländischen Gewand mit gekreuzten Armen und entschiedener und stolzer Stirne vor ihr stand.

»Wer bist Du?« fragte sie endlich, »der sich größer in der Kunst nennt als die Saga der brennenden Felder und die Tochter des untergegangenen etrurischen Stammes?«

»Ich bin der,« antwortete Arbaces, »von dem alle Zauberer von Nord bis Süd, von Ost bis West, vom Ganges und Nil bis zu den Thälern Thessaliens und den Küsten der gelben Tiber in Ehrerbietung gelernt haben.«

»Es gibt nur einen solchen Mann in dieser Gegend,« erwiderte die Hexe, »den die Menschen der niedern Welt in Unkenntnis seiner höheren Eigenschaften und seines geheimeren Rufes Arbaces den Egypter nennen; bei uns aber, den Geistern höherer Natur und tieferen Wissens, heißt sein rechtmäßiger Name Hermes vom brennenden Gürtel.«

»Schau mich noch einmal an,« versetzte Arbaces, »ich bins.«

Bei diesen Worten schlug er sein Gewand aus einander und zeigte einen anscheinend feurigen Gürtel, der um seine Lenden flammte und in der Mitte durch eine Platte geschlossen wurde, worin ein dem Ansehen nach unbestimmtes und unverständliches Zeichen eingegraben war, das jedoch die Saga offenbar kannte. Sie stund hastig auf und warf sich dem Arbaces zu Füßen.

»Ich habe also,« begann sie im Tone tiefer Demuth, »den Herrn des mächtigen Gürtels gesehen – empfange meine Huldigung.«

»Steh auf,« sprach der Egypter, »ich bedarf Dein.«

Während er dies sprach, setzte er sich auf dasselbe Holzscheit, auf welchem Ione zuvor geruht hatte und winkte der Hexe, ihren Sitz wieder einzunehmen.

»Du behauptest,« fuhr er fort, nachdem sie seiner Weisung nachgekommen war, »eine Tochter der alten etrurischen Stämme zu sein,Es ist wohl kaum nöthig zu bemerken, daß die Etrurier wegen ihrer Zaubereien berühmt waren. deren Felsenstädte noch jetzt mit ihren mächtigen Mauern zornig auf das Räubervolk hinabschauen, das sich ihrer alten Herrschaft bemächtigt hat. Diese Stämme kamen theils aus Griechenland, theils waren sie Flüchtlinge von einem glühenderen und älteren Boden. In beiden Fällen bist Du egyptischer Abkunft, denn die Besieger der Ureinwohner Griechenlands gehörten zu den unruhigen Söhnen, die der Nil aus seinem Schooße verbannte. Du stammst also, o Saga, von Vorfahren ab, die den meinigen den Eid der Unterwürfigkeit schwuren. Durch Geburt sowohl als durch Wissen bist Du die Unterthanin des Arbaces. Höre mich denn an und gehorche!«

Die Hexe neigte ihr Haupt.

»Welche Zauberkünste wir auch besitzen,« fuhr Arbaces fort, »So sehen wir uns doch bisweilen zur Erreichung unseres Zwecks auf natürliche Mittel hingewiesen. Der Ring und der Krystall, die Asche und die Kräuter geben keine untrügliche Aussprüche; und selbst die höheren Geheimnisse des Monds entbinden den Besitzer des Gürtels nicht von der Nothwendigkeit, dann und wann menschliche Maßregeln zu einem menschlichen Zwecke anzuwenden; höre mich also! Du bist, so viel ich weiß, mit den Geheimnissen der tödtlicheren Kräuter wohl vertraut; Du kennst diejenigen, welche das Leben anhalten, welche die Seele durch Glut und Feuer aus ihrer Veste treiben, oder die Kanäle des jungen Bluts zu jenem Eis erstarren, das keine Sonne schmelzen kann. Überschätze ich Deine Kunst? Sprich, und zwar aufrichtig!«

»Mächtiger Hermes, dies ist allerdings mein Wissen. Betrachte diese geisterhaften und leichenähnlichen Züge, – die Farben des Lebens sind bloß deshalb aus ihnen geschwunden, weil ich über den giftigen Kräutern wache, die Tag und Nacht in jenem Kessel sieden.«

Als die Hexe so sprach, rückte der Egypter aus einer so unheiligen und ungesunden Nachbarschaft weg.

»Es ist gut,« antwortete er, »Du hast Dir jenen Grundsatz alles tiefen Wissens zu eigen gemacht, der da sagt: ›Verachte den Leib, um den Geist weise zu machen.‹ Doch jetzt zu Deiner Aufgabe. Sobald die Sterne morgen am Himmel erscheinen, kommt ein eitles Mädchen zu Dir, die von Deiner Kunst einen Liebeszauber verlangen wird, um Augen, die nur den ihrigen Süßigkeiten zuwinken sollten, von einer andern abzuziehen; statt der Liebestränke aber gib ihr eines Deiner stärksten Gifte. Möge der Liebhaber seine Gelübde den Schatten vorseufzen.«

Die Hexe zitterte von Kopf bis Fuß.

»O Verzeihung, Verzeihung furchtbarer Meister,« stammelte sie, »aber dies wage ich nicht. Das Gesetz in diesen Städten ist streng und wachsam, man wird mich festnehmen und tödten.«

»Zu welchem Zwecke also Deine Kräuter und Tränke, eitle Saga?« fragte Arbaces höhnisch.

Die Hexe verbarg ihr abscheuliches Gesicht in ihren Händen.

»Oh, vor Jahren,« sprach sie mit einer ungewöhnlich wehmüthigen und sanften Stimme, »war ich nicht, was ich jetzt bin – ich liebte und glaubte mich wieder geliebt.«

»Und was hat Deine Liebe, Hexe, mit meinen Befehlen zu schaffen?« fragte Arbaces heftig.

»Geduld,« erwiderte die Alte; »Geduld, ich bitte Dich. Ich liebte! eine Andere, nicht so schön als ich – ja, bei der Nemesis! nicht so schön, lockte meinen Auserwählten von mir ab – ich gehörte zu jenem dunkeln etrurischen Stamm, der vor allen andern die Geheimnisse der finstern Magie kannte. Meine Mutter selbst war eine Saga; sie theilte die Rachbegierde ihres Kindes; aus ihren Händen empfing ich den Trank, der mir seine Liebe wieder gewinnen, sowie das Gift, das meine Nebenbuhlern tödten sollte. O zermalmt mich, ihr fürchterlichen Wände! meine zitternden Hände verwechselten die Gefäße; mein Geliebter fiel mir allerdings zu Füßen, aber todt, todt! Was ist seit der Zeit das Leben für mich gewesen? Ich wurde plötzlich alt und weihte mich den Zauberkünsten meines Stammes; noch immer aber verdamme ich mich durch einen unwiderstehlichen Antrieb zu fürchterlicher Strafe, noch immer suche ich die schädlichsten Kräuter; noch immer koche ich Gift; und noch immer bilde ich mir ein, ich werde es meiner verhaßten Nebenbuhlerin geben; noch immer gieße ich es in das Gefäß, noch immer glaube ich, es werde ihre Schönheit zu Staub versengen; noch immer erwache ich und sehe den zuckenden Körper, die schäumenden Lippen, die starren Augen meines Aulus – ermordet und durch mich.«

Die fleischlose Gestalt der Hexe bebte unter gewaltigen Zuckungen.

Arbaces betrachtete sie mit neugierigen, aber verächtlichen Blicken.

»Und dieses gesunkene Wesen hat noch menschliche Regungen,« dachte er, »noch immer kauert sie über der Asche desselben Feuers, das den Arbaces verzehrt – so sind wir Alle! geheimnisvoll ist das Band dieser sterblichen Leidenschaften, das den Größten mit dem Kleinsten verbindet.«

Er antwortete nicht, bis die Alte sich wieder etwas erholt hatte. Bald aber saß sie, obwohl sich hin- und herbewegend, wieder auf ihrem Stuhl, die gläsernen Augen auf die Flamme heftend und große Thränen auf den bleichen Wangen.

»Deine Geschichte ist allerdings eine schmerzliche,« sagte Arbaces, »aber solche Leidenschaften ziemen sich nur für die Jugend; das Alter sollte unsere Herzen gegen Alles außer uns verhärten; wie jedes Jahr dem Schalthier eine weitere Schuppe hinzufügt, so sollte auch jedes Jahr das Herz ummauern und bekrusten. Schlag' Dir diese Tollheiten aus dem Kopf und höre mich jetzt an! Bei der Rache, die Dir theuer war, befehle ich Dir, mir zu gehorchen! Dieser Knabe, den ich mir aus dem Wege räumen möchte, hat meine Plane durchkreuzt – trotz meiner Zauberkünste; – dieses Ding von Purpur und Stickerei – von Lächeln und Liebäugeln – ohne Seele und ohne Geist – mit keinem Vorzug als dem der Schönheit – verflucht sei es – dieses Insekt – dieser Glaukus – ich sag' es Dir, beim Orkus und bei der Nemesis! er muß sterben!«

Bei jedem Worte seine Wuth steigernd, ging der Egypter, seine Schwäche und seine sonderbare Gefährtin, ja Alles außer seiner rachsüchtigen Wuth vergessend, mit großen und hastigen Schritten in der düstern Höhle auf und ab.

»Glaukus, sagtest Du, mächtiger Meister,« rief plötzlich die Hexe, und ihr dunkles Auge glühte bei dem Namen von der wilden Rachsucht, wie sie der Einsame und Gemiedene selbst bei der Erinnerung an kleinere Beleidigungen so häufig fühlt.

»Ja, so heißt er; aber was thut der Name zur Sache? Möge er nach drei Tagen, von heute an, nicht mehr als der eines Lebenden genannt werden!«

»Höre mich,« sprach jetzt die Hexe, wie aus einem kurzen Traume erwachend, worein sie nach den letzten Worten des Egypters gesunken war, »höre mich! ich bin Dein Geschöpf und Deine Sklavin; schone mich! wenn ich dem Mädchen das gebe, wovon Du sprichst, einen Trank, der das Leben des Glaukus zerstört, so werde ich gewiß entdeckt – der Todte findet immer seine Rächer. Noch mehr, Du fürchterlicher Mann! wenn Dein Besuch bei mir ausgekundschaftet wird – wenn Dein Haß gegen Glaukus bekannt ist, so möchtest Du wohl Deiner mächtigsten Zauberkünste bedürfen, um Dich selbst zu schützen.«

»Ha,« sprach Arbaces, plötzlich innehaltend; jetzt erst nämlich trat ihm – ein Beweis jener Blindheit, womit die Leidenschaft selbst das schärfste Auge schlägt – die Gefahr, der er sich durch diese Art der Rache aussetze, vor seinen gewöhnlich so behutsamen und umsichtigen Geist.

»Aber,« fuhr die Hexe fort, »wenn ich statt dessen, was dem Schlage des Herzens ein Ende setzt, das gebe, was das Gehirn versengt und verbrennt – was den, der es trinkt, zu den gewöhnlichen Geschäften des Lebens unbrauchbar macht – zu einem verworfenen, rasenden, umnachteten Wesen – was den Verstand in Narrheit und Jugend in kindisches Wesen verwandelt – wird da Deine Rache nicht in gleichem Maße befriedigt, Dein Zweck nicht in gleichem Grade erreicht?«

»O Hexe! nicht länger die Dienerin, sondern die Schwester des Arbaces, mit ihm in einem Range stehend – wie erfinderischer ist doch Weiberwitz selbst in der Rache, als der unsrige! Wie viel schrecklicher als der Tod ist solch ein Loos!«

»Und,« fuhr die Hexe fort, ihrem abscheulichen Plane nachdenkend, »hiebei ist nur wenig Gefahr, denn unser Opfer kann auf zehntausend Arten, welche die Menschen nicht auskundschaften können, wahnsinnig geworden sein. Er kann in den Weinbergen eine Nymphe gesehenDem volkstümlichen Aberglauben der Alten zufolge wurde Jeder, der eine Nymphe sah, wahnsinnig. – oder der Wein selbst auf ihn diese Wirkung hervorgebracht haben, ha, ha! Die Menschen untersuchen solche Sachen, bei welchen die Götter unmittelbar eingewirkt haben können, nie so genau. Und laß auch das Schlimmste geschehen – laß es bekannt werden, daß ein Liebeszauber die Ursache gewesen sei – nun so ist ja Wahnsinn eine gewöhnliche Wirkung solcher Tränke und selbst die Schöne, die ihn gereicht, wird deshalb Nachsicht finden. Mächtiger Hermes, habe ich Dir schlau gerathen?«

»Dafür sollst Du zwanzig Jahre länger leben,« entgegnete Arbaces, »ich will von Neuem die Epoche Deines Schicksals ins Angesicht der blassen Sterne schreiben – Du sollst dem Herrn des brennenden Sinnes nicht umsonst dienen. Und hier, Saga, mit diesen goldenen Werkzeugen grabe Dir eine wärmere Zelle in dieser traurigen Höhle – ein einziger mir erwiesener Dienst soll Dir mehr eintragen, als tausend Prophezeihungen, die Du den staunenden Bauern aus Sieb und Schere verkündest.«

Mit diesen Worten warf er eine schwere Börse auf den Boden, die den Ohren der Hexe nicht unmusikalisch erklang; denn wenn die Alte auch die Bequemlichkeiten des Lebens verschmähte, so fand sie doch Wonne in dem Bewußtsein, die Mittel zu deren Erwerbung zu besitzen.

»Lebewohl,« sagte Arbaces, »laß es nicht fehlen; überwache die Sterne, während Du Deinen Trank bereitest. – Du wirst die erste sein unter Deinen Schwestern am Wallnußbaum,Das aus dem ältesten Zeiten der berühmte Stelldichein der Hexen bei Benevent. Die geflügelte dabei befindliche Schlange, lange ein Gegenstand abgöttischer Verehrung in jener Gegend, erhielt wahrscheinlich ihre Weihe durch egyptischen Aberglauben. wenn Du ihnen sagst, Hermes, der Egypter, sei Dein Gönner und Freund. Morgen Nacht sehen wir uns wieder.«

Er verzweifelte nicht länger, um das Lebewohl oder die Danksagungen der Hexe anzuhören, sondern trat mit raschem Schritte in die mondhelle Luft hinaus und eilte den Berg hinab.

Die Hexe, die ihm bis zur Schwelle gefolgt war, stund lang am Eingang der Höhle, seiner entweichenden Gestalt starr nachschauend; und wie das bleiche Mondlicht auf ihre hageren Formen und ihr todtenähnliches, aus den schrecklichen Felsen hervorragendes Gesicht niederströmte, da schien es, als sei in der That ein Wesen, das übernatürliche Zauberkraft besitze, dem finstern Orkus entwichen und das vorderste Glied der Geisterschaar stehe an seinen schwarzen Thoren, und fordere vergebens den Flüchtling zur Rückkehr auf, oder seufze fruchtlos, mit ihm ziehen zu dürfen.

Dann kehrte die Hexe langsam in die Höhle zurück, hob stöhnend die schwere Börse auf, nahm die Lampe, und schritt in den entferntesten Winkel ihrer Zelle, wo sie ein schwarzer und plötzlich hervortretender Gang angähnte, der nur ganz in der Nähe sichtbar war, da ihn rings herum vorspringende und scharfe Felsen einschlossen. Sie machte mehrere Schritte vorwärts auf diesem düstern Pfad, der sich allmählig abwärts senkte, als ob er in die Eingeweide der Erde führe, hob sodann einen Stein auf und legte ihren Schatz in ein unter demselben befindliches Loch, das, wie der Schein der Lampe zeigte, bereits Münzen von verschiedenem Werthe zu enthalten schien, die ihr die Leichtgläubigkeit oder Dankbarkeit ihrer Besucher eingetragen hatte.

»Ich betrachte euch gerne,« sagte sie zu den Geldstücken sich wendend, »denn bei eurem Anblicke fühle ich, daß ich in der That mächtig bin. Und ich soll noch zwanzig Jahre länger leben, um euren Vorrath zu vermehren? O du großer Hermes!«

Sie legte den Stein wieder an seine Stelle und verfolgte ihren Pfad noch einige Schritte weiter, bis sie vor einer tiefen, unregelmäßigen Spalte in der Erde stehen blieb. Als sie sich hier niederbeugte, hörte sie sonderbar rollende, dumpfe Töne in der Ferne, während von Zeit zu Zeit mit lautem und widrigem Geräusch, gerade als würde Stahl auf einem Rade geschliffen, Säulen eines dunklen Rauches hervorstiegen und sich in Schneckenlinien durch die Höhlen hinzogen.

»Die Schatten sind thätiger als gewöhnlich,« sagt die Hexe ihre grauen Locken schüttelnd, und als sie in die Höhle hineinsah, gewahrte sie weit unten den Schimmer eines langen Lichtstreifens von einem glühenden aber dunkeln Roth. »Sonderbar,« sagte sie zurückschaudernd, »erst seit zwei Tagen ist dieses dumpfe, tiefe Licht sichtbar – was kann es bedeuten?«

Der Fuchs, der seiner Gebieterin auf dem Fuße nachgefolgt war, stieß ein furchtbares Geschrei aus und kroch nach dem innern Theil der Höhle zurück. Ein kalter Schauder ergriff die Hexe selbst bei dem Klageruf des Thieres, der, da er anscheinend keinen äußern Grund hatte, nach dem Aberglauben jener Zeit für ein böses Omen gehalten wurde. Sie murmelte ihren Gegenzauber und schwankte in ihre Höhle zurück, wo sie inmitten ihrer Kräuter und Beschwörungsformeln die Befehle des Egypters zu vollziehen Anstalt traf.

»Er nannte mich wahnsinnig,« sprach sie, während der Rauch aus dem zischenden Kessel stieg; »wenn die Kinnlade herabsinkt und die Zähne ausfallen und das Herz kaum mehr schlägt, dann ist es nichts besonderes um den Wahnsinn; aber wenn,« fügte sie mit wildem und frohlockendem Grinsen hinzu, »wenn die Jungen, Schönen und Starken plötzlich vom Wahnsinn befallen werden – ha, das ist schrecklich! Brenne Flamme, koche Kraut, brate Kröte – ich habe ihn verflucht und er soll verflucht sein!«

In derselben Nacht und in derselben Stunde, in welcher die dunkle und unheilige Unterredung zwischen Arbaces und der Saga stattfand, wurde Apäcides getauft.

Elftes Kapitel.

Die Ereignisse schreiten vor – Das Complott gewinnt an Ausdehnung – Das Gewebe ist fertig, aber das Netze geht in andere Hände über.

»Und hast Du also den Muth, Julia, heute Abend die Hexe des Vesuvs, und dazu in Begleitung jenes fürchterlichen Mannes zu besuchen?«

»Wie so, Nydia?« erwiderte Julia ängstlich; »glaubst Du in der That, es sei etwas dabei zu fürchten? Diese alten Hexen mit ihren Zauberspiegeln, ihren Sieben und ihrem im Mondschein gesammelten Kräutern, sind, glaube ich, nur schlaue Betrügerinnen, die vielleicht nichts gelernt haben, als die Verfertigung des Liebestranks, um den ich mich an ihre Kunst wende, und die sie der Kenntnis der Kräuter und Gewächse des Feldes verdanken. Weshalb sollte ich mich fürchten?«

»Fürchtest Du Deinen Begleiter nicht?«

»Wie, den Arbaces? Ich sah, bei der Diana! nie einen so höflichen Liebhaber, als diesen Zauberer und wäre seine Farbe nicht so dunkel, würde er sogar hübsch sein.«

Bei all ihrer Blindheit war Nydia scharfsinnig genug, um zu bemerken, daß Julia's Geist durch die Galanterien des Arbaces sich nicht wohl in Schrecken jagen lasse. Sie rieth ihr deshalb nicht länger ab, hegte aber in ihrem aufgeregten Herzen den wilden und immer heftigeren Wunsch, zu erfahren, ob es wirklich ein Zaubermittel gebe, um Liebe an Liebe zu fesseln.

»Laß mich mit Dir gehen edle Julia,« bat sie endlich; »meine Begleitung ist zwar kein Schutz, aber ich möchte gern bei Dir sein, bis die Sache vorüber ist.«

»Dein Anerbieten gefällt mir sehr,« antwortete die Tochter des Diomed, »aber wie kannst Du es ausführen? – wir können erst spät zurückkehren – man wird Dich vermissen.«

»Ione ist nachsichtig,« antwortete Nydia. »Wenn Du mir erlauben willst, unter Deinem Dache zu schlafen, so will ich sagen, Du, eine frühere Gönnerin und Freundin, habest mich eingeladen, den Tag bei Dir zu verbringen und Dir thessalische Lieder zu singen; ihre Höflichkeit wird Dir eine so kleine Gunst leicht gewähren.«

»Nein, bitte Du für Dich selbst,« sagte die hochmüthige Julia, »ich beuge mich nicht herab, die Neapolitanerin um eine Gunst anzusprechen.«

»Gut, sei es so; ich will Dich jetzt verlassen, meine Bitte vorbringen, die mir zuversichtlich gewährt wird, und bald wieder zurückkehren.«

»Thu' das und Dein Bett soll in meinem eigenen Zimmer bereitet werden.«

Hierauf verließ Nydia die schöne Pompejanerin.

Auf ihrem Rückweg zu Ione begegnete sie dem Wagen des Glaukus, dessen muthige, bäumende Rosse die Bewunderung der ganzen vollgedrängten Straße fesselten.

Freundlich hielt er einen Augenblick an, um mit den Blumenmädchen zu sprechen.

»Du blühst ja wie Deine Rosen, meine niedliche Nydia, und wie befindet sich Deine schöne Gebieterin? – hoffentlich wieder erholt von den Folgen des Gewitters?«

»Ich habe sie heute Morgen noch nicht gesprochen,« antwortete Nydia, »aber –«

»Aber was? tritt ein wenig zurück – Du bist zu nahe bei den Pferden.«

»Aber glaubst Du, Ione werde mir erlauben, den heutigen Tag bei Julia, der Tochter Diomeds, zuzubringen? Sie wünscht es und war stets gütig gegen mich, als ich noch wenige Freunde hatte.«

»Mögen die Götter Dein dankbares Herz segnen! ich will die Erlaubnis auf mich nehmen.«

»Darf ich auch die Nacht dort bleiben und erst morgen zurückkehren?« fragte Nydia, vor dem Lobe zurückbebend, das sie so wenig verdiente.

»Wie es Dir und der schönen Julia beliebt. Empfiehl mich ihr; – und halt, Nydia, wenn Du sie sprechen hörst, so merke Dir den Unterschied ihrer Stimme gegen die Silbertöne Ione's. Vale!«

Seine Lebensgeister gänzlich erholt von den Ereignissen der vergangenen Nacht – seine Locken im Wind wehend – sein elastisches Herz freudig aufschlagend bei jedem Sprung seiner parthischen Rosse, – ein wahres Abbild des Gottes seines Vaterlandes – voll Jugend und Liebe – fuhr Glaukus rasch der Gebieterin seines Herzens zu.

Genießet die Gegenwart so lang ihr könnt – wer vermag in der Zukunft zu lesen!

Als der Abend dunkelte, ließ sich Julie in ihrer Sänfte, die geräumig genug war, um auch ihre blinde Gefährtin aufzunehmen, nach den von Arbaces bezeichneten, ländlichen Bädern bringen. Ihrem von Natur leichten Sinne gewährte diese Unternehmung nicht sowohl Angst, als vielmehr Aufregung und vor Allem glühte sie bei dem Gedanken an ihren zukünftigen Triumph über die verhaßte Neapolitanerin.

Eine kleine heitere Gruppe stund an dem Thor der Villa, als die Sänfte nach dem besondern Eingang der für das weibliche Geschlecht bestimmten Bäder getragen wurde.

»So viel ich in der Dämmerung sehen kann,« bemerkte einer der dort Stehenden, »glaube ich die Sklavin des Diomed zu erkennen.«

»Ganz richtig, Klodius,« sagte Sallust, »es ist vermuthlich die Sänfte seiner Tochter Julia. Sie ist reich, mein Freund, warum bewirbst Du Dich nicht um sie?«

»Nun, ich hoffte früher, Glaukus würde sie heirathen. Sie verhehlt ihre Liebe zu ihm nicht und da er hoch und unglücklich spielt –«

»So würden die Sesterzen zu Dir übergegangen sein, weiser Klodius; es ist doch etwas Gutes um eine Frau – wenn sie einem Andern gehört.«

»Aber,« fuhr Clodius fort, »da Glaukus, wie ich höre, im Begriffe steht sich mit der Neapolitanerin zu vermählen, so muß ich wohl mein eigenes Glück bei der Verschmähten versuchen. Jedenfalls wird Hymens Lampe vergoldet sein und das Gefäß mich mit dem Geruch der Flamme aussöhnen. Nur dagegen werde ich mich verwahren, mein Sallust, daß Diomed Dich zum Depositar über seiner Tochter Vermögen mache.«Es war ein altes römisches Gesetz, das Niemand eine Frau zur Erbin einsetzen durfte. Dieses Gesetz wurde dadurch umgangen, daß der Vater sein Vermögen einem Freunde vermachte, um es seiner Tochter auszufolgen; aber dieser Vormund oder Depositar konnte, wenn er wollte, das Geld behalten. Das Gesetz war übrigens schon vor der Zeit dieser Geschichte in Abgang gekommen.

»Haha, laß uns hineingehen, mein Commissator, Wein und Kränze harren unser.«

Ihre Sklavinnen nach demjenigen Theile des Hauses entlassend, der zu ihrem Aufenthaltorte angewiesen war, trat Julia mit Nydia in die Bäder und ging, die Anerbietungen der Aufwärterin ablehnend, durch eine besondere Thüre in den hinter dem Hause gelegenen Garten.

»Sie kommt sicherlich zu einem Stelldichein hieher,« sagte eine der Sklavinnen.

»Was geht Dich das an?« rief eine Aufseherin zornig, »sie zahlt für ein Bad und verschwendet den Saffran nicht. Solche Zusammenkünfte tragen am meisten ein. Horch, hörst Du nicht, daß die Wittwe Fulvia in die Hände klatscht! Lauf, dummes Ding, rasch!«

Den besuchteren Theil des Gartens vermeidend, langten Julia und Nydia an der vom Egypter bezeichneten Stelle an. Auf einem kleinen runden Grasplatze beschienen die Sterne die Bildsäule Silens; der heitere Gott lehnte sich auf ein Felsstück; der bacchische Luchs lag zu seinen Füßen und über seinen Mund hielt er mit ausgestrecktem Arm einen Büschel Trauben, die er, bevor er sie verzehrte, lächelnd zu beliebäugeln schien.

»Ich sehe den Zauberer nicht,« begann Julia sich umschauend; aber noch während sie sprach, trat der Egypter langsam aus dem benachbarten Gebüsch hervor und das Sternenlicht fiel bleich auf sein weites Gewand.

»Salve, süßes Mädchen! aber ha! wen hast Du da? Wir dürfen keine Begleiter haben!«

»Es ist nur das blinde Blumenmädchen, weiser Zauberer; sie ist ebenfalls eine Thessalierin.«

»Ah, Nydia,« sagte der Egypter, »ich kenne sie wohl.«

Nydia fuhr schaudernd zurück.

»Du bist, däucht mir, in meinem Hause gewesen,« sagte er, seine Stimme dem Ohre Nydia's nähernd, »Du kennst den Eid – Stillschweigen und Geheimhaltung, jetzt wie damals, oder wehe Dir!«

»Doch,« setzte er nachdenklich gegen sich selbst hinzu, weshalb sogar einer Blinden mehr vertrauen, als nöthig ist? – Julia kannst Du Dich mir allein anvertrauen? Glaube mir, der Magier ist nicht so furchtbar als er scheint.«

Während er sprach, zog er Julia sanft auf die Seite und fuhr dann fort: »Die Hexe sieht nicht gerne mehre Gäste zugleich; laß Nydia hier, bis Du zurückkehrst; helfen kann sie uns nichts und zum Schutz – reicht Deine Schönheit hin – Deine Schönheit und Dein Rang – ja, Julia, ich kenne Deinen Namen und Stand, komm! vertraue Dich mir an, schöne Nebenbuhlerin der jüngsten der Najaden!«

Die eitle Julia war, wie wir bereits gesehen, nicht leicht zu erschrecken; die Schmeichelei des Arbaces verfehlte ihres Eindruckes nicht und gerne willigte sie ein, Nydia bis zu ihrer Rückkehr hier warten zu lassen; diese selbst aber drängte sich keineswegs auf. Sobald sie nämlich die Stimme des Egypters vernahm, schien ihr all der Schrecken, den sie vor ihm empfand, in die Seele zurückzukehren, und sie war deshalb nur erfreut zu hören, daß sie nicht mit ihm zu gehen habe. Sie begab sich nach dem Hause zurück und wartete in einem der Dienstbotenzimmer auf die Rückkehr des Arbaces und der Julia. Vielfach und bitter waren die Gedanken dieses armen Mädchens, während sie in ihrer ewigen Finsternis dasaß. Sie dachte an ihr eigenes, trauriges Loos, ferne von dem Lande ihrer Geburt, ferne von der sanften Pflege, die einst die Frühlingsschauer ihrer Kindheit sänftigte, des Tageslichtes beraubt, nur Fremde zu Führer ihrer Schritte – elend durch das einzige sanfte Gefühl ihres Herzens – liebend, aber ohne Hoffnung, ausgenommen den matten und unheiligen Strahl, der ihr Gemüth durchzuckte, als ihre thessalische Phantasie über die Kraft der Liebeszauber und die Gaben der Magie nachdachte!

Die Natur hatte in das Herz dieses armen Mädchens Samen von Tugenden ausgesäet, die nie zu reifen bestimmt waren; die Lehren des Unglücks sind nicht immer heilsam; bisweilen mildern und bessern sie, aber eben so oft verhärten und verkehren sie nur. Wenn wir uns vom Schicksal rauher behandelt sehen, als unsere Umgebung und in unserem eigenen Thun einen gerechten Grund für diese Strenge nicht erkennen, so werden wir nur zu geneigt, die Welt für unsere Feindin zu halten, uns in Trotz zu hüllen, gegen unser milderes Selbst anzukämpfen, und uns den dunkleren Leidenschaften hinzugeben, die durch das Gefühl erlittenen Unrechts so leicht in Gährung kommen. Die von Natur in Nydia's Brust so reichlich wohnenden Gefühle der Milde und Freundlichkeit waren dadurch, daß man sie frühe in die Sklaverei verkaufte, einem schmutzigen Zuchtmeister preisgab, und daß sich endlich ihre Lage nur änderte, um ihr Loos noch mehr zu verbittern, erstickt und vernichtet. Ihr Gefühl für Recht und Unrecht wurde durch eine Leidenschaft verwirrt, der sie sich so thörichterweise hingegeben, und dieselben glühenden und tragischen Regungen, die wir bei den Frauen der klassischen Zeit, einer Myrrha, einer Medea finden – Regungen, die die ganze einmal der Liebe hingegebene Seele gewaltsam fortrissen – herrschten und tobten in ihrer Brust.

Die Zeit verging; endlich trat ein leichter Schritt in das Gemach, wo Nydia sich noch immer ihren düsteren Betrachtungen überließ.

»Oh, Dank sei den unsterblichen Göttern!« sagte Julia, »ich bin zurück, ich habe jene fürchterliche Höhle verlassen; komm Nydia, wir wollen sogleich weiter.«

Erst als sie in der Sänfte waren, sprach Julia wieder.

»Oh,« rief sie zitternd, »welch eine Scene, welch fürchterliche Zauberformeln und das Leichengesicht der Hexe! Aber reden wir nicht davon. Ich habe den Trank erhalten – sie steht mir für die Wirkung. Meine Nebenbuhlerin wird seinem Aug' sofort gleichgültig werden und ich, ich allein werde der Abgott des Glaukus sein!«

»Glaukus,« rief Nydia.

»Ja, Mädchen, ich sagte Dir zwar anfänglich, es sei nicht der Athener, den ich liebe – aber ich sehe nun, daß ich Dir vollkommen trauen darf – es ist der schöne Grieche!«

Was waren nunmehr Nydia's Gefühle! sie hatte zugelassen, ja sogar mitgewirkt, Glaukus von Ione abzuziehen; aber nur, um mit der ganzen Kraft der Magie seine Liebe, noch hoffnungsloser für sie, auf eine Andere überzutragen. Ihr schwellendes Herz war dem Ersticken nahe, sie schnappte nach Luft; in der dunklen Sänfte aber bemerkte Julia die Aufregung ihrer Begleiterin nicht, sondern schwatzte mit rascher Zunge ein Weites und Breites über die versprochene Wirkung ihres erworbenen Schatzes und ihren bevorstehenden Triumph über Ione, indem sie von Zeit zu Zeit plötzlich zu den Schrecken des eben verlassenen Schauplatzes, zu der regungslosen Miene des Arbaces und seiner Gewalt über die fürchterliche Saga abschweifte.

Unterdessen gewann Nydia die Herrschaft über sich selbst wieder; ein Gedanke durchzuckte sie; sie sollte im Zimmer Julia's schlafen – konnte sie sich des Trankes nicht bemächtigen?

Sie kamen am Hause Diomeds an und stiegen in Julia's Gemach hinab, wo die Nachtmahlzeit für sie bereit stund.

»Trink, Nydia, Du mußt kalt haben; die Luft war heute Nacht so schaurig, mir wenigstens ist das Blut noch ganz erstarrt.«

Und ohne sich zu bedenken, trank Julia den gewürzten Wein in langen Zügen.

»Du hast den Trank,« sagte Nydia, »gestatte mir, ihn in den Händen zu halten – wie klein das Flächschen ist! welche Farbe hat die Flüssigkeit?«

»Sie ist klar wie Krystall,« antwortete Julia und nahm den Trank zurück, »und Du könntest sie nicht von diesem Wasser unterscheiden. Die Hexe versichert mich, sie sei geschmacklos. So klein auch das Gläschen ist, genügt sein Inhalt doch, um die Treue des Geliebten für das ganze Leben zu fesseln. Man gießt die Flüssigkeit in irgend ein Getränk, und Glaukus wird nur durch die Wirkung erfahren, was er geschluckt hat.«

»Also dem Ansehen nach ganz wie dieses Wasser?«

»Ja, hell und farblos wie dieses. Wie klar es aussieht! gerade als wäre es der Extrakt aus vom Monde beschienen Thau. Heller Trank! wie leuchtest du auf meine Hoffnungen durch dein Krystalgefäß!«

»Und wie ist es verschlossen?«

»Nur durch einen kleinen Stöpsel – zieh ihn heraus – der Trank ist ganz geruchlos. Seltsam, das, was zu keinem Sinne spricht, über alle gebieten soll.«

»Ist die Wirkung augenblicklich?«

»Gewöhnlich – bisweilen tritt sie aber erst nach einigen Stunden ein.«

»Oh, wie lieblich ist dieser Geruch,« sagte Nydia plötzlich, indem sie eine kleine Flasche vom Tische nahm und sich über ihren duftenden Inhalt niederbeugte.

»Findest Du das? Die Flasche ist mit Edelsteinen von einigem Werth besetzt; gestern Morgen schlugst Du das Armband aus – wirst Du die Flasche annehmen?«

»Solche Wohlgerüche müssen es sein, um eine, die nicht sehen kann, an die großmüthige Julia zu erinnern – wenn die Flasche nicht zu kostbar ist –«

»Oh, ich habe tausend kostbarere, behalte sie, Kind.«

Nydia verneigte sich zum Zeichen der Dankbarkeit und steckte die Flasche in ihr Gewand.

»Und ist der Liebestrank,« fragte sie, »gleich wirksam, von wem er auch beigebracht werde?«

»Seine Kraft ist, wie man mich versichert, so groß, daß, selbst wenn ihn die häßlichste Hexe unter der Sonne reichte, Glaukus sie, und keine Andere für schön halten würde!«

Erwärmt vom Wein und der in ihrem Innern vorsichgehenden Reaktion, war Julia jetzt voll Leben und Wonne; sie lachte laut und sprach über hunderterlei Gegenstände, und erst als die Nacht sich stark dem Morgen näherte, rief sie ihre Sklavinnen und ließ sich ausziehen.

Als diese wieder entlassen waren, sagte sie zu Nydia: »Ich will diesen heiligen Trank nicht aus meiner Nähe lassen, bis die Stunde kommt, da ich ihn anwende. Lieg unter meinem Kopfkissen, glänzender Geist, und gib mir glückliche Träume.«

Mit diesen Worten legte sie das Fläschchen unter ihr Kissen. – Nydia's Herz klopfte gewaltig.

»Weshalb trinkst Du bloß dieses unvermischte Wasser, Nydia? Nimm von dem Wein daneben.«

»Ich habe ein wenig Fieber,« antwortete das blinde Mädchen, »und das Wasser kühlt mich. Ich will diese Flasche neben mein Bett stellen; das Wasser erfrischt in diesen Sommernächten, wenn der Thau des Schlafes nicht auf unsere Lippen fällt. Schöne Julia, ich muß Dich sehr früh verlassen – so will es Ione – vielleicht ehe Du wach bist: empfange deshalb jetzt meinen Glückwunsch.«

»Danke – wenn wir uns das nächstemal treffen, wirst Du wohl Glaukus zu meinen Füßen finden.«

Sie hatte sich niedergelegt, und Julia, von der Aufregung des Tages ermattet, schlief bald ein; aber unruhige und glühende Gedanken wälzten sich im Geist der Thessalierin und hielten sie wach. Sie horchte auf den ruhigen Athem Julia's und ihr an die feinsten Nüanen des Tones gewöhntes Ohr versicherte sie halb des tiefen Schlafes ihrer Gefährtin.

»Jetzt sei mir günstig, Venus,« sagte sie leise.

Behutsam stand sie auf und goß die wohlriechende Essenz aus dem Fläschchen, das ihr Julia geschenkt hatte, auf den Marmorboden – sie spülte es mehrmals sorgfältig mit Wasser aus, das neben ihr stund, fand sodann Julia's Bett leicht – denn die Nacht war für sie wie der Tag – und bemächtigte sich des Trankes. Julia rührte sich nicht, ihr Athem koste regelmäßig die glühende Wange des blinden Mädchens. Das Fläschchen öffnend goß Nydia seinen Inhalt in das ihrige, das ihn leicht faßte; füllte sodann das letzte Gefäß mit dem klaren Wasser, das nach Julia's Versicherung dem Liebestranke so sehr glich, und legte es an seine frühere Stelle. Dann stahl sie sich wieder auf ihr Lager und erwartete, mit welchen Gedanken! das Grauen des Tages.

Die Sonne war aufgegangen, Julia schlief noch, Nydia kleidete sich stille an, steckte ihren Schatz sorgfältig in ihr Gewand, nahm ihren Stab und eilte, das Haus zu verlassen.

Der Pförtner Medon grüßte sie freundlich, als sie die Stufen hinaufstieg, die auf die Straße führten; sie aber hörte ihn nicht, ihr Gemüth war verwirrt und verloren im Strudel stürmischer Gedanken – jeder Gedanke eine Leidenschaft. Sie fühlte die reine Morgenluft auf ihren Wangen, aber ihre brennenden Adern vermochte sie nicht zu kühlen.

»Glaukus,« murmelte sie, »alle Liebeszauber des gewaltigsten Magiers könnten nicht bewirken, daß du mich so liebtest, wie ich dich – Ione – ha! hinweg Zaudern, hinweg Gewissensbisse! Glaukus in deinem Lächeln ruht mein Schicksal, und das deinige – o Hoffnung! o Freude! o Entzücken – dein Schicksal liegt in diesen Händen!«

Viertes Buch.

Philtra nocent aninis, vinque furoris habent.

Ovid.

Erstes Kapitel.

Betrachtungen über den Eifer der ersten Christen – Zwei Männer fassen einen gefährlichen Entschluß – Wände haben Ohren, namentlich heilige Wände.

Jeder, der die frühere Geschichte des Christentums betrachtet, wird eingestehen, wie nothwendig für seinen Sieg jener Feuereifer war, der, keine Gefahren fürchtend, keinen Vergleich annehmend, seine Kämpen begeisterte und seine Märtyrer aufrecht erhielt. In einer herrschenden Kirche wird der Geist der Unduldsamkeit zum Verräther an der Sache, in einer schwachen und verfolgten Kirche aber ist derselbe Geist ihre kräftigste Stütze. Es war nothwendig, den Glauben anderer Menschen zu verschmähen, zu verachten, zu verabscheuen, um die Versuchungen, die er darbot, zu überwinden – es war nothwendig, streng zu glauben, daß das Evangelium nicht nur der wahre Glaube, sondern auch der einzig wahre, seligmachende Glaube sei, um seine Jünger für die Strenge der Lehre zu stärken und sie zu dem heiligen und gefahrvollen Werk der Bekehrung der polytheistischen Heiden zu ermutigen. Der strenge Sektengeist, der Tugend und Himmelreich auf wenige Auserwählte beschränkte, in andern Göttern Dämonen und in jeder andern Religion die Strafen der Hölle sah, machte es natürlich dem Gläubigen zur strengsten Gewissenssache, Alle zu bekehren, an welche ihn ein Band menschlicher Neigung fesselte, und der auf diese Weise durch das Wohlwollen gegen Menschen gezogene Kreis wurde noch mehr erweitert durch das Verlangen, für den Ruhm Gottes zu wirken. Zur Ehre des christlichen Glaubens geschah es, daß der Christ seine Glaubenssätze muthig dem Skepticismus der Einen, dem Widerstreben der Andern, der weisen Verachtung der Philosophen und dem frommen Entsetzen des Volkes aufdrang, und gerade seine Unduldsamkeit versah ihn selbst mit den besten Werkzeugen zum Erfolg; der verweichlichste Heide aber fing endlich an zu denken, es müsse doch in der That etwas Heiliges in einem seiner bisherigen Erfahrung gänzlich fremden Eifer liegen, der bei keinem Hindernis anhielt, keine Gefahr fürchtete und selbst auf der Folter oder dem Blutgerüst die Streitfrage – weit verschieden von den ruhigen Disputationen spekulativer Philosophen – der Entscheidung eines ewigen Richters anheimgab. Auf diese Weise also bildete derselbe Eifer, der den Christus des Mittelalters zu einem erbarmungslosen Fanatiker machte, den Christen der ersten Zeit zu einem furchtlosen Helden.

Unter diesen feurigen, kühnen und ernsten Naturen nahm Olinth eine der ersten Stellen ein. Kaum war Apäcides durch die Feierlichkeit der Taufe in den Schoß der Kirche aufgenommen, als ihm der Nazarener sofort die Unmöglichkeit vorstellte, das Amt und die Kleidung des Priesterstandes länger beizubehalten. Es war einleuchtend, daß er sich nicht als einen Anbeter des wahren Gottes bekennen und gleichzeitig, wenn auch nur äußerlich, die abgöttischen Altäre des Feindes ehren konnte.

Dies war übrigens noch nicht Alles; das sanguinische und ungestüme Gemüth des Olinth sah in der Gewalt des Apäcides das Mittel, dem getäuschten Volk das Gaukelspiel der Isisorakel kund zu thun. Er glaubte, der Himmel selbst habe dieses Werkzeug seiner Pläne gesandt, um die Menge zu enttäuschen und vielleicht zur Bekehrung einer ganzen Stadt den Weg anzubahnen. Er zauderte daher nicht, den ganzen, neu entzündeten Enthusiasmus des Apäcides in Anspruch zu nehmen, seinen Muth zu steigern und seinen Eifer zu stacheln. Vorhergegangener Verabredung zufolge trafen sie den Abend nach der Taufe des Apäcides in dem schon früher beschriebenen Hain der Cybele zusammen.

»Bei der nächsten feierlichen Befragung des Orakels,« sagte Olinth im Verlaufe seiner feurigen Rede, »tritt ans Gitter vor, verkünde laut dem Volke die Täuschung, in der es lebt – fordere es auf, einzutreten und selbst Zeige des groben, aber künstlichen Täuschungsmechanismus zu sein, den Du mir beschrieben hast. Fürchte Dich nicht, der Herr, der Daniel schützte, wird auch Dich in seinen Schutz nehmen; wir, die Christengemeinde, werden unter der Menge stehen; wir werden die Furchtsamen vorwärts drängen, und in der ersten Hitze der Entrüstung und Beschämung des Volkes will ich selbst den Palmzweig, das Sinnbild des Evangeliums, auf diese Altäre pflanzen, und auf meine Zunge wird der Geist des lebendigen Gottes niedersteigen.«

Erhitzt und aufgeregt, wie er war, fand Apäcides diesen Vorschlag durchaus nicht unerwünscht. Er war erfreut, sobald eine Gelegenheit zu finden, seinen Eifer für diesen neuen Glauben kund zu geben, und zu seinen heiligeren Gefühlen gesellten sich der Zorn über die selbst erlittene Täuschung und das Verlangen, sie zu rächen. Bei diesem sanguinischen und elastischen Überspringen der Hindernisse (eine für alle Unternehmer kühner und gefährlicher Taten unerläßliche Blindheit) erblickten weder Olinth noch der Neubekehrte die vielen Schwierigkeiten, die dem Gelingen ihres Planes entgegenstunden, und die hauptsächlich in dem ehrfurchtsvollen Aberglauben des Volkes selbst lagen, das Angesichts der geheiligten Altäre der großen egyptischen Gottheit aller Wahrscheinlichkeit nach keine Lust hatte, einem Zeugnisse gegen die Macht der Isis Glauben zu schenken, selbst wenn es von einem ihrer Priester kam.

Apäcides willigte in diesen Vorschlag mit einer Bereitwilligkeit ein, die den Olinth entzückte. Sie trennten sich mit der Verabredung, daß Olinth mit den Bedeutenderen unter seinen christlichen Brüdern sich besprechen, ihren Rath einholen und sich ihrer Unterstützung für den ereignisvollen Tag versichern solle. Es traf sich, daß am zweiten Tage nach dieser Unterredung ein Fest der Isis abgehalten werden sollte, und dies bot die erwünschteste Gelegenheit zur Ausführung des Planes. Sie verabredeten, am nächsten Abend noch einmal auf der Stelle zusammenzukommen, um sodann die Art und Weise der am folgenden Tag vorzunehmenden Enthüllung vollends festzulegen.

Der Zufall wollte, daß der letztere Theil dieser Unterredung nahe beim Sacellum oder Kapellchen gehalten wurde, und hinter diesem trat, sobald die Gestalten Olinths und des Priesters aus dem Hain verschwunden waren, eine dunkle und abstoßende Figur hervor.

»Ich bin dir also nicht umsonst nachgeschlichen, mein Herr College,« sagte der Horcher, »du, der Priester der Isis, bist nicht aus bloßer Disputirsucht mit diesem finstern Christen zusammengekommen. Ach, daß ich eure köstliche Verschwörung nicht ganz hören konnte; genug! ich weiß wenigstens, daß ihr die geheiligten Mysterien zu enthüllen gedenket, daß ihr morgen wieder hier zusammentreffet, um das Wie und Wann zu bestimmen. Möge dann Osiris meine Ohren schärfen, damit ich das ganze eurer unerhörten Frechheit erfahre. Wenn ich einmal mehr weiß, so muß ich mich mit Arbaces besprechen. Wir wollen eure Pläne zu nichte machen, gute Freunde, so tief ihr sie auch angelegt glaubt. Für jetzt ist meine Brust eine verschlossene Schatzkammer eures Geheimnisses.«

Mit diesen Worten hüllte sich Kalenus, denn er war es, dicht in seinen Mantel und schritt nachdenkend seiner Wohnung zu.

Zweites Kapitel.

Wirth, Koch und Küche in klassischen Zeiten – Apäcides besucht Ione – Ihre Unterredung.

Der Tag war nunmehr herangekommen, an welchem Diomed seinen auserwählten Freunden ein Gastmahl geben wollte. Der anmuthige Glaukus, die schöne Ione, der gewichtige Pansa, der hochgeborene Klodius, der unsterbliche Fulvius, der stutzerhafte Lepidus und der epikuräische Sallust waren nicht die einzigen, die das Fest beehren sollten. Diomed erwartete nach auch einen alten Senator aus Rom (einen Mann von Ruhm und Gunst bei Hof) und einen großen Krieger aus Herkulanum, der mit Titus gegen die Juden gefochten, und da er sich in den Feldzügen gewaltig bereichert hatte, beständig von seinen Freunden versichert wurde, sein Vaterland sei ihm für seine uneigennützigen Bemühungen ewigen Dank schuldig. Ja, die Gesellschaft war sogar noch zahlreicher, denn obwohl es, streng genommen, zu einer gewissen Zeit bei den Römern nicht für nobel gehalten wurde, weniger als zwei, oder mehr als neun Personen bei Tisch zu empfangen, so wurde doch diese Regel von Prahlsüchtigen gerne außer Acht gelassen, und die Geschichte erzählt uns in der That, daß einer der ersten Großthuer gewöhnlich eine auserwählte Gesellschaft von dreihundert Personen bewirthete. Diomed übrigens war bescheidener und begnügte sich, die Zahl der Musen zu verdoppeln. Seine Gesellschaft bestund aus achtzehn Personen – eine auch heutzutage nicht anstößige Zahl. »Je mehr Leute beisammen sind, desto heiterer geht's zu,« sagen Viele; ich für meinen Theil aber habe stets bei einem Gastmahl gerade das Gegentheil gefunden!

Der Morgen des hohen Tages war angebrochen und Diomed selbst, obwohl er den Mann von Stand und Gelehrsamkeit im höchsten Grade affektirte, behielt doch genug von seinen kaufmännischen Erfahrungen bei, um zu wissen, daß des Herrn Auge schnelle Diener macht. Deshalb durchlief er mit ungegürteter Tunika über dem stattlichen Bauch, mit bequemen Pantoffeln an den Füßen und einem Stöckchen in der Hand, mit dem er bald den Blick eines trägen Sklaven leitete, bald seinem Rücken eine Zurechtweisung gab, alle Zimmer seiner kostbaren Villa.

Er verschmähte selbst einen Besuch in jenem heiligen Raume nicht, in welchem die Priester des Festes ihre Opfer bereiteten. Als er in die Kirche trat, wurden seine Ohren durch den Lärm von Schüsseln und Pfannen, von Flüchen und Befehlen angenehm betäubt. So klein auch dieses Gemach in allen Häusern Pompeji's gewesen zu sein scheint, so war es nichts desto weniger mit all der bewunderungswürdigen Mannigfaltigkeit von Töpfen und Modeln, Schmor- und Brühpfannen, Messern und Teigformen ausgerüstet, ohne welche ein Koch von Geist, antiker wie moderner Zeit, es für gänzlich unmöglich erklärt, irgend eine Speise liefern zu können. Und da das Holz schon damals wie heutzutage in jenen Gegenden theuer und selten war, so scheint man einen großen Scharfsinn darauf verwendet zu haben, um möglichst viele Dinge mit möglichst wenig Feuer zu bereiten. Eine bewundernswerthe Einrichtung dieser Art kann man noch heutzutage im Museum zu Neapel sehen, nämlich eine tragbare Küche, ungefähr von der Größe eines Foliobandes, welche Töpfe für vier Platten und überdies einen Apparat zur Erwärmung von Wasser und sonstigen Getränken enthielt. So etwas wäre eine treffliche Zugabe zu unsern heutigen wohlfeilen Bibliotheken, da sie eben so viele Nahrung für den Leib böte, daß man mit größerer Befriedigung und weit häufiger zu der erstern als zu der letztern seine Zuflucht nehmen dürfte.

In der kleinen Küche flatterten eine Menge von Gestalten, welche das rasche Auge des Gebieters nicht erkannte.

»O ho,« murrte er vor sich hin, »der verfluchte Congrio hat eine ganze Legion von Köchen zu seinen Beistand berufen. Sie werden ihm nicht umsonst aushelfen, und das gibt einen neuen Posten in der Totalsumme meiner heutigen Ausgaben. Beim Bacchus! Dreimal glücklich werde ich sein, wenn die Sklaven nicht ein paar von den Trinkgefäßen mitlaufen lassen – ach, ihre Hände sind geschwind und ihre Tuniken weit – me miserum!«

Die Köche übrigens arbeiteten fort, ohne wie es schien, auf die Erscheinung des Diomed zu achten.

»He, Euklio, Deine Eierpfanne! Was, ist das die größte? Sie hält nur dreiundvierzig Eier. In den Häusern, wo ich gewöhnlich diene, hält die kleinste Pfanne fünfzig, wenn es sein muß!«

»Der gewissenlose Schuft,« dachte Diomed; »er spricht von Eiern, als ob man das Hundert für einen Sesterz bekäme!«

»Beim Merkur!« rief ein kleiner, vorwitziger Küchenzögling, der kaum erst sein Noviziat angetreten hatte, »wer sah je so veraltete Model für das Backwerk? Mit so rohen Materialien ist es gänzlich unmöglich, seiner Kunst Ehre zu machen. Ja, Sallusts geringster Model stellt die ganze Belagerung von Troja vor; Hektor und Paris und Helena mit dem kleinen Astyanax und dem hölzernen Pferde obendrein.«

»Still, Du Tölpel!« sprach Congrio, der Koch des Hauses, der den Haupttheil der Schlacht seinen Verbündeten zu überlassen schien, »mein Herr Diomed ist keiner jener verschwenderischen Taugenichtse, die Alles nach der neuesten Mode haben müssen, koste es was es wolle.«

»Du lügst, elender Sklave!« rief Diomed in großer Aufregung; »Du selbst hast mich schon genug gekostet, um sogar einen Lukull zu ruiniren. Komm hervor aus Deiner Höhle, ich habe mit Dir zu reden.«

Mit einem schlauen Zeichen gegen seine Verbündeten gehorchte der Sklave diesem Befehl.

»Mann der drei Buchstaben,«Der gewöhnliche Schimpfname von dem dreibuchstäbigen Wort Fur (Dieb). begann Diomed mit feierlichem Zorne, »wie konntest Du es wagen, alle diese Schurken in mein Haus zu berufen? Ich sehe den Dieb in jede Linie ihres Gesichtes geschrieben.«

»Dennoch versichere ich Dich, Herr, daß es Leute von höchst achtbarem Charakter sind – die besten Köche des Ortes – es ist ein großes Glück, wenn man sie bekommt – aber um meinetwillen –«

»Um Deinetwillen, unglücklicher Congrio,« unterbrach ihn Diomed – »und durch welches mir abgeführte Geld – durch welchen Unterschlag bei den Markteinkäufen – durch welche gute Speisen, die Du in Fett verwandelst und in den Vorstädten verkauftest – durch welche falsche Rechnungen für beschädigtes Kupfergeschirr und gebrochene Töpferwaare warst Du in den Stand gesetzt, sie um Deinetwillen hierherzubringen?«

»Nein, Herr, tritt meiner Ehrlichkeit nicht zu nahe. Mögen die Götter mich verlassen, wenn –«

»Schwöre nicht,« unterbrach ihn von Neuem der jähzornige Diomed, »denn die Götter möchten Dich als einen Meineidigen zerschmettern, und ich verlöre gerade vor dem Beginn des Essens meinen Koch. Habe ein scharfes Auge auf Deine verdächtigen Gehülfen und schwatz' mir morgen nichts von zerbrochenen Vasen und wunderbar verschwundenen Bechern vor, oder Dein ganzer Rücken soll eine einzige Wunde sein – und hör' mich wohl an, Du weißt, Du hast mir für diese phrygischen AttageneDer Attagen aus Phrygien oder Jonien, wurde bei den Römern besonders hochgeschätzt: Attagen carnis suavissimae. (Athen. lib. IX. cap. 8 u. 9) Er war ein wenig größer als ein Rebhuhn. eine Summe abgenommen, die beim Herkules groß genug wäre, um einen mäßigen Menschen ein ganzes Jahr dafür zu speisen – sieh zu, daß sie nicht um ein Jota zu stark gebraten wird. Das letztemal, o Congrio, als ich meinen Freunden ein Gastmahl gab, und Deine Eitelkeit so kühn versprach, einem Kranich aus Melos das gehörige Ansehen zu geben, da kam er, wie Du wohl weißt, wie ein Stein aus dem Aetna auf den Tisch, als ob alle Feuer des Phlegeton seinen Saft ausgebraten hätten. Sei diesmal bescheiden, Congrio – vorsichtig und bescheiden. Bescheidenheit ist die Amme großer Thaten, und wenn Du, wie in allen Dingen, so auch hier Deines Herrn Börse nicht schonen willst, so trage wenigstens für Deines Herrn Ruhm Sorge.«

»Seit den Tagen aus Herkules soll man kein solch Essen in Pompeji erlebt haben!«

»Still, still – schon wieder Deine verfluchte Prahlerei. Aber ich sage, Congrio, jener Homunculus – jener erbärmliche Angreifer meiner Geschirre – jener vorlaute Küchenjunge – war er nicht im höchsten Grade unverschämt, als er die Schönheit meiner Kuchenformen tadelte? Ich möchte nicht gern aus der Mode sein mit meinen Sachen, Congrio.«

»Es ist nur der Brauch bei uns Köchen,« antwortete Congrio ernst, »unsere Geräthe herabzusetzen, um die Produkte unserer Kunst in desto glänzenderem Lichte erscheinen zu lassen. Der Kuchenmodel ist von schöner und lieblicher Form; aber ich möchte meinem Herrn anempfehlen, bei der ersten Gelegenheit einige neue zu kaufen, von –«

»Schon gut,« rief Diomed, der entschlossen schien, seinen Sklaven keinen seiner Sätze vollenden zu lassen – »jetzt geh wieder an Dein Geschäft – glänze – übertriff Dich selbst – mach', daß die Leute den Diomed um seinen Koch beneiden – daß die Sklaven von Pompeji Dich ›Congrio den Großen‹ nennen! Geh – doch Halt – Du hast noch nicht all das Geld ausgegeben, das ich Dir für den Markt gab?«

»Alles! – Ach, die Nachtigallenzungen und die römische Tomakula»– – Candiculi divina timacula porci.« Juvenal X. 355. Eine reiche und feine Wurst. und die brittischen Austern und verschiedene andere Dinge, zu zahlreich, um hier aufgeführt zu werden, sind noch unbezahlt; aber was liegt daran – Jedermann borgt dem Archimagirus des reichen Diomed!«

»O gewissenloser Verschwender – welche Vergeudung! welcher Luxus! Ich bin ruinirt – aber geh, eile, sieh' nach, koste, schaff' – übertriff Dich selbst! Sorg', daß der römische Senator den armen Pompejaner nicht verachtet – fort Sklave – und gedenke der phrygischen Attagene.«

Der Küchentyrann verschwand in sein natürliches Gebiet und Diomed wälzte seine stattliche Persönlichkeit in die vornehmeren Gemächer zurück. Alles war nach seinem Wunsch. Die Blumen waren frisch, die Springbrunnen spielten munter, die Mosaikböden waren blank wie Spiegel.

»Wo ist meine Tochter Julia?« fragte er.

»Im Bad.«

»Ach, das erinnert mich – die Zeit verstreicht und ich muß auch noch baden.«


Unsere Geschichte kehrt zu Apäcides zurück. Als er heute aus dem unterbrochenen und fieberhaften Schlafe erwachte, der auf seine Annahme eines Glaubens gefolgt war, welcher mit dem seiner Jugend in so scharfem und strengem Widerspruch stund, konnte sich der junge Priester kaum überzeugen, daß er nicht noch träume; er hatte den verhängnisvollen Strom überschritten – die Vergangenheit sollte hinfort keine Verwandtschaft mit der Zukunft haben; die zwei Welten – das was geschehen war, und das was da kommen sollte – waren gänzlich von einander getrennt. Welch kühnem und gewagtem Unternehmen hatte er sein Leben gewidmet – die Geheimnisse wollte er enthüllen, an denen er selbst Theil genommen, die Altäre entheiligen, deren Diener er gewesen – die Göttin anklagen, deren priesterliches Gewand er trug! Allmählig fühlte er, welchen Haß und welches Grauen er, selbst im Falle des Gelingens, unter den Frommen erwecken würde; schlug ihm dagegen sein kühner Plan fehl, – welchen Strafen setzte er sich nicht für ein bisher unerhörtes Verbrechen aus, für welches kein bestimmtes, aus der Erfahrung abgeleitetes Gesetz vorhanden war, und auf welches gerade aus diesem Grunde gewaltsam herbeigezogene Vorgänge aus der grausamsten Rüstkammer einer veralteten und unbrauchbaren Gesetzgebung wahrscheinlich angewendet wurden? Seine Freunde – seine Schwester – konnte er Gerechtigkeit von ihnen erwarten, obwohl sie ihn vielleicht bemitleideten? – Ihre heidnischen Augen mochten diese tapfere und heilige That vielleicht als eine gehässige Apostasie, im günstigsten Falle als eine bejammernswerthe Verrücktheit ansehen.

Er wagte Alles und entsagte Allem in dieser Welt, in der Hoffnung, sich in der andern jene Ewigkeit zu erwerben, die ihm so plötzlich enthüllt worden war. Während diese Gedanken von der einen Seite in seine Brust einzogen, verbanden sich auf der andern sein Stolz, sein Muth und seine Tugend, vereint mit dem nicht entschwundenen Rachedurst für erlittene Täuschung und einem gewaltigen Ekel an dem bisher selbst verübten Betrug, um ihn zu erheben und zu stützen.

Der Kampf war scharf und hitzig. Aber seine neuen Gefühle siegten über seine alten, und ein mächtiger Beweis zu Gunsten des Streiters gegen die Heiligkeit alter Meinungen und hergebrachter Formen liegt in dem Siege, den dieser geringe Priester über Beide davontrug. Hätten sich die ersten Christen mehr von den Rücksichten für das Herkommen leiten lassen, wären sie weniger Demokraten, in der reinen und erhabenen Bedeutung dieses mißbrauchten Wortes, gewesen – das Christenthum wäre schon in der Wiege gestorben!

Da jeder Priester der Reihe nach mehre Nächte hintereinander in den Gemächern des Tempels schlafen mußte, so war die dem Apäcides bestimmte Zeit noch nicht abgelaufen, und als er sich von seinem Lager erhoben, wie gewöhnlich sein Priestergewand angelegt und sein Zimmerchen verlassen hatte, fand er sich wieder vor den Altären des Tempels.

Erschöpft von der Aufregung der letzten Tage, hatte er weit in den Morgen hineingeschlafen und schon sandte die Sonne ihre glühenden Strahlen senkrecht auf die heilige Stätte.

»Salve, Apäcides,« sprach eine Stimme, deren natürliche Rauheit durch lange Kunst in eine fast unangenehme Milde verwandelt worden war, »Du kömmst spät heraus; hat sich die Göttin Dir im Traume enthüllt?«

»Könnten sie ihr wahres Selbst dem Volke enthüllen, Kalenus, kein Weihrauch würde auf diesen Altären gebrannt werden.«

»Das möchte wohl wahr sein,« antwortete Kalenus, »aber die Göttin ist weise genug, um nur mit Priestern zu verkehren.«

»Die Zeit dürfte kommen, wo sie ohne ihre Einwilligung enthüllt wird.«

»Das ist nicht wahrscheinlich,« versetzte Kalenus; »sie hat zahllose Jahrhunderte hindurch triumphirt, und was so lange die Probe der Zeit ausgehalten hat, das unterliegt selten der Neuerungssucht. Aber höre, mein junger Bruder, solche Redensarten sind sehr unpassend.«

»Dir wenigstens kommt es nicht zu, ihnen Stillschweigen zu gebieten,« antwortete Apäcides stolz.

»So hitzig – doch ich will nicht mit Dir streiten. – Hat Dich denn der Egypter nicht von der Nothwendigkeit überzeugt, daß wir in Eintracht zusammenleben müssen? Hat er Dich nicht überzeugt, wie weise es ist, wenn wir das Volk täuschen und unser Leben genießen? Wo nicht, mein Bruder, so ist er auch nicht der große Zauberer, für den er gilt.«

»Du hast also auch seinen Unterricht empfangen?« fragte Apäcides mit hohlem Lächeln.

»Ja, aber ich bedurfte dessen weniger als Du. Die Natur hat mich bereits mit der Liebe zum Vergnügen und mit der Sehnsucht nach Gewinn und Macht begabt. Lang ist der Weg, der den Genußsüchtigen zu einem strengen Leben führt, aber es ist nur ein Schritt von den Wonnen der Sünde zum Dach der Heuchelei. Fürchte die Rache der Göttin, wenn die Kürze dieses Schrittes entdeckt werden sollte!«

»Fürchte Du die Stunde, wo das Grab sich aufthut und die Fäulnis an den Tag kommt,« antwortete Apäcides feierlich. »Vale!«

Mit diesen Worten überließ er den Flamen seinen Betrachtungen. Einige Schritte vom Tempel entfernt, schaute er sich noch einmal um. Kalenus hatte sich bereits in das Eingangszimmer der Priester begeben, denn es nahte jetzt die Stunde der Mahlzeit, welche die Alten Prandium nannten, und die, hinsichtlich der Zeit, unserm Frühstück entspricht. Der weiße und anmuthige Tempel strahlte hell in der Sonne, auf den Altären vor ihm stieg der Weihrauch auf und blühten die Blumenkränze. Der junge Priester blickte lange und wehmüthig auf den Schauplatz – es war das letztemal, daß er ihn sah.

Dann wandte er sich und verfolgte langsam seinen Weg zu dem Hause Ione's; denn ehe vielleicht das letzte Band, das sie umschlang, zerschnitten wurde, ehe er sich in die ungewisse Gefahr des nächsten Tages begab, sehnte er sich, noch einmal seine einzige Verwandte, seine zärtlichste und froheste Freundin zu sehen. Er kam an ihrem Hause an und traf sie mit Nydia im Garten.

»Das ist gut von Dir, Apäcides,« rief Ione freudig, »oh, wie innig habe ich gewünscht, Dich zu sprechen – wie vielen Dank bin ich Dir schuldig! Wie unartig, daß Du keinen meiner Briefe beantwortet – daß Du Dich seither nicht bei mir eingefunden hast, den Ausdruck meines Dankes zu empfangen! Oh, Du halfst Deine Schwester vor Entehrung retten! Mit welchen Worten kann sie Dir danken, jetzt, da Du endlich gekommen bist!«

»Meine süße Ione, Du bist mir keinen Dank schuldig; denn Deine Sache war die meinige; vermeiden wir diesen Gegenstand, sprechen wir nicht mehr von jenem gottlosen, für uns Beide so verhaßtem Mann; bald vielleicht habe ich Gelegenheit, der Welt das Wesen seiner vorgeblichen Weisheit und heuchlerischer Strenge zu enthüllen. Aber laß uns niedersitzen, meine Schwester, ich bin ermüdet von der Sonnenhitze; setzen wir uns in jenen Schatten und seien wir einander für eine kleine Zeit noch einmal, was wir uns bis daher gewesen sind!«

Unter einer großen Platane, umgeben von Cistus Arbutus, den lebendigen Springbrunnen vor sich, der grünen Rasen unter ihren Füßen, auf dessen Gras da und dort die fröhliche, einst den Athenern so theure, Cikade umherhüpfte; der Schmetterling, ein schönes der Psyche gewidmetes Sinnbild der Seele, das auch christlichen Sängern so reichen Stoff lieferte – in all den glühenden, dem sicilianischen HimmelIn Sicilien findet man vielleicht die schönsten Schmetterlingsarten. entnommenen Farben – selbst einer geflügelten Blume gleich – auf den sonnigen Blumen schwebend – auf dieser Stätte und an diesem Schauplatze saßen Bruder und Schwester das letztemal auf Erden beisammen. Man kann dieselbe Stätte noch heute betreten, aber der Garten ist nicht mehr, die Säulen sind eingestürzt, der Springbrunnen hat aufgehört zu spielen. Möge der Reisende unter den Ruinen von Pompeji nach dem Hause Ione's forschen. Seine Überbleibsel sind noch immer sichtbar, aber dem Auge der Alltagsreisenden will ich sie nicht verrathen. Wer gefühlvoller ist, als die Heerde, wird sie leicht entdecken, und wenn ihm dies gelungen, möge er das Geheimnis für sich behalten.

Sie setzten sich, und Nydia, froh, allein zu sein, zog sich nach dem entgegengesetzten Ende des Gartens zurück.

»Ione, meine Schwester,« begann der junge Neubekehrte; »lege Deine Hand auf meine Stirne und laß mich Deine kühle Berührung fühlen. Sprich auch mit mir, denn Deine sanfte Stimme ist wie ein zartes Lüftchen, das erfrischt und wohlthut. Sprich mit mir, aber segne mich ja nicht! Laß mich nicht eine Silbe von jenen Redeformen hören, die wir in unserer Kindheit als heilig zu betrachten gelehrt wurden!«

»Ach, was soll ich denn sagen? Die Sprache der Liebe ist für uns mit der Sprache unserer Gottesverehrung so verwoben, daß die Worte frostig und gemein werden, wenn ich jede Anspielung auf unsere Götter daraus verbanne.«

»Unsere Götter,« murmelte Apäcides mit einem Schauder; »schon berücksichtigst Du meine Bitte nicht.«

»Soll ich denn bloß von Isis zu Dir sprechen?«

»Dem bösen Geist! Nein; lieber sei stumm auf ewig, Du könntest denn – doch weg, weg mit solchem Gespräch! Nicht jetzt wollen wir mit einander streiten, nicht jetzt hart über einander urtheilen, während Du mich vielleicht als einen Abtrünnigen betrachten würdest, und ich nur Schmerz und Scham über Dich als eine Götzendienerin fühlte! Nein, meine Schwester, laß uns solche Gegenstände und solche Gedanken vermeiden. In Deiner süßen Gegenwart kommt eine Ruhe über meinen Geist; für eine kleine Weile vergesse ich mich. Während ich so Deine Schläfe an meine Brust lege, wenn ich mich je von Deinem sanften Arm umschlungen fühle, da däucht mir, wir seien wieder Kinder und der Himmel lächle mit gleicher Heiterkeit auf uns Beide. Denn ach, wenn ich die bevorstehende strenge Probe – frage mich nicht weiter darüber – bestehen, und wenn es mir vergönnt sein sollte, über einen heiligen und hehren Gegenstand mit Dir zu sprechen, und wenn ich dann Dein Ohr verschlossen und Dein Herz verhärtet fände: welche Hoffnung für meine Zukunft könnte meine Verzweiflung über die Deinige aufwiegen? In Dir, meine Schwester, erblicke ich ein schöneres, edleres Bild meiner selbst. Soll der Spiegel ewig leben, während die Form wie der Thon des Töpfers zerbrochen wird? Ach nein – nein – Du wirst auf mich hören! Erinnerst Du Dich noch, wie wir Hand in Hand die Fluren bei Bajä durchwandelten, um die Blumen des Frühlings zu pflücken; ebenso werden wir auch Hand in Hand in den ewigen Garten eintreten und uns selbst mit unvergänglichen Asphodillen schmücken!«

Erstaunt und verwirrt durch Worte, die sie nicht fassen konnte, aber bis zu Thränen gerührt durch den klagenden Ton ihres Bruders, hörte Ione diesen Ergüssen eines vollen und gedrückten Herzens zu. Apäcides zeigte sich in der That weit sanfter als sonst; seine gewöhnliche Stimmung nämlich war dem Anscheine nach entweder verschlossen oder ungestüm. Denn gerade die edelsten Empfindungen sind eifersüchtiger Natur – sie erfüllen die Seele, bemächtigen sich ihrer, und lassen oft die düsteren Launen stockend und unbeachtet auf der Oberfläche zurück. Weil wir den kleinlichen Gegenständen, die uns umgeben, keine Aufmerksamkeit schenken, werden wir für mürrisch gehalten, und weil wir über jede Unterbrechung irdischer Träume ungeduldig werden, für reizbar und unfreundlich erklärt. Denn wie überhaupt kein Hirngespinst eitler ist als die Hoffnung, ein Menschenherz werde in einem andern Sympathien finden, so faßt auch Niemand unser Treiben richtig auf, und Niemand erträgt uns mit Rücksicht – selbst unsere nächsten und theuersten Freunde nicht ausgenommen! Wenn wir aber gestorben sind und die Reue zu spät kommt, dann wundern sich Freund und Feind, wie wenig man eigentlich uns zu verzeihen gehabt habe.

»So will ich denn von unsern früheren Jahren mit Dir sprechen,« sagte Ione; »soll Dir jenes blinde Mädchen von den Tagen der Kindheit singen? Ihre Stimme ist süß und wohltönend, und sie weiß ein Lied über diesen Gegenstand, das keine jener Andeutungen enthält, die Du nicht gerne hörst.«

»Erinnerst Du Dich der Worte, meine Schwester?« fragte Apäcides.

»Ich glaube wohl, die einfache Melodie hat sie meinem Gedächtnis eingeprägt.«

»So sing' sie mir selbst. In meinem Ohr klingen ungewohnte Stimmen nicht an, und die Deinige, Ione, voll heimischer Erinnerungen, tönt mir süßer als alle die Miethlingsgesänge Lyciens oder Kreta's: sing' mir!«

Ione winkte einer Sklavin, die im Säulengange stund, ließ ihre Laute holen und sang, als diese herbeigebracht war, zu einer zarten und einfachen Melodie folgende Verse:

Nicht daß in unsern Frühlingstagen
Die Wolken immer ferne sind,
Die Rosen keine Dornen tragen
Dem arglos selbstvergeßnen Kind.
Ach nein, auch auf das schönste Blatt,
Das uns der Lenz geboren hat,
Stürmt der erbarmungslose Wind!

So jung wir sind, sucht uns zu quälen
Vergangenheit und Gegenwart;
Doch sieh, der Hoffnungsstrahlen stehlen
Sich stets in das, was unser harrt;
Und ist der Schatten noch so dicht,
So drängt sich doch das Sonnenlicht
Hindurch auf unsre Pilgerfahrt.

Nicht daß in unsern spätern Jahren
Der Gram das Leben ganz durchwebt;
Nur daß sie mehr die Rosen sparen,
Und daß die Thräne länger bebt;
Und daß der Schmerz der wunden Brust,
Ob der Vergangenheit Verlust
Dumpf über jener Freude schwebt.

Verschwunden ist der Irisbogen,
Der durch die Wolken sanft gelacht,
Und wenn die Stürme uns umwogen,
So ist es ringsum dunkle Nacht;
Und mit dem Tande kind'scher Lust
Zerbrechen wir uns unbewußt
Den Stab, der unsre Stütze macht!

So traurig auch der Schlußvers dieses Liedes schien, hatte es doch mit ebenso viel Weisheit als Zartgefühl ausgewählt; denn wenn wir so recht traurig sind, hat gerade die Stimme der Freude den größten Mißton für uns. Der geeignetste Zauber ist der, welcher der Wehmuth selbst abgeborgt wird, denn düstere Gedanken können, wenn man sie nicht zu erhellen vermag, wenigstens gemildert werden; nur so verlieren sie die scharfen und harten Umrisse der Wahrheit, und ihre Farben verschmelzen sich mit dem Ideal. Wie der Arzt als Heilmittel gegen einen inneren Schaden einen äußern Reiz anwendet, der durch eine leichte Wunde das tödtliche Gift hinwegzieht, so besteht auch bei den fressenden Geschwüren der Seele unsere Kunst darin, den Schmerz, der am Innern nagt, in eine mildere Trauer auf der Oberfläche zu verwandeln. So erging es auch dem Apäcides: dem Einfluße der Silberstimme sich hingebend, die ihn an die Vergangenheit erinnerte und nur halb von den Schmerzen der Gegenwart sprach, vergaß er die unmittelbaren und sprudelnden Quellen qualvoller Gedanken. Er verbrachte mehrere Stunden damit, Ione halb singen zu lassen, halb sich mit ihr zu unterreden; und als er aufstund, um sie zu verlassen, geschah es mit einem ruhigen und besänftigten Gemüth.

»Ione,« sagte er, ihre Hand drückend, »solltest Du hören, wie mein Name angeschwärzt und verleumdet wird, würdest Du dann der Schmähung Glauben schenken?«

»Nie, mein Bruder, nie!«

»Hast Du nach Deinem Glauben die Überzeugung, daß der Übelthäter in einem andern Leben bestraft, der Gute aber belohnt werde?«

»Kannst Du daran zweifeln?«

»Glaubst Du also, daß der, welcher wahrhaft gut ist, in seinem Eifer für die Tugend jeden selbstsüchtigen Vortheil opfern sollte?«

»Wer so handelt, ist das Ebenbild der Götter!«

»Und du glaubst, daß das Maaß seiner Seligkeit jenseits des Grabes nach der Reinheit und dem Muthe, womit er also handelt, gemessen werde?«

»So lehrt man uns zu hoffen.«

»Küsse mich, meine Schwester. Noch eine Frage: Du stehst im Begriffe, Dich mit Glaukus zu vermählen; vielleicht trennt uns diese Heirath noch hoffnungsloser – doch nicht hievon spreche ich jetzt – Du stehst im Begriff, Dich mit Glaukus zu vermählen, liebst Du ihn? Nein, meine Schwester, antworte mir mit bestimmten Worten.«

»Ja,« lispelte Ione erröthend.

»Fühlst Du, daß Du um seinetwillen dem Stolz entsagen, der Entehrung trotzen und dem Tode entgegengehen könntest? Ich habe gehört, daß, wenn ein Weib wirklich liebe, ihre Liebe bis zu diesem Übermaß gehe.«

»Mein Bruder, alles dies könnte ich für Glaukus thun und fühlen, daß es kein Opfer wäre. Alles was wir für den Geliebten dulden, ist kein Opfer für das liebende Herz.«

»Genug! soll ein Weib so für einen Mann fühlen und ein Mann weniger aufopfernden Sinn für seinen Gott besitzen!«

Er sprach nicht weiter – sein ganzes Gesicht schien von einem göttlichen Leben bewegt und begeistert – seine Brust hob sich stolz – seine Augen glühten – auf seiner Stirne war die Majestät eines Mannes geschrieben, der es wagen kann, edel zu sein! Er wandte sich, um den ernsten, tiefsinnigen und bangen Blicken Ione's zu begegnen; er küßte sie zärtlich, drückte sie mit Inbrunst an seine Brust und einen Augenblick darauf hatte er das Haus verlassen.

Lange verblieb Ione an derselben Stelle stumm und gedankenvoll. Ihre Mädchen erinnerten sie mehremale, daß der Tag vorgeschritten, und die Stunde von Diomeds Gastmahl nahe sei. Endlich erwachte sie aus ihrer Träumerei und kleidete sich, nicht mit dem Stolz der Schönheit, sondern gleichgültig und wehmüthig zu dem Feste an. Nur ein Gedanke versöhnte sie mit dem versprochenen Besuch: sie sollte Glaukus treffen – ihm konnte sie ihre Unruhe und Bangigkeit um ihren Bruder mittheilen.

Liebe! Eine Segnung ist es, die vor allen andern deine keuschen und heiligen Verbindungen von den sündhaften und unerlaubten, den Eros von dem Anteros unterscheidet; – nur Denen, die wir ohne Verbrechen lieben, theilen wir alle unsere geheimen, häuslichen Sorgen mit. Für die Unreinen ist Liebe nur eine Leidenschaft; es gibt da nur eine Gebieterin und einen Liebhaber; für die Reinen aber schließt dieses Band die Zärtlichkeit, die Heftigkeit und die Treue aller andern Verhältnisse in sich! Nicht in dem Mund der Helena, sondern in den der Andromache legte Homer jene rührenden, in der Empfindung von er frühesten bis zur spätesten Zeit so wahren Worte:

Während Du Hektor mich liebst, erblicket mein liebendes Auge
Vater und Mutter nicht nur, Bruder und Alles in Dir.

Drittes Kapitel.

Eine vornehme Gesellschaft und ein Diner à la mode in Pompeji.

Unterdessen schlenderten Sallust und Glaukus langsam dem Hause Diomeds zu. Trotz seiner Lebensweise besaß Sallust manche achtbare Eigenschaften. Er wäre ein thätiger Freund, ein nützlicher Bürger, mit einem Worte, ein herrlicher Mensch gewesen, wenn er sichs nicht in den Kopf gesetzt hätte, ein Philosoph zu sein. Auferzogen in den Schulen, wo römischer Plagiarismus das Echo griechischer Weisheit anbetete, hatte er die Lehren eingesogen, durch welche die spätern Epikuräer die einfachen Grundsätze ihres großen Meisters entstellten. Er widmete sich gänzlich den Vergnügungen und bildete sich ein, nur in einer munteren Haut stecke die wahre Weisheit. Übrigens besaß er ein beträchtliches Maß von Kenntnissen, Verstand und guter Laune und die ungeschminkte Aufrichtigkeit seiner Laster erschien neben der gänzlichen Verdorbenheit eines Klodius und der feigen Weiblichkeit des Lepidus fast als Tugend. Aus diesem Grunde schätzte ihn Glaukus unter allen seinen Gefährten am meisten, und Sallust seinerseits liebte in Anerkennung der edleren Eigenschaften des Atheners diesen fast ebenso sehr wie eine kalte Muräne oder einen Becher des besten Falerners.

»Ein gemeiner alter Kerl, dieser Diomed,« sagte Sallust, »aber er hat einige gute Eigenschaften – in seinem Keller.«

»Und einige reizende – in seiner Tochter.«

»Gewiß, Glaukus – aber wie mir scheint, wirst Du von letzteren nicht besonders gerührt. Ich glaube, Klodius möchte gerne Dein Nachfolger werden.«

»Er ist willkommen – bei dem Feste der Schönheit wird sicherlich kein Gast als Musca betrachtet.«Unwillkommene oder ungeladene Gäste wurden muscae oder Fliegen genannt.

»Du bist streng – aber sie hat allerdings etwas Korinthisches an sich und so werden sie wohl am Besten zu einander passen! Welch gutmüthige Geschöpfe übrigens sind wir, daß wir mit diesem Taugenichts von Spieler umgehen!«

»Das Vergnügen,« antwortete Glaukus, »vereinigt seltsame Spielarten. Er macht mir Spaß –«

»Und schmeichelt – macht sich aber auch gut bezahlt dafür – er bestreut sein Lob mit Goldstaub.«

»Du gibst mir also zu verstehen, daß er falsch spiele – glaubst Du das in der That?«

»Mein lieber Glaukus – ein römischer Edler hat seine Würde zu behaupten – Würde ist etwas sehr Kostbares – Klodius muß betrügen wie ein Spitzbube, um zu leben wie ein Mann von Stand.«

»Aha – nun, seit kurzem habe ich den Würfeln entsagt. Ach, Sallust, wenn ich einmal mit Ione vermählt bin, hoffe ich eine Jugend voll Thorheiten wieder gut machen zu können. Wir Beide sind für etwas Besseres geboren, als das Treiben, worin wir jetzt übereinstimmen – für edlere Tempel als den Stall des Epikur.«

»Ach,« erwiderte Sallust, in fast wehmütigem Tone, »was wissen wir denn weiter? Das Leben ist kurz – jenseits des Grabes ist alles Nacht und Dunkel. Es gibt keine bessere Weisheit, als die, welche sagt: Genieße!«

»Beim Bacchus! Bisweilen zweifle ich, ob wir das Höchste genießen, das das Leben zu bieten vermag.«

»Ich bin ein mäßiger Mann,« erwiderte Sallust; »wir sind wie Missethäter und betäuben uns, während wir am Rand des Todes stehen, mit Wein und Myrrhen; wenn wir es aber nicht thäten, so würde der Abgrund sehr widerwärtig aussehen. Ich gestehe, daß ich sehr zur Düsterkeit geneigt war, bis ich mich so herzhaft ans Trinken machte – das ist ein neues Leben, mein Glaukus!«

»Ja – aber am nächsten Morgen bringt es uns zu einem neuen Tod.«

»Nun ja, der nächste Morgen ist allerdings unangenehm; oder wäre das nicht der Fall, so würde man nie Lust zum Lesen haben – ich studire bisweilen, weil ich, bei den Göttern! zuweilen bis Mittag zu allem Andern unfähig bin.«

»Pfui, Scythe!«

»Pah! das Schicksal des Pentheus dem, der den Bacchus läugnet!«

»Gut, Sallust, bei all Deinen Fehlern bist Du der beste Libertin, den ich je traf, und wahrhaftig, käme ich je einmal in Lebensgefahr, so wärest Du in ganz Italien der einzige Mensch, der einen Finger zu meiner Rettung ausstreckte.«

»Vielleicht würde ich es nicht thun, wenn ich gerade mitten im Essen wäre. Aber in allem Ernste, wir Italiener sind fürchterlich selbstsüchtig.«

»Wir Alle, die nicht frei sind,« sagte Glaukus mit einem Seufzer; »Freiheit allein befähigt die Menschen, sich für einander aufzuopfern.«

»Dann muß Freiheit etwas sehr Ermüdendes für einen Epikuräer sein,« antwortete Sallust; »doch da sind wir ja am Hause unseres Wirths.«

Da Diomeds Villa bezüglich der Größe eine der bedeutendsten unter den bis jetzt ausgegrabenen und überdies noch den besonderen Bestimmungen, wie sie der römische Architekt für eine vorstädtische Villa aufstellt, gebaut ist, so dürfte es nicht uninteressant sein, die Zimmer, durch welche unsere Gäste kamen, in Kürze zu beschreiben. Sie traten also durch dasselbe kleine Vestibul, in welchem wir früher den alten Medon getroffen haben, und kamen von da sogleich in eine Kolonnade, nach der Kunstsprache Peristyl genannt; denn der Hauptunterschied zwischen der vorstädtischen Villa und einem Hause in der Stadt bestund darin, daß in ersterer die Kolonnade genau in demselben Raume angebracht war, den in einem Hause in der Stadt das Atrium einnahm. In der Mitte des Peristyls war ein offener Hof, der das Impluvium enthielt.

Aus diesem Peristyl führte eine Treppe in die Speise- und Vorrathskammern, während ein anderer schmaler Gang auf der entgegengesetzten Seite mit dem Garten in Verbindung stund; verschiedene kleine Gemächer, wahrscheinlich zu Beherbergung von Gästen vom Lande bestimmt, umgaben die Kolonnade. Eine andere Thüre zur Linken des Eintretenden führte auf einen kleinen dreieckigen Portikus, der zu den Bädern gehörte und hinter welchem die Garderobe lag, in welcher die Festkleider der Sklaven und vielleicht auch des Herrn aufbewahrt wurden. Siebzehn Jahrhunderte später fand man diese Überbleibsel antiken Putzes verkalkt und zerfallend – ach, länger aufbewahrt, als ihre haushälterischer Eigenthümer vorausgesehen.

Kehren wir zum Peristyl zurück und suchen wir dem Leser eine Übersicht der ganzen Zimmerreihe zu geben, wie sie jetzt sofort von den beiden Gästen durchschritten wurden.

Denke er sich also zuerst die Säulen des Portikus mit Blumenkränzen behangen, die Säulen selbst unten roth bemalt und die Wände ringsherum von mannigfaltigen Fresken strahlend; weiterhin sah man hinter einem zu zwei Drittheilen weggezogenen Vorhang das Tablinum oder den Salon, der durch Glasthüren, die in diesem Augenblick in die Wände zurückgeschoben waren, nach Belieben geschlossen werden konnte. Zu beiden Seiten dieses Tablinums befanden sich kleine Zimmer, deren eines eine Art Raritätenkabinet war und diese, so wie das Tablinum selbst stunden mit einer langen Galerie in Verbindung, die zu beiden Seiten auf Terrassen auslief; zwischen den Terrassen aber und mit dem Haupttheil der Galerie in Verbindung stehend, lag eine Halle, in welcher das Banket heute bereitet war. Alle diese Räume, obwohl beinahe in gleicher Höhe mit der Straße, lagen ein Stockwerk über dem Garten, die mit der Galerie in Verbindung stehenden Terrassen aber waren als Korridors fortgeführt, die, auf Pfeilern stehend, den Garten unten rechts und links einfaßten.

Unten, auf gleicher Höhe mit dem Garten, befanden sich die Gemächer, die, wie bereits beschrieben, vorzüglich für Julia bestimmt waren.

In der eben erwähnten Galerie nun empfing Diomed seine Gäste.

Der Kaufmann affektirte im höchsten Grade den Mann von Bildung und eben darum eine Leidenschaft für Alles, was Griechisch war, weshalb er auch den Glaukus besondere Aufmerksamkeit erwies.

»Du wirst sehen, mein Freund,« sagte er, mit der Hand winkend, »daß ich hier etwas klassisch eingerichtet bin – ein kleiner Cekropier, he? Die Halle, in welcher wir speisen werden, ist den Griechen entlehnt, ein cyzicensischer Oekus. Edler Sallust! wie man mir sagt, sieht man diese Art von Gemächern in Rom nicht?«

»Oh,« erwiderte Sallust mit einem halben Lächeln, »ihr Pompejaner verbindet das Gewählteste von Griechenland und Rom; mögest Du, Diomed, bei den Gerichten eine ebenso herrliche Auswahl und Verbindung getroffen haben wie bei der Bauart.«

»Du sollst sehen, Du sollst sehen, mein Sallust,« antwortete der Kaufmann; »wir haben Geschmack in Pompeji und wir haben auch Geld.«

»Zwei herrliche Dinge,« entgegnete Sallust, »aber sieh da, die schöne Julia!«

Ein Hauptunterschied zwischen der Lebensweise der Athener und der der Römer bestund, wie schon bemerkt, darin, daß bei den ersteren die Frauen selten oder nie an den Gastereien Theil nahmen, während sie bei den letzteren die gewöhnliche Zierde des Festes bildeten, das jedoch in diesem Fall gewöhnlich frühe endete.

Herrlich, in ein weißes mit Perlen und Goldfäden durchwirktes Gewand gekleidet, trat die schöne Julia in das Gemach.

Kaum hatte sie die Begrüßung der beiden Gäste empfangen, als auch Pansa und seine Frau, Lepidus, Klodius und der römische Senator beinahe gleichzeitig eintraten; hierauf die Wittwe Fulvia, dann der Dichter Fulvius, der, wenn in keinem andern Punkte, wenigstens dem Namen nach der Wittwe glich; nach ihm schritt der Krieger aus Herkulanum, begleitet von seinem Schatten, herein und nach diesen die unbedeutenderen der Gäste. Ione zögerte noch.

Bei den höflichen Alten war es Mode, zu schmeicheln, wo es nur immer in ihrer Macht lag, und deshalb galt es als ein Zeichen schlechter Erziehung, sich unmittelbar nach dem Eintritt in das Haus seines Wirthes zu setzen. Nach der Begrüßung, die gewöhnlich in demselben herzlichen Schütteln der Hände, das auch wir beibehalten haben und bisweilen in der noch vertrauteren Umarmung bestund, verbrachten die Anwesenden mehre Minuten mit Beschauung des Gemaches und Bewunderung der Bronzen, der Gemälde, oder der Möbeln, womit es geschmückt war. Eine sehr ungeschliffene Mode nach unsern verfeinerten englischen Begriffen, welche Gleichgültigkeit zu einem wesentlichen Bestandtheil guter Erziehung machen; nie würden wir – selbst um die ganze Welt nicht – hohe Bewunderung in eines Andern Haus an den Tag legen, aus Furcht, man könnte glauben, wir hätten nie zuvor etwas so Schönes gesehen!

»Welch schöne Statue des Bacchus!« rief der römische Senator.

»Eine bloße Kleinigkeit,« antwortete Diomed.

»Welch herrliche Gemälde!« sagte Fulvia.

»Bloße Kleinigkeiten,« erwiderte der Besitzer.

»Ausgesuchte Kandelaber,« rief der Krieger.

»Ausgesuchte,« sprach der Schatten nach.

»Kleinigkeiten, Kleinigkeiten!« wiederholte der Kaufmann.

Unterdessen begab sich Glaukus an eines der Fenster der Galerie, das mit den Terrassen in Verbindung stund, die schöne Julia zu seiner Seite.

»Ist es eine athenische Tugend, Glaukus,« fragte die Kaufmannstochter, »diejenigen zu meiden, die man einst gesucht hat?«

»Schöne Julia, nein!«

»Doch ist es, däucht mir, eine der Eigenschaften des Glaukus?«

»Glaukus meidet nie seine Freunde,« antwortete der Grieche, einigen Nachdruck auf das letzte Wort legend.

»Darf sich Julia unter die Zahl seiner Freunde rechnen?«

»Selbst für den Kaiser würde es eine Ehre sein, eine so liebenswürdige Freundin zu finden.«

»Du weichst meiner Frage aus,« entgegnete die verliebte Julia; »aber sage mir, ist es wahr, daß Du die Neapolitanerin Ione bewunderst?«

»Nöthigt Schönheit nicht Bewunderung ab?«

»Ah, schlauer Grieche, immer entfliehst Du der Bedeutung meiner Worte. Doch sprich, wird Julia in der That Deine Freundin sein?«

»Wenn sie mir diese Gunst erweisen will, seien die Götter gepriesen! Der Tag, an welchem mir eine solche Ehre widerfährt, soll mir immer mit einem weißen Strich bezeichnet bleiben.«

»Doch selbst während Du mit mir sprichst, ist Dein Auge unstät – Deine Farbe kommt und verschwindet – Du bewegst Dich unwillkürlich weg – Du bist ungeduldig, zu Ione zu kommen.«

In diesem Augenblick nämlich war Ione eingetreten und Glaukus hatte in der That die von der eifersüchtigen Schönheit angedeutete Bewegung verrathen.

»Kann Bewunderung für eine Dame mich der Freundschaft einer andern unwürdig machen? Bestätige nicht, o Julia, auf diese Weise die Schmähungen der Poeten über Dein Geschlecht.«

»Allerdings, Du hast recht, oder ich will wenigstens lernen so zu denken. Glaukus, noch einen Augenblick – Du wirst Dich mit Ione vermählen, nicht wahr?«

»Wenn es das Schicksal gestattet, so ist meine beseligendste Hoffnung.«

»Empfang denn von mir zum Zeichen unserer neuen Freundschaft ein Geschenk für Deine Braut. Du weißt ja, es ist unter Freunden gebräuchlich, der Braut und dem Bräutigam einige derartige kleine Zeichen der Achtung und der innigen Glückwünsche zu geben.«

»Julia! Ein Freundschaftszeichen aus solchen Händen kann ich nicht ausschlagen. Ich will es als ein Omen der Fortuna selbst annehmen.«

»Komm also nach dem Fest, wenn die Gäste fortgehen, zu mir in mein Zimmer und empfange das Geschenk aus meinen Händen – vergiß es nicht,« sagte Julia, während sie zu der Frau des Pansa trat und den Glaukus seine Ione aufsuchen ließ.

Die Wittwe Fulvia und die Gemahlin des Aedils waren in einer hochwichtigen Verhandlung begriffen.

»O Fulvia, ich versichere Dir, das nach dem letzten Berichte aus Rom die gekräuselte Frisur etwas ganz Veraltetes ist; man trägt das Haar nur thurmförmig aufgebaut wie das der Julia, oder in Form eines Helms – die galerianische Mode – wie Du es bei mir siehst; es nimmt sich, wie mir däucht, recht gut aus. Ich versichere Dich, Vespius« (so hieß nämlich der Held aus Herkulanum) »bewundert es überaus.«

»Und niemand trägt das Haar wie jene Neapolitanerin nach griechischer Art?«

»Was! auf der Stirne gescheitelt, mit einem Knoten hinten; o nein, wie lächerlich ist das! Es erinnert an die Statue der Diana! Übrigens ist diese Ione hübsch, he?«

»So sagen wenigstens die Männer, aber sie ist freilich auch reich; sie heirathet den Athener, ich wünsche ihr alles Glück. Nun befürchte ich, daß er ihr nicht lange treu bleiben wird, denn diese Fremden sind so veränderlich.«

»He, Julia,« rief Fulvia, als des Kaufmanns Tochter zu ihnen trat, »hast Du den Tiger schon gesehen?«

»Nein.«

»Aber alle Damen sind hingegangen, um ihn zu sehen. Er ist so hübsch!«

»Ich hoffe, wir werden einen Verbrecher oder sonst Jemand für ihn und den Löwen finden,« antwortete Julia. »Dein Gemahl« (und hier wandte sie sich zu Pansa's Gattin) »ist in diesem Punkte nicht so thätig, als er es sein sollte.«

»Nun ja, die Gesetze sind auch in der That zu mild,« entgegnete die Dame mit dem Helm; »es gibt so wenig Verbrechen, für welche die Strafe der Arena zuerkannt werden kann, und dann werden die Gladiatoren auch zu weichlich. Die stämmigsten Bestiarii erklären sich willig genug, mit einem Bären oder Ochsen zu kämpfen, aber einem Löwen oder Tiger gegenüber finden sie das Spiel zu ernsthaft.«

»Sie sind einer MitraMützen wurden bisweilen auch von Männern getragen und als ein Zeichen großer Weichlichkeit betrachtet – zu einer Mitra tauglich (ihrer würdig) sein, hieß also, sonst zu sehr wenig anderem brauchbar sein. Es ist erstaunlich, wie viele neuere Ansichten aus dem Alterthum herkommen! würdig,« bemerkte Julia verächtlich.

»Oh, hast Du das neue Haus unseres schätzbaren Dichters Fulvius gesehen?« fragte die Gattin des Pansa.

»Nein, ist es hübsch?«

»Gewiß, herrlicher Geschmack; aber man sagt, meine Theure, er habe so unschickliche Gemälde. Er will sie den Damen nicht zeigen, wie ungezogen!«

»Diese Dichter sind von jeher wunderliche Kauze,« sagte die Wittwe. »Aber er ist ein interessanter Mann; welch hübsche Verse schreibt er! Wir machen sehr große Fortschritte in der Poesie und es ist jetzt rein unmöglich, das alte Zeug noch zu lesen!«

»Ich bin auch entschieden Deiner Meinung,« antwortete die Dame mit dem Helm; »die neuere Schule hat viel mehr Kraft und Energie.«

Der Krieger schlenderte auf die Damen zu.

»Es söhnt mich mit dem Frieden aus,« sagte er, »wenn ich solche Gesichter sehe.«

»O Ihr Helden seid immer Schmeichler,« antwortete Fulvia, beeilt, das Compliment besonders auf sich zu beziehen.

»Bei dieser Kutte, die ich aus des Kaisers eigener Hand empfing,« erwiderte der Krieger, mit einer kurzen Kette spielend, die wie ein Halsband um den Nacken hing, statt wie bei den Söhnen des Friedens bis auf die Brust herabzureichen – »bei dieser Kette, Du thust mir Unrecht; ich spreche, wie mir's um's Herz ist; wie sich's für einen Soldaten gehört.«

»Wie findest Du die Damen in Pompeji im Allgemeinen?« fragte Julia.

»Bei der Venus, sehr schön; sie begünstigen mich allerdings ein wenig und das macht meine Augen für ihre Reize doppelt empfänglich.«

»Wir sehen die Krieger gerne,« sagte Pansa's Gemahlin.

»Ich sehe es; beim Herkules, es ist sogar in diesen Städten unangenehm, zu sehr gefeiert zu werden. In Herkulanum klettern die Leute auf das Dach meines Atriums, um mich, wenn auch nur flüchtig, durch das Compluvium zu sehen. Die Bewunderung unserer Mitbürger ist anfänglich recht angenehm, später aber wird sie lästig.«

»Ganz richtig, O Vespis,« rief der Poet der Gruppe sich anschließend, »ich finde es ebenfalls so.«

»Du,« sagte der stattliche Krieger und maß die kleine Figur des Dichters mit unaussprechlicher Geringschätzung, »in welcher Legion hast Du gedient?«

»Du kannst meine Spolien, meine Exuvien sogar auf dem Forum sehen,« erwiderte der Poet mit einem bedeutungsvollen Blick auf die Damen. »Ich gehörte zu den Zeltkameraden, den Contubernales des großen Mantuaners selbst.«

»Ich kenne keinen General aus Mantua,« entgegnete der Krieger ernsthaft; »welchen Feldzug hast Du mitgemacht?«

»Den auf den Helikon.«

»Von diesem hab' ich nie gehört.«

»Er scherzt ja bloß, Vespius,« fiel Julia lachend ein.

»Scherzt! beim Mars, bin ich ein Mann, mit dem man scherzen darf?«

»Ja; Mars war selbst in die Mutter des Scherzes verliebt,« sprach der Poet etwas erschrocken; »wisse denn, o Vespius, daß ich der Dichter Fulvius bin. Ich bin es, der die Krieger unsterblich macht.«

»Das mögen die Götter verhüten,« flüsterte Sallust Julia zu. »Wenn Vespius unsterblich gemacht würde, welch ein Muster von einem langweiligen Prahlhans wäre da der Nachwelt überliefert.«

Der Krieger schaute verlegen drein, als zur unbegränzten Erleichterung seiner selbst und seiner Gefährten das Zeichen zur Tafel gegeben wurde.

Da wir bereits im Hause des Glaukus den gewöhnlichen Verlauf eins pompejanischen Mahles mit angesehen haben, so bleibt der Leser mit jeder zweiten Schilderung der Gänge und der Art und Weise, in welcher sie aufgetragen wurden, verschont.

Diomed, der ein Freund der Ceremonien war, hatte einen Nomenclator aufgestellt, der jedem Gast seinen Platz anwies.

Voraus schicken müssen wir, daß bei einem festlichen Mahl drei Tische an einander gerückt wurden; einer nämlich stund in der Mitte und einer auf jedem Flügel. Nur die Außenseite dieser Tische nahmen die Gäste ein; der innere Raum blieb zur größeren Bequemlichkeit der Aufwärter oder Ministri frei. Die äußerste Ecke des einen Flügels wurde Julia als der Dame des Hauses angewiesen, der Platz neben ihr dem Diomed. An einer Ecke des mittleren Tisches saßen der Aedil, an der entgegengesetzten aber der römische Senator. Dies waren die Ehrenplätze. Die andern Gäste waren so vertheilt, daß die jungen Leute (Damen oder Herrn) neben einander saßen, und die in den Jahren vorgerückteren auf gleiche Weise gepaart wurden; eine ganz angenehme Einrichtung, welches übrigens diejenigen, die noch immer für jung gehalten zu werden wünschten, oft vor den Kopf gestoßen haben muß.

Ione's Stuhl stund neben dem Ruhebett des Glaukus.Bei größeren Festlichkeiten saßen die Damen auf Stühlen, während die Männer auf Ruhebetten lagen. Nur im Schoße der Familien war dieselbe Bequemlichkeit auch dem zarteren Geschlechte gestattet. Der Grund ist einleuchtend. Die Sitze waren mit Schildkrötenschaalen ausgelegt und mit Polstern bedeckt, die voll Federn und mit den kostbarsten Stickereien Babylons geschmückt waren. An der Stelle der modernen Zierrathen sah man eherne, elfenbeinerne oder silberne Götterbilder; das heilige Salzfaß und die Laren fehlten nicht. Über Tisch und Sitze hing ein reicher Baldachin. An jeder Ecke des Tisches stunden hohe Kandelabern; denn obwohl es noch früh am Tage war, hatte man doch das Gemach verdunkelt. Von Dreifüßen, die an verschiedenen Stellen des Saales aufgestellt waren, erhob sich der Wohlgeruch von Myrrhe und Weihrauch, und auf dem Abacus oder Seitentisch waren große Gefäße und verschiedene Ornamente von Silber aufgestellt, zwar mit derselben Prahlsucht, aber mit ungleich größerem Geschmacke, als wir bei einem modernen Feste entwickelt finden.

Statt des bei uns gebräuchlichen Tischgebets wurden unabänderlich den Göttern Libationen gebracht, und Vesta, als die Königin der Hausgötter, empfing gewöhnlich zuerst diese dankbare Huldigung. Nachdem diese Ceremonie vorbei war, streuten die Sklaven Blumen auf die Ruhebetten und den Boden, und krönten jeden Gast mit Rosenkränzen, die mit Bändern durchflochten, auf Lindenbast geheftet und mit Epheu und Amethyst, den vermeintlichen Schutzmitteln gegen die Wirkungen des Weins, vermischt waren; nur bei den Kränzen der Frauen hatte man dieses Laub weggelassen, denn bei ihnen war es nicht Mode, Wein zu trinken – wenigstens nicht öffentlich. Nunmehr hielt es der vorsitzende Diomed für nothwendig, einen Basileus oder Direktor des Festes zu ernennen – ein wichtiges Amt, das bisweilen durch das Loos, bisweilen aber, wie im gegenwärtigen Falle, durch den Wirth zuerkannt wurde.

Diomed befand sich wegen der Wahl in nicht geringer Verlegenheit. Der invalide Senator war zu ernst und zu schwach für die genügende Erfüllung dieses Postens; der Aedil Pansa wäre zwar geeignet dazu gewesen, aber einen Mann zu wählen, der im amtlichen Range zunächst nach dem Senator kam, war eine Beleidigung gegen den Senator selbst. Während Diomed über die Verdienste der Andern mit sich selbst zu Rathe ging, gewahrte er den heitern Blick des Sallust und durch eine gewisse plötzliche Eingebung ernannte er den lebensfrohen Epikuräer zum Rang eines Direktors oder arbiter bibendi.

Sallust nahm seine Berufung mit geziemender Bescheidenheit an.

»Ich werde,« sagte er, »ein gnädiger König für diejenigen sein, welche tiefe Züge thun; gegen die Widerspenstigen aber mich so unerbittlich zeigen, wie Minos selbst – hütet Euch!«

Nun reichten die Sklaven Becken mit wohlriechendem Wasser herum; durch Abwaschung der Hände wurde das Fest eingeleitet und alsbald seufzte der Tisch unter dem ersten Gang.

Die anfänglich flüchtige und fessellose Unterhaltung gestattete Ionen und Glaukus, jenes süße Geflüster zu wechseln, welches mehr werth ist als alle Beredsamkeit in der Welt. Julia betrachtete sie mit blitzenden Augen.

»Wie bald werde ich an ihrer Stelle sein!« dachte sie.

Klodius aber, der am mittleren Tische seinen Platz hatte, und somit das Gesicht Julia's genau beobachten konnte, errieth ihre Mißstimmung und beschloß, sich dieselbe zu Nutze zu machen. Er redete sie über die Tafel hinüber in den längst bekannten Phrasen der Galanterie an, und da er von hoher Geburt und glänzendem Aeußern war, zeigte sich die eitle Julia bei all ihrer Liebe durchaus nicht unempfindlich gegen seine Aufmerksamkeiten.

Unterdessen wurden die Sklaven durch den wachsamen Sallust fortwährend in Thätigkeit erhalten. Er stürzte Becher auf Becher mit einer Geschwindigkeit hinunter, als wäre er Willens, die geräumigen Keller zu erschöpfen, die der Leser noch heutzutage unter dem Hause Diomeds sehen kann. Der würdige Kaufherr begann seine Wahl zu bereuen, als Amphora um Amphora angestochen und geleert wurde. Die Sklaven, insgesammt unter dem Mannesalter – (die jüngsten, welche den Wein füllten, waren etwa zehn Jahre alt, die ältesten aber, die in mit Wasser vermischten, zählten vielleicht fünf Jahre weiter) schienen Sallusts Eifer zu theilen und Diomeds Gesicht fing an zu glühen, als er die zuvorkommende Willfährigkeit bemerkte, mit der sie die Bemühungen des Festkönigs unterstützten.

»Verzeihe mir, o Senator,« sprach Sallust, »ich sehe, Du suchst Ausflüchte; aber Deine purpurne Borte kann Dich nicht retten – trink!«

»Bei den Göttern,« versetzte der Senator hustend, »meine Lungen stehen bereits in Flammen; Du gehst mit einer bewundernswerthen Schnelligkeit zu Werke, die selbst den Phaeton in den dunkelsten Schatten stellt. Ich bin schwach, o liebenswürdiger Sallust – Du mußt mich entschuldigen.«

»Ich nicht! – bei der Vesta! Ich bin ein unparteiischer Monarch – trink!«

Der arme Senator sah sich durch die Tischgesetze genöthigt, den Befehl zu vollziehen. Ach, jeder Becher brachte ihn dem stygischen Pfuhle näher!

»Sachte, sachte, mein König,« stöhnte Diomed, »wir fangen schon an zu –«

»Verrath!« unterbrach ihn Sallust – »keinen strengen Brutus hier – keine Einmischung in die königliche Gewalt.«

»Aber unsere weiblichen Gäste?«

»Lieben einen Zecher! – War nicht auch Ariadne in den Bacchus verliebt?«

Das Fest nahm seinen Fortgang – die Gäste wurden redseliger und lauter; das Dessert oder der letzte Gang stund bereits auf der Tafel und die Sklaven trugen Wasser mit Myrrhe und Ysop für die letzte Abwaschung umher. Zu gleicher Zeit schien ein rundes Tischchen, das den Gästen gegenüber aufgestellt war, sich plötzlich und wie durch Zauberei in der Mitte zu öffnen, und warf einen duftenden Staubregen, der die Tafel und die Gäste besprengte. Als dieser nachließ, wurde der Vorhang über ihnen weggezogen, und die Gäste erblickten ein Seil quer unter der Zimmerdecke ausgespannt, und einer jener schnellfüßigen Tänzer, wegen deren Pompeji so berühmt war und deren Nachkommen den Festlichkeiten bei Astley oder Vauxhall einen so bezaubernden Reiz beifügen, führte nun seinen lustigen Regen gerade über den Köpfen der Gäste aus.

Eine solche Erscheinung, die nur durch ein Seil von den Schädeln der Anwesenden getrennt, die heftigsten Sprünge macht, anscheinend in der Absicht, auf jene Cerebralregion herabzusteigen, würde wahrscheinlich von einer Gesellschaft in May-Fair mit einigem Schrecken betrachtet werden; unsere pompejanischen Bonvivants aber schienen das Schauspiel mit freudigere Neugier zu betrachten und klatschten in dem Verhältnis, in welchem der Tänzer mit der höchsten Schwierigkeit dem Sturz auf den Kopf des jeweiligen Gastes, über dem er tanzte, zu entgehen schien. Er erwies in der That dem Senator die besondere Aufmerksamkeit, vom Seil zu fallen und es wieder mit seiner Hand gerade in dem Augenblick zu erfassen, als die ganze Gesellschaft den Schädel des Römers so zerbrochen glaubte, als es je der des bekannten Dichters war, den der Adler für eine Schildkröte hielt.

Endlich hörte der Tänzer, wenigstens zur großen Beruhigung Ione's, die an solche Unterhaltung nicht sehr gewöhnt war, plötzlich auf, als sich Musik von außen hören ließ. Bald aber tanzte er von Neuem nur noch wilder; die Melodie wechselte, der Tänzer hielt abermals inne; doch selbst jetzt vermochte sie den Zauber noch nicht zu lösen, von dem er besessen schien. Er stellte einen Menschen vor, der durch eine eigenthümliche Krankheit zu tanzen genöthigt ist, und den nur eine bestimmte Musikweise heilen kann.Ein in Kampanien noch üblicher Tanz. Endlich schienen die Musiker den rechten Ton zu treffen; der Tänzer machte einen Sprung, ließ sich vom Seil herab, hüpfte auf den Fußboden und verschwand.

Jetzt trat eine Kunst an die Stelle der andern, und die Musiker, die außen auf der Terrasse aufgestellt waren, spielten eine sanfte und weiche Melodie, zu welcher die folgenden Worte gesungen wurden, die jedoch in Folge des ausnehmenden Piano's des Gesanges und der dazwischen befindlichen Wand kaum hörbar waren:

Durch diese Blumen sendet in die Kreise
Des Psilas ihre Grüße die Musik;
Pans Hirtenflöte blies die zarte Weise,
Hing Bacchus Aug an Ariadne's Blick.
Und wie er ausgießt jetzt die Thräne
Des süßen Rebenthaus,
So ströme, Harfe, deine Töne,
Für sie – für Aphrodite'n aus!

Den Krieger reißt zu Ares wilden Tänzen
Der weithin schmetternde Trompetenklang;
Die Liebe lispelt unter Rosenkränzen
Und liebt der Töne lispelnden Gesang.
Drum stehle sich Musik, o stehle,
Wie süß Geflüster dich ans Ohr,
Und wer dich hört, in dessen Seele
Ruf' der Geliebten Stimme vor!

Ich weiß nicht, wie es kam, aber am Ende dieses Liedes erröthete Ione's Wange tiefer als zu vor, und Glaukus hatte unter dem Schutzdache des Tisches ihre Hand zu erfassen gewagt.

»Ein hübscher Gesang,« sagte Fulvius mit Gönnermiene.

»Ach, wenn Du uns den Gefallen thun wolltest,« flüsterte die Gemahlin des Pansa.

»Wünschest Du, daß Fulvius singe?« fragte der König des Festes, der gerade die Gesellschaft aufgefordert hatte, das Wohl des römischen Senators, und zwar einen Becher auf jeden Buchstaben seines Namens zu trinken.

»Kannst Du noch fragen?« antwortete die Matrone mit einem verständlichen Blick auf den Dichter.

Sallust schlug ein Schnippchen mit dem Finger und flüsterte dem Sklaven, der zu Einholung seiner Befehle herbeisprang, einige Worte zu, worauf dieser verschwand und einige Augenblicke nachher mit einer kleinen Harfe in der einen und einem Myrtenzweige in der andern Hand wieder zurückkehrte.

Er näherte sich dem Dichter und überreichte ihm mit einer tiefen Verbeugung die Harfe.

»Ach, ich kann nicht spielen,« rief der Poet.

»Dann mußt Du zur Myrte singen. Es ist ein griechischer Brauch – Diomed liebt die Griechen – – Du liebst die Griechen – wir Alle lieben die Griechen, und unter uns gesprochen, ist das nicht das Einzige, was wir von ihnen gestohlen haben. Abgesehen hievon übrigens führe ich diesen Gebrauch ein – ich, der König – sing, Unterthan – sing.«

Mit verschämtem Lächeln nahm der Dichter die Myrte in seine Hand und sang nach einem kurzen Vorspiel folgendes Lied mit gefälliger und wohltönender Stimme:

Die Krönung der Liebesgötter.Hervorgerufen durch zwei pompejanische Gemälde im Museum zu Neapel, welche eine Taube und einen Helm darstellen, die von Liebesgöttern auf einen Thron gesetzt worden.

Die Liebesgötter trieben sich
Mit Spielen einst herum;
Doch Liebesgötter lieben sich
Nicht gar zu lange stumm.
Sie sangen und sprangen hinauf und hinab,
Da setzte es allerlei Streitigkeit ab.
Pfui, pfui, wie kann man auch toben so sehr?
Mein Liebchen, so gehe doch in dich,
Mir dünkt, es ist kaum eine Stunde erst her,
So waren wir selber so windig.

Die Liebesgötter waren wohl
Bis dahin immer frei;
Doch selbst die Götter fahren wohl
Drum kamen die Spielenden bald überein,
Es sollt einer König und Richter sein.
Ein Kuß – ach ein leidiger Potentat,
Mein Liebchen, was wäre ein Kuß uns,
Wenn ich wich' so weit von der Freiheit Pfad,
Und wählte die härteste Nuß uns!

Beim Plunderkram entdeckten sie
Von Mars ein alt Kasket,
Und auf dasselbe stecken sie
Ein mächtig Federnbouquet.
So hatte ein König noch nie eine Kron,
Schnell war der Behelmte gesetzt auf den Thron.
Der Tapfere, heißt es, gewinnt eine Welt,
Man wählte den tapfersten Helden,
Dein liebender Blick an die Spitze gestellt,
Gewänne sich sämmtliche Welten.

Die Liebesgötter, fand der Helm,
Zu meistern war kein Spiel;
Oft ist für den Verstand der Schelm,
Der einzige zu viel.
Sie quälten und quälten ihn bis er zuletzt
Sich eine Gehülfin zur Seite gesetzt.
Wenn Könige selber der Erde Beschwer,
Zu hart für den Einzelnen finden,
So ist sie zu hälften mein ernstlich Begehr,
Drum Liebchen, o lasse dich binden!

Die Taube sah schon lang im Haus
Dem tollen Spaße zu;
Dem König ward zu bang im Graus,
Es ließ ihm keine Ruh;
Er nahm die Taube zu sich auf den Thron
Und Alles empfing sie mit jubelndem Ton.
Süß Liebchen, o wären doch Throne nur mein,
Zu setzen auf sie meine Liebe!
Doch, mein' ich, wird Thrones genug für mich sein,
Dein Herz so voll Treue und Liebe.

Die Königin, so dachte man,
Sei milder noch als mild,
Doch als es galt, so machte man
Von ihr ein ander Bild.
Sie hatte das Herrschen von oben gelernt,
Nie war die Ruthe vom Scepter entfernt.
Mit dir ach hab' ich das gleiche Geschick,
Geliebte, die ich mir erlesen.
Wo fände sich je ein sanfterer Blick,
Und wo ein herrischer Wesen?

Dieser Gesang, der dem heitern und lebenslustigen Sinne der Pompejaner höchlich zusagte, wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen, und die Wittwe bestand darauf, ihren Namensvetter mit denselben Myrtenzweige zu krönen, zu dem er gesungen hatte. Der Zweig wurde leicht in einen Kranz umgebogen und der unsterbliche Fulvius unter Händeklatchen mit dem Ruf io triumphe! gekrönt. Gesang und Harfe machten jetzt die Runde in der Gesellschaft; ein neuer Myrtenzweig ging von Hand zu Hand und hielt bei jeder Person, die sich bestimmen ließ, zu singen.Nach Plutarch (Symo. lib. I) scheint es, daß der Myrten- oder Lorbeerzweig nicht der Ordnung nach herumgereicht wurde, sondern von der ersten Person auf dem ersten Ruhebett zu der ersten Person auf dem zweiten, und dann von der zweiten Person auf dem ersten Ruhebett auf die zweite Person auf dem zweiten überging u.s.w.

Die Sonne begann jetzt zu sinken, obgleich die Schmausenden, die bereits mehre Stunden beisammen saßen, in dem verdunkelten Gemache es nicht bemerkten; der Senator aber, der müde war, und der Krieger, der nach Herkulanum zurückkehren wollte, erhoben sich und gaben damit das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch.

»Verziehet noch einen Augenblick, meine Freunde,« rief Diomed; »wenn Ihr so bald gehen wollt, so müßt Ihr wenigstens an unserem Schlußspiel Theil nehmen.«

Mit diesen Worten winkte er einem der Ministri und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf der Sklave hinausging, alsbald aber mit einem kleinen Gefäß wieder erschien, das verschiedene, sorgfältig versiegelte und dem Anscheine nach ganz gleiche Täfelchen enthielt. Jeder Gast mußte eines derselben zu dem Preis der niedrigsten Silbermünze kaufen, und der Spaß dieser Lotterie (welche eine Lieblingsunterhaltung des Augustus war, der sie einführte) bestund in der Ungleichheit und bisweilen Ungereimtheit der Gewinnste, deren Beschaffenheit und Werth auf den Täfelchen bezeichnet waren. So z.B. zog der Dichter mit verzerrtem Gesicht eines seiner eigenen Gedichte (nie noch schluckte ein Arzt seine eigene Arznei unwilliger hinunter); der Krieger gewann eine Nadelbüchse, was einige witzige Anspielungen auf Herkules und den Spinnrocken hervorrief; die Wittwe Fulvia erhielt einen großen Trinkbecher; Julia eine Herrenschnalle und Lepidus eine Damenschminkdose. Das passendste Loos zog der Spieler Klodius, der roth vor Ärger wurde, als man ihm ein Paar falsche Würfel überreichte; die Heiterkeit aber, welche diese verschiedenen Ziehungen veranlaßt hatten, wurde gewissermaßen gedämpft durch einen Unfall, den man als eine bloße Vorbedeutung ansah. Glaukus zog den werthvollsten aller Gewinnste, eine kleine marmorne Statue der Fortuna von griechischer Arbeit; als sie ihm aber der Sklave einhändigen wollte, ließ er sie fallen und sie zerbrach in Stücke.

Ein Schauder durchzog alle Anwesenden und Jeder rief unwillkürlich aus: »Dii avertite omen!«

Glaukus allein stellte sich, obwohl vielleicht ebenso abergläubisch als die Übrigen, ruhig und gleichgültig.

»Süße Neapolitanerin,« flüsterte er zärtlich Ionen zu, die ebenso blaß geworden war wie der zerbrochene Marmor, »ich nehme das Omen an. Es bedeutet, daß Fortuna, da sie Dich mir schenkt, mir nichts weiter zu geben vermag – sie zerbricht ihr Bild, da sie mich mit dem Deinigen beglückt.«

Zu Beseitigung des Eindrucks, den dieser Zwischenfall in einer Versammlung veranlaßte, die in Anbetracht der Bildung der Gäste für erstaunlich abergläubisch gelten müßte, sähen wir nicht noch heutzutage bei einer Landpartie eine Dame wehmütig werden, weil sie als die letzte von dreizehn Personen das Zimmer verläßt – zu Beseitigung dieses Eindruckes also bekränzte Sallust jetzt seinen Becher mit Blumen und brachte das Wohl des Wirthes aus. Hierauf folgte ein Trinkspruch auf das Wohl des Kaisers und dann wurde das Fest, nachdem man dem Merkur einen Abschiedsbecher gebracht, – durch eine letzte Libation geschlossen und die Gesellschaft brach auf.

In Pompeji selbst bediente man sich selten der Wagen, theils wegen der überaus engen Straßen, theils wegen der Kleinheit der Stadt. Die meisten der Gäste zogen also ihre Sandalen wieder an, die sie im Banketzimmer abgelegt hatten, hüllten sich in ihre Mäntel, und verließen, gefolgt von ihren Sklaven, das Haus zu Fuß.

Unterdessen wurde Glaukus, der sich von Ione verabschiedet und sich noch in der in die Gemächer Julia's hinabführenden Treppe gewandt hatte, von einer Sklavin in ein Zimmer geführt, wo ihn des Kaufherrn Tochter bereits sitzend erwartete.

»Glaukus!« sage sie, die Augen niederschlagend, »ich sehe, daß Du Ione wirklich liebst – sie ist auch in der That schön!«

»Julia ist reizend genug, um großmüthig zu sein,« antwortete der Grieche. »Ja, ich liebe Ione; mögest Du unter all den jungen Männern, die Dir den Hof machen, einen ebenso aufrichtigen Anbeter haben.«

»Bitte die Götter, daß sie mir dies gewähren! Sieh Glaukus, diese Perlen sind die Gabe, die ich Deiner Anmuth bestimme; möge ihr Juno Gesundheit verleihen, um sie lange zu tragen!«

Mit diesen Worten legte sie ein Etui in Glaukus Hände, das eine Reihe Perlen von beträchtlicher Größe und Kostbarkeit enthielt. Es war so sehr gebräuchlich, daß Brautleute derartige Geschenke erhielten, daß sich Glaukus nicht wohl bedenken konnte, die Halsschnur anzunehmen, obgleich der galante und stolze Athener im Stillen beschloß, die Gabe durch eine dreimal werthvollere zu ersetzen. Hierauf goß Julia, seine Danksagungen unterbrechend, etwas Wein in einen kleinen Becher.

»Du hast manche Toaste mit meinem Vater getrunken,« sagte sie lächelnd, »trinke jetzt auch einen mit mir. Glück und Gesundheit Deiner Braut.«

Sie berührte den Becher mit ihren Lippen und reichte ihn sodann dem Glaukus. Der hergebrachten Sitte, welche forderte, daß Glaukus den ganzen Inhalt des Bechers leerte, kam dieser sofort nach. Unbekannt mit dem Betrug, den ihr Nydia gespielt hatte, bewachte Julia den Griechen mit funkelnden Augen; obgleich nämlich die Hexe ihr vorausgesagt hatte, daß die Wirkung vielleicht nicht sogleich erfolge, hoffte sie doch auf eine augenblickliche Einwirkung zu Gunsten ihrer Reize. Sie sah sich deshalb schmerzlich getäuscht, als Glaukus den Becher kaltblütig wieder hinstellte und mit ihr in demselben gleichgültigen, aber höflichen Tone wie zuvor plauderte, und obgleich sie ihn so lange zurückhielt, als es der Anstand irgend zuließ, trat doch keine Veränderung in seinem Benehmen ein.

»Aber morgen,« dachte sie, sich freudig aus ihrer Mißstimmung aufrichtend, »morgen, wehe Dir, Glaukus!«

Ja leider, wehe ihm!

Viertes Kapitel.

Die Geschichte verweilt einen Augenblick bei einer Episode.

Unstät und unruhig hatte sich Apäcides den Rest des Tages hindurch auf den einsamsten Spaziergängen in der Nähe der Stadt umhergetrieben. Die Sonne ging langsam unter, als er an einer unbesuchten Stelle des Sarnus, wo sich dieser noch nicht durch die Bauten und Anlagen der Üppigkeit und der Macht hindurchwand, stille hielt. Nur durch einige Öffnungen im Wald und in den Weinbergen gewahrte man hier und da einen Theil der weißen und glänzenden Stadt; aber in dieser Entfernung wurde kein Lärm, kein Ton, kein geschäftiges Summen der Menschen gehört. An den grünen Ufern kroch die Eidechse, hüpfte die Heuschrecke, und da und dort brach ein einsamer Vogel in einen plötzlichen Gesang aus, der ebenso schnell wieder verstummte. Tiefe Ruhe herrschte rings umher, aber nicht die Ruhe der Nacht; die Luft athmete noch die Frische und das Leben des Tages; das Gras regte sich noch von der Berührung der Insektenschaar und auf dem jenseitigen Ufer durchstreifte die anmuthige, weiße Ziege nagend das Grün und hielt am Wasser, um zu trinken.

Während Apäcides nachdenkend auf die Wogen hinschaute, hörte er neben sich das leise Bellen eines Hundes.

»Still, armer Freund,« sagte eine Stimme in der Nähe, »des Fremdlings Tritt fügt deinem Herrn keinen Schaden zu.«

Der Neubekehrte erkannte die Stimme; er wandte sich um und erblickte den alten geheimnisvollen Mann, den er in der Versammlung der Nazarener getroffen hatte.

Der Greis saß auf einem mit altem Moos bedeckten Steine; neben ihm lagen Stab und Reisetasche, zu seinen Füßen aber ein kleiner zottiger Hund, sein Begleiter auf so vielen gefährlichen und wunderbaren Pilgerfahrten!

Das Gesicht des alten Mannes war wie Balsam für den aufgeregten Geist des Neophyten; er näherte sich ihm, bat ihn um seinen Segen und setzte sich zu seiner Seite nieder.

»Du hast Dich wie zu einer Reise eingerichtet, Vater,« sagte Apäcides, »willst Du uns schon verlassen?«

»Mein Sohn,« erwiderte der Greis, »der Tage, die ich noch auf Erden zu leben habe, sind nur wenige; ich wende sie, wie es meine Pflicht ist, an, um von Ort zu Ort zu wandern, Diejenigen zu trösten, die Gott versammelt hat in seinem Namen und die Herrlichkeit seines Sohnes zu verkünden, wie sie sich an seinem Diener bewährt hat.«

»Wie man mir sagt, hast Du das Antlitz Christi geschaut?«

»Und dieses Antlitz erweckte mich von den Todten. Wisse denn, junger Bekenner des wahren Glaubens, daß ich der bin, von welchem Du in der Schrift des Apostels liest: Im fernen Judäa, in der Stadt Nain, lebte eine Wittwe, demüthigen Geistes und traurigen Herzens; denn von all den Wesen, die sie an das Leben fesselten, war ihr nur ein einziger Sohn geblieben; und sie liebte ihn mit wehmütiger Liebe, denn er war das Ebenbild des Verlorenen. Und der Sohn starb. Das Rohr, worauf sie sich stützte, war gebrochen, vertrocknet das Öl im Krüglein der Wittwe. Sie trugen den Todten auf einer Bahre hinaus, und nahe beim Stadtthor, wo sich viel Volk versammelt hatte, kam ein Stillschweigen über die Töne der Trauer, denn der Sohn Gottes ging vorüber. Die Mutter, welche der Bahre folgte, weinte nicht laut, aber alle, welche sie betrachteten, sahen, daß ihr Herz zerschlagen war. Und den Herrn jammerte ihrer, er rührte den Sarg an und sprach: Jüngling, ich sage Dir, stehe auf. Und der Todte richtete sich auf und schaute in das Antlitz des Herrn. Oh, jene ruhige und heilige Stirne – jenes unbeschreibliche Lächeln – jenes von Kummer abgehärmte und wehmuthsvolle, von dem Wohlwollen eines Gottes aufgehellte Gesicht, es vertrieb die Schatten des Grabes. Ich richtete mich auf – ich sprach – ich lebte und lag in meiner Mutter Armen – ja, ich bin der zum Leben erweckte Todte! Das Volk schrie – die Leichenflöten erklangen in Thönen der Freude – es war nur ein Ruf – Gott hat sein Volk heimgesucht! – Ich hörte nichts – ich fühlte – ich sah nichts – als das Antlitz des Erlösers!«

Der Greis hielt einen Augenblick tief bewegt inne und der Jüngling fühlte, wie ein Schauer durch alle seine Glieder zog und sein Haar sich sträubte. Er stund einem Manne gegenüber, der das Geheimnis des Todes geschaut hatte.

»Bis zu jener Zeit,« nahm der Sohn der Wittwe von Neuem das Wort, »war ich gewesen wie andere Leute, gedankenlos, doch nicht verworfen – mich um nichts bekümmernd als um Liebe und Leben; ja, ich hatte mich zu den düstern Glauben der sinnlichen Saduzäer hingeneigt! Aber auferstanden von den Todten, aus fürchterlichen und öden Träumen, die diese Lippen nie enthüllen dürfen – wieder auf die Erde berufen, um die Macht des Himmels zu bestätigen – noch einmal sterblich geworden, um für die Unsterblichkeit Zeugnis abzulegen, brachte ich einen neuen Menschen aus dem Grabe mit. O unglückliches, o verlorenes Jerusalem – Ihn, von dem mein Leben kam, sah ich zu schrecklichem und qualvollem Tode verurtheilt – denn im dichten Gedräng sah ich das Licht über dem Kreuze schweben und leuchten – ich hörte Hohngeschrei des Volks – ich schrie laut – ich wüthete – ich drohte – Niemand kümmerte sich um mich – ich war verloren im Strudel und Gebrüll von Tausenden! aber selbst damals, in meiner und seiner Todesqual, schien es mir, als ob mich das glänzende Auge des Menschensohnes suche – seine Lippe lächelte, als ob sie den Tod besiegte – das beschwichtigte mich und ich wurde ruhig. Was war das Grab für ihn, der für einen Andern dem Grabe Trotz geboten? Die Sonne warf ihre schiefen Strahlen auf die blassen und so gewaltig zum Herzen sprechenden Züge und erlosch sodann. Finsternis fiel über die Erde, aber wie lange sie dauerte, weiß ich nicht – ein lauter Schrei erfüllte das Dunkel – ein scharfer und bitterer Schrei und Alles war still.

»Aber wer kann die Schrecknisse jener Nacht beschreiben? Ich wandelte durch die Stadt – die Erde schwankte und die Häuser zitterten in ihren Grundfesten. – Die Lebenden hatten die Straßen verlassen, aber nicht die Todten; durch das Dunkel sah ich sie gleiten – die düstern und gespensterhaften Gestalten in den Gewändern des Grabes mit Schrecken und Wehe und Warnungen auf ihren unbeweglichen Lippen und lichtlosen Augen! Sie schwebten an mir vorbei – sie starrten mich an – ich war ihr Bruder gewesen – und sie neigten ihre Häupter zum Zeichen der Erkennung: – sie waren auferstanden, um den Lebenden zusagen, daß die Todten auferstehen können!«

Abermals hielt der alte Mann inne und fuhr sodann nach kurzer Pause in ruhigem Tone fort: »Von jener Nacht an entsagte ich jedem irdischen Gedanken, der nicht Ihm diente! Ein Prediger und ein Pilger habe ich die entferntesten Winkel der Erde durchreist, seine Göttlichkeit verkündend und neue Bekehrte seiner Heerde zuführend. Ich komme und gehe wie der Wind, und wie er, säe ich den Samen, welcher die Welt reich macht.

»Auf Erden werden wir uns nicht wiedersehen, mein Sohn! Vergiß diese Stunde nicht – was sind alle Genüsse und alle Herrlichkeiten dieses Lebens? Wie die Lampe schimmert, glänzt auch das Leben für eine Stunde; aber der Seele Licht ist der Stern, der ewig flammt in dem Herzen des unermeßlichen Raumes.«

Nunmehr ging ihr Gespräch auf die allgemeine, erhabene Lehre der Unsterblichkeit über; sie besänftigte und erhob das Gemüth des Neubekehrten, der noch vielfach an dem Dunst und Schatten jener Glaubenshöhle hing, die er erst neulich verlassen hatte – es war die Himmelsluft, die den endlich Freigelassenen anwehte. Zwischen dem Christenthum dieses alten Mannes und dem des Olinth herrschte ein gewaltiger und auffallender Unterschied; das des Ersteren war sanfter, milder, göttlicher. Der starke Heroismus des Olinth hatte etwas Trotziges, Unduldsames an sich; er war nothwendig zu der Rolle, die dieser zu spielen berufen war – er hatte mehr von dem Muthe des Märtyrers an sich, als von der Liebe des Heiligen. Statt zu überwältigen und zu sänftigen, regte und reizte er eher auf – stärkte er. Aber das ganze Herz des göttlichen Greises war in Liebe gebadet; das Lächeln der Gottheit hatte den Sauerteig irdischer und roher Leidenschaften hinweggenommen und ihm bei der Energie des Helden die ganze Sanftmuth des Kindes verliehen.

»Und jetzt,« sagte er sich endlich bedenkend, als der letzte Strahl der Sonne im Westen erstarb, »jetzt in der Kühle des Zwielichts setze ich meinen Weg nach dem kaiserlichen Rom fort; dort leben noch manche heilige Männer, die gleich mir das Angesicht Christi geschaut haben, und sie möchte ich gerne vor meinem Tode noch sehen.«

»Aber die Nacht ist kalt für Dein Alter, mein Vater, und der Weg ist lang und die Räuber belagern ihn; ruhe hier bis morgen.«

»Lieber Sohn, was ist in dieser Tasche, das den Räuber locken könnte? – Und die Nacht und die Einsamkeit – diese bilden die Leiter, auf welcher sich die Engel versammeln und unter der mein Geist von Gott träumen kann. Oh, Niemand kann wissen, was der Pilger fühlt, wenn er auf seinem einsamen Pfade dahinzieht; keine Furcht nährend und keine Gefahr erwartend – denn Gott ist mit ihm! Er hört die Winde frohe Botschaften flüstern; – die Wälder schlafen im Schatten der Fittige des Allmächtigen – die Sterne sind die Schrift des Himmels – die Zeichen der Liebe und die Bürgen der Unsterblichkeit – die Nacht ist des Pilgers Tag.«

Mit diesen Worten drückte der alte Mann Apäcides an seine Brust, nahm Stab und Tasche und setzte, während der Hund ihm munter vorausging, mit langsamen Schritten und niedergeschlagenen Augen seinen Weg fort.

Der Neubekehrte schaute der gebeugten Gestalt nach, bis sie gänzlich hinter den Bäumen verschwand, und als die Sterne hervorbrachen, erwachte auch Apäcides aus seinen Träumereien und erinnerte sich seiner Verabredung mit Olinth.

Fünftes Kapitel.

Der Trank und seine Wirkung.

Als Glaukus in seiner Wohnung ankam, fand er Nydia unter dem Säulengang seines Garten sitzen. In der That hatte sie sich auf die bloße Möglichkeit hin, daß er vielleicht frühe zurückkehren würde, in sein Haus begeben; unruhig, furchtsam und voreilig beschloß sie, die erste Gelegenheit zu Anwendung des Liebestranks zu benützen, während sie in demselben Augenblick halb hoffte, diese Gelegenheit werde sich verzögern. Seltsame Mischung von Kühnheit und Schüchternheit, die Jeder von uns in seiner Jugend erfuhr: wie oft haben wir Alle auf unsern Morgenspaziergängen oder im Gedränge des Abends die Gebieterin unseres jugendlichen Herzens zugleich gesucht und gemieden – wie oft sind wir Meilen weit gegangen, in der Hoffnung, ihr ein einziges süßes Wort zuzuflüstern, und sind heimgekehrt, ohne dieses Wort gesprochen zu haben! Der Himmel sei gepriesen, daß wir nach einiger Erfahrung, wenn wir weniger Jugend und weniger Liebe zu vergeuden haben, sparsamer mit unserer Zeit umgehen!

In solch ängstlich glühender Stimmung, mit klopfendem Herzen und gerötheten Wangen harrte Nydia auf die Möglichkeit, daß Glaukus vor der Nacht zurückkehre. Er schritt über den Portikus, gerade als die ersten Sterne sich zu zeigen anfingen und der Himmel oben sich in die Farbe des tiefsten Purpurs gekleidet hatte.

»Ach, mein Kind, wartest Du auf mich?«

»Nein! ich habe die Blumen gepflegt und verweilte nur noch ein wenig, um auszuruhen.«

»Es ist heute warm gewesen,« sagte Glaukus, sich ebenfalls auf einem der Sitze unter dem Säulengang niederlassend.

»Sehr warm.«

»Willst Du wohl Davus rufen? der Wein, den ich getrunken habe, erhitzt mich und ich sehne mich nach etwas Kühlendem.«

Hier zeigte sich also plötzlich und unerwartet die ersehnte Gelegenheit, ja, Glaukus selbst bot sie Nydia aus eigener, freier Wahl. Sie athmete schnell: – »Ich will Dir,« sagte sie, »den Sommertrank aus Honig und in Schnee gekühlten, leichten Wein, wie ihn Ione liebt, bereiten.«

»Dank,« erwiderte der arglose Glaukus; »wenn ihn Ione liebt, so ist es genug; ich werde ihn mit Freuden trinken, selbst wenn es Gift wäre.«

Nydia runzelte die Stirn, lächelte, entfernte sich für einige Augenblicke und kehrte mit gefülltem Becher zurück. Glaukus nahm ihn aus ihrer Hand. Was hätte Nydia nicht für den Besitz der Sehkraft und nur auf eine Stunde gegeben, um zu beobachten, wie ihre Hoffnungen allmählig reiften – wie die erste Morgenröthe der erwarteten Liebe anbrach; – um mit heiserer Inbrunst als der Perser den Aufgang jener Sonne anzubeten, die, wir ihre leichtgläubige Seele hoffte, auf ihre düstere Nacht hereinbrechen sollte. Ganz anders waren die Gedanken und Gefühle des blinden Mädchens, wie es hier stund, als die der eitlen Pompejanerin in derselben Lage! Welch ärmliche und leichtsinnige Leidenschaften hatten die Letztere zu dem kühnen Unternehmen veranlaßt, welch kleinlicher Haß, welche niedrige Rache, welche Erwartungen eines ärmlichen Triumphes hatte jenes Gefühl gesteigert, das sie mit dem Namen der liebe beehrte! In dem wilden Herzen der Thessalierin hingegen war alles reine, ungezügelte, ungekünstelte Leidenschaft; allerdings irrend, unweiblich, wahnsinnig, aber durch keine Elemente eines schmutzigeren Gefühles befleckt. Von Liebe, wie vom Leben selbst erfüllt, – wie konnte sie da der Gelegenheit widerstehen, sich Gegenliebe zu erwerben?

Um sich aufrecht zu erhalten, lehnte sie sich an die Wand, und ihr Gesicht, vorher so glühend, war jetzt weiß wie Schnee; ihre zarten Hände krampfhaft in einandergeschlungen, ihre Lippen geöffnet und die Augen auf den Boden geheftet, harrte sie, welche Worte wohl Glaukus zunächst reden werde.

Dieser hatte den Becher an seine Lippen gesetzt, hatte schon etwa den vierten Theil seines Inhalts geleert, als er, zufällig auf das Gesicht Nydia's blickend, von der Veränderung, von dem gewaltigen, schmerzlichen und sonderbaren Ausdruck desselben so sehr betroffen wurde, daß er plötzlich absetzte und den Becher noch immer an den Lippen haltend, ausrief: »Wie, Nydia – Nydia sag ich, bist Du krank oder hast Du Kummer? Gesteh es nur, Dein Gesicht sagt es deutlich. Was fehlt meinem armen Kind?«

Während er sprach, setzte er den Becher nieder, und stand auf, um sich ihr zu nähern, als sein Herz ein plötzlicher Stich kalt durchzuckte, dem sogleich eine wilde, verwirrte schwindelnde Empfindung im Gehirn folgte. Der Fußboden schien unter ihm zu weichen – ihm ward, als schwebe er in den Lüften – mächtige überirdische Heiterkeit bemächtigte sich seines Geistes – er fühlte sich zu leicht für die Erde – er sehnte sich nach Flügeln, ja, in der Begeisterung seines neuen Daseins glaubte er sie zu besitzen. Unwillkürlich brach er in ein lautes, durchdringendes Gelächter aus. Er klatschte in die Hände – sprang in die Höhe – war wie eine begeisterte Pythia; doch schnell, wie sie gekommen, verschwand diese übernatürliche Entzückung, obwohl nur theilweise. Er fühlte jetzt sein Blut wild und rasch durch seine Adern strömen; es schien zu schwellen, zu jubeln, dahinzuhüpfen, wie ein Strom, der seine Dämme durchbrochen hat und dem Ocean zueilt. In seinem Ohr ertönte mächtiges Getöse – er fühlte, wie es zur Stirne aufstieg – fühlte, wie die Adern in seinen Schläfen sich streckten und schwellten, als ob sie die ungestüme, steigende Flut nicht länger zu fassen vermöchten. Dann sank eine Art von Finsternis auf seine Augen, aber keine gänzliche Finsternis, denn durch den dunklen Schatten sah er die gegenüberliegenden Wände glühen und die darauf gemalten Gestalten schienen sich wie Geister zu bewegen. Was am sonderbarsten war, er fühlte sich durchaus nicht unwohl; er erlag, er erschlaffte nicht unter dem fürchterlichen Wahnsinn, der sich über ihm zusammenzog. Die neuen Gefühle schienen lebhaft und strahlend; ihm war, als ob eine jugendlichere Gesundheit in seinem Körper gegossen worden wäre. Er glitt der Verrücktheit zu – und er wußte es nicht!

Nydia hatte seine erste Frage nicht beantwortet – war außer Standes gewesen zu antworten; sein wildes und schreckliches Gelächter hatte sie aus ihren stürmischen Zweifeln aufgeweckt. Sie konnte seine trotzigen Geberden nicht sehen – konnte seinen wankenden und unstäten Schritt, mit dem er bewußtlos auf- und abging, nicht bemerken, aber sie hörte die abgebrochenen, unzusammenhängenden, sinnlosen Worte, die seinem Munde entströmten. Schrecken und Bestürzung kamen über sie – sie eilte zu ihm, und fühlte mit den Armen umher, bis sie seine Knie berührte, die sie, sich zu Boden werfend, umschlang, unter Thränen des Schreckens und der Aufregung.

»O sprich zu mir, sprich, hassest Du mich? Sprich, sprich!«

»Bei der strahlenden Göttin! Ein schönes Land, dieses Cypern. Ha! wie sie uns mit Wein statt mit Blut füllen! Jetzt öffnen sie die Adern jenes Fauns, um zu zeigen, wie es sprudelt und schäumt. Komm hierher, munterer, alter Gott! Du reitest auf einem Bock? – Was er für langes Seidenhaar hat! Er ist mehr werth, als alle Rosse Parthiens. Aber ein Wort mit Dir – Dein Wein ist zu stark für Unsterbliche. O wie schön! Die Zweige sind in Ruhe, die grünen Wogen des Waldes haben den Zephyr gefangen und ertränkt! Kein Lüftchen bewegt die Blätter und ich sehe die Träume mit zusammengelegten Flügeln auf der regungslosen Eiche schlafen, und weiterhin sehe ich einen blauen Strom im stillen Mittag funkeln; einen Springbrunnen, einen munter emporsteigenden Springbrunnen. Ach, mein Quell, du wirst die Strahlen meiner griechischen Sonne nicht auslöschen, obgleich du dich mit deinen zarten Silberarmen so gewaltig abmühst. Und was für eine Gestalt schleicht jetzt dort durch das Gebüsch? Sie hat einen Kranz von Eichenlaub auf dem Haupt. In ihrer Hand trägt sie ein umgekehrtes Gefäß, aus dem sie kleine rothe Muscheln und perlendes Wasser schüttet. O schau auf jenes Gesicht! Nie noch sah eines Menschen Auge ein ähnliches. Sieh, wir sind allein, nur ich und sie in dem weiten Wald. Kein Lächeln spielt um ihre Lippen – sie bewegt sich ernsthaft und mit süßer Wehmuth. Ha! fliehe, es ist eine Nymphe, eine von den wilden Napäen. Wer sie sieht, wird rasend – fliehe, sieh, sie entdeckt mich!«

»O Glaukus, Glaukus – kennst Du mich nicht? Rufe nicht so wild, oder Du tödtest mich mit einem einzigen Worte.«

Ein neuer Wechsel schien nunmehr in dem verwirrten und zerstörten Geist des unglücklichen Atheners vor sich gegangen zu sein. Er legte seine Hände auf Nydia's seidenes Haar; er streichelte ihre Locken – schaute ihr ausdrucksvoll ins Gesicht, und da in der zerbrochenen Kette seiner Gedanken ein oder zwei Glieder noch ganz waren, schienen ihre Züge ihm die Erinnerung an Ione zurückzurufen, und gerade bei dieser Erinnerung wurde sein Wahnsinn noch gewaltiger, und von Leidenschaft beherrscht und angetrieben, brach er in die Worte aus: »Ich schwöre bei Venus, bei Diana und Juno, daß ich, obgleich ich jetzt die Welt auf den Schultern trage, wie mein Landsmann Herkules (ha! schwerfälliges Rom, Alles was wahrhaftig groß war, kam aus Griechenland; selbst keine Götter hättest du, wenn wir nicht wären!) wie mein Landsmann Herkules vor mir, sage ich, sie für ein einziges Lächeln von Ione in das Chaos fallen lassen würde. Ach, schöne Angebete,« fügte er mit unaussprechlich zärtlicher und klagender Stimme hinzu, »Du liebst mich nicht. Du bist unfreundlich gegen mich. Der Egypter hat mich bei Dir verleumdet – Du weißt nicht, wie viele Stunden ich unter Deinem Fenster zugebracht – weißt nicht, wie ich die Sterne überwacht habe, in der Hoffnung, Du, meine Sonne, würdest endlich aufgehen – und Du liebst mich nicht, Du gibst mich auf. O verlaß mich jetzt nicht, ich fühle, daß mein Leben nicht mehr lange währen wird, laß mich wenigstens bis zum letzten Augenblicke Dich anschauen. Ich bin aus dem schönen Land Deiner Väter – habe die Höhlen von Phyle betreten – Hyacinthen und Rosen in den Olivenhainen des Ilissus gepflückt. Du, Du solltest mich nicht verlassen, denn Deine Väter waren Brüder der meinigen. Und man sagt zwar, dieses Land sei lieblich und dieser Himmel heiter – aber ich will Dich mit mir forttragen. He, dunkle Gestalt, weshalb erhebst Du Dich wie eine Wolke zwischen mir und ihr? Auf Deiner Stirne drohet in schrecklicher Ruhe der Tod – um Deine Lippen spielt das Lächeln, das mordet; Dein Name ist Orkus, aber auf Erden nennt man Dich Arbaces. Sieh, ich kenne Dich; fliehe, düsterer Schatten, Deine Zauber helfen nichts!«

»Glaukus, Glaukus!« flüsterte Nydia, ließ seine Knie los und sank unter der Last ihrer Reue, Furcht und Qual bewußtlos auf den Boden.

»Wer ruft?« fuhr er fort mit lauter Stimme, »Ione, sie ist's. Sie haben sie fortgetragen – wir wollen sie retten wo ist mein Stylus? Ha, ich hab' ihn! Ich komme, Ione, zu Deiner Befreiung – ich komme, ich komme.«

Mit diesen Worten setzte der Athener mit einem Sprunge aus der Säulenhalle, lief durch das Haus und stürzte mit schnellen, aber schwankenden Schritten und laut mit sich selbst sprechend, die von den Sternen erleuchteten Straßen hinab. Der schreckliche Trank brannte wie Feuer in seinen Adern, denn seine Wirkung wurde vielleicht noch plötzlicher gemacht durch den Wein, den er zuvor getrunken. An die Excesse nächtlicher Schwärmer gewöhnt, machten die Bürger lächelnd und sich zuwinkend seinen taumelnden Schritten Platz. Sie glaubten ihn natürlich unter dem Einfluß des bromischen Gottes, der in Pompeji mit Wort und That verehrt wurde; diejenigen aber, die ihm schärfer ins Gesicht sahen, fuhren in namenloser Furcht zurück und das Lächeln erstarb auf ihren Lippen. Er durchzog die volkreicheren Straßen, gelangte, den Weg nach Ione's Haus mechanisch verfolgend, in ein verlassenes Viertel der Stadt, und trat jetzt in den einsamen Hain der Cybele, in welchem Apäcides seine Unterredung mit Olinth gehabt hatte.

Sechstes Kapitel.

Eine Vereinigung verschiedener handelnder Personen – Ströme, die anscheinend getrennt flossen, stürzen in einen gemeinsamen Schlund.

Ungeduldig, zu erfahren, ob der grausame Trank von Julia seinem verhaßten Nebenbuhler bereits beigebracht worden sei und mit welcher Wirkung, beschloß Arbaces, sich bei dem Einbruch des Abends nach dem Hause Diomeds zu begeben und seine Neugierde zu befriedigen. Wie bereits angeführt, war es zu jener Zeit üblich, daß die Männer auf ihren Ausgängen die Schreibtafel und den Stylus, an ihrem Gürtel befestigt, bei sich trugen, die mit dem Gürtel auch zu Hause wieder abgelegt wurden. Unter dem Anscheine eines Schreibinstrumentes aber führten die Römer eine sehr scharfe und fürchterliche Waffe bei sich. Gerade mit einem solchen StylusVon diesem Stylus stammt wahrscheinlich das Stilet der Italiener ab. erstach Cassius den Cäsar im Senat.

Nachdem er also Gürtel und Mantel angelegt, verließ Arbaces sein Haus, stützte seine Schritte, die noch immer etwas schwach waren (obgleich Hoffnung und Rache in Verbindung mit seiner eigenen tiefen, ärztlichen Kenntnis dazu beigetragen hatten, ihm seine natürliche Kraft wiederzugeben) auf seinen langen Stab, und schlug den Weg nach der Villa des Diomed ein.

Schön ist fürwahr das Mondlicht des Südens! In diesem Klima tritt die Nacht so schnell an die Stelle des Tages, daß Dämmerung kaum eine Brücke zwischen ihnen bildet. Ein Augenblick dunkleren Purpurs am Horizont – tausend rosiger Tinten im Wasser – eines über das Licht halb siegreichen Schattens – und dann brechen auf einmal hervor die zahllosen Sterne – der Mond ist da – die Nacht hat ihre Herrschaft wieder angetreten.

Glänzend also, und sanft glänzend, fielen die Mondstrahlen auf den alten der Cybele geweihten Hain; die stattlichen, uralten Bäume warfen ihre langen Schatten auf den Boden, während durch die Öffnungen in den Zweigen zahllose Sterne still herabschienen. Die weiße Farbe des kleinen Sacellums in der Mitte des Hains, umgeben von dem dunkeln Laube, hatte etwas Unerwartetes und Abschreckendes an sich; sofort erinnerte es an den Zweck, dem das Gehölz geweiht war, seine Heiligkeit und seine Feierlichkeit.

Mit schnellen und verstohlenem Schritt erreichte Kalenus, unter dem Schatten der Bäume hingleitend, den Tempel, schob die Zweige, die seiner hintere Seite rings umgaben, sachte zurück und nahm sein Plätzchen in seinem Verstecke ein, das durch den Tempel vorne und die Bäume hinten so gesichert war, daß kein Vorübergehender ihn irgend entdecken konnte, wofern er nicht etwa zuvor schon Verdacht gehegt hätte. Abermals war anscheinend Alles einsam in dem Hain; aus der Ferne hörte man schwach die Stimmen einiger lärmender Schwärmer, oder die Musik, die hinter den Gruppen spielte, welche damals wie noch heute unter jenem Himmel während der Sommernächte in den Straßen verwelkten und der frischen Luft und des sanften Mondlichtes eines milderen Tages genossen.

Von der Höhe, auf welcher der Hain sich befand, sah man durch die Zwischenräume des Gehölzes die breite, purpurne, in der Ferne sich kräuselnde See, die weißen Villen von Stabäa an der geschweiften Küste und die dämmerigen lactiarischen Berge in den herrlichen Himmel verschwimmend. In diesem Augenblicke trat die hohe Gestalt des Arbaces auf seinem Wege nach dem Hause des Diomed in das Wäldchen ein, und in derselben Minute kreuzte Apäcides, seiner Verabredung mit Olinth gemäß, den Pfad des Egypters.

»He, Apäcides,« rief Arbaces, der den Priester auf den ersten Blick erkannte; »als wir uns das letztemal trafen, warst Du mein Feind. Ich habe seitdem gewünscht, Dich zu sehen, denn ich möchte Dich noch immer zu meinem Freund und Zögling haben.«

Apäcides fuhr bei der Stimme des Egypters auf, hielt plötzlich an und betrachtete ihn mit einem Gesicht, auf welchem sich Bitterkeit und Verachtung stritten.

»Elender Betrüger,« sagte er endlich, »Du bist also dem Rachen des Grabes entgangen? Glaube übrigens nicht, mich aufs Neue mit Deinem sündhaften Gewebe zu umstricken zu können. Retiarius, ich bin gegen Dich gewaffnet!«

»Still,« sagte Arbaces mit sehr leiser Stimme, aber der Stolz, der in diesem Abkömmlinge von Königen groß war, verrieth die Wunde, die ihm die Schimpfworte des Priesters beigebracht, durch das Zittern seiner Lippen und das Erröthen seiner dunklen Stirne.

»Stille, leiser, man könnte Dich hören, und wenn andere Ohren als die meinigen diese Töne einsögen – dann –«

»Drohest Du? – Was wäre es, wenn mich die ganze Stadt gehört hätte?«

»Dann würden die Manen meiner Vorfahren nicht dulden, daß ich Dir vergebe. Aber halt und höre mich, Du bist wüthend, daß ich gegen Deine Schwester Gewalt versucht habe – ruhig, ruhig, nur einen Augenblick, ich bitte Dich. Du hast Recht, es war die Raserei der Leidenschaft und der Eifersucht – ich habe meine Verrücktheit bitter bereut. Vergib mir; ich, der ich nie einen Menschen auf Erden um Verzeihung bat, flehe Dich jetzt an, mir zu vergeben. Noch mehr, ich will die Schmach wieder gut machen, ich fordere Deine Schwester zur Ehe. Erschrick nicht, bedenke wohl; was ist die Verbindung mit jenem obscuren Griechen im Vergleich zu der mit mir? Unbeschränkter Reichthum – eine Abstammung, die durch ihr hohes Alter Eure griechischen und römischen Namen zu denen von gestern macht – ein Wissen – doch das weißt Du ja. Gib mir Deine Schwester, und mein ganzes Leben soll die Verirrung eines Augenblicks gut machen.«

»Wollte ich auch meine Zustimmung geben, Egypter, so ist doch die Luft sogar, die Du einathmest, meiner Schwester ein Abscheu; aber auch ich habe Dir manches, mir persönlich widerfahrenes Unrecht zu vergeben – daß Du mich zu einem Werkzeuge Deiner Betrügereien gemacht hast, kann ich Dir verzeihen, nie jedoch, daß Du mich verleitet, ein Genosse Deiner Laster zu werden – ein befleckter und meineidiger Mensch. Zittere, denn gerade jetzt bereite ich die Stunde vor, in welcher Du und Deine falschen Götter enthüllt werden sollen. Das Tageslicht wird kommen Dein ausschweifendes und circeisisches Leben – bloßgestellt die Mumerei Deiner Orakel; der Tempel der abgöttischen Isis soll zum Sprüchwort des Spottes und der königliche Name des Arbaces zur Zielscheibe für das Hohngezisch der Verwünschung werden. Zittere!«

Der Röthe auf der Stirn des Egypters folgte die Leichenfarbe des Todes. Er spähte nach allen Seiten, um sich zu versichern, daß Niemand in der Nähe sei, und richtete dann sein dunkles und großes Auge so zornig und drohend auf den Priester, das vielleicht nur ein Mensch, der wie Apäcides von dem glühenden Muth eines göttlichen Eifers beseelt war, diesen finsteren Blick mit fester Stirne ertragen konnte. Unter diesen Umständen jedoch hielt ihn der junge Neubekehrte nicht nur aus, sondern erwiderte ihn sogar mit einem Auge, worin stolze Herausforderung lag.

»Apäcides,« sprach der Egypter mit zitternder und leiser Stimme, »nimm Dich in Acht! Was hast Du im Sinn? Sprachst Du – bedenke wohl, ehe Du antwortest – sprachst Du von augenblicklichem Zorn angetrieben, ohne damit einen bestimmten Entschluß anzudeuten, oder hast Du Dir etwa schon einen Plan ausgedacht?«

»Ich spreche unter der Eingebung des wahren Gottes, dessen Diener ich nun bin,« sprach der Christ kühn, »und im Bewußtsein, daß durch seine Gnade menschlicher Muth Deiner Heuchelei und Deinem Götzendienst ein Ziel gesteckt hat; noch ehe die Sonne dreimal aufgegangen, wirst Du Alles erfahren! Dunkler Zauberer, zittere und lebe wohl!«

All die wilden und düsteren Leidenschaften, die er von seinem Volk und Land geerbt und jederzeit unter listiger Sanftmuth und philosophischer Kälte nur schlecht verbarg, waren jetzt in des Egypters Brust entfesselt. Hastig, jagte ein Gedanke den andern; vor sich sah er in Apäcides eine hartnäckige Schranke, die selbst eine gesetzliche Verbindung mit Ione verhinderte – den Bundesgenossen des Glaukus in dem Kampfe, der seine Pläne vereitelt hatte – den Schmäher seines Namens – den drohenden Entweiher der Göttin, der er, obgleich er nicht an sie glaube, diente – den geständigen und nahen Enthüller seiner eigenen Betrügereien und Laster. Seine Liebe, sein Ruf, ja selbst sein Leben konnte in Gefahr schweben – Tag und Stunde sogar zu einem Anschlag gegen ihn schienen bereits festgesetzt. Aus den Worten des Neubekehrten entnahm er, daß Apäcides zum christlichen Glauben übergegangen war; den unbezähmbaren Eifer aber, der die Proselyten dieses Glaubens antrieb, kannte er. So war sein Feind beschaffen; er griff nach seinem Stylus – dieser Feind war in seiner Gewalt! Jetzt stunden sie vor der Kapelle; noch einmal blickte er hastig umher; Niemand war in der Nähe zu sehen, Stille und Einsamkeit führten ihn in Versuchung.

»Stirb also in Deiner Tollkühnheit,« murmelte er; »hinweg Du Hindernis meines Geschickes!«

Und gerade als der junge Christ sich umgewandt hatte, um fortzugehen, erhob Arbaces seine Hand hoch über die linke Schulter des Apäcides und stieß die scharfe Waffe zweimal in seine Brust.

Mit durchbohrtem Herzen stürzte Apäcides nieder, stumm, ohne einen Seufzer sogar, gerade am Fuß der heiligen Kapelle.

Einen Augenblick schaute ihn Arbaces an, mit der wilden thierischen Freude des Sieges über einen Feind. Abe sofort drängte sich ihm das volle Bewußtsein der Gefahr, der er ausgesetzt war, auf; sorgfältig wischte er seine Waffe im langen Gras und sogar an den Kleidern seines Opfers ab, hüllte sich in seinen Mantel und wollte eben fortgehen, als er gerade vor sich die Gestalt eines jungen Mannes heraufkommen sah, dessen Schritte seltsam schwankten; das ruhige Mondlicht strömte voll auf das Gesicht des Herannahenden, das durch den bleichenden Strahl weiß wie Marmor schien. Der Egypter erkannte die Gestalt und die Züge des Glaukus. Der unglückliche, in geistige Dunkelheit gehüllte Grieche sang ein unzusammenhängendes, wahnwitziges Lied, aus Bruchstücken von Hymnen und heiligen Oden bestehend, wie sie die umnachtete Aufregung augenblicklich eingab.

»Ha,« dachte der Egypter, seinen Zustand und dessen schreckliche Ursache sofort erratend, »so wirkt also der Höllentrank und das Schicksal hat Dich hierhergesendet, damit ich zwei meiner Feinde zugleich vernichte!«

Schnell, und ehe dieser Gedanke ihm gekommen war, hatte er sich auf eine Seite der Kapelle zurückgezogen und unter den Zweigen verborgen; von diesem Versteck aus lauerte er, wie der Tiger auf seinem Lager, auf die Annäherung seines zweiten Opfers. Er bemerkte das unstäte Feuer in den hellen und schönen Augen des Atheners, die Krämpfe, die seine herrlichen Züge und seine farblosen Lippen verzerrten. Er sah, daß der Grieche seiner Vernunft gänzlich beraubt war. Als Glaukus jedoch der Leiche des Apäcides sich näherte, aus welcher der dunkelrothe Strom langsam über das Gras hinfloß, ergriff ihn gleichwohl, so verwirrt und verdunkelt auch sein Bewußtsein war, ein so sonderbarer und schrecklicher Anblick gewaltig. Er hielt an, legte die Hand an die Stirne, als wolle er sich sammeln, und sagte dann: »He, Endymion, schläfst Du so fest, was hat Selene Dir gesagt? Du machst mich eifersüchtig, es ist Zeit zu erwachen.«

Mit diesen Worten beugte er sich, in der Absicht, den Leichnam aufzuheben.

Seine eigene Schwäche vergessend und sie nicht fühlend, sprang der Egypter aus seinem Versteck hervor und versetzte dem Griechen, während er sich niederbeugte, einen so gewaltigen Streich, daß er gerade über den Leichnam des Christen hinfiel; dann schrie er mit seiner kräftigen Stimme so laut er konnte: »Holla, Bürger, holla, Hülfe! hierher, hierher, ein Mord – ein Mord – dicht vor Eurem Tempel! Hülfe, oder der Mörder entrinnt!«

Also rasend setzte er seinen Fuß auf die Brust des Glaukus; eine leere und überflüssige Vorsicht, denn durch die Wirkung des Trankes und des Falles lag der Grieche regungslos und bewußtlos da, ausgenommen, daß dann und wann unbestimmte, wahnsinnige Laute seinen Lippen entschlüpften.

Während Arbaces hier stund, in Erwartung Derer, die seine Stimme herbeigerufen fortfuhr, stellten sich vielleicht Reue und Gewissensbisse in seiner Brust ein; denn trotz seiner Verbrechen fühlte er menschlich. Der wehrlose Zustand des Glaukus, seine sinnlosen Worte, seine zerrüttete Vernunft rührten ihn mehr sogar als der Tod des Apäcides, und halb hörbar sagte er zu sich selbst: »Armer Staub – arme menschliche Vernunft! Wo ist jetzt die Seele? Ich könnte Dich schonen, mein Nebenbuhler – hinfort nicht mehr mein Nebenbuhler! Aber das Geschick muß erfüllt werden; meine Sicherheit erheischt Deine Opferung,« und jetzt schrie er, als wollte er die Stimme seines Gewissens übertäuben, noch lauter, zog aus dem Gürtel des Glaukus den dort befindlichen Stylus hervor, tauchte ihn in das Blut des Ermordeten und legte ihn neben den Leichnam.

Schnell und athemlos eilten jetzt mehre Bürger herbei, einige mit Fackeln versehen, die der Mond zwar unnöthig machte, die aber einen rothen und zitternden Schimmer gegen das dunkle Laub der Bäume warfen. Alle umgeaben den Ort.

»Hebt jene Leiche auf,« sagte der Egypter, »und bewacht den Mörder gut.«

Sie erhoben den Körper, und groß war ihr Entsetzen und ihre fromme Entrüstung, als sie in diesem leblosen Staube einen Priester der angebeteten und verehrungswürdigen Isis entdeckten; aber noch größer vielleicht ihr Erstaunen, als sie in dem Angeklagten den glänzenden und bewunderten Athener erkannten.

»Glaukus,« riefen die Umstehenden einstimmig, »ist es möglich?«

»Eher,« flüsterte Einer seinem Nachbar zu, »möchte ich glauben, daß der Egypter selbst der Mörder ist.«

Hier brach sich ein Centurio mit einem Wesen von Autorität durch die immer zunehmende Menge Bahn.

»Wie, Blut vergossen? Wer ist der Mörder?«

Die Umstehenden deuteten auf Glaukus.

»Der – beim Mars, der sieht eher aus, als ob er das Opfer wäre! Wer klagt ihn an?«

»Ich,« sagte Arbaces, sich stolz emporrichtend, und die Juwelen, die sein Kleid schmückten und den Augen des Soldaten entgegenfunkelten, überführten diesen würdigen Krieger sofort von der Achtungswürdigkeit des Zeugen.

»Verzeihe mir – Dein Name?« fragte er.

»Arbaces. Er ist, glaube ich, in Pompeji wohl bekannt. Als ich durch den Hain ging, erblickte ich den Griechen und den Priester in eifrigem Gespräche vor mir. Die wankenden Bewegungen des ersten, seine heftigen Geberden und seine laute Stimme machten mich aufmerksam; er schien mir entweder betrunken, oder wahnsinnig zu sein. Plötzlich sah ich ihn seinen Stylus schwingen – ich sprang vor, jedoch zu spät, den Stoß aufzuhalten. Zweimal hat er sein Opfer durchbohrt und beugte sich gerade über dasselbe, als ich in Abscheu und Entrückung den Mörder zu Boden schlug. Er fiel ohne Widerstand, was mich noch mehr in der Vermuthung bestärkt, daß er bei Begehung des Verbrechens nicht ganz bei Sinnen war; denn da ich kaum erst von einer schweren Krankheit wieder genesen bin, war mein Streich natürlich nur schwach, Glaukus aber ist, wie Du siehst, jung und kräftig.«

»Seine Augen sind jetzt offen – seine Lippen bewegen sich,« sagte der Soldat; »sprich, Gefangener, was erwiderst Du auf die Anklage?«

»Die Anklage, ha, ha! Nun, es war eine lustige Geschichte – als die alte Hexe ihre Schlange auf mich losließ und Hekate daneben stund, von einem Ohr zum andern lachend – was konnte ich thun? Aber ich bin krank – mir wird übel – der Schlange feurige Zunge hat mich gestochen. Bringt mich zu Bett und schickt nach dem Arzt; der alte Äskulap selbst wird mich pflegen, wenn Ihr ihm sagt, daß ich ein Grieche bin. O Erbarmen, Erbarmen, ich brenne – in Mark und Gehirn tobt die Flamme!«

Und mit durchdringendem und wildem Gestöhn sank der Athener in die Arme der Umstehenden zurück.

»Er rast,« sagte der Krieger mitleidig, »und in seiner Wuth hat er den Priester erschlagen. Hat ihn Jemand unter Euch heute gesehen?«

»Ich,« antwortete einer der Zuschauer, »erblickte ihn diesen Morgen. Er ging an meiner Bude vorbei und redete mich an. Er schien so wohl und gesund, wie der Kräftigste von uns.«

»Und ich,« fiel ein Anderer ein, »sah ihn vor einer halben Stunde; er lief durch die Straßen und sprach unter seltsamen Geberden mit sich selbst, ganz wie es der Egypter beschrieben hat.«

»Dies bestärkt also sein Zeugnis; es muß richtig sein. Glaukus muß auf jeden Fall vor den Prätor; es ist Schade, so jung und reich; aber das Verbrechen ist fürchterlich; einen Priester der Isis in seinem Gewande, und dicht an unserer ältesten Kapelle sogar, zu ermorden!

Bei diesen Worten wurde die Menge kräftiger, als sie es in ihrer Aufregung und Neugierde bis daher gewesen war, an die Abscheulichkeit einer Tempelschändung erinnert. In frommem Abscheu schauderten Alle.

»Kein Wunder, daß die Erde bebte,« rief Einer, »als sie ein solches Ungeheuer trug.«

»Fort mit ihm, ins Gefängnis – fort!« schrien Alle. Eine einzige Stimme aber tönte scharf und freudig aus den übrigen heraus: »Die wilden Thiere haben jetzt keinen Gladiator nöthig!«

Tripp, trapp, sie schreiten mit stolzem Gefühl
Juchheißa, zum lustigen, lustigen Spiel!

Es war die Stimme des jungen Mädchens, deren Gespräch mit Medon wir bereits berichteten.

»Ja, ja – das kommt gerade recht für die Spiele,« – riefen verschiedene, und bei diesen Gedanken schien alles Mitleid für den Angeklagten zu verschwinden. Seine Jugend, seine Schönheit machten ihn nur um so geeigneter für die Arena.

»Bringt einige Bretter her, oder eine Sänfte, wenn sie bei der Hand ist, um den Todten zu tragen,« sagte Arbaces; »ein Priester der Isis darf nicht wie ein geschlachteter Gladiator von gemeinen Händen in seinen Tempel gebracht werden.«

Bei diesen Worten legten die Anwesenden den Leichnam des Apäcides ehrerbietig, mit dem Gesicht nach oben, auf den Boden und einige eilten fort, irgend einen Apparat aufzusuchen, um den Ermordeten, unberührt von profanen Händen, forttragen zu können.

Gerade in diesem Augenblicke machte die Menge einer stämmigen Gestalt Platz, die sich mitten durchdrängte und der Christ Olinth stund unmittelbar dem Egypter gegenüber. Anfänglich ruhten jedoch seine Augen mit unaussprechlichem Schmerz und Schrecken auf der blutigen Brust und dem nach Oben gewandten Antlitz, das die Quaal eines gewaltsamen Todes noch immer zeigte.

»Ermordet,« sagte er, »hat Dich Dein Eifer dahin gebracht? Habe sie Dein edles Vorhaben entdeckt und sind sie ihrer eigenen Schande durch Deinen Tod zuvorgekommen?«

Plötzlich wandte er sein Haupt und seine Augen fielen auf die ernsten Züge des Egypters.

Während er diesen betrachtete, konnte man in seinem Gesichte und sogar in dem leichten Schauder, der ihn durchzuckte, den Widerwillen und Abscheu lesen, den der Christ gegen einen Mann fühlte, den er als so gefährlich und verbrecherisch kannte. Es war in der That der Blick des Vogels auf den Basilisken, so still und anhaltend war er. Aber des plötzlichen, unheimlichen Gefühles, das ihn beschlichen, sich bemeisternd, streckte Olinth seinen rechten Arm gegen Arbaces aus und sprach mit tiefer und lauter Stimme: »Mord ist begangen worden an dieser Leiche! Wo ist der Mörder? Tritt hervor, Egypter! Denn so wahr der Herr lebt, ich glaube, Du bist der Thäter!«

Für einen Augenblick konnte man einen ängstlichen und unruhigen Wechsel auf den dunklen Zügen des Arbaces bemerken, der übrigens den grimmigen Ausdruck der Entrüstung und Verachtung wich, sobald, erschreckt und aufmerksam gemacht durch dieses plötzliche und unumwundene Anklage, die Zuschauer sich immer näher um die zwei Hauptpersonen der Trauerscene drängten.

»Ich weiß,« entgegnete Arbaces stolz, »wer mein Ankläger ist, und ich kann mir auch wohl denken, weshalb er mich also beschuldigt. Männer und Bürger wisset, daß dieser Mensch der erbitterste der Nazarener oder Christen ist, welches von diesen beiden nun ihr eigentlicher Name sein mag! Was Wunder, daß er in seiner Bosheit sogar einen Egypter der Ermordung eines egyptischen Priesters zu beschuldigen wagt!«

»Ich kenne ihn! Ich kenne den Hund!« brüllten verschiedene Stimmen; »es ist Olinth, der Christ oder vielmehr der Atheist – er läugnet die Götter.«

»Seid ruhig, Brüder,« sprach Olinth mit Würde, »und höret mich. Dieser ermordete Isispriester hat vor seinem Tode den christlichen Glauben angenommen – mir entdeckte er die schwarzen Sünden, die Zaubereien jenes Egypters – das Gaukelspiel und die Täuschungen des Isistempels. Er stund auf dem Sprunge, sie an den Pranger der Öffentlichkeit zu stellen. Wer solle auch ihn, einen Fremden, der Niemanden etwas zu Leide that und keine Feinde hatte, wer sollte ihn ermorden, als einer von Denen, die sein Zeugnis fürchteten? Und wer hatte dieses Zeugnis am meisten zu fürchten? – Arbaces der Egypter!«

»Ihr hört ihn,« rief Arbaces, »Ihr hört ihn; er stößt Gotteslästerung aus! Fragt ihn, ob er an Isis glaube?«

»Ob ich an einen bösen Geist glaube?« entgegnete Olinth keck.

Die ganze Versammlung zitterte und stieß einen gewaltigen Seufzer aus.

Durch nichts eingeschüchtert – denn er war stets auf jede Gefahr gefaßt und setzte in der Aufregung des Augenblicks alle Klugheit hintan – fuhr der Christ fort: »Zurück, Götzendiener! Diese Leiche gehört nicht Euren eiteln und befleckenden Gebräuchen an – uns, den Nachfolgern Christi, steht es zu, einem Christen den letzten Liebesdienst zu erweisen. Ich fordere diesen Staub im Namen des großen Schöpfers, der den Geist wieder zu sich genommen hat!«

Mit so feierlichem und gebietendem Ton und Ansehen sprach der Christ diese Worte, daß selbst die Menge es nicht wagte, die Verwünschungen der Furcht und des Hasses, die ihr Herz erfüllten, laut auszusprechen. Und wie vielleicht seit Lucifer und der Erzengel um den Leichnam des gewaltigen Gesetzgebers stritten, gab es einen ergreifenderen Gegenstand für den Geist eines Malers, als diese Scene. Die dunklen Bäume – der herrliche Tempel – der volle Mond auf dem Leichnam des Ermordeten – die Fackeln im Hintergrunde wild hin und hertreibend – die verschiedenen Gesichter der bunten Zuhörerschaft – die leblose Gestalt des Atheners in der Ferne: im Vordergrund aber und als Hauptfiguren Arbaces und der Christ; Ersterer, zu seiner vollen Größe aufgerichtet, seine ganze Umgebung weit überragend, die Arme über einander gelegt, die Stirne gerunzelt, die Augen starr, die Lippen von Trotz und Verachtung leicht gekrümmt; Letzterer, auf einer abgelebten und gefurchten Stirne die Majestät einer gleichen Herrschermacht tragend – die Züge ernst, aber frei – die Miene kühn, aber offen – der ruhigen Würde der kühnen Gestalt ein unaussprechlicher Ernst eingeprägt, den ein heiliges Mitgefühl des Schauders, den er hervorgerufen, gewissermaßen milderte; die linke Hand auf die Leiche zeigend, die rechte aber zum Himmel erhoben.

Der Centurio drängte sich von neuem vor.

»Die erste Frage, die ich an Dich richten muß, ist: Hast Du, Olinth, oder wie Du heißen magst, außer Deinem unbestimmten Verdacht einen weiteren Beweis für Deine gegen Arbaces erhobene Beschuldigung?«

Olinth blieb still; der Egypter lachte höhnisch.

»Forderst Du den Leichnam des Isispriesters als den eines Mitgliedes der nazarenischen oder christlichen Sekte?«

»Allerdings.«

»Schwöre also bei jenem Tempel, jener Statue der Cybele, bei dem ältesten Sacellum in Pompeji, daß der verstorbene Euren Glauben angenommen.«

»Thörichter Mensch, ich verläugne Eure Götzen, ich verabscheue Eure Tempel! Wie kann ich also bei Cybele schwören?«

»Fort, fort mit dem Atheisten, fort. Die Erde wird uns verschlingen, wenn wir solche Gotteslästerungen in einem geheiligten Haine zulassen – fort mit ihm zum Tode!«

»Für die wilden Thiere!« fügte eine weibliche Stimme mitten aus der Menge hinzu; »jetzt haben wir ein Stück für den Löwen und eines für den Tiger!«

»Wenn Du, o Nazarener, an Cybele nicht glaubst, welche unserer Gottheiten erkennst Du an?« begann der Krieger von Neuem, ohne sich durch das Geschrei des Volkes irre machen zu lassen.

»Keine.«

»Hört ihn, hört ihn!« schrie die Menge.

»O Eitle und Blinde!« fuhr der Christ, seine Stimme erhöhend, fort; »könnt Ihr an Bilder von Holz und Stein glauben? Bildet Ihr Euch ein, sie haben Augen zu sehen, Ohren zu hören, Hände Euch zu helfen? Ist jenes stumme, durch menschliche Kunst geschnitzte Ding eine Gottheit? – Hat es Menschen geschaffen? – Ach, von Menschen wurde es geschaffen. Seht, überzeugt Euch selbst von seiner Nichtigkeit – von Eurer Thorheit!«

Während er also sprach, schritt er auf den Tempel zu, und ehe einer der Umstehenden seine Absicht errathen konnte, stürzte er in seinem Mitleid oder Eifer die hölzerne Statue von ihrem Fußgestell herab.

»Seht,« rief er, »Eure Göttin vermag sich nicht zu rächen. Ist dies ein Gegenstand zur Anbetung?«

Weiter durfte er nicht reden; eine so gerade und freche Tempelschändung, zumal an einem der heiligsten Andachtsorte begangen, erfüllte selbst die lauesten mit Wuth und Abscheu. Einmüthig stürzte die Menge auf ihn, packte ihn und würde ihn, ohne das Einschreiten des Centurio's, in Stücke zerrissen haben.

»Ruhe,« sprach der Soldat gebieterisch; »überliefern wir diesen unverschämten Gotteslästerer dem betreffenden Gericht; schon haben wir zu viele Zeit verloren. Bringen wir also die beiden Schuldigen vor die Obrigkeit; legt den Körper des Priesters auf die Sänfte und tragt ihn in seine eigene Wohnung.«

In diesem Augenblick trat ein Priester der Isis vor:

»Ich fordere diese Ueberreste nach dem Brauche unserer Priesterschaft.«

»Das Begehren des Flamen werde erfüllt,« entgegnete der Centurio; »wie geht's mit dem Angeklagten?«

»Er ist bewußtlos oder schläft.«

»Wäre sein Verbrechen geringer, ich könnte ihn bemitleiden – vorwärts –«

Als sich Arbaces umwandte, begegnete er dem Blicke des Isispriesters – es war Kalenus, und in diesem Blicke lag etwas so Ausdrucksvolles und Unheimliches, daß der Egypter vor sich hinsagte: »Sollte er die That mit angesehen haben?«

Ein Mädchen drängte sich aus der Menge hervor und schaute Olinth fest in's Gesicht: »Beim Jupiter, ein stämmiger Bursche! Jetzt haben wir also einen Mann für den Tiger – für jedes Thier einen – Juchheisa.«

»Juchheisa!« schrie das Volk, »einen Mann für den Löwen und einen für den Tiger. Welch ein Glück! Juchheisa!«

Siebentes Kapitel.

In welchem der Leser Glaukus Lage kennen lernt. Freundschaft auf die Probe gestellt – Feindschaft gemildert – Liebe bleibt dieselbe, weil die Liebende blind ist.

Die Nacht war bereits etwas vorgerückt, aber die muntern Versammlungsorte der Pompejaner waren noch immer zahlreich besetzt. Auf den Gesichtern der verschiedenen Müßiggänger konnte man einen ernstern Ausdruck als gewöhnlich bemerken. Sie besprachen sich in großen Gruppen, als suchten sie durch ihre Anzahl die halb schmerzliche, halb angenehme Aufregung zu mildern, die der Gegenstand ihres Gespräches veranlaßte – ein Gegenstand, bei dem es sich von Leben und Tod handelte.

Ein junger Mann ging rasch an dem anmuthigen Säulengang des Fortunatempels vorüber, und zwar so rasch, daß er mit nicht geringem Ungestüm gegen die runde und imponirende Gestalt des ehrenwerthen Bürgers Diomed stieß, der gerade nach seiner Villa in der Vorstadt zurückkehrte.

»Halt!« stöhnte der Kaufmann, indem er nur mit Mühe das Gleichgewicht wieder gewann, »hast Du keine Augen, oder glaubst Du, ich habe kein Gefühl? Beim Jupiter! Du hast mir den göttlichen Funken beinahe aus dem Leibe getrieben; noch ein solcher Stoß, und meine Seele wird im Hades sein.«

»Ach, Diomed, bist Du's? Verzeih' meine Unachtsamkeit. Ich war ganz vertieft in Gedanken über die Wechselfälle des Lebens. Unser armer Freund Glaukus! Ach, wer hätte das geahnt!«

»Allerdings; aber sag mir doch, Klodius, soll er wirklich vor den Senat gebracht werden?«

»Ja; das Verbrechen ist, wie man sagt, so außerordentlicher Art, daß der Senat selbst darüber richten muß, und so werden die Liktoren den Angeklagten förmlich vorführen.«Plin. Ep. II. 11. 12. v. 4. 13.

»Er wurde also öffentlich angeklagt?« fragte der Kaufherr ferner.

»Gewiß; wo bist Du denn gewesen, daß Du nichts davon hörtest?«

»Nun, ich bin eben erst von Neapel zurückgekehrt, wohin ich gerade am Morgen nach seinem Verbrechen in Geschäften reiste. Das ist fürchterlich! Und er war noch denselben Abend, wo es geschah, in meinem Hause!«

»Seine Schuld ist außer allem Zweifel,« sprach Klodius die Achsel zuckend, »und da derartige Verbrechen vor allen kleineren Vergehen vorgenommen werden, so wird man sich beeilen, das Urtheil noch vor den Spielen zu fällen.«

»Den Spielen! Gute Götter,« antwortete Diomed mit einem leichten Schauder; »sollte man ihn zum Kampf mit den wilden Thieren verurtheilen – so jung, so reich!«

»Allerdings; aber er ist eben ein Grieche. Wäre er ein Römer, so wäre es jammerschade. Diese Fremden hingegen kann man dulden, so lang sie im Glücke sitzen; wenn sie aber ins Unglück kommen, dürfen wir nicht vergessen, daß sie eigentlich Sklaven sind. Wir übrigens von den höhern Klassen sind immer mitleidig, und er käme gewiß ganz ordentlich weg, wenn er uns überlassen wäre; denn was liegt, unter uns gesprochen, an einem elenden Isispriester? Was an der Isis selbst? Aber das gemeine Volk ist abergläubisch, es schreit nach dem Blut des Tempelschänders. Es ist gefährlich, der öffentlichen Meinung nicht nachzugeben.«

»Und der Gotteslästerer? Der Christ oder Nazarener oder wie er sonst genannt wird?«

»Oh, der arme Hund! Wenn er der Cybele oder Isis opfert, wird er begnadigt – wo nicht, so kriegt ihn der Tiger. So vermuthe ich wenigstens; die Sache wird übrigens ja bald durch das Gericht entschieden werden. Während wir mit einander plaudern, ist die Urne noch leer. Selbst der Grieche kann dem tödtlichen Θ Θ, der Anfangsbuchstabe von Θάνατος (Tod) der verurtheilende Buchstabe bei den Griechen, wie es das c (condemno) bei den Römern war. seines Alphabetes noch entgehen. Doch genug von diesem traurigen Gegenstand. Wie befindet sich die schöne Julia?«

»Gut, denk' ich.«

»Empfiehl mich ihr. Aber horch, die Thüre dort kracht in ihren Angeln, wer kommt heraus? Beim Bacchus! es ist der Egypter. Was kann er mit unserem hohen Freunde zu schaffen haben?«

»Vermuthlich eine Unterredung über den Mord,« antwortete Diomed. »Aber was hält man denn für die Veranlassung zu dem Verbrechen? Glaukus sollte ja des Priesters Schwester heirathen.«

»Ja, und Einige sagen, Apäcides habe seine Einwilligung zu der Verbindung versagt; deshalb ist vielleicht ein plötzlicher Streit zwischen ihnen entstanden. Glaukus war augenscheinlich betrunken, ja, in so hohem Grade, daß er, als man ihn aufhob, ganz bewußtlos war, und wie ich höre, noch immer nicht bei sich ist – ob in Folge des Weins, des Schreckens, der Reue, der Furien oder des Bacchanals, vermag ich nicht zu sagen.«

»Der arme Tropf, hat er einen guten Anwalt?«

»Den besten – Gajus Pollio, einen Advokaten von tüchtiger Beredsamkeit. Pollio hat alle heruntergekommene Patrizier und hochgeborene Verschwender von Pompeji gemiethet, um schäbige Kleider anzuziehen, umherzulaufen, ihre Freundschaft für Glaukus zu beschwören, und so wo möglich die steinernen Herzen der Bürger zum Mitleid zu bewegen. Es sind dies alles Leute, mit denen Glaukus nicht ein Wort gesprochen haben würde, und hätte er Kaiser dadurch werden können! Denn, um gerecht gegen ihn zu sein, er war äußerst difficil in der Wahl seiner Bekannten. Diese Bemühungen übrigens werden fruchtlos sein; Isis ist gerade im gegenwärtigen Augenblick ungeheuer beliebt.«

»Ach, da fällt mir ein, daß ich selbst noch Waaren in Alexandria liegen habe. Ja, Isis muß beschützt werden.«

»Ganz richtig. So lebe denn wohl, alter Herr, wir treffen uns bald wieder; wo nicht, so müssen wir im Amphitheater eine Wette machen. Alle meine Berechnungen sind durch dieses verfluchte Unglück des Glaukus vereitelt. Er hatte auf Lydon den Gladiator gehalten, ich muß jetzt eine andere Wette zu machen suchen. Vale!«

Klodius verließ eben den minder beweglichen Diomed, der seiner Villa zusteuerte, und setzte seinen Weg fort, ein griechisches Lied summend und die Nacht mit den Wohlgerüchen durchwürzend, welche seinen schneeweißen Gewändern und fließenden Locken entströmten.

»Wenn,« dachte er, »Glaukus vom Löwen verschlungen wird, hat Julia niemand mehr, den sie inniger lieben sollte als mich; sie wird sich dann gewiß in mich verlieben, und so muß ich sie wohl heirathen. Bei den Göttern! die zwölf Linien fangen an mir ungetreu zu werden – die Leute beginnen argwöhnisch auf meine Hand zu schauen, wenn sie die Würfel schüttelt. Der höllische Sallust flüstert von Betrug, und ist es entdeckt, daß das Elfenbein mit Blei ausgegossen, dann ist's aus mit lustigem Abendessen und duftenden Billets – Klodius ist verloren! Besser also, ich heirathe, so lange ich dem Spiel noch entsagen und mein Glück, oder vielmehr das der liebenswürdigen Julia am kaiserlichen Hof verfolgen kann.«

Also die Pläne seines Ehrgeizes besprechend, wenn nämlich die Projekte des Klodius diesen hohen Namen verdienen, wurde der Spieler plötzlich von Jemand angeredet; er wandte sich um und erblickte die dunkle Stirne des Arbaces.

»Heil Dir, edler Klodius; verzeih, daß ich Dich störe! Sag' mir doch gefälligst, wo ist das Haus des Sallust?«

»Es ist nur wenige Schritte von hier, weiser Arbaces. Aber gibt Sallust heute Abend ein Essen?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete der Egypter, »und bin auch wohl keiner von Denjenigen, die er als gute Gesellschafter auswählen würde. Aber Du weißt, daß in seinem Hause der Mörder Glaukus verwahrt wird.«

»Ach ja, der gutherzige Epikuräer glaubt an des Griechen Unschuld! Du erinnerst mich da, daß er für ihn Bürge geworden und also bis zur gerichtlichen Verhandlung für seine Person verantwortlich ist.Wenn ein Verbrecher Bürgen (in Kapitalfällen Vades genannt) stellen konnte, so durfte er erst nach gefälltem Erkenntnis ins Gefängnis wandern. Nun, Sallust's Haus ist immer besser als ein Gefängnis, besonders als das erbärmliche Loch auf dem Forum. Aber, was kannst Du mit Glaukus zu schaffen haben?«

»Sieh, edler Klodius, es wäre doch gut, wenn wir ihn vom Tode retten könnten. Die Verurtheilung eines Reichen ist ein Schlag auf die ganze Gesellschaft. Ich möchte mich gerne mit ihm besprechen – denn wie ich höre, ist er wieder bei Sinnen – und mich über die Beweggründe seines Verbrechens genau erkundigen; vielleicht sind sie mildernd genug, um mich zu seiner Vertheidigung zu bestimmen.«

»Das ist sehr wohlwollend, Arbaces.«

»Wohlwollen ist die Pflicht dessen, der nach Weisheit strebt,« antwortete Arbaces bescheiden. »Wo ist Sallust's Wohnung?«

»Ich will sie Dir zeigen,« entgegnete Klodius, »wenn Du mir erlaubst, Dich einige Schritte zu begleiten. Aber sage mir, was ist aus dem armen Mädchen geworden, das den Athener heirathen sollte – der Schwester des ermordeten Priesters.«

»Ach, sie ist beinahe wahnsinnig. Bisweilen stößt sie Verwünschungen gegen den Mörder aus – dann hält sie plötzlich inne und ruft: ›Aber warum fluchen? Oh, mein Bruder, Glaukus war nicht dein Mörder, nie werde ich es glauben!‹ Dann beginnt sie von Neuem, hält wiederum an und flüstert schaudernd vor sich hin – ›ach, wenn er es doch wäre!‹

»Unglückliche Ione!«

»Es ist übrigens ein Glück für sie, daß die heiligen, von er Religion gebotenen Pflichten gegen den Verstorbenen bis jetzt ihre Aufmerksamkeit von Glaukus und von ihr selbst zum größten Theile abgezogen haben; in der Dunkelheit ihres Bewußtseins nämlich scheint sie es kaum zu ahnen, daß Glaukus verhaftet und seine gerichtliche Aburtheilung so nahe ist. Wenn die Begräbnisfeierlichkeiten vorüber sind, wird ihr klares Bewußtsein zurückkehren, und dann fürchte ich sehr, daß es ihren Freuden unangenehm sein wird, zu sehen, wie sie dem Mörder ihres Bruders auf jede Weise zu helfen sucht.«

»Einem solchen Skandal sollte man vorbeugen.«

»Ich hoffe zu diesem Zwecke bereits die nöthigen Maßregeln getroffen zu haben. Ich bin ihr gesetzlicher Vormund, und habe so eben die Erlaubnis erhalten, sie nach dem Begräbnis des Apäcides in mein Haus zu führen; dort, wenn es den Göttern gefällt, wird sie sicher sein.«

»Da hast Du wohl gethan, weiser Arbaces. So, dort ist das Haus des Sallust. Die Götter mögen Dich behüten! Doch höre, Arbaces – warum so düster und ungesellig? Die Leute sagen, Du könntest heiter sein – warum erlaubst Du mir nicht, Dich in die Genüsse Pompeji's einzuweihen? Ich schmeichle mir, sie besser zu kennen als irgend Einer.«

»Ich danke Dir, edler Klodius; unter Deiner Leitung könnte ich es wohl wagen, die Philyra zu tragen; aber in meinem Alter würde ich ein unbeholfener Lehrling sein.«

»Oh, sei ohne Furcht; ich habe schon Burschen von sechzig Jahren bekehrt. Überdies sind die Reichen nie alt.«

»Du schmeichelst mir. Später will ich Dich an Dein Versprechen erinnern.«

Du kannst jeder Zeit über Markus Klodius verfügen – und jetzt lebe wohl!«

»Ich bin,« sagte der Egypter zu sich selbst, »denn doch kein blutdürstiger Mensch; ich will gerne diesen Griechen retten, wenn er sich dazu versteht, durch ein Geständnis des Verbrechens Ione für immer zu verlieren und mich von der Möglichkeit einer Entdeckung für immer zu befreien; und ich kann ihn retten, dadurch, daß ich Julia überrede, den Liebestrank einzugestehen, der zu seiner Entschuldigung dienen wird. Wenn er aber das Verbrechen eingesteht, nun, so muß Julia von einem solchen Bekenntnis abgehalten werden und er sterben! – sterben, damit er mein Stellvertreter bei den Todten werde. Wird er ein solches Bekenntnis ablegen? – Könnte man ihn vielleicht nicht überreden, er habe in seinem Wahnsinn den tödtlichen Streich geführt? Mir würde es größere Sicherheit gewähren, als selbst sein Tod. Hm, wir müssen den Versuch wagen.«

Durch die enge Straße hinschreitend, näherte sich Arbaces jetzt dem Hause des Sallust, als er in eine dunkle, in einen Mantel gehüllte Gestalt der Länge nach auf der Thürschwelle liegen sah.

So still lag die Gestalt und in so trübem Lichte erschienen ihre Umrisse, daß jeder Andere als Arbaces voll Aberglauben befürchtet hätte, hier eine jener grimmigen Lemuren zu erblicken, die vor allen andern Orten auf den Thürschwellen der früher von ihnen besessenen Wohnungen sich aufhielten; für Arbaces aber waren dergleichen Träumereien nicht.

»Steh auf,« sagte er, die Gestalt mit dem Fuß berührend, »Du versperrst den Weg.«

»Ha, wer bist du?« rief diese mit scharfem Ton, und als sie sich vom Boden aufrichtete, fiel das Sternenlicht auf das blasse Gesicht und die starren, aber blinden Augen Nydia's, der Thessalierin. »Wer bist Du? Ich kenne den Klang Deiner Stimme.«

»Kleine Blinde! Was thust Du hier zu so später Stunde? Pfui – paßt sich das für Dein Geschlecht und Alter? Geh nach Haus, Mädchen!«

»Ich kenne Dich,« sagte Nydia mit leiser Stimme, »Du bist Arbaces der Egypter.« Dann warf sie sich, wie durch eine plötzliche Eingebung veranlaßt, ihm zu Füßen,. umschlang seine Kniee und rief in wildem leidenschafchtlichem Ton: »O furchtbarer und mächtiger Mann, rette ihn – rette ihn; er ist nicht schuldig – ich bins's! In diesem Hause hier liegt er krank – sterbend, und ich – ich bin die verabscheuungswürdige Ursache. Und sie wollen mich nicht zu ihm lassen – sie jagen das blinde Mädchen aus der Halle fort, o heile ihn! Du kennst gewiß ein Kraut – einen Zauber – ein Gegengift; denn es ist ein Trank, den diese Raserei hervorgebracht hat.«

»Still, Kind! Ich weiß Alles – Du vergißt, daß ich Julia in die Höhle der Saga begleitete. Ohne Zweifel hat sie ihm den Trank beigebracht; aber ihr guter Name erheischt Dein Stillschweigen. Mach Dir keine Vorwürfe – was geschehen muß, geschieht! Unterdessen will ich den Verbrecher besuchen – vielleicht kann man ihn noch retten! Weg! –«

Mit diesen Worten machte sich Arbaces von der Umschlingung der verzweifelten Thessalierin los und klopfte laut an die Thüre.

Bald darauf hörte man, wie die schweren Riegel zurückgeschoben wurden und, die Thüre halb öffnend, fragte der Pförtner, wer da sei.

»Arbaces – wichtige Geschäfte bei Sallust, in Bezug auf Glaukus, ich komme vom Prätor.«

Halb gähnend, halb stöhnend ließ der Pförtner die hohe Gestalt des Egypters ein. Nydia stürzte vor mit dem Ausruf: »Wie geht's ihm? Sag' es mir – sag' es mir!«

»Ah, närrisches Mädchen, bist Du's noch immer? – Schäme Dich doch. Nun ja, sie sagen, er sei wieder bei Verstand.«

»Die Götter seien gepriesen! – Und Du willst mich nicht einlassen? Ach ich bitte Dich –«

»Dich einlassen! – Nein. Einen saubern Gruß würd' ich diesen Schultern bereiten, wenn ich Geschöpfe Deiner Art einließe! Geh heim!«

Die Thüre wurde verschlossen und mit einem tiefen Seufzer legte sich Nydia noch einmal auf die kalten Steine nieder, hüllte das Gesicht in ihren Mantel und begann von Neuem ihre traurige Nachtwache.

Unterdessen war Arbaces bereits in das Triklinium eingetreten, wo Sallust mit seinem Lieblingsfreigelassenen noch spät zu Abend speiste.

»Was, Arbaces! Und um diese Stunde – nimm diesen Becher!«

»Mein guter Sallust, um eines Geschäftes, nicht um des Vergnügens willen, wage ich Dich zu stören. Wie befindet sich Glaukus? – In der Stadt sagt man, er sei wieder zur Besinnung gekommen.«

»Ach ja,« antwortete der gutmütige, aber gedankenlose Sallust, sich eine Thräne aus dem Auge wischend; »aber so erschüttert sind seine Nerven und seine ganze Constitution, daß ich den glänzenden und munteren Zecher, der er bis daher war, kaum wieder erkannte. Das Sonderbarste jedoch ist, daß er über die Ursache des plötzlichen Wahnsinns, der über ihn kam, durchaus keine Rechenschaft zu geben vermag – er hat nur eine dunkle Erinnerung dessen, was vorgegangen ist, und betheuert, trotz Deines Zeugnisses, weiser Egypter, seine Unschuld an dem Tode des Apäcides.

»Sallust,« erwiderte Arbaces ernst, »in der Lage Deines Freundes liegt Manches, das besondere Rücksicht verdient und könnten wir aus seinem Munde das Bekenntnis und die Beweggründe seines Verbrechens erfahren, so ließe sich noch viel von der Gnade des Senats hoffen; denn der Senat hat, wie Du weißt, die Macht, das Gesetz zu mildern oder zu schärfen. Deshalb nun habe ich mich mit der ersten obrigkeitlichen Person der Stadt besprochen und die Erlaubnis ausgewirkt, heute Nacht eine Privatunterredung mit dem Athener zu halten. Morgen, wie Du weißt, wird die gerichtliche Verhandlung stattfinden.«

»Gut,« sagte Sallust, »Du wirst Dich Deines morgenländichen Namens und Rufes würdig erzeigen, wenn Du irgend etwas von ihm herausbringen kannst – aber versuch's; armer Glaukus – er hatte einen so vortrefflichen Appetit! Jetzt ißt er nichts.«

Der gemüthliche Epikuräer ward bei diesem Gedanken sichtbar gerührt. Er seufzte und befahl seinem Sklaven, seinen Becher wieder zu füllen.

»Die Nacht schwindet,« sagte der Egypter, »gestatte mir also jetzt Deinen Gefangenen zu sehen.«

Sallust nickte bejahend und führte den Advokaten nach einem kleinen Gemach, das von außen durch zwei schläfrige Sklaven bewacht wurde. Die Thüre ging auf; auf das Begehren des Egypters zog sich Sallust zurück – der Egypter war allein bei Glaukus.

Auf einem jener hohen und anmuthigen Kandelabern, die damals gebräuchlich waren, brannte eine einzige Lampe neben dem kleinen Bett. Blaß fielen ihre Strahlen auf das Gesicht des Atheners, und sogar Arbaces ward gerührt, als er sah, welch beträchtliche Veränderung in diesem Gesichte vorgegangen war. Die blühende Farbe war verschwunden, die Wangen eingefallen, die Lippen verzerrt und bleich; erbittert war der Kampf zwischen Vernunft und Wahnsinn, Leben und Tod gewesen; die Jugendkraft des Glaukus hatte den Sieg davongetragen; aber die Frische des Blutes und der Seele – des Lebens Leben, seine Herrlichkeit und seine Würze waren für immer entschwunden.

Der Egypter setzte sich leise neben das Bett; Glaukus lag noch immer stumm und ohne seine Gegenwart zu bemerken, da. Endlich begann Arbaces nach langer Pause: »Glaukus, wir sind Feinde gewesen. Ich komme zu Dir allein und in der Stille der Nacht – als Dein Freund, vielleicht Dein Retter.«

Wie das Roß, wenn es die Nähe des Tigers wittert, erschrickt, so sprang Glaukus auf – athemlos, beunruhigt, keuchend bei der unerwarteten Stimme; der plötzlichen Erscheinung seines Feindes. Ihre Augen begegneten sich und mehre Sekunden lang hatte Keiner die Macht, seinen Blick zurückzuziehen. Eine fliegende Röthe überzog das Gesicht des Atheners und die dunkle Wange des Egypters wurde noch tiefer. Endlich wandte sich Glaukus mit einem Seufzer ab, fuhr mit der Hand über die Stirne und sank zurück mit dem Ausruf: »Träume ich immer noch?«

»Nein, Glaukus, Du wachst. Bei dieser rechten Hand und meines Vaters Haupt, Du siehst einen Mann vor Dir, der Dein Leben retten kann. Höre, ich weiß, was Du gethan hast, aber ich kenn auch die Milderungsgründe Deiner That, die Du selbst nicht kennst. Du hast zwar einen Mord begangen – einen gotteslästerlichen Mord; runzle die Stirn nicht – fahre nicht zurück – diese Augen sahen es. Aber ich kann Dich retten – kann beweisen, wie Du Deiner Sinne beraubt und in die Unmöglichkeit, frei zu denken und frei zu handeln, versetzt wurdest. Damit ich Dich aber retten kann, mußt Du Dein Verbrechen eingestehen. Unterzeichne nur dieses Papier, bekenne durch Deine eigenhändige Unterschrift, daß Du am Tod des Apäcides schuldig bist und Du sollst der verhängnisvollen Urne entgehen!«

»Was sind das für Worte? – Mord und Apäcides! – Sah ich ihn nicht, blutend und eine Leiche auf dem Boden hingestreckt? Und Du möchtest mich überreden, daß ich die That begangen habe? Mann, Du lügst! – Hinweg von mir!«

»Nicht so rasch, Glaukus – übereile Dich nicht; die That ist erwiesen. Es ist allerdings durchaus nicht befremdend, daß Du Dich an eine Handlung nicht mehr erinnerst, die Du im Wahnsinn begangen hast, und die Du bei voller Besinnung selbst nicht mit anzusehen im Stande gewesen wärest. Aber ich will versuchen, Dein erschöpftes und ermattetes Gedächtnis aufzufrischen. Du weißt, Du gingst mit dem Priester, in lebhaftem Gespräch über seine Schwester begriffen, auf und ab; Du weißt, er war unduldsam und suchte als ein halber Nazarener Dich zu bekehren und so kam es zwischen Euch zu einem Wortwechsel; er schmähte Deine Lebensweise und schwur, er werde in die Verbindung Ione's mit Dir nie einwilligen, und dann in Deinem Zorn und Wahnsinn brachtest Du ihm den tödtlichen Stoß bei. Dessen wirst Du Dich doch erinnern? Lies dieses Papier, es enthält diese Erklärung – unterzeichne und Du bist gerettet.«

»Barbar, gib mir die Lüge geschrieben, damit ich sie zerreiße! Ich der Mörder von Ione's Bruder! Ich bekennen, ein Haar auf dem Haupte dessen gekrümmt zu haben, den sie liebte! Lieber will ich tausendmal zu Grunde gehen.«

»Sieh Dich wohl vor,« sagte Arbaces mit leiser, zischender Stimme; »hier ist bloß eine Wahl – Dein Bekenntnis und die Unterschrift – oder das Ampthitheater und der Löwenrachen!«

Seine Blicke auf den Leidenden heftend, begrüßte der Egypter mit Freuden die Merkmale der sichtbaren Bewegung, welche den Letztern bei diesen Worten ergriff. Ein leichter Schauder zuckte über den Körper des Atheners hin – seine Lippe sank herab – ein Ausdruck plötzlicher Furcht und Verwunderung verrieth sich auf Stirn und Auge.

»Große Götter!« rief er mit leiser Stimme, »welch ein Umsturz! Kaum ein Tag, däucht es mir, daß mir das Leben noch aus Rosen entgegenlachte – Jugend, Gesundheit und Liebe ihre Schätze über mich ergießend, und jetzt Schmerz, Wahnsinn, Schande, Tod! Und wofür? Was habe ich gethan? Oh, ich bin noch immer wahnsinnig!«

»Unterzeichne und Du bist gerettet,« ließ sich der Egypter mit sanfter, einschmeichelnder Stimme vernehmen.

»Nun und nimmermehr, Versucher!« rief Glaukus in einem neuen Anfall von Wuth. »Du kennst mich nicht; kennst nicht die stolze Seele eines Atheners. Das plötzlich auftauchende Antlitz des Todes konnte mich auf einen Augenblick erschrecken, aber die Furcht ist vorüber. Die Schrecken der Entehrung hingegen währen ewig! Wer wird seinen Namen beschimpfen, um sein Leben zu retten? Wer ein reines Bewußtsein gegen befleckte Tage hingeben? Wer sich selbst in die Schande hineinlügen und beschimpft in den Augen der Ehre und Liebe dastehen? Gibt es einen so elenden Feigling, der um einige Jahre eines befleckten Lebens zu gewinnen, dies thut, so laß Dir nicht einfallen, schwachköpfiger Barbar des Ostens, ihn in einem Manne zu suchen, der denselben Boden betreten hat wie Harmodius, dieselbe Luft eingeathmet hat wie Sokrates. Geh, laß mich ohne Selbstverachtung leben – aber ohne Furcht untergehen.«

»Bedenk es wohl! die Klauen des Löwen, das Hohngeschrei des rohen Pöbels, das Hinstarren der Menge auf Deinen Todeskampf und Deine verstümmelten Glieder, Dein Name entehrt; Dein Leichnam unbeerdigt; die Schande, der Du entgehen möchtest, sich für immer und ewig an Dein Andenken knüpfend.«

»Du rasest, Du bist der Wahnsinnig! Die Schande besteht nicht in dem Verlust der Achtung anderer Menschen – sondern in dem Verlust unserer Selbstachtung. Willst Du gehen? Du bist meinem Auge ein Gräuel! Von jeher haßte, jetzt aber verachte ich Dich!«

»Ich gehe,« sagte Arbaces, im Innern verwundet und erbittert, aber nicht ohne eine gewisse bemitleidende Bewunderung seines Opfers; »ich gehe, wir treffen uns noch zweimal – einmal vor Gericht – das anderemal vor dem Tod! Lebe wohl!«

Der Egypter erhob sich langsam, schlug sein Gewand um sich und verließ das Zimmer. Für einen Augenblick begab er sich zu Sallust, dem der Wein tüchtig zugesetzt hatte. »Er ist noch immer bewußtlos, oder verstockt; es gibt keine Hoffnung für ihn.«

»Sage das nicht,« erwiderte Sallust, der nur geringen Groll gegen des Atheners Ankläger fühlte; war er doch selbst nicht von sehr strenger Tugend und eher von seines Freundes Unglück gerührt als von dessen Unschuld überzeugt; »sage das nicht, mein Egypter! Ein so tüchtiger Trinker soll wo möglich gerettet werden. Bacchus gegen Isis!«

»Wir werden sehen,« versetzte der Egypter.

Plötzlich wurden die Riegel von Neuem zurückgeschoben, die Thüre geöffnet. Arbaces befand sich auf der offenen Straße und noch einmal fuhr die arme Nydia von ihrer langen Wache auf.

»Willst Du ihn retten?« rief sie, die Hände faltend.

»Kind, folge mir nach Hause; ich möchte mit Dir sprechen – um seinetwillen verlange ich es.«

»Und du willst ihn retten?«

Keine Antwort drang zu dem Ohr des gierigen Mädchens; Arbaces war bereits eine gute Strecke vorausgegangen; sie besann sich einen Augenblick und folgte sodann seinen Schritten stillschweigend nach.

»Ich muß dieses Mädchen in Sicherheit bringen,« sagte er nachdenklich, »damit sie nichts von dem Liebestrank aussagt. Was die eitle Julia anbelangt, so wird sie sich nicht selbst verrathen.«

Achtes Kapitel.

Ein klassisches Leichenbegängnis.

Während Arbaces in dieser Weise sich rührte, waren Kummer und Tod in dem Hause Ione's. Es war die Nacht vor dem Morgen, an welchem die irdische Hülle des ermordeten Apäcides begraben werden sollte. Der Leichnam war aus dem Isistempel nach dem Hause seiner nächsten Verwandten gebracht worden und Ione hatte in demselben Augenblicke den Tod ihres Bruders und die Anklage gegen ihren Verlobten erfahren. Der erste heftige Schmerz, der das Bewußtsein gegen alles Andere abgestumpft, sowie das schonende Schweigen ihrer Sklavinnen, hatte sie verhindert, etwas Genaues über die Lage ihres Geliebten zu erfahren. Seine Krankheit, seine Raserei und sein bevorstehender Prozeß waren ihr unbekannt. Sie hörte bloß von der Anklage gegen ihn, verwarf aber sofort mit Entrüstung jeden Glauben an dieselbe, und als sie erfuhr, daß Arbaces der Ankläger sei, da bedurfte es keines weiteren Grundes mehr, um sie zu dem festen und entschiedenen Glauben zu bestimmen, daß der Egypter selbst der Verbrecher sei. Aber die große und allgegenwärtige Wichtigkeit, mit der die Alten jede auf den Tod eines Verwandten bezügliche Ceremonie behandelten, hatte bis daher ihren Gram und ihre Überzeugung auf das Zimmer, in welchem der Tode ruhte, beschränkt. Ach, es war ihr nicht vergönnt gewesen, jene zärtliche und rührende Pflicht zu erfüllen, die den nächsten Verwandten gebot, den letzten Athem, die scheidende Seele des Geliebten aufzufassen; aber sie durfte wenigstens die starren Augen, die verzerrten Lippen schließen, bei der heiligen Hülle wachen, wie sie so frisch gebadet und gesalbt in festlichen Kleidern auf dem elfenbeinernen Bette lag; das Lager mit Blättern und Blumen bestreuen und den geweihten Cypressenzweig an den Thürpfosten erneuern. In diesem traurigen Dienste nun, unter Wehklagen und Gebet, vergaß Ione sich selbst. Einer der lieblichsten Bräuche der Alten war, die jungen Leute in der Morgendämmerung zu begraben; denn wie sie überhaupt dem Tode die mildeste Deutung zu geben bemüht waren, so dachte sich ihr poetischer Sinn, Aurora, welche die Jugend liebe, habe jene gestohlen, um sie in ihre Arme zu schließen, und obschon diese Fabel sich auf den ermordeten Priester nicht anwenden ließ, so wurde doch die allgemeine Sitte beibehalten.Dies war eigentlich eher eine griechische als römische Sitte; der Leser wird jedoch in Erwägung ziehen, daß in den Städten Großgriechenlands griechischer Brauch und Aberglaube mit dem römischen gewaltig vermischt war.

Die Sterne verbleichten einer nach dem andern am Grauen Himmel und langsam wich die Nacht vor dem annähernden Morgen zurück, als eine dunkle Gruppe vor Ione's Thür stand. Hohe und dünne Fackeln, durch die unreife Morgendämmerung noch blässer gemacht, warfen ihr Licht auf verschiedene Gesichter, die in ihrer tiefsten Stille für den Augenblick einen Ausdruck feierlichen Ernstes an sich trugen. Bald erhob sich eine langsame und wehmüthige Musik, die zu der düstern Feierlichkeit paßte und durch die verschlossenen und geräuschlosen Straßen hinschwebte, während ein Chor von weiblichen Stimmen (die von den römischen Dichtern so oft erwähnten Praeficae, begleitet von der Tibia und der mystischen Flöte, folgendes Lied sangen:

Tritt über deines Hauses Trauerschwelle,
Wo statt der Rose die Cypresse winkt;
Du bist ein Wandrer nach Cocytus Quelle
In die die Oberwelt vor dir versinkt!
Wir laden dich mit Thränen und mit Klagen,
Es geht zum Schmause, wo der Tod kredenzt;
Des Charons Kahn wird dich hinübertragen,
Das Haus der Nacht ist schon für dich bekränzt.
Dort werden alle Freuden dir verschwinden,
Der Glanz des Tages und der Nächte Last;
Dafür wirst du die Töchter Argos finden,
Dafür den Geier an Prometheus Brust;
Seryon mit dem Haupt, dem dreigestalten,
Den falschen Aeoliden, der den Stein,
Den Berg hinaufwälzt, der ihn nie will halten,
Und Tantalus in seiner heißen Pein –
Sie wirst du sehen bei dem trüben Lichte,
Das Pluto's Strand in matte Dämmrung hüllt
Du stehst am Kahn mit bleichem Angesichte,
Er wartet nur, daß wir die Pflicht erfüllt!Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, daß dem Glauben der Alten zufolge der Schatten erst nach der Leichenfeierlichkeit übe den Styx geschifft wurde.
So komm denn, zögre nicht, der Schatten weilet,
Ein Unbegrabner vor dem letzten Haus;
Die Fackel dunkelt und der Morgen eilet,
Komm, Klagende, der Todte strebt hinaus!

Als die letzten Töne der Hymne verhallten, theilte sich die Gruppe in zwei Reihen und die Leiche des Apäcides wurde auf einem Ruhebette mit einer purpurnen Decke, die Füße voran, herausgebracht. Der Designator oder Marschall der düstern Ceremonie, gefolgt von seinen schwarzgekleideten Fackelträgern gab das Zeichen und langsam bewegte sich der Zug vorwärts.

Zuerst kamen die Musikanten, einen langsamen Marsch spielend, in welchem der feierliche Ton der sanften Instrumente oft durch ein lautes und wildes Schmettern der Leichentrompete unterbrochen wurde, dann die gemietheten Klagefrauen, Grablieder auf den Verstorbenen singend, und in die weiblichen Stimmen mischten sich die von Knaben, deren zarte Jahre den Gegensatz zwischen Leben und Tod, zwischen dem stoischen Laub und dem verwelkten noch schärfer hervorhoben. Die Schauspieler jedoch, die Possenreißer, der Archimimus (dem es oblag, die Rolle des Verstorbenen zu spielen), die die gewöhnlichsten Leichen regelmäßig erschienen, waren von einer Begräbnisfeier ausgeschlossen, an die sich so schauderhafte Erinnerungen knüpften.

Sodann kamen die Priester der Isis in ihren weißen Gewändern, baarfuß und Kornbüschel in den Händen; während vor der Leiche die Bilder des Verstorbenen und seiner zahlreichen athenischen Vorfahren getragen wurden. Hinter der Bahre aber folgte, umgeben von ihren Sklavinnen, die einzige noch lebende Verwandte des Verstorbenen: das Haupt bloß, die Haare fliegend, das Gesicht blässer als Marmor, aber gefaßt und still, außer daß sie dann und wann, wenn, erweckt durch die Musik, irgend ein zärtlicher Gedanke über den dunkeln Schlaf des Kummers hinzuckte, das Gesicht mit ihren Händen bedeckte und ungesehen schluchzte; denn nicht ihre Sache war der laute Kummer, die kreischende Klage, die unbeherrschte Geberde – die unterscheidenden Merkmale Derer, deren Trauer weniger aufrichtig war. Damals wie zu allen Zeiten floß der Strom des tiefen Kummers leis und still.

So bewegte sich der Zug vorwärts, bis er die Straßen durchzogen, das Stadtthor passirt und außerhalb der Mauern den Platz der Gräber erreicht hatte, den der Wanderer noch jetzt sieht.

Aus rauhem Fichtenholz, in dessen Zwischenräumen brennbare Materialien vorsorglich gelegt worden waren, hatte man den Scheiterhaufen errichtet, der sich in Form eines Altares erhob, und rings herum schwankten die schwarzen, düstern Cypressen, welche die Poesie seit langen Zeiten dem Grabe geweiht hat.

Sobald die Bahre auf den Scheiterhaufen gestellt war, machte das Leichengefolg auf beiden Seiten Platz, und Ione schritt zum Todtenbett hinan. Regungslos und still blieb sie einige Augenblicke vor der entseelten Hülle stehen. Die Züge des Todten hatten den ersten krampfhaften Ausdruck des gewaltigen Todes verloren. Zum ewigen Schweigen gebracht waren Schrecken und Zweifel, der Kampf der Leidenschaften, die heilige Scheu der Religion, der Streit der Vergangenheit mit der Gegenwart, die Hoffnungen und Befürchtungen der Zukunft. Von Allem, was die Brust dieses jungen Ringers nach dem Heiligsten des Lebens gepeinigt und verheert hatte – welche Spur war in der ernsten Heiterkeit dieser unerforschlichen Stirne und athemlosen Lippe noch sichtbar? Die Schwester schaute ihn an und kein Laut war hörbar unter der Menge; es lag etwas Schreckliches und doch zugleich Sänftigendes in dem Stillschweigen; als es aber gebrochen wurde, geschah dies plötzlich und schnell – mit einem lauten und leidenschaftlichen Schrei – dem Ausbruch lange zurückgehaltener Verzweiflung.

»Mein Bruder, mein Bruder!« rief die arme Waise, sich auf das Ruhebett hinwerfend; »Du, den der Wurm auf Deinem Pfade nicht fürchtete – welchen Feind konntest Du reizen? Oh, es ist wirklich dahin gekommen? Erwache, erwache; wir wuchsen zusammen auf! Sollen wir so auseinander gerissen werden? Du bist nicht todt – Du schläfst nur. Erwache, erwache!«

Der Ton ihrer durchdringenden Stimme erweckte das Mitgefühl der Leidtragenden und sie brachten in lautes und wildes Wehklagen aus. Dies schreckte Ione auf und rief sie in das Reich der Wirklichkeit zurück; hastig und verwirrt schaute sie auf, als gewahrte sie jetzt zum erstenmal die Anwesenheit ihrer Umgebung.

»Ach,« flüsterte sie schaudernd, »wir sind also nicht allein!«

Hiemit erhob sie sich nach einer kurzen Pause, und ihr blasses und schönes Antlitz war wieder ruhig und starr. Mit sanften und zitternden Händen lüftete sie die Augenlieder des VerstorbenenPlin. II. 37. ; als aber das dunkle gläserne Auge, hinfort nicht mehr von Liebe und Leben strahlend, dem ihrigen begegnete, da schrie sie auf, als ob sie ein Gespenst gesehen hätte. Doch von Neuem sich fassend, küßte sie wieder und wieder die Augenlieder, die Lippen und die Stirne, und nahm mechanisch und bewußtlos aus der Hand des Oberpriesters der Isis die Leichenfackel.

Der plötzliche Ausbruch der Musik, das sofort ertönende Lied der Leidtragenden, verkündeten die Geburt der heiligenden Flamme.

1.

Aus den Wolken, die dein Lager sind,
Stehe auf, o sanfter heil'ger Wind!
Sanft und heilig wollen wir dich nennen,
Ob wir auch dein Heimathland nicht kennen.
Jagest du mit Eurus wild davon,
Oder seist du Auster's düstrer Sohn,
Oder dessen, dem der Norden bebt,
Wenn er seinen Donnersturm erhebt;
Bist du uns so lieb, o heil'ger Wind,
Wie noch je des Wesens zartes Kind,
Schlich es durch des Zwielichts milden Thau,
Zu der Nymphe auf die feuchte Au.

2.

Sieh uns unsre Silberschalen schwingen,
Unsre Huldigung dir darbringen;
Nie noch strömten über Tempe's Felder,
Nie noch über Cyperns Cedernwälder.
Oder über Rhodus blaues Meer,
Deiner würdigere Düfte her.
Rings aus unserem heiligen Geschirre
Dampfen Narde, Cassia und Myrrhe
Ihre Wohlgerüche zu dir auf,
Zu umwogen deinen Silberlauf!

3.

Ew'ge Quelle aller Lebensfülle,
Luft, zu dir erhebet sich der Blick,
Nimm, o nimm aus dieser stummen Hülle,
Was du einst gesäet nun zurück!
Lodre denn, o heilge Flamme lodre!
Wache auf, o wilder Wind!
Sieh, es ist dein Eigenthum, o fordre,
Forde es zurück dein Kind!

4.

Horch er kommt schon! horch, er kommt und brauset,
Den wir vorgerufen, schon heran!
Und er stürmet und er drückt und sauset,
Und die Flamme lodert himmelan!
Wie sich unterm Schlage seiner Schwingen
Schnell die Elemente wild verschlingen!
Wie es wirbelt, wie es zischt und sprüht!
Wie die Flammenschlange glüht!
Steige hohe,
Heil'ge Lohe!
Schlage deine ries'gen Glieder
Um des Windes Sturmgefieder!
Und es nehmen von des Todes Thron
Nun die Elemente ihren Sohn!

5.

Laßt die Schalen weitre Kreise schwingen,
Laßt Die Saiten sanfter, weicher klingen!
Sieh! Die Hand der Flamme rettet dich!
Von der Erde, die gekettet dich,
Von der Menschheit eisernem Verhängnis,
Aus des Körpers finsterem Gefängnis
Schwingt empor die freie Seele sich!

Wie der Wind in ungehemmtem Zuge
Rastlos durch die freien Lüfte zieht,
Eilt die Seele nun in freiem Fluge
Durch des Raumes grenzenlos Gebiet.
Darum freue dich, in stiller Ruh
Führt Dich Charons Kahn der Freiheit zu.
Wo dich die, so dir vorangegangen,
Wo dir fern vom düsteren Kocyt
Der Genuß des Wiedersehens blüht.
Du bist nicht mehr Sklave dieser Erden,
Seele, du bist frei – doch werden wir,
Werden wir auch bald befreiet werden,
Um zu ruhn auf ewig dann bei dir?

Und hoch und weit erhob sich jetzt in den dämmernden Himmel das duftende Feuer; leuchtend schlug es durch die dunklen Cypressen, flog über die dichten Mauern der Stadt empor, und der früh beschäftigte Fischer sah mit Schrecken, wie die Flamme die Wogen der gleitenden See röthete.

Aber Ione saß entfernt und allein und sah, das Gesicht auf ihre Hände gestützt, die Flamme nicht, hörte weder das Wehklagen noch die Musik. Sie empfand nur das Gefühl der Einsamkeit – sie war noch nicht zu jener trostreichen und beseligenden Stimmung gelangt, in der wir wissen, daß wir nicht einsam, daß die Todten bei uns sind!

Der Wind kam den im Scheiterhaufen angebrachten brennbaren Materialien schnell zu Hülfe. Allmählig schwankte die Flamme, ward niederer und trüber und starb nach und nach, nachdem sie noch einigemale flüchtig aufgelodert, dahin – ein Bild des Lebens selbst! Wo gerade zuvor noch Flamme und Regung, da lag jetzt die dumpfe rauchende Asche.

Die letzten Funken wurden durch die Sklaven gelöscht, die Asche aber gesammelt. Mit den seltensten Weinen und den köstlichsten, wohlriechenden Flüssigkeiten getränkt, wurden die Überreste in eine silberne Urne gelegt, die man feierlich in einem der benachbarten Grabmale an der Straße aufstellte, nachdem man auch das Fläschchen voll Thränen und die kleine Münze hineingelegt hatte, welche die Poesie noch immer dem finstern Fährmann bestimmte. Das Grab aber wurde mit Blumen und Kränzen bedeckt, Weihrauch auf dem Altar angezündet und rings umher eine Schaar von Lampen aufgehängt.

Als jedoch am folgenden Tage der Priester mit frischen Gaben auf das Grab zurückkehrte, da fand er, daß den Geschenken des heidnischen Glaubens unbekannte Hände einen grünen Palmenzweig hinzugefügt hatten. Er ließ ihn liegen, indem er nicht wußte, daß dies das Begräbniszeichen der Christen war.

Nachdem die eben erwähnten Ceremonien vorüber waren, besprengte eine der Praeficæ die Leidtragenden mit dem reinigenden Lorbeerzweig, indem sie das letzte Wort ausrief: »ilicet!« (du darfst gehen) und die Feier war zu Ende.

Doch hielten sie noch einmal an, weinend und oft das rührende Lebewohl »salve eternum! aussprechend. Und als Ione noch immer auf der Stätte verweilte, erhoben sie das Abschiedslied:

Salve eternum

1.

Lebe wohl, entschwebter Geist!
Lebe wohl, was wir verbrennen!
Schmerzergriffen und verwaist
Müssen wir von dir uns trennen!
Dich hat nach dem dunkeln Strand
Das Geschick vorausgesandt;
Doch die raschen Horen tragen
Uns dir nach in kurzen Tagen!
Salve – salve!
Heil'ge Urne, theurer Staub,
Lebe wohl, des Todes Raub!
Salve – salve!

2.

Ilicet – ire licet!
Ach, umsonst entschwebst du uns;
Denn im Herzen lebst du uns!
Und auf jedem unsrer Schritte
Bist du stets in unsrer Mitte.
Und umsonst hat uns gefeuchtet
Unsre reinigende Flut,
Und umsonst hat uns geleuchtet
Unsrer Läuterungsfackel Glut.
Denn kein Zauber ist im Stand,
Daß er dein Gedächtnis bannt.
Deine Leichenfeier ist der Schmerz,
Und der Trauerpriester unser Herz.
Salve – salve!

3.

Ilicet – ire licet!
Leergebrannt ist nun der Herd,
Und die Flamme ist entschwunden;
Und dein Körper ist verzehrt,
Und dein Geist im Hades unten.
Unser Schmerz wird dich erheben,
Fühlest du der Schatten Noth;
Ist die Liebe kurz im Leben
Dauert ewig sie im Tod.
Salve – salve!
Eine Stunde blüht die Rose
In des Festes heitrem Schooße;
Die Cypresse grünt fort
An des Grabes düstrem Ort!
Salve – salve!

Neuntes Kapitel.

Worin Ione'n ein Abenteuer begegnet.

Während Einige zurückblieben, um den Leichenschmaus mit den Priestern zu theilen, schlug Ione mit ihren Sklavinnen den traurigen Heimweg ein. Und jetzt erst, nachdem die letzte Pflicht gegen ihren Bruder erfüllt war, erwachte ihr Geist aus seiner Betäubung, und sie gedachte ihres Bräutigams und der fürchterlichen, gegen ihn erhobenen Klage. Da sie, wie bereits gemeldet, nicht einen Augenblick der unnatürlichen Anklage Glauben schenkte, sondern den schwärzesten Verdacht gegen Arbaces hegte, fühlte sie, daß die Gerechtigkeit gegen ihren Geliebten und ihren ermordeten Bruder sie auffordere, sich zum Prätor zu begeben und ihm ihre Vermuthungen, so wenig sie auch Beweise dafür beibringen konnte, mitzutheilen. Als sie ihre Mädchen befragte, die bis daher in der zärtlichen Sorge, ihrer Gebieterin einen weiteren Schmerz zu ersparen, nichts über den Zustand des Glaukus erwähnt hatten, erfuhr sie, daß er gefährlich krank gewesen, sich im Hause Sallusts als Gefangener befinde und daß der Tag der betreffenden gerichtlichen Verhandlung bereits festgesetzt sei.

»Rettende Götter!« rief sie, »habe ich so lange seiner vergessen können? Schien ich ihn zu meiden? Oh, laßt mich eilen, gerecht gegen ihn zu sein – zu zeigen, daß ich, die nächste Verwandte des Todten, ihn für unschuldig halte. Schnell, schnell, laßt uns fliegen. Laßt mich ihn trösten, pflegen, ermuntern, und wenn man mir nicht glauben, wenn man meiner Überzeugung nicht nachgehen will, wenn man ihn zum Tod oder zur Verbannung verdammt, so will ich sein Schicksal theilen!«

Unwillkürlich beschleunigte sie ihre Schritte, wußte jedoch in der Verwirrung und der Zerstörung kaum wohin sie ging, indem sie bald beschloß, den Prätor aufzusuchen, bald nach dem Zimmer des Glaukus zu stürzen. Schon war sie, eher fliegend denn gehend, durch das Stadthor in die lange Straße getreten, die sich durch die Stadt hinzieht. Die Häuser standen offen, aber die Straßen waren noch verlassen; das Leben der Stadt war kaum erwacht, als sie plötzlich auf eine kleine Gruppe stieß, die eine bedeckte Sänfte umgab. Eine hohe Gestalt trat aus ihrer Mitte hervor und Ione schrie laut auf, als sie den Arbaces erkannte.

»Schöne Ione,« begann er sanft und dem Anscheine nach ihre Unruhe nicht bemerkend, »meine Pflegetochter, meine Zöglingin! Vergib mir, wenn ich Dich in Deinem frommen Schmerz störe; aber der Prätor, besorgt für Deine Ehre und vom innigsten Wunsche geleitet, daß Du Dich nicht übereilt in die bevorstehende Untersuchung verwickeln mögest – die seltsame Verwicklung Deiner Lage erwägend, da Du Gerechtigkeit für Deinen Bruder zu suchen, aber die Bestrafung Deines Verlobten zu fürchten hast – beklagend überdies Deine schutz- und freundlose Lage, und es für hart erachtet, wenn Du ohne Führer handeln und allein trauern müßtest, hat Dich weise und väterlich der Obhut Deines gesetzlichen Vormunds überwiesen. Sieh hier die Schrift, welche Dich meiner Aufsicht anvertraut.«

»Dunkler Egypter,« rief Ione, stolz auf die Seite tretend, »hinweg von mir! Du bist es, der meinen Bruder erschlagen hat! Deiner Obhut also, Deinen noch von seinem Blute rauchenden Händen will man die Schwester überantworten? Ha, Du wirst blaß! Dein Gewissen schlägt Dich! Du zitterst vor dem Donnerkeil des rächenden Gottes! Geh Deines Weges, und überlaß mich meinem Wehe!«

»Dein Kummer verwirrt Deine Vernunft, Ione,« entgegnete Arbaces, und suchte vergebens die gewöhnliche Ruhe seines Tones zu behaupten. »Ich verzeihe Dir, du wirst jetzt, wie immer, in mir Deinen sichersten Freund finden. Aber die Straße ist nicht der Ort für uns, um uns zu besprechen – für mich, um Dich zu trösten. Herbei, Sklaven! Komm, meine süße Mündel, die Sänfte harrt Deiner!«

Erstaunt und erschreckt sammelten sich die Dienerinnen um Ione und umschlangen ihre Knie.

»Arbaces!« sprach die älteste, »das ist gewiß nicht gesetzlich. Denn steht nicht geschrieben, daß die Verwandten des Todten neun Tage nach dem Begräbnis weder in ihrem Hause belästigt, noch in ihrer einsamen Trauer unterbrochen werden sollen?«

»Weib,« erwiderte Arbaces, gebieterisch mit der Hand winkend, »Eine Mündel unter das Dach ihres Vormunds zu verweisen, streitet nicht gegen die Leichengesetze. Ich sage Dir, ich habe den Befehl des Prätors. Dieser Aufschub ist unanständig. Bringt sie in die Sänfte.«

Mit diesen Worten schlang er seinen Arm fest um die zitternde Gestalt Ione's. Sie fuhr zurück, schaute ihm ernsthaft ins Gesicht und brach dann in krampfhaftes Lachen aus.

»Ha, ha, das ist gut – gut! Trefflicher Vormund – väterliches Gesetz, ha, ha!« Und selbst erschreckt durch das fürchterliche Echo dieses durchdringenden und wahnsinnigen Gelächters sank sie, während es verhallte, ohnmächtig zu Boden. Eine Minute später hatte sie Arbaces in die Sänfte gehoben. Die Träger setzten sich schnell in Bewegung und bald war die unglückliche Ione dem Auge ihrer weinenden Dienerinnen entrissen.

Zehntes Kapitel.

Was aus Ione im Haus des Arbaces wird – Der Egypter fühlt Mitleiden für Glaukus – Mitleiden ist oft ein sehr nutzloser Gast bei dem Schuldigen.

Der Leser wird sich erinnern, daß Nydia dem Arbaces, seinem Befehle gemäß, in seine Wohnung nachgefolgt war. Hier legte sie, im Verlaufe eines längeren Gespräches, von Verzweiflung und Gewissensbissen angetrieben, ihm das Bekenntnis ab, daß ihre Hand, und nicht die Julia's, dem Glaukus den verhängnisvollen Trank beigebracht habe. Zu jeder anderen Zeit hätte es den Egypter, schon vom philosophischen Standpunkte aus, interessirt. Tiefe und Ursprung der sonderbaren und verzehrenden Leidenschaft zu untersuchen, welche dieses seltsame Mädchen in seiner Blindheit und Sklaverei zu nähren gewagt hatte; gegenwärtig aber erheischte seine eigene Lage sein ganzes Nachdenken. Als die arme Nydia nach ihrem Geständnis sich vor ihm auf die Kniee warf und ihn anflehte, die Gesundheit des Glaukus wieder herzustellen und sein Leben zu retten – denn in ihrer Jugend und Unwissenheit hielt sie den dunklen Zauberer für mächtig genug, beides zu verwirklichen – da überzeugte sich Arbaces, ihr achtlos zuhörend, nur von der Nothwendigkeit, Nydia so lange in seinem Hause gefangen zu halten, bis das Schicksal des Glaukus entschieden sei. Denn hatte er es schon damals, als er sie bloß für die Mitschuldige Julia's bei Erlangung des Liebestrankes hielt, als für das völlige Gelingen seiner Rache gefährlich betrachtet, wenn sie frei bliebe, vielleicht als Zeugin auftrete, die Art und Weise, in welcher das Bewußtsein des Glaukus verdunkelt worden, eingestehe, und so für das Verbrechen, dessen der Grieche angeklagt war, nachsichtige Beurtheilung erwecke – wie viel wahrscheinlicher war es jetzt, daß sie, da ihre Hände den Trank gereicht, freiwillig ihr Zeugnis ablegen und begeistert von Liebe, selbst auf Kosten ihrer Ehre, einzig und allein ihren Irrthum wieder gut zu machen uns ihren Geliebten zu retten wünsche? Überdies, welchen Schimpf für den Rang und den Ruf eines Arbaces, als der Kuppler bei Julia's Leidenschaft, und als der Gehülfe bei den unheiligen Zaubereien der Saga des Vesuvs zu erscheinen! Nichts Geringeres fürwahr als sein Wunsch, den Glaukus zum Bekenntnis der Ermordung des Apäcides zu bestimmen, als der augenscheinlich für seine eigene zukünftige Sicherheit und für den günstigen Erfolg seiner Bewerbungen um Ione vortheilhafteste Ausweg, hatte ihn je bestimmen können, Julia's Geständnis als zulässig oder wünschenswerth zu betrachten.

Was Nydia betrifft, die durch ihre Blindheit schon von einer genauen Kenntnis des wirklichen Lebens ausgeschlossen war und die als Sklavin und Fremde die Strenge der römischen Gesetze nicht kannte, so dachte sie mehr an die Krankheit und den Wahnsinn des Atheners, als an das Verbrechen, dessen Beschuldigung sie nur unbestimmt vernommen hatte, oder an den möglichen Ausgang des bevorstehenden Prozesses. Was wußte die arme Unglückliche, mit der Niemand sprach, um die sich Niemand kümmerte, vom Senat und seinem Urtheil – von dem Wesen der Gesetze – von der Wildheit des Volkes – von der Arena und dem Löwen? Sie war gewöhnt, mit dem Gedanken an Glaukus alles Glückliche und Erhabene zu verbinden, und konnte sich somit nicht denken, daß außer dem Wahnsinn ihrer Liebe irgend eine Gefahr dieses geheiligte Haupt bedrohen könne. Glaukus schien ihr besonders für die Segnungen des Lebens bestimmt. Sie allein hatte den Strom seines Glückes getrübt; sie wußte nicht, sie träumte nicht, daß der einst so glänzende Strom der Dunkelheit und dem Tode zufließe. Also nur um den Verstand wieder herzustellen, den sie verwirrt, um das Leben zu retten, das sie gefährdet hatte, erflehte sie den Beistand des großen Egypters.

»Tochter,« begann Arbaces, aus seiner Träumerei erwachend, »Du mußt hier bleiben; es ziemt sich nicht für Dich, durch die Straßen zu ziehen und durch den rohen Fuß der Sklaven von der Thürschwelle fremder Häuser gestoßen zu werden. Ich habe Mitleid mit Deinem Verbrechen, das die Liebe begangen – ich will Alles thun, um es wieder gut zu machen. Gedulde Dich einige Tage hier, und Glaukus soll wieder hergestellt werden.« Mit diesen Worten und ohne die Entgegnung abzuwarten, eilte er aus dem Zimmer, schob den Riegel vor die Thür und beauftragte denjenigen Sklaven, der in diesem Theile des Hauses Dienst hatte, mit der Verköstigung und Verpflegung seiner Gefangenen.

Allein und nachdenkend erwartete er nun die ersten Strahlen der Morgenröthe und verließ, wie wir gesehen haben, mit ihnen sein Haus, um sich der Person Ione's zu bemächtigen. Seine Hauptabsicht in Bezug auf die unglückliche Neapolitanerin war in der That, wie er sich gegen Klodius geäußert hatte, dahin gerichtet, sie von einem thätigen Eingreifen in die gerichtliche Verhandlung über Glaukus abzuhalten und ihr (was sie gewiß nicht unterlassen haben würde) die Erhebung einer Klage gegen ihn, wegen der neulich gegen seine Mündel begangenen Treuelosigkeit und Gewaltthat, um so mehr unmöglich zu machen, als eine solche Klage die Ursachen, die er zur Rache an Glaukus hatte, zur Kenntnis des Gerichtes bringen, die Heuchelei seines Charakters enthüllen und beträchtliche Zweifel auf die Wahrhaftigkeit seiner gegen den Athener erhobenen Beschuldigungen werfen mußte. Erst als er ihr an jenem Morgen begegnet, erst nachdem er ihre lauten Beschuldigungen vernommen, überzeugte er sich, daß ihm in Folge ihres Verdachtes gegen ihn eine weitere Gefahr drohe. Nunmehr aber schmeichelte er sich mit dem Gedanken, daß seine Zwecke erreicht seien; denn der Gegenstand seiner Liebe und seiner Furcht befand sich jetzt ja in seiner Gewalt. Mehr als je glaubte er an die günstigen Verheißungen der Sterne, und als er Ione in dem innersten Zimmer seines geheimnisvollen Hauses, das er ihr angewiesen hatte, aufsuchte – als er sie von so vielen aufeinander folgenden Schlägen überwältigt, von Ohnmacht in Ohnmacht, von Aufregung in Erschlaffung sinken und aus einem hysterischen Zustande in den andern gerathen sah, da dachte er mehr an die Lieblichkeit, die kein Wahnsinn entstellen konnte, als an das Wehe, das er über sie gebracht. In jener leichtgläubigen Eitelkeit, die denen eigen ist, die von jeher im äußeren Leben wie in der Liebe unabänderlich glücklich waren, schmeichelte er sich, wenn Glaukus erst vernichtet, wenn sein Name durch ein richterliches Urtheil feierlich gebrandmarkt, wenn sein Anrecht auf ihre Liebe durch die Verurtheilung zum Tode wegen der Ermordung ihres eigenen Bruders, für immer verwirkt sei – werde sich ihre Liebe in Abscheu verwandeln und seine Zärtlichkeit und Leidenschaft, unterstützt durch all die Künste, mit denen er die weibliche Einbildungskraft zu blenden verstund, ihn auf den Thron ihres Herzens erheben, von welchem sein Nebenbuhler so fürchterlich herabgestürzt werden sollte. Dies war seine Hoffnung; sollte sie aber auch vereitelt werden, so flüsterte ihm seine unheilige und glühende Leidenschaft zu: »Im schlimmsten Fall ist sie jetzt in meiner Gewalt.«

Bei alledem jedoch fühlte er jene Unbehaglichkeit und Bangigkeit, welche stets im Geleite der Möglichkeit einer Entdeckung sind, selbst wenn der Verbrecher gegen die Stimme des Gewissens taub ist – jenen unbestimmten Schrecken vor den Folgen des Verbrechens, den man oft irrthümlicher Weise für Reue über das Verbrechen selbst hält. Die elastische Luft Kampaniens lag schwer auf seiner Brust; er sehnte sich, von einem Schauplatze wegzueilen, wo die Gefahr vielleicht nicht ewig mit den Todten schlief; und da er nun Ione'n in seinem Besitze hatte, beschloß er im Stillen, sobald er die letzten Todeszuckungen seines Nebenbuhlers mit angesehen haben werde, seinen Reichthum und sie, den kostbarsten aller seiner Schätze, nach einer fernen Küste überzuführen.

»Ja,« sagte er, in seinem einsamen Zimmer auf und abgehend; »ja, das Gesetz, das mir die Person meiner Mündel überantwortet, bringt mich auch in den Besitz meiner Braut. Weit über den breiten Ocean wollen wir ziehen, um neue Herrlichkeiten und noch ungekannte Genüsse zu suchen. Von meinen Sternen ermuthigt, von den Ahnungen meines Geistes getragen, wollen wir zu jenen großen und herrlichen Welten dringen, die, wie mich mein Wissen lehrt, noch unentdeckt, an den fernsten Enden des allumgebenden Meeres liegen. Dort kann dieses Herz, im Besitz von Liebe, endlich auch dem Ruhme wieder leben – dort kann ich vielleicht, unter Nationen, die das römische Joch nicht beugt, und zu deren Ohr der römische Name noch nicht gedrungen ist, ein Reich gründen und den Glauben meiner Väter fortpflanzen; dort kann ich vielleicht die Asche von Thebe's untergegangener Dynastie neu beleben, den Stamm meiner geliebten Ahnen auf noch größeren Küsten fortpflanzen und in dem edlen Herzen Ione's das dankbare Bewußtsein erwecken, daß sie das Loos eines Mannes theilt, der ferne von der überlebten Fäulnis dieser sklavischen Civilisation die ursprünglichen Elemente der Größe wieder herstellt und in einer mächtigen Seele die Eigenschaften des Propheten und des Königs vereinigt.«

Aus diesem hochtönenden Selbstgespräch wurde Arbaces erweckt, um dem Verhör des Atheners beizuwohnen.

Die eingefallene und blasse Wange seines Opfers rührte ihn weniger, als die Festigkeit seiner Nerven und die Unerschrockenheit seiner Stirne; denn Arbaces war ein Mann, der nur geringes Mitleid mit dem Unglück, aber ein lebhaftes Mitgefühl für den Muth hatte. Die geistige Verwandtschaft, die uns an Andere bindet, hat stets ihren Ursprung in den Eigenschaften unseres eigenen Wesens. Nicht sowohl über den Sturz seines Feindes, als über den Muth, womit er das Unglück erträgt, weint der Held. Wir alle sind Menschen, und auch Arbaces hatte, bei all seiner Lasterhaftigkeit, seinen Antheil an unsern gemeinsamen Gefühlen, an unserer Muttererde. Hätte er nur von Glaukus das schriftliche Bekenntnis seines Verbrechens herausgebracht, das diesen sicherer, als das Urtheil Anderer aus dem Herzen Ione's verdrängt und die Möglichkeit einer künftigen Entdeckung des wahren Thäters hinweggeräumt hätte, so würde Arbaces alle seine Kräfte zur Rettung des Glaukus aufgeboten haben. Selbst jetzt war sein Haß vorüber – sein Durst nach Rache gestillt; er zertrat seine Beute nicht aus Feindschaft, sondern als ein Hindernis auf seinem Wege. Gleichwohl verfolgte er mit nicht geschwächter Entschlossenheit, mit nicht verminderter List den Pfad, den er zur Vernichtung eines Mannes eingeschlagen, dessen Untergang zur Erreichung seiner Zwecke unerläßlich nothwendig war, und während er mit anscheinendem Widerstreben und Mitleid das verdammende Zeugnis gegen Glaukus ablegte, nährte er insgeheim und durch Vermittlung der Priester jene Entrüstung des Volkes, welche dem Mitleiden des Senats eine gewaltige Schranke setzte. Er hatte Julia besucht, ihr das Geständnis Nydia's mitgetheilt und dadurch unschwer jede Bedenklichkeit ihres Gewissens eingeschläfert, welche sie etwa hätte verleiten können, das Verbrechen des Glaukus durch ein Geständnis der zunächst von ihr ausgegangenen Veranlassung zu mildern; es ward ihm dies um so leichter, als ihr eitles Herz das Ansehen und das Glück des Glaukus, nicht den Glaukus selbst geliebt hatte; für einen unglücklichen Mann fühlte sie keine Liebe, ja, sie freute sich beinahe seines Falles, da er die verhaßte Ione demüthigte. Konnte Glaukus ihr Sklave nicht sein, so konnte er doch auch ihre Nebenbuhlerin nicht mehr anbeten. Dies war ein hinreichender Trost für jeden Kummer über sein Schicksal. Flüchtig und wankelmüthig, fing sie schon an, der plötzlichen und ernstlichen Bewerbung des Klodius Gehör zu schenken und war keineswegs geneigt, die Verbindung mit diesem niedrigdenkenden oder hochgeborenen Patrizier durch ein öffentliches Geständnis ihrer früheren Schwäche und ungezügelten Leidenschaft für einen andern auf's Spiel zu setzen. Somit lächelte Alles auf Arbaces, und Alles schaute finster auf den Athener.

Elftes Kapitel.

Nydia spielt die Rolle einer Zauberin

Als die Thessalierin fand, daß Arbaces nicht mehr zu ihr zurückkehre, als sie Stunde um Stunde der ganzen Qual einer furchtbaren, durch Blindheit doppelt unerträglich gemachten Ungewißheit überlassen wurde, begann sie, mit ausgestreckten Armen nach irgend einem Ausweg ihres Gefängnisses umherzufühlen, und da sie die einzige Thüre verschlossen fand, so schrie sie laut, mit dem Ungestüm eines von Natur heftigen und nun durch die Qualen der Ungeduld geschärften Gemüthes.

»He, Mädchen!« rief der dienstthuende Sklave, die Thüre öffnend, »bist Du von einem Skorpion gebissen, oder glaubst Du, wir sterben hier vor Stillschweigen und können nur, wie der kleine Jupiter, durch ein gewaltiges Geschrei gerettet werden?«

»Wo ist Dein Herr und weshalb bin ich hier eingesperrt? Ich muß Luft und Freiheit haben! laß mich fort.«

»Aha, Kleine, kennst Du den Arbaces noch nicht genug, um zu wissen, daß sein Wille allgewaltig ist? Er hat befohlen, daß Du eingesperrt werdest und deshalb bist Du eingesperrt und ich bin Dein Wächter. Luft und Freiheit kannst Du nicht haben, wohl aber etwas weit Besseres – Speise und Wein!«

»O Jupiter!« rief das Mädchen, die Hände ringend, »und weshalb bin ich hier verhaftet? Was kann der große Arbaces von einem so armen Geschöpf, als ich bin, wollen?«

»Das weiß ich nicht; es sei denn, daß Du Deine neue Gebieterin bedienen sollest, die heute hierhergebracht wurde.«

»Was, Ione hier?«

»Ja, die arme Dame; es gefiel ihr, glaub' ich, nicht besonders; doch ist Arbaces, beim Tempel des Castor! ein artiger Mann gegen Frauenzimmer. Deine Dame ist seine Mündel, wie Du weißt.«

»Willst Du mich zu ihr führen?«

»Sie ist krank – ganz außer sich vor Zorn und Ärger. Überdies habe ich keinen Befehl hiezu und ich für meine Person denke nie etwas. Als Arbaces mich zum Sklaven dieser Zimmer machte,In den Häusern der Großen hatte jede Zimmerreihe ihren besondern Sklaven. sagte er: ›Ich habe Dir nur eine Lehre zu geben – so lange Du mir dienst, mußt Du weder Ohren, noch Augen, noch eigene Gedanken haben; nur eine Eigenschaft mußt Du in Dich aufnehmen, – Gehorsam.‹«

»Aber was kann es schaden, wenn ich Ione besuche?«

»Das weiß ich nicht; wenn Du übrigens Gesellschaft wünschest, so will ich recht gerne mit Dir sprechen, liebe Kleine, denn ich bin einsam genug in meinem dunkeln Cubiculum. Und überdies bist Du ja eine Thessalierin – verstehst Du nicht irgend einen hübschen Zeitvertreib mit Messer und Scheere oder kannst Du vielleicht wahrsagen, wie die meisten Deiner Landsleute?«

»Still, Sklave, laß mich in Ruh! Oder wenn Du durchaus sprechen willst – was hast Du vom Zustand des Glaukus gehört?«

»Ei nun, mein Herr ist ausgegangen, um der gerichtlichen Verhandlung über den Athener beizuwohnen; Glaukus wird dafür büßen müssen.«

»Für was?«

»Für die Ermordung des Priesters Apäcides.«

»Ha!« rief Nydia, die Hände gegen die Stirne drückend; »ich habe allerdings etwas davon gehört, aber ich verstund es nicht. Doch, wer wird es wagen, ein Haar auf seinem Haupte zu krümmen?«

»Der Löwe, fürcht' ich.«

»Schützende Götter! welch gottloses Zeug sprichst Du da!«

»Nun ich sag bloß, daß, wenn man ihn schuldig befindet, der Löwe oder vielleicht der Tiger das Urtheil an ihm vollziehen wird.«

Nydia sprang auf, als hätte ein Pfeil ihr Herz durchbohrt: sie stieß einen durchdringenden Schrei aus, fiel dem Sklaven zu Füßen und rief in einem Ton, der selbst sein rohes Herz erweichte: »Ach, sage immer, daß Du gescherzt – daß Du nicht die Wahrheit geredet – sprich, sprich!«

»Nun, meiner Treu, blindes Mädchen, ich verstehe nichts von den Griechen; es sieht vielleicht nicht so schlimm aus, als ich sagte. Aber Arbaces ist sein Ankläger und das Volk verlangt ein Opfer für die Arena. Beruhige Dich! Doch was hat das Schicksal des Atheners mit dem Deinigen zu schaffen?«

»Thut nichts zur Sache – er ist freundlich gegen mich gewesen: Du weißt also nicht, was geschehen wird? Arbaces sein Ankläger! O Schicksal! Das Volk – das Volk! Doch dieses kann kein Antlitz schauen – wer wird grausam gegen den Athener sein! – Aber halt, war nicht die Liebe selbst grausam gegen ihn?«

Mit diesen Worten sank ihre Hand auf ihre Brust; sie verstummte, heiße Thränen strömten ihre Wangen herab und alle freundlichen Bemühungen des Sklaven, sie zu trösten, oder ihren tiefen Träumereien zu entziehen, waren fruchtlos.

Als ihr Wächter, durch seine häuslichen Pflichten genöthigt, ihr Zimmer verließ, begann Nydia ihre Gedanken wieder zu sammeln: Arbaces war der Ankläger des Glaukus, Arbaces hatte sie hier eingesperrt; war das nicht ein Beweis, daß ihre Freiheit dem Glaukus nützlich sein könne? – Ja, sie war hier offenbar in eine Schlinge gelockt; sie trug zum Untergang ihres Geliebten bei. O wie sehnte sie sich nach Befreiung! Zum Glück für sie verzehrte der Wunsch nach Flucht jede andere schmerzliche Empfindung, und als sie über die Möglichkeit ihrer Befreiung nachdachte, ward ihr Herz wieder ruhig, ihr geistiger Blick wieder klar. Sie besaß viel von der List ihres Geschlechtes, die durch ihre frühe Sklaverei nur noch erhöht worden war. Welchem Sklaven fehlte es je an Verschlagenheit? Sie beschloß also, ihre Kunst an ihrem Wächter zu versuchen, und da sie sich keiner abergläubischen Frage nach ihren thessalischen Künsten plötzlich erinnerte, hoffte sie, durch diese Handhabe auf irgend eine Weise ihre Flucht zu bewerkstelligen. Solche Gedanken beschäftigten ihren Geist den Rest des Tages und die langen Stunden der Nacht hindurch, und als sie Sosia am folgenden Morgen besuchte, beeilte sie sich, seine Geschwätzigkeit in jenen Kanal zu leiten, nach welchem dieselbe zuvor schon eine natürliche Strömung gezeigt hatte.

Sie begriff übrigens wohl, daß die Nacht die einzige Möglichkeit eines Entkommens bot und deshalb sah sie sich genöthigt, so schmerzlich ihr auch der Verzug fiel, ihren beabsichtigten Versuch bis dorthin zu verschieben.

»Die Nacht,« sagte sie, »ist die einzige Zeit, wo wir die Beschlüsse des Schicksals entziffern können – heute Nacht also mußt Du zu mir kommen. Aber was möchtest Du erfahren?«

»Beim Pollux, ich möchte gerne so viel wissen, als mein Herr; aber daran ist nicht zu denken. Laß mich wenigstens wissen, ob ich genug ersparen werde, um meine Freiheit zu kaufen, oder ob dieser Egypter sie mir umsonst gibt. Bisweilen begeht er solche Handlungen der Großmuth. Dann, vorausgesetzt nämlich, daß ich frei werde, ob ich wohl in den Besitz der hübschen Taverne unter den Myropolien komme, die mir schon lange in die Augen sticht? Es ist etwas hübsches um den Handel mit Wohlgerüchen, und er paßt sich recht gut für einen zurückgezogenen Sklaven, der etwas von einem Herrn an sich hat.«

»Nun ja, wenn Du genaue Antwort auf diese Fragen haben willst, so gibt es verschiedene Wege, um Dich zu befriedigen. Da ist die Lithomanteia oder der sprechende Stein, der auf Deine Fragen mit der Stimme eines Kindes antwortet; aber wir haben eben jenen kostbaren und seltenen Stein nicht hier. Dann gibt es auch die Gastromanteia, wobei der Dämon bleiche und geisterhafte Gestalten auf das Wasser wirft, welche die Zukunft vorhersagen; aber hiezu braucht man Gläser von besonderer Art, um die geweihte Flüssigkeit aufzunehmen, die wir nicht haben. Ich denke deshalb, die einfachste Weise, Deinen Wunsch zu erfüllen, sei die Anwendung der Magie der Luft.«

»Ich hoffe,« sagte Sosia zitternd, »daß nichts besonders Schreckliches dabei vorkommt? Ich bin kein Freund von Geistererscheinungen.«

»Fürchte Dich nicht; Du wirst nichts sehen, sondern nur an dem Wallen des Wassers hören, ob Dein Wunsch erfüllt wird oder nicht. Sei also zuerst darauf bedacht, daß, sobald der Abendstern am Himmel erscheint, die Gartenthüre ein wenig offen steht, damit sich der Dämon zum Eintritt aufgefordert fühle, und stelle Früchte und Wasser neben das Thor, als ein Zeichen der Gastfreundschaft. Komm dann drei Stunden nach dem Eintritt des Zwielichts mit einer Flasche des kältesten und reinsten Wassers hierher und Du sollst Alles erfahren, wie mich's meine Mutter nach thessalischer Weise gelehrt hat. Aber vergiß die Gartenthüre nicht, Alles hängt davon ab. Sie muß, wenn Du kommst, schon drei Stunden lang offen stehen.«

»Verlaß Dich auf mich,« erwiderte Sosia, nichts Böses ahnend; »ich weiß, wie es einem Mann von Stande zu Muth wird, wenn man ihm eine Thüre vor der Nase zuschließt, wie mir's beim Garkoch schon oft begegnet ist, und ich weiß auch, daß eine achtbare Person, wie es ein Geist doch ohne Zweifel ist, einen kleinen Beweis höflicher Gastfreundschaft nur gut aufnehmen kann. Einstweilen, niedliches Kind, ist hier Dein Frühstück.«

»Und wie geht es mit dem Prozeß?«

»Oh, die Richter sind noch immer daran – es ist ein langes und breites Gerede – die Sache wird erst morgen ausgehen.«

»Morgen – bist Du dessen gewiß?«

»Man sagt es wenigstens.«

»Und Ione?«

»Beim Bacchus! Sie muß ziemlich wohl sein, denn sie war stark genug, diesen Morgen meinen Herrn ganz wüthend zu machen. Ich sah ihn, mit Gewitterwolken auf der Stirne aus ihrem Zimmer kommen.«

»Befindet sich dieses hier in der Nähe?«

»Nein – in dem oberen Stockwerk. Doch, ich darf hier nicht länger plaudern. Vale!«

Zwölftes Kapitel.

Eine Welpe wagt sich in das Netz der Spinne.

Die Nacht des zweiten Gerichtstages war angebrochen, und es war so ziemlich um dieselbe Zeit, in welcher Sosia dem furchtbaren Unbekannten sich gegenüberstellen sollte, als durch dasselbe Gartenthor, das der Sklave offen gelassen hatte, zwar keiner von den geheimnisvollen Geistern der Erde oder Luft, wohl aber die schwere und höchst menschliche Gestalt des Isispriesters Kalenus trat. Er beobachtete kaum das bescheidene Opfer geringer Früchte und noch geringeren Weins, das der fromme Sosia für gut genug erachtet hatte, um den unsichtbaren Fremdling zu empfangen. »Ein Zoll für den Gartengott,« dachte er, »bei meines Vaters Haupt, wenn seine Göttlichkeit nie besser bedient wurde, so thäte er gut daran, das göttliche Handwerk aufzugeben; ach, wären wir Priester nicht, so hätten die Götter eine böse Zeit. Doch jetzt handelt es sich von Arbaces – mein Fuß betritt einen Sandboden, aber unter diesem Flugsand liegt ein Goldlager. Ich habe des Egypters Leben in meiner Gewalt – wie hoch wird er es wohl schätzen?«

Unter diesem Selbstgespräch schritt er durch den offenen Hof in das Peristyl, wo da und dort einige Lampen sich mit der Sternennacht um die Oberhand stritten und begegnete plötzlich dem Egypter, der aus einem der sich längs der Kolonnade hinziehenden Gemächer heraustrat.

»Ah, Kalenus – suchst Du mich?« fragte der Egypter mit etwas verlegener Stimme.

»Ja, weiser Arbaces – wie ich hoffe, kommt mein Besuch nicht zu ungelegener Stunde?«

»Nein – gerade vorhin nieste mein Freigelassener Kallias dreimal zu meiner rechten Seite; ich wußte also, daß mir etwas Gutes begegnen würde – und sieh, die Götter senden mir Kalenus.«

»Wollen wir nicht in die Zimmer hineingehen, Arbaces?«

»Wie Du willst; aber die Nacht ist klar und balsamisch – ich bin noch immer etwas ermattet von meiner letzten Krankheit – die Luft erfrischt mich – laß uns im Garten spaziren gehen – wir sind ja dort ebenfalls allein.«

»Von Herzen gern,« antwortete der Priester, und die zwei Freunde begaben sich langsam nach einer der Terrassen, die, von Marmorvasen und schlummernden Blumen umgeben, den Garten durchschnitten.

»Eine liebliche Nacht,« sagte Arbaces, »blau und schön wie die, in welcher ich vor zwanzig Jahren zum erstenmal Italiens Küste erblickte. Mein Kalenus, das Alter beschleicht uns – laß uns wenigstens fühlen, daß wir gelebt haben.«

»Du wenigstens kannst Dich dessen rühmen,« erwiederte Kalenus, nach einer Gelegenheit suchend, des Geheimnisses, das ihn drückte, sich zu entledigen, zugleich aber seine gewöhnliche Scheu vor Arbaces, durch den von dem Egypter angenommen, ruhigen und freundlichen Ton würdevoller Herablassung noch verstärkt fühlend – »Du wenigstens kannst Dich dessen rühmen. Dir fiel unermeßlicher Reichthum zu – ein Körper, durch dessen enggewobene Fibern keine Krankheit eindringen kann – glückliche Liebe – unerschöpflicher Genuß und sogar in dieser Stunde der Triumph der Rache.«

»Ah, Du sprichst vom Athener. Nun, morgen wird sein Todesurtheil ausgesprochen werden. Der Senat läßt keine Milderung eintreten. Aber Du irrst Dich – sein Tod gibt mir keine andere Befriedigung, als daß er mich von einem Nebenbuhler in Ione's Herz befreit. Ich hege keine weitere feindliche Gesinnung gegen diesen unglücklichen Mörder.«

»Mörder!« wiederholte Kalenus langsam und bedeutungsvoll, und heftete, während er sprach, seine Blicke auf Arbaces. Die Sterne schienen bleich und fest auf das stolze Antlitz ihres Propheten, aber sie verriethen keinen Wechsel auf demselben; enttäuscht und beschämt schlug Kalenus die Augen zu Boden, und fuhr hastig fort: »Mörder! Es ist gut, daß Du ihn dieses Verbrechens anklagst; aber Du weißt am Besten, daß er unschuldig ist.«

»Erklär Dich näher,« sagte Arbaces kalt; denn er hatte sich für einen derartigen Auftritt, den ihm seine geheimen Befürchtungen vorausgesagt, vorbereitet.

»Arbaces,« antwortete Kalenus, seine Stimme zu einem Flüstern herabsenkend; »ich war in dem Hain, verborgen durch die Kapelle und das umgebende Gebüsch; ich hörte, ich bemerkte Alles. Ich sah, wie Deine Waffe das Herz des Apäcides durchbohrte. Ich tadle die That nicht – sie vernichtete einen Feind und Abtrünnigen.«

»Du sahest das Ganze!« sagte Arbaces trocken; »das dachte ich mir – Du warst allein?«

»Allein!« antwortete Kalenus, erstaunt über des Egypters Ruhe.

»Und weshalb verbargst Du Dich um diese Stunde hinter der Kapelle?«

»Weil ich den Übertritt des Apäcides zum Glauben der Nazarener erfahren hatte – weil ich wußte, daß er auf dieser Stelle mit dem feurigen Olinth zusammentreffen sollte – weil sie dort einen Plan besprechen wollten, dem Volke die heiligen Mysterien unserer Gottheit zu enthüllen – ich war dort, ihr Vorhaben zu entdecken, um es zu vereiteln.«

»Hast Du eines Menschen Ohr gesagt, was Du gesehen?«

»Nein, mein Gebieter, das Geheimnis ist in Deines Dieners Brust verschlossen.«

»Wie! Selbst Dein Vetter Burbo ahnt es nicht? Komm, sag' die Wahrheit!«

»Bei den Göttern – –«

»Still! Wie kennen einander – was sind die Götter für uns?«

»Also, bei der Furcht vor Deiner Rache, Nein!«

»Und warum hast Du dieses Geheimnis bisher vor mir verborgen? Warum hast Du gewartet bis zum Vorabend der Verurtheilung des Atheners, ehe Du mir zu sagen wagtest, daß Arbaces ein Mörder ist? Und nun Du so lange gezögert, warum enthüllst Du mir jetzt Dein Wissen?«

»Weil – weil –« stammelte Kalenus erröthend und verlegen.

»Weil,« unterbrach ihn Arbaces mit freundlichem Lächeln, indem er den Priester freundlich und vertraulich auf die Schulter klopfte; »weil Du, mein Kalenus (sieh, jetzt will ich in Deinem Herzen lesen und seine Beweggründe erklären), weil Du wünschtest, ich möchte mich so sehr in die gerichtliche Verhandlung verwickeln, daß mir keine Hinterthüre zur Rettung offen bliebe – ich möchte des Meineides und der Bosheit sowohl als des Mordes schuldig befunden und nachdem ich die Blutgier des Volkes selbst gereizt, ohne daß mich Reichthum oder Macht zu schützen im Stande wären, das Opfer dieses Durstes werden. Und Du enthüllst mir Dein Geheimnis jetzt, ehe die Verhandlung zu Ende und der Unschuldige verurtheilt ist, um mir zu zeigen, welch schlaues Gewebe der Bosheit Dein Wort morgen zerreißen könnte – um in dieser entscheidenden Stunde den Werth Deines Stillschweigens zu erhöhen – um mir zu zeigen, daß die Kunst, mit der ich die Volkswuth aufgereizt, bei Deinem Zeugnis auf mein eigenes Haupt zurückfallen, und daß der Löwe, statt für Glaukus, für mich seinen Rachen öffnen würde! Nicht wahr, ich habe Recht?«

»Arbaces,« erwiderte Kalenus, die gemeine Frechheit seiner Natur verlierend, »fürwahr, Du bist ein Magier; Du liest im Menschenherzen, als ob es eine Papyursrolle wäre.«

»Das ist mein Beruf,« antwortete der Egypter, sanft lächelnd. »Wohlan denn, schweige und wenn Alles vorüber ist, will ich Dich reich machen.«

»Verzeih mir,« versetzte der Priester, dem die Habsucht, seine Hauptleidenschaft, zuflüsterte, keiner allenfallsigen zukünftigen Freigebigkeit zu vertrauen; »verzeih mir; mit Recht sagtest Du so eben, wir kennten einander. Wenn Du mein Schweigen Dir sichern willst, mußt Du etwas zum Voraus bezahlen, als ein Opfer für Harpokrates. Soll die Rose, das liebliche Sinnbild der Verschwiegenheit, feste Wurzeln schlagen, so begieße sie heute Nacht mit einem Strome Gold.«

»Witzig und poetisch,« antwortete Arbaces noch immer in jenem sanften Tone, der seinen habgierigen Gefährten einschläferte und ermuthigte, während er ihn hätte beunruhigen und zurückhalten sollen.

»Wozu dieser Verzug? Wenn ich einmal mein Zeugnis nicht ablegen kann, ohne die Schande auf mich zu laden, daß ich durch mein Zögern den Tod eines Unschuldigen zugegeben habe, dann vielleicht wirst Du meine Ansprüche vergessen, und in der That ist Dein gegenwärtiges Zaudern ein schlimmes Zeichen für Deine zukünftige Freigebigkeit.«

»Wohlan denn, Kalenus, was verlangst Du von mir?«

»Dein Leben ist sehr kostbar, und Dein Reichthum sehr groß,« erwiderte der Priester grinsend.

»Immer witziger. Aber sprich Dich aus – was soll die Summe sein?«

»Arbaces, ich habe gehört, in Deiner geheimen Schatzkammer unter diesen rohen oscischen Säulen, die Deine herrlichen Hallen stützen, bewahrest Du Haufen von Gold, Vasen und Juwelen, die den Gewölben des vergötterten Nero's den Rang streitig machen könnten. Von diesen Vorräthen nun kannst Du leicht so viel hinwegnehmen, um Kalenus zum reichsten Priester in Pompeji zu machen, ohne daß Du den Verlust spürst.«

»Komm, Kalenus,« sprach Arbaces mit freundlichem Tone und mit der Miene der Offenherzigkeit und Großmuth: »Du bist ein alter Freund und warst mir ein getreuer Diener. Es kann ebensowenig Dein Wunsch sein, mir das Leben zu nehmen, als der meinige, Dir Deinen Lohn vorzuenthalten; Du sollst mit mir in dieselbe Schatzkammer, deren Du vorhin erwähntest, hinabsteigen; sollst Dein Auge am Glanz von ungezähltem Gold und am Funkeln unschätzbarer Edelsteine weiden, und heute Nacht schon zu Deinem Lohne so viel hinwegtragen, als Du unter Deinem Gewande verbergen kannst. Und hast Du einmal gesehen, wie viel Dein Freund besitzt, wirst Du auch ermessen, wie thöricht es wäre, feindlich gegen einen Mann aufzutreten, der so viel zu verschenken hat. Ist Glaukus nicht mehr, sollst Du dem Gewölbe einen zweiten Besuch abstatten. Spreche ich nicht offen und als Freund?«

»Oh, größter, edelster der Menschen!« rief Kalenus fast weinend vor Freude. »Kannst Du meine kränkenden Zweifel an Deiner Gerechtigkeit und Großmuth also verzeihen?«

»Still, hier wollen wir einlenken und zu den oscischen Bögen hinabsteigen.«

Dreizehntes Kapitel.

Der Sklave befragt das Orakel – Wer sich selbst blind macht, den können Blinde für Narren halten – Zwei neue Gefangene in einer Nacht.

Sehnsüchtig wartete Nydia auf die Ankunft des ebenso ungeduldigen Sosia. Nachdem der leichtgläubige Diener seinen Muth durch herzhaften Genuß eines bessern Getränkes, als das, welches er dem Dämon vorgesetzt, aufgestärkt hatte, schlich er sich in das Zimmer der Blinden.

»Nun, Sosia, bist Du vorbereitet? Hast Du die Schale mit frischem Wasser?«

»Ja freilich; aber ich zittre ein wenig. Du bist doch gewiß, daß ich den Geist nicht sehen werde? Ich habe gehört, diese Herrn seien keineswegs von hübscher Gestalt oder höflichem Benehmen.«

»Sei ohne Sorgen! Und hast Du auch die Gartenthüre ein wenig offen gelassen?«

»Ja, und ich habe einige schöne Äpfel und Nüsse auf ein Tischchen daneben gelegt.«

»Ganz gut. Und die Thüre ist jetzt offen, so daß der Geist eintreten kann?«

»Gewiß!«

»Gut, so öffne auch diese Thüre; so – laß sie gerade halb offen. Und jetzt, Sosia, gib mir die Lampe.«

»Was! Du willst sie doch nicht auslöschen?«

»Nein, aber ich muß meinen Zauber über ihren Strahl aussprechen. Es wohnt ein Geist im Feuer. Setze Dich.«

Der Sklave kam dieser Weisung nach, und nachdem sie sich einige Zeit stillschweigend über die Lampe gebeugt, erhob sich Nydia und sang mit leiser Stimme folgenden Reim:

Mit Liebe muß auf uns Thessal'ens Frauen
Das Reich der Lüfte wie des Wassers schauen;
Denn Zauberkräfte wurden uns verliehen,
Die selbst den Mond vom Himmel niederziehen.
Ja, unser ist was je Egypten lehrte,
Sei's auf verborg'nem Weg uns zugekommen,
Sei es den Blumen, sei's dem Lied entnommen.

Oh, höre Geist der unsichtbaren Luft,
Die blinde Tochter von Thessal'en ruft;
Der Kunst Erichto's die zum Leben weckte,
Was schon der Tod mit seinen Händen deckte;
Beim Könige von Ithaka, dem Weisen,
Der aus der Wiesenquelle Silberstreifen
Das Wort der Weissagung heraufbeschwören;
Bei Orpheus, dem Bezauberer der Ohren,
Der mit des magischen Gesanges Kraft
Euridicen der Unterwelt entrafft,
Und bei Medea's krausen Zaubersprüchen,
Die ihr entströmt, als Jason ihr entwichen –
Geist, den die Luft als ihren Herrn verehret,
O höre Eine, die Dir angehöret!
Laß Deinen Hauch in diesen Becher strömen,
Und gib der bangen Seele zu vernehmen,
Was in der Zukunft nachtumhüllten Zügen
Für schwarze und für heitre Loose liegen.
Komm, milder Luftgeist, komm auf mein Gebet,
Und gib ihr Antwort, die Dich angefleht.
Komm, – o komm!

Dann soll kein Gott im Himmel und auf Erden
Die paph'sche Königin der Liebe nicht,
Noch der lebend'ge Herr von allem Licht,
Noch die verhüllte Dreigestalt der Nacht,
Noch selbst der Donnerer in seiner Nacht –
Kein Gott, kein Gott soll mehr gepriesen werden!
Komm, – o komm!

»Das Gespenst kommt jetzt gewiß,« sagte Sosia, »ich fühle, wie es über mein Haar hinzieht.«

»Stelle Deinen Becher mit Wasser auf den Boden. Gut, jetzt gib mir Dein Tuch her, damit ich Dir Gesicht und Augen verbinde.«

»Aha, das ist doch immer der Brauch bei solchen Zaubereien. Nicht so fest; sanft, sanft.«

»So! Kannst Du noch sehen?«

»Sehen, beim Jupiter! Nichts als Dunkelheit!«

»Sprich also jede Frage, die Du an das Gespenst stellen möchtest, mit leiser, flüsternder Stimme dreimal aus. Erhältst Du eine bejahende Antwort, so wirst Du das Wasser sieden und wallen hören, ehe der Geist darauf hinhaucht; im verneinenden Fall aber bleibt das Wasser ganz still.«

»Aber Du wirst mir hoffentlich keinen Possen mit dem Wasser spielen, he?«

»Laß mich den Becher unter Deine Füße stellen. – Jetzt bist Du gewiß, daß ich den Becher nicht berühren kann, ohne daß Du es bemerkst.«

»Ganz schön! Jetzt also, o Bacchus, steh mir bei! Du weißt, daß ich Dich jederzeit mehr liebte als alle andere Götter, und ich Dir diesen silbernen Becher weihen, den ich im vorigen Jahr dem dicken Carptor gestohlen habe, wofern Du bei diesem wasserliebenden Geist ein gutes Wort für mich einlegst. Und Du, o Geist! hör und erhöre mich. Werd' ich im nächsten Jahr im Stand sein, meine Freiheit zu erkaufen? Du weißt es, und da Du in der Luft lebst, haben Dich ohne Zweifel die VögelVon den Vögeln nämlich glaubte man, sie wüßten alle Geheimnisse. Derselbe Aberglaube herrscht im Morgenland, und wird auch in unsern nordischen Sagen angetroffen. mit jeglichem Geheimnisse dieses Hauses vertraut gemacht; Du weißt, daß ich seit drei Jahren Alles gestohlen und gemaust habe, worauf ich ehrlicher Weise, das heißt ohne Gefahr, meine Hand decken konnte, und doch fehlen mir noch zweitausend Sesterze zu der vollen Summe. Werde ich im Stande sein, o guter Geist, das Fehlende im Laufe dieses Jahres zu ergänzen? Sprich, ha! kommt das Wasser in Wallung? Nein, alles ist still wie ein Grab. Gut also, wo nicht in diesem Jahre, doch in zwei Jahren? Ha, ich höre etwas! Der Geist kratzt an der Thüre; er wird augenblicklich hier sein. In zwei Jahren, mein guter Freund; ach, sag' doch in zwei; das ist doch eine ganz annehmbare Zeit. Was! noch immer stumm; in dritthalb Jahren – drei, vier? Daß Dich doch, Freund Geist! – Du bist keine Dame, das ist klar, sonst würdest Du nicht so lange schweigen. In fünf – in sechs – in sechszig Jahren? Ei, so mög' Dich Pluto holen! Ich will Dich nichts mehr fragen.«

Voll Wuth goß sich Sosia das Wasser über die Beine. Dann brachte er nach langem Herumtappen und zahlreichen Flüchen seinen Kopf aus dem Tuche heraus, in welches er gänzlich eingewickelt war, starrte umher und entdeckte, daß er sich im Dunkeln befand.

»He, he, Nydia die Lampe ist fort. Ha, Verrätherin, und Du bist auch fort; aber ich will Dich schon kriegen – Du sollst mir dafür büßen!«

Tappend gelangte er an die Thüre. Sie war von außen verschlossen; er war statt Nydia's ein Gefangener. Was konnte er thun? Er wagte nicht laut zu klopfen oder zu rufen, damit ihn Arbaces nicht höre und entdeckt, wie er getäuscht worden. Nydia aber war unterdessen vermuthlich schon an der Gartenthüre angelangt und auf eiliger Flucht begriffen. »Aber,« dachte er, »Sie wird nach Hause gehen, oder wenigstens irgendwo in der Stadt sein. Morgen bei Tagesanbruch, wenn die Sklaven im Peristyl beschäftigt sind, kann ich Lärmen machen; dann wird man mich herauslassen und ich werde sie suchen. Ich werde sie gewiß auffinden und zurückbringen, ehe Arbaces eine Silbe von der Sache erfährt. Ja, dies ist der beste Plan. Kleine Verrätherin! meine Finger jucken nach Dir; und mir nur einen Becher Wasser da zu lassen! Wär' es Wein, so könnte ich mich doch einigermaßen trösten.«

Während Sosia also in der Schlinge gefangen sein Geschick beklagte und über seine Pläne zur Wiedereinfangung Nydia's nachdachte, war das blinde Mädchen mit der ihr eigenthümlichen Sicherheit und Schnelligkeit leicht über das Peristyl geschritten, hatte den gegenüberliegenden, nach dem Garten führenden Gang betreten, und wollte gerade mit klopfendem Herzen auf die Thüre zugehen, als sie plötzlich Schritte herannahen hörte, und die fürchterliche Stimme des Arbaces selbst unterschied. In Zweifel und Schrecken blieb sie einen Augenblick stehen; dann erinnerte sie sich plötzlich, daß es noch einen andern Gang gebe, der gewöhnlich nur zum Einlaß der Schönen, die an des Egypters geheimen Gelagen theilnahmen, benützt, sich an dem Fundamente dieses gewaltigen Hauses gegen eine Thüre hinzog, die ebenfalls mit dem Garten in Verbindung stund. Vielleicht stand diese offen. Bei diesem Gedanken wandte sie sich hastig um, stieg die schmale Treppe rechts hinab und befand sich bald an der Mündung des Ganges. Ach, die Thüre in diesen Gang war verschlossen. Während sie sich über diesen mißlichen Umstand Gewißheit zu verschaffen suchte, hörte sie hinter sich die Stimme des Kalenus, und einen Augenblick darauf leise antwortend die des Arbaces. Hier konnte sie nicht stehen bleiben, denn wahrscheinlich schritten die Beiden gerade auf diese Thüre zu. Sie sprang vorwärts und fühlte sich auf unbekanntem Boden, die Luft wurde feucht und kalt; dies beruhigte sie. Sie glaubte nun in dem Kellergewölbe des prachtvollen Gebäudes, oder wenigstens an irgend einer geringen Lokalität sich zu befinden, die wohl schwerlich von dem stolzen Herrn des Hauses besucht werden würde, als ihr feines Ohr von Neuem Schritte und Stimmen vernahm. Da eilte sie mit ausgestreckten Armen vorwärts, und stieß jetzt häufig auf dicke und massive Pfeiler. Mit einem durch die Furcht noch verstärkten Takt entging sie diesen Gefahren, und setzte ihren Weg fort, indem die Luft immer feuchter und dumpfer wurde; gleichwohl aber, wenn sie bisweilen stehen blieb, um Athem zu schöpfen, hörte sie die herannahenden Schritte und das undeutliche Murmeln von Stimmen. Endlich stieß sie plötzlich auf eine Mauer, die ihrem Pfade eine Grenze zu stecken schien. War kein Plätzchen da, wo sie sich verbergen konnte? Keine Öffnung? Keine Kluft? Ach nein! Sie hielt an und rang ihre Hände in Verzweiflung; dann durch die herannahenden Stimmen von Neuem aufgejagt, eilte sie an der Seite der Wand hin, und fiel, da sie plötzlich gegen einen der da und dort hervorragenden Strebepfeiler stieß, zu Boden. Obwohl sie sich ziemlich beschädigte, verlor sie doch die Besinnung nicht. Sie stieß einen kurzen Schrei aus, ja, sie pries sogar im Stillen den Unfall, der sie hinter eine Art Schirm geführt hatte, und indem sie sich dicht in den von dem Pfeiler gebildeten Winkel schmiegte, so daß sie wenigstens von einer Seite gegen jede Entdeckung gesichert war, zwängte sie ihre leichte und kleine Gestalt möglichst zusammen, und erwartete atemlos ihr Schicksal.

Unterdessen schritten Arbaces und der Priester dem geheimen Gemache zu, dessen Schätze der erstere so gewaltig gepriesen hatte. Sie befanden sich jetzt in einer großen unterirdischen Halle; die niedere Decke wurde von kurzen, dicken Pfeilern getragen, deren Architektur von der griechischen Anmuth jener prachtvollen Periode weit verschieden war. Die einzige und blasse Leuchte, welche Arbaces trug, warf nur einen unvollkommenen Strahl auf die nackten und rauhen Wände, deren große Steine ohne Mörtel seltsam und kunstlos in einander gefügt waren. Das aufgestörte Gewürm starrte die Eindringlinge stumpf an, und verkroch sich sodann in den Schatten der Mauern.

Kalenus schauderte, als er umherblickte und die feuchte ungesunde Luft einathmete.

»Gleichwohl,« sagte Arbaces, als er dieses Schaudern gewahrte, mit einem Lächeln, »sind es diese rauhen Behälter, welche die Herrlichkeiten der Halle da oben liefern; sie sind wie die Arbeiter auf Erden – wir verachten sie wegen ihres rohen Äußern und doch geben gerade sie denselben Stolz, der geringschätzigend auf sie herabschaut, seine Nahrung.«

»Und wohin führt jene düstere Galerie zur Linken?« fragte Kalenus, »in dieser tiefen Finsternis scheint sie ohne Grenze, als ob sie sich nach dem Hades hinzöge.«

»Im Gegentheil,« antwortete Arbaces oberflächlich, »sie führt zum Tageslicht empor, doch wir müssen uns rechts wenden.«

Die Halle theilte sich, wie manche andere in den bewohnbaren Regionen Pompeji's am Ende in zwei Flügel oder Gänge, deren Länge in Wirklichkeit nicht sehr beträchtlich war, dem Auge aber durch das unheimliche Dunkel, gegen welches die Lampe so vergeblich ankämpfte, wesentlich vergrößert erschien. Nach dem rechten dieser Hügel wandten jetzt die beiden Freunde ihre Schritte.

»Der muntere Glaukus wird morgen in ein nicht viel trockeneres und gewaltig kleineres Gemach einquartiert werden,« sagte Kalenus, als sie an der Stelle vorbeigingen, wo, völlig eingehüllt in den Schatten des breiten vorspringenden Pfeilers, die Thessalierin kauerte.

»Allerdings, aber am folgenden Tag wird er ein recht trockenes und großes Zimmer in der Arena bekommen. Und wenn ich nun denke,« fuhr Arbaces langsam und mit wohl überlegtem Tone fort, »wenn ich nun denke, daß ein Wort von Dir ihn retten und den Arbaces an seine Stelle bringen könnte!«

»Dieses Wort soll nie gesprochen werden,« versetzte Kalenus.

»Recht, mein Kalenus, es soll es nie,« antwortete Arbaces, seinen Arm vertraulich auf des Priesters Schulter legend; »doch jetzt halt, wir sind an Ort und Stelle.«

Die flackernden Strahlen des Lichtes fielen auf eine kleine, tief in der Mauer angebrachte und durch viele eiserne Platten und Bänder gut verwahrte Thüre. Nun zog Arbaces einen kleinen Ring aus seinem Gürtel, an welchem mehre kurze, aber starke Schlüssel hingen. Oh, wie schlug das gierige Herz des Kalenus, als er die rostigen Schlösser knarren hörte, wie wenn sie über das Eindringen zu dem Schatze zürnten, den sie bewachten.

»Tritt ein, mein Freund,« sagte Arbaces, »während ich die Lampe in die Höhe halte, damit Du Deine Augen an den gelben Haufen weiden kannst.«

Der ungeduldige Kalenus ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern eilte schnell auf die Öffnung zu.

Kaum hatte er die Schwelle überschritten, als die kräftige Hand des Arbaces ihn vorwärts stieß.

»Das Wort soll nie gesprochen werden,« rief er mit lautem siegesstolzem Gelächter und verschloß die Thüre hinter dem Priester.

Kalenus war mehrere Treppen hinabgestürzt, aber ohne im Augenblick die Schmerzen seines Falles zu fühlen, sprang er wieder zur Thüre empor, schlug mit geballter Faust an dieselbe und schrie mit einer Stimme, die eher das Geheul eines wilden Thieres, als ein menschlicher Laut zu sein schien – so gewaltig waren seine Todesangst und Verzweiflung – »Oh, laß mich los, laß mich los, und ich will kein Gold verlangen!«

Diese Worte, die nur unvollkommen durch die massive Thüre drangen, bewirkten zunächst, daß Arbaces von Neuem lachte. Dann stampfte er gewaltsam mit dem Fuß, und brach, froh vielleicht seinem lange zurückgehaltenen Zorne Luft geben zu können in die Worte aus: »Alles Gold Dalmatiens wird Dir keine Brodkruste kaufen. Verhungere, Elender, Dein Sterbegeheul wird nicht einmal ein Echo in diesen großen Hallen erwecken und auch kein Lüftchen wird, wenn Du in verzweifeltem Hunger das Fleisch von Deinen Knochen nagst, der Welt offenbaren, daß so der Mann umkommt, der dem Arbaces gedroht und ihn hätte vernichten können!«

»O Erbarmen, Gnade! Unmenschlicher Bösewicht, war es deshalb –«

Der übrige Theil des Satzes ging dem Ohr des Arbaces verloren, der langsam den Rückweg durch die düstere Halle einschlug. Eine plumpe aufgedunsene Kröte lag regungslos in seinem Weg; die Strahlen der Lampe fielen auf ihre häßliche Mißgestalt und ihre aufwärts gerichteten rothen Augen. Arbaces trat auf die Seite, um ihr kein Leid anzuthun.

»Du bist ekelhaft und häßlich,« murmelte er, »aber du kannst mir nicht schaden, und deshalb bist du auch sicher auf meinem Pfad.«

Indessen drangen die Klagerufe des Kalenus, obwohl gedämpft und geschwächt durch die massive, ihn einschließende Mauer noch immer zu dem Ohr des Egypters. Er hielt inne und horchte aufmerksam.

»Das ist mißlich,« dachte er, »denn ich kann mich nicht einschiffen, bevor diese Stimme für immer verhallt ist. Meine Vorräte und Schätze liegen allerdings nicht in jenem Kerker, sondern in dem entgegengesetzten Flügel; aber meine Sklaven dürfen, wenn sie dieselben fortschaffen, seine Stimme nicht hören. Doch was habe ich hiebei zu befürchten? In drei Tagen müssen seine Töne, wenn er noch lebt, bei dem Barte meines Vaters! schwach genug geworden sein, um selbst nicht mehr durch sein Grab dringen zu können. Bei der Isis! es ist kalt, ich schmachte nach einem Schluck gewürzten Falerners.«

Mit diesen Worten hüllte sich der unbarmherzige Egypter dichter in seinen Mantel und eilte wieder in die freie Luft hinaus zu kommen.

Vierzehntes Kapitel.

Nydia redet den Kalenus an.

Welche Worte des Schreckens, zugleich aber auch der Hoffnung, hatte Nydia vernommen! Den folgenden Tag sollte Glaukus verurtheilt werden, aber noch lebte einer, der ihn retten und den Arbaces an seine Stelle bringen konnte, und dieser Eine athmete nur wenige Schritte von ihrem Versteck entfernt! Sie hörte sein Schreien und Jammern, sein Fluchen, sein Beten, obgleich die Töne nur gedämpft und halb erstickt zu ihrem Ohre drangen. Er war eingesperrt, aber sie kannte das Geheimnis seiner Haft. Konnte sie nur entfliehen – konnte sie den Prätor aufsuchen, so war der Gefangene noch immer zeitig genug ans Tageslicht zu bringen, um den Athener zu retten. Die Bewegung ihres Gemüthes erstickte sie fast, ihr Gehirn schwindelte – sie fühlte wie ihre Sinne wichen – aber durch eine gewaltsame Anstrengung ward sie wieder Herrin ihrer selbst und nachdem sie mehrere Minuten aufmerksam gehorcht, bis sie gewiß war, daß Arbaces diese Stätte der Einsamkeit und ihr überlassen habe – kroch sie, von ihrem Ohr geleitet, zu der Thür hin, hinter welcher Kalenus eingesperrt war. Da vernahm sie jene Töne des Schreckens und der Verzweiflung noch deutlicher. Dreimal versuchte sie zu sprechen, und dreimal war ihre Stimme nicht stark genug, um durch die Flügel der schweren Thüre zu dringen. Endlich fand sie das Schloß, legte ihre Lippen an seine kleine Öffnung, und nun hörte der Gefangene deutlich seinen Namen von einer sanften Stimme aussprechen.

Sein Blut gerann – seine Haare stunden ihm z u Berge. Welch geheimnisvolles und übernatürliches Wesen mochte in diese fürchterliche Einsamkeit gedrungen sein.

»Wer da?« rief er in neuer Unruhe, »welches Gespenst, welche entsetzliche Larva ruft den verlorenen Kalenus?«

»Priester,« antwortete die Thessalierin, »dem Arbaces unbewußt war ich durch die Zulassung der Götter Zeugin seiner Niederträchtigkeit. Wenn ich selbst aus diesen Mauern zu entkommen vermag, kann ich auch Dich retten. Aber laß Deine Stimme durch diese kleine Öffnung an mein Ohr dringen und antworte auf meine Fragen.«

»Ah, gesegneter Geist!« rief der Priester, voll Freude, der Aufforderung Nydia's nachkommend, »rette mich, und ich will sogar die Gefäße des Altars verkaufen, um Deine Güte zu lohnen.«

»Ich will nicht Dein Gold – ich will Dein Geheimnis. Hörte ich recht? – Kannst Du den Athener Glaukus von der Anklage, die sein Leben bedroht, befreien?«

»Ich kann – ich kann deshalb – mögen die Furien den niederträchtigen Egypter ewig verfolgen! – deshalb hat Arbaces mich hieher gelockt um mich verhungern und verfaulen zu lassen.«

»Man klagt den Athener des Mordes an; kannst Du diese Beschuldigung widerlegen?«

»Befreie mich nur, und das stolzeste Haupt in Pompeji ist nicht sicherer als das seinige. Ich sah das Verbrechen begehen – ich sah, wie Arbaces den Stoß führte; ich kann den wahren Mörder überweisen und die Freisprechung des Unschuldigen bewirken; wenn aber ich umkomme, so stirbt er auch. Interessirst Du Dich für ihn? O gepriesene Fremde, in meinem Herzen ist die Urne, die ihn verdammt oder losspricht.«

»Und willst Du alles, was Du weißt, rücksichtslos bekennen?«

»Ob ich will? Öffnete sich die Hölle unter meinen Füßen – ja! Rache an dem falschen Egypter – Rache, Rache, Rache!«

Während Glaukus diese letzten Worte zähneknirschend ausrief, fühlte Nydia, daß gerade in seiner unreinen Leidenschaft die beste Sicherheit für die Rettung des Atheners liege. Ihr Herz schlug. Wie, sollte ihr das stolze Loos bestimmt sein, ihren Abgott, den Gegenstand ihrer Anbetung zu retten? »Genug,« sagte sie, »die Mächte, die mich hierher führten, werden mich auch fernerhin geleiten. Ja, ich fühle, daß ich Dich befreien werde. Warte in Geduld und Hoffnung.«

»Aber sei vorsichtig, sei klug, süße Unbekannte. Versuche nichts bei Arbaces – sein Herz ist von Marmor. Begib Dich zum Prätor – sag' was Du weißt – wirke einen Befehl zur Haussuchung aus; bring Soldaten und gewandte Schmiede – diese Schlösser sind erstaunlich stark! Die Zeit verstreicht – ich kann verhungern, wenn Du Dich nicht beeilst – geh – geh! Doch halt – es ist fürchterlich, allein zu sein – die Luft ist hier wie in einem Leichenhaus – und die Skorpionen – ha, und die bleichen Larven! O bleib, bleib!«

»Nein,« entgegnete Nydia durch den Schrecken des Priesters beängstigt, und voll Verlangen, mit sich selbst zu Rathe zu gehen; »nein, um Deinetwillen muß ich fort. Nimm die Hoffnung zu Deiner Gefährtin – – Lebe wohl!«

Mit diesen Worten schlich sie weg und tappte mit ausgestreckten Armen längs der Pfeiler hin, bis sie das entgegengesetzte Ende der Halle und die Mündung des Ganges erreichte, der nach oben führt. Hier aber blieb sie stehen; sie hielt es für sicherer, zu warten, bis die Nacht so weit gegen die Stunden des Morgens vorgeschritten sein würde, bis das ganze Haus im Schlag begnaden läge und sie es dann unbeachtet verlassen könne.

Sie legte sich also noch einmal nieder und zählte die trägen Minuten. In ihrem sanguinischen Herzen war Freude die vorherrschende Regung. Glaukus war in Todesgefahr – aber sie sollte ihn retten!

Fünfzehntes Kapitel.

Arbaces und Ione – Nydia erreicht den Garten – Wird sie entkommen und den Athener retten?

Als Arbaces sein Blut durch ein ziemliches Quantum jenes gewürzten und wohlriechenden Weines, den die Bonvivants damals so sehr liebten, erwärmt hatte, fühlte er sein Herz mehr als gewöhnlich erhoben und frohlockend. Im Triumph der Schlauheit liegt ein Stolz, der, selbst wenn der Zweck ein verbrecherischer ist, ebenso stark gefühlt werden dürfte. Unsere eitle Menschennatur gefällt sich im Bewußtsein überlegener List und selbsterrungener Erfolge, und später erst stellt sich die fürchterliche Gegenwirkung der Reue ein.

Aller Wahrscheinlichkeit nach aber war es nicht Reue, was ein Arbaces je über das Loos des elenden Kalenus fühlen mochte. Er verwischte aus seinem Gedächtnis den Gedanken an des Priesters langsame Todesqual; er fühlte nur, daß eine große Gefahr vorüber und ein möglicher Feind zum Stillschweigen gebracht sei. Das Einzige, was er noch zu thun hatte, war, den Isispriestern Rechenschaft über die Verschwindung des Kalenus zu geben, und dies hielt er für eine leichte Aufgabe. Kalenus war oft von ihm zu verschiedenen religiösen Handlungen in die benachbarten Städte verwendet worden. In einem derartigen Auftrage nun, konnte er behaupten, habe er ihn auch jetzt verschickt, um den Altären der Isis zu Stabä und Neapolis Sühnopfer für die Ermordung ihres Priesters Apäcides darzubringen. War einmal Kalenus fort, so konnte sein Leichnam nach vor des Egypters Abgang von Pompeji in den tiefsten Sarnus geworfen werden, und wurde er dort je aufgefunden, so vermuthete man ohne Zweifel allgemein, die atheistischen Nazarener haben ihn ermordet, um sich für den Tod Olinths in der Arena zu rächen. Nachdem er schnell diese verschiedenen Pläne zu seiner eigenen Sicherheit überdacht hatte, verbannte Arbaces sofort jede Erinnerung an den unglücklichen Priester aus seinem Gemüth, und ermuthigt durch den Erfolg, der in der neuesten Zeit alle seine Entwürfe gekrönt, wandte er seine Gedanken ungetheilt Ione'n zu. Als er sie das letztemal gesehen, hatte sie ihn durch vorwurfsvollen und bitteren Spott, den seine hochmüthige Natur nicht zu ertragen vermochte, aus ihrer Nähe vertrieben. Jetzt fühlte er sich ermuthigt, den Besuch zu wiederholen; denn seine Leidenschaft für sie äußerte auf ihn dieselben Wirkungen, wie sie ein derartiges Gefühl bei andern Menschen hervorbringt. Es trieb ihn unaufhaltsam in ihre Nähe, obgleich er in dieser Nähe erbittert und gedemühtigt wurde. Aus Zartgefühl für ihren Gram legte er seine dunkeln und prunklosen Gewänder nicht ab, erneuerte aber die Wohlgerüche in seinen Rabenlocken, brachte die Tunika in die anmuthigsten Falten und begab sich sodann nachdem Zimmer der Neapolitanerin. Da er auf seine Frage, ob sich Ione schon zur Ruhe begeben habe, von der außerhalb des Zimmers harrenden Sklavin erfuhr, daß sie noch auf war, und ungewöhnlich ruhig und gefaßt sei, so wagte er sich in ihre Gegenwart. Er fand seine schöne Pflegetochter vor eimem Tischchen sitzend, das Gesicht in nachdenklicher Stellung auf beide Hände gelehnt. Dasselbe entbehrte jedoch heute seines gewöhnlichen, hellen und psychenartigen Ausdrucks süßer Geistesgröße; die Lippen stunden offen – das Auge war ausdruckslos und unaufmerksam und das lange, dunkle Haar, das ungeordnet auf ihren Nacken herabfiel, verlieh durch seinen Gegensatz den Wangen, die bereits die Rundung ihres Umrisses verloren hatten, eine weitere Blässe.

Arbaces beobachtete sie einen Augenblick, ehe er näher trat. Auch sie schlug die Augen auf; doch, als sie den Eintretenden erkannte, schloß sie dieselben wieder mit einem Ausdruck von Schmerz, ohne sich jedoch zu rühren.

»Ach,« begann Arbaces in leisem, ernstem Tone, während er achtungsvoll, ja demüthig vertraut und sich in einiger Entfernung von dem Tische niedersetzte: »ach, daß mein Tod Deinen Haß tilgen könnte, dann wollte ich so freudig sterben! Du thust mir Unrecht, Ione; aber ohne Murren will ich das Unrecht tragen, wenn ich Dich nur bisweilen sehen darf. Zanke, schmähe, verachte mich, – wenn Du willst – ich will es tragen lernen. Denn ist nicht selbst Dein bitterster Ton meinem Ohre süßer als die Musik der kunstvollen Laute? So Du schweigst, scheint die Welt stille zu stehen – eine Stockung tritt ein in den Adern des Herzens – es gibt keine Erde, kein Leben ohne das Licht Deines Antlitzes und die Melodie Deiner Stimme.«

»Gib mir meinen Bruder und meinen Bräutigam wieder,« sagte Ione mit ruhigem und flehenden Ton, während einige große Thränen, ohne daß sie es bemerkte, ihre Wangen hinabrollten.

»Oh, daß ich den Einen vom Tode erwecken und den Andern retten könnte!« erwiderte Arbaces mit anscheinender Rührung; »Ja, um Dich glücklich zu machen, wollte ich meiner unglücklichen Liebe entsagen und gern und freudig Deine Hand in die des Atheners legen. Die Möglichkeit ist immer noch vorhanden, daß er ungefährdet aus dem Prozeß hervorgeht« (Arbaces hatte die Kunde nicht zu ihr dringen lassen, daß die Gerichtsverhandlung bereits begonnen), »und in diesem Falle sollst Du volle Freiheit haben, ihn selbst loszusprechen oder zu verdammen. Und glaube nicht, o Ione, daß ich Dich länger mit einer Liebesbitte verfolgen werde. Ich weiß, es wäre nutzlos. Nur gestatte mir, mit Dir zu weinen, mit Dir zu klagen. Vergib mir eine tief bereute Heftigkeit, deren Wiederkehr Du nie mehr zu befürchten hast. Laß mir Dir nun wieder sein, was ich einst gewesen – ein Freund, ein Vater und ein Beschützer. Ach, Ione, sei gnädig gegen mich und vergib mir!«

»Ich vergebe Dir. Rette nun Glaukus, und ich will ihm entsagen. O gewaltiger Arbaces! Du bist mächtig im Guten wie im Bösen: Rette den Athener, und die arme Ione will ihn nie wiedersehen.«

Während sie also sprach, erhob sie sich schwach und zitternd, fiel ihm sodann zu Füßen, umschlang seine Kniee und rief: »Wenn Du mich wirklich liebst – wenn Du ein menschliches Wesen bist – so gedenke der Asche meines Vaters – gedenke meiner Kindheit – gedenke alle der Stunden, die wir glücklich mit einander verbrachten, und rette meinen Glaukus!«

Gewaltige Convulsionen erschütterten den Körper des Egypters; auf seinen Zügen ward ein fürchterlicher Kampf sichtbar; er wandte sein Gesicht ab und sagte mit hohler Stimme. »Wenn ich ihn noch jetzt retten könnte, ich würde es thun; aber das römische Gesetz ist unbeugsam und streng. Doch, wenn es mir gelänge – wenn ich ihn zu befreien und zu retten vermöchte – wolltest Du die Meinige, meine Gattin werden?«

»Die Deinige?« wiederholte Ione sich erhebend; »die Deinige – Deine Braut! Noch ist meines Bruders Blut nicht gerächt: Wer erchlug ihn? O Nemesis, kann ich selbst um das Leben des Glaukus die heilige Pflicht, die Du mir übertragen, verkaufen? Arbaces – die Deinige? Nie!«

»Ione, Ione!« rief Arbaces leidenschaftlich, »wozu diese geheimnisvollen Worte – weshalb bringst Du meinen Namen mit der Erinnerung an Deines Bruders Tod in Verbindung?«

»Meine Träume verbinden ihn, und Träume kommen von den Göttern.«

»Nichts als leere Phantasien! Wegen eines Traumes also willst Du den Unschuldigen kränken, die einzige Möglichkeit, Deines Geliebten Leben zu retten, aufs Spiel setzen?«

»Höre mich,« sagte Ione mit fester, entschiedener und feierlicher Stimme, »wird Glaukus von Dir gerettet, so will ich nie als Braut in sein Haus einziehen. Aber den Schauer vor der Verbindung mit einem Andern kann ich nicht bemeistern! ich kann Dich nicht heirathen. Unterbrich mich nicht, sondern höre wohl auf, Arbaces – stirbt Glaukus, so mache ich noch an demselben Tage alle Deine Künste zu nichte und lasse Deiner Liebe bloß meinen Staub! Ja, Du magst immerhin Wasser und Gift aus meinem Bereich entfernen – Du magst mich einkerkern – magst mich in Fesseln legen; einer tapfern Seele, die zur Flucht entschlossen ist, fehlen nie die Mittel. Diese Hände, obwohl nackt und unbewaffnet, sollen die Bande des Lebens zerreißen. Fessle sie, und diese Lippen werden sich aufs Entschiedenste weigern, Luft einzuathmen. Du bist gelehrt – Du hast gelesen, wie Frauen eher starben, als sich der Entehrung unterwarfen. Geht Glaukus unter, so will ich nicht unwürdig hinter ihm zurückbleiben. Bei allen Göttern des Himmels und des Meeres und der Erde, ich weihe mich dem Tod – Du hast es jetzt gehört!«

Hoch, stolz, ihre Gestalt wie eine Begeisterte erhoben, flößte Ione durch Haltung und Stimme ihrem Zuhörer ehrfurchtsvolle Scheu ein.

»Muthiges Herz!« sprach er nach kurzer Pause, »Du bist in der That würdig, die meinige zu werden. Oh, wie oft habe ich von einer solchen Genossin meines erhabenen Geschicks geträumt und sie nie, als in Dir, gefunden! Ione,« fuhr er hastig fort, »siehst Du nicht, daß wir für einander geboren sind? Erkennst Du nicht etwas Deiner eigenen Kraft, Deinem eigenen Muth Verwandtes in meiner hohen, unabhängigen Seele? Wir sind geschaffen, unsere Sympathien zu vereinigen – geschaffen, dieser abgelebten, plumpen Welt einen neuen Geist einzuhauchen – geschaffen zu den mächtigen Geschicken, die meine Seele, das Dunkel der Zeit durchdringend, mit prophetischem Auge voraussieht. Mit einer der Deinigen gleichkommenden Entschlossenheit trotze ich Deiner Drohung schmachvollen Selbstmordes. Ich begrüße Dich als die Meinige! Königin ferner Himmelsstriche, die der Fittig des römischen Adlers noch nicht verdunkelt, sein Schnabel noch nicht verwüstet hat, ich beuge mich vor Dir in ehrfurchstsvoller Huldigung, aber ich fordere Dich in Anbetung und Liebe! Zusammen wollen wir den Ocean durchkreuzen – zusammen wollen wir unser Reich auffinden, und die fernsten Jahrhunderte sollen dem königlichen Geschlechte gehorchen, das aus der Vermählung des Arbaces mit Ione entsprießt!«

»Du rasest; solche mystische Phrasen passen eher für eine gichtbrüchige Alte, die Zaubermittel auf dem Markt verkauft, als für den weisen Arbaces. Du hast meinen Entschluß gehört – er ist so unbeugsam wie die Parzen selbst. Orkus hat mein Gelübde vernommen, und es ist eingetragen in das Buch des nie vergessenden Hades. Sühne also, o Arbaces, sühne die Vergangenheit, verwandle Haß in Achtung – Rache in Dankbarkeit; rette Einen, der nie Dein Nebenbuhler sein wird. Solches Thun ziemt sich für Dein Wesen, das Funken von etwas Hohem und Edlem zeigt. Es wiegt schwer in der Wagschale des Todtenrichters, gibt den Ausschlag an jenem Tage, wo die entkörperte Seele schaudernd und bang zwischen Tartarus und Elysium steht, und erfreut das Herz sogar im Leben schon, mehr und länger, als die augenblickliche Befriedigung der Leidenschaft. O Arbaces, höre mich und laß Dich bewegen!«

»Genug, Ione. Alles, was ich für Glaukus thun kann, soll geschehen; aber schilt mich nicht, wenn es ohne Erfolg bleibt. Befrage meine Feinde sogar, ob ich nicht bemüht war und noch jetzt bemüht bin, den Spruch von seinem Haupte abzuwenden, und beurtheile mich darnach. Schlafe also, Ione. Die Nacht rückt vor; ich überlaß Dich ihrer Ruhe, und mögest Du freundlichere Träume von einem Manne haben, der nur in Dir lebt.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, entfernte sich Arbaces hastig; vielleicht weil er sich fürchtete, länger Zeuge der leidenschaftlichen Bitten Ione's zu sein, die ihn mit Eifersucht folterten, sogar während sie sein Mitleid erregten. Aber das Mitleid selbst kam zu spät. Hätte ihm Ione sogar ihre Hand als Lohn verheißen, er hätte jetzt, nachdem einmal sein Zeugnis abgelegt und das Volk aufgeregt war, den Athener nicht mehr zu retten vermocht. Durch die Kraft seines Gemüthes jedoch noch immer zu Hoffnung geneigt, überließ er sich den Möglichkeiten der Zukunft und glaubte eines Tages über das Weib zu triumphiren, das ihm eine so gewaltige Liebe eingeflößt hatte.

Während ihn seine Diener für die Nacht entkleiden halfen, fiel ihm plötzlich der Gedanke an Nydia bei. Er fühlte, wie nothwendig es war, daß Ione nie etwas von ihres Geliebten Wahnsinn erfahren, damit nicht diese Seelenstörung sein vorgebliches Verbrechen entschuldige. Erwägend aber, wie leicht es möglich sei, daß ihre Sklavinnen sie von der Anwesenheit Nydia's unter seinem Dache benachrichtigten und sie die Blinde zu sprechen wünsche, rief er einem seiner Freigelassenen zu: »Geh sofort zu Sosia, mein Kallias, und sag ihm, daß er unter keinem Vorwande die blinde Nydia aus ihrem Zimmer lasse. Doch halt – begib Dich zuerst zu den Dienerinnen meiner Mündel und befiel ihnen, ihr nicht zu sagen, daß das blinde Mädchen in meinem Hause ist. Geh – rasch!«

Der Sklave beeilte sich zu gehorchen. Nachdem er seinen Auftrag bei Ione's Dienerinnen vollzogen, suchte er den würdigen Sosia. Da er ihn nicht in der kleinen, zu seinem Schlafgemach bestimmten Zelle fand, so rief er seinen Namen laut und hörte nun aus dem daneben befindlichen Zimmer Nydia's die Stimme Sosia's antworten: »O Kallius, bist Du es? Die Götter seien gepriesen! Öffne die Thür, ich bitte Dich.«

Der Sklave schob den Riegel zurück und das klägliche Gesicht Sosias drängte sich heftig entgegen.

»Was? – In einem Zimmer mit dem jungen Mädchen, Sosia! Schäme Dich! Gibt es nicht reife Früchte genug im Haus, daß Du Dich mit solch unzeitlichen einläßt?«

»Nenne die kleine Hexe nicht,« unterbrach ihn Sosia ungeduldig, »sie wird mein Verderben sein!« und sofort theilte er dem Kallias die Geschichte von dem Luftgeist und von der Flucht der Thessalierin mit.

»So häng Dich nur auf, Unglücksvogel! Ich habe Dir gerade etwas von Arbaces ans Herz zu legen – daß Du das Mädchen unter keinem Vorwand, auch nicht für einen Augenblick, aus diesem Zimmer lassen sollst.«

»Me miserum! rief der Sklave, »was kann ich thun? – Jetzt wird sie schon in halb Pompeji herumgelaufen sein. Aber morgen will ich mich verpflichten, sie in ihren alten Schlupfwinkeln aufzufinden. Laß nur Nichts von der Sache verlauten, lieber Kallias.«

»Ich will Alles thun, was die Freundschaft vermag, so weit es sich mit meiner eigenen Sicherheit verträgt. Aber bist Du auch gewiß, daß sie das Haus verlassen hat? – Vielleicht ist sie noch hier irgendwo versteckt.«

»Wie wäre das möglich? In den Garten konnte sie leicht kommen, und die Thüre stund, wie ich Dir sagte, offen.«

»Nicht doch; denn gerade zu der Stunde, von der Du sprichst, war Arbaces mit dem Priester Kalenus im Garten. Ich ging dorthin, um einige Kräuter für das Bad meines Herrn auf morgen zu suchen; das Tischchen, das Du aufgestellt, sah ich wohl, aber die Thüre war, wie ich gewiß weiß, zu; verlaß Dich darauf, daß Kalenus durch den Garten eintrat und natürlich die Thüre hinter sich zumachte.«

»Aber sie war nicht verschlossen.«

»Doch; denn ich selbst, ärgerlich über eine Nachlässigkeit, die die Bronzen im Peristyl der Gnade des ersten besten Diebes preisgab, drohte den Schlüssel herum, zog ihn ab und – ich fand nämlich den betreffenden Sklaven nicht, sonst würde ich ihn tüchtig ausgezankt haben – hier steckt er noch in meinem Gürtel.«

»O gnädiger Bacchus, ich habe also nicht umsonst zu Dir gebetet. Laß uns keinen Augenblick verlieren; wir wollen sogleich in den Garten – vielleicht ist sie noch dort!«

Der gutmüthige Kallius willigte ein, dem Sklaven beizustehen, und nachdem sie vergeblich die anstoßenden Zimmer und die Nischen des Peristyls untersucht hatten, traten sie in den Garten.

Um dieselbe Zeit etwa hatte Nydia beschlossen, ihr Versteck zu verlassen und sich hinauszuwagen. Leicht zitternd, den Athem anhaltend, der bisweilen krampfhaft hervorbrach – jetzt an den blumenbekränzten Säulen des Peristyls hingleitend – dann den stillen Mondschein, der auf dessen eingelegten Boden hinfiel, mit ihrem Schatten verdunkelnd – hierauf die Terrasse des Gartens erklimmend und unter den düstern und athemlosen Bäumen hinschleichend, erreichte sie endlich die verhängnisvolle Thüre – um sie verschlossen zu finden. Wir alle haben schon jenen Ausdruck des Schmerzes, der Ungewißheit und der Furcht gesehen, den eine plötzliche Enttäuschung des Tastsinns, wenn ich nicht dieses Ausdrucks bedienen darf, auf dem Gesicht eines Blinden erscheinen läßt. Welche Worte aber wären im Stande, das fürchterliche Wehe, das Hinabsinken des ganzen Herzens zu schildern, das jetzt auf den Zügen der Thessalierin sichtbar war! Wieder und wieder tasteten ihre kleinen, zitternden Hände an der unerbittlichen Thüre umher. Armes Geschöpf! – Vergebens war all dein edler Muth, deine unschuldige List, dein Mühen, dem Jäger und seiner Meute zu entgehen. Nur wenige Schritte von dir stehen deine Verfolger, lachend über deine Bemühungen – deine Verzweiflung; denn sie wissen, daß du ihnen nicht mehr entrinnen kannst, und warten mit grausamer Geduld den beliebigen Augenblick ab, ihre Beute zu erfassen. Wohl dir, daß Du sie nicht siehst!

»Still, Kallius, laß sie machen, wir wollen sehen, was sie anfängt, wenn sie sich überzeugt hat, daß die Thüre verschlossen ist.«

»Sieh – jetzt erhebt sie das Gesicht zum Himmel – sie murmelt etwas – sie sinkt verzweifelnd nieder! Nein – beim Pollux, sie hat irgend einen neuen Plan; sie ergibt sich noch nicht! Beim Jupiter, ein zähes Köpfchen! Sieh, jetzt springt sie auf – jetzt schlägt sie den Rückweg ein – sie denkt an einen andern Ausweg! Ich rathe Dir, Sosia, nicht länger zu zögern. Pack sie, ehe sie den Garten verläßt – jetzt!«

»Ha, Wegläuferin! Habe ich Dich wieder – he?« rief Sosia, die unglückliche Nydia fassend.

Wie der letzte menschenähnliche Schrei des Hasen in den Fängen der Hunde – wie der durchdringende Schreckensruf, den ein plötzlich aufgeweckter Nachtwandler ausstößt – war der Schrei des blinden Mädchens, als sie den plötzlichen Griff ihres Kerkermeisters fühlte. Es war ein Schrei jener fürchterlichen Todesqual, jener vollendeten Verzweiflung, so im Ohre jedes Hörers bis auf die fernsten Zeiten fortzutönen vermöchte. Ihr war, als würde jetzt dem sinkenden Glaukus das letzte Brett aus den Händen gerissen. Bisher war es ein Kampf zwischen Leben und Tod gewesen, jetzt aber hatte der Tod das Spiel gewonnen.

»Götter!« rief Kallias, »dieses Geschrei wird das Haus in Aufregung bringen! Arbaces hat einen sehr leisen Schlaf. Stopfe ihr den Mund!«

»Ach ja, da habe ich gerade das Tuch, mit welchem die junge Hexe meinen Verstand wegzauberte. Komm her, so ist's recht; jetzt bist Du stumm und blind zugleich.«

Und die leichte Bürde in seine Arme nehmend, erreichte Sosia bald das Haus und das Zimmer, aus welchem Nydia entwichen war. Dort nahm er ihr den Knebel ab und überließ sie einer Einsamkeit, die so qualvoll und fürchterlich war, daß sie den Hades selbst kaum an Schrecken zu überbieten vermöchte.

Sechszehntes Kapitel.

Die Theilnahme guter Freunde an unserem Unglück – Der Kerker und seine Opfer.

Der Abend des dritten und letzten Gerichtstages über Glaukus und Olinth war eingebrochen. Wenige Stunden, nachdem die Sitzung beendigt und das Urtheil gefällt worden, hatte sich eine Gesellschaft junger Pompejaner von gutem Ton um den ausgewählten Tisch des Lepidus versammelt.

»Glaukus läugnete also sein Verbrechen bis zum letzten Augenblick?« begann Klodius.

»Ja, aber das Zeugnis des Arbaces war überweisend; dieser sah, wie der Stoß geführt wurde,« antwortete Lepidus.

»Was mag wohl die Veranlassung gewesen sein?«

»Nun, der Priester war ein finsterer und mürrischer Kamerad. Wahrscheinlich machte er dem Glaukus arge Vorwürfe wegen seines heiteren Lebens und seines Hangs zum Spiel, und schwur endlich, er werde seine Zustimmung zu der Vermählung Ione's mit dem Griechen nie geben. Es kam zum Wortwechsel; Glaukus scheint des Weines voll gewesen zu sein und stieß dem Priester im Affect nieder. Die Aufregung des Weins, verbunden mit den sofort sich einstellenden Gewissensbissen, führte den Wahnsinn herbei, an welchem er mehre Tage litt, und ich kann mir leicht denken, daß der arme Junge, noch immer durch dieses Delirium verwirrt, selbst jetzt des Verbrechens unbewußt ist, das er begangen hat. So lautet wenigstens die schlaue Vermuthung des Arbaces, der in seiner Zeugenaussage sehr freundlich und nachsichtig zu Werke gegangen zu sein scheint.«

»Ja, er hat sich dadurch allgemein beliebt gemacht. Aber in Anbetracht dieser mildernden Umstände hätte der Senat seinen Spruch mildern sollen.«

»Das würde er auch gethan haben, wenn das Volk nicht wäre; aber dies ist ganz wüthend. Die Priester hatten keine Mühe gehabt, die Leute vom Volk aufzuregen, und diese blutdürstigen Bestien bildeten sich nun ein, Glaukus habe Aussicht, der Arena zu entgehen, weil er reich und vornehm ist, und gerade deshalb waren sie unerbittlich gegen ihn und doppelt versessen auf seine Verurtheilung. Der Senat mußte zugeben, daß er der Rechte eines Bürgers beraubt und so zum Tode verurheilt wurde, obgleich der Arme bei all dem nur eine Mehrheit von drei Stimmen gegen sich hatte. – He, Wein von Chios!«

»Er sieht arg verändert aus; aber doch, wie ruhig und furchtlos!«

»Nun, wir werden sehen, ob seine Festigkeit bis morgen anhält. Aber welchen Werth kann der Muth haben, wenn dieser atheistische Hund, der Olinth, die gleiche Standhaftigkeit zeigt?«

»Der Gotteslästerer!« rief Lepidus mit frommem Zorn; »ach da ist es freilich kein Wunder, daß vor zwei Tagen erst ein Dekurio durch einen Blitz aus heiterem Himmel getödtet wurde.Plinius erzählt diese Thatsache. Die Götter sind erzürnt über Pompeji, so lange der niederträchtige Beflecker ihres Heiligthums in seinen Mauern lebt.«

»Und doch war der Senat so mild, daß Olinth nur Reue bezeugt und einige Körner Weihrauch auf den Altar der Cybele gestreut hätte, er mit heiler Haut davon gekommen wäre. Ich zweifle, ob diese Nazarener, wäre ihre Religion die herrschende, sich so duldsam gegen uns zeigen würden , wenn wir das Bild ihres Gottes niedergeschlagen, ihre Gebräuche gelästert und ihren Glauben verläugnet hätten.«

»Auch dem Glaukus gestattet man, in Anbetracht der Umstände, eine Möglichkeit der Rettung; er darf gegen den Löwen denselben Stylus verwenden, mit dem er den Priester niederstieß.«

»Hast Du den Löwen gesehen? Hast Du seine Zähne und Klauen betrachtet, und nennst Du das eine Möglichkeit? Selbst Schwert und Schild wären bloß Rohr und Papyrus gegen den Angriff des mächtigen Thieres! Nein – ich glaube die wahre Milde bestand darin, ihn nicht lange in Ungewißheit zu lassen, und es war deshalb ein Glück für ihn, daß unsere wohlwollenden Gesetze langsam in Fällung, aber rasch in Vollziehung der Urtheile sind, und daß die Spiele des Amphitheaters durch eine gewisse Vorsehung seit lange schon auf morgen festgesetzt waren. Auf den Tod warten, heißt zweimal sterben.«

»Was den Gottesläugner anbelangt,« sagte Klodius, »so muß er's mit dem Tiger mit unbewaffneter Hand aufnehmen. Unglücklicherweise kann man auf diese Kämpfe nicht wetten, oder will doch vielleicht Jemand die Wette halten?«

Ein schallendes Gelächter zeigte die Lächerlichkeit dieser Frage an.

»Armer Klodius!« rief der Wirth, »einen Freund zu verlieren, ist schon etwas; aber Niemand zu finden, der auf die Möglichkeit seiner Rettung mit Dir wettet, ist ein viel größeres Unglück für Dich!«

»Ja, das ist ärgerlich; für ihn und für mich wäre ein gewisser Trost in dem Gedanken gewesen, daß er selbst im Tode noch zu etwas nütze sei.«

»Das Volk,« hub der ernste Pansa an, »ist ganz entzückt von dem Ergebnis. Die guten Leute waren außerordentlich besorgt, die Spiele im Amphitheater möchten ohne einen Verbrecher für die Thier stattfinden müssen, und jetzt zwei solche Verbrecher zu bekommen, ist in der That eine Freude für die armen Burschen! Sie arbeiten hart und müssen deshalb auch einigen Spaß haben.«

»So spricht der Volksfreund Pansa, der nie ausgeht, ohne einen Schweif von Klienten, so lang als ein indischer Triumphzug. Er spricht immer vom Volke. Götter! am Ende wird er noch ein Grachus.«

»Jedenfalls bin ich kein anmaßender Aristokrat,« versetzte Pansa mit hochherziger Miene.

»Nun,« bemerkte Lepidus, »es wäre auch gewiß gefährlich, am Vorabend eines Thiergefechts den Mitleidigen zu spielen. Wenn je über mich ein hochnothpeinlicher Prozeß verhängt wird, so flehe ich zu Jupiter, daß entweder keine wilden Thiere in den öffentlichen Ställen, oder aber genug Verbrecher in den Kerkern sein mögen.«

»Und was,« fragte einer von den Gästen, »was ist aus dem armen Mädchen geworden, das Glaukus heirathen wollte? Eine Wittwe ohne Frau gewesen zu sein – das ist hart!«

»O,« entgegnete Klodius, »Sie ist sicher unter dem Schutz ihres Vormundes Arbaces. Es war natürlich, daß sie sich, nachdem sie Bräutigam und Bruder verloren, zu ihm begab.«

»Bei der Venus, Glaukus hatte Glück bei den Frauen! Man sagt, die reiche Julia sei auch in ihn verliebt gewesen.«

»Eine bloße Fabel, mein Freund,« sagte Klodius geckenhaft; »ich war heute bei ihr. Wenn sie je ein derartiges Gefühl empfand, so schmeichle ich mir, sie getröstet zu haben.«

»Still, Ihr Herren,« rief Pansa; »wißt Ihr nicht, daß Klodius gegenwärtig damit beschäftigt ist, in Diomeds Haus tüchtig auf die Fackel zu blasen? Sie fängt an zu brennen und wird bald hell leuchten an Hymens Altar.«

»Sieht es so aus?« fragte Lepidus; »was! Klodius ein Ehemann werden? Pfui!«

»Sie ohne Furcht,« antwortete Klodius, »der alte Diomed ist entzückt bei dem Gedanken, seine Tochter an einen Patrizier zu verheirathen und wird mit den Sesterzen nicht im Hinterhalt bleiben; daß ich sie aber nicht im Atrium verschließe, davon werdet Ihr Euch überzeugen. Der Tag, da Klodius eine Erbin heirathet, soll ein weißer für seine heitern Freunde sein.«

»Steht es so?« rief Lepidus, »komm, also einen vollen Becher auf das Wohl der schönen Julia!«

Während dieses Gesprächs, das mit der gewöhnlichen Denkungsart der Schwelger jener Zeit im Einklang stund, und das vielleicht vor hundert Jahren in gewissen Cirkeln von Paris ein Echo gefunden hätte, im heitern Triklinium des Lepidus stattfand, schaute eine ganz andere Umgebung den jungen Athener an.

Nach seiner Verurtheilung wurde Glaukus nicht mehr der milden Haft Sallusts, des einzigen Freundes in seinem Unglück, überantwortet. Man führte ihn über das Forum, bis die Wächter an einem Pförtchen neben dem Jupitertempel hielten. Die Thüre öffnete sich in der Mitte auf eine etwas sonderbare Art, indem sie sich wie ein moderner Triller um ihre Angeln drehte, so daß immer nur der halbe Raum zu einer und derselben Zeit offen stand. Durch diese enge Öffnung schoben sie den Gefangenen, setzten ein Brod und einen Krug Wasser vor ihn und überließen ihn der Finsternis und, wie er glaubte, der Einsamkeit. So plötzlich war die Umwälzung eingetreten, die ihn von der Palmenhöhe jugendlicher Freude und begünstigter Liebe in den tiefsten Abgrund der Schande und in die Schrecken eines blutigen Todes hinabgeworfen, daß er mehr als einmal glaubte, er liege in den Banden eines fürchterlichen Traumes. Seine elastische und kräftige Constitution hatte über einen Trank gesiegt, den er glücklicherweise nur zum kleineren Theile zu sich genommen. Sinne und Bewußtsein hatten sich wieder eingestellt, aber noch immer lag ein schwerer Nebel auf seinen Nerven, der seinen Geist verdunkelte. Sein natürlicher Muth und der edle griechische Stolz befähigten ihn, jede unpassende Bangigkeit zu überwinden und seinem entsetzlichen Schicksal im Gerichtssaal mit standhafter Haltung und unerschrockenem Auge entgegenzusehen. Dann aber reichte das Bewußtsein der Unschuld kaum mehr hin, ihn aufrecht zu erhalten, wenn der Blick der Menge seinen hohen Muth nicht länger erweckte und er der Stille und Einsamkeit überlassen wurde. Er fühlte, wie der Dunst des Kerkers seinen geschwächten Körper durchschauerte – ihn – den wählerischen, üppigen, versteinerten Menschen – der bis daher keiner Strapaze getrotzt, keinen Kummer gekannt hatte! Das herrliche Vögelchen, das er war! Warum hatte es seinen fernen und sonnigen Himmel – die Olivenhaine seiner vaterländischen Berge – die Musik ihrer unsterblichen Ströme verlassen? Warum sein glänzendes Gefieder unter diesen harten und ungleichartigen Fremdlingen entfaltet, ihr Auge mit seinen prachtvollen Farben geblendet und ihr Ohr mit seinem fröhlichen Gesang entzückt, um also plötzlich gefangen, in Finsternis geworfen, ein Opfer und eine Beute zu werden – seinen heiteren Flug für immer enden, seine munteren Lieder für immer zum Schweigen bringen zu lassen? Der arme Athener! Seine Fehler sogar waren das Übermaß einer milden und heiteren Natur geworden, und wie wenig hatte ihn seine Vergangenheit für die Prüfungen, die er erstehen sollte, vorbereitet! Das Geschrei des Volks, unter dessen Jubelruf er so oft seinen anmuthigen Wagen und seine bäumende Rosse dahingeführt hatte, klang noch immer schmerzhaft in seinem Ohre nach. Die kalten und steinernen Gesichter seiner früheren Freunde, der Genossen seiner heiteren Gelage, tauchten noch immer vor seinem Auge auf. Niemand war jetzt da, den bewunderten, den geschmeichelten Fremden zu trösten, zu ermuthigen. Diese Mauern öffneten sich für ihn nur, um auf der gefürchteten Arena einen gewaltsamen und schmählichen Tode entgegenzugehen. Und Ione! Auch von ihr hatte er nichts gehört; kein ermuthigendes Wort, keine Botschaft des Mitleidens; und sie hatte ihn verlassen; sie hielt ihn für schuldig – und zwar welches Verbrechens? – der Ermordung ihres Bruders! Er knirschte mit den Zähnen – er stöhnte laut – und eine schreckliche Besorgnis durchzuckte ihn. Konnte er nicht in jenem vollendeten und wilden Wahnsinn, der sich seiner Seele in so unerklärlicher Weise bemächtigt, sein verwirrtes Gehirn zerstört hatte, konnte er da nicht das Verbrechen, dessen er angeklagt war, ohne sein Bewußtsein wirklich begangen haben? So schnell jedoch dieser Gedanke in ihm auftauchte, eben so schnell war er auch unterdrückt. Denn trotz des die Vergangenheit umhüllenden Nebels glaubte er sich deutlich an den dämmernden Hain der Cybele, an das aufwärts gerichtete Gesicht des blassen Todten, an sein Verweilen zur Seite des Leichnams und an den plötzlichen Stoß zu erinnern, der ihn zu Boden geworfen. Er war von seiner Unschuld überzeugt; aber wer mochte ihn selbst in der fernsten Zeit, wenn seine zerfleischten Überreste längst mit den Elementen vermischt waren, für schuldlos halten, oder seinen guten Namen vertheidigen? Wenn er sich an seine Unterredung mit Arbaces und an die Ursachen zur Rache, die in dem Herzen dieses dunklen und fürchterlichen Mannes aufgeweckt worden waren, erinnerte, so konnte er nicht umhin, zu glauben, daß er das Opfer einer tief angelegten und geheimnisvollen Hinterlist sei, deren Faden er jedoch durchaus nicht zu entdecken vermochte; und Ione – Arbaces liebte sie – sollte vielleicht sein Untergang dem Siege seines Nebenbuhlers zur Grundlage dienen? Dieser Gedanke war qualvoller für ihn, als alle übrigen und sein edles Herz wurde mehr von Eifersucht verwundet, als durch Furcht entmuthigt. Von Neuem stöhnte er laut.

Eine Stimme aus dem Hintergrunde der Finsternis antwortete auf diesen Ausbruch des Schmerzes. »Wer,« begann sie, »ist mein Gefährte in dieser fürchterlichen Stunde? Athener Glaukus, bist Du es?«

»So nannte man mich allerdings in den Tagen des Glücks, jetzt aber haben sie vielleicht andere Benennungen für mich, und Dein Name, Fremdling?«

»Ist Olinth, Dein Genosse im Gefängnis wie vor Gericht.«

»Was! der, den man den Atheisten nennt? Hat etwa die Ungerechtigkeit der Menschen Dich gelehrt, die Vorsehung der Götter zu läugnen?«

»Ach!« antwortete Olinth, »Du – nicht ich – bist der eigentliche Gottesläugner; denn Du läugnest den einzig wahren Gott – den Unbekannten – dem Deine Väter zu Athen einen Altar errichteten. In dieser Stunde fühle ich meinen Gott. Er ist bei mir in Kerker; sein Lächeln durchdringt die Finsternis; am Vorabend des Todes flüstert mir mein Herz von Unsterblichkeit und die Erde tritt nur von mir zurück, um die milde Seele dem Himmel näher und näher zu bringen.«

»Sag mir,« rief Glaukus plötzlich, »hörte ich im Verlaufe meines Prozesses nicht Deinen Namen in Verbindung mit dem des Apäcides nennen? Hältst Du mich für schuldig?«

»Gott allein liest im Herzen; aber mein Verdacht ruhte nicht auf Dir.«

»Auf wem denn?«

»Auf Deinem Ankläger Arbaces.«

»Ha, Du ermuthigst mich – und weshalb auf Arbaces?«

»Weil ich des Mannes böses Herz kenne, und er Ursache hatte, den zu fürchten, der jetzt todt ist.«

Nunmehr berichtete Olinth dem Glaukus über diejenigen Umstände, die dem Leser bereits bekannt sind – über seine Unterredung mit Apäcides, so wie über den Plan, den er mit diesem zur Enthüllung der Betrügereien der egyptischen Priesterschaft und der von Arbaces gegen die jugendliche Schwäche des Neubekehrten angewandten Verführungskünste entworfen hatte. »Ist daher,« schloß Olinth, »der Verstorbene dem Arbaces begegnet, hat er ihm seinen Verrath vorgeworfen und mit Entdeckung gedroht, so mochten Ort und Stunde den Zorn des Egypters begünstigt, und Leidenschaft und List den Todesstoß geführt haben.«

»So muß es gewesen sein,« rief Glaukus voll Freude; »ich bin glücklich.«

»Was hilft Dir übrigens jetzt, diese Entdeckung, o Unglücklicher? Du bist unwiderruflich verurtheilt und wirst bei all Deiner Unschuld untergehen.«

»Aber ich selbst werde wissen, daß ich schuldlos bin, während ich bisher in meinem geheimnisvollen Wahnsinn fürchterliche, wenn auch nur augenblickliche, Zweifel hege. Aber sag' mir, Du Mann eines fremden Glaubens, denkst Du, daß wir für kleine Vergehen oder für angestammte Fehler von den Mächten da oben, wie Du sie auch heißen magst, auf immer verstoßen und verflucht sind?«

»Gott ist gerecht und verstößt seine Geschöpfe um bloßer menschlicher Schwäche willen nicht. Gott ist gnädig und verflucht nur die Sünder, die nicht bereuen.«

»Doch schien es mir, als ob ich im göttlichen Zorn von plötzlichem Wahnsinn – einer übernatürlichen, nicht durch menschliche Mittel bereiteten Selbstzerrüttung heimgesucht worden wäre.«

»Es gibt,« antwortete der Nazarener, »böse Geister auf Erden, so gut es einem Gott und seinem Sohn im Himmel gibt, und da Du die letzteren nicht anerkennst, so haben vielleicht die ersteren Macht über Dich gehabt.«

Glaukus antwortete nicht und es trat jetzt eine Stille von mehren Minuten ein. Endlich begann der Athener mit veränderter, sanfter und halb zaudernder Stimme: »Christ, glaubst Du nach den Lehren Deiner Religion, daß die Todten zu neuem Leben erstehen – – daß die, welche hier geliebt, in einer andern Welt vereinigt werden – daß jenseits des Grabes unser guter Name, befreit von dem Nebel der Sterblichkeit, der ihn vor dem groben Auge der Welt ungerechterweise verdunkelte, in seinem wahren Lichte leuchtet, und daß die durch Wüste und Felsen getrennten Ströme im heiligen Hades zusammentreffen und wieder in einem Bette fließen?«

»Ob ich das glaube, Athener? Nein, ich glaube es nicht: ich weiß es. Und diese schöne und beseligende Gewißheit ist es, die mich jetzt aufrecht erhält. O Cyllene,« fuhr Olinth begeistert fort, »Braut meines Herzens! mir im ersten Monat unserer Ehe entrissen, werd' ich Dich nicht in wenigen Tagen schon wiedersehen? Willkommen, willkommen Tod, der mich in den Himmel und zu Dir führt!«

In diesem plötzlichen Ausbruch menschlicher Liebe lag etwas, das eine verwandte Saite in der Seele des Griechen berührte. Zum erstenmal fühlte er eine größere Sympathie, als die bloße Gemeinschaft des Unglücks zu erwecken vermag. Er kroch näher zu Olinth hin; denn so roh auch die Italiener in einigen Punkten waren, so zeigten sie doch in andern keine unnöthige Grausamkeit; sie verschonten den Gefangenen mit abgesonderter Zelle und überflüssiger Kette, und gönnten den Opfern der Arena den traurigen Trost einer Freiheit und Gesellschaft, wie sie das Gefängnis zu bieten vermag.

»Ja,« fuhr der Christ mit heiligem Eifer fort, »die Unsterblichkeit der Seele – die Auferstehung – die Wiedervereinigung der Todten ist die große Grundlehre unseres Glaubens – die große Wahrheit, zu deren Verkündung und Bezeugung ein Gott selbst den Tod erlitt. Kein gefabeltes Elysium – kein dichterischer Orkus; sondern eine reine und strahlendere Ererbung des Himmels selbst ist der Antheil der Guten.«

»Sage mir also Deine Lehren und theile mir Deine Hoffnungen mit,« sprach Glaukus mit feierlicher Rührung.

Olinth zögerte nicht, dieser Bitte zu entsprechen und wie so oft in den ersten Jahrhunderten des Christenthums, ergoß auch hier das dämmernde Evangelium in die Dunkelheit des Kerkers und auf die herannähernden Schatten des Todes seiner sanften und heiligenden Strahlen.

Siebenzehntes Kapitel.

Ein Wechsel für Glaukus.

In langsamer Qual strichen die Stunden über dem Hause Nydia's hin, seit sie wieder in ihre Zelle gebracht worden war.

Als befürchte er von Neuem überlistet zu werden, hatte Sosia sie erst spät am Morgen des folgenden Tages wieder besucht und auch dann nur den Korb mit Speise und Wein hereingestellt und die Thüre schnell wieder verschlossen. Der Tag verstrich und Nydia fühlte sich gerade in der Stunde, wo über Glaukus das Urtheil gesprochen werden sollte, und ihre Freiheit ihn gerettet hätte, hinter unerbittlichen Riegeln! Im Bewußtsein jedoch, daß, obwohl ihre Entweichung beinahe unmöglich schien, die einzige Möglichkeit der Rettung des Glaukus auf ihr beruhte, beschloß das junge Mädchen, trotz ihrer Schwäche und der leichten Reizbarkeit ihres Gemüthes sich keiner Verzweiflung hinzugeben, die sie unfähig machen würde, eine sich vielleicht noch darbietende Gelegenheit zu ergreifen. Sie behielt ihre Besinnung, so oft diese auch unter dem Strudel unverträglicher Gedanken kreiste und schwankte; ja, sie nahm Speise und Trank, damit es ihr nicht an Kräften fehlen – damit sie bereit sein möchte!

Plan auf Plan zur Flucht wälzte sie in ihrem Geiste umher und jeden mußte sie wieder aufgeben. Sosia blieb ihre einzige Hoffnung, das einzige Werkzeug, das sie für sich zu gewinnen suchen konnte. Er war abergläubisch gewesen in der Hoffnung, zu erfahren, ob er eines Tages seine Freiheit erkaufen könne. Große Götter! Konnte er nicht durch das Geschenk der Freiheit selbst gewonnen werden? War sie nicht beinahe reich genug, ihm diese zu erkaufen? Ihre zarten Arme waren mit den Bändern, die ihr Ione geschenkt, bedeckt und um ihren Hals trug sie noch jene Kette, die, wie sich der Leser erinnern wird, ihren eifersüchtigen Streit mit Glaukus veranlaßt und die sie sodann immer zu tragen gelobt hatte. Mit heißer Sehnsucht wartete sie auf Sosia's Wiederkehr; als aber Stunde um Stunde entrann, und er nicht kam, da ward sie ungeduldig. Jede Nerve zuckte fieberhaft; es war ihr unmöglich, die Einsamkeit länger zu ertragen – sie stöhnte, sie schrie laut – sie stieß mit ihrem Kopfe gegen die Thüre. Ihr Geschrei hallte weit hin und Sosia eilte höchst erzürnt herbei, um zu sehen, was es denn gebe, und um seine Gefangene wo möglich zum Stillschweigen zu bringen.

»Ho, ho! was soll dies?« fragte er finster. »Junge Sklavin, wenn Du so schreist, müssen wir Dich knebeln. Meine Schultern müßten dafür büßen wenn mein Herr Dich hörte.«

»Lieber Sosia, zank' mich nicht – ich kann's nicht aushalten, so lang allein zu bleiben,« antwortete Nydia, »die Einsamkeit beängstigt mich. Ich bitte Dich, sitze nur einen Augenblick zu mir. Fürchte nicht, daß ich zu entweichen versuche; stelle Deinen Stuhl vor die Thüre – richte das Auge auf mich – ich will mich nicht von der Stelle bewegen.«

Sosia, selbst ein gewaltiger Freund vom Plaudern, wurde durch diese Anrede gerührt. Er bemitleidete ein Wesen, das Niemand zum Plaudern hatte – denn er befand sich in derselben Lage; er fühlte Mitleid und beschloß, sich selbst von der Qual zu befreien. Nydia's Wink ergreifend, setzte er einen Stuhl vor die Thüre, lehnte den Rücken gegen dieselbe und antwortete: »Ich will gewiß nicht unfreundlich gegen Dich sein, und so lange es sich nur um ein unschuldiges Geplauder handelt, gerne Deinem Wunsch entsprechen. Aber merk Dir's, keine Schliche, keine Geisterbeschwörungen mehr!«

»Nein, nein; sag' mir, lieber Sosia, was ist die Stunde?«

»Es ist schon Abend – die Ziegen gehen nach Haus.«

»O Götter, wie gings beim Gericht?«

»Beide verurtheilt!«

Nydia unterdrückte den Klageruf. »Gut, gut, ich dachte mir, es würde so gehen. Wann sollen sie den Tod erleiden?«

»Morgen im Amphitheater; wenn Du nicht wärest, armer Schelm, so dürfte ich auch mit den Übrigen hingehen und zuschauen.«

Nydia lehnte sich für einige Augenblicke zurück. – Die Natur vermochte nicht weiter zu ertragen – sie war ohnmächtig geworden. Aber Sosia bemerkte es nicht, denn es war Abenddämmerung und er voll von den über ihn selbst verhängten Entbehrungen. Er ergoß sich in Wehklagen über den Verlust eines so herrlichen Schauspiels und beschuldigte den Arbaces der grausamsten Ungerechtigkeit, daß er gerade ihn aus allen seinen Kameraden zum Kerkermeister gestempelt habe. Ehe er jedoch sein Herz völlig ausgeschüttet, war Nydia mit einem tiefen Seufzer wieder zu sich gekommen.

»Du seufzest über mein Mißgeschick, meine Blinde, gut, das ist doch einiger Trost; so lange Du anerkennst, was Du mich kostest, will ich mir Mühe geben, nicht zu zanken – es ist hart, schlimm behandelt, und nicht einmal bemitleidet zu werden.«

»Sosia, wie viel brauchst Du noch, um Deine Freiheit zu erkaufen?«

»Wie viel? – Nun, etwa zweitausend Sesterze.«

»Die Götter seien gepriesen! Nicht mehr? Siehst Du diese Armbänder und diese Kette? – Sie sind wohl doppelt so viel werth. Ich will Sie dir geben, wenn –«

»Versuche mich nicht; ich kann Dich nicht loslassen; Arbaces ist ein strenger und fürchterlicher Herr. Wer weiß, ob ich nicht den Fischen des Sarnus zur Speise dienen müßte? Ach! alle Sesterze in der Welt würden mich alsdann nicht mehr ins Leben zurückkaufen. Besser ein lebendiger Hund, als ein tödter Löwe!«

»Sosia, Deine Freiheit! Überleg' es wohl; wenn Du mich hinausläßt – nur für ein einziges Stündlein! Laß mich um Mitternacht aus, und ich will, noch ehe der Tag graut, zurückkehren. Ja, Du kannst sogar mit mir gehen.«

»Nein,« antwortete Sosia aufs Entschiedenste, "ein Sklave war dem Arbaces einmal ungehorsam, und nie mehr hörte man von ihm.«

»Aber das Gesetz gibt dem Herrn keine Gewalt über das Leben seiner Sklaven.«

»Das Gesetz ist sehr gütig, aber leider nicht eben so wirksam als artig; ich weiß, daß Arbaces das Gesetz immer auf seine Seite bekommt. Überdies, wenn ich einmal todt bin, welches Gesetz kann mich wieder ins Leben bringen?«

Nydia rang die Hände: »Ist also keine Hoffnung vorhanden?« rief sie krampfhaft.

»Keine zum Fortkommen, bis Arbaces die Erlaubnis ertheilt.«

»Gut denn,« versetzte Nydia rasch, »Du wirst mir wenigstens nicht abschlagen, einen Brief von mir zu überliefern; dafür kann Dich Dein Herr nicht tödten.«

»An wen?«

»An den Prätor.«

»An eine obrigkeitliche Person? – Nein! ich nicht – ich könnte da in einer Sache, von der ich nichts weiß, zur Zeugenschaft gezogen werden, und Sklaven verhört man nur auf der Folter.«

»Verzeihung; ich meine nicht den Prätor – das Wort entschlüpfte mir unversehens; ich meinte eine ganz andere Person – den muntern Sallust.«

»Ah so! Und was willst Du von ihm?«

»Glaukus war mein Gebieter; er kaufte mich von einem grausamen Herrn und er, der allein gütig gegen mich war, soll jetzt sterben. Nie werde ich mich meines Lebens freuen, wenn ich ihn nicht in seiner letzten Stunde benachrichtigen kann, daß wenigstens ein Herz dankbar gegen ihn gesinnt ist; Sallust ist sein Freund, er wird mein Schreiben überliefern.«

»Das thut er gewiß nicht. Glaukus wird zwischen jetzt und morgen genug zu denken haben, ohne daß man ihn auch noch mit dem Briefe eines blinden Mädchens beunruhigt.«

»Wann,« versetzte Nydia aufstehend, »willst Du frei werden? – Du hast das Mittel in Deiner Gewalt; morgen wird es zu spät sein. Nie wurde Freiheit billiger erkauft; leicht, und ohne, daß man Dich vermißt, kannst Du das Haus verlassen, und kaum eine halbe Stunde brauchst Du fortzubleiben. Wegen einer solchen Kleinigkeit willst Du Deine Freiheit ausschlagen?«

Sosia war sehr bewegt. Allerdings lastete die Stille überaus einfältig; aber was ging das ihn an? Um so besser für ihn; er konnte ja die Thüre verschließen, und wenn Arbaces je seine Abwesenheit erfuhr, so war das Vergehen nur ganz unbedeutend und konnte ihm nur einen kleinen Verweis eintragen. Aber sollte Nydia's Schreiben etwas mehr enthalten, als was sie vorgegeben – sollte es, wie er schlau vermuthete, von ihrer Haft sprechen – was dann? Doch Arbaces brauchte ja nie zu wissen, daß er den Brief überbracht habe. Im schlimmsten Fall war der Preis ungeheuer, die Gefahr gering, die Versuchung unwiderstehlich. Er zauderte nicht länger – er ging auf den Vorschlag ein.

»Gib mir den Schmuck und ich will den Brief überliefern. Doch halt – Du bist eine Sklavin – Du hast kein Recht auf diese Sachen – sie gehören Deinem Herrn.«

»Es sind Geschenke von Glaukus; er ist mein Herr, welche Wahrscheinlichkeit aber ist vorhanden, daß er sie je zurückfordert, und wer sonst weiß, daß sie in meinem Besitze sind?«

»Genug, ich will Dir den Papyrus bringen.«

In wenigen Minuten hatte Nydia ihren Brief vollendet, den sie aus Vorsicht griechisch – in der Sprache ihrer Kindheit, die fast jeder Italiener aus den höheren Ständen zu jener Zeit verstand – abfaßte. Sorgsam wand sie den schützenden Faden um das Schreiben und bedeckte den Knoten mit Wachs. Ehe sie die wichtige Depesche in Sosia's Hände niederlegte, redete sie ihn folgendermaßen an: »Sosia, ich bin blind und in Haft; vielleicht gedenkst Du mich zu betrügen; vielleicht gibst Du nur vor, diesen Brief an Sallust zu überliefern, ohne Deinen Auftrag zu vollziehen. Aber feierlich weihe ich hiemit Dein Haupt der Rache, Deine Seele den höllischen Mächten, wenn Du mein Vertrauen täuschest. Ich fordere Dich auf, Deine Rechte Hand in die meinige zu legen, und mir folgende Worte nachzusprechen: ›Bei dem Boden, auf welchem wir stehen, bei den Elementen, welche Leben erhalten und Leben vernichten können, bei dem Alles rächenden Orkus, bei dem allsehenden Jupiter schwöre ich, daß ich meines Auftrags mich ehrlich entledigen und diesen Brief treulich in die Hände Sallust's überliefern will; wenn ich aber diesen Eid breche, möge der volle Fluch des Himmels und der Hölle über mich kommen!‹ Genug – ich traue Dir – empfange Deinen Lohn. Es ist schon dunkel – mach' Dich sofort auf den Weg.«

»Du bist ein sonderbares Mädchen und hast mich fürchterlich erschreckt; aber es geht alles sehr natürlich zu, und wenn Sallust aufzufinden ist, so will ich ihm diesen Brief einhändigen, wie ich geschworen. Meiner Treu, ich mag auch schon meine kleinen Sünden auf dem Gewissen haben; aber Meineid – nein! das überlaß ich vornehmeren Leuten.«

Mit diesen Worten entfernte sich Sosia, nachdem er sorgfältig den schweren Riegel an Nydia's Thüre vorgeschoben, und sie noch überdies sorgsam verschlossen hatte. Hierauf begab er sich, den Schlüssel in seinen Gürtel steckend, in seine eigene Zelle, hüllte sich von Kopf zu Fuß in einen großen Mantel und schlüpfte durch die Hinterthüre ungestört und ungesehen hinaus.

Die Straßen waren leer und somit gelangte er bald zum Haus des Sallust. Der Pförtner hieß ihn den Brief da zu lassen und wieder heimgehen, da Sallust über die Verurtheilung des Glaukus zu betrübt sei, daß er unter keinem Vorwande gestört werden dürfe.

»Aber ich habe einmal geschworen, diesen Brief in seine eigenen Hände zu überliefern, und muß es also auch thun.«

Damit drückte Sosia, der aus Erfahrung genau wußte, daß sich Cerberus seinen Brocken nicht gerne entziehen lasse, dem Pförtner ein Halbdutzend Sesterze in die Hand.

»Gut, gut,« versetzte dieser, nachgiebiger gestimmt, »Du kannst eintreten, wenn Du willst; aber um Dir die Wahrheit zu sagen, Sallust vertrinkt gerade seinen Kummer. Das ist so seine Weise, wenn ihn etwas beunruhigt. Er bestellt ein tüchtiges Abendessen, den besten Wein, und steht nicht eher auf, bis Alles aus seinem Kopf ist, – außer dem Falerner.«

»Ein herrliches Mittel fürwahr! Ach, was ist es so schön, reich zu sein! Wenn ich Sallust wäre, würde ich mir jeden Tag einen neuen Kummer in den Kopf setzen. Aber leg' jetzt ein gutes Wort bei dem Atriensis ein; ich sehe ihn gerade kommen.«

Sallust war zu traurig, um Besuche zu empfangen; aber er war auch zu traurig, um allein zu trinken; deshalb hatte er gewohnterweise seinen Lieblingsfreigelassenen zu seinem Kumpanen gewählt, und nie sah man ein so sonderbares Banket; denn bisweilen seufzte der gutmüthige Epikuräer, winselte und weinte laut; dann aber wandte er sich mit verdoppeltem Eifer zu einer neuen Schüssel oder seinem frischgefüllten Becher.

»Guter Bursche,« sagte er zu seinem Gefährten, »es war ein fürchterlicher Urtheilsspruch – o weh! – das Zicklein ist nicht übel, nicht wahr? – Lieber, armer Glaukus! – welch einen Rachen der Löwe obendrein hat! Ach, ach, ach!«

»Nimm einen Schluck Wein!« rief der Freigelassene.

»Es ist ein wenig zu kalt; aber wie muß es erst den Glaukus frieren. Schließ morgen das Haus – kein Sklave soll hinaus – keiner von meinen Leuten soll diese verfluchte Arena durch seinen Besuch beehren, nein, nein!«

»Einen Schluck Wein – Dein Kummer macht Dich zerstreut. Bei den Göttern! so ist's – ein Stück von diesem Käsekuchen!«

In diesem günstigen Augenblicke nun wurde Sosia in die Gegenwart des untröstlichen Zechers zugelassen.

»Ha, wer bist Du?«

»Nur ein Bote an Sallust. Ich überbringe ihm dieses Billet von einer jungen Dame. So viel ich weiß, bedarf es keiner Antwort. Kann ich wieder gehen?«

So sprach der vorsichtige Sosia, das Gesicht in den Mantel verhüllt und mit verstellter Stimme redend, um jeder späteren Bloßstellung vorzubeugen.

»Bei den Göttern – ein Kuppler! Gefühlloser Wicht – siehst Du meinen Schmerz nicht? Geh! – und nimm den Fluch des Pandorus mit Dir!«

Sosia verlor keinen Augenblick, sich zu entfernen.

»Willst Du den Brief lesen, Sallust?« fragte der Freigelassene.

»Brief! welchen Brief!« versetzte der Epikuräer schwankend, denn er begann, doppelt zu sehen. »Verflucht seien diese Dirnen, sage ich! Bin ich der Mann, um an Vergnügungen zu denken, wenn – wenn mein Freund nahe daran ist, aufgefressen zu werden?«

»Iß noch ein Törtchen!«

»Nein, nein, der Kummer erstickt mich.«

»Bringt ihn zu Bette,« sagte der Freigelassene, und mit lieblich auf die Brust herabsinkenden Kopf wurde Sallust in sein Cubiculum getragen, während er noch immer Wehklagen über Glaukus und Flüche über die gefühllosen Einladungen der Buhlerinnen vor sich hin murmelte.

Unterdessen eilte Sosia voll Entrüstung seiner Wohnung zu. »Ja, ja, ein Kuppler,« sagte er zu sich selbst, »ein Kuppler! Ein bösmauliger Bursche, dieser Sallust! Hätte er mich Schurke oder Dieb genannt, wollte ich's ihm verzeihen; aber Kuppler! Pfui, in dem Worte liegt Etwas, wogegen sich der zäheste Magen in der Welt empören würde. Ein Schurke ist ein Schurke zu seinem eigenen Vergnügen, und ein Dieb ein Dieb zu seinem eigenen Nutzen, und es liegt etwas Ehrenhaftes und Philosophisches darin, um seiner selbst willen ein Schurke zu sein; das heißt nach Grundsätzen, nach einem großen Maßstab handeln. Aber ein Kuppler ist ein Ding, das sich um eines Andern willen beschmutzt! ein Topf, der um eines Andern Suppe willen ans Feuer gesetzt wird! eine Serviette, woran jeder Gast seine Hände abwischt, und zu der selbst der Küchenjunge nur sagt: ›Mit Erlaubnis!‹ Ein Kuppler! Lieber wollte ich, er hätte mich Vatermörder genannt. Doch der Mann war betrunken, und wußte nicht, was er sagte, und überdies war ich vermummt. Hätte er gesehen, daß ihn Sosia anredete, so hätte es gewiß geheißen: ›ehrlicher Sosia‹ und ›würdiger Mann.‹ Indes wurde der Schmuck leicht verdient, das ist einiger Trost. O Göttin Feronia, bald werde ich frei sein, und dann möchte ich den sehen, der mich Kuppler nennt! – wofern er mich nicht recht hübsch dafür bezahlt.«

Während Sosia in solch hochherziger und edelmüthiger Weise mit sich selbst redete, kam er durch ein enges Gäßchen, das nach dem Amphitheater und den in seiner Nähe liegenden Palästen führte. Um eine scharfe Ecke biegend, befand er sich plötzlich inmitten eines beträchtlichen Volkshaufens. Männer, Weiber und Kinder rannten, lachten, schwatzten, gestikulirten, und ehe er sich's versah, war der würdige Sosia von dem lärmenden Strome mit fortgerissen.

»Was gibt's,« fragte er den ihm zunächst Stehenden, einen jungen Handwerker; »was gibt's? Wo drängen sich alle diese guten Leute hin? Theilt heute Nacht irgend ein reicher Mann Almosen oder Speisen aus?«

»Nicht doch, lieber Freund, etwas Besseres,« versetzte der junge Handwerker. »Der edle Pansa, der Freund des Volkes, hat die Erlaubnis ertheilt, die wilden Thiere in ihren Behältern zu sehen. Beim Herkules! es gibt Leute, die sie morgen nicht mit so heiler Haut sehen werden!«

»Das ist ein hübsches Schauspiel,« sagte der Sklave, indem er sich von der nachdrückenden Menge vorschieben ließ, »und da ich morgen nicht zu den Spielen gehen kann, so will ich wenigstens heute Abend einen Blick auf die Thiere werfen.«

»Da wirst Du gut daran thun,« versetzte sein neuer Bekannter, »einen Löwen und einen Tiger sieht man nicht alle Tage.«

Die Menge war jetzt auf einem ungleichen und weiten Platz angelangt, auf welchem, da er nur dürftig und aus der Ferne beleuchtet war, das Gedränge für diejenigen gefährlich wurde, deren Glieder und Schultern nicht zu einem solchen Gewühl paßten. Nichts destoweniger zeigten sich gerade die Frauen, – manche von ihnen mit Kinder auf den Armen, oder sogar an der Brust, – am entschlossensten, sich ihren Weg zu bahnen, und der gellende Ruf ihrer Schimpfworte übertönte die heiteren, männlichen Stimmen. Doch ließ sich unter ihnen auch ein junges Mädchen hören, das in ihrer Aufregung zu glücklich zu sein schien, um das Unbehagliche des Gedränges zu fühlen.

»Ach,« rief sie einigen ihrer Begleiterinnen zu, »ich hab's ja stets gesagt und behauptet, wir würden einen Mann für den Löwen bekommen, und jetzt haben wir obendrein einen für den Tiger, ich wünschte nur, es wäre schon morgen!«

Juchheisa zum lustigen, lustigen Spiel!
Ein Wald von Gesichtern, ein endlos Gewühl!
Die Kämpfer so kühn, wie der Sohn der Allmäna,
Sie schreiten im Zug durch die stumme Arena.
Schwatzt, weil es noch Zeit ist, ihr werdet schon schweigen,
Wenn sie sich mit tödtlichem Armen umzweigen.
Tripp, trapp! sie schreiten im stolzen Gefühl,
Juchheissa zum lustigen, lustigen Spiel.«

»Ein munteres Mädchen,« meinte Sosia.

»Ja,« versetzte eifersüchtig der junge Handwerker, ein krausköpfiger, schöner Jüngling, »ja, die Weiber sind den Gladiatoren gut, wenn ich ein Sklave wäre, ich würde längst bei dem Lanista in die Schule gegangen sein.«

»In der That?« versetzte Sosia höhnisch, »der Geschmack der Leute ist unterschiedlich!«

Jetzt war die Menge an der ersehnten Stelle angelangt; aber da der Raum, in welchem die wilden Thiere verwahrt wurden, überaus klein und eng war, wurde jetzt das Drängen und Pressen der Einlaßsuchenden noch zehnmal heftiger. Zwei am Eingang stehende Diener des Amphitheaters verminderten das Übel sehr weislich dadurch, daß sie den Vordersten nur eine kleine Zahl Einlaßtäfelchen austheilten, und neue Zuschauer erst dann einließen, wenn die jedesmaligen Vorgänger ihre Neugierde befriedigt hatten. Unserem Sosia, der ein recht kräftiger Bursche war, und dem weder Schüchternheit noch feinere Lebensart besondere Bedenklichkeiten erregten, gelang es, als einer der Ersten hineinzukommen.

Von seinem Gefährten, dem Handwerker, getrennt, fand er sich jetzt in einer engen Zelle, in der eine drückende Hitze herrschte, und die von einigen übelriechenden und flackernden Fackeln erleuchtet wurde.

Die Thiere, die gewöhnlich in verschiedenen Behältnissen bewahrt wurden, waren jetzt zum größeren Ergötzen der Zuschauer in einem Raume versammelt, dabei aber immer durch starke, mit eisernen Stangen geschützte, Käfige von einander getrennt.

Da waren sie also, die blutdürstigen und grimmen Wanderer der Wüste, die jetzt beinahe die Hauptpersonen dieser Geschichte geworden sind. Der Löwe, der – als von Natur weniger wild, denn sein Gefährte – durch Hunger zur Wildheit aufgereizt worden, schritt rastlos und trotzig in seinem engen Kerker hin und her: seine Augen funkelten vor Wuth und Hunger, und wenn er so bisweilen stillhielt und umherstarrte, so drängten sich die Zuschauer furchtsam zurück, und ihr Athem ward keuchender. Der Tiger aber lag ruhig und seiner ganzen Länge nach ausgestreckt in seinen Käfig, und beurkundete nur durch ein gelegentliches Spiel mit seinem Schweife oder ein langes, ungeduldiges Gähnen den Ärger über seine Haft oder die Freude über die zahlreiche Menge, die ihn mit ihrer Gegenwart beehrte.

»Selbst im Amphitheater zu Rom habe ich kein grimmigeres Thier gesehen, als diesen Löwen,« sagte ein riesenhafter, nerviger Kerl, der zur Rechten Sosia's stund.

»Ich fühle mich gedemühtigt, wenn ich seine Glieder ansehe,« versetzte zur Linken Sosia's eine schlankere und längere Gestalt, mit über der Brust gekreuzten Armen.

Der Sklave schaute zuerst den Einen und hierauf den Andern an. »Virtus in medio,« murmelte er vor sich hin. »Eine hübsche Nachbarschaft für Dich, Sosia – ein Gladiator auf jeder Seite!«

»Gut gesprochen, Lydon,« versetzte der stämmigere Gladiator, »ich fühle dasselbe.«

»Und zu denken,« bemerkte Lydon in einem Tone tiefer Rührung, »daß der edle Grieche, den wir vor wenigen Tagen noch so voll Jugend, Gesundheit und Heiterkeit vor uns sahen, jenem Ungeheuer zur Speise dienen soll.«

»Warum nicht?« brummte Niger wild, »mancher ehrliche Gladiator wurde zu einem derartigen Kampfe von dem Kaiser gezwungen – warum nicht auch ein reicher Mörder durch das Gesetz?«

Lydon seufzte, zuckte die Achseln und blieb still. Unterdessen lauschten die gewöhnlichen Zuschauer mit starren Augen und offenstehenden Lippen diesem Gespräche zu. Die Gladiatoren waren eben so gut, als die wilden Thiere Gegenstände des Interesses, – sie waren Geschöpfe von derselben Art. So schaute auch die Menge halb auf die einen, halb auf die andern, flüsterte sich ihre Bemerkungen zu und besprach die Ereignisse des morgenden Tages.

»Ja, ja,« sagte Lydon, sich abwendend, »ich danke den Göttern, daß ich es nicht bin, der mit dem Löwen oder Tiger zu kämpfen hat. Selbst Du, Niger, bist ein milderer Gegner als sie.«

»Aber ein eben so gefährlicher,« versetzte der Gladiator mit trotzigem Lachen, und die Umstehenden, die seine gewaltigen Glieder und das wilde Gesicht bewunderten, stimmten grinsend mit ein.

»Schon recht,« antwortete Lydon sorglos, drängte sich durch die Menge und verließ den Behälter.

»Ich kann wohl auch aus seinen Schultern Nutzen ziehen,« dachte der kluge Sosia, und beeilte sich, ihm nachzufolgen. »Das Volk macht immer einem Gladiator Platz; ich will mich deshalb dicht hinter ihn halten, und mir einen Theil seiner Wichtigkeit aneignen.«

Rasch schritt der Sohn Medon's durch die Menge, unter der ihn Manche erkannten.

»Das ist der junge Lydon, ein wackerer Bursche; er ficht morgen,« rief einer.

»Ah, ich habe auf ihn gewettet,« sprach ein Anderer, »sieh, wie fest er einhergeht!«

»Viel Glück, Lydon!« ließ sich ein Dritter hören.

»Du hast meine besten Wünsche, Lydon,« flüsterte eine hübsche Frau aus dem Mittelstande, »und wenn Du siegst, nun, so wirst Du mehr von mir hören.«

»Ein schöner Mann, bei der Venus!« rief ein junges Mädchen, das kaum die Kinderschuhe ausgetreten hatte.

»Dank Dir,« entgegnete Sosia, der das Compliment ganz ernsthaft auf sich bezog.

So stark übrigens auch die reineren Beweggründe Lydons waren, und so gewiß ihn nur die Hoffnung, seinem Vater die Freiheit zu verschaffen, diesem blutigen Berufe zugeführt hatte, so blieb er dennoch nicht unempfindlich gegen die Aufmerksamkeit, die er erregte. Er vergaß, daß die Stimmen, die sich jetzt zu seinem Preise erhoben, vielleicht morgen über seine Todesqualen jubelten. Von Natur ebenso wild und rücksichtslos, als edelmüthig und gefühlvoll, hatte er doch bereits den Stolz auf ein Gewerbe eingesogen, das er zu verachten glaubte, und sich dem Einfluß einer Genossenschaft, die er in Wahrheit verabscheute, hingegeben. Er sah sich jetzt als einen Mann von Gewicht anerkennen; sein Schritt ward leichter, seine Haltung stolzer.

»Niger,« sagte er, sich plötzlich umwendend, als er sich aus der Menge herausgedrängt hatte, »wir haben uns oft gezankt; wir sind kein Paar füreinander; aber Einer von uns wird wahrscheinlicher Weise fallen – gib mir Deine Hand.«

»Von ganzem Herzen,« antwortet Sosia, die seinige ausstreckend.

»Ha, welch ein Narr ist das? Ich glaubte, Niger folge mir auf den Fersen nach.«

»Ich verzeihe den Irrthum,« versetzte Sosia herablassend, »sprechen wir nicht mehr davon; das Mißverständnis war so leicht – ich und Niger sind so ziemlich gleich gebaut.«

»Ha, ha, das ist herrlich! Niger würde Dir die Kehle aufschlitzen, wenn er das hörte!«

»Ihr Herren von der Arena habt eine überaus unangenehme Art zu reden,« sprach Sosia; »laß uns zu etwas Anderem übergehen.«

»Bah, bah!« versetzte Lydon ungeduldig; »ich bin nicht gelaunt, mich mit Dir zu unterhalten.«

»Nun ja,« erwiderte der Sklave, »Du hast allerdings an ernste Gegenstände zu denken; morgen versuchst Du Dich, glaube ich, zum erstenmale auf der Arena. Nun, ich bin überzeugt, Du wirst muthig sterben.«

»Mögen Deine Worte auf Dein eigenes Haupt fallen,« sprach Lydon abergläubisch; denn der Gegenwunsch Sosia's gefiel ihm durchaus nicht. »Sterben! Nein – ich hoffe, meine Stunde ist noch nicht gekommen!«

»Wer mit dem Tode Würfel spielt, muß sich stets auf den Hundewurf gefaßt machen,« versetzte Sosia boshaft; »aber Du bist ein starker Bursche, und so wünsche ich Dir alles mögliche Glück. Vale!«

Mit diesen Worten wandte sich der Sklave um und schlug den Weg nach Hause ein.

»Hoffentlich sind die Worte des Schurken von keiner schlimmen Vorbedeutung,« sagte Lydon nachdenklich. »Im Eifer für die Freiheit meines Vaters, und im Vertrauen auf meine Kraft habe ich die Möglichkeit des Todes nicht bedacht. Mein armer Vater – ich bin Dein einziger Sohn! – Sollte ich fallen – –«

Sobald ihn dieser Gedanke durchzuckte, eilte der Gladiator mit rascherem, unruhigerem Schritte vorwärts, als er plötzlich in einer gegenüberliegenden Straße den Gegenstand seiner Gedanken erblickte. Auf seinen Stab gelehnt, die Gestalt von Sorgen und Alter gebeugt, die Augen niedergeschlagen, und die Schritte zitternd, näherte sich der ergraute Medon langsam dem Gladiator. Lydon blieb einen Augenblick stehen; er errieth sofort, weshalb der alte Mann noch zu so später Stunde ausgegangen war.

»Gewiß sucht er mich,« dachte er, »von Schrecken betroffen über die Verurtheilung des Olinth hält er die Arena für verbrecherischer und gehässiger als je, und kommt nun, mir von Neuem den Kampf zu widerrathen. Ich muß ihm ausweichen – seine Bitten, seine Thränen kann ich nicht ertragen!«

Diese Gedanken, die sich nur mit langen Worten nacherzählen lassen, durchzuckten den jungen Mann mit Blitzesschnelle. Er wandte sich rasch um und entfloh schnell in entgegengesetzter Richtung. Er hielt nicht an, bis er, fast erschöpft und außer Athem, sich auf dem Gipfel einer kleinen Anhöhe befand, von dem man den heitersten und glänzendsten Theil dieser Miniaturstadt übersah; und als er von da aus auf die ruhigen Straßen hinabschaute, die in den Strahlen des Mondes glänzten, der eben aufgegangen war, und stellenweise ein malerisches Licht auf die in der Ferne um das Amphitheater wogende und summende Menge warf, da machte diese Scene, so roh und phantasielos er auch von Natur war, einen gewaltigen Eindruck auf ihn. Er setzte sich auf die Stufen eines verlassenen Säulengangs, und fühlte, wie die Ruhe der Stunde ihn besänftigte und stärkte. Ihm gegenüber und dicht in der Nähe funkelten die Lichter eines Palastes, dessen Besitzer jetzt ein Fest gab. Die Thüren stunden der Kühlung wegen offen, und der Gladiator sah die zahlreiche, festlich gekleidete Gruppe um die Tische im AtriumGrößere Gesellschaften wurden, wie ich schon an anderem Orte bemerkte, gewöhnlich im Atrium bewirthet. her versammelt; während hinter ihnen, die lange Perspektive der erleuchteten Zimmer schließend, der Schaum des fernen Springbrunnens im Mondschein funkelte. Hier waren Blumenkränze um die Säulen der Halle gewunden – dort glänzten still die zahllosen Marmorstatuen – und inmitten des fröhlichen Gelächters erhob sich, von Musik begleitet, folgendes Lied:

Hinweg mit eurer Hadesgeschichte,
Die Priester erschrecken uns nicht mehr;
Man lacht über eure drei Parzengedichte,
Eu'r Acheron hat kein Gewicht mehr.

Zeus wäre zu traurigen Loosen geboren,
Nie blühte dem Armen ein Glück auf –
verstopfte er seiner Geliebten die Ohren
Und schlösse den Menschen den Blick auf.

Du lehrst, Epikur, uns verlachen die Fabel,
Die nur ein umnachteter Wahn fand;
Und du zerschnittest die furchtbare Kabel,
Die uns an den stygischen Kahn band.

Hat's je einen Zeus, eine Juno gegeben,
Zerbrachen mit uns sie den Kopf nicht.
Drum lasset die Götter, – die Götter sie leben
Gewiß wie ein sterblichher Tropf nicht!

Was, glaubt ihr, sie gehen als Späher und Rächer
Dem Sündergeschlecht auf dem Fuß nach;
Sie zählen beim Schmause uns jeglichen Becher,
Beim Liebchen und jeglichen Kuß noch?

Drum nehmet den Kranz, den die Freude gewoben,
Entbehret des rosigen Munds nicht;
Und lasset sie schlafen, die Götter da droben,
Die Götter, sie sind ja für uns nicht!

Während Lydons Frömmigkeit, die bei aller Duldsamkeit durch diese Verse, in welchen sich die Modephilosophie jener Zeit aussprach, in nicht geringem Grade verletzt wurde, von dem erhaltenen Stoße sich langsam wieder erholte, ging eine kleine Gesellschaft von Männern aus dem Mittelstand in einfachen Kleidern an seinem Ruhepatze vorüber. Sie waren in ernsthaftem Gespräche begriffen, und schienen den Gladiator nicht zu beachten.

»O Schrecken aller Schrecken,« rief einer, »Olinth is tuns entrissen! unser rechter Arm abgehauen! Wann wird Christus herabsteigen, die Seinigen zu schützen?«

»Kann menschliche Rohheit weiter gehen?« sagte ein Anderer, »einen Unschuldigen zu derselben Strafe zu verdammen, wie einen Mörder! Aber laßt uns nicht verzagen; noch kann der Donner Sinai's ertönen, und der Herr seinen Heiligen bewahren. ›Ein Narr spricht in seinem Herzen; Es ist kein Gott‹«

Und in diesem Augenblicke ertönte von Neuem aus dem erleuchteten Palaste der Schlußvers des Liedes:

Und lasset sie schlafen, die Götter da droben,
Die Götter, sie sind ja für uns nicht.Die Lehren des Epikur selbst sind rein und einfach. Vellejus, der Vertheidiger und Erklärer der epikuräischen Philosophie in Cicero's Dialog von der Natur der Götter versichert, Epikur sei, weit entfernt, das Dasein göttlicher Mächte zu läugnen, der erste gewesen, der aus dem Eindruck, den die Natur auf das Gemüth aller Menschen mache, die Existenz der Götter zu beweisen gesucht habe. Er hielt den Glauben an die Gottheit für eine angeborene Idee (πρόληψις) der Seele – eine Lehre, welche sich die neueren Metaphysiker, die gewiß keine Epikuräer sind, gewaltig zu Nutze machten! Er glaubte, daß man den göttlichen Mächten wegen der Verehrung, die ihre Glückseligkeit und Vortrefflichkeit in den Gemüthern erwecken, nicht aber wegen Furcht vor ihrer Rache oder Scheu vor ihrer Macht Anbetung schuldig sei: eine erhabene und furchtlose Philosophie, die vielleicht für ein Halbdutzend großer und gebildeter Geister paßte, die aber die Leidenschaften der Menge nicht im Zaume zu halten vermöchte. Nach Epikurs Ansicht waren die Götter mit Beschauung ihrer eigenen Seligkeit viel zu angenehm beschäftigt, um sich mit den Schmerzen und Freuden, den Streitigkeiten und Sorgen, den kleinlichen und vorübergehenden Angelegenheiten der Menschen den Kopf anzufüllen. Für diese Erde waren sie theilnahmslose Abstraktionen.

Noch ehe diese Worte verhallten, faßten die Nazarener, von plötzlichem Unwillen ergriffen, das Echo auf, und sangen in den Worten einer ihrer Lieblingshymnen mit lauter Stimme also:

Ueberall und immer gegenwärtig
Ist dein Gott, o Mensch, und fleht und hört dich;
Führt einher in tobenden Gewittern,
Und die Himmel und die Tiefen zittern.
Weh den Stolzen, die sich ihm nicht beugen,
Weh den Träumern, die von ihn nicht zeugen!
Weh den Sündern, weh!
Denn wenn die Posaunen einst erschallen,
Oeffnen sich des Todes grause Hallen
Und ein Schmerz durchwogt das Feuermeer,
Saust und braust in wilder Flut daher,
Jede Woge ein lebendig Wesen!
Sonn' und Sterne geben keinen Schein
Und die Himmel rollen sich zusammen,
Die Verlornen von dem Herrn zu scheiden.
Weh den Stolzen, die sich ihm nicht beugen,
Weh den Träumern, die von ihn nicht zeugen!
Weh den Sündern, weh!

Auf diese prophetischen Worte trat in dem aufgeschrecktem Festsaale eine plötzliche Stille ein; die Christen gingen weiter und waren bald den Blicken des Gladiators entschwunden. Von ihren geheimnisvollen Drohungen – er wußte selbst kaum weshalb – mit heiliger Scheu erfüllt, erhob sich jetzt Lydon nach kurzer Pause, um seinen Weg nach Hause fortzusetzen.

Wie heiter schlief das liebliche Sternenlicht auf dieser Stadt vor ihm, wie athemlos ruhten die säulenbekränzten Straßen in ihrer Schönheit! – Wie sanft kräuselten sich jenseits die dunkelgrünen Wogen, wie wolkenlos breitete sich in seinem hohen Blau der träumende Himmel Kampaniens aus! Und doch war dies die letzte Nacht für das heitere Pompeji, die Kolonie des rauhen Chaldäers, die mystische Stadt des Herkules und die Wonne des genußsüchtigen Römers! Unbeachtet und ruhig war Jahrhundert auf Jahrhundert über ihr Haupt hinweggerollt und jetzt zitterte der letzte Strahl auf dem Zifferblate ihres Geschicks!

Der Gladiator hörte leichte Schritte hinter sich; eine Gruppe Frauen kehrte von dem Besuch des Amphitheaters zurück. Als er sich umsah, wurde sein Auge von einer sonderbaren und plötzlichen Erscheinung gefesselt. Von dem in der Ferne dämmernden Gipfel des Vesuves schoß ein blasses, meteorartiges Licht auf – es zitterte einen Augenblick und verschwand dann wieder, und in dem gleichen Augenblick, da Lydon dies gewahrte, sang eine der jüngsten unter den Frauen mit heiterer und heller Stimme:

Tripp, trapp, sie schreiten mit stolzem Gefühl!
Juchheisa, zum lustigen, lustigen Spiel!

Sechstes Buch.

Stat ecce ad aras hostia, expectat manum
Cervive proni.
Senec.
Mutatus ordo est – sede nil prorpriä jacet.
Sed acta retro cuneta.
Ibid.
Tempore quamquam illo tellus quoque et æquora ponti
Signa dabant
Virgil. Georgie. lib 1.

Erstes Kapitel.

Der Traum des Arbaces – Ein warnender Besuch.

Düster verstrich die schauervolle Nacht, welche der wilden Luft des Amphitheaters voranging, und ahnungsgrauend brach der Morgen des letzten Tages von Pompeji an! Die Luft war ungewöhnlich ruhig und schwül – ein dünner, dunstiger Nebel schwebte auf den Thälern und Gründen des weiten kampanischen Gefildes. Aber mit Erstaunen bemerkte der früh geschäftige Fischer, daß ungeachtet der Ruhe die Atmosphäre die See wie im Sturme wogte und sich scheu vom Gestade zurückzog, währen der blaue, lange Sarnus, dessen frühere Breite der Wanderer jetzt vergeblich sucht, auf seinem Zuge durch die lachenden Ebenen und stolzen Landgüter ein heiseres, stolzes Gemurmel vernehmen ließ. Über dem Dunstmeere des Nebels erhoben sich die grauen Thürme der uralten Stadt, die rothen Dächer der stattlichen Häuser, die hehren Säulen der Tempel und die statuengekrönten Portale des Forums und des Triumphbogens. In der Ferne tauchten die schwankenden Umrisse der Höhenlinie, welche den Gesichtskreis begrenzte, aus der Nebelmasse empor und verschwammen im wechselnden Farbenspiele des Morgenlichts. Die Wolken, welche so lange auf dem Gipfel des Vesuvs gethront hatten, waren auf einmal verschwunden, und frei und faltenlos ragte die Stirne des Berges hinaus in die heitere Natur.

Ob es gleich noch so frühe am Tage war, standen die Thore der Stadt bereits offen. Reiter an Reiter, Wagen an Wagen strömten hinein, und die Fußgänger in ihren festlichen Anzügen erfüllten die Luft mit freudigem Jubel; Einheimische und Fremde aus der stark bevölkerten Umgebung Pompeji's bedeckten die Straßen, und in lärmendem Gedränge strömten die Massen nach dem verhängnisvollen Circus.

Aus allen Gegenden Kampaniens wogte eine solche Menge Menschen herein, daß trotz der ungeheuren Größe des Theaters, welche mit dem Umfange der Stadt in gar keinem Verhältnisse zu stehen schien, und beinahe auf die ganze Bevölkerung Pompeji's berechnet war, daß, sage ich, der äußere Raum gewöhnlich schon mehre Stunden vor dem Beginne der Schauspiele gedrängt voll Menschen war, die vermöge ihres Ranges kein Recht auf bestimmte Sitze hatten. An dem heutigen Tage aber hatte die Neugierde, welche durch die Verurtheilung zweier so merkwürdiger Verbrecher aufs Höchste gespannt worden war, eine Volksmasse herbeigelockt, wie man sie noch nie beisammen gesehen.

Während die Menge mit dem ganzen Feuer ihres kampanischen Blutes, und dennoch, wie noch heute die Italiener bei solchen Gelegenheiten, in bewundernswürdiger Ordnung und mit der harmlosesten Heiterkeit hereinströmte, verfolgte eine seltsame Gestalt ihren Weg nach dem abgelegenen Hause des Egypters. Beim Anblicke ihres auffallenden und alterthümlichen Anzuges, ihres hastigen Ganges und ihres aufgeregten Benehmens, stießen sich die Vorübergehenden lächelnd in die Seite: aber wenn sie ihr ins Gesicht sahen, erstarb dieses Lächeln auf ihren Lippen, denn es war das Gesicht einer Todten, und die geisterhaften Züge nebst der veralteten Tracht schienen die Fremde als eine längst Begrabene zu bezeichnen, die eben erst in den Kreis der Lebenden zurückkehrte. In ehrfurchtsvollem Schweigen ging ihr Alles aus dem Wege, und bald hatte sie das große Portal erreicht, das in die Wohnung des Egypters führte.

Der schwarze Pförtner, der, wie die übrige Welt, an diesem Tage schon früh auf den Beinen war, bebte vor ihrem Anblicke zurück, als er auf ihre Aufforderung das Thor öffnete.

Der Egypter hatte während der Nacht in einem ungewöhnlich tiefen Schlafe gelegen, aber gegen Morgen wurde er durch seltsame Träume beunruhigt, die einen um so tieferen Eindruck auf ihn machten, als sie die Färbung der Philosophie an sich trugen, die er sich angeeignet hatte.

Er sah sich in die Eingeweide der Erde versetzt, und stund allein in einer ungeheuren Höhle, die von riesenhaften Säulen aus rohen Felsmassen getragen wurde, welche sich in der Höhe in eine endlose Finsternis verloren, durch deren ewige Nacht noch nie ein Strahl des Lichts gedrungen war. Zwischen diesen Säulen drehten sich kolossale Räder mit betäubendem Lärm in unaufhörlichem Kreislauf. Nur zu der rechten und linken Seite der Höhle war der Raum zwischen den Pfeilern frei und verlief in lange Gänge, die von wandernden Flämmchen matt erleuchtet waren, welche sich halb schlangenartig über den rauhen und feuchten Boden hinwanden, bald in wilden Sprüngen durch das Dunkel hüpften und plötzlich verschwanden, um ebenso plötzlich mit zehnfachem Glanze wieder hervorzubrechen. Während er voll Bewunderung in den linken Gang hinunterstarrte, schwebten ätherische Nebelgestalten langsam an ihm vorüber; wenn sie aber die Halle erreicht hatten, erhoben sie sich in die Lüfte und verschwanden wie Rauch in der mastlosen Höhe.

Voll Furcht wandte er sich nach der rechten Seite, und siehe, aus der purpurnen Finsternis fuhren ähnliche Schatten nieder, und trieben eilends die Galerie zur Rechten hinab, als würden sie von den Fluten eines unsichtbaren Stromes dahingetragen; diese Gespenster nun hatten deutlicher ausgeprägte Gesichter, als diejenigen, welche aus dem Hintergrunde des linken Ganges heranschwebten. In ihren Zügen lag Freude oder Schmerz, Entzücken oder Verzweiflung. In ununterbrochener Folge und mit reizender Schnelligkeit schwebten die Gestalten vorüber oder wurden vielmehr durch eine fremde Gewalt vorübergetrieben, und dem Träumer vergingen die Augen ob diesem unaufhörlich wechselnden Gewimmel.

Er wandte sich weg – und in der Tiefe der Halle sah er die hohe Gestalt einer Riesin auf einem Haufen Schädel sitzen. Ihre Hände arbeiteten an einem aschgrauen Gewebe, das mit den zahllosen Rädern in Verbindung stand und ihre Mechanik zu leiten schien. Eine unsichtbare Gewalt stellte ihn dem Titanengewebe von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Ihre Züge hatten einen feierlichen und erhabenen Ausdruck und trugen das Gepräge der wolkenlosen Schönheit; sie schienen dem Gesichte einer kolossalen Sphynx aus der alten Zeit seines Vaterlandes anzugehören. Keine Leidenschaft – keine menschliche Regung störte den Frieden ihrer faltenlosen Stirne; weder Schmerz noch Freude, weder Erinnerung noch Hoffnung – nicht Eines von den Wechselgefühlen des menschlichen Herzens sprach aus ihren Marmorzügen. Ihre Schönheit war mit dem Geheimnis der Geheimnisse besiegelt – sie flößte Ehrfurcht, aber nicht Schrecken ein; es war die Verkörperung des Erhabenen. Und Arbaces fühlte eine Stimme über seine Lippen treten, die einer andern Gewalt, als seinem Willen gehorchte, und die Stimme fragte: »Wer bist Du, oder was ist Dein Geschäft?«

»Ich bin das, was Du anerkannt hast,« antwortete das Riesengesicht, ohne die Arbeit zu unterbrechen. »Mein Name ist Natur! Das sind die Räder der Welt, und meine Hand leitet sie zur Belebung aller Dinge.«

»Und was sind diese Gesänge,« fragte Arbaces Stimme weiter – »was sind diese Gesänge, die so seltsam und grauenhaft erleuchtet, auf beiden Seiten in den Abgrund der Finsternis verlaufen?«

»Der Gang zur Linken,« antwortete die Riesin, »ist die Galerie der Ungebornen; die Schatten, welche aus dem Hintergrunde heranschweben und in die Höhe emporsteigen, sind die Seelen, die aus der unergründlichen Ewigkeit des Seins emporkommen, um ihre Bestimmung auf Erden anzutreten. Der Gang zur Rechten, wie die dunkeln Schatten von oben herabschweben, ist die Galerie der Todten.«

»Und was sollen,« forschte Arbaces' Stimme ferner, »was sollen jene wandernden Flämmchen, welche in wilden Sprüngen die Finsternis durchbrechen; aber nur durchbrechen, nicht erleuchten?«

Einfältiger Thor des menschlichen Wissens, der Du von den Sternen träumst und das Wesen und den Ursprung der Dinge ergründen willst! Diese Lichter sind nur die Schimmer der Wissenschaft, die der Natur verliehen ist, um ihr den Weg zu zeigen, und so viel von der Vergangenheit und Zukunft zu enthüllen, daß sie im Stande ist, ihre Zwecke zu verfolgen. Urtheile nun, Drahtpuppe, die Du bist, urtheile, wie viel Licht Dir zufällt!«

Arbaces zitterte, als er weiter fragte: »Was soll ich hier?«

»Den Vorgeschmack Deiner Zukunft erhalten – das auf Dich wartende Halbdunkel ahnen – den Schatten Deines Verhängnisses sehen, wie er in die Ewigkeit hinübergleitet, wenn er die Erde hinter sich läßt.«

Ehe Arbaces antworten konnte, vernahm er das Rauschen eines Windes, und es war ihm, als peitschte ein unsichtbarer Riesenvogel die Luft mit seinen Schwingen. Der Boden wich unter seinen Füßen, und er wurde in die Lüfte getragen wie ein Blatt, das die Stürme des Herbstes entführen. Auf einmal sah er sich mitten unter den Gespenstern des Todes und fühlte sich mit ihnen dahingerissen in den Abgrund der Finsternis. Während er in unmächtigem Sträuben mit der fremden Gewalt rang, kam es ihm vor, als ob er Wind eine Gestalt annehme – gleich den Schwingen und Krallen eines Adlers, dessen Glieder sich nur wie in der Luft zerfließende Umrisse zeigten, der aber mit glänzenden, starren, fast versteinerten Augen ihn anblickte.

»Wer bist Du?« ertönte wiederum die Stimme des Egypters.

»Ich bin das, was Du anerkannt hast,« antwortete das Gespenst laut auflachend, »und mein Name ist Nothwendigkeit

»Wohin willst Du mich führen?«

»Zu dem Unbekannten.«

»Zum Glück oder zum Weh?«

»Wie Du gesäet hast, so wirst Du ernten.«

»Nein, nimmermehr! Du schauervolles Wesen! Bist Du der Herr des Lebens, so sind meine Missethaten Deine und nicht meine Schuld.«

»Ich bin nur der Athem Gottes!« entgegnete der gewaltige Wind.

»Dann ist mein Wissen eitel!« seufzte der Träumer.

»Darf der Landwirth, welcher Disteln gesäet hat, das Schicksal anklagen, weil er kein Korn erntet? Du hast die Saat des Lasters ausgestreut – klage also das Schicksal nicht an, wenn Dir nicht die Ernte der Tugend zu Theil wird.«

Plötzlich wechselte die Scene. Arbaces stand auf einem Gefilde voll menschlicher Gebeine, und mitten unter diesen Gebeinen befand sich ein Schädel; dieser nahm allmählig mit seinen fleischlosen Höhlen in dem geheimnisvollen Gewirre des Traumes die Züge des Apäcides an, und aus den grinsenden Kinnladen kroch ein kleiner Wurm zu den Füßen des Arbaces hin. Der Egypter wollte den Wurm zertreten; aber dieser wurde immer länger und dicker, bis er endlich zu einer ungeheuern Schlange anschwoll, welche die Glieder des Arbaces umstrickte, seine Knochen zermalmte, und mit glühenden Augen und giftigen Zähnen ihm nach dem Gesichte fuhr. Er sträubte und wandte sich vergebens – er wankte unter dem Einflusse des erstickenden Athems der Schlange – der Schauer des Todes erfaßte ihn mit eisiger Kälte. Eine Stimme ertönte aus dem Rachen des Ungethüms, das die Züge des Apäcides annahm, und in das Ohr des Arbaces klangen die Schreckensworte:

»Dein Opfer ist Dein Richter! Der Wurm, den Du zertreten wolltest, wird die Schlange, welche Dich zermalmt!«

Mit einem Schrei des Entsetzens und verzweifelten Widerstandes erwachte Arbaces; sein Haar sträubte sich, über seine Stirne rannen schwere Schweißtropfen, und seine Augen starrten verworren, denn seine sonst gewaltige Körperkraft beugte sich zitternd unter dem Gewichte dieses Traumes. Als er endlich zum vollen Bewußtsein kam, so dankte er den Göttern, an die er nicht glaubte, das Alles nur ein Traum war. Er sah sich nach allen Seiten um, gewahrte, wie das dämmernde Licht durch das schmale, aber hohe Fenster hereindrang, er freute sich, er lächelte dem neuen Tage entgegen; da fielen auf einmal seine Blicke auf die geisterhaften Züge, die starren Augen und die welken Lippen der Hexe des Vesuvs!

»Ha!« schrie er, die Hände vors Gesicht haltend aus Bangigkeit vor der unheimlichen Erscheinung, »träume ich noch? – weile ich unter den Todten?«

»Gewaltiger Hermes – nein! Es steht neben Dir eine Todtenähnliche, aber keine Todte. Erkennst Du nicht Deine Freundin und Sklavin?«

Ein langes Schweigen folgte. Allmählig ließen die Schauer, welche die Glieder des Egypters durchzuckten, nach, und er gewann wieder seine frühere standhafte Fassung.

»Ein Traum war es also!« sagte Arbaces: »aber für die Schrecken eines solchen Traumes, einer solchen Nacht, vermag der Tag keinen Ersatz zu bieten. Weib, wie kamst Du hieher und warum?«

»Ich kam, um Dich zu warnen,« antwortete die Grabesstimme der Hexe.

»Mich warnen! Der Traum log also nicht? Mich warnen! Und vor welcher Gefahr?«

»Höre mich. Eine Gefahr schwebt über dieser Stadt. Fliehe, während es noch Zeit ist. Du weißt, daß ich an dem Berge hause, unter welchem, einer alten Sage zufolge, die Feuerfluten des Phlegeton noch glühen; in meiner Höhle ist ein ungeheurer Abgrund, und in diesem Abgrunde habe ich neulich einen düsterrothen Strom langsam hin- und herwallen sehen, und habe viele gewaltige Töne gehört, die in der Tiefe tobten, rauschten und zischten. Aber als ich vergangene Nacht hinunterschaute, da erschien der Strom nicht mehr düster, sondern glänzend hell. Während ich nun darüber staunte, stieß das Thier, welches schon lange mein Lebensgefährte war und sich jetzt an meine Seite schmiegte, ein durchdringendes Geheul aus, fiel zu Boden und starb, indes Geifer und Schaum seine Lippen umzog.Wahrscheinlich brachte die Ausdünstung hier die gleiche Wirkung hervor, wie in der Grotta del Cane. Ich schlich nach meinem Lager zurück, vernahm aber auch dort die ganze Nacht hindurch das Zittern und Wanken des Felsens – und obgleich die Luft dumpf und ruhig war, dauerte das unterirdische Brausen und Rollen dennoch fort. Als ich diesen Morgen mit Tagesanbruch mich erhob und abermals in den Abgrund hinunterblickte, da sah ich ungeheure schwarze Steinmassen über dem Glutstrome und dieser selbst war breiter, feuriger und röther, als in der vorigen Nacht. Jetzt trat ich zur Hütte hinaus und bestieg den Gipfel des Berges. Dort fand ich eine große Vertiefung, die zuvor nicht dagewesen, und aus dieser Vertiefung drang ein dichter Dampf, dessen erstickender Gifthauch mir beinahe das Leben gekostet hätte. Ich kehrte nun wieder in meine Hütte zurück, nahm mein Geld und meine Tränke und verließ den Ort, wo ich schon so viele Jahre gehaust habe; denn ich erinnerte mich einer etruskischen Prophezeihung, welche sagt: ›Wenn der Berg sich öffnet, wird die Stadt fallen – wenn der Rauch über den Hügel der verbrannten Felder sich erhebt, werden die Kinder der See weinen und wehklagen.‹ Furchtbarer Meister, ehe ich von dieser Gegend scheide, um in der Ferne eine andere Wohnung aufzusuchen, komme ich zu Dir. So gewiß als Du lebst, war das Erdbeben, welches vor sechszehn Jahren diese Stadt in ihren Grundfesten erschütterte, nur der Vorbote eines noch schrecklicheren Schicksals. Die Wälle Pompeji's stehen über den Gefilden des Todes und den Strömen der schlaflosen Unterwelt. Verachte nicht meine Warnung und fliehe!«

»Habe Dank, Alte, für Deine Sorge um einen keineswegs Unerkenntlichen. Dort auf dem Tische steht ein goldener Becher; nimm ihn, er ist Dein. Ich ahnte nicht, daß es außer der Priesterschaft der Isis noch ein Wesen gäbe, das den Arbaces vom Verderben retten würde. Die Zeichen, welche Du in dem Krater des erloschenen Vulkans gesehen hast,« fuhr der Egypter fort, »deuten sicher auf eine der Stadt drohende Gefahr, vielleicht auf ein Erdbeben, das noch schrecklicher wird als das vorhergehende. Dem sei nun wie ihm wolle, ich habe einen neuen Grund, mich schleunig aus diesen Mauern zu entfernen. Morgen will ich Anstalt zu meiner Abreise treffen. Tochter Etruriens, wohin wendest Du Dich?«

»Ich werde noch heute den Weg nach Herkulanum einschlagen, und dann, längs der Küche hinwandernd, mir eine neue Heimath suchen. Ich habe keinen Freund mehr; meine beiden Gefährten, der Fuchs und die Schlange, sind todt. Großer Hermes, Du hast mir noch zwanzig Lebensjahre verheißen!«

»Ja, ich habe sie Dir verheißen,« sagte der Egypter. »Aber, Weib,« fügte er, sich auf seinen Arm stützend und ihr neugierig ins Gesicht blickend, hinzu, »höre, warum willst Du so lange leben? Welche Annehmlichkeit findest Du in dem menschlichen Dasein?«

»Das Leben ist gerade nicht süß, aber der Tod ist furchtbar,« erwiderte die Hexe in so scharfem, eindringlichem Tone, daß der eitle Astrolog tief davon erschüttert wurde. Er fühlte die grausame Wahrheit ihrer Antwort, und nicht länger bemüht, einen so unwillkommenen Gast zurückzuhalten, sprach er: »Die Zeit verrinnt; ich muß mich zu dem heutigen Schauspiele bereit machen. Schwester, lebe wohl! Freue Dich, wenn Du kannst, über der Asche des Lebens.«

Die Hexe, welche das kostbare Geschenk des Arbaces in die weiten Falten ihres Kleides verborgen hatte, schickte sich jetzt zum Aufbruche an. Als sie die Thüre erreicht, stand sie stille, kehrte sich um und sagte: »Vielleicht sehen wir uns jetzt zum letztenmale auf Erden; aber wohin entweicht die Flamme, wenn sie die Asche verläßt, wenn sie hin und her, auf und ab züngelt wie der Irrwisch auf dem Moore? Die Flamme zieht sich vielleicht in die Tiefe des Sumpfes zurück, und die Hexe und der Zauberer, die Schülerin und der Meister, das Hohe und das Verachtete treffen sich vielleicht wieder. Lebe wohl!«

»Hinaus, Du Unglücksprophetin!« murmelte Arbaces, als die Thüre sich hinter der Hexe schloß, und als wären ihm seine eigenen Gedanken, die noch immer an dem Traume der letzten Nacht hingen, zuwider, rief er eilends nach seinen Sklaven.

Gewöhnlich wohnte man den amphitheatralischen Schauspielen in festlichen Gewändern bei, und Arbaces verwandte an diesem Tage auf seine Kleider eine größere Sorgfalt als sonst. Seine Tunika war von dem glänzendsten Weiß; die zahlreichen Fibulä bestanden aus den kostbarsten Steinen; über der Tunika wallte ein weites orientalisches Gewand, halb Rock, halb Mantel, von dem reichsten tyrischen Purpur; seine Sandalen, welche bis zur Hälfte der Waden hinaufreichten, waren mit Juwelen und Gold eingelegt. Unter den Gaukeleien, die sein priesterlicher Genius liebte, vernachlässigte Arbaces bei wichtigen Gelegenheiten niemals diejenigen Künste, welche blenden und den Pöbel bestechen; an diesem Tage jedoch, der ihn durch den Tod des Glaukus für immer von einem gefährlichen Nebenbuhler und der Möglichkeit der Entdeckung befreien sollte, war es ihm, als bereite er sich zu einem Triumphe oder zu einem Hochzeitsfeste vor.

Männer von Rang ließen sich zu den Spielen des Amphitheathers stets durch ein zahlreiches Gefolge von Sklaven und Freigelassenen begleiten; auch die große Dienerschaft des Arbaces stand bereits in der schönsten Ordnung versammelt, um der Sänfte ihres Herrn zu folgen.

Diejenigen Sklavinnen hingegen, welche Ione bedienten, sowie der würdige Sosia, Nydia's Gefangenwärter, mußten zu ihrem nicht geringen Ärger zu Hause bleiben.

»Kallias,« sagte Arbaces leise zu dem Freigelassenen, der ihm den Gürtel umband, »ich bin dieser Stadt überdrüssig, und bin fest entschlossen, innerhalb drei Tagen, wenn der Wind uns begünstigt, Pompeji zu verlassen. Du weißt, es liegt ein, dem Narses aus Alexandrien gehöriges Fahrzeug im Hafen, und ich habe es von ihm selbst gekauft. Übermorgen wollen wir alle meine Sachen einschiffen.«

»Schon so bald! Doch gut, ich werde m einem Gebieter gehorchen – und Deine Mündel Ione?«

»Begleitet mich. Genug davon! – Ist es diesen Morgen heiteres Wetter?«

»Schwüldrückend; wahrscheinlich bekommen wir einen ausnehmend heißen Tag.«

»Die armen Gladiatoren und die unglücklichen Verbrecher! Geh hinunter und sieh nach, daß der Zug der Sklaven in Ordnung gebracht wird.«

Als der Freigelassene fort war, trat Arbaces in sein Studirzimmer und von da in den Säulengang hinaus. Er sah, wie dichte Volkshaufen sich nach dem Amphitheater drängten; er hörte das Geschrei der Arbeiter und das Krachen des Tauwerks, als man die ungeheure Zeltdecke ausspannte, unter welcher die Bürger Pompeji's, durch keinen Sonnenstrahl belästigt, dem Todeskampfe ihrer Mitgeschöpfe behaglich zusehen wollten. Plötzlich ließ sich ein wilder, seltsamer Ton hören, der eben so schnell wieder erstarb – es war das Brüllen des Löwen. Lautlose Stille herrschte dabei unter den Schaaren der Zuschauer; aber auf diese Stille folgte ein ausgelassenes Gelächter – der rohe Pöbel ergötzte sich an dem ungeduldigen Heißhunger des königlichen Thieres.

»Bestien!« murmelte Arbaces verdrießlich, »seid ihr weniger Mörder als ich? Ich morde nur, weil meine eigene Sicherheit es fordert – ihr findet an dem Morde ein Vergnügen.«

Mit unstätem und neugierigen Auge blickte jetzt der Magier nach dem Vesuv. In prachtvollem Grün prangten die Weinberge, welche denselben umgaben, und ruhig, wie die Ewigkeit, ragte der gewaltige Berg in die schweigenden Lüfte empor.

»Das Erdbeben läßt mir noch Zeit,« dachte Arbaces und kehrte sich um. Er ging an dem Tische vorbei, auf welchem seine mystischen Pergamentrollen und seine chaldäischen Berechnungen lagen.

»Erhabene Kunst!« dachte er, »ich zog dich nicht mehr zu Rathe seit jener Gefahr, deren Ausgang du mir vorher verkündetest. Weshalb denn? – Von jetzt an finde ich ja auf meinem Lebenspfade nur Glück und Freude. Beweisen die letzten Ereignisse dieses nicht? Fort, ihr Zweifel! – Fort, ihr Regungen des Mitleids! – Nur zwei Bilder, mein Herz, nur zwei Bilder laß mich in Zukunft erblicken – die Herrschaft und Ione!«

Zweites Kapitel.

Das Amphitheater.

Nydia, welche durch die Aussage Sosia's bei seiner Heimkehr die Gewißheit erlangt hatte, daß ihr Brief in den Händen Sallusts sei, faßte wieder neuen Mut und neue Hoffnung. Sicherlich, so dachte sie, wird Sallust keine Zeit verlieren, sondern eilends den Prätor aufsuchen – zu dem Egypter gehen – sie befreien – und den Kerker des Kalenus öffnen. Noch vor Tagesanbruch wird Glaukus frei sein. Ach! die Nacht verging – der Morgen dämmerte; sie hörte nichts als die raschen Schritte der Sklaven in der Halle und dem Peristyl, sowie ihr Geschrei bei der Vorbereitung zum Schauspiele. Von Zeit zu Zeit drang die befehlende Stimme des Arbaces an ihr Ohr – jetzt vernahm sie das Rauschen der Musik; der Zug ging nach dem Theater, um seine Augen an den Martern des Atheners zu weiden.

Der Zug des Arbaces bewegte sich nur langsam und mit großer Feierlichkeit bis zu dem Orte hin, wo diejenigen, welche in Sänften oder Wagen kamen, absteigen mußten. Arbaces begab sich sofort an das Thor, durch welches der vornehmere Teil der Zuschauer eingelassen wurde. Seine Sklaven, die auf die Seite des gemeinen Volks sich wandten, wiesen die mit Empfangnahme der Marken (die unsern modernen Opernbilleten nicht unähnlich waren) beauftragten Diener in die Popularia (die Sitze des Volks). Jetzt ließ Arbaces von seinem Platze aus die Augen über die zahllose und ungeduldige Menge, welche das gewaltige Theater füllte, hinschweifen.

In den obern Reihen, aber gesondert von den männlichen Zuschauern, saßen die Frauen, ihrer schönen Gewänder wegen einem Blumenbeete gleichend. Es braucht wohl schwerlich bemerkt zu werden, daß sie der gesprächigste Theil der Versammlung waren. Viele Augen blickten nach ihnen, besonders von den Bänken aus, welche die jungen und unverheiratheten Männer einnahmen. Auf den niederen Sitzen, rings um die Arena her, befanden sich die vornehmen und reichen Zuschauer – die obrigkeitlichen Personen, die Senatoren und Ritter.Die Ritter saßen unmittelbar hinter den Senatoren. Die Korridore, welche zu beiden Enden der ovalen Arena zu diesen Sitzen führten, waren auch die Eingänge für die Kämpfer. Starke, längs der genannten Gänge hinlaufende Pfähle schützten gegen die gefährliche Nähe der wilden Thiere und beschränkten dieselben auf die ihnen angewiesene Beute. Rings an der Brustwehr, welche über die Arena emporragte, und von der aus die Sitze stufenweise sich erhoben, erblickte man Gladiatoren, Inschriften und Freskomalereien, welche Scenen aus den Spielen , für die der Platz bestimmt war, vorstellten. Durch das ganze Gebäude liefen unsichtbare Röhren, welche bei vorgerückter Tageszeit einen kühlenden, erquickenden Thau über die Zuschauer ausgossen. Die Aufwärter des Amphitheaters waren noch damit beschäftigt, das ungeheure Zelttuch (Velaria), welches das Ganze bedeckte, auszuspannen. Dieses Dach, dessen Erfindung die Kampanier sich zuschrieben, war aus der weichesten apulischen Wolle verfertigt und mit breiten Scharlachstreifen durchzogen. Heute war es indes, mochte nun die Ungeschicklichkeit der Arbeiter daran Schuld sein, oder ein Fehler in der Maschine stattfinden, nicht mit solcher Genauigkeit und Gleichförmigkeit aufgespannt wie sonst, wiewohl der große Umfang des Theaters dieses Geschäft immerhin sehr schwierig machte und man bei rauhen und windigem Wetter nur selten damit zu Stande kommen konnte. Der heutige Tag jedoch war so ungewöhnlich heiter, daß in den Augen der Zuschauer die Nachlässigkeit der Arbeiter sich mit nichts entschuldigen ließ, und als immer noch eine große Öffnung in der Decke zu sehen war, weil ein Theil des Tuches trotz aller Anstrengung sich nicht ausspannen lassen wollte, wurde das Murren unter dem mißvergnügten Volke laut und allgemein.

Besonders blickte der Aedil Pansa, auf dessen Kosten das Schauspiel gegeben wurde, mit großem Ärger nach der Lücke in der Belaria, und schwur dem Villicus oder Aufseher über die Arbeiter, der sich jedoch vergeblich alle mögliche Mühe gab, bittere Rache.

Auf einmal zogen sich die Arbeiter zurück, das Volk wurde ruhig, die Öffnung in der Decke war vergessen, als unter lautem und kriegerischem Trompetengeschmetter die Gladiatoren in der schönsten Ordnung die Arena betraten. Sie maßen die ovale Rundung derselben mit langsamen und bedächtigen Schritten, damit die Zuschauer mit Muße ihre kampfesmuthigen Gesichter, ihre kraftvollen Glieder und muskulösen Arme betrachten und Wetten eingehen könnten, wie die Aufregung des Augenblicks sie veranlaßte.

»Oh!« rief die Wittwe Fulvia der Gemahlin Pansa's, als Beide sich von ihrer hohen Bank niederbeugten, zu, »siehst Du jenen riesigen Gladiator? Wie drollig ist er aufgeputzt?«

»Ja,« sagte die Frau des Aedils mit selbstgefälliger Miene, denn sie kannte alle Namen und Eigenschaften der Kämpfer; »er ist ein Retiarius oder Netzwerfer, und, wie Du siehst, bloß mit einem dreizackigen Speere und einem Netze bewaffnet; auch trägt er keine Rüstung, sondern nur die Binde und die Tunika. Er ist ein kräftiger Mann und muß mit Sporus fechten, jenem stämmigen Gladiator mit dem runden Schilde und dem kurzen Schwerte. Sporus trägt ebenfalls keine Rüstung; auch hat er seinen Helm noch nicht aufgesetzt, damit man sein Gesicht sehen kann; wie furchtlos blickt er drein! nachher wird er mit geschlossenem Visire kämpfen.«

»Aber sag einmal, sind nicht Netz und Speer unzulängliche Waffen gegen Schild und Schwert?«

»Wie unerfahren Du doch in dergleichen Dingen bist, meine liebe Fulvia; der Netzwerfer ist im Vortheil gegen ihn.«

»Aber wer ist jener schöne, fast ganz nackte Gladiator? Ist das nicht sehr unschicklich? Bei der Venus, wie herrlich geformt sind seine Glieder!«

»Es ist Lydon, auch ein Neuling in der Fechtkunst; er hat die Kühnheit, mit jenem andern ähnlich gekleideten – oder vielmehr nicht gekleideten Gladiator, welcher Tetraides heißt, kämpfen zu wollen. Der Kampf wird, nach griechischer Art, mit dem Cestus geführt; nachher legen sie eine Rüstung an und versuchen Schwert und Schild.«

»Ein hübscher Mann dieser Lydon; sicherlich sind die Frauen auf seiner Seite.«

»Jedoch nicht die erfahrenen Wetter; Klodius bietet Drei gegen Eins wider ihn.«

»O Himmel, wie schön!« rief die Wittwe aus, als zwei Gladiatoren vom Kopf bis zu Fuß bewaffnet auf leichten anmuthigen Pferden über die Arena ritten. Mit ihren Lanzen und runden, kunstvoll gearbeiteten Schildern glichen sie viel den Rittern bei den mittelalterlichen Turnieren; ihre eiserne Waffenrüstung bedeckte jedoch nur die Lenden und den rechten Arm; kurze, bis zum Sattel reichende Röcke verliehen ihrem Kostüme ein anmuthiges, malerisches Aussehen; ihre Beine waren nackt, an den Füßen trugen sie jedoch gerade über dem Knöchel befestigte Sandalen. »O, herrlich! Wer sind diese?« fragte die Wittwe.

»Der eine heißt Berbix – er war Sieger in zwölf Wettkämpfen; der andere führt den stolzen Namen Nobilior. Beide sind Gallier.«

Während dieses Gesprächs war die ceremonielle Einleitung zu dem Schauspiele getroffen. Hierauf folgte zwischen den für einander bestimmten Gladiatoren ein Scheinkampf mit hölzernen Schwertern. Besonders wurde der Geschicklichkeit zweier römischer Gladiatoren, welche man für diesen Tag gedungen hatte, allgemeine Bewunderung, und nach ihnen glänzte hauptsächlich Lydon in der Kunst des Wettkampfes; dieses Scheingefecht dauerte indes nicht über eine Stunde, und fand auch unter den Zuschauern nur wenig Beachtung, außer bei den Kennern der Arena, welchen die künstlerische Gewandtheit über den rohen Kampf ging. Der größere Theil der Zuschauer aber freute sich, als es vorüber war, weil er mehr eine Erschütterung durch Scenen des Schreckens liebte. Die Kämpfer wurden jetzt, wie zuvor verabredet, in Paare gereiht; ihre Waffen wurden geprüft, und die ernsten Spiele des Tages begannen unter dem tiefsten Stillschweigen, welches nur durch eine rauschende, kriegerische Musik unterbrochen wurde.

Es war im Alterthum sehr gewöhnlich, die Spiele mit dem grausamsten von allen zu beginnen. Ein Bestiarius, oder ein für die wilden Thiere bestimmter Gladiator, mußte als Einweihungsopfer zuerst sterben. Der erfahrene Pansa aber hielt es diesmal für angemessener, das blutige Schauspiel allmählig an Interesse zunehmen zu lassen und es sollte daher die Ermordung des Glaukus und Olinth die Schlußscene bilden. Der Anordnung gemäß mußten zuerst die beiden Reiter auftreten; dann, und zwar paarweise, die Gladiatoren zu Fuß; nach ihnen kam die Reihe an Glaukus, der durch seinen Kampf mit dem Löwen die Wildheit des Schauspiels zu steigern hatte, und für das Ende waren der Tiger und der Nazarener aufbewahrt. Bei den Schauspielen zu Pompeji muß übrigens der Kenner der römischen Geschichte seiner Einbildungskraft Schranken setzen, und darf namentlich nicht jene ungeheuren, abscheulichen Schlächtereien erwarten, womit ein Nero oder Kaligula die Bewohner der Kaiserstadt bewirtheten. Den römischen Schauspielen, welche die berühmtesten Gladiatoren und eine Anzahl ausländischer Raubthiere verschlangen, muß man es zuschreiben, daß in den kleineren Städten des Reichs die amphitheatralischen Scenen verhältnismäßig menschlich und selten waren; und in dieser, so wie noch in anderer Hinsicht, konnte man Pompeji das Minitaturbild, den Mikrokosmos von Rom nennen. Dessen ungeachtet waren die Schauspiele, welche daselbst gegeben wurden, immer noch grausam, und glücklicher Weise hat die neuere Zeit ihnen nichts Ähnliches an die Seite zu setzen. man denke sich ein ungeheures Theater, das sich stufenweise zu einer Höhe von fast fünfhundert Fuß erhebt und mit fünfzehn- bis achtzehntausend Menschen angefüllt ist, die keinem fingirten Spiele, keiner Bühnentragödie, sondern dem wirklichen Siege oder der wirklichen Niederlage, dem triumphirenden Leben oder dem blutigen Tode Aller, welche die Arena betraten, ihre Aufmerksamkeit schenkten.

Die zwei Ritter waren jetzt bei den Enden der Schranken (wenn dieser Name hierher paßt) und auf ein von Pansa gegebenes Zeichen sprengten die Kämpfer, jeder seinen runden Schild vorhaltend und seinen leichten, aber starken Speer schwingend, aufeinander los; drei Schritte von dem Gegner entfernt machte jedoch das Pferd des Berbix plötzlich Halt, drehte sich um, und als Nobilior rasch vorbeiflog, stieß Berbix mit der Lanze nach ihm. Nobilior aber fing den Stoß, der leicht hätte tödtlich sein können, durch eine geschickte Wendung des Schildes auf.

»Herrlich parirt, Nobilior!« rief der Prätor und gab dadurch der Aufregung des Volkes den ersten Anstoß.

»Wacker gestoßen, mein Berbix!« bemerkte Klodius von seinem Sitze aus.

Ein wildes, vielstimmiges Gemurmel hallte jetzt durch das Theater.

Obwohl die Visire beider Reiter (wie bei den Rittern späterer Zeit) vollkommen geschlossen waren, so wurden doch gegen den Kopf die Hauptangriffe gerichtet, und Nobilior, der jetzt sein Pferd eben so geschickt, wie sein Gegner, umlenkte, machte mit seinem Speer eine Finte gegen den Helm des Feindes. Berbix erhob den Schild, um sich zu decken; aber sein scharfblickender Gegner ließ plötzlich seine Waffe etwas sinken und stieß ihm dieselbe in die Brust. Berbix wankte und fiel.

»Nobilior! Nobilior!« jauchzte das Volk.

»Ich habe zehn Sesterzen verloren,« murmelte Klodius zwischen den Zähnen.

»Habet! Er ist getroffen!« sagte Pansa bedächtlich.

Das Volk, welches noch nicht grausam genug gestimmt war, gab das Zeichen der Gnade; aber als die Kampfwärter dem Verwundeten sich nahten, fanden sie, daß kein Mitleid ihm mehr etwas nützte; denn das Herz des Gladiators war durchbohrt und seine Augen hatte der Tod gebrochen. Sein Blut floß in schwarzen Strömen über den Rand der Arena.

»Es ist jammerschade, daß der Kampf so bald vorüber war – kaum der Mühe werth,« sagte die Wittwe Fulvia.

»Ja, ich hab' kein Bedauern mit Berbix. Jeder Andere hätte gesehen, daß Nobilior nur eine Finte machte. Sieh, jetzt befestigen Sie den Haken an dem Leichnam und schleppen ihn nach dem Spoliarium. Neuer Sand wird auf die Bühne gestreut. Pansa bedauert nichts mehr, als daß er nicht reich genug ist, um wie Nero die Arena mit Borax und Zinnober bestreuen lassen zu können.«

»War dieser Kampf auch ein kurzer, so folgt ihm wenigstens eben so schnell ein anderer – sieh' meinen schönen Lydon auf der Arena – und dort den Netzwerfer und die Schwertkämpfer! O herrlich!«

Sechs Gladiatoren befanden sich jetzt auf der Arena; Niger mit seinem Netze mußte gegen den mit Schild und kurzem, breitem Schwerte bewaffneten Sporus kämpfen; – Lydon und Tetraides, ganz nackt bis auf einen Gürtel um den Leib, waren jeder nur mit einem schweren griechischen Cestus bewaffnet – die beiden römischen Gladiatoren endlich trugen eine ganz stählerne Rüstung, so wie ungeheuer große Schilde und spitzige Schwerter.

Da der Kampf zwischen Lydon und Tetraides seiner Natur nach weniger lebensgefährlich sein konnte, als der zwischen den übrigen Fechtern, so blieben, als jene Beiden bis in die Mitte der Arena vorschritten, die andern wie durch eine gemeinsame Übereinkunft zurück, um die Enscheidung dieses Kampfes mit anzusehen und dann ein ernsteres Gefecht zu beginnen, als das mit dem Cestus war. Auf ihre Waffen gelehnt, und eine Partie von der andern gesondert, blickten sie auf das Kampfspiel, welches, wenn auch nicht blutig genug, um den Leuten vom Volke recht zu gefallen, dennoch ihre Bewunderung erregte, weil es, wie sie selbst, aus Griechenland abstammte.

Selten konnten auf den ersten Anblick zwei ungleichere Gegner zusammenkommen, als Tetraides und Lydon. Jener, obwohl nicht größer, als dieser, war doch um Vieles beleibter, und seine Muskelkraft wurde nach der Meinung der Zuschauer durch feste Fleischmassen noch erhöht, und da man allgemein der Ansicht war, daß die Korpulenz im Cestuskampfe stets dem weniger beleibten Gegner überlegen sei, so hatte Tetraides dieselbe gepflegt und aufs Höchste gesteigert. Seine Schultern waren breit, und seine strammen Beine leicht auswärts gekrümmt, welche Bildung der Stärke eben so viel hinzusetzte, als sie der Schönheit benahm; Lydon hingegen, obwohl etwas mager, war herrlich gebaut, und dem Kenner entging es nicht, daß seine Muskeln, wenn auch weniger in die Augen fallend, doch gedrungener und fester waren, als die des Tetraides. Was ihm an Fleisch abging, das gewann er verhältnismäßig an Behendigkeit, und ein stolzes Lächeln auf seinem entschlossenen Gesichte, welches seltsam mit der ernsten Schwerfälligkeit seines Gegners contrastirte, galt denen, welche es bemerkten, als ein hoffnungsvolles Zeichen. Trotz der scheinbaren Ungleichheit ihrer Körperkräfte erklärte sich daher die Stimme des Volks beinahe eben so laut für Lydon, als für Tetraides.

Wer mit dem modernen Boxen bekannt ist, und schon die schweren Streiche gesehen hat, welche eine geschickte menschliche Faust auszutheilen vermag, der wird leicht begreifen, um wie Vieles die natürliche in der Hand liegende Kraft noch vermehrt wird, wenn man den Arm bis an den Ellenbogen mit ledernen Riemen umwindet und an dem Handgelenke eine eiserne Platte oder auch ein Stück Blei befestigt. Aber gerade dadurch verlor vielleicht der Kampf an Interesse, anstatt zu gewinnen, denn er war nothwendiger Weise von kürzerer Dauer. Einige kräftig und geschickt beigebrachte Schläge reichten hin, um denselben ein schnelles Ende zu machen, und es ließ sich daher selten jene Energie und ausdauernde Kraft entwickeln, welche der Engländer in der Kunstsprache des Boxens pluck nennt, und die öfters gegen die Kunstfertigkeit das Feld behauptet, wodurch der Kampf interessanter und die Sympathie für den Tapferen gesteigert wird.

»Hüte Dich,« rief Tetraides, seinem Feinde sich immer mehr nähernd, während dieser sich um ihn herumdrehte, ohne jedoch zurückzuweichen.

Lydon antwortete nur mit einem verächtlichen Blicke seines glänzenden, lebhaften Auges. Tetraides schlug zu wie ein Schmied auf den Amboß; Lydon sank plötzlich auf ein Knie, – der Schlag ging über seinem Kopfe hinweg. Nicht so harmlos war Lydons Erwiderung. Er sprang schnell auf und stieß dem Gegner mit aller Kraft auf seine breite Brust. Tetraides wankte und das Volk brach in ein stürmisches Jauchzen aus.

»Du bist heute unglücklich,« sagte Lepidus zu Klodius; »Du hast bereits eine Wette verloren und wirst auch die zweite verlieren.«

»Bei den Göttern! ich muß m eine Bronzebilder im Aufstreich verkaufen, wenn dies der Fall ist. Ich habe nicht weniger als fünfzig Sestertien auf Tetraides gesetzt. Ha, ha! Sieh', wie er sich emporrafft! Das war ein guter Streich; er hat dem Lydon die Schulter aufgeschlagen. – Muth, Tetraides! Muth!«

»Aber Lydon ist auch noch nicht entmuthigt! Beim Pollux! wie wacker er sich hält! Sieh', wie geschickt er den Grobschmiedsfäusten seines Gegners ausweicht; wie er bald dahin, bald dorthin volitigirt – ach, armer Lydon! Er ist wiederum getroffen.«

»Noch Drei gegen Eins auf Tetraides! Was sagst Du dazu, Lepidus?«

»Gut; neun Sestertien gegen zwei – ich wette. Was! Lydon schon wieder? Er hält inne, er schöpft Athem. Bei den Göttern, er fällt! Nein; steht er nicht wieder aufrecht? Brav, Lydon! Tetraides erhebt ein lautes Gelächter und stürzt voll Kampfesmuth auf ihn zu.«

»Der Thor! er sollte vorsichtig sein, das Glück verblendet ihn. Lydons Auge gleicht dem eines Luchses!« bemerkte Klodius vor sich hin.

»Ha, Klodius! Siehst Du es? Dein Mann wankt! Noch ein Schlag – er fällt – er fällt!«

»Die Erde belebt ihn wieder. Er springt noch einmal auf, aber das Blut rollt über sein Gesicht herunter.«

»Beim Donnerer! Lydon trägt den Sieg davon. Sieh, wie er ihm zu Leibe geht. Dieser Schlag auf die Schläfe würde einen Ochsen niedergeschmettert haben; Tetraides ist gut getroffen. Er fällt abermals – er kann sich nicht mehr bewegen – habethabet!«

»Habet!« wiederholte Pansa. »Führt sie hinaus und gebt ihnen Rüstung und Schwerter.«

»Edler Editor,« sagten die Kampfwärter, »wir fürchten, Tetraides werde sich nicht so schnell wieder erholen, wir wollen es indes versuchen.«

»Thut dies.«

Nach wenigen Augenblicken kehrten die Kampfwärter, welche den schwerverletzten und besinnungslosen Gladiator hinausgeschafft hatten, mit bedenklicher Meine zurück. Sie fürchteten für sein Leben und jedenfalls konnte er heute nicht wieder die Arena betreten.

»In diesem Falle,« sagte Pansa, »nimmt Lydon als Subditius, sobald ein Gladiator besiegt wird, die Stelle desselben ein.«

Das Volk ertheilte dieser Anordnung lauten Beifall, worauf wieder tiefe Stille eintrat. Jetzt begannen die Trompeten zu schmettern, und die vier Kämpfer standen gerüstet und herausfordernd einander gegenüber.

»Kennst Du die Römer, mein Klodius? Gehören sie zu den renomirten Fechtern, oder sind es bloß ordinarii?«

»Eumolpus ist ein guter Schwertkämpfer zweiten Ranges, mein Lepidus. Den kleineren Mann, Nepimus, sah ich früher nie; aber er ist der Sohn eines kaiserlichen Fiskalis und in einer guten Schule erzogen; ohne Zweifel werden sie ihrem Stande alle Ehre machen. Aber das Spiel ist mir entleidet, ich kann mein Geld nicht wieder gewinnen. Fluch jenem Lydon! Wer hätte gedacht, daß er so geschickt oder so glücklich sein würde!«

»Ha, Klodius, soll ich Mitleid mit Dir haben und auf diese Römer wetten?«

»Zehn Sestertien auf Eumolpus gegen zehn, nicht?«

»Wie? während Nepimus ein Anfänger ist? Nein, nein, das ist nicht billig.«

»Nun, zehn gegen acht?«

»Zugestanden.«

Während unten im Theater gekämpft wurde, saß auf einer der obern Bänke ein Mann, der an dem Schauspiele ein ganz besonderes, tiefes Interesse nahm. Trotz seines christlichen Abscheus vor blutigen Wettkämpfen hatte er es doch aus ängstlicher Besorgnis für seinen Sohn nicht über sich bringen können, aus dem Theater wegzubleiben. Mitten unter Fremden und der Hefe des Volks sah und fühlte der alte Mann Nichts, als was seinen wackern Sohn anging. Kein Laut war seinen Lippen entflohen, als dieser zweimal zu Boden fiel; er hatte nur an allen Gliedern gezittert und war bleicher geworden. Als er ihn siegen sah, da konnte er einen Ruf der Freude nicht unterdrücken; ach! er wußte nicht, daß dieser Sieg nur das Vorspiel zu einem gefährlicheren Kampfe sein sollte.

»Mein wackerer Junge!« sagte der alte und trocknete seine Augen.

»Ist es Dein Sohn?« fragte ein zur Rechen des Nazareners sitzender Bursche mit gebräuntem Gesicht; »er hat vortrefflich gekämpft; wir wollen sehen, wie er sich nachher hält. Hast Du's gehört, er soll mit dem ersten Sieger fechten. Nun, alter Knabe, bitte die Götter, daß dieser Sieger weder einer von den beiden Römern noch der Riese Niger sei.«

Der alte Mann faßte sich wieder und bedeckte sein Gesicht. Außer Lydon waren ihm die übrigen Kämpfer gleichgültig. Und dennoch – der Gedanke fuhr ihm schrecklich durch die Seele – war der Kampf für ihn von höchstem Interesse – an die Stelle des Ersten, welcher fiel, sollte Lydon treten! Er stand auf, beugte sich über die Bank und sah aufmerksam mit gefalteten Händen den Streitern zu.

Im hohen Grade erregte der Kampf zwischen Niger und Sporus die Aufmerksamkeit der Zuschauer, da ihre Fechtart nicht nur große Geschicklichkeit bei den Gegnern voraussetzte, sondern auch gewöhnlich von traurigen Folgen begleitet war.

Sie standen in beträchtlicher Entfernung von einander. Der eigenthümliche Helm, welchen Sporus trug, und dessen Visir herabgelassen war; bedeckte sein Gesicht; die Gesichtszüge des Niger aber zeichneten sich durch ihre Schärfe und Wildheit aus. Jeder den Andern ansehend, stunden sie einige Augenblicke stillschweigend da, bis Sporus allmählig und mit großer Behutsamkeit vorwärts schritt, und dabei sein spitziges Schwert, wie die Fechter in unsrer Zeit, gegen die Brust des Feindes richtete. Niger zog sich zurück, als sein Gegner vorrückte, hielt aber mit der rechten Hand sein Netz fortwährend in Bereitschaft, verfolgte mit seinem kleinen, stechenden Auge alle Bewegungen des Sporus, und warf, als dieser sich ihm auf Armeslänge genähert hatte, rasch ausliegend das Netz gegen denselben. Eine geschickte Wendung rettete den Gladiator vor dem verderberblichen Garn; er stieß einen gellenden Schrei wuthgemischter Freude aus und stürzte auf Niger los, Niger aber hatte bereits sein Netz wieder eingezogen, es über die Schulter geworfen und floh nun rings an den Schranken herum mit einer Schnelligkeit, die der SecutorSo genannt, weil ein solcher Gladiator den Feind, nachdem dieser das Netz ausgeworfen hatte, verfolgen mußte, um ihn nieder zustoßen, ehe er Zeit gewann, dasselbe wieder in Ordnung zu bringen. vergebens zu überbieten versuchte. Das Volk lachte laut über die vergebliche Mühe, welche sich der breitschultrige Gladiator gab, um den fliehenden Riesen einzuholen, als die beiden römischen Fechter in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit der Zuschauer in Anspruch nahmen.

Anfangs hatten sie sich einander gegenüber aufgestellt, in einer Entfernung, wie sie noch gegenwärtig gewöhnlich ist. Die ausnehmende Vorsicht indes, womit sie zu Werke gingen, hatte bis jetzt ein heftiges Zusammentreffen verhütet und den Zuschauern volle Muße gewährt, ihre ganze Aufmerksamkeit dem Sporus und seinem Gegner zuzuwenden. Nun aber waren die Gegner mit der größten Wuth an einander gerathen. Unter wechselseitigem Vordringen und Zurückweichen entfalteten sie alle jene kaum bemerkbare Feinheiten ihrer Kunst, welche erfahrne Männer von gleicher Gewandtheit charakterisiren. In diesem Augenblicke verwundete Eumolpus, der ältere Gladiator, durch einen geschickten Seitenhieb, der auf der Arena für sehr schwer zu pariren galt, den Nepimus, und das Volk erhob ein lautes Jubelgeschrei. Lepidus wurde bleich.

»Ha!« rief Klodius, »das Spiel ist fast vorüber. Wenn Eumolpus nur mit kalter Besonnenheit zu Werke geht, so wird sich der Andere bald von selbst verbluten.«

»Dank den Göttern! Er beobachtet nicht die Defensive. Sieh, er stürzt auf Nepimus zu! Beim Mars! Nepimus hat ihm einen meisterlichen Hieb versetzt, gerade auf den Helm! – Klodius, ich werde gewinnen!«

»Zum Teufel mit allen Wetten!« murmelte Klodius, »aber warum kann man einen Gladiator nicht mit Blei ausgießen!«

»Bravo Sporus! Bravo!« schrie das Volk, als Niger jetzt plötzlich stille gestanden war, sein Netz wiederum und wiederum vergeblich ausgeworfen hatte. Diesmal jedoch war er im Zurückziehen desselben nicht behende genug und Sporus versetzte ihm mit dem Schwerte in sein rechtes Bein eine so tiefe Wunde, daß er, unfähig zur Flucht, von seinem Gegner auf's Härteste bedrängt wurde. Seine Größe aber und die Länge seines Arms verschafften ihm noch immer nichtgewöhnliche Vortheile, und indem er seinen Dreizack in gerader Richtung dem Feinde vor die Stirne hielt, gelang es ihm, diesen dadurch auf einige Minuten abzuwehren. Sporus versuchte jetzt, durch eine rasche Wendung, seinem Gegner in den Rücken zu kommen, da dieser sich nur mit Mühe und langsam bewegen konnte. Bei diesem Versuche aber gab er sich eine Blöße, er kam dem Riesen zu nahe, und als er den Arm erhob, um denselben einen Hieb zu versetzen, sank er, von dem dreizackigen Speere in die Brust getroffen, zusammen. Noch einen Augenblick, und das todtbringende Netz war über ihn hergeworfen; vergebens versuchte er sich daraus loszumachen; es blieb ihm nichts übrig, als unter erneuten Stichen des Dreizacks sein Blut durch das Netz hindurch in roten Strömen über den Sand hinlaufen zu sehen. Da ließ er seinen Arm sinken, zum Zeichen, daß er sich für überwunden halte.

Der siegende Retiarius zog sein Netz an sich, und wartete, auf seinen Speer gelehnt, auf das Urtheil, hinsichtlich des Sporus. Der besiegte Gladiator blickte mit matten, verzweiflungsvollen Augen im Theater umher, aber von Reihe zu Reihe, von Bank zu Bank, begegneten ihm nur mitleidslose Mienen.

Kein Gemurmel ließ sich vernehmen. Es herrschte eine fürchterliche, theilnahmslose Stille; keine Hand, nicht einmal eine weibliche, winkte Leben und Gnade. Sporus war auf der Arena nie beliebt gewesen und so eben noch hatte der verwundete Niger die Gunst der Zuschauer für sich gewonnen. Das Volk lechzte nach Blut: ein Scheingefecht gefiel ihm nicht mehr, sondern seine Grausamkeit heischte ein Opfer.

Der Gladiator, fühlend, daß sein Urtheil unwiderruflich feststehe, murmelte kein Gebet und stieß keinen Seufzer aus. Das Volk gab das Todessignal. In ruhiger Ergebung bot er seinen Nacken dem verderblichen Streiche. Es trat nun, da der Speer das Retiarius nicht schnell und sicher genug tötete, eine wilde, grauenhafte Gestalt, die ein kurzes, scharfes Schwert schwang und deren Gesicht unter einem Visir verborgen war, auf die Arena. Mit langsamen, abgemessenen Schritten näherte sich dieser furchtbare Scharfrichter dem noch immer knieenden Gladiator, legte die linke Hand auf seinen Helm, berührte mit dem scharfen Schwerte seinen Nacken und blickte dann rings im Kreise herum, ob sich nicht etwa in diesem letzten Augenblicke eine Regung des Mitleids kund gebe; aber umsonst, das furchtbare Signal blieb dasselbe, das Schwert glänzte in der Luft, sauste herab und der Gladiator stürzte auf den Sand; seine Glieder zitterten ein wenig, wurden aber schnell bewegungslos und Sporus war eine Leiche.

Sein Körper wurde sodann aus der Arena durch die Pforte des Todes hinausgeschleppt und in eine finstere Höhle geworfen, welche die Benennung Spoliarium führte. Ehe er seinen Bestimmungsort erreichte, war auch der Kampf zwischen den zurückgebliebenen Gladiatoren entschieden. Das Schwert des Eumolpus hatte dem minder erfahrenen Gegner die Todeswunde beigebracht. Ein neues Opfer verschlang die dunkle Behausung der Erschlagenen.

Durch das Theater verbreitete sich jetzt eine allgemeine Bewegung, das Volk athmete freier und nahm seine Sitze wieder ein. Ein kühlender Thau ergoß sich aus verborgenen Röhren über die Zuschauer, welche nun ganz vergnügt über die letzte blutige Scene mit einander plauderten. Eumolpus nahm den Helm ab, trocknete sich die Stirne; sein schöngelocktes Haar, sein dichter, kurz beschnittener Bart, seine edeln römischen Gesichtszüge und sein glänzend schwarzes Auge, erregten allgemeine Bewunderung. Er war noch unverwundet und unermüdet.

Der Editor erklärte nach kurzem Stillschweigen jetzt laut, daß Lydon an die Stelle des gefallenen Nepimus treten und mit Eumolpus kämpfen sollte.

»Höre jedoch, Lydon,« fügte er hinzu, »wenn Du den Kampf mit einem so tapfern und erprobten Manne ausschlagen willst, so steht es Dir frei. Eumolpus ist nicht ursprünglich für Dich bestimmt. Du weißt wohl am besten, ob Du es mit ihm aufnehmen kannst. Wenn Du fällst, so ist Dein Schicksal ein ehrenvoller Tod; siegst Du aber, so will ich den festgesetzten Preis aus meiner eigenen Börse verdoppeln.«

Das Volk jauchzte Beifall. Lydon stund an den Schranken und schaute rings umher; hoch oben erblickte er das bleiche Antlitz, die zagenden Augen seines Vaters. Einen Augenblick war er unentschlossen. Aber nein! der Sieg mit dem Cestus war nicht hinreichend; er hatte den Kampfpreis noch nicht gewonnen; sein Vater war noch ein Sklave!

»Edler Aedil!« erwiderte er in festem männlichen Tone; »ich erschrecke nicht vor diesem Kampfe. Die Ehre Pompeji's erfordert es, daß ein, durch den berühmten Lanista Unterrichteter mit diesem Römer sich mißt.«

Das Volk jubelte noch lauter als zuvor.

»Vier gegen Eins wider Lydon!« sagte Klodius zu Lepidus.

»Ich würde nicht zwanzig auf Eins annehmen! Eumolpus ist ein wahrer Achilles und jener arme Bursche ein Neuling!«

Eumolpus blickte dem Lydon kühn ins Gesicht; er lächelte, doch folgte dem Lächeln bald ein leichter, kaum hörbarer Seufzer – ein Gefühl mitleidiger Rührung, welches jedoch die Gewohnheit in dem gleichen Augenblicke unterdrückte, als das Herz sie empfinden wollte.

Jetzt stunden in vollständiger Rüstung, mit gezogenen Schwertern und geschlossenen Visiren die beiden letzten Kämpfer der Arena (die folgenden hatten es mit wilden Thieren aufzunehmen) einander gegenüber.

In demselben Augenblicke ward dem Prätor durch einen Theaterdiener ein Brief übergeben; er öffnete das Siegel, durchlief ihn flüchtig und in seinem Gesichte drückte sich auf einmal Staunen und Verlegenheit aus. Noch einmal durchlas er den Brief, legte ihn alsdann mit den Worten: »Es ist nicht möglich! der Mann muß schon am Morgen betrunken sein, daß er von solchen Tollheiten träumt,« sorglos bei Seite und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Spiele zu.

Die Zuschauer befanden sich jetzt in der höchsten Spannung. Eumolpus hatte zuerst ihre Gunst gewonnen; aber der ritterliche Sinn des Lydon und seine wohlangebreachte Anspielung auf die Ehre des pompejanischen Lanista hatte nachher dem Letzteren einen Vorzug in ihren Augen verliehen.

»Heda, alter Knabe!« sagte Medon's Nachbar zu diesem; »Dein Sohn hat einen schweren Kampf; aber sei ohne Sorge, der Editor wird nicht zugeben, daß er getödtet wird; nein; auch das Volk nicht; er hat sich ja heute so wacker benommen. Ha, das war ein meisterhafter Stoß! – gut parirt, beim Pollux! Wieder auf ihn, Lydon! – sie halten inne, um Athem zu schöpfen! Was murmelst Du da, alter Knabe?«

»Gebete,« antwortete Medon mit einer ruhigeren und hoffnungsvolleren Miene, als er bisher gezeigt hatte.

»Gebete! Possen! Die Götter treten nicht mehr ins Mittel, um den Menschen zu helfen. Beim Jupiter! was für ein Schlag! Deine Seite! Deine Seite! schütze Deine Seite, Lydon!«

Ein convulsivisches Zittern durchlief jetzt die ganze Versammlung. Lydon hatte einen furchtbaren Hieb von Eumolpus auf den Helm erhalten und war in die Kniee gesunken.

»Habet!« rief eine gellende weibliche Stimme; »er ist getroffen, juchheisa!«

Es war die Stimme jenes Mädchens, welches so sehnlich das Verlangen ausgesprochen hatte, daß man einige Verbrecher den wilden Thieren preisgeben möchte.

»Schweige still, mein Kind!« sagte die Gemahlin Pansa's, in befehlendem Tone, »non habet! Er ist nicht verwundet!«

»Ich wollte, er wäre es, wenn auch nur dem alten, griesgrämigen Medon zum Trotze,« murmelte das Mädchen.

Indes fing Lydon, der sich bisher mit vieler und großer Geschicklichkeit vertheidigt hatte, allmählig an, vor den gewaltigen Hieben des geübten Römers zurückzuweichen; sein Arm ermattete, sein Kopf schwindelte, er athmete schwer und mit Anstrengung. Die Kämpfer machten nun eine Pause, um wieder Athem zu schöpfen.

»Junger Mann,« sagte Eumolpus mit leiser Stimme, »gib nach, ich will Dich leicht verwunden, dann senke Deine Waffe; der Editor und das Volk sind Dir günstig, und Du wirst auf eine ehrenvolle Art mit dem Leben davon kommen!«

»Und mein Vater ein Sklave bleiben!« seufzte Lydon vor sich hin. »Nein! den Tod oder seine Freiheit!«

Da er sah, daß seine Kraft der Ausdauer des Römers nicht gleichkomme, und daß Alles von einem raschen und verzweifelten Angriffe abhänge, stürzte er wüthend auf Eumolpus los; der Römer wich zurück – Lydon stieß abermals zu – Eumolpus mache eine Seitenwendung – das Schwert glitt an seinem Panzer ab, Lydon stellte seine Brust bloß, und der Römer stieß sein Schwert durch die Gelenke der Rüstung seines Gegners, jedoch nicht in der Absicht, ihm eine tiefe Wunde zu versetzen; Lydon aber stürzte erschöpft vorwärts, gerade in die Waffe des Feindes und diese durchbohrte ihn dergestalt, daß sie auf dem Rücken wieder zum Vorschein kam. Rasch zog Eumolpus das Schwert heraus; Lydon machte noch einen Versuch, um das Gleichgewicht wieder zu gewinnen, aber das Schwert entfiel ihm, unwillkürlich versetzte er dem Gladiator einen Streich mit der bloßen Hand und stürzte dann auf die Arena.

Einstimmig gaben der Editor und die Versammlung das Zeichen der Gnade; die Kampfwärter näherten sich und nahmen dem Besiegten den Helm ab. Er athmete noch, trotzig starrten seine Augen den Gegner an; die Wildheit, welche er in seinem Berufe erlangt hatte, leuchtete aus seinem Gesicht, über das bereits die Schatten des Todes sich legten; dann wendete er noch einmal mit krankhaftem Stöhnen seine Augen nach oben. Sie ruhten weder auf dem Gesichte des Editors, noch auf den mitleidigen Mienen der ihm gewogenen Richter. Er sah diese nicht; für ihn war der ungeheure Raum des Theaters öde und menschenleer! nur nach einem bleichen, schmerzvollen Antlitze schaute er; der Schrei eines gebrochenen Herzens war Alles, was unter dem Gemurmel und Geschrei des Volkes sein Ohr erreichte. Die Wildheit verschwand von seiner Stirne; ein sanfter und zärtlicher Ausdruck heiliger, aber verzweifelnder Kindesliebe spielte auf seinem Gesichte, erlosch jedoch bald wieder. Seine Augen brachen, und seine Mienen nahmen die vorige Wildheit wieder an. Er fiel entseelt auf die Erde.

»Seht nach ihm,« sagte der Aedil, »er hat seine Pflicht gethan.«

Die Kampfwärter brachten ihn nach dem Spoliarium.

»Ein treues Bild des Ruhmes und seines Schicksals!« murmelte Arbaces, und sein über die Versammlung hinschweifendes Auge verrieth so viel Hohn und Verachtung, daß Jeder, den sein Blick traf, plötzlich den Athem anhielt, und ein Gefühl von Unheimlichkeit kaum bemeistern konnte.

Abermals ergoß sich ein wohlriechender Thau über das Theater und die Kampfwärter streuten frischen Sand auf die Arena.

»Bringt den Löwen und Glaukus, den Athener,« sagte der Editor.

Eine tiefe und athemlose Spannung und ein gewaltiger – doch seltsam genug – nicht unangenehmer Schrecken lag gleich einem schauerlichen Traum über der ganzen Versammlung.

Drittes Kapitel.

Sallust und Nydia's Brief.

Dreimal bereits war Sallust aus seinem Morgenschlummer erwacht und dreimal hatte er in der Erinnerung, daß sein Freund heute sterben müsse, mit einem tiefen Seufzer sich wieder in eine kurze Vergessenheit zu versenken gesucht. Sein ganzes Streben war gewöhnlich darauf gerichtet, das Unangenehme zu vermeiden, und wo ihm dies nicht gelang, es wenigstens zu vergessen.

Da er seine peinlichen Gedanken nicht länger in Schlummer zu wiegen vermochte, so richtete er sich im Bette auf und sah seinen geliebten Freigelassenen, wie immer, gleich daneben sitzen; denn Sallust war, wie ich bereits gesagt, nach Art der Vornehmen, ein Freund der schönen Wissenschaften und ließ sich jeden Morgen, ehe er aufstund, ungefähr eine Stunde lang vorlesen.

»Keine Bücher heute! Nichts von Tibull! Nichts von Pindar! Pindar! Ach, sein Name schon erinnert mich an jene Spiele, wovon unsere Arena nur eine traurige, rohe Abart darbietet. Hat es begonnen, das Amphitheater?«

»Schon längst, o Sallust! Hörtest Du nicht die Trompeten und den Lärmen der Volksmenge?«

»Ja, ja! aber den Göttern sei Dank, ich war schlaftrunken und kaum hatte ich mich umgewendet, so schlummerte ich wieder ein.«

»Die Gladiatoren müssen schon lange im Kampfe begriffen sein.«

»Die Unglücklichen! ist keiner von meinen Leuten ins Theater gegangen?«

»Nein; Du verbotest es auf's Bestimmteste.«

»Ganz richtig; ich wollte, der Tag wäre vorüber! Was für ein Brief liegt dort auf dem Tische?«

»Nun, jenen Brief brachte man Dir gestern Nacht doch Du warst zu – zu –«

»Betrunken, um ihn zu lesen, willst Du sagen. Gleichviel, er kann von keiner großen Wichtigkeit sein.«

»Soll ich ihn für Dich öffnen, Sallust?«

»Ja, wenn ich nur Zerstreuung finde. Armer Glaukus!«

Der Freigelassene erbrach das Siegel. »Wie! Griechisch?« sagte er, »wahrscheinlich von einer gelehrten Dame.« Er durchlief den Brief und sein Gesicht nahm plötzlich den Ausdruck des Staunens und der Rührung an. »O ihr Götter! Edler Sallust, warum haben wir dies Schreiben nicht früher gelesen! Höre.«

»› Nydia, die Sklavin, an Sallust, den Freund des Glaukus. Ich bin eine Gefangene in dem Hause des Arbaces. Eile zu dem Prätor. Bewirke meine Befreiung und wir können vielleicht Glaukus noch von dem Löwen retten. Es lebt noch ein anderer Gefangener in diesen Mauern, dessen Zeugnis die Klage gegen den Athener widerlegen kann. Dieser Gefangene sah das Verbrechen begehen, und zwar durch einen Schurken, auf den bis jetzt noch kein Verdacht fiel. Eile! Schnell! Schnell! Bringe Bewaffnete mit, für den Fall, daß Widerstand geleistet werden sollte; desgleichen einen gewandten Schmied; denn die Kerkerthüre meines Mitgefangenen ist dick und stark. Ach! bei Deiner Rechten und bei Deines Vaters Asche verliere keinen Augenblick.‹«

»Große Götter!« rief Sallust bebend aus, »und heute noch, nein, vielleicht in dieser Stunde stirbt er. Was ist zu thun? Ich will augenblicklich zu dem Prätor gehen.«

»Nein; das geht nicht. Der Prätor so gut als der Editor Pansa selbst sind vom Pöbel abhängig. Der Pöbel aber wird nichts von Aufschub hören wollen; er würde es sehr übel aufnehmen, wenn man seine Erwartung im Augenblicke der höchsten Gespanntheit täuschte. Insofern könnte der schlaue Egypter dadurch eine Warnung erhalten und dann Vorkehrungen treffen. Sicherlich hat er nicht ohne Grund die um sein Geheimnis Wissenden in Gewahrsam gebracht. Nein, gehe nicht zum Prätor; glücklicher Weise sind Deine Sklaven daheim.«

»Ich stimme Deiner Meinung bei,« unterbrach Sallust seinen Freigelassenen; »bewaffne augenblicklich die Sklaven. Die Straßen sind leer. Wir wollen nach dem Hause des Arbaces eilen und die Gefangenen befreien. Schnell! Schnell! Auf! Davus, mein Kleid, und meine Sandalen; bring auch Papyrus und ein Rohr.Das Rohr (calamus) diente zum Schreiben auf Papyrus und Pergament, der Griffel (stilus) zum Schreiben auf Wachstafeln, Baumblätter, Metallplatten u.s.w. – Die Briefe wurden halb auf Papyrus, halb auf Wachstäfelchen geschrieben. Ich will an den Prätor schreiben und ihn ersuchen, das Urtheil des Glaukus aufzuschieben, bis wir in einer Stunde seine Unschuld beweisen. Ja, auf diese Weise geht es. Spute Dich, Davus, und trage diesen Brief zum Prätor ins Amphitheater. Aber er muß ihm eigenhändig übergeben werden. Nun gut! Oh, ihr Götter, deren Verfehlung Epikur läugnet, begünstigt mich jetzt, und ich will den Epikur einen Lügner nennen!

Viertes Kapitel.

Noch einmal das Ampthitheater.

Glaukus und Olinth waren zusammen in die dunkle und enge Zelle gesperrt, in welcher die Verbrecher ihrem letzten und gefährlichen Kampfe entgegensahen. Ihre seit Kurzem an die Dunkelheit gewöhnten Augen suchten in dieser schrecklichen Stunde die Züge des Andern zu erforschen, und durch das matte Licht, welches durch die Zelle drang, wurden ihre ohnehin schon bleichen Gesichter noch aschfarbener und gespenstischer. Dennoch aber drückten ihre Mienen eine feste Entschlossenheit aus; ihre Glieder zittern nicht; ihre Lippen waren zusammengepreßt und kalt. Die Religion des Einen, der Stolz des Andern, die Unschuld Beider, und vielleicht auch der Trost, den der Mensch darin findet, wenn er einen Genossen im Unglücke hat, machten aus den Schlachtopfern Helden.

»Horch! hörst Du das Jubelgeschrei? Sie lechzen nach dem Blute ihrer Mitmenschen,« sagte Olinth.

»Ich höre es; mein Herz möchte mir fast brechen; aber die Götter halten meinen Muth aufrecht.«

»Die Götter! o thörichter junger Mann, lerne in dieser Stunde nur den Einen wahren Gott erkennen. Habe ich Dich nicht im Kerker unterrichtet, um Dich geweint und für Dich gebetet? Habe ich nicht in meinem Eifer, in meiner Bekümmernis um Dein Seelenheil, mehr an Deine Rettung, als an meine eigene gedacht?«

»Wackerer Freund!« entgegnete Glaukus feierlich, »mit Bewunderung, mit Aufmerksamkeit habe ich Dich stets angehört, und mein Herz neigt sich insgeheim zu Deiner Überzeugung hin. Hätten wir noch länger gelebt, so würde ich allmählig meinen eigenen Glauben aufgegeben und vielleicht den Deinigen angenommen haben; aber in der Todesstunde wäre es Feigheit, sich durch Schrecken zu Etwas bestimmen zu lassen, was allein das Resultat längerer Überlegung sein sollte. Würden nicht Deine Verheißungen des Himmels oder Deine Drohungen der Hölle daran schuld sein, wenn ich jetzt Deinen Glauben annähme und den Göttern meiner Väter entsagte? Nein, Olinth! Wir wollen gleich liebevoll von einander denken, ich, indem ich Deine Biederkeit ehre, Du, indem Du meine Verblendung oder meinen verstockten Muth bemitleidest. Wie meine Handlungen waren, so wird auch mein Lohn sein, und das allmächtige Wesen da oben wird den irrenden Menschen nicht hartherzig verdammen, wenn sein Streben nur redlich und ehrenvoll war. Wir wollen nicht weiter davon sprechen. Still! Hörst Du, wie sie jenen schweren Körper durch den Sand schleppen; so wie diese werden auch bald unsere Leiber sein.«

»O Himmel! O Christus! Schon schaue ich Dich!« rief der glaubensvolle Olinth mit aufgehobenen Händen; »ich zittre nicht, sondern ich freue mich, daß mein Gefängnis sich bald aufschließen wird.«

Glaukus beugte schweigend sein Haupt. Er fühlte den Unterschied zwischen seinem Muthe und dem Muthe seines Leidensgenossen. Der Heide bebte nicht, aber der Christ frohlockte.

Knarrend ging die Kerkerthüre auf. Der Glanz von Speeren drang in die Zelle.

»Glaukus von Athen, Deine Zeit ist gekommen,« sagte eine laute und klare Stimme: »der Löwe erwartet Dich.«

»Ich bin bereit,« erwiderte der Athener. »Bruder und Leidensgefährte, laß uns einander noch einmal umarmen! Segne mich und lebe wohl!«

Der Christ öffnete seine Arme, er schloß den jungen Heiden an seine Brust, er küßte ihn auf Stirne und Wange, er seufzte laut und seine Thränen flossen schwer und heiß über das Gesicht seines Freundes.

»Oh! hätte ich Dich doch belehren können, dann würde ich nicht weinen. Könnte ich doch zu Dir sagen: ›Wir Beide werden mit einander diesen Abend im Paradiese sein!‹«

»Es kann dennoch geschehen,« antwortete der Grieche mit zitternder Stimme. »Die, welche der Tod nicht trennt, sehen sich vielleicht jenseits des Grabes wieder. Auf dieser Erde aber, auf dieser schönen, geliebten Erde, lebe wohl für immer! – Würdiger Kampfwärter, ich bin bereit.«

Glaukus trat aus der Zelle heraus; aber als er in die freie Luft kam, da schauderte es ihn auf einmal, obwohl es im Theater sehr heiß war. Von den Wirkungen des tödtlichen Trankes noch nicht ganz hergestellt, zitterte er am ganzen Leibe, so daß die Kampfwärter ihn stützen mußten.

»Muth,« sagte der Eine, »Du bist jung, kräftig und gewandt. Man gibt Dir eine Waffe; verzage nicht, denn Du kannst vielleicht noch siegen.«

Glaukus erwiderte nichts; aber beschämt über seine Schwäche, suchte er durch eine verzweifelte und krampfhafte Anstrengung die frühere Festigkeit seiner Nerven wieder zu gewinnen. Man bestrich hierauf seinen Körper, der bis auf eine Binde um die Lenden, ganz nackt war, mit Oel, gab ihm einen Stilus (eine nutzlose Waffe!) in die Hand und führte ihn auf die Arena.

Jetzt, als der Grieche die Blicke von Tausenden und aber Tausenden auf sich gerichtet sah, da fühlte er nicht mehr seine Sterblichkeit. Aller Schein von Furcht – ja, die Furcht selbst war für ihn völlig verschwunden. Eine hohe Röthe überflog seine bleichen Wangen, und seine herrliche Gestalt zeigte sich in ihrem vollsten Glanze. Die elastische Schönheit seiner Glieder, seine kühne Stirne, sein trotziger, unbezähmbarer Geist, der aus seiner ganzen Haltung, von seinen Lippen, aus seinen Augen sprach, ließen ihn gleichsam als die Verkörperung der Kraft und Hoheit seines Vaterlandes, als einen Helden und einen Gott erscheinen.

Das Gemurmel des Hasses und Abscheu's über sein Verbrechen, womit man ihn bei seinem Eintritte empfangen, verwandelte sich in unwillkürliche, stille Bewunderung und halb mitleidsvolle Achtung. Mit einem raschen, convulsivischen Seufzer, welchen die ganze Volksmenge, als wäre sie nur ein Körper, ausstieß, wandten sich die Blicke der Zuschauer von dem Athener auf einen dunkeln, unförmlichen Gegenstand in der Mitte der Arena. Es war der vergitterte Käfig des Löwen.

»Bei der Venus, wie heiß es ist!« sagte Fulvia; »und doch scheint hier die Sonne nicht. Warum haben doch die dummen Matrosen jene Lücke in der Decke gelassen!«

»Ja, es ist wirklich sehr warm. Es wird mir übel – ich falle in Ohnmacht!« sagte die Gemahlin Pansa's, deren sonst unerschütterlicher Stoicismus durch den jetzt bevorstehenden Kampf gebrochen wurde.

Vierundzwanzig Stunden lang war der Löwe ohne Nahrung gelassen worden, und das Thier hatte schon den ganzen Morgen eine seltsame und rastlose Unbehaglichkeit, welche der Wärter den Qualen des Hungers zuschrieb, an den Tag gelegt. Doch schien sein Benehmen eher Furcht als Muth zu verrathen; sein Gebrüll war schmerzlich und matt; es ließ den Kopf hängen, schnappte durch das Gitter nach Luft; bald legte es sich nieder, bald stund es wieder auf und stieß zu wiederholtenmalen wilde, durchdringende Töne aus. Jetzt lag es still und träge mit ausgedehnten, dicht an das Gitter gedrückten Nasenlöchern in seinem Käfig, und blies durch seinen schweren Athem den Sand in der Arena empor.

Die Lippen des Editors bebten, und seine Wangen wurden bleich; ängstlich blickte er im Kreise herum, zaudernd und die furchtbare Scene hinausschiebend; aber das Volk wurde ungeduldig. Da gab er endlich widerstrebend das Zeichen; der Wärter, welcher hinter dem Käfig stand, zog vorsichtig das Gitter hinweg und der Löwe stürzte, erfreut über seine Befreiung, mit gewaltigem Gebrüll heraus. Der Wärter zog sich eilends durch den vergitterten Gang von der Arena zurück und ließ den Herrn des Waldes allein mit seiner Beute.

Glaukus erwartete den Angriff des Löwen in der sichersten Stellung, welche ihm möglich war, wiewohl er sich nur wenig Hoffnung machte, mit seiner kleinen, glänzenden Waffe, die er entschlossen emporhob, seinem grimmigen Feinde einen geschickten Stoß (denn nur zu einem Stoße, wie er wohl wußte, war ihm Zeit gelassen) durch das Auge ins Gehirn zu versetzen.

Aber zum größten Erstaunen aller, schien der Löwe von der Gegenwart des Verbrechers gar keine Notiz zu nehmen. Im ersten Augenblick seiner Befreiung stund er plötzlich auf der Arena stille, und that dann, sich in die Höhe richtend und ungeduldig nach Luft schnappend, einen raschen Sprung vorwärts, aber nicht gegen den Athener. Langsam schritt er sodann auf der Arena umher, indem er mit einem ängstlichen, verwirrten Blicke, als suche er ein Mittel zur Flucht, sein majestätisches Haupt bald rechts, bald links wandte. Ein- oder zweimal versuchte er über die Brustwehr zu springen, welche ihn von den Zuschauern trennte, und als ihm dieses mißlang, stieß er ein Geheul aus, das weit entfernt von dem furchtbaren, königlichen Brüllen, nur auf die äußerste Verzweiflung schließen ließ. Er gab kein Zeichen von Wuth oder Hunger; er schleppte den Schweif im Sande nach, anstatt seine kräftigen Seiten damit zu peitschen; und obwohl sein Blick bisweilen auf Glaukus fiel, so wandte er die Augen doch immer wieder gleichgültig von demselben ab. Endlich, als ob er jedes Versuches zur Flucht überdrüssig wäre, kroch er zaghaft in seinen Käfig zurück und legte sich wieder ruhig nieder.

Die Zuschauer, welche anfangs über die Trägheit und Gleichgültigkeit des Löwen staunten, wurden jetzt über seine Feigheit erbittert, und das in seinen Erwartungen getäuschte Volk schien an dem Schicksale des Glaukus keinen Antheil zu nehmen.

Der Editor rief dem Wärter zu: »Was soll das heißen? Nimm den Stachel, jage den Löwen heraus und schließe alsdann die Thüre des Käfigs zu.«

Als sich der Wärter mit einigem Zagen, aber mit noch größerem Staunen anschickte, diesem Befehle zu gehorchen, hörte man an einem Eingang der Arena ein lautes Geschrei; aus dem Gewirre der Stimmen ließen sich nur laute Einwendungen vernehmen, die aber schnell wieder verstummten. Alle Augen kehrten sich verwundert über die Unterbrechung nach jener Seite; es wurde Platz gemacht, und plötzlich erschien Sallust, mit verwirrtem Haare, erhitzt, halb erschöpft und fast athemlos bei den Bänken der Senatoren. Er blickte rasch im Kreise umher und rief dann: »Bringt den Athener hinweg! nur schnell! Er ist unschuldig! Nehmt Arbaces den Egypter fest, denn dieser ist der Mörder des Apäcides!«

»Bist Du toll, Sallust?« sagte der Prätor, von seinem Sitze aufstehend. »Was soll dieses Toben?«

»Den Athener hinweg! Schnell, o