Johann Gabriel Seidl
Bifolien
Johann Gabriel Seidl

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Sechste Lese.

Wenn's nicht augenblicklich zündet,
Nennt es drum nicht zürnend schlecht;
In der rechten Stimmung findet
Manches Lied erst mancher recht.

I.

Die Stiefmutter.

        »Habt, liebe Frau, Geduld nur noch heut',
Bald seid Ihr von mir auf immer befreit!
Dann werd' ich Euch und Eurem Töchterlein
Auf dieser Welt nicht mehr im Wege sein!« –

So ächzt die blasse Kranke voll Schmerz,
Und kreuzt ihre dürren Händ' aufs Herz;
Der Stiefmutter und ihrem Töchterlein
Könnt' aber kein Wort wohl lieber sein.

Die Stiefmutter und ihr Töchterlein
Die treten zum Meister Schreiner hinein:
»Herr Meister wir brauchen eine Totentruh',
Wir brauchen sie heut' noch, drum seh Er dazu.

Und mach Er sie nur recht gut und fest.
Und mach Er sie nur, daß kein Nagel läßt,
Und mach Er sie nur, daß der Deckel hält
Von dieser bis in die andre Welt.« –

Das sprechen die beiden so lächelnd hin;
Dem alten Meister will's kaum zu Sinn.
Er hobelt und hämmert und singt dazu,
Vorm Abend ist fertig die Totentruh'.

Er trägt sie der Stiefmutter hin ins Haus;
Die aber tritt weinend und schreiend heraus. –
»»Als Ihr sie bestelltet, da schienet Ihr froh,
Und nun ich sie bringe, da weint Ihr so?

Ich hab' sie gemacht recht gut und fest,
Ich hab' sie gemacht, daß kein Nagel läßt,
Ich hab' sie gemacht, daß der Deckel hält
Von dieser bis in die andere Welt.«« –

Der Meister spricht es und hilft in den Schrein
Ihr betten – das eigene Töchterlein;
Die blasse Kranke die starb noch nicht,
Die liegt im Winkel mit frommem Gesicht.

Die blasse Kranke die wird gesund,
Die geht nach Jahren noch über den Grund,
Wo tief in des Schreiners festem Schrein
Die Stiefmutter liegt bei dem Töchterlein.

 
Zweite Liebe.

                Oft wenn ich so ein junges Herz
Das warm für Liebe schlug,
Und doch dafür nur Hohn und Schmerz
Als Lohn von dannen trug,
Zu neuer Liebe schreiten sehe,
So tut mir's unaussprechlich wehe.

»Wie kannst du,« rief ich gern ihm zu,
»Den bittren Kampf erneun?
Das letzte Blättchen deiner Ruh'
Auch in die Winde streun?
Noch einmal alte Qual empfinden,
Noch einmal dir die Flügel binden?

Die Augen schlöss' ich lieber fest,
Und eilte, was ich kann,
Und klömme mit des Herzens Rest
Den höchsten Berg hinan,
Und suchte, fern der falschen Liebe,
Ein Haus mir überm Weltgetriebe!

Dort an dem Busen der Natur
Vergäß' ich Qual und Joch,
Und träf' ich wo der Liebe Spur,
So stieg' ich höher noch;
So würde sie denn doch auf Erden
Mich zu verfolgen müde werden!«

Jüngst riet ich einem Freunde so;
Er aber seufzte tief,
Dann führt er mich, halb ernst, halb froh,
Ans Bette, wo er schlief:
Und streift', – als neckt' er mich nur wieder,
Wie manchesmal, – die Decke nieder.

»Dein Pfühl,« begann er, »Freund, nicht wahr,
Du suchst ihn nächtlich auf?
Du legst vertrauend immerdar
Die müden Schläfe drauf,
Und magst dich gern auf seinen Kissen
Den Träumen hingegeben wissen?! –

Doch hat dich nie ein böser Traum
Durchfiebert und erschreckt,
Und dir der Stirne kalten Saum
Mit Tropfen heiß bedeckt?
Und fühltest du, dem Traum entronnen,
Nicht oft das Leben neu gewonnen? –

Wenn du den bösen Polster schaust,
Den deine Trän' oft netzt,
Wie kommt's, daß dir davor nicht graust,
Daß du nicht fliehst, entsetzt?
Daß du wie gestern so auch heute,
Dein Haupt ihm übergibst zur Beute?

Und träumst du manchmal noch so bang,
Du träumst auch wieder schön,
Und wechselnd tilgt den Schmerzensklang
Ein schmelzend Lustgetön:
Wie mit den bösen Träumen eben,
Ist's mit der Lieb' in unsrem Leben.

Was eine Liebe dir versagt,
Bringt oft die andre dir;
Nur wer verschmerzt und strebt und wagt,
Gewinnt es einst mit ihr:
Wie ohne Traum kein Schlaf uns bliebe,
Blieb' uns kein Leben ohne Liebe!« –


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