Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Die versunkene Stadt.

1838

An einen deutschen Dichter.

Die Verse sind an Heine, mit Beziehung auf dessen Gedicht »Seegespenst«, gerichtet. Heines Schwabenspiegel (Hamb. 1839), in welchem die schwäbischen Dichter in maßlosester Weise verhöhnt werden, ist wohl schon 1838 veröffentlicht. – Durch Versumpfung und Verstopfung des Bettes der Linth war der Wallensee so ungeheuer geschwollen, daß eine alte Burg Mühli allmählich ganz vom Wasser bedeckt ward und man ihre Existenz seit Jahrhunderten vergessen hatte. Erst durch den 1807-22 ausgeführten Linthkanal sank der See in seine alten Ufer zurück, und die Burg kam wieder zum Vorschein.

Der du wundervoll gesungen
Von der meerversenkten Stadt,
Daß herauf zu uns geklungen
Sie mit allen Glocken hat:

Heute möcht' ich dir bereiten
Lohn für deinen schönsten Sang,
Mit dir auf den Wellen gleiten
Sanft den Wallensee entlang;

Dir das schöne Wunder zeigen,
Das dem Blick sich hier enthüllt,
Nun ein Bild aus deinem Reigen
Sich mit Lieblichkeit erfüllt. –

Wo die Linth als Lindwurm hauste
Und bald über grüne Saat
Mit dem Wellenleibe brauste,
Bald in träge Sümpfe trat:

Ist das Hirtenvolk geschäftig,
Baut an Dämmen und Kanal,
Schwingt den Sehnenarm so kräftig,
Bis die Schlange wird zum Aal.

Und so schlüpft der Fluß bezwungen
Aus dem Becken willig fort;
Auch der See, ihm nachgedrungen,
Senkt sich an der Mündung dort.

Doch wie sich die Fluten legen,
Was enthüllt die Tiefe nur?
Mauern steigen uns entgegen
Und ergrauter Türme Spur.

Zack'ge Zinnen, Gotenfenster
Und gewölbtes, spitzes Thor. –
Springen Nixen und Gespenster
Nicht im Harnisch bald hervor?

Eine Burg ist's, die, zerfallen,
Hier Jahrhunderte verträumt,
Die der alte grüne Wallen
Mit den Wellen überschäumt.

Aus erlogener Vernichtung
Steht die auferstandne hier.
Dichter, freu' dich deiner Dichtung!
Diese Burg gehört ja dir!

Wie sie schmuck und heiter lächelt,
Von den Wellen rein gespült!
Wie der Seewind sie umfächelt,
Die besonnten Mauern kühlt!

Diese Burg hast du ersungen,
Nimm sie an aus Sängerhand!
Laß uns einziehn, armumschlungen,
Laß uns singen, liedentbrannt.

Laß uns eins zusammen bechern
In dem Rittersaal geschwind,
Eh uns einfällt, trotz'gen Zechern,
Daß wir ew'ge Feinde sind!


 << zurück weiter >>