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Liebesmorgen.

1812

Gelagert sprachlos saßen wir im Kreise,
Ein jeder sann den Morgenträumen nach;
Da öffnete die Pforte sich, und leise
Tratst du herein und standst in dem Gemach,
Und neigtest dich nach deiner holden Weise,
Verschämt und kaum vom ersten Schlummer wach,
Und blicktest schüchtern auf, uns mit den süßen
Schlaftrunknen Äuglein halb im Traum zu grüßen.

Ist das der Blick, der aus der Locken Kranze
So stolz hervorgeleuchtet und gesiegt?
Ist das die Brust, die sonst bei Fest und Tanze
In weicher Seide schwellend sich gewiegt?
O wie sie nun sich, frei von allem Glanze,
So fromm in die bescheidnen Tücher schmiegt!
Wie schmückt das Haar so schlicht der Stirne Bogen,
Wie hat der Blick sich scheu zurückgezogen!

O dürft ich als die Meine dich begrüßen
In dieser keuschen, stillen Morgentracht,
Wo nur der Sonne Lichter dich umfließen,
Nicht eitler Lampenschein und falsche Pracht.
O dürft ich diesen milden Reiz umschließen,
Nach jeder einsam durchgehofften Nacht
Dir liebend in dein Morgenantlitz blicken,
Ans Herz dich, den verhüllten Himmel, drücken!


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