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Im Tempel.

1811

Der Priester schweigt, es sendet die Gemeine
Von halbbewegten Lippen stumme Bitte;
Verklärend gießet ihre Heilgenscheine
Die Sonne nieder in der Beter Mitte.
Dort steht, von ihrem Glanz umwallt die Meine,
Die Hände faltet sie nach frommer Sitte
Und neiget jetzt mit friedlicher Gebärde
Ihr schönes Haupt demütiglich zur Erde.

Du selges Kind! wie fühl ich deine Nähe!
Kommt doch des Geistes Strahl auf mich hernieder;
In meiner Brust, so oft ich nach dir sehe,
Thut sich der Himmel auf und quellen Lieder;
Und wie ich ganz in dich verloren stehe,
Gebiert dein heilger Sinn in mir sich wieder;
Mein Auge senkt, mein Haupt sich, wie das deine,
Und dein Gebet, dein Wesen wird das meine.

Da weckt mich wunderbar aus meiner Stille
Der Glockenklang und des Gesanges Wogen:
Es kommt dein Bild in unnennbarer Fülle
Auf allen Tönen nach mir zugeflogen,
Mein Geist ergießt sich durch die irdsche Hülle,
Von Liedern und Gebeten hingezogen;
Von deinem Geist wird er geführt nach oben,
Die Engel hört am Thron den Herrn er loben.

Und wie nun schweigen Glocken und Gesänge,
Blick ich, erwacht, hinab, sie noch zu finden;
Dort wandelt sie zur Thüre mit der Menge –
Froh, ohne Sehnsucht, seh ich sie verschwinden;
In meinem Ohr ja hallen noch die Klänge,
Die mich an sie, wie Priestersegen, binden.
Ich bin mit ihr vor Gottes Stuhl getreten,
Und mir war klar: erhöret sei mein Beten.


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