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Wanderlieder eines Mannes.

1833

 

1.
Ausmarsch.

Dein Kessel, brodemvolle Stadt,
Liegt dampfend unter mir,
Frisch, wie mich Gott geschaffen hat,
So wandr ich singend hier.

Mir ist wie dem Versunkenen,
Der aufstieg aus der Gruft,
Mir wie dem halb Ertrunkenen
Beim ersten Atem Luft.

Ich blicke hinter mich; der Dampf
Ballt zu Gestalten sich,
Und werdender Gespenster Kampf
Entspinnt sich schauerlich.

Ein Kohlenaug, ein Beingesicht,
Ein Ries, ein Zwerg, in Streit;
So tauchen aus dem Dämmerlicht
Geiz, Ehrgeiz, Hochmut, Neid.

Sie bäumen sich, sie ringen wild,
Sie schwanken auf und ab,
Im Dunst erzeugt sich das Gebild,
Im Dunst sinkt es zu Grab.

Ich sehe nichts von Häusern mehr,
Ich seh nur dies Gewühl:
Jetzt merk ich, warum mir so schwer
Da drunten ist, so schwül.

Wer weiß, welch schlimmer Geist an mir
Zu böser Stunde zerrt
Und richtigen Gedanken schier
Den Weg ins Herz versperrt?

Durchströme mich, o Gottes Luft,
Und stärke meinen Sinn;
Durchatme mich, o Blütenduft,
Bis ich geläutert bin!

 

2.
Die Alb.

O blau Gebirg, dort winkst du ja
Mit frischer Jünglingsmahnung;
Mit allen Nebeln bist du da,
Mit aller Sonnenahnung.

Geheimnisreich senkt sich dein Hang
Voll unentdeckter Falten.
Und doch – wie oft hat sie mein Gang
Mit raschem Schritt gespalten!

Kein Wald senkt sich in Thalesschoß,
Der mir nicht schon gerauschet,
Kein Bächlein springt aus Feld und Moos,
Das ich nicht einst belauschet.

Kein Steg ist, der nicht unterm Tritt
Mir schon gezittert hätte,
Kein Bergpfad, den ich nicht beschritt,
Kein Gipfel in der Kette.

Den Zauber hab ich längst gestört:
Hab ich dich doch beschrieben!
Ein jedes Plätzchen mir gehört. –
Wie ist's nun mit dem Lieben?

Ich habe selbst den Jungfernkranz
Dir von dem Haupt genommen;
Mein ehlich Weib, das bist du ganz, –
Nun, sei auch so willkommen!

 

3.
An der Quelle.

Ich werfe nieder mich am Bach,
Mir wird so jung zu Sinne.
In seine Wellen schau ich – ach!
Was werd ich Armer inne?
Es blickt mir statt dem Lockenkopf
Entgegen ein fast grauer Schopf,
Die Augen überbauen
Mir weißbebuschte Brauen.

Sink immerhin veraltet ein,
Du halb schon trockne Hülle!
Kann nur mein Geist noch Jüngling sein,
Hat er nur Saft und Fülle!
Es wandeln viel, gelockt und glatt,
Um mich herum und sind schon matt
Mit meinen halben Jahren,
Sind Greise trotz den Haaren.

Werd mir nicht mürrisch, alt Gesicht!
Nicht wolkicht, kahle Stirne!
Das ist die einzge Jugend nicht,
Nach welcher schielt die Dirne.
Jung bleibt, wem in der argen Welt
Gemeines nie den Mut vergällt,
Wer noch fürs Höchste Sehnen,
Für edles Leid hat Thränen.

Noch schwillt, du halbgeschlossner Mund,
Das Lied auf deinen Lippen,
Auch leerst du Becher noch zu Grund
Und weißest nichts vom Nippen.
Du, Brust, auch bist noch weit und warm,
Und du selbst bist nicht welk, mein Arm!
Ich bin ein Mann und strebe,
Ich fühl's mit Lust: ich lebe!

Und wenn die bessre Zeit noch tagt,
So lang ich wandl' auf Erden,
Die Zeit, von der man singt und sagt
Mit Angst und Lustgebärden:
Sie findet mich im Silberhaar,
Doch nicht der Dichterjugend bar;
Dann wird mein Sang verkünden,
Was Jüngste soll entzünden.

O Plätscherbach! verspotte nicht
Mich und mein Lied verwegen;
O frischer Rasen, grünes Licht!
Schiel mir nicht so entgegen.
Ach freilich, wenn der goldne Tag
Anbricht nach Sturm und Donnerschlag,
Ist diese Sängerkehle
Zerstäubt und fern die Seele.

 

4.
Bekanntschaft.

Hinein in das Haus
Zu Labung und Schmaus
Nach früh durchwandertem Morgen!
Dort sitzt schon ein Gast.
Er ist mir verhaßt,
O wär ich allein und geborgen!

Jetzt spricht er mich an.
Ein herzlicher Mann!
Wie glüht er von Wanderungswonne!
Wie duftet sein Wort
Nach Zeit und nach Ort
Von Waldluft, Frühling und Sonne!

Wir sind ja schon eins!
Es fließt uns des Weins
Gefühlaufwühlende Quelle.
Ich öffne mit Lust
Dem Fremden die Brust,
Ich zeig ihm die heimlichste Stelle.

Die Becher sind leer,
Das Scheiden wird schwer,
Als wären wir Jahre beisammen.
Jetzt trag ich allein
Ins Blaue hinein
Die wallenden, schmerzlichen Flammen. –

Was hast du gemacht?
Was hast du gedacht?
Bist wieder zu jung gewesen!
Hast wieder du nicht
In einem Gesicht
Zu viel, viel zu vieles gelesen?

Du alterndes Herz!
Ei, mußt du mit Schmerz
Auch so noch die Jugend empfinden?
Stets liebest du neu,
Hoffst wieder auf Treu, –
Dich wieder betrogen zu finden.

 

5.
Der Mord.

Gott grüß euch, liebe Bäume!
Wie blüht ihr so getreu,
Macht unsrer Jugend Träume
Alljährlich wahr und neu.

Die süße Mädchenblüte
Glänzt einmal nur, nicht mehr.
Euch schenkt des Himmels Güte
Der Blüten Wiederkehr. –

Was stört mir die Gedanken
Ein finsterer Gesell?
Wie seine Schritte wanken
Jetzt langsam und jetzt schnell!

Er schießt so giftge Blicke,
Ein Beil schwingt seine Hand,
Als würd es ins Genicke
Des Feindes jäh gesandt.

Es ist schon Abend worden,
Und nicht geheuer hier!
Und doch – wer könnte morden
In solcher Frühlingszier?

Mich schaudert, ich entweiche.
Was thut er? – Mensch! Abschaum!
Du führst die Todesstreiche
Auf einen Blütenbaum!

Weh! Hieb auf Hieb! dem zweiten,
Dem dritten thut ers an;
Dem Baume, der nicht streiten,
Der sich nicht wehren kann!

Halt ein! – er ist entflohen,
Er schwindet in den Wald;
Von fern seh ich ihn drohen,
Als käm er wieder bald.

Mein Herz ist fast gebrochen
Vor seiner Streiche Wucht.
Die Bäumchen werden sochen; Süddeutsche Nebenform zu »siechen«, d. h. hinwelken.
Sie sterben vor der Frucht.

Umsonst bin ich entronnen
Der Stadt, die böses pflegt,
Wenn hinterm Licht der Sonnen
Die Flur noch schwärzres hegt;

Wenn in die milde Sprache,
Die Gott den Frühling lehrt
Der Mensch mit seiner Rache
Auch hier verhöhnend fährt.

 

6.
Heimweh.

Es wecken mich Gedanken auf;
Noch schläft ringsum die Nacht.
Und schon beginn ich meinen Lauf,
Der Mond schleicht vor mir sacht.

Wie ängstet mich sein blaues Licht,
Wie schweigt der lange Wald!
Kein Lüftchen, keine Quelle spricht,
Die Welt starrt leichenkalt.

Und ein Gefühl von schlimmer Art
Schnürt mir die Seele zu:
Fehlst, Schöpfer, des Allgegenwart
Natur sonst fühlt, auch du?

Wär ich zu Haus mit meinem Schmerz
Bei meiner Jugend Weib
Und legt ihr an das treue Herz
Den zagen Geist und Leib!

Ob sie wohl jetzt in Frieden ruht,
Die Kinder um sie her?
Kreist ihr und ihnen leicht das Blut,
Und atmet keines schwer?

Weiß ich, ob eines wimmernd nicht
Die Mutter plötzlich weckt,
Ob nicht sein glühend Angesicht
Des Fiebers Scharlach deckt?

Wald, laß mich los, du bist ein Grab!
Mond, scheine nicht so bleich!
O werd ein Flügel, Wanderstab!
Wildfremder Boden, weich!

Und jetzt umhaucht es kräftig mich;
O Frühe, bist es du?
Der grüne Kerker öffnet sich;
Nur zu, nur immer zu!

Schon liegt die Welt vor mir in Duft,
Schon perlet auf der Au
Das Kind des Mondes und der Luft,
Der morgenhelle Tau.

Dort steigt der Sonne goldnes Rund,
Und Gott ist wieder da.
Ich frage bang: sind sie gesund?
Das Licht sagt lächelnd: Ja!

 

7.
Festmorgen.

Singen möcht ich Liederweisen,
Meinen Herrgott möcht ich preisen,
In dem Tempel möcht ich stehn.
Und doch läßt sich in die Runde,
Auf den Umkreis einer Stunde,
Nichts als diese Schenke sehn.

Werde sie mir denn zur Klause,
Werde sie zum Gotteshause!
Welche Stelle predigt nicht?
Wo sich ernster Sinn erweitert,
Sich mit Himmelslichte heitert,
Fehlt Altar und Kanzel nicht.

Warum sollt ich mich besinnen –
Horch! wie lärmt es schon da drinnen!
Schwarz von Bauern sitzt die Bank.
Und was hör ich! sich zur Plage
Macht dies Volk die Feiertage,
Und der Glaube wird ein Zank.

Wie der Lutheraner mächtig
Demonstriert, wie er bedächtig
Spruch um Spruch zu Schlüssen sucht!
Wie der Katholik ihm knurrend
Ausweicht und verdrießlich murrend
Ketzer in die Hölle flucht!

Nein! hier kann ich auch nicht beten,
Muß verstimmt bei Seite treten.
Den im Winkel sprech ich an,
Der vom ganzen Streit nichts hörte,
Der nur Augen, ungestörte,
Heftet auf den Corduan.

Hand auf Schulter, bessern Mutes
Sprech ich: »Christ, was liesest Gutes?«
Und ich schau ihm in den Text. –
Ist dies Haus nicht europäisch?
Welch ein Dämon hat Hebräisch
Auf das Psalmbuch hingehext?

Bin ich im gelobten Lande? –
Herz, gesteh zu deiner Schande,
Vor dem Juden scheuest du!
Heiß den Bruder doch willkommen,
Freue dich mit diesem Frommen,
Halte mit ihm Sabbatsruh!

 

8.
Im Kursaal.

Nun gar hinein zur großen Welt
In ihren grellen Saal!
O Wandrer, was dein Herz erhellt,
Such's nicht im Kerzenstrahl!

Und doch – was fesselt mich denn hier?
Warum verweil ich gern?
Was wird es ruhig still in mir
Wie unter Mond und Stern?

Ach, in dem brausenden Gewühl,
Wund von der Lüge Schmerz,
Fand plötzlich ich ein ernst Gefühl,
Ein Wahrheit spendend Herz.

Wie mitten in dem dürren Sand
Ein Quell dem Waller springt,
Wie er sich von der Felsenwand
Aus Dorn die Rose ringt:

So perlt aus einem Auge klar
Mir frische Lebensflut,
So quillt von rosgem Lippenpaar
Mir Geistes Duft und Glut.

Mir ist, als hätt in Einsamkeit
Ich betend mich erquickt,
Und Engelshand giebt mir Geleit,
Daß mich kein Trug umstrickt.

Aus den erfüllten Hallen fort
Wandr ich hinaus ins Feld,
Sie waren mir ein stiller Port,
Hab Dank, du große Welt!

 

9.
Rückblick.

Mit zwanzig leichten Lenzen
Lag ich in diesem Wald,
Und seh ihn heute glänzen
In gleicher Lichtgestalt!
Es duften seine Würzen
Und seine Bäche stürzen,
Ja, nimmer wird er alt.

Mit rüstgen Mannesschritten
Geh ich noch durch ihn hin,
Ich bin an Willen, Sitten,
Ich bin der Alt' an Sinn;
Und dennoch muß ich sagen,
Ich muß mit Schmerzen klagen,
Daß ich ein andrer bin!

Die Buchen und die Eichen,
Mit Wurzeln tief und breit,
Sie waren meinesgleichen,
Was wußt ich von der Zeit?
Gleich diesen Felsenquadern
Fühlt ich in allen Adern
Getrost Unsterblichkeit.

Wohl bin ich jetzt ein andrer,
Bin kein Gewächs des Hains;
Ich bin ein flüchtger Wandrer,
Und denke nur an eins:
Daß ich wie Windeswehen
Durch diesen Wald muß gehen –
O kurzer Traum des Seins!

 

10.
Heimkunft.

Jetzo steh ich vor dem Thale,
Das der Dunst nicht mehr verhüllt,
Das sich, eine blanke Schale,
Bis zum Rand mit Sonne füllt.

Bin aus ihm gleich einem Diebe
Durch der Nebel Nacht entflohn;
Komme jetzt voll Heimatliebe
Her, wie der verlorne Sohn.

Und dort winkts aus hellen Fenstern,
Arme, Köpfe kreuzen sich.
Keine Schar von Nachtgespenstern!
Traute Blicke grüßen mich.

Mutter, Kinder! was sind Blüten
Gegen euch, was Berg und Wald?
Schätze giebt es hier zu hüten;
Wieder wandr ich nicht so bald.

Jüngster Knabe, komm und funkle
Mich mit schwarzen Augen an;
Wie das Erdenleben dunkle,
So ein Strahl macht sich noch Bahn.

Alle künftigen Geschicke
Des bewegten Vaterlands
Les' ich hier in diesem Blicke,
Dieser Kinderaugen Glanz.

Wachse rüstig, lieber Knabe!
Vieles wartet wohl auf dich.
Doch, als Greis am Wanderstabe,
Siehst du schöneres denn ich!


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