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Der Bäurin Süden.

1838

»Herr Pfarrer, der ihr vieles wißt,
Herr Pfarrer, sagt mir, wo Süden ist!«
›Dort, wo von Felsen unterbaut,
Das Nest des Hohenzollers graut.‹
Das Weiblein schüttelt den Kopf und spricht:
»Ach, Herr, das ist mein Süden nicht!«
›Nun, Süden ist, so weit man reist,
So weit, so weit mein Finger weist.
Erst hohes Land, Berg, Ebne, See,
Dann eine Mauer von ewgem Schnee.
Dann Thäler, wo der Ölbaum blüht,
Die Pomeranze goldig glüht.
Dann breitet sich das Thal nach vorn
Mit gelbgelocktem welschem Korn,
Weinranken, klares Himmelblau,
Ein irdisch Paradies, o Frau!‹
Die Bäurin traurig wieder spricht:
»Ach, Herr, das ist mein Süden nicht!«
›Dann Städte, Münster allenthalb,
Mit Türmen hoch wie unsre Alb!
Dann grüner Bergwald in die Quer,
Und plötzlich dann das blaue Meer;
Und Schiffe gnug in schnellem Lauf.‹
»Das ist mein Süden, Herr, hört auf!
Dort zimmert im Schiff mein einziges Kind,
Behüt es Gott vor Wellen und Wind!
Mir hats gesagt sein Kamerad,
Der kommt auch heim vom Süden grad:
»»Dem Hans, dem thut der Fuß nicht weh,
Der hämmert im Süden auf der See.««
Mehr wußt er nicht, doch jetzt haarscharf
Weiß ich, wo Süden ich suchen darf.
Nun bohrt mein Auge dem grauen Haus
Dort auf dem Fels die Mauern aus,
Und von Gebet und Thränen schwer
Blickt es durch Berg und Land ins Meer.
Herr Pfarrer, lohn's euch Jesus Christ,
Daß ihr mir sagtet, wo Süden ist!«


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