Gustav Schwab
Gustav Schwabs Gedichte
Gustav Schwab

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Die Engelskirche auf Anatolikon.

Kleine Inselstadt am Eingange des lepantischen Meerbusens, an Reiz der Lage Venedigs vergleichbar. Diese Begebenheit berichtet die Allgemeine Zeitung vom 25. Febr. 1824.

1824

Es lacht ein Eiland   Mit Feigenbäumen,
Mit Rosenlauben,   Mit Rebenranken,
Wie sonst es schaffen   Nur die Gedanken,
Wie man's nur schauet   In Morgenträumen.

Es regt ein Volk sich   Auf seinen Hügeln,
Das spricht die Sprache,   Die alte, traute,
Die zu uns redet   Mit Geisterlaute;
Und Freiheit deckt es   Mit jungen Flügeln.

Es wohnt im Schutze   Der heil'gen Engel,
Den Cherubinen   Ist es vertrauet,
Von Marmor stehet   Ihr Haus gebauet,
Im weißen Kleide,   Rein, ohne Mängel.

Wohnt auch die Trauer   In solchem Lande?
Warum verödet   Die Rosenlauben?
Warum kein Liedchen   Beim Saft der Trauben?
Kein Tausch der Waren   Am regen Strande?

Das macht, es wimmelt   Dort auf den Wassern
Und birgt sich hinter   Den Felsenriffen:
Ein Heer von Masten,   Von fremden Schiffen,
Ein grimmig Heer ist's   Von Christenhassern!

Du Griechenvölkchen,   Willst du verzagen?
Das Schwert der Väter,   Hast's nicht geschwungen?
Hast mit der Freiheit   Nicht Mut errungen? –
»Mut gnug und Schwerter   Sie zu erschlagen!

»Doch sind's zu viele!« – Hast du nicht Mauern?
Hast du nicht Schanzen,   Dich klug zu decken? –
»Ja, Türm' und Wände,   Der Feinde Schrecken,
Die zehn Geschlechter   Wohl überdauern!« –

Und blühn nicht Früchte   Dir gnug dahinter?
Kornähren, Feigen,   Und Öl die Menge? –
»Mir naht kein Hunger,   Der mich bedränge:
Mich nährt der Sommer,   Nie folgt ein Winter.

»Nur eins vergaß mir   Natur zu spenden:
Kein Quell mir sprudelt   Aus ihren Brüsten;
Sonst kauft' ich Wasser   An fernen Küsten,
Jetzt wehrt der Feind mir   An allen Enden!

Umsonst des Blutes   Hab ich vergossen,
Ins Herz des Feindes   Das Blei gesendet,
Die Kraft versieget,   Das Leben endet,
Er schickt den Durst mir,   Den Bundsgenossen!«

Da will das Auge   Sich traurig senken. –
Doch sieh! Die Menge,   Die gläub'ge, wallet
Zum Haus der Engel,   Und Flehen schallet:
»O Gott im Himmel,   Du kannst uns tränken!

»Machst deinen Engel   Zu Wind und Wolke,
Machst deine Diener   Zu Feuerflammen:
Da krachen Schiffe   Zermalmt zusammen,
Da stürzt der Dränger   Vor deinem Volke!

»Heut nach der Erde   Geheimster Ader
Laß deine Geister,   Die treuen, spüren;
Wenn erst die Quellen   Sich um uns rühren,
So zwingt uns nimmer   Des Feinds Geschwader!

»Erhör' uns, Retter!«   So tönt's von allen.
Hat er vernommen   Die fleh'nde Stimme?
Warum nicht wehrt er   Des Feindes Grimme?
Die Schlünde donnern,   Die Kugeln fallen.

Und eine flieget   Mit Sturms Gefieder,
Reißt durch des Tempels   Gewölbte Decken,
Des Volkes Flehen   Verstummt in Schrecken,
In seine Mitte   Fährt sie hernieder.

Schlägt in den Boden,   Wühlt in dem Grunde,
Sie gräbt so gierig   In seinen Ritzen;
Da hört ihr's sprudeln,   Da seht ihr's spritzen: –
Da quillt ein Brunnen   Tief aus dem Schlunde.

Erzengel Gottes,   Sei hoch willkommen!
Du fährst als Donner   Aus glüh'nden Blechen;
Springst aus den Tiefen   In Wasserbächen,
Wenn's gilt zu retten   Das Volk der Frommen!

Da schöpfet jeder   Vom heil'gen Quelle,
Durch alle Glieder   Dringt Engelsstärke,
Sie schreiten fürder   Zum großen Werke,
Fort aus dem Tempel,   Hin auf die Wälle.

Dreitausend Kugeln   Schickt aus den Schlünden
Zur heil'gen Insel   Der Feind vergebens,
Sie all' erlöschen   Im Strom des Lebens:
So muß die Freiheit   Sich ewig gründen.



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