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Am Morgen des Himmelfahrtstages.

1829

Laß dich nicht den Frühling täuschen,
Herz, der dich mit Lust umringt,
Wo mit wonnigen Geräuschen
Wald und Flur von Leben klingt;
Wo sich auf den Ästen wiegen
Kehlen, voll von ewgem Klang,
Wo, als gäb es kein Versiegen,
Flüsse brausen ihren Gang.

Von den Bäumen, aus den Bächen,
Aus dem hellen Morgenrot
Scheint ein tröstlich Wort zu sprechen –
Lauschest du, so ist's der Tod.
Diese Welt, sie muß vergehen;
Früher noch der Lüfte Raub
Wirst als Asche du verwehen,
Herz, wie flüchtger Blumenstaub.

Willst du bis zum Wesen dringen,
Wende vom Erschaffnen dich,
Willst du dich ins Leben schwingen –
Einer zeigt als Führer sich:
Der an solchem Frühlingsmorgen
Hinter sich ließ die Natur,
Und, dem irdschen Blick verborgen,
In der Himmel Himmel fuhr.

Was die Jünger dort empfanden,
Als ihr Auge flog empor,
Fühl es, Herz, und aus den Banden
Flüchte durch des Glaubens Thor.
Mit den Ewigkeits-Gedanken
Bist du doch von Erde nur,
Führt nicht Er dich aus den Schranken
Über alle Kreatur.

Was auf Erden ihn umgeben,
War ihm Bild und Ahnung bloß,
Und er atmete sein Leben
Stets nur in des Vaters Schoß.
Sieh auch du im Glanz der Erde
Nur vom Himmel einen Traum;
Gleichnis dir des Höchsten werde
Herde, Haus und Blum' und Baum.

Wenn aufs Leben du verzichtet,
Dann beginnt dein Lebenslauf;
Wenn du dich als Staub vernichtet,
Stehst du erst als Wesen auf.
Deines innern Lebens Schwingen
Wachsen aus dem Erdentod;
Eh er konnt ins Leben dringen,
Hat auch Ihm das Grab gedroht.

Blick hinauf zum Himmelsbogen,
Siehest du den Wiederschein
Von der Bahn, die er geflogen?
Lädt dich nicht ein Schimmer ein?
Will das Himmelslicht ermatten?
Ringen Zweifel um den Sieg?
Es ist nur der Wolke Schatten,
Hinter der er aufwärts stieg.


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