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Der Sohn des Regenten. 1747.

Ludwig von Orleans war während der Minderjährigkeit Ludwigs XV. von Frankreich 1715-23 Regent. Sein gleichnamiger Sohn ist der Held dieses Gedichts († 1752), und dessen Enkel der berüchtigte Ludwig Philipp Joseph, der Bürger Egalité, der 1793 auf der Guillotine endigte.

1834

Vor der letzten engen Zelle
In Sankt Genofevens Haus
Murmelt schwach die ferne Welle
Von der Weltstadt Lustgebraus.

Kein Gemach ist so voll Bängnis
In den Gäßchen von Paris,
So voll Schatten kein Gefängnis,
Keines Mörders Turmverlies.

Hier wohnt einer, müd' von Plage,
Harmvoll, in geringer Tracht.
Auf dem Knie liegt er am Tage,
Hart auf Stroh ruht er zu Nacht.

Und kein Holz am kalten Morgen
Knistert lindernd im Kamin,
Selbst die Bettler sind geborgen,
Keinen schüttelt Frost wie ihn.

Bei dem kargen Mittagsmahle
Speist das schwarze Brot ihn kaum,
Und zum Wasser in der Schale
Mischt sich nie des Weines Schaum.

Sechsmal nach der Winterreife
Hat sein Fenster ihm getaut,
An dem schmalen Himmelsstreife
Sechsmal ihm der Lenz geblaut.

Da erscheint in seiner Pforte
Goldbetreßter Diener Hauf',
Und mit ehrfurchtsvollem Worte
Stört er den Versenkten auf:

»Gnäd'ger Herzog! drin im Schlosse
Harrt der Sohn in Liebe dein:
Wollest seinem ersten Sprosse,
Deinem Enkel, Pate sein!«

Und er hebt, gedenk der Würde,
Von den Knieen sich empor,
Schreitet mit der Purpurbürde
Ludwig Orleans' durchs Thor.

In dem schimmernden Palaste
Seiner Väter weilt er stumm,
Sieht sich in dem eiteln Glaste
Wie ein Grabentstiegner um;

Wiegt den Enkel in den Armen,
Bis das Taufbad ihn geweiht,
Läßt mit Blicken voll Erbarmen
Ihn im Schoß der blinden Zeit.

Wie er in der Halle wieder
Einsam seinem Heiland lebt,
Wirft er sich aufs Antlitz nieder,
Daß sein Innerstes erbebt:

»Einer liegt vor dir von allen
Kindern üppigen Geschlechts,
Herr, o Herr! laß dir gefallen
Tiefste Buße deines Knechts!

»Was mein Vater wild gesündigt,
Hat ihm nachgethan das Land.
Neuer Greuel ist verkündigt;
Drum ersticke du den Brand!

»Wieder Einer ist geboren!
Sei, o Herr, es nicht zum Fluch!
Ist zum Retter der erkoren,
Lieg' ich gern im Leichentuch!«

Auf der Streu' sinkt er zusammen,
Keiner eignen Schuld bewußt;
Fremde Missethaten flammen
Brennend in der keuschen Brust.

Des Gewissens Glut zu dämpfen
Speist er Arme nah und fern:
»Helft mir beten, helft mir kämpfen,
Kommt, ihr Höflinge des Herrn!«

Und so gehet, rein von Fehle,
Nach gedehnter Erdenpein
Endlich die gequälte Seele
Hoffend in den Himmel ein.

Doch am Thor der Herrlichkeiten
Mahnt den Geist der Welt Geschick,
In die Niederung der Zeiten
Wirft er einen scheuen Blick.

Und was schaut er? überbordet
Ist vom Blute Land und Thron.
Königmordend und gemordet
Stürzt zum Pfuhl sein Sohnessohn.

Weh! der Wahnsinn strecket Larven
In die Seligkeit herein –
Da erklingen Wunderharfen,
Da sprüht auf der Himmel Schein.

Und der Erde ganz Gedächtnis,
Blut, Geschlecht, Geschichte sinkt.
Nur der Ewigkeit Vermächtnis
Einem neuen Engel winkt.


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