Arno Holz
Dafnis
Arno Holz

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Er verlustihrt sich zur
Sions-Zitter.

Qwodlibet.

                       

Wars Melindgen?
Klarimindgen?
Olorindgen? Solime?
Marzimillgen?
Philurillgen?
Lisilillgen? Dorile?

Nichts mehr weiß ich /
doch wie fleißig
trukkten wir uns Mund auff Mund;
worzu sachte
sie dan lachte /
waß ihr gahr zu reitzend stund!

Wie wir sangen /
wie wir sprangen /
während es / bald hoch / bald tieff /
auß der Wäldren grüner Runde /
fern im neu-beblühmten Grunde /
Gukguk / Gukguk / Gukguk rieff!

Grazien küßten ihr und Musen
den noch kaum entknospten Busen /
welcher manchmal / eußerst flinck /
poppernd auff und nihder ging!

Ihr goldgekräußtes Hahr /
durchzihrt von Schildkrot-Spangen /
ihr nettes Ohren-Paar /
mit Ringelgen behangen /
ihr seidner Bäkkgen-Sammt /
von Rohsen überflammt /
ihr Kinn auß Spihgel-Seide
war meine Augen-Weide!

Schon begunte es zu dämmern /
Wald und Wihse waren Ohr /
da blihß Damon seynen Lämmern
dihses kleyne Liedgen vor;
»Dorilille nur allein /
Dorilille soll es seyn!«

Sanfft gelehnt an eine Hekke /
horchten wir Hertz-heymlich zu /
und noch auff dem sälben Flekke
lispelte sie zährtlich: »Du!«

Unter einer hohen Fichte /
daß ich auch noch das berichte /
war es / daß das sühße Ding /
fast wie schlochtzend / mich ümbfing!

Ihre Augen wurden klein /
Mükken spihlten quwerfeld-eyn /
Wölkgen-gleich hub sich ihr Dantz
in den rohten Abend-Glantz!

Durch Wacholterb / Klee und Stendel /
Krauseminze und Lawendel /
Dörffgen-wärts / das gantze Stükk /
drollten wir uns dan zurükk!

Ich war so wohl bey ihr gelitten /
ihre Händgen war so weich wie warm /
Venus ging in ihren Schritten /
Helenens schien ihr Schwanen-Arm!

Offt / wen selbst sich ahrtlich bükkte
und mir embsig Blühmgens pflükkte /
wihß sie mir von allen Seiten
hundert dausend Drefflichkeiten!

Ledens Liljen-schlancke Lenden
kunten sich nicht halb so wenden /
alles war / wies sich gebührt /
und . . . verstäht sich . . . ohngeschnührt!

Noch vor ihrer Dhüre
wäckselten wir Schwüre /
und wir blikkten / lang und gerne /
in Frau Lunens Nacht-Laterne!

Mit nur angenähmem Streicheln
wußt ich mich ihr eynzuschmeicheln /
büß ich endlich glücklich fand
das mit Rächt belohbte Land!

Sie hauchte mir ins Ohr:
»Verwegner Selimor!
Laß! Laß! Oh laß! Halt ein!
Es darff / es darff nicht seyn!«
Sie barmte / bat und schrie:
»Mein Gott! Ach / je! Oh / ji!«
Schießlich hindter ihrem Hauß /
zahlt ich ihr den Decem auß!

Cupido / wie sich dihß begäben /
lag derweyl im Graß darnäben /
und er zog sich faul
Hälmgens dorch seyn Maul!

»Sühstu / Schnokkgen? So und so
macht man seine Lihbste fro:
itzt hält dein kleynes Nest
nicht mehr sein Zeisgen fest!«

Ambriert war jädes Wort!
O höchst erwüntschter Port!
O vollenkommne Lust!
Eins an des andren Brust!

Ihr noch holdverschrokknes Sträuben /
alst wir lengst schon fast ein Paar /
nein / ich kan es kaum mir gläuben /
daß es nicht erst gestern war! – –

Verdamptes Evans-Schwein /
waß fihl dir dermalst eyn?
Dächtst du noch itzt dardran /
du spyst dich sälbsten an!

Ein Scheul / ein Greul / ein Abschaums-Mäntsch
und hindterdreyn dan . . . wetterwändsch!
So war dein Lebens-Lauff /
mit Fühßen drätte drauff!

Sonder die geringste Scheu
warffstu Susgen in die Spreu /
doch kam Grittgen dan gegangen /
dorffte sie daß auch verlangen!

Die dikke Drusille /
die kleine Katrille /
die schlancke Rosanne /
die blancke Moranne /
die schwartze Nigrette /
die flincke Finette /
die keusche Koralle /
du lihbtest sie alle!

Wart / er wird dir schon verkünden
deine außgeübte Sünden /
der auff seynem Thron von Mist
seynen eignen Unflad frißt! . . .

Jo doch! Ich weiß es lengst!
Ich war ein Huren-Hengst!
Voll Wollust / Hoffarth / Frässerey!
Ein rächtes Basilisken-Ey!
Gurgeldurch biß in den Bauch
goß ich mir so manchten Schlauch!
Der Cherubim ihr planckes Schwerdt
hihlt ich noch nicht drey Heller wehrt!
Weh / wie sie mir bitter schmekkten
meine sämbtlichen Affekten!
Däm Guhten stund ich nihmalst Stich!
Es würgelt mich! Es würgelt mich!

Ich war ein grohber Pauer /
der sich nur ungern schmihgt;
und ward es mir auch sauer /
itzt hab ich obgesihgt!

Amor sträkkt mich nicht mehr lang
kranck auff seyne Folter-Banck;
ekklich schallt mir das Geschrey
sälbst der drey gedritten Drey!
Die einst vohr beperlte Pforte
glüzzt mir itzt an andrem Orte /
nichts mehr acht ich for Genüsse
die einst verbuhlte Wechsel-Küsse!

Fro von Babels frechen Türmen
siht man mich gen Sion stürmen /
Salems Zinnen / ohngesehn /
überbländen mir Athen!

Der fürdem ein Saulus /
stund empohr alst Paulus!
Heva / nakktes Hellen-Thier /
der alte Adam sturb in mir!

Der verfluchten / greulen Schlange
kam ich lengst auff ihren Schlich!
Sälbst Diogenes war lange
so vergnügt nicht / alst wie ich!

Huhrt / bubt / saufft / fräßt euch voll!
Es drägts ins Brotokoll /
der einst Sattan von sich jug
und der Sterne Silber schlug!

Ich bün das Werck-Stükk seyner Hände /
er formte mich auß Töpffer-Thon /
wan ich dereinstmahlß bey ihm lände /
ich weiß / er schänckt mir meinen Lohn!

Abrams Schoß ist mir ein Ekkel /
seinen zih ich durchauß für;
ja / ich nähme sälbst / Botz Jekkel /
schon fürlieb vor seiner Dhür!

Man schinde mir die Haut vom Fleische /
nur Er allein ists / den ich heische;
Er stößt mich nicht von seiner Schwelle /
Er ist mein lihber Spihl-Geselle!

Seine Tempel /
zum Exempel /
sind auß Jaspis und Topas /
ädler gläntzen nicht Karfunkel /
Diamanten sind zu dunkel /
Crysolith und Chrysopras!

Meine Sünden / Centner-schwehr /
wihgen ihm noch nicht kein Quintgen!
All mein vohr einst frecher Schmeer
schmoltz mir / sonder Wihder-Kehr /
durch sein sühßes Jesus-Kindgen!

Lamm / das for mir gestorben /
waß wär ich ohne Dir?
Lengst fäulte ich verdorben /
weyl du mich gantzt erworben /
mit Paucken und Diorben
zih ich für dein Quwartir!

In weisser Seide stehn /
auff Himmels-Rohsen gehn /
wo keines Bären Tazzen
ein säugend Lamm zerkrazzen!

Ein Zikklein sonder Scheu
beschnoppt den grimmen Leu /
die Hindin sich zum Spür-Hund schmihgt /
ein Kälbgen sanfft beim Pardel lihgt!

Der droben hoch im Blauen
lenckt mich und mein Vertrauen /
auf Ihm so kan ich bauen /
nach auß-gemachtem Grauen
wekkt mich sein Morgen-Wind;
dan werd ich jublend schauen
die grün saffihrten Auen /
wo meine lihben Frauen
sampt ihren Kindren sind!

Bald wihgt mich seine Ruhe /
dan werff ich von mir weit
die außgedrettnen Schuhe
der moderigten Lebens-Zeit!

Dan seh ich fro / nach langem Leid /
nichts kan mich mehr beschmizzen /
die heilige Dreyfaltigkeit
auf Einem Stuhle sizzen!

Versühnt durch seinen Sohn /
hebt Er mich auff den Thron /
ümb den die Serafs-Immen
die Instrumenten stimmen!

Zur Rechten wie zur Lincken
mit Zimbeln und Schallmeyn /
mit Orgeln und mit Zincken
lasst uns Ihm psalmodeyn!

Wo die Cherubs wollustihren /
kan mir nichts mehr arrivieren!
Sühß tönt ihre Melodey
mitten in mein Angst-Geschrey!

Dan wie narrisch werd ich lachen
meiner Nächte kummrig Wachen!
Dihse Lippen werden singen /
dihse Hände Palmen schwingen!

Lunge / Leber / Arm und Bein /
Nichts nicht wird verlohren seyn!
Drümb / ob auch alles von mir schied /
ich will kein nasses Trauer-Lihd!

O Welt / du Sodoma /
dein lach ich / hahaha!
Waß soll ihr Belfer und Gebell
vor Dir / Du mein Immanuel!

Durch mein Straucheln / durch mein Fallen
höhr mich ümmer wihder lallen:
Geuß mir Öl in meine Wunden /
ohne Dich ist kein Gesunden!

Du erhebst mein Haupt /
weil ich Dich geglaubt!
Nichts nicht bün ich ohne Dich –
da / hihr hastu mich!


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