Arno Holz
Dafnis
Arno Holz

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Er schüttelt sein Hertz
auß.

Qwodlibet.

                         

Das Feld steht Kräutter-leer /
Frau Flora lacht nicht mehr /
der Wald hat allbereit
sein bundtes Stärbe-Kleid /
ein schönes Schau-Gerüst /
das bald Verwehsung küsst.
Wo blihb die Amstel hin /
das Singe-Vögelgin?
Der Fröschgen ihr Coax
beschehmbt nicht mehr Hannß Sachs.
Drümb sey es endlich hihr geklagt /
waß mir das Hertz benagt!

Unsre Gaben / süsses Kind /
flüchtig wie Narzissen sind /
und es fährt mit uns die Zeit
strakks in die Vergässenheit.
Einst so welckt mir dihse Haut
trukkner alß ein Sommer-Kraut /
einst so zwikkt mir dihß Gebein
Bodagra und Zipperlein.
Hengen laß ich dan mein Maul
wie ein alter Karren-Gaul /
stakkrich sezz ich Fuhß vor Fuhß
wie ein steiffer Tapp-ins-Muhß.
Nachts / wenn mich die Flöhe jükken /
krault mir keine mehr den Rükken /
dann for sowaß / lihbes Kind /
bün ich dan zu keusch gesinnt.
Amors Zokker-süsser Poltzen
ist mir dan durchauß zerschmoltzen /
und ich seufftz die gantze Zeit
in betrühbter Einsamkeit!

Alles blüht und muß vergehn /
dir wird Gleiches mahl geschehn!
Die weissen Kugeln / so sich itzt
do süß und anmuhtsvoll bewegen /
wird einst ein ungeheurer Plitz
in nichts wie Staub und Asche legen.
Dan wird dich niemand mehr betasten /
dan lihgt dein Leib im schwartzen Kasten /
dan triefft / dan stinckt nach Talg
dein runtzlig fauler Balg.
Dein Mund so süß benelckt
klafft jämmerlich verwelckt /
von Rohsen nicht die Spur /
zwo trukkne Schruntzeln nur /
zermürbelt und zerbrochen /
von Kröten überkrochen!

Laß die mit den weissen Bäffgen /
sie seynd Aeffgen!
Laß sie pappeln / laß sie plarren /
sie seynd Narren!
Ob Jüde / Heyde / oder Christ /
er wird zu Mist!
Morgen lengst ist alles auß /
Mäntsch / du bist nur eine Lauß /
morgen / oder gar schon heut /
dröhnt vom Thurm dein Grab-Geläut!
Eins nur ist uns dan gewiß:
schwartz-polihrte Fünsterniß!

Laß uns alles drümb vergessen /
Rohsen pflantzen ümb Zypressen /
die dein Auge / wenn es strahlt /
gleichsahm wie mit Goldt bemahlt!
Deinen weichen Alabaster
trukk ihn auff mich rächt alß Pflaster /
Mund an Mund und Brust an Brust /
in verschwihgner Götter-Lust /
biß mein Pärlen-Safft dich / Kind /
gantz durchrinnt!

Ob sie Jungffern oder Huren /
alle in die Grube fuhren /
nichts mehr war ihr Schön-Seyn nüzze
in der schwartzen Lethe-Pfüzze!
Selbst Helena mit göldnen Hahren
ist Stanck und Gifft seit dausend Jahren!
Drümb so künt es fast geschehn /
daß die Augen mir voll Wasser stehn!

Waß ist die Welt und ihr berühmbtes Gläntzen?
Ein Blizz bey Nacht.
Eh welcke Rohsen eure Scheitel kräntzen /
singt / drinckt und lacht!
Heut sind wir noch jung und roht /
morgen hat uns schon de Dodt /
morgen sind wir Asche!


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