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Fünfzehntes Kapitel

Daran also – an dieses lange Elend des Körpers und der Seele – dachte er, als er im Schlafzimmer vor dem Kamin im Lehnstuhl saß und in die Glut starrte, während Sylvia ermattet neben ihm schlief und die dunklen Platanenblätter im Herbstwind gegen das Fenster schlugen.

Er starrte unruhig ins Feuer, von der unheimlichen Gewißheit erfüllt, daß diese Nacht nicht zu Ende gehen würde, ohne daß er zu einem endgültigen Entschluß gelangt war. Denn sogar Konflikte erschöpfen sich; sogar der Foltermacht der Ungewißheit ist das Ziel gesteckt, daß irgendein Ausgang besser ist als die Hölle der Ungewißheit selbst. Ein- oder zweimal während der letzten Tage war ihm sogar der Tod ganz wünschenswert erschienen; doch jetzt, da der Bann von ihm gewichen und er wieder klar denken konnte, verblich der Tod wie ein Schatten, der er auch war. Ein so leichter, überspannter, zu nichts führender Ausweg war für ihn undenkbar. Jeder andere Ausweg war Wirklichkeit, nur der Tod nicht. Sylvia verlassen und mit diesem jungen Mädchen entfliehen – darin lag zwar Wirklichkeit, aber in dem Augenblick, da sie Gestalt gewann, zerrann sie auch schon wieder; und auch jetzt hielt sie nicht stand. Einem zärtlichen Weibe, das er liebte, eine so entsetzliche Beleidigung öffentlich zufügen, sie sozusagen vor den Augen aller Welt umbringen – und dann, von ewigen Gewissensbissen gepeinigt, alt werden, während das Mädchen noch jung war? Das konnte er nicht über sich bringen. Ja, wenn Sylvia ihn nicht geliebt hätte oder wenn er sie nicht geliebt hätte oder auch wenn sie, obwohl sie ihn liebte, auf ihrem Recht bestanden hätte – in jedem dieser Fälle hätte er's vielleicht getan. Aber die zu verlassen, die er innig liebte und die ihm so edelmütig erklärt hatte: »Ich will dir nicht im Wege stehen – geh zu ihr«, wäre eine schändliche Grausamkeit. All die Erinnerungen von ihrer Schwärmerei als Kinder bis zu den beiden letzten Nächten, als sie sich so verzweifelt an ihn geklammert, diese Erinnerungen mit ihren unzähligen Fühlern, der Unzerreißbarkeit ihrer zahllosen Fäden fesselten ihn zu sehr an sie. Was nun? Mußte er schließlich doch das Mädchen aufgeben? Und wie er so am warmen Feuer saß, fröstelte ihn. Welcher Verlust, welche Vergeudung, welche Vermessenheit, Liebe wegzuwerfen! Sich von der herrlichsten aller Gaben abzuwenden! Dieses Kleinod fallen und zerschellen lassen! Es gab nicht allzuviel Liebe in der Welt, nicht allzuviel Wärme und Schönheit – auf keinen Fall für jene, deren Zeit zu Ende ging, deren Herz bald stillstehen würde.

Konnte Sylvia ihm nicht ihre und des Mädchens Liebe lassen? Konnte sie das nicht ertragen? Sie hatte gesagt, daß sie 's könnte; ihr Gesicht, ihre Augen, ihre Stimme straften sie jedoch Lügen, so daß jedesmal, wenn er sie hörte, sich ihm das Herz vor Mitleid zusammenkrampfte. Auf das also lief alles hinaus. Konnte er solches Opfer von ihr annehmen, täglich neues Leid auf sie herabbeschwören, sie darunter hinsinken und welken sehen? Konnte er sein eigen Glück um einen solchen Preis ertragen? Würde es überhaupt sein Glück bedeuten? Er erhob sich vom Stuhl und schlich auf sie zu. Sie sah sehr hinfällig aus, wie sie da schlief. Die dunklen Ringe unter den geschlossenen Augen hoben sich nur zu deutlich von der so hellen Haut ab, und in ihrem flachsfarbenen Haar bemerkte er zum erstenmal ein paar weiße Fäden. Die etwas geöffneten, fast farblosen Lippen bebten bei ihren unregelmäßigen Atemzügen, und dann und wann flog ein leichtes fieberiges Zucken durch ihren Körper, das vom Herzen zu kommen schien. Alles an ihr war so zart und gebrechlich! Nicht viel Leben, nicht viel Kraft; Jugend und Schönheit entschwanden! Sich vorzustellen, daß er, der ihr Beschützer vor Alter und Zeit sein sollte, tagtäglich eine Linie mehr in ihr Gesicht grub, eine Sorge mehr in ihr Herz senkte! Gerade er sollte das tun, wo sie doch gemeinsam die Jahre bergab gingen!

Wie er so mit angehaltenem Atem dastand und sich niederbeugte, um sie zu betrachten, schien das schleifende Geräusch des Platanenzweiges, den der Herbstwind immer und immer wieder gegen das Fenster schlug, die ganze Welt zu erfüllen. Dann bewegten sich ihre Lippen leise, sie flüsterten kurze, abgerissene Worte, wie Unglückliche es im Traume tun, unbewußte, verworren sich überstürzende Laute.

Und er dachte: Ich, der ich an Tapferkeit und Güte glaube; ich, der ich alle Grausamkeit hasse – wenn ich diese Grausamkeit begehe, wozu soll ich dann noch leben? Wie soll ich arbeiten? Wie mich noch aufrechterhalten? Wenn ich das tue, so bin ich verloren – meinem eigenen Bekenntnis abtrünnig – treulos allem, was ich bisher hochgehalten.

Und wie er dicht neben ihr auf den Knien lag und ihr Antlitz so traurig und vereinsamt aussah und ihr Herz nicht einmal im Schlafe Linderung fand, ward es ihm klar, daß er's nicht tun konnte, erkannte er es mit plötzlicher Gewißheit, wobei ein seltsamer Friede über ihn kam. Vorbei! – Der lange Kampf endlich vorbei! Jugend zu Jugend, Sommer zu Sommer, welkes Laub zu welkem Laub! Und hinter ihm flackerte das Feuer, und die Platanenzweige schlugen unaufhörlich ans Fenster.

Er stand auf, schlich verstohlen in den Salon hinunter und durch die Glastür am andern Ende in den Hof hinaus, wo er an jenem Tag bei der Hortensie gesessen und der Drehorgel gelauscht hatte. Da draußen war's ganz finster und kalt und unheimlich, und er eilte zum Atelier hinüber. Auch dort war es frostig und finster und unheimlich unter den geisterhaften Gipsgestalten; kalter Zigarettenrauch lag in der Luft, und nur noch eine Kohle des Feuers glühte, das vor sieben Stunden gebrannt hatte, als er Nell nachgelaufen war.

Er ging zuerst zum Schreibtisch, drehte die Lampe an und notierte dann auf ein paar Blättern verschiedene Anweisungen für seine Arbeiten: die Statuette von Nell war Mr. Dromore mit seinen Empfehlungen zu überbringen. Seinem Bankier schrieb er, ihm Geld nach Rom zu senden, und seinem Anwalt, das Haus zu vermieten. Er schrieb rasch. Wenn Sylvia erwachte und er noch immer nicht bei ihr war, auf welche Gedanken konnte sie noch kommen? Er nahm ein letztes Blatt. Lag etwas daran, was er schrieb, welche Lüge er gebrauchte, wenn sie nur Nell über den ersten Schreck hinweghalf?

 

›Liebe Nell!

Ich schreibe Dir in aller Eile frühmorgens – wir sind zu meiner einzigen Schwester in Italien gerufen worden, die schwer erkrankt ist. Wir reisen mit dem ersten Dampfer und bleiben vielleicht längere Zeit fort. Ich schreibe Dir noch. Gräme Dich nicht, Gott sei mit Dir!

M. L.‹

Es schwamm ihm vor den Augen, als er schrieb. Das arme, liebevolle, verzweifelte Kind! Aber sie besaß Kraft und Jugend und würde bald – Oliver haben! Dann nahm er noch ein Blatt.

›Lieber Oliver!

Meine Frau und ich müssen sofort nach Italien. Ich habe Euch beide neulich auf dem Ball beobachtet. Gehen Sie recht sanft mit Nell um und – Glück auf! Aber erzählen Sie ihr nicht wieder, daß ich Ihnen geraten habe, sich zu gedulden. Auf diese Weise werden Sie kaum ihre Liebe erringen.

M. Lennan.‹

Das war also das Ende – jawohl, das Ende! Er drehte die kleine Lampe aus und tastete sich nach dem Kamin. Nur noch eines hatte er zu tun: Abschied zu nehmen. Von ihr, der Jugend und der Leidenschaft – dem einzigen Balsam für das bange Sehnen, das der Frühling und die Schönheit bringen, das Sehnen nach dem Wilden, dem Leidenschaftlichen, dem Neuen, das im Herzen eines Mannes nie ganz erstirbt. Doch früher oder später mußte ja ein jeder Mann von ihnen Abschied nehmen! Ein jeder Mann – ein jeder Mann!

Er kauerte sich vor den Kamin hin. Die jetzt rasch verglimmende Kohle gab keine Wärme mehr, sondern glühte nur noch gleich einer dunkelroten Blume. Solange sie glomm, kauerte er davor, als ob es das wäre, dem er Lebewohl sagte. Und an der Tür vernahm er des Mädchens geisterhaftes Pochen. Sie stand neben ihm – ein Geist unter den geisterhaften Gestalten. Allmählich schwärzte sich die Glut, bis der letzte Funke verglimmt war.

Dann fand er leise, wie er gekommen war, im Schimmer der Nacht den Weg zum Schlafzimmer zurück.

Sylvia schlief noch immer, und da er ihr Erwachen abwarten wollte, setzte er sich wieder ans Feuer hin, und nur das leise Pochen der herbstlichen Blätter und ihr plötzliches Aufseufzen unterbrachen das Schweigen. Ihr Atem ging jetzt ruhiger als vorhin, wie er sich über sie gebeugt hatte, als wüßte sie im Schlafe alles. Er durfte den Augenblick ihres Erwachens nicht versäumen, er mußte neben ihr sein, ehe sie wieder ganz zum Bewußtsein kam, um zu sagen: Komm, komm! Es ist alles wieder gut. Wir gehn heute noch fort heute noch! Sie so trösten zu können, noch ehe sie Zeit fand, sich aufs neue in ihren Kummer zu versenken, war wie eine Insel im schwarzen Meer der Nacht, wie ein einziges Felsriff, wohin sein verwaister, schutzloser Geist sich flüchten konnte. Wieder eine Aufgabe haben, etwas Festes, Wirkliches, Sicheres! Und so saß er noch eine ganze lange Stunde, ehe sie erwachte, in seinem Stuhle vorgebeugt, mit jener sinnenden Erwartung und die Augen auf ihr Gesicht geheftet, die aber dahinter eine Vision zu schauen schienen, ein matt schimmerndes Licht weit, weit draußen – so wie ein Wandrer nach einem Sterne blickt …

 


Nachwort aus Urheberrechtsgründen gelöscht. Re für Gutenberg.


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