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Zwölftes Kapitel

Am Nachmittag des folgenden Tages saß er im Rauchzimmer, ein Gebetbuch in der Hand und eine Falte auf der Stirn, und las den Abschnitt über den Traugottesdienst. Bei der Herstellung des Buches war man darauf bedacht gewesen, daß sein Format die Figur nicht verdarb, wenn man es in der Tasche trug. Aber das machte gar nichts, denn selbst wenn er die Worte hätte lesen können, hätte er nicht gewußt, was sie bedeuteten, da er darüber nachdachte, wie er ein gewisses Anliegen einer gewissen Person verständlich machen könnte, die gerade hinter ihm an einem großen Rollschreibtisch saß und künstliche Fliegen besichtigte.

Endlich entschloß er sich für folgende Form:

»Gordy!« (Warum Gordy, wußte eigentlich niemand mehr genau – vielleicht weil er George hieß.) »Wenn Cis fort ist, wird es hier ganz abscheulich sein, nicht wahr?«

»Ganz und gar nicht.«

Mr. Heatherley war ein Mann von ungefähr vierundsechzig, wenn Vormünder überhaupt ein Alter haben, und sah eher wie ein Arzt aus als wie ein Gutsherr; sein Gesicht mit den geschwungenen Lippen war breit und aufgedunsen, seine Augen stets halb geschlossen; die barsche Stimme sprach mit jener vornehmen Grobheit, wie sie Leuten aus alter Familie eigen ist.

»Aber ich weiß es bestimmt!«

»Na, und wenn schon?«

»Ich hab nur gedacht, du möchtest vielleicht Mr. und Mrs. Stormer auf kurze Zeit einladen – sie waren furchtbar nett zu mir, während ich mit ihnen war.«

»Fremde Leute! Mein lieber Junge!«

»Mr. Stormer fischt gern.«

»So? Und was tut sie gern?«

Froh, daß er ihm den Rücken zuwandte, entgegnete der Junge:

»Ich weiß nicht – alles mögliche – sie ist furchtbar nett.«

»Hm!! Hübsch?«

Er erwiderte mit schwacher Stimme:

»Ich weiß nicht, was du hübsch nennst, Gordy.«

Er fühlte mehr, als er sah, daß sein Vormund ihn aus den halbgeschlossenen Augen unter den geschwollenen Lidern forschend musterte.

»Schön! Tu, was du willst. Laß sie herkommen und damit Punktum!«

Hüpfte ihm das Herz vor Freude? Doch nicht; aber es schlug warm und glücklich, und er sagte:

»Ich bin dir schrecklich dankbar, Gordy! Es ist so furchtbar nett von dir.« Dann wandte er sich wieder dem Traugottesdienst zu. Einen Teil davon konnte er verstehen. Manche Stellen erschienen ihm schön, andere wieder sonderbar. Das mit dem Gehorchen zum Beispiel. Hatte man jemand lieb, so war es doch gemein, Gehorsam zu verlangen. Liebte man und wurde man wiedergeliebt, wie konnte es da überhaupt eine Gehorsamsfrage geben, da doch alles nur mit gegenseitiger Übereinstimmung geschah? Und wenn man nicht geliebt wurde oder selbst nicht liebte, dann – o dann wäre es einfach unerträglich, mit einem Menschen weiterzuleben, den man nicht liebte und von dem man nicht geliebt wurde. Aber sie hatte natürlich seinen Professor nicht lieb. Hatte sie ihn je geliebt? Jene hellen kritischen Augen und das absichtliche spöttische Lächeln um seinen Mund – er sah alles deutlich vor sich. So etwas konnte man nicht lieben; und dennoch – er war wirklich ein ganz netter Kerl. Etwas wie Mitleid, fast wie Zuneigung für seinen Professor stieg in ihm auf. Ein merkwürdiges Gefühl! Denn als sie das letztemal auf der Hotelterrasse miteinander gesprochen, hatte er nichts Derartiges empfunden.

Der Lärm des Rollpultes, das herabgelassen wurde, scheuchte ihn aus seinen Gedanken auf; Mr. Heatherley schloß den Rest seiner künstlichen Fliegen ein. Das hieß, daß er nun fischen gehen würde. Im Augenblick, als Mark die Tür ins Schloß fallen hörte, sprang er auf, rollte das Pult wieder empor und fing an, seinen Brief zu schreiben. Es war ein schweres Stück Arbeit.

 

›Sehr geehrte Mrs. Stormer!

Mein Vormund bittet mich, Sie und Mr. Stormer einzuladen, uns, sobald Sie von Tirol zurückkommen, zu besuchen. Bitte, sagen Sie Mr. Stormer, daß nur die allerbesten Fischer – wie er – unsere Forellen fangen können; alle übrigen fangen unsere Bäume. Das bin ich, wie ich die Bäume fange.‹ (Hier folgte eine Skizze.) ›Meine Schwester wird morgen getraut, und wenn sie fort ist, wird es hier abscheulich sein, falls Sie nicht kommen. Also kommen Sie doch, bitte!

Mit den allerbesten Grüßen verbleibe ich

Ihr ergebener Diener
M. Lennan.‹

 

Nachdem er dies Erzeugnis frankiert und in den Briefkasten geworfen, hatte er das verrückte Gefühl, als wär's der erste Ferientag gewesen, als hätte er umhertollen und allerhand Possen treiben müssen. Was sollte er anfangen? Cis war natürlich zu beschäftigt, sie hatten ja alle soviel mit der Hochzeit zu tun. Er würde hinuntergehn, den Bolero satteln und im Park herumjagen; oder sollte er am Bach entlangschlendern und die Eichelhäher beobachten? Beides schien ihm allein zu langweilig. Und niedergeschlagen stand er am Fenster. Als er fünf Jahre alt war, hatte er einmal auf einem Spaziergang zu dem Kindermädchen gesagt: »Ich möcht Zuckerbrot essen, den ganzen Weg lang möcht ich Zuckerbrot essen!« Vielleicht ging es ihm jetzt noch genauso – den ganzen Weg lang wollte er Zuckerbrot essen. Dann erinnerte er sich seiner Modellierarbeiten und begab sich nach dem kleinen leeren Gewächshaus, wo er seine Meisterwerke aufbewahrte. Sie kamen ihm jetzt ganz entsetzlich vor, und zwei von ihnen, das Schaf und den Truthahn, weihte er dem endgültigen Untergang. Da kam ihm der Gedanke, zu versuchen, den entfliehenden Habicht mit dem kleinen Kaninchen zu modellieren; doch als er anfing, machte es ihm keine Freude; er warf das Zeug zu Boden und ging hinaus. Über den mit Unkraut bewachsenen Weg rannte er nach dem Tennisplatz – Lawn-Tennis kam damals gerade in Mode. Das Gras sah ganz verwildert aus. Aber schließlich – alles, was zu dem kleinen Herrenhaus gehörte, blieb mehr oder weniger sich selbst überlassen; warum, wußte niemand recht zu sagen, und niemand schien daran Anstoß zu nehmen. Er hielt inne und untersuchte die Beschaffenheit des Bodens. Ein summender Ton drang an sein Ohr. Er kletterte auf die Mauer. Da saß Sylvia im Feld und drehte eine Girlande von Geißblattzweigen. Er stand ganz still und lauschte. Sie sah hübsch aus – so in die Melodie verloren. Er rutschte von der Mauer herunter und sagte leise:

»Hallo!«

Sie blickte sich nach ihm um mit weitoffenen Augen.

»Du hast eine liebe Stimme, Sylvia!«

»Ach nein!«

»Doch! Komm, wir wollen auf einen Baum klettern!«

»Wo denn?«

»Im Park natürlich.«

Einige Zeit verstrich mit dem Aussuchen eines Baumes; viele waren zu leicht für ihn und wieder andere zu schwer für sie; aber endlich fanden sie einen, eine alte Eiche, die ein Lieblingsplatz der Krähen war. Er bestand darauf, daß sie angeseilt werden müsse, und ging daher nach dem Hause, um ein Stück Vorhangschnur zu holen. Um vier Uhr begann der ›Aufstieg‹: Er nannte ihn die Besteigung des Cimone della Pala. Er war der Führer dieser hochwichtigen Expedition und schlang jedesmal eine Schlinge der Vorhangschnur um einen Ast, ehe er ihr eine Bewegung erlaubte. Zwei- oder dreimal war er genötigt, die Schnur zu befestigen und zurückzuklettern, um ihr zu helfen, denn sie war keine ›Sachverständige‹; ihre Arme schienen zu schwach zu sein, und sie neigte mehr dazu, auf zwei Beinen zu stehen, anstatt sich auf eines zu verlassen. Doch schließlich hatte sie einen Platz gefunden auf dem drittobersten Ast, die Kleider voll von Moos. Dort saßen sie schweigend und lauschten auf die in ihrer Würde schwer verletzten Krähen, die sich aber allmählich wieder beruhigten. Abgesehen von diesem stets schwächer werdenden Protest, war es wunderbar friedlich und ruhsam hier oben, dem blauen Himmel so nahe, der nur leicht von den braungrünen, zackigen Blättern verschleiert wurde. Der eigenartige, trockene Moosduft eines Eibenbaumes erfüllte die Luft bei der leisesten Bewegung ihrer Hände und Füße gegen die Rinde. Sie konnten kaum den Boden sehen, und ringsherum versperrten andere knorrige Bäume jede Aussicht. Er sagte:

»Wenn wir hier oben bleiben, bis es dunkel wird, können wir Eulen sehn.«

»Ach nein! Eulen sind garstige Tiere!«

»Was! Sie sind wunderschön – besonders die weißen.«

»Ich kann ihre Augen nicht leiden, und sie quieken so, wenn sie jagen.«

»Oh, das find ich gerade so lustig, und ihre Augen sind wundervoll!«

»Sie fangen immer Mäuse und kleine Hühnchen – allerhand kleine Dinger.«

»Aber sie wollen sie ja gar nicht fangen; sie wollen nur was zu essen haben. Meinst du nicht auch, daß bei Nacht alles am schönsten ist?«

Sie legte ihren Arm in den seinen.

»Nein, ich mag die Dunkelheit nicht.«

»Warum nicht? Es ist herrlich, wenn alles so geheimnisvoll wird.« Er verweilte liebevoll bei diesem Wort.

»Ich kann geheimnisvolle Dinge nicht leiden. Sie erschrecken mich.«

»O Sylvia!«

»Nein, ich hab den frühen Morgen lieber, besonders im Frühjahr, wenn die Bäume ausschlagen.«

»Ja, freilich.«

Der Sicherheit wegen lehnte sie sich gegen ihn – nur ein ganz klein wenig; er streckte seinen Arm aus und ergriff energisch einen Ast, um eine sichere Rücklehne für sie herzustellen. Es herrschte Schweigen. Dann sagte er:

»Wenn du nur einen Baum haben könntest, welchen möchtest du?«

»Keine Eichen. Linden – nein – Birken. Welche möchtest du?«

Er überlegte. Es gab so viele prachtvolle Bäume. Birken und Linden natürlich; aber doch auch Buchen und Zypressen, Eiben, Zedern und Steineichen und Platanen; dann sagte er plötzlich:

»Föhren; ich meine die großen mit den rötlichen Stämmen und den Ästen ganz hoch oben.«

»Warum?«

Wieder überlegte er. Es war sehr wichtig, genau zu erklären, warum; denn seine Gefühle über alle andern Dinge hingen eng mit diesem einen Gefühl zusammen. Und während er nachsann, starrte sie ihn an, als wäre sie überrascht, jemand so ernsthaft nachdenken zu sehen. Endlich sagte er:

»Weil sie unabhängig sind und voller Würde und niemals ganz kalt, und ihre Zweige über etwas zu brüten scheinen; besonders aber, weil die, die ich im Sinn hab, meist nicht mit allen andern gewöhnlichen Bäumen zusammenwachsen. Immer nur einer oder zwei, weißt du, die sich groß und dunkel vom Himmel abheben.«

»Sie sind zu dunkel.«

Plötzlich fiel ihm ein, daß er die Lärchen vergessen hatte. Die konnten einfach wundervoll sein, wenn man unter ihnen lag und zum Himmel emporsah, wie er's dort an jenem Nachmittag getan. Dann hörte er sie sagen:

»Wenn ich nur eine Blume haben könnte, möcht ich Maiglöckchen haben, die kleinen, die wild wachsen und so köstlich riechen.«

Ihm kam plötzlich eine andere Blume in den Sinn, die war dunkel – ganz anders, und er schwieg.

»Welche möchtest du haben, Mark?« Ihre Stimme klang etwas beleidigt. »Du denkst an eine, nicht wahr?«

Er sagte aufrichtig:

»Ja.«

»An welche?«

»Sie ist auch dunkel; dir würde sie kein bißchen gefallen.«

»Woher weißt du das?«

»Eine Nelke.«

»Aber ich hab sie ja gern – nur – nicht besonders.«

Er nickte ernst.

»Ich hab's gewußt.«

Dann trat wieder Schweigen ein. Sie lehnte sich nicht mehr gegen ihn, und er vermißte diese liebevolle Vertraulichkeit. Jetzt, da ihre Stimmen und das Gekrächze der Krähen verstummt waren, vernahm man nichts als das Rascheln dürrer Blätter und den klagenden Schrei eines Habichts, der über dem kleinen Hügel jenseits des Baches jagte. Sehr oft waren es auch zwei, die dort oben den Himmel durchkreuzten. Dem Knaben schien dieses Schweigen köstlich, als ob die Natur zu einem redete – die Natur redete immer im Schweigen. Die Tiere, die Vögel und die Insekten zeigten nur dann ihr eigentliches Wesen, wenn man sich still verhielt; auch bei Blumen und Pflanzen mußte man sich furchtbar still verhalten, sonst konnte man ihr eigentliches seltsames Sonderleben nicht erkennen. Sogar die Felsblöcke dort unten, von denen der alte Godden glaubte, daß die Sintflut sie hierhergeschwemmt habe, zeigten einem niemals, wie merkwürdig sie geformt waren, und ließen auch keine Vertrautheit aufkommen, wenn man nicht mit allen Gedanken bei ihnen war. Im Grunde genommen war Sylvia in dieser Hinsicht doch besser, als er erwartet hatte. Sie konnte still sein (er hatte nämlich die Mädchen in dieser Beziehung für hoffnungslos gehalten), sie war so sanft, und man hatte wirklich seine Freude dran, sie anzusehen! Durch die Blätter tönte leise das ferne Bimmeln des Glöckchens, das zum Tee rief.

Sie sagte: »Wir müssen hinunter.«

Es war wirklich viel zu schön, um hineinzugehen. Doch wenn sie ihren Tee wollte – daß doch Mädchen immer Tee haben müssen! Und die Schnur sorgsam um den Ast schlingend, fing er an, ihren Abstieg zu beaufsichtigen. Gerade als er folgen wollte, hörte er sie rufen:

»Ach, Mark! Ich häng fest – ich häng fest! Ich kann nicht hinunterreichen mit meinem Fuß! Ich häng in der Luft!« Und er sah, daß sie wirklich in der Luft hing, an ihren Händen und an der Schnur.

»Laß los! Laß dich auf den Ast unter dir fallen – die Schnur wird dich schon halten, bis du den Stamm packen kannst!«

Ihre Stimme klang kläglich:

»Ich kann nicht – ich kann wirklich nicht – ich würd ausrutschen!«

Er befestigte die Schnur und glitt hastig auf einen Ast unter ihr; dann, sich gegen den Stamm drückend, ergriff er sie um Taille und Knie, aber die straffe Leine hielt sie in der Schwebe, so daß sie keinen festen Fuß fassen konnte. Er konnte sie nicht halten und zugleich die Schnur losknüpfen, die fest um ihre Taille geschlungen war. Wenn er sie mit einer Hand losließ, um sein Messer herauszunehmen, konnte er sie unmöglich abschneiden und zu gleicher Zeit festhalten. Einen Augenblick dachte er, es wäre besser, wieder hinaufzuklettern und die Schnur loszulösen, doch konnte er in ihrem Gesichte lesen, wie sie sich zu fürchten anfing; auch an dem Beben ihres Körpers konnte er es fühlen.

»Wenn ich dich in die Höhe heb«, fragte er, »kannst du dich oben wieder festhalten?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, hob er sie empor. In großer Angst packte sie den Ast.

»Halt dich nur einen Augenblick fest!«

Sie gab keine Antwort, aber er sah, daß ihr Gesicht ganz weiß geworden war. Er riß sein Messer aus der Tasche und durchschnitt die Schnur. Sie hielt sich gerade noch diesen einen Augenblick, dann fiel sie ihm in die Arme, und gegen den Stamm gelehnt, zog er sie an sich. Nunmehr in Sicherheit, verbarg sie ihr Antlitz an seiner Schulter. Er sprach leise auf sie ein, um sie zu beruhigen, und dabei hatte er das Gefühl, daß es ganz entschieden seine Aufgabe wäre, sie so zu trösten und zu beschützen. Er wußte, daß sie weinte, sie ließ sich jedoch keinen Laut entschlüpfen, und er vermied es sorgsam, sich etwas merken zu lassen, damit sie sich nicht zu schämen brauchte. Er wußte nicht recht, ob er sie küssen sollte. Zuletzt tat er es doch – er küßte ganz leise ihr Haar. Da hob sie das Gesicht empor und sagte, sie sei ein dummes Ding. Und da küßte er sie noch einmal – auf die Augenbraue.

Hernach war sie scheinbar ganz beruhigt, und sie stiegen sehr vorsichtig wieder hinunter, wo die Schatten über den Farnkräutern immer länger wurden und die untergehende Sonne in ihre Augen schien.


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