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Zwölftes Kapitel

Als Olive von Lennans Atelier zurückkehrte und wieder die dunkle kleine Halle betrat, ging sie auf den Alkoven zu und blickte zunächst nach dem Hutständer. Sie hingen alle dort: der Zylinder, der steife Filz, der Strohhut! Er war also zu Hause! Und in jedem Hut schien sie nacheinander – das Gesicht von ihr abgewendet – ihres Gatten Kopf mit solcher Deutlichkeit zu sehen, daß sie die lederartige Haut von Wange und Nacken gewahrte. Und sie dachte: Ich bete zu Gott, daß er stirbt! Es ist sündhaft, doch ich bete zu Gott, daß er stirbt! Dann ging sie leise, damit er sie nicht hören sollte, in ihr Schlafzimmer hinauf. Die Tür in sein Ankleidezimmer war offen, und sie ging hin, um sie zu schließen. Da wurde sie gewahr, daß er drinnen am Fenster stand.

»Ah! Wieder zurück? Irgendwo gewesen?«

»In der Nationalgalerie.«

Es war das erstemal, daß sie ihn direkt belogen hatte, und zu ihrer Überraschung empfand sie weder Scham noch Angst, sondern eher etwas wie Vergnügen darüber, ihn überlistet zu haben. Er war ihr Feind, um so mehr, als sie noch immer gegen sich kämpfte, und seltsamerweise zu seinen Gunsten.

»Allein?«

»Ja.«

»Langweilig, nicht wahr? Ich hätte geglaubt, daß der junge Lennan mit dir gewesen wäre.«

»Warum?«

Instinktiv verfiel sie auf die kühnste Antwort; aus ihrem Gesicht ließ sich nichts erraten. Wenn er ihr auch an Kraft überlegen war, übertraf sie ihn doch an Schlagfertigkeit.

Er senkte die Augen und sagte:

»Sein Fach doch, sollt ich meinen.«

Achselzuckend wandte er sich ab und schloß die Tür. Sie setzte sich auf den Rand ihres Bettes und rührte sich nicht. In diesem kleinen Wortgefecht hatte sie allerdings gesiegt, sie konnte noch in manchem siegen; aber die ganze Erbärmlichkeit der Sache hatte sich ihr offenbart. Lügen! Lügen! Das sollte von nun an ihr Leben sein! Jawohl! Sonst hieß es allem Lebewohl sagen, das ihr jetzt teuer war, nicht nur sich selbst, auch den Geliebten zur Verzweiflung treiben, und wozu? Auf daß ihr Körper dem Mann im Zimmer nebenan noch weiter zur Verfügung stünde, nachdem ihr Geist auf immer von ihm geflohen war. Vor dieser Wahl stand sie nun, es sei denn, daß die Worte: ›Dann komm doch zu mir!‹ mehr als bloße Worte waren. Aber waren sie es denn? Konnten sie mehr sein? Sie würden ja solch ein Übermaß an Glückseligkeit bedeuten, wenn – wenn seine Liebe zu ihr mehr als nur eine flüchtige Sommerliebe wäre! Und ihre Liebe zu ihm? War sie mehr als eine flüchtige Sommerliebe? Wie sollte sie's wissen? Und wie konnte sie, ohne es zu wissen, jedem soviel Kummer zufügen? Wie einen Schwur brechen, worüber sie sich früher so erhaben wähnte? Wie konnte sie nur allen Traditionen und Bekenntnissen, in denen sie aufgewachsen war, so ins Gesicht schlagen? Aber gerade in der Natur der Leidenschaft liegt es, sich gegen endgültige Entschlüsse aufzulehnen … Und plötzlich dachte sie: Wenn unsre Liebe nicht so bleiben kann wie sie ist und wenn ich jetzt noch nicht auf immer zu ihm gehen kann, gibt es dann nicht einen andern Ausweg?

Sie erhob sich und fing an, sich zum Abendessen umzukleiden. Wie sie so vor dem Spiegel stand, fand sie zu ihrer Überraschung, daß ihr Gesicht keine Spuren der Angst und Zweifel zeigte, die nunmehr ihre Kameraden waren. War es deshalb, weil sie, wie es auch enden mochte, liebte und geliebt ward? Sie hätte gern gewußt, wie sie ausgesehen hatte, als er sie so leidenschaftlich küßte. Hatte sie ihre Freude gezeigt, ehe sie ihm Einhalt tat?

In ihrem Garten am Wasser wuchsen Blumen, die trotz aller Pflege zu üppig in die Höhe schössen und nicht die rechte Farbe annahmen, denn sie brauchten einen andern Boden. Glich sie nicht jenen Blumen? Ach, wenn sie nur im richtigen Boden wurzeln könnte, dann würde sie schon gerade und sich selbst treu emporwachsen.

Da sah sie ihren Gatten in der Tür stehen. Sie hatte ihn bis heute noch nie wahrhaft gehaßt, doch jetzt tat sie es, wild, blind, leidenschaftlich! Was wollte er eigentlich von ihr, wie er so dastand, die Augen auf sie geheftet – jene blutunterlaufenen, einschüchternden Augen, die gleichzeitig zu drohen, zu verlangen und zu beschwören schienen? Sie zog den Schal dichter um die Schultern. Er trat an sie heran und sagte:

»Sieh mich an, Olive!«

Gegen ihren Willen und Instinkt gehorchte sie, und er fuhr fort:

»Nimm dich in acht! Ich sage dir nur, nimm dich in acht!«

Dann faßte er sie an den Schultern und zog sie zu sich empor. Ganz entnervt ließ sie es widerstandslos geschehen.

»Ich muß dich haben!« sagte er, »ich geb dich nicht frei!«

Plötzlich ließ er sie los und bedeckte die Augen mit den Händen. Das erschreckte sie mehr als alles andere – es sah ihm so gar nicht ähnlich. Erst jetzt begriff sie, zwischen welch furchtbaren Mächten sie schwebte. Sie sagte nichts, doch ihr Gesicht entfärbte sich. Hinter jenen Händen drang ein Laut hervor, der kaum noch einem menschlichen glich, dann machte Cramier scharf kehrt und schritt hinaus. Sie sank in den Stuhl vor dem Spiegel zurück, von einem Gefühl überwältigt, wie sie es so seltsam noch nie zuvor empfunden hatte, als ob sie alles verloren hätte, selbst ihre Liebe zu Lennan und ihr Sehnen nach seiner Liebe. Welchen Wert hatte es denn am Ende, welchen Wert hatte irgend etwas in einer Welt wie dieser? Alles war anekelnd, sie selbst sich zum Ekel! Alles war leer! Gräßlich! Gräßlich! Gräßlich! Es war, als hätte man kein Herz mehr! Und am selben Abend, nachdem ihr Mann ins Parlament gegangen war, schrieb sie an Lennan:

›Unsere Liebe darf nie irdisch werden, wie es diesen Nachmittag hätte geschehen können. Alles ist schwarz und aussichtslos. Er hat Verdacht geschöpft. Du kannst unmöglich herkommen, das wäre zu schrecklich für uns beide. Und ich habe kein Recht, von Dir zu verlangen, daß Du heimlich herkommst, ich kann es nicht ertragen, Dich mir so vorzustellen, und ich selbst könnte es auch nicht über mich bringen. Ich weiß nicht, was ich sagen oder tun soll. Versuche jetzt nicht, mich zu sehen. Ich muß Zeit gewinnen, ich muß es überlegen.‹


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