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Sechstes Kapitel

In dem wilden Thymian unter den Oliven, über denen das Felsendorf Gorbio lag, saßen die beiden nach dem Mittagessen und lauschten dem Kuckuck, während ihre Maultiere in der Nähe grasten. Seit ihrer unerwarteten Begegnung am Morgen in den Gärten, als sie freudig überrascht voll Jubel über die glückliche Schickung dagesessen hatten und ihre Hände sich gerade nur berührten, war es kaum nötig auszusprechen, was sie fühlten, mit Worten den Zauber zu zerstören, daß sie einander angehörten – so scheu, so ungestüm, so scheinbar ganz ohne Wirklichkeit. Sie waren wie Epikureer, die alten Wein in den Gläsern vor sich haben und noch nicht müde geworden sind, seinen Duft und den Zauber der Erwartung zu genießen.

Und so sprachen sie denn nicht von Liebe, sondern in der rührenden Art unglücklicher Liebender von den Dingen, die sie liebten, und übergingen dabei – sich selbst.

Erst als sie ihren Traum erzählte, fand er endlich Worte; aber sie wehrte ab und sagte:

»Es kann nicht, es darf nicht sein!«

Da griff er nur nach ihrer Hand, und als er sah, daß ihre Augen feucht waren, faßte er Mut, ihre Wange zu küssen.

Zitternd und flüchtig – dieser erste Austausch von Liebkosungen. Er hatte nur wenig von dem männlichen Eroberer in sich und sie nur wenig von der gewöhnlichen Versucherin.

Und dann ritten sie, äußerlich ganz nüchtern, die steinigen Abhänge zurück nach Mentone.

Doch in dem grauen, staubigen Eisenbahnwagen saß er, nachdem sie ihn verlassen hatte, wie betäubt da und starrte auf den Platz, wo sie gesessen.

Als er zwei Stunden später zwischen ihr und Mrs. Ercott im Hotel beim Abendessen saß, der Oberst ihm gegenüber, kam ihm zum erstenmal zum Bewußtsein, was ihm bevorstand. Auf jeden Gedanken, der ihm durch den Sinn ging, achtzugeben, damit er nicht durch das geringste Zeichen ihn verrate; jeden Blick und jedes Wort, das er zu ihr sprach, in der Gewalt zu haben und zu verschleiern; nie auch nur eine Sekunde zu vergessen, daß diese andern Personen gegenwärtig und gefährlich waren, nicht nur die unbedeutenden und grotesken Schatten, die sie schienen! Vielleicht würde es für immer zu seiner Liebe gehören, so zu tun, als ob er sie nicht liebte. Er wagte nicht, von Erfüllung zu träumen. Er durfte nur ihr Freund sein und versuchen, sie glücklich zu machen – sich nach ihr sehnen, nach ihr verlangen und doch nicht an Belohnung denken. Dies war seine erste wahre, überwältigende Leidenschaft – so grundverschieden von der Liebe des Frühlings, und er brachte noch all jene Naivität mit, jene rührende Eigenschaft junger Engländer, deren geheimer Instinkt sie vor der wahren Natur der Liebe zurückschrecken läßt, sogar davor, zuzugeben, daß sie diese Natur hat. Sie beide sollten einander lieben und – doch nicht lieben! Zum erstenmal dämmerte ihm leise auf, was das hieß. Ab und zu ein paar verstohlene, selige Minuten und im übrigen die Gegenwart der Welt, die betrogen werden mußte. Schon jetzt fühlte er fast einen Haß gegen den korrekten, sonngebräunten Oberst mit den sicher blickenden Augen, die nichts sahen; gegen diese langweilige, freundliche Dame, die während des Essens so nett zu plaudern wußte und von Dingen sprach, auf die er eingehen mußte, ohne zu wissen, was sie bedeuteten. Mit einem Gefühl des Schreckens ward es ihm klar, daß er nur noch ein einziges Interesse am Leben hatte; nicht einmal seine Arbeit war noch von Bedeutung ohne sie. Es regte ihn nicht im mindesten auf, als Mrs. Ercott gewisse scheußliche Bilder in der Königlichen Gemäldeausstellung pries, die sie am Tage vor ihrer Abfahrt pflichtgemäß besucht hatte. Und als die nicht endenwollende Mahlzeit weiterging, fühlte er Schmerz und Verwunderung darüber, daß Olive so lächeln, so heiter und ruhig sein konnte, so anscheinend gleichgültig gegen diese unerträgliche Unmöglichkeit, auch nur einen einzigen Liebesblick auszutauschen. Liebte sie ihn wirklich, konnte sie ihn lieben und ihm trotzdem nicht das geringste Zeichen geben? Da plötzlich fühlte er ihren Fuß den seinen berühren. Die seitliche Berührung war nur ganz leise, wie bittend, wonach sie sogleich wieder den Fuß zurückzog, sie schien jedoch damit zu sagen: Ich weiß, was du leidest, ich leide ja auch; aber ich kann nichts dafür. Es war für ihn charakteristisch, daß er fühlte, wie schwer es ihr fiel, von diesem kleinen primitiven Zeichen gewöhnlicher Liebe Gebrauch zu machen: Die Berührung erweckte aber nur Ritterlichkeit in ihm. Lieber ewig nach ihr lechzen, als sie auf den Gedanken bringen, daß er nicht glücklich war.

Nach dem Abendessen ließen sie sich draußen auf einem Balkon nieder. Die Sterne glühten über den Palmen; ein Frosch quakte. Es gelang ihm, seinen Stuhl so zu rücken, daß er sie ungesehen anschauen konnte. Wie tief, sanftdunkel ihre Augen waren, wenn sie eine Sekunde lang auf seinen ruhten! Eine Motte setzte sich auf ihr Knie – ein listiges kleines Wesen mit seinem runden, gehörnten Eulenköpfchen und den winzigen schwarzen Schlitzäugelchen. Wäre es zu jemand anderm als zu ihr auch so vertrauensvoll gekommen? Der Oberst wußte seinen Namen – er hatte Insekten gesammelt. Ganz gewöhnlich, sagte er. Das Interesse daran schwand; doch Lennan beugte sich noch immer vor und starrte auf das seidenbekleidete Knie.

Mrs. Ercotts Stimme sagte schärfer als sonst: »An welchem Tage wünscht Robert dich zurückzuhaben, meine Liebe?«

Er starrte scheinbar weiter auf die Motte, nahm sie sogar sanft von ihrem Knie, während er auf ihre ruhige Antwort lauschte.

»Dienstag, glaub ich.«

Dann stand er auf und ließ die Motte in die Dunkelheit entfliehen; seine Hände und Lippen bebten, und er fürchtete, daß man es merken könnte. Ein solch erdrückend wehes Gefühl hatte er bis jetzt noch nicht gekannt, ja es nicht einmal geahnt. Daß dieser Mann sie nach seinem Willen nach Hause befehlen konnte! Es war lachhaft, verrückt, entsetzlich, aber – es war wahr! Nächsten Dienstag würde sie zurückreisen, fort von ihm, und wieder der Gnade des Schicksals überlassen sein! Die Qual dieses Gedankens ließ ihn das Geländer packen und die Zähne aufeinanderbeißen – sonst hätte er aufschreien müssen. Und ein anderer Gedanke kam ihm: Mit diesem Gefühl muß ich jetzt Tag und Nacht leben und es geheimhalten.

Sie sagten gute Nacht; und er mußte freundlich tun und lächeln und sich so benehmen, vor allem ihr gegenüber, als wäre er glücklich, und dabei konnte er merken, wie sie sein Spiel durchschaute.

Dann blieb er allein und dachte, daß er sich gleich durch den ersten Schuß aus der Fassung hatte bringen lassen, hin und her geworfen zwischen dem Entsetzen vor dem, was er plötzlich vor sich sah, und der Sehnsucht, um jeden Preis wieder in ihrer Nähe zu sein … Und all das an dem Tag des ersten Kusses, der sie ihm, wie es ihm vorkam, so ganz zu eigen gemacht hatte.

Gegenüber dem Kasino setzte er sich auf eine Bank. Weder die Lichter noch die ein und aus gehenden Leute, nicht einmal die Musik der Zigeunerkapelle lenkten seine Gedanken nur eine Sekunde lang ab. War es wirklich noch nicht vierundzwanzig Stunden her, seit er ihr Taschentuch aufgehoben hatte, keine dreißig Schritt von hier? In diesen vierundzwanzig Stunden schien er jede Gefühlsregung durchlebt zu haben, deren ein Mann nur fähig ist.

Und in der ganzen Welt gab es jetzt keine einzige Seele, der er seine wahren Gedanken hätte anvertrauen können nicht einmal ihr, denn vor ihr mußte er noch mehr als vor andern um jeden Preis sein Unglück geheimhalten. Das war also unerlaubte Liebe – wie man es nannte! Einsamkeit und Qualen! Keine Eifersucht – denn ihr Herz gehörte ihm; aber Verwunderung, Wut und Furcht. Endloses, einsames Dulden! Und niemand, der es wüßte, würde sich daran kehren oder ihn auch nur im geringsten bedauern!

Gab es denn wirklich, wie die Alten geglaubt hatten, einen Dämon, dem es Freude machte, mit den Menschen zu spielen, wie es den Menschen Freude machte, einen Ohrwurm zu quälen, auf den Rücken zu wenden und schließlich zu zertreten?

Er stand auf und begab sich nach dem Bahnhof. Da war die Bank, auf der sie gesessen hatte, als er sie an diesem Morgen überraschte. Es hatte geschienen, als ob die Sterne am Himmel ihr Schicksal günstig lenkten; ob aber zur Freude, konnte er nicht mehr sagen. Und da auf der Bank lagen noch die Beeren des Pfefferbaumes, die sie zerdrückt und umhergestreut hatte. Er brach ein andres Büschel ab und zerrieb sie. Ihr Duft war der Geist der heiligen Minuten, als ihre Hand in der seinen geruht. Die Sterne am Himmel zur Freude oder zum Schmerz!


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