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Siebentes Kapitel

Nach diesem sonderbaren Ausbruch dachte Lennan lang darüber nach, ob er mit Oliver sprechen sollte. Aber was konnte er sagen, von welchem Standpunkt aus es sagen und – mit jenem Gefühl? Oder sollte er mit Dromore reden? Nicht sehr leicht, über ein solches Thema mit einem zu sprechen, aus dessen Bereich alles Seelische so dauernd verbannt war. Auch konnte er's nicht recht über sich bringen, es Sylvia zu berichten; es wäre ihm wie ein Vertrauensbruch vorgekommen, von des Kindes Zorn und jenem bebenden Augenblick zu sprechen, als sie sich niedergekniet und trostsuchend ihre heiße Stirn an seine Lippen gedrückt hatte. Nell mußte das selbst erzählen, wenn sie es wünschte.

Und dann zog ihn der junge Oliver selbst aus der Verlegenheit, indem er am nächsten Tag im Atelier erschien. Er trat mit Dromorescher Gemütsruhe ein, sehr elegant gekleidet, in einem Zylinder, schwarzem Cutaway und wunderschönen zitronengelben Handschuhen; was der Junge eigentlich trieb, außer daß er zur Yeomanry gehöre und den ganzen Winter auf die Jagd ging, schien nur er selbst zu wissen. Er entschuldigte sich nicht einmal, daß er Lennan unterbrach, und saß eine Zeitlang ruhig da, seine Zigarette rauchend und die Hunde an den Ohren zupfend. Und Lennan arbeitete weiter und wartete. Das breite, hübsche Gesicht dieses jungen Mannes mit dem dunklen Kraushaar und seinem etwas unverschämten Humor, der jetzt so verdüstert war, hatte stets etwas Anziehendes für ihn.

Endlich erhob sich Oliver und ging zu dem unvollendeten ›Mädchen auf dem Magpie‹ hinüber. Er stellte sich so, daß man sein Gesicht nicht sehen konnte, und sagte:

»Sie und Mrs. Lennan sind furchtbar lieb zu mir; ich hab mich gestern eigentlich wie'n Schuft benommen. Ich hab mir gedacht, am besten ich sag es Ihnen. Ich will nämlich Nell heiraten.«

Lennan war froh, daß der junge Mann sein Gesicht so bedachtsam abgewandt hielt. Er ließ die Hände auf seiner Arbeit ruhen, ehe er zurückgab: »Sie ist ja noch ein Kind, Oliver«; und als er dann sah, wie seine Finger ziellos in den Ton griffen, erschrak er über sich selbst.

»Sie wird diesen Monat achtzehn«, hörte er Oliver sagen. »Wenn sie einmal unter Leute kommt, in Gesellschaft, dann weiß ich nicht, was ich anfangen soll. Der alte Johnny taugt absolut nicht dazu, die Gardedame zu spielen.«

Das Antlitz des jungen Mannes war ganz rot, er vergaß jetzt, es zu verbergen. Dann wurde es weiß, und er sagte durch die Zähne: »Sie treibt mich zum Wahnsinn! Ich weiß nicht, wie ich da noch … Wenn ich sie nicht haben kann, erschieß ich mich. Das tu ich wahrhaftig – ich bin einmal so. Ihre Augen sind es. Sie ziehen einen förmlich aus sich selbst heraus und lassen einen …« Und aus seiner behandschuhten Hand fiel der zu Ende gerauchte Zigarettenstummel zu Boden. »Ihre Mutter soll geradeso gewesen sein. Der arme alte Johnny! Glauben Sie, Mr. Lennan, ich hab Aussicht? Ich mein ja nicht jetzt, nicht auf der Stelle; ich weiß, daß sie noch zu jung ist.«

Lennan zwang sich zur Antwort:

»Ich glaub schon, lieber Junge, ich glaub schon. Haben Sie mit meiner Frau gesprochen?«

Oliver schüttelte den Kopf.

»Sie ist so seelengut – ich glaub nicht, daß sie so 'n Gefühl verstehen würde.«

Ein sonderbares leises Lächeln spielte um Lennans Lippen.

»Na, schön!« sagte er, »Sie müssen dem Kind eben Zeit lassen. Vielleicht nach dem Sommer, wenn sie von Irland zurückkommt.«

Der junge Mann erwiderte mürrisch:

»Jawohl. Ich kann dort aus und ein gehen. Und ich werd mich nicht fernhalten können.« Er ergriff seinen Hut.

»Eigentlich hätt ich nicht herkommen sollen, um Sie damit zu langweilen, aber Nell hält soviel von Ihnen; und weil Sie anders sind als die meisten Leute – hab ich gedacht, Sie hätten nichts dagegen.« An der Tür wandte er sich noch einmal um. »'s war kein leeres Geschwätz, was ich grad gesägt hab, wenn ich sie nicht krieg. Viele sagen das nur, aber mir ist's Ernst.«

Er setzte den Hut auf und ging.

Und Lennan stand da und starrte die Statuette an. So! Die Leidenschaft brach also sogar die Schutzwälle des Dromore-Reiches nieder! Die Leidenschaft! In sonderbaren Herzen blühte sie manchmal auf.

›Weil Sie anders sind als die meisten Leute – hab ich gedacht, Sie hätten nichts dagegen!‹ Wie konnte dieser Jüngling wissen, daß Sylvia eine so impulsive Leidenschaft nicht verstehen würde? Und was hatte ihm gesagt, daß er, Lennan, sie begriff? War ihm denn das vom Gesicht abzulesen? Es mußte wohl so sein! Sogar Johnny Dromore, dem denkbar verschwiegensten Wesen, war das klargeworden, als der sonst so Überlegene in jener Stunde, wo er jeden Halt verloren, ihm alles eingestand.

Jawohl! Und jene Statuette würde nie etwas Ordentliches werden, sosehr er sich auch bemühte – Oliver hatte recht –, es waren ihre Augen! Wie sie in ihrem kindlichen Zorn geraucht hatten, wenn man das von Augen sagen kann, und wie sie ihn angezogen und ihn gebeten hatten, als sie ihm ihr Antlitz hingehalten in ihrem noch kindlicheren Verlangen! Wenn sie schon jetzt so waren, wie würden sie erst sein, wenn das Weib in ihr erwachte. Aber lieber nicht zuviel an sie denken! Lieber arbeiten und sich vergegenwärtigen, daß er bald siebenundvierzig war! Daß sie nächste Woche schon in Irland sein würde.

Und am Abend vor ihrer Abreise nahmen sie sie in die Oper zu ›Carmen‹ mit. Er erinnerte sich, daß sie ein etwas ausgeschnittenes weißes Kleid trug und eine dunkle Nelke in der Schleife, die ihr noch immer lose hängendes Kraushaar zusammenhielt. Wie wunderbar entrückt sie dasaß und diese Oper, die er bereits zahllose Male gesehen, förmlich in sich einsog, bald seinen, bald Sylvias Arm berührte und flüsterte: »Wer ist das?« »Was kommt jetzt?« Carmen rief schwärmerische Begeisterung in ihr wach, doch Don José war ›zu dick in seinem spaßigen engen Rock‹, bis er in der rasenden Eifersuchtsszene des letzten Aktes seine Erscheinung ganz vergessen machte. Da packte sie, von Erregung überwältigt, Lennans Arm; und bei ihrem Schreckenslaut, als Carmen tot hinfiel, fuhren alle Nachbarn in die Höhe. Der Ausdruck ihrer Empfindungen war viel rührender als die Vorgänge auf der Bühne; er hätte sie gar zu gern gestreichelt, getröstet und gesagt: Aber, aber, liebes Kind, 's ist ja alles nur Spiel! Und als es vorbei war und die vortreffliche hingemordete Dame und ihr armer, fetter, kleiner Liebhaber vor dem Vorhang erschienen, vergaß sie ganz und gar, daß sie eigentlich eine Gesellschaftsdame war, beugte sich ungestüm in ihrem Sitz nach vorn und klatschte und klatschte. Wie gut, daß Johnny Dromore nicht dabei war! Aber da alles ein Ende hat, mußte auch sie aufstehen und gehen. Und als sie sich nach dem Vestibül begaben, fühlte Lennan, wie sich ein heißer kleiner Finger in den seinen hakte, als müßte sie um jeden Preis etwas haben, das sie drücken konnte! Er wußte wahrhaftig nicht, was er damit tun sollte. Sie schien seine Ungewißheit zu fühlen, denn sie ließ ihn bald los. Während der ganzen Heimfahrt in der Droschke schwieg sie. Mit der gleichen Geistesabwesenheit aß sie ihre belegten Brötchen und trank ihre Limonade, empfing Sylvias Kuß, und wieder ganz Gesellschaftsdame, bat sie beide, nicht zum Abschied aufzustehen, denn sie mußte früh um sieben fort, um den Zug nach Irland zu erreichen. Wie sie dann Lennan die Hand hinhielt, sagte sie ernst:

»Meinen aller-, allerherzlichsten Dank für heute abend! Leben Sie wohl!«

Er blieb eine volle halbe Stunde rauchend am Fenster stehen. In diesem Teil der Straße befand sich keine Laterne, eine samtschwarze Nacht wölbte sich über den Platanen. Er schloß endlich seufzend das Fenster und ging auf den Zehen im Dunkel hinauf. Plötzlich schien sich die weiße Wand des Ganges auf ihn zu zu bewegen. Etwas Warmes, etwas Duftendes, ein Hauch wie ein schwacher Seufzer – und etwas Weiches wurde in seine Hand gedrückt. Dann wich die Mauer wieder zurück, und er stand lauschend da – kein Laut, gar nichts! Aber im Ankleidezimmer schaute er das weiche Etwas in seiner Hand an. Es war die Nelke aus ihrem Haar. Was war in das Kind gefahren, ihm die zu geben? Carmen? Ja, Carmen! Und wie er die Blume anstarrte, hielt er sie mit einem Gefühl des Entsetzens weit von sich; doch ihr Duft stieg empor. Und plötzlich steckte er sie, frisch wie sie war, in eine Kerzenflamme und sah sie brennen, sich krümmen, bis sie zu Samt geschwärzt war. Da tat ihm das Herz weh über diese Grausamkeit. Sie war noch immer wunderschön, aber ihr Duft war fort. Er kehrte sich dem Fenster zu und schleuderte sie weit hinaus ins Dunkel.


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